FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 257/258
Benno Sarel (Sternberg)

Kritik der Planwirtschaft

Bürokratie und Arbeiterwiderstand in der DDR

Die Arbeitswirklichkeit in den sozialistischen Ländern Osteuropas unterscheidet sich kaum von der des kapitalistischen Westens, nur die Bezeichnungen sind anders. Das zeigt nicht nur der jüngste Erfahrungsbericht von Miklós Haraszti aus Budapest (siehe die Rezension in diesem Heft), sondern auch die ältere Studie von Benno Sarel (Sternberg), aus der wir hier einen Auszug bringen; sie kam zuerst unter dem Titel La Classe Ouvrière à l’Allemagne orientale 1958 in Paris heraus und erscheint demnächst im Münchner Trikont-Verlag mit dem Titel Arbeiter gegen den Kommunismus. Die Geschichte des proletarischen Widerstands in der DDR 1945-1958. Seit 1958 hat sich natürlich manches geändert‚ vor allem durch die Einführung des „Neuen Ökonomischen Systems der Planung“ am VI. Parteitag der SED 1968. Aber die Änderungen gingen in Richtung „Verwissenschaftlichung“ und „Leistung“, wofür man im Westen die Worte „Arbeitsplatzbewertung“ und „Akkord“ hat.

Das Verhalten der Arbeiter läßt sich tatsächlich nur verstehen, wenn man das Innere der Fabrikwelt selbst betrachtet. Wenn er durch das Fabriktor geht, sieht sich der Arbeiter mit einer schon bestehenden Organisation konfrontiert, einer rigiden, zugleich technischen und sozialen Organisation, an die er sich anpassen muß. Sein ganzes Verhalten bestimmt sich aus dieser Anpassung, es drückt aber zugleich seinen Willen aus, diese Organisation zu verändern — was eine Rationalisierung im wahrsten Sinne des Wortes wäre.

Bummelei durch Desorganisation

Die Brigade bekommt eine Produktionsanforderung, der genauere Anweisungen beigefügt sind. Aber es kommt vor, daß die Anweisungen fehlerhaft sind oder daß der Brigadeplan selbst verändert wird. Der Arbeiter wird dann zwar voll bezahlt, aber nichts demoralisiert ihn mehr, als seine Arbeit ungenutzt zu sehen, als ganz von vorne anfangen zu müssen. Einerseits fordert man von den Arbeitern die äußerste Anstrengung zur Erweiterung des produktiven Apparats, und andererseits ist es offensichtlich, daß in den meisten Industriezweigen Maschinen ungenutzt herumstehen. [1]

So beschreibt ein Arbeiter eines großen Schwermaschinenbaubetriebs — ein Betrieb, der in der Folge als exemplarisch angeführt wird — die Arbeitsbedingungen seiner Werkstätte: Wenn ein Kollege „seinen Auftrag hatte, so war es fraglich, ob die technologischen Unterlagen vorhanden waren. War dies nicht der Fall, so mußte er sich auch um diese kümmern. Hatte er die Unterlagen, so begann die Sorge mit dem Material. Der Kollege mußte suchen. Das Material liegt in Halle 7 verstreut ... Der Kollege lief umher, anstatt zu arbeiten ... Die technischen Unterlagen sind mitunter ungenau und auch fehlerhaft. Die Technologen besprechen sich nicht mit den Arbeitern. Bemerkt der Kollege die Unklarheiten rechtzeitig, so verbringt er Zeit damit, sich bessere Unterlagen zu besorgen. Bemerkt er es nicht, so verdirbt er das Werkstück und hat umsonst gearbeitet ...“

