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Gerhard Oberschlick

Lieber Karl !

Anrede

Zweite Laudatio des Abends für Karl Pfeifer. Eine Preisung im Dokumentationszentrum des Österreichischen Widerstandes am 27. September 2018

Lieber Karl, zuerst will ich gratulieren – ja, Dir auch, eigentlich aber uns, dass wir Dich haben und so lange haben. Ganz besonders gratuliere ich Deiner Frau, dass sie Deinen doch schon reiferen und reichlich unstet verbrachten Jahren das verdiente Glück eines auch im Privaten festen Bodens beschert und dabei auch ihr eigenes Glück gefunden hat.

„Glück“ - Das Stichwort meiner Laudatio. Die seine hielt Karl Öllinger eindrucksvoll als Lobrede auf Deine Verdienste um die Republik, deren Goldenes Ehrenkreuz man Dir verliehen hat. Doron hat uns soeben, nicht minder eindrucksvoll und so schön angemessen literarisch Deinen Ruhm vors geistige Auge gestellt. Nach Lob- und Ruhm- nun meine Preisrede: ich will Dich preisen, genauer: glücklich will ich Dich preisen und vorweg das Grundmuster preisgeben, das sich im Rückblick auf Dein Leben aufgedrängt hat:

Ein indischer Autor namens Vikas Swarup hat ein entzückendes Märchen geschrieben, „Rupien! Rupien!“ – es wirde unter dem Titel „Slumdog Millionär“ vor 10 Jahren sehr erfolgreich verfilmt. Der Plot: Ein 18Jähriger aus den Slums möchte die Freundin aus seiner Kindheit finden, die er vor Jahren aus den Augen verloren hatte, weil ein gewalttätiger Zuhälter sie eingezog. Es gelingt ihm, an einer landesweit im Fernsehen übertragenen Quiz-Sendung teilzunehmen und bis einschließlich der vorletzten Frage wie mühelos richtige Antwort zu geben. Für den Veranstalter ist die Sache klar: Es musste Betrug im Spiel gewesen sein. – Im folterähnlichen Polizeiverhör kann der Jüngling aber für jede dieser Quizfragen episodisch erzählen, wie er die Antwort, ganz ohne Schule, auf seiner verschlungenen Lebensbahn gleichsam zufällig erfahren hatte. Ich verlasse den Slumdog, der auch die letzte Frage richtig beantworten kann und doch nicht reich wird, weil der Veranstalter den Preis von 100 Mio Rupien – etwa 340.000 Euro – gar nicht bezahlen kann. Aber er hat das Mädchen gefunden und damit sein wahres Ziel am Ende glücklich erreicht.

Das Ziel Deines Lebens war, darf man rückblickend sagen: Journalismus, von Anbeginn. Das wusstest Du nicht im Voraus, das konntest Du unterwegs, im Lebenslauf verheddert, gar nicht wissen, sondern für Dich hast Du es erst entdeckt, als Du das Metier zum ersten Male ausgeübt hattest: Arbeitslos und Mitbegründer einer Gruppe von Amnesty, brachtest Du aus purer Nettigkeit einer ungarischen Bekannten Medikamente, die sie brauchte. Damals bekamst Du Einblick in die ungarischen Verhältnisse, die Armut, Verletzung von Menschenrechten und den verbreiteten Wunsch, die sowjetische Besatzung loszuwerden. – Die Befähigung, solche Informationen in Ungarn zu empfangen, verdanktest Du der glückhaften Slumdog-Episode, dass Du als 10-Jähriger, mit den Eltern geflüchtet, für 4 Jahre nach Ungarn kamst, was Deiner linguistischen Begabung offenbar genügt hatte, die Landessprache ausreichend zu erlernen.

