Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 184/II
Rainer Gansera

Lehrer als Hofhunde

Die Schule soll den Erfordernissen der Zeit entsprechen, hier soll der Jugendliche zu einem selbstbewußten, selbstverantwortlichen Individuum erzogen werden. Das ist der Auftrag der Schule.

Wie aber sieht die Institution aus, die diesen Auftrag erfüllen soll?

Zunächst liegt das Informationsniveau des an der Schule dargebotenen Wissens weit unter dem, das außerhalb der Schule erreichbar ist. In Zeitschriften, Büchern, Fernsehsendungen werden die Entscheidungen umfassender, klarer, einprägsamer dargestellt und interpretiert.

Im Lehrplan fehlen ganze Sachgebiete, wie Philosophie, Psychologie, Soziologie, Politologie. Er ist für sich, in seiner Struktur noch ganz der des 19. Jahrhunderts. McLuhan: Wenn Lehrpläne weiterhin nach ihrem gegenwärtigen, völlig unkoordinierten, aufgefächerten Schema fortgeführt werden, wird die Gemeinschaft nicht fähig sein, unsere kybernetische Welt zu verstehen.“ („Die magischen Kanäle“, S. 376.)

Und in der Art der Unterrichtsgestaltung weiß die Schule den Vorteil, den sie vor Zeitschriften oder Fernsehen besitzt: Möglichkeit des selbständigen, gemeinschaftlichen Forschens, nur selten wahrzunehmen.

Statt dessen geht es hier für den Schüler darum, Wissen, das ein einzelner (= Lehrer) ausgibt, zu speichern, um es bei Gelegenheit (= Prüfungen) zu reproduzieren. Dieser Vorgang erinnert folgerichtig an die Programmierung und Fütterung von Computern.

McLuhan: „Das ist die Misere der Vertreter der ‚traditionellen Weisheit‘ in jeder Gesellschaft. Ihr ganzes Status- und Sicherheitsproblem liegt in einer einzigen Form verankert, nämlich der des angesammelten Wissens, so daß Neugestaltung für sie nicht Neuheit, sondern Vernichtung bedeutet.“

Überdies wird die Neuorganisation des Lehrbetriebes behindert durch das Beamtenverhältnis, in das die meisten Lehrer so integriert sind, daß Alternativen gar nicht mehr erkannt werden. Die Lehrer projizieren die Abhängigkeitsverhältnisse, in denen sie sich als Beamte befinden, in ihr Verhältnis zum Lehrstoff und zu den Schülern, haben also kein Verständnis dafür, was mit einer Demokratisierung der Schule erreicht werden soll. Lichtenberg über Kollegen: „Als Pythagoras den nach ihm benannten Lehrsatz fand, opferte er den Göttern zum Dank hundert Ochsen. Seitdem zittern alle Ochsen, sobald ein neuer Lehrsatz entdeckt wird.“

Die Angst vor Neuerungen und Kritiklosigkeit gegenüber dem erablierten Apparat sind weit verbreitet; unser System legt es darauf an, Lehrer zu „verbeamteten Hofhunden“ (Flugblatt des Sozialistischen Lehrerbundes Frankfurt) zu machen.

1965 schrieb Hartmut von Hentig in „Die Schule im Regelkreis“: „Es ist erschreckend zu sehen, wie sich in der zweijährigen Referendarzeit junge, aufgekratzte, unbefangen selbstbewußte und ihrer Sache einigermaßen gewisse Studenten zu gefügigen, konformierenden Beamten verwandeln, wie die Hierarchie, der sie sich ausgeliefert fühlen, sie allmählich korrumpiert.“

Hier steht wieder die Frage: Wer erzieht die Erzieher?, die bereits Marx in der dritten These über Feuerbach aufkommen läßt, und mit ihr stellt sich die Frage nach der Autorität.

Wir glauben, daß Autorität nur als fachliche Autorität anerkannt werden kann. Der Lehrer ist eben ein Mann, der auf einem Gebiet mehr Wissen angesammelt und durchgearbeitet hat. Wird aber die fachliche Qualifikation als Vorwand benutzt, um für ihn Machtautorität institutionell zu verankern, wie das etwa in der jetzigen Form der Notengebung und Bestrafung der Fall ist, dann wird der Lehrer zum Unterdrücker, seine Stellung autoritär — ob er das nun will oder nicht.

