Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 185
Reinhard Priessnitz

Kulturrevolution im Spätkapitalismus

Die in letzter Zeit auftauchenden Theorien, Kunst in Hinblick auf Revolution abzuhandeln, haben, mehr oder weniger resultatlos, beide Begriffe wechselseitig mißbraucht. Wurde einerseits die Revolution wieder zum Leben formuliert, wurde andererseits der Kunst der Tod bescheinigt; kam jene dazu, sich dem Stand der Produktionsmittel anzupassen und also außer Atem, so machte sich diese bereits daran, politisch-ökonomische Tendenzen zu analysieren, und fast gleichzeitig mit der nun allerorten breitgetretenen Einsicht der Kritik, daß sprachliche Arbeiten auf Sprache hin zu untersuchen seien, entdeckte die Opposition endlich die Möglichkeit der Gewalt. Mitunter vorgebrachte Synthesen und bereitwilliger Verzicht, im alten Schlendrian weiterzuschreiben, um sich natürlich sofort einem neuen anzupassen, wirkten um so kläglicher, je energischer Absichten vorgetragen wurden, oder entbehrten — wie im Falle Henzes — nicht der Komik alter Operetten.

Auch die Verlage mischten bereits eifrigst mit, die Begriffe zu verwirren. Da sie in der Auswahl wissenschaftlicher Arbeiten ohnedies nie eine sonderlich glückliche Figur machten, muß ihnen der lange Marsch durch die neue Theorie der Revolution besonders willkommen sein, ihre Marktlücken zu füllen. Es soll im folgenden auf zwei Beiträge dieser theoretischen Provenienz hingewiesen werden, die wichtig genug erscheinen, um nicht im Wust des Sortiments unterzugehen. [1]

Trotzkijs Ansichten aus den tollen zwanziger Jahren Rußlands sind für den Studenten neuerer Kunsttheorie nicht allzu ergiebig. Hauptsächlich beschäftigt er sich in seinen Aufsätzen mit den postrevolutionären Richtungen, die einer neuen Kunstauffassung das Postament zu errichten versuchten, und verweist sie zu Recht in ihre Schranken. „Das Proletariat vertagt keineswegs seinen sozialistischen Aufbau, bis seine neuen Gelehrten, von denen viele noch in kurzen Höschen herumlaufen, alle Instrumente und Kanäle der Erkenntnis überprüft und gereinigt haben werden. Das Proletariat wirft das unverkennbar Unnötige, Falsche und Reaktionäre ab und benutzt auf den verschiedenen Gebieten seines Aufbaus die Methoden und Resultate der gegenwärtigen Wissenschaft, wobei es je nach Notwendigkeit einen gewissen Prozentsatz in ihr enthaltener reaktionärer Klassenligatur mit in Kauf nimmt“, heißen zwei von Trotzkijs Sätzen; sie gelten, wie man sieht, noch immer. In der Folge tappte er auch nicht blindlings in die Falle der romantischen Vorstellung, daß durch die Revolution die Kultursuppe wieder gewärmt und, um weitere Zutaten bereichert, serviert werden könne, und gab sich somit nicht jenen Illusionen hin, denen wir die zahlreichen Kunstwerke des Ostens — einschließlich der heutigen — zu verdanken haben; und da er die proletarische Kunst durch sein Bildungsprogramm und seinen Kunstgeschmack nicht zu goutieren bereit war, machte er bereits damals darauf aufmerksam, diesen Begriff fallenzulassen, da der Sinn der Diktatur des Proletariates darin liege, dieses selbst aufzuheben — „proletarische Literatur“ also sei nur als Übergang in eine sozialistische zu verstehen, bei deren näherer Erklärung er allerdings der Schwärmerei verfällt und einem Funktionalimus huldigt, der stark biologisch-mystische Züge aufweist: „Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Bewegungen werden rhythmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralitätt annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben. Und über dieser Gebirgskette werden neue Gipfel aufragen.“ Wenn auch noch naiv, so schätzte er die Technik und ihre Beziehung zur Kunst durchaus richtig ein; seiner Forderung: „Die Natur muß künstlicher werden!“, beeilt sich heute ein Teil der Avantgarde nachzukommen, Trotzkijs Beitrag zur Literaturtheorie seiner Zeit ist relativ gering, seine Kritik etwa am Futurismus geht im Mißverständnis unter, bemäntelt das Oberflächliche mit Persönlichkeit; die Ansätze selbst sind hoffnungslos in der Ästhetik des 19. Jahrhunderts verfangen. Die Publikation läßt sich als Teil einer Biographie auffassen, die darin versammelten Aufsätze als Lesefrüchte; Anschauung als Mutmaßung, Kalkül als Gewißheit. „Der Platz der Kunst ist überhaupt im Troß der geschichtlichen Bewegung“ — die Kusttheorie ist der Packesel; und Trotzkij hat ihn angetrieben.