Das heiße Bündel ungarischer Informationen, nächster Glücksfall: trugst Du zu „Hasi“ Georg Hoffman-Ostenhof in die Redaktion der AZ – oder hieß sie noch „Arbeiter=Zeitung“ – mit dem Dich eine Kaffeehaus-Bekanntschaft, vielleicht -Freundschaft verband. Zudem kannte er Dich vermutlich als Schreiber von Leserbriefen mit Hand und Fuß, denn Leserbriefe waren die Vorübungen für Deinen, noch immer nicht als Berufsziel angestrebten Journalismus, und nicht umsonst war man in den Redaktionen darüber uneins, wer der bessere Leserbriefschreiber war, Viktor Matejka oder Du. Dein Glück diesmal: Hasi fand höchst interessant, was Du ihm mitzuteilen hattest, und wollte dieses Wissen fairer Weise – nicht jeder in der Branche war stets so fair – nicht enteignen und für sich nützen, sondern forderte Dich auf, die Geschichte selbst zu schreiben.

Der erfolgreiche Kampf mit Schreibmaschine und Papier, nicht wenig davon landet im Papierkorb, brachte den ersten ausgewachsenen Artikel sowie unversehens ein schönes – für den Arbeitslosen schönes Geld. Da hattest Du wohl den Beruf, dem Du bestimmt warst, endlich doch für Dich entdeckt, mit 51 anno ´79. Schon Anfang des folgenden Jahres erschien das große, sorgsam moderierte Round-Table-Gespräch von Budapest mit den Oppositionellen Hegedüs, Földvari und Zsille im FORVM, worauf Du dessen damaligen Blattmacher Michael Siegert den Zugang zu Deinen dissidenten Kreisen in Ungarn selbstlos eröffnet hast. Eifersüchtig gehütet hätten andere so ein Monopol auf wertvolle Kontakte. Eine weitere Freundlichkeit: die später zur Folge hatte, dass Siegert wegen seiner daraus ersprossenen Osteuropa-Artikel dem FORVM vom „profil“ für dessen Außenpolitik weg-engagiert worden ist und ich seine redaktionelle Funktion zu übernehmen hatte. Auch ein Schaden.

Was braucht es zum guten Journalisten mehr als: Wissbegier und Mitteilungsbedürfnis, zwei hervorstechende Eigenschaften Deiner reichen Begabung; wissen alle, die Dich nur etwas kennen. Die Leserbriefe waren Hohe Schule, Einwände in prägnanten Glossen für knappe Räume abzufassen, eine Fertigkeit, die Dir auch später – allemal ist Druckraum knapp – gut zupass kam. Wir wollen ja eine profunde Ausbildung nicht gering schätzen, so mit Studium der Publizistik, Lehrredaktion und Volontariaten in den großen Blättern: Die wahren Umstände und was tatsächlich der Fall ist, lässt sich ja gemäß den Einzelfällen allemal recherchieren. Hilfreich ist etwas Lebenserfahrung doch, auch und gerade beim Recherchieren. Von Günther Anders lautet eine Strophe:

„Wer uns in Fahrt bringt, macht uns erfahren,
wer uns ins Weite stößt, uns weit.
Nun danken wir alles den fahrenden Jahren,
und nichts der Kinderzeit.“

Die letzte Zeile ist natürlich eine Übertreibung – die Realität bis zur Kenntlichkeit zu übertreiben, gehörte zu seinen Methoden – und außerdem berücksichtigt sie nicht, dass auch die Kinderzeit bereits in die fahrenden Jahre gefallen sein könnte, wie wenigstens teilweise bei Dir, wo die fahrenden Jahre dann bis ins 51. Jahr: 1979, gedauert haben, worauf sich nochmals 3 Jahre Prekariat als Freelancer anschlossen, bis Du endlich als anerkannt bestallter Journalist 1982 die Redaktion der „Gemeinde“ übernehmen solltest. Nebenbei übrigens, eine hübsche Parallele, wie ich finde: Im selben Jahr ´82 ist es mir zugefallen, das FORVM zu redigieren, und als ich es Ende 1995 einstellen musste, bist wie aus Sympathie auch Du nach 13 Jahren in den heiligen Ruhestand getreten – im zarten Alter von 67. Eine Ruh´ gibst Du allerdings weiterhin keine, zum Glück: Schreibst in mehreren Blättern des Aus- und Inlands, die „Illustrierte Neue Welt“ von Joanna Nittenberg ist nur ein Beispiel; hältst im internationalen Raum Vorträge, referierst als Zeitzeuge in Schulen, betreibst historische Volksaufklärung im Facebook und verbreitest per Mail Lesenswertes aus Deiner täglichen Zeitungslektüre.