Derselbe Arbeiter bemerkt, „daß heute ein reichliches Drittel aller Kollegen in der Verwaltung arbeitet. Aus dem Erlös der Produktion von acht Arbeitern müssen die Kosten für fünf Angestellte getragen werden.“ [2] Ein anderer Arbeiter, der bei einer Rostocker Werft beschäftigt war, beschreibt ähnliche Arbeitsbedingungen mit folgendem Beispiel: „Zwölf Stunden Zeit braucht ein Verdienter Aktivist, um die für eine Arbeit notwendigen Holzkeile zu ergattern. Die Arbeit, die auszuführen ist, dauert 30 Minuten. Die Holzkeile lagern nicht etwa in Karl-Marx-Stadt oder in Suhl, sondern in Rostock, in der Werft. Aber der Weg zu ihnen führt über Materialscheine, Anforderungen, Belege, viele Unterschriften, durch viele Büros ...“ [3]

Die negative Haltung, die von den Arbeitern eingenommen wird, ist vor allem eine Reaktion auf die bürokratische Irrationalität, die die Arbeitsorganisation charakterisiert. Die Büroangestellten vermehrten sich in der Zeit des ersten Fünfjahresplans (1951-1955) um 85,4 Prozent, während die Zahl der Beschäftigten in den Werkstätten um 35,2 Prozent anstieg. [4] Das Milieu der Büros und das der Werkstätten bleibt getrennt, das eine bleibt dem anderen fremd. Im Bereich der Direktion „bilden sich Gruppen“; „Feindschaften entstehen“, und solche Gruppen sind oft darauf aus, von den unvermeidlichen Fehlern des Direktors zu profitieren. Dem Direktor wird daraufhin empfohlen, die Methoden der modernen Psychologie zu studieren, um zu wissen, wie er sich zu seiner Umgebung zu verhalten hat. Ihm wird geraten, sich nicht zu schwach zu zeigen, seinen Untergebenen nicht zu schnell nachzugeben, aber auch nicht zu autoritär zu sein. [5] So kommt man zu den sogenannten vernünftigen Lösungen, wie sie den Leitern westlicher Fabriken empfohlen werden.

Wenn die Planerfüllung in Verzug ist, wird ein weiterer Plan aufgestellt, um die Verspätung aufzuholen. 1955 wurde ein Maßnahmeplan zur Erfüllung des Plans geschaffen [6] — ein Versuch, die psychologischen Mittel wie auch die Organisationsformen zu planen, die die Arbeiter zu höchster Anstrengung mobilisieren sollten. In Wirklichkeit geben sich die Büros bei der Planung und der Planungskontrolle einer Aktivität hin, die sich mehr und mehr auf sich selbst konzentriert.

Die Büros organisieren den Betrieb als Ganzes und bereiten die Arbeit der Werkstätten vor. Aber für die Planenden sind die Arbeiter nur in der Kartei eine Realität. Wenn sie den Auftrag für ein Werkstück herausgeben, sehen die Büros die Operationen voraus, die das Material nach und nach durchlaufen muß, zugleich wissen sie, welche Arbeiter die entsprechenden Arbeiten verrichten müssen. Aber die konkrete Situation dieser Arbeiter kennen sie nicht, sie kennen den Zustand der Maschinen, der vorrätigen Werkzeuge nicht mehr, ja sie wissen sogar nicht einmal mehr, welcher Art diese Werkzeuge sind. Alles ist so konzipiert, daß sich die Aktivität des Arbeiters auf die Ausführung reduziert. Trotz allem vollbringt er jedoch eine persönliche Leistung.

Vorschläge uninteressant

Es ist derselbe Arbeiter, der sich einmal darum bemühen kann, das Funktionieren seiner Maschine zu verstehen und Verbesserungen vorzuschlagen, und ein andermal nur Lust zur Zerstörung des Materials hat. Der Arbeiter steht ständig zwischen dem Wunsch, zu zeigen, was er kann, und den Bedingungen, die ihm dies unmöglich machen. Bei einer Produktionsberatung im Eisenhüttenkombinat „J. W. Stalin“ erklärte ein Arbeiter: „Zwanzigmal haben wir das gleiche Problem schon kritisiert; wenn ihr wollt, werden wir es auch noch zum einundzwanzigsten Mal sagen, aber geändert werden die Zustände ja doch nicht. [7]