Die zweite Arbeit, die in letzter Zeit von sich reden gemacht hat, stammt von Peter Schneider und erschien im letzten Kursbuch. Da Schneiders Aufsatz als Vorschlag eines zu absolvierenden Kulturprogramms revolutionärer Tendenz verstanden werden darf und ihm größere Aktualität als Trotzkijs ja bereits vorläufig durch die Geschichte abgetanen Bemerkungen vorangeht, ist eine kurze Zusammenfassung des Inhalts unvermeidlich; macht der progressive Anstrich des Vorgetragenen dies eher dringlich. Schneider geht in seinem Konzept zur Kulturrevolution von dem Antagonismus zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen aus: Kulturrevolution erscheint ihm Agitator, Propagandist und Organisator der Revolution zu sein und die menschlichen Sinne und Fähigkeiten vollständig zu entfesseln ihre Aufgabe. Wird durch die Revolution die Befreiung von der Gesellschaft Forderung, so fällt der Kulturrevolution zu, die Gesellschaft vorerst von der Entfremdung zu befreien und die Phantasie in die vom Kapitalismus errichtete „Wirklichkeit“ einzulassen. Schneider versteht die Wirklichkeit als Architekten der Phantasie und diese als Agenten des Unbewußten; und da die Eroberung der Welt durch die Wünsche — Schneider zufolge — in der Kunst möglich ist, so hat die Kulturrevolution diesen Weg zu nehmen. In seinen Ausführungen dazu bringt Schneider Freuds Phantasietheorie ins Spiel. [2]

Nicht ganz zu Unrecht folgert er, daß nicht der Wunsch von den Realitätsvorstellungen abhängig wäre, sondern eben die Zensur, und diese sei einmal unterdrückend und einmal fördernd. Innerhalb des errichteten Gedankenmodells ergibt sich nun, daß durch die totale Entfaltung der Produktivkräfte die Wunscherfüllung ihre Zensur durch die Produktionsverhältnisse erfahre und, indem sie an sekundäre Wünsche, die der Kapitalismus — in Produkten der entfremdeten Arbeit — als Wunscherfüllungen hinstelle, erinnere, die Primäre verdränge. Diesen sei nun der progrediente Weg versperrt; sie schlagen den regredienten ein, um regressive Befriedigungen zu werden: Traum, Phantasie, Neurose. Freud erscheine die Kunst nun als Rettung der Wünsche vor der Neurose — nach Schneider ein typisches Produkt des Spätkapitalismus. Kunst sei, wo sie nicht Negation der Wirklichkeit ist, eine Kunst der Entfremdung, also Negation der Kunst. Und schließlich kann „die bestimmte Negation der Wirklichkeit so lange nicht als Kunst, als Schein, sein, wie sie nicht wirkliche Negation, die Negation verwirklichende Kunst, das heißt Kulturrevolution, geworden ist“. — Waren diese Überlegungen innerhalb ihres Ablaufes von einer dem Denksystem zugrunde liegenden Immanenz, wiewohl auch hypothetisch, so verflachen die daran sich verknüpfenden Schlüsse zu den ja hinlänglich bekannten Spekulationen, die wie alle Folgerungen — da sie sich ja der Regelhaftigkeit weiterhin bedienen — in Bestechung münden. Sie werden etwa durch Versimpelung von Parallelen Erklärungen; daß zum Beispiel — nachdem die Maschine im Kapitalismus die menschlichen Produktivkräfte zerstört und verkrüppelt habe — den Höhepunkt der entfremdeten Musik die elektronische darstelle! Offenbar, weil diese sich durch die Maschine entfalte?! Und Schneider weiter: Da es in Deutschland keine „Musik der Massen“ gebe und keine ihr entsprechende soziale Wirklichkeit, müsse der Musikunterricht der Massen in der Erziehung zur Revolution bestehen; wie aber soll denn Zeit als Geschichte akustisch erfahrbar gemacht werden, wenn nicht gerade durch die Aufzeigungen der Widersprüchlichkeiten der von Schneider so entfremdet empfundenen elektronischen Musik? Aber abgesehen davon, daß zu einer solchen Erziehung der Musikunterricht nicht unbedingt als notwendig erachtet werden muß, so fällt bei einigem Wohlwollen die Verlegenheit auf, mit der er hier an der Kunst vorbeizureden trachtet und in andere (und sicherlich wichtigere) Bereiche ablenkt. Die Tatsache, daß die Kulturrevolution nötig ist, erweckt den Eindruck, als sei Kultur Element der Revolution. Ist sie nun tatsächlich Rettung des Wunsches vor der Neurose und also Produkt des späten Kapitalismus, so läßt sich mit ihr und ihrer Negation, welche sich ja gleichfalls auf dem vom Staat geebneten Boden der Wirklichkeit zu bewegen hat, auch nicht der Wunsch, gegen diese Ebene vorzugehen, mobilisieren, und wenn dies wiederum nicht der Fall sein kann, dann hat es nicht weiter Sinn, von Kulturrevolution zu sprechen. Der Fehler besteht hier in der Annahme, durch Negation sei deren Gegenstand der „Wirklichkeit“ bereits entronnen; aber „in Wirklichkeit“ bleibt beides in diesen Grenzen. Die Zerschlagung des Staates ist selbst ein ungewolltes Produkt seiner auf Normen basierenden Realitätsvorstellung; die Möglichkeit innerhalb eines „wirklichen“ Raumes. Wenn Kunst ihre Artikulationsfähigkeit als Hilfe anbietet, um Wünsche zu mobilisieren, so haben diese Wünsche ja bereits die männiglich als bekannt vorausgesetzte Zensur erfahren; sie sind dann entweder Neurose; oder nicht. Sind sie es, dann scheint es doch eher angebracht, die Neurose zu kultivieren und ihren Bazillus, das Wirklichkeitsgebäude, zu zersetzen. Also Sinnlichkeit in Anarchie zu entfalten, Wünsche in Gewalt, Integriert der Staat die Neurose — durch Bestimmung — in der Kunst, dann muß der Künstler die Kunst in der Neurose entfalten!