Aber zurück zu den rund 40 fahrenden Jahren mit Jobs an etwa 25 oder 26 Arbeitsstellen in mindestens 8 Ländern – Ungarn, Israel, die Schweiz und Liechtenstein, Neuseeland, USA und Belgien und wieder Österreich, das wie ein 9. Land erst wieder neu zu entdecken und zu erobern war. Mit den angesammelten Erfahrungen in unterschiedlichsten Berufsfeldern und den wenigstens 5 unterwegs erworbenen Sprachen – Ungarisch, Hebräisch, Italienisch, Französisch, Englisch – und einer neuerlich zu erwerbenden Perfektion im heimatlichen Deutsch hast Du die sichere Gewissheit mitgebracht: Nur was man weiß, was also alle Welt wissen und nötigenfalls überprüfen kann, ist geeignet, als gesichertes Wissen mitgeteilt zu werden, nicht was man glaubt oder glauben möchte.

Mir ein Rätsel, wie an sich vernünftige Menschen in „Glauben“ verfallen, es sei denn, wo der Mitteilung anderer geglaubt werden kann, weil sie im Prinzip überprüfbares Wissen enthält. Dieses Glauben geht auf die Glaubwürdigkeit der Person und umfasst jedenfalls keine angeblich offenbarten Inhalte einer Religion, deren Botschaften wohl durchaus auch respektabel, weil akzeptabel sein mögen, aber als unüberprüfbar offenbarte nicht wie Tatsachen kolportiert werden können. Das siehst Du, lieber Karl, weil der journalistischen Wahrheit verbunden, offenbar ebenso, nur hast Du, obwohl deklarierter Atheist, ein höheres Maß freundlichen Gewährenlassens. Erst wo die Grenzen von Gleichberechtigung und überhaupt Menschenrechten in religiotischer Verkennung der nötigen Regeln des Zusammenlebens überschritten werden, wo eine antiquarisch dogmatische „Orthodoxie“ den säkularen Staat beeinträchtigen, gar gefährden möchte, hast Du von allem Antisemitismus die notwendige Kritik an kritikwürdigen Aspekten jüdischen Lebens positiv abgegrenzt und gemeinsam mit Theodor Much eine publizistische Warntafel aufgestellt – in Gestalt eines Buches mit dem Titel „Bruderzwist im Hause Israel“ und dem sprechenden Untertitel „Judentum zwischen Fundamentalismus und Aufklärung“.

Damit ist zum 2. Mal mein letztes Stichwort gefallen: Dass Aufklärung der gemeinsame Nenner, Ziel und Zweck von Heranwachsen, Erziehung und Lernen, Wissenschaft und Journalismus sei, dürfte als Gemeinplatz gelten. Sie ist auch das Prinzip jeder Wissensvermittlung, jeder Information, Erläuterung und Erklärung. Widerstand gegen Obskurantismus und positiv einziges Mittel der Orientierung.

Aufklärer, lieber Karl, sei Dein Ehrentitel, ehrlich erworben in einem bis hier rundum geglückten, glücklichen Leben.

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Karl Pfeifer (Journalist) bei Wikipedia

Karl Pfeifer (2008)

Karl Pfeifer (* 22. August 1928 in Baden bei Wien) ist ein österreichischer Journalist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Pfeifer floh 1938 mit seinen Eltern nach Ungarn, wo er 1940 der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Haschomer Hatzair beitrat. Noch vor der deutschen Besetzung Ungarns im Zweiten Weltkrieg am 5. Januar 1943 gelang ihm als einem unter 50 Jugendlichen und Kindern auf abenteuerliche Weise die Flucht nach Palästina. Er lebte in einem Kibbuz, diente ab 1946 in der Elitetruppe Palmach und nach der Staatsgründung Israels bis 1949 in der israelischen Armee.