In Wirklichkeit haben die Direktionsorgane ihren eigenen Blickwinkel, ihre eigene Terminologie. Die Vorschläge der Arbeiter sind oft technisch oder ökonomisch nicht ausreichend begründet. Um sie zu prüfen und zu verwirklichen, wäre ein wahrhaftes Interesse am Gang des Betriebes vonnöten: dies kann sich aber nicht entwickeln, weil die Arbeit der Büros von der Zerstückelung und der Flüchtigkeit charakterisiert ist. In Wirklichkeit bleiben die Vorschläge der Arbeiter in der Mehrzahl der Fälle ohne irgendwelche Folgen. Entmutigt nehmen die Arbeiter dann oft eine völlig negative Haltung ein.

In den meisten Fabriken werden die Werkzeuge erschreckend schnell abgenutzt. [8] Die Maschine zu verstehen ist für den Arbeiter oft ein Mittel, um ihren Rhythmus zu beschleunigen, um sie, wenn es eilt, auf Hochtouren zu bringen, ohne sich um die Überbeanspruchung des Materials zu kümmern. Die Arbeiter lassen die Auftragszettel verschmutzen und sogar verlorengehen — nach einiger Zeit wird die schon verrichtete Arbeit zum Ausschuß geworfen, weil keiner mehr weiß, worum es sich handelt. [9] Der Arbeiter eines Aluminiumwerks erklärt: „Einige Kollegen sind der Meinung, daß es gar nicht so schlimm sei, wenn mal Ausschuß vorkommt; er kann ja wieder eingeschmolzen werden.“ [10] Ein Arbeiter wandte eine neue Arbeitsmethode an, um Planungsrückstände aufzuholen. Es gelang ihm, dreimal so schnell wie bisher zu arbeiten. „Als Kollege Büttner die Planrückstände aufgeholt hatte und alles wieder in bester Ordnung schien, schaffte er je Schicht wiederum nur drei Schwungscheiben. Kollege B. meinte, er verdiene ja auch so sein Geld. Interessant ist auch, daß sich im ganzen Betrieb niemand fand, dem das auffiel, der darum kämpfte, daß Kollege B. weiter mit Neuerermethoden arbeitet.“ [11]

In Wirklichkeit erweisen sich die Arbeiter durch diesen doppelten Aspekt ihrer Tätigkeit — einerseits durch die Sorge um die Organisation, andererseits durch die Ablehnung der aufgezwungenen Arbeit — nichtsdestoweniger als unabhängige Kraft. Und letzten Endes ist es ihre Weigerung, die Möglichkeiten der Maschinen auszunützen, die jede angestrebte Leistungssteigerung scheitern läßt, welche nur an der Vermehrung der toten Produktionsmittel (Maschinen, Gebäude) orientiert ist.

Eine der hartnäckigsten und wichtigsten Äußerungen der Arbeiter ist die sogenannte „Bummelei“. Zum einen praktizieren die Arbeiter ganz allgemein die Leistungszurückhaltung. Zum anderen verkürzen sie auf jede erdenkliche Weise die Arbeitszeit: sie kommen zu spät und gehen vorzeitig weg, sie unterbrechen den Arbeitstag oder melden sich krank.

„Sozialistische“ Zeitnehmer

Die Zurückhaltung der Leistung, eine Äußerung, die sich gegen den Stachanowismus richtet, läßt sich nur in einer Arbeitergemeinschaft betreiben, die von ihren Chefs unabhängig ist. Da die Mehrzahl der Arbeiter nach Leistungslohn arbeitet, ist die „Arbeite-langsam-Bewegung“, wie sie von den Chefs genannt wird, [12] eng mit dem Problem der Normen verbunden. Wir beschränken uns hier auf die Bemerkung, daß die Aufstellung der Norm wie auch die Einschätzung ihrer Realisierung nach dem Aufstand von 1953 Anlaß zu endlosen Diskussionen in den Werkstätten gab.