Der Schüler ist weder an der Notengebung noch an der Lehrplangestaltung in irgendeiner Form beteiligt. Seine an beidem geübte Kritik ist ohnmächtig, sogar gefährlich für ihn. Sie begegnet manifestem Druck von seiten der Lehrer oder der Eltern: Durch Strafen, schlechte Noten, Hausarrest, Taschengeldentzug u.ä., womit tatsächlich der Terror beginnt; oder sie begegnet einem: „Wir haben uns das doch alles genau überlegt. Es geschieht alles zu deinem Besten.“ Das ist sublimer Terror.

Dabei ergibt sich eine unangenehme Situation, denn diese Sprüche sagen die netten, freundlichen Lehrer auf, jene, die Verständnis aufbringen. Gerade dieser oft zu Recht bestehende Glaube, in bester Absicht zu handeln, verschleiert den Unterdrückern die eigene Rolle. Der subjektive gute Wille ändert nichts an der objektiv bestehenden Unterdrückung.

Was nützen hier Human Relations? Solchen Paternalismus brauchen wir nicht, er ist hinderlich bei dem Bemühen um eine Neuorganisation des Lehrbetriebes.

Ein erstes Mittel, Veränderungen zu erreichen (wobei sich dieser Paternalismus in der Reaktion selbst entlarvt), ist die Provokation.

Provokation verstößt in gewissen Handlungen bewußt gegen Konventionen, macht Ehrwürdiges, Tabusiertes lächerlich, um es so in Frage zu stellen. Aus der Reaktion der Provozierten ergeben sich dann die weiteren Schritte: Schickt man sich an, aufgeworfene Fragen zu beantworten, überdenkt man mithin Dinge, beginnt man eine Diskussion, dann wird die Provokation überflüssig; antwortet man jedoch nicht oder mißbraucht Diskussionen als Verschleierungsmanöver, so sollten direkte Aktionen im Sinne der gegebenen berechtigten Schülerinteressen folgen.

Die Provokation ist also nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel, an der Reaktion der Provozierten deren Standpunkt und Bereitschaft zu ernsthafter Diskussion herauszufinden. Sie hat viele Ausdrucksmöglichkeiten (beginnend bei Kleidung und Sprache) und ist nicht immer bewußt auf konkrete Mißstände gerichtet, sie dient dem Sichtbarmachen tieferliegender Mißstände.

Dabei sollte man sich immer im klaren sein, daß man sich durch Provokation den Zugang zu vielen verständnisvollen Lehrern verbaut. Zu jenen Lehrern eben, die verständnisvoll nur sind im Rahmen der bestehenden Lehrverhältnisse, sich mit diesen so identifiziert haben, daß sie einen Antrag auf Änderung sogleich als persönliches Mißtrauensvotum empfinden. Die Tugenden, die sie vorzeigen: Toleranz, Verständnis, Wohlwollen, dienen also nur dazu, den Status quo zu retten.

Von solch Tugendhaften schrieb Nietzsche: „Sie sagen: ‚Tugend ist notwendig‘, aber sie glauben im Grunde nur daran, daß Polizei notwendig ist.“

Der Schüler sollte mißtrauisch sein, wenn von gewissen zu beachtenden Spielregeln oder zu erfüllenden Pflichten geredet wird. Denn verpflichten darf den Schüler letztlich nicht der Auftrag irgendeiner Autorität, die von irgendwem legitimiert wurde, sondern allein die selbstgefundene Einsicht in die Notwendigkeit gewisser Handlungsweisen. Wie sonst könnte der Schüler jemals selbstverantwortlich handeln? Und genau diese Erziehung zum selbstbewußten, selbstverantwortlichen Individuum ist der Auftrag an die Schule.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1969
No. 184/II, Seite 313
Autor/inn/en:

Rainer Gansera: Gymnasiast in Bamberg. Lang hat er solche Sachen nicht geschrieben. Seine und seiner Mitschüler Zeitschrift „Gebelmann“ hat bereits das Zeitliche gesegnet.

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