Aber noch ein weiterer Einwand gegen vorläufige, eingestandenermaßen wichtige Theorien von der Art Schneiders: Das Vokabular der Psychoanalyse für die Gegenstände der Untersuchung heranzuziehen, erscheint kühn, schon deshalb, weil ja gerade diese einem gewissen geschichtlichen Abschnitt — meinetwegen dem des Spätkapitalismus — entstammt. Zum Beispiel setzt schon ein Begriff wie „infantiler Wunsch“ den staatlich normierten Begriff „Familie“ (Keimzelle des Staates!) voraus. Phantasie, Wunsch und Unbewußtes vermögen sich in der Realität einzig zu assimilieren, nicht aber diese zu ersetzen. Gilt es gegen die Wirklichkeit vorzugehen, erschiene es notwendiger, der Geschichte und der durch sie aufgestellten Regeln — aus der ja auch die Denkmodelle herzuleiten sind — eher zu entsagen, als der staatlichen Wirklichkeit die staatliche — durch den Zensor — gelenkte Phantasie zuzuführen.

Ähnlich wie auch die Kunst ihre Harmlosigkeit nicht in Revolution umzusetzen vermag, indem sie Wünschen Ausdruck gibt; wie sie die Empfindung nicht ändert, sondern bestenfalls weckt. Die sogenannten Wünsche erst zu wecken, aber gleichzeitig ihre Harmlosigkeit zu zeigen, intensiveren Ersatz, als die Staat gewordene Wirklichkeit das zu tun imstande ist, zu bieten und auf die Psyche derart — und sei es durch vollständige Umstellung der Kommunikation — einzuwirken, daß der sprachliche Apparat des Staates jeder Möglichkeit, sich verständlich zu machen, verlustig gerät, so wäre das als kulturelle Revolution anzusehen, die in der Apperzeption von Unmöglichem ihr Ziel wüßte und wenigstens Chaos hervorriefe. [3]

[1Leo Trotzkij, Literatur und Revolution, Gerhardt Verlag, Berlin 1968. Peter Schneider, Die Phantasie im Spätkapitalismus und die Kulturrevolution, Kursbuch 16, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1969.

[2Wittgenstein über Freuds Traumtheorie: „... was immer in einem Traum geschieht, man wird entdecken, daß es mit irgendeinem Wunsch verknüpft ist, den die Analyse zutage fördern kann. Aber dieses Verfahren der freien Assoziation usw. ist merkwürdig, denn Freud zeigt nirgends, wie wir wissen, wann wir aufhören müssen — wo die richtige Lösung liegt ... Der Grund, aus dem er eine bestimmte Art von Analyse die richtige nennt, scheint nicht aufweisbar zu sein ... Das ist eine Spekulation. Es ist die Art von Erklärung, die wir geneigt sind zu akzeptieren.“ (Wittgenstein, Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion, Göttingen 1968).

[3Es drängt sich die Frage auf, ob sich ein auf marxistischer Basis aufgestelltes Modell überhaupt anders kritisieren läßt als eben durch den Marxismus. Beim Schreiben dieser Arbeit ist mir klargeworden, daß einzig und allein Sprachkritik imstande wäre, auf die Mißverständnisse aufmerksam zu machen; allerdings in einem ganz anderen, eben nicht das Denkmodell selbst betreffenden Sinn.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1969
No. 185, Seite 399
Autor/inn/en:

Reinhard Priessnitz:

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