In die Aufstellung der Norm geht auf jeden Fall ein willkürliches Element mit ein: der Zeitnehmer kommt, nachdem er die Arbeit des Arbeiters beobachtet hat, zur „Beurteilung des Tempos“, er muß, im allgemeinen nach den erhaltenen Direktiven, einschätzen, ob der Arbeiter einen genügend schnellen Arbeitsrhythmus hat. Aber das Willkürliche wird zum Absurden, wenn man in einer schlecht organisierten Fabrik mit dem Arbeiter über einige Sekunden streiten will, wo er sieht, wieviel Tausende von Arbeitsstunden verlorengehen.

Man muß festhalten, daß die Norm neben anderen Elementen die Zeit für die Arbeitsvorbereitung enthält. Doch wie soll dieses Element kalkuliert werden, wenn die Arbeit unorganisiert ist, wenn der Arbeiter seine Zeit mit Warten und unnützen Laufereien verliert. So wenden die Arbeiter die Desorganisation der Betriebe zu ihren Gunsten, sie verstecken sehr häufig ihre Leistungszurückhaltung hinter der Forderung, daß die Vorbereitungszeit nicht in die Kalkulation der Norm eingerechnet werden soll. [13] So kann, um nur ein einfaches Beispiel zu nehmen, der Arbeiter, der vier Stück in einer Stunde anfertigen soll, die (im Kalkül der Aufstellung der Norm) 20 Minuten Arbeitsvorbereitung enthält, seine Stücke in Wirklichkeit in 40 Minuten herstellen, oder sechs Stück in einer Stunde und so seine Norm zu 150 Prozent erfüllen. Was die tatsächlich bei der Arbeitsvorbereitung verstrichene Zeit angeht, so ist der Arbeiter bestrebt, sie sich als durch den Stillstand der Produktion verlorene Zeit mit 90 Prozent seines Durchschnittslohns bezahlen zu lassen. Bei dem Durcheinander, das in manchen Fabriken herrscht, und auch auf Grund der Solidarität der Arbeiter, erweist sich die Kontrolle der tatsächlich verlorenen Zeit als unmöglich.

Bei der Aufstellung der Norm wirkt sich die Solidarität der Arbeiter so aus, daß die Leistung soweit wie möglich zurückgehalten wird und die Überschreitung der alten Norm begrenzt wird. Das ist zum Beispiel der Fall bei der Herstellung bestimmter Turbinenteile durch mehrere Brigaden, die sich schichtweise innerhalb von 24 Stunden ablösen. In Anwesenheit der Zeitnehmer wird die Arbeit in 24 Stunden ausgeführt; wenn sie fort sind, machen die Arbeiter die gleiche Arbeit in zwölf Stunden. [14]

Die „Bummelei“ der Arbeiter äußert sich gleichfalls in der kontinuierlichen Bemühung, die Arbeitszeit abzukürzen. In einigen Werkstätten ist es geradezu obligatorisch — trotz dem Widerstand des Leitungspersonals —, seine Maschine eine halbe Stunde vor Schichtende zu verlassen. Anderswo kommen die Arbeiter mit Verspätung, unterbrechen die Arbeit, um zu rauchen, und setzen bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Versammlung durch. 1955 erhöhte sich die Zahl der wegen „sozialer Aktivitäten“ verlorenen Arbeitsstunden auf 22 pro Arbeiter, [15] und es gibt Betriebe, wo diese Zahl zwei- oder dreimal so hoch ist.

Ausweg in den Krankenstand

In einigen Industriezweigen — zum Beispiel im Baugewerbe oder im Maschinenbau — nahm die Abwesenheit 1954/55 einen alarmierenden Umfang an. Wir zitieren hier den Fall eines Bauunternehmens, bei dem Ausfallzeiten üblich sind. Dort haben die Arbeiter erreicht, wegen schlechten Wetters mit 60 Prozent Entschädigung beurlaubt zu werden, zur gleichen Zeit arbeiten sie für vollen Lohn auf anderen Baustellen. [16] Im Maschinenbau ist der Krankenstand im Jänner doppelt so hoch wie im Dezember: in der Tat gibt es nach der Hetze des Dezembers, als man den Plan hat beenden müssen, im Jänner Leerlaufzeiten, und die Entschädigung der Sozialversicherung bemißt sich nach dem Verdienst der Periode, die der Krankheit vorhergegangen ist. Gegen Jahresende kann man die Arbeiter sich gegenseitig fragen hören: „Hast du schon deine sechs Wochen genommen?“ Tatsächlich zahlt die Sozialversicherung für sechs Wochen Krankheit im Jahr eine Entschädigung von 90 Prozent des Lohns.