1951 kehrte er nach Österreich zurück. Von 1982 bis 1995 war er Redakteur der Gemeinde, des offiziellen Organs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

In dieser Funktion wies er 1995 in einem Artikel darauf hin, dass der Politologe Werner Pfeifenberger im Jahrbuch der Freiheitlichen Akademie „Nazitöne“ anschlage, da er das Hitlerregime verharmlose und den Juden vorwerfe, Hitler-Deutschland 1933 zum Krieg herausgefordert zu haben. Pfeifer wurde daraufhin von Pfeifenberger verklagt und in zwei Instanzen freigesprochen. Nachdem im Jahr 2000 die Wiener Staatsanwaltschaft Anklage wegen „nationalsozialistischer Wiederbetätigung“ gegen Pfeifenberger erhoben hatte, beging dieser Suizid. [1] Der Herausgeber der rechten Zeitschrift Zur Zeit, Andreas Mölzer, betitelte Pfeifer daraufhin in einer Aussendung an seine Abonnenten als „Teil einer Jagdgesellschaft“, die Pfeifenberger „in den Selbstmord getrieben“ habe – der „jüdische Journalist“ habe die „juristische Lawine gegen Pfeifenberger“ ausgelöst. Pfeifer klagte nun auf Entschädigung und wurde damit bei den österreichischen Gerichtsinstanzen abgewiesen. Am 15. November 2007 bekam Pfeifer vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen Verletzung der Achtung seines Privatlebens nach Artikel 8 Recht gesprochen; zugleich wurde die Republik Österreich zu 5.000 Euro Entschädigung für die – durch das Versäumnis der Gerichte entstandene – immaterielle Schädigung verurteilt.[2][3]

Seit Anfang der 1990er Jahre und bis 2005 arbeitete Pfeifer als Wiener Korrespondent des israelischen Radios und als freier Journalist des monatlich erscheinenden antifaschistischen Londoner Magazins Searchlight sowie des jüdischen Internetmagazins haGalil.

Im Jahr 2008 produzierten Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger für die Gesellschaft für kritische Antisemitismusforschung einen Dokumentarfilm über sein Leben: Zwischen allen Stühlen. Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer.[4][5]

Pfeifer hat unter anderem jahrzehntelang dokumentiert, wie stark antisemitisch grundierter Nationalismus Ungarn geprägt hat.[6]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien

  • Nicht immer ganz bequem ... Verlag Der Apfel, Wien 1996, ISBN 3-85450-151-X.
  • mit Theodor Much: Bruderzwist im Hause Israel: Judentum zwischen Fundamentalismus und Aufklärung. K & S, Wien 1999, ISBN 3-218-00667-8.
  • Einmal Palästina und zurück: Ein jüdischer Lebensweg. Edition Steinbauer, Wien 2013, ISBN 978-3-902494-62-7.
  • Immer wieder Ungarn. Autobiographische Notizen, Nationalismus und Antisemitismus in der politischen Kultur Ungarns – Texte 1979 bis 2016. Edition Critic, Berlin 2016, ISBN 978-3-946193-10-4.

Sonstiges

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Roland Kaufhold: Pfeifer gegen Pfeifenberger. Die Kämpfe eines österreichischen Journalisten und Shoah-Überlebenden. In: Neues Deutschland, 25./26. August 2018, S. 27
  2. Harald Fidler: Nach Menschenrechtsgericht noch einmal durch Instanzen. Der Standard, 13. Mai 2008, S. 18
  3. Urteil des EGMR vom 15. November 2007
  4. Website des Films
  5. Filmrezension von Roland Kaufhold auf haGalil, 2. August 2011
  6. sueddeutsche.de / Oliver Das Gupta: Rezension zu Pfeifers 2016 erschienenem Buch.
  7. Dankesrede von Karl Pfeifer hagalil.com, 4. Dezember 2003, abgerufen am 29. November 2012
  8. wird am 4. Juli 2018 verliehen - persönliche Mitteilung

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
2018
Autor/inn/en:

Gerhard Oberschlick: Herausgeber der Print-Ausgabe des FORVM 1986-1995 und der Online-Ausgabe hier.

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