Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 204/I/II
Hans Peter Sagmüller

Lieber sterben

Selbstmorde und Selbstmordversuche im BH häufen sich. Es scheint niemanden besonders zu interessieren. Nach mannigfachen Beschimpfungen und Quälereien schnitt sich der Autor dieser Zeilen, die ausweisen, wie turmhoch der junge Mann über seinen Quälern steht, die Pulsadern auf. Er wurde unter mannigfachen Beschimpfungen und Quälereien ärztlich gerettet.

man will uns zwingen daran zu glauben, daß unsere demokratie mit fleischwölfen zu verteidigen sei. und man meint, der fleischwolf würde nur den feind vernichten. das ist ein tödlicher irrtum: fleischwölfe wie das bundesheer zermahlen freund und feind körperlich und geistig. sie erziehen menschen, indem sie total von ihnen besitz ergreifen. die art, wie zum soldaten erzogen wird, entspricht dem, was als lehrziel gesetzt ist: reibungslos befehle ausführen, zerstören, töten. damit jemand diese Funktion erfüllen kann, muß vorher in ihm etwas zerstört, getötet werden: seine freiheit, seine moralische verantwortlichkeit, einfühlungsvermögen und liebe. freigesetzt wird haß und zerstörungslust, sadismus: kettenhunde zerfleischen alle, nur nicht den, der sie in ketten legte. vor dem gesetz gibt es keine möglichkeit, aus moralischen gründen dieses kettenhunddasein zu verweigern. anerkannt wird allein religiöse motivation, doch segnen geistliche ja auch die waffen. die polarisierung von normal (gesund) und abnormal (krank) ist so total, daß ethische, moralische problematik in psychiatrischem jargon abgehandelt wird. das anpassungsmodell der organmedizin bildet immer noch das gesundheitskriterium der psychiatrie: reaktionsbildungen auf unmenschlichkeiten wie kasernen, gefängnisse, irrenhäuser werden noch immer von der offiziellen wissenschaft als krankheiten gefaßt und auszutreiben versucht. in wahrheit handelt es sich hier um die reaktion gesunder menschen auf krankhafte soziale institutionen. tatsächlich handelt doch jener Mensch moralischer, der selbstverstüimmelung, selbstmord dem massenmord oder der beihilfe dazu vorzieht. bei uns wandert der selbstmordversucher aus gewissensgründen von der kaserne ins irrenhaus, wird etikettiert als psychisch gestörter und für sein weiteres leben gezeichnet. die fähigkeit, sich kasernieren zu lassen, seine persönliche verantwortung an vorgesetzte abzugeben, andere zu verletzen und zu töten ist also durchaus bestandteil einer gesunden persönlichkeit. dieser gesundheitsprüfung müssen sich alle 19jährigen jünglinge in unserem staate unterziehen: daß die meisten bestehen, zeigt, wie sehr erziehung in familie und schule sie abstumpfte und von menschlichkeit entfremdete. das heer als die letzte entscheidende erziehungsinstitution für männliche staatsbürger verfestigt brutal und im kriegsfalle mit schrecklichen auswirkungen für ganze länder das selbstverständnis, daß es besser ist zu kuschen, selbst angesichts von verbrechen wider die menschlichkeit. nicht die zersetzung des wehrwillens ist die gefahr, die unserem land droht, sondern die zersetzung der demokratischen gesinnung durch die methoden, mit denen sie zu verteidigen gelehrt wird.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1970
No. 204/I/II, Seite 1060
Autor/inn/en:

Hans Peter Sagmüller:

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