Die Leistungszurückhaltung, die „Bummelei“ und allgemeiner die mangelnde Bereitschaft der Arbeiter, zur Produktionssteigerung beizutragen, stellen eine grundsätzliche Kritik am Regime dar.

Wir haben gesehen, daß die Arbeiter in die offiziellen Organe integriert sind — häufig ergreifen sie die Initiative in diesem Rahmen. Eine Statistik über 9.000 Produktionsberatungen, die 1954 in 22 Betrieben des Maschinenbaus abgehalten wurde, vermerkt, daß die Teilnehmer fast 2.700 „kritische Feststellungen und Beobachtungen“ machten, daß sie 940 Forderungen aufstellten und 770 Vorschläge einbrachten.

Die Initiativen der Arbeiter bedienen sich häufig der offiziellen Wege, nehmen offizielle Formen an, um sich vermitteln zu: können. So schreibt der Gewerkschaftsorganisator einer Brigade von Bauarbeitern an die Berliner Direktion der Bauindustrie und protestiert gegen die verspätete Zusendung des Arbeitsplans seiner Brigade. Sein Brief schließt mit „gewerkschaftlichen Grüßen“ ab. Aber der vorangehende Satz drückt die Stimmung seiner Kollegen aus: „Wir als Arbeiter sind mit solchem Schlendrian nicht mehr einverstanden.“ [17]

Manchmal gelingt es den Arbeitern, sich über den Umweg des „sozialistischen Wettbewerbs“ auszudrücken. So organisierten in Magdeburg mehrere Maschinenbaufabriken einen Wettbewerb, um die Höhe des Ausschusses zu senken. Die Ergebnisse der verschiedenen Brigaden wurden am Schwarzen Brett bekanntgemacht. Doch eine Brigade hat damit erreicht, die Büros öffentlich beschuldigen zu können, daß sie fehlerhafte Dokumente herausgeben. Beim gleichen Wettbewerb weigerten sich alle Brigaden einer anderen Fabrik, die Ergebnisse zu veröffentlichen. [18]

Bürokratie schafft ihre eigenen Totengräber

Im Jahre 1954 wurde eine „Arbeiterkontrolle“ geschaffen, ein Organ, das wenig Einfluß hat. Einige Arbeitergruppen können sich aber darin ausdrücken, und manchmal bringt die Arbeiterkontrolle eine gemeinsame Front zwischen den Arbeitern und der Direktion zum Tragen. Man könnte mehrere Fälle anführen. Zum Beispiel bildete sich in einer großen Berliner Konfektionswerkstätte eine Arbeiterkontroll-Gruppe, um gegen die Zusendung von minderwertigem Tuch zu protestieren. Unter dem Schutz der Direktion und im Einverständnis mit der Gewerkschaftsleitung begab sich diese Gruppe zunächst in die Weberei, dann in die Spinnerei, um die Schwierigkeiten der Konfektionswerkstatt zu klären. Anderswo scheint es, daß die Arbeiter selbst den Anstoß zur Arbeiterkontroll-Gruppe gegeben haben: dies bezeugt jene Ostseewerft, der ein brandenburgisches Stahlwerk fehlerhaftes Material geliefert hatte; dort bildete sich gegen den Willen der Direktion und in Zusammenarbeit mit der Betriebsparteileitung eine Arbeiterkontroll-Gruppe. [19]

Tatsächlich nimmt die offizielle Betriebsorganisation gegenüber den Arbeitern eine zweideutige Haltung ein. Einerseits hat sie die Tendenz, die Arbeit im ganzen wie auch im Detail vorauszuplanen. Andererseits will sie die Initiative der Arbeiter wecken, sie muß ihr also erlauben, sich auszudrücken. Die Arbeiter ihrerseits nehmen eine negative Haltung gegenüber der offiziellen Betriebsorganisation ein, sie nutzen diese Organisation jedoch aus, um ihre eigene Initiative durchzusetzen.

