FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 481-484
Xaver F. Schwanthaler

Kultur im Müll

Eine Burleske

Der Ort, die Zeit und die Handlung sind noch unbekannt. Ich denke an den Mozartplatz mit seiner umschwärmten Feldherrnstatue samt Taubendreck auf Haupt, Schultern und Hintern. Zeitlos scheint die Zeit am malträtierten Genius loci vorbeizustreichen, denn Jedermann schreit: Niemand wars — Heil Mozart! Doch wer weiß oder hört schon gern, was der Dichter Hermann Hakel ungedruckt gesagt hat:

Es klang in euren Ohren
die Zauberflöte nie
und nie der Don Juan.
Er, dem ihr Treu geschworen
und Heil gebrüllt im Chor,
nicht Mozart hieß der Mann ...

Die Handlung ist rasch aus dem Ärmel geschüttelt: Aufnahmen für die beliebte Sendung Kurze Hinterblicke. Die Regie bemüht sich vergeblich um folgende Szene: Ein Politiker, zuständig für Kultur und Müll, posiert mit abgewinkeltem rechten Bein auf einer gekippten Abfalltonne. Das linke Bein bleibt gekonnt versteckt, spielt die Dunkelmännerrolle. Der von jedermann ignorierte Herr reißt den rechten Arm empor, gegen die generöse Statue, blickt dabei entsetzt auf die verschissenen Partien und vergißt den eingelernten Text. Er stammelt zumindest: Es reicht. Der Dreck kert wekputzt! Die Claqueure von der Kulturbrigade proben im Chor: Kert wekputzt! Kert wekputzt! Kert wekputzt! Etcetera. Ihr Herrchen findet seine Worte: Kultur ins Volk! Und die bestellten Stimmen akklamieren das Etcetera! In diese Szene platzt die Schlagzeile eines Heimat-Blattes: Krieg um Mozart!

Auf dieses Stichwort wartet eine zölibatäres Paar, händchenhaltend: ein streitbarer Bischof im Feierornat und ein Obmann des Kameradschaftsbundes einträchtig und kreuzbestückt. Der Ornatträger lamentiert: Die gottlose Welt hat unsere Kultur in den Dreck gezogen. Das Kreuz gehört auf das gesäuberte Götzenbild, sonst bleibt es ohne Weihe. Der Eisenkreuzler schmettert: Gott zum Gruß, Jawoll, Herr Bischof. Man nehme sich ein Vorbild an unseren geweihten Heldenmälern. Kultur unter dem Kreuze Christi!

Kaum hinausposaunt, wird die unselige Vergangenheit im Kommandeur des Bayerischen Infanterieregimentes Nummer 16 heraufbeschworen: Pardon, ist hier Kamerad Mozart gefallen? Sie entschuldigen die Frage. Oberstleutnant Freiherr von Tubeuf, Kommandeur des berühmten Boarrischen Rrrrääägiment numerro sechzehn, vom Standbild inspiriert! Worauf der Kameradenbündler plärrt: Aha, waren Sie nicht der Vorgesetzte des berühmten Gefreiten aus ...? — Doch Tubeuf durchschneidet den beinharten Fragesatz: Nicht nur Braunau, auch Salzburg gehört zum bayerischen Stamme, hat eine blauäugige Landesschau unlängst bewiesen. Womit dem großdeutschen Rundfunk, pardon Radio, recht gegeben wird. Mozart ist ein echt-bayerischer Musikus, schreit der unaussprechliche Kommandeur.

In dieser unappetitlichen Situation fällt der Regie etwas Dummes ein: ein Mistwagerl, in dem der Mozartwolferl mit Zopfperücke, Wadenstutzen, Lederhose und Maßkrug sitzt, Beine gespreizt, nach außen baumelnd. Eine kleine Blasmusik intoniert: Der Vogelhändler bin ich ja, worauf das Wolferl artig trällert:

Der Mozartwolferl bin ich ja
Juchheissa Hopfa tralala
Als Salzburgerkind bin ich bekannt
Der ganzen Welt, dem ganzen Land.
Die Heimat hat das Werk vollbracht,
Nun sitzt der Wolferl in der Tracht.
Ja, ja in Tracht, juchhu in Tracht.
Daß ich ein biedrer Baiernbua
Das glaubt in der Heimat jede Kua
Jede Kua, juchhu, jede Kua, juchhu!

Die biederen Etcetera-Stimmen, hinkommandiert für Kultur & Müll, stimmen ein: Juchhu, jede Kua, juchhu. Kert wekputzt! Kert ... Den putz ma wek, den Kinstler!

Folgender Hinterblick bleibt medial unbeleuchtet: Champagner schlürfend reckt sich das hoch erhobene Haupt des Präsidenten der Internationalen Stiftung Mozart-Kondom aus einem offenen Fenster des besetzten Geburtshauses mit rundum ausgehöhlten Wohnungen. Wolferls beutelschneidende Nachtmusik, auf Laserdisc, schmeichelt durch die Getreidegasse, in der ein Punk ungeniert ein Tänzchen wagt, eben zu diesen Klängen, was ihm den Kragen kosten wird. Daneben zwingt sich nämlich ein stadtbekannter Fremdenführer, grantig und hantig, die Gäste aus dem fernen Asien mit Worten zu bedienen: Wo sinds denn die Gelben? Sich durchwuzln, auf unserm Edlen von Sauschwanz kugln. Unter Reliquien buckln. Unser Sonni-Heil beschwörn. Da schau her! Da besudelt einer am hellichten Tag unsere artige Nachtmusik, wo sinmadenn: Der schiache Auslända kert wekputzt!

Der heitere Punk wird von zwei Monturen ergriffen und in den Dauer-Container der Salzburger Gebäude-Aushöhlungsgesellschaft ohne Haftung geschmissen. Der Kopf, inmitten eingetrockneter Kondome, MacMozart-Verpackung, Dosen, Kabeln und Klomuscheln, stöhnt zu den Klängen der alles einlullenden Gutenachtmusik:

Ich schwöre ihnen bey meiner Ehre, dass ich Salzburg und die inwohner, ich rede von gebornen Salzburgern, nicht leiden kann. Mir ist ihre Sprache, ihre lebensart ganz unerträglich.

Mozart.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1994
No. 481-484, Seite 43
Autor/inn/en:

Xaver F. Schwanthaler:

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