Die Brigade ist zugleich eine Form der Arbeitsorganisation und der Organisation der Arbeiter. Die Bildung der Brigaden war zu Beginn der langfristigen Planung eine Antwort auf die Notwendigkeit, die Initiative der Arbeiter in die Produktion zu integrieren. In der Tat fragten sich die Arbeiter in der alten Kolonne gegenseitig um Rat über die Arbeitsmethoden, gaben einander Tips, liehen sich Werkzeuge aus und halfen einander gegenseitig gegen den Zeitnehmer. Die Kolonne war eine Gruppe von Arbeitern, die durch die Produktion organisiert war, eingeschlossen in die offizielle oder „formelle“ Betriebsorganisation; sie entsprach zugleich einer spontanen, „informellen“, unkontrollierbaren Organisation der Arbeiter, die von der Direktion allenfalls toleriert wurde. Die Umwandlung der Kolonne in eine Brigade bedeutete dann die Legalisierung der Spontaneität — der freiwilligen Zusammenarbeit der Arbeiter — und gleichzeitig ihre Verbindung mit dem „Formellen“; das Instrument dieser Verbindung war die Produktionsberatung. Mit einer gewissen Autonomie ausgestattet, mußte die Brigade Teil der offiziellen Betriebsorganisation bleiben und gleichzeitig, auf der gleichen Ebene, spontane Organisation der Arbeiter.

Aber es handelte sich auch um die Existenz der führenden Schicht. Im Unterschied zum Kapitalisten, der durch die einfache Tatsache der Fabrikation und der Versorgung des Marktes eine Gesellschaft nach seinem Bild geformt hat, kann der Führer der neuen Gesellschaft keine Existenz außerhalb des Funktionierens des von ihm geleiteten Ganzen haben. Da sich diese Organisation aber selbst als Integration der Arbeiter in die Gesellschaft versteht, muß sie zwangsläufig — zumindest bis zu einem gewissen Grad — so handeln, als wenn die Arbeiter tatsächlich schon integriert wären. Bis zu einer gewissen Grenze hängt die Existenz der Arbeiterklasse und auch die der führenden Schicht davon ab, wie sich die Arbeiter in der Produktion verhalten und wie sie ihre Erfahrung interpretieren.

Die Eroberung der Brigade durch die Arbeiter muß zu dem Schluß führen, daß das östliche Regime, um die Arbeiter zu integrieren, in sein System das Element seines eigenen Umsturzes einführt.

[1In dieser Beziehung scheint die Bauindustrie den Rekord zu haiten: nach der Deutschen Investitionsbank erreichte der Nutzungsgrad der Baumaschinen nur 22 Prozent (Tägliche Rundschau, 3. Februar 1954)

[2Märkische Volksstimme, 7. Dezember 1954. Es handelt sich um den VEB Schwermaschinenbau „Heinrich Rau“ in Wildau.

[3Neues Deutschland, 3. August 1954. Zum Vergleich ein Auszug aus der Erzählung eines Werkzeugschlossers der Régie Renault, Paris: „Wenn der Fräser (der Werkstatt ‚widias‘) einen Auftrag erhält, muß er sich zunächst selbst die Zeichnung holen, die Laufzettel zu Rate ziehen und daher eine Arbeit machen, für die er nicht bezahlt wird, denn diese Zeit ist vom Stopper nicht vorgesehen. Wäre er ein Automat, dann müßte er das Stück genau nach der Zeichnung anfertigen, aber er weiß aus Erfahrung, daß er dies gar nicht machen soll ...“ (Socialisme ou Barbarie, No. 22, Juli-September 1957)

[4Einheit, Dezember 1956

[5Einheit, Juni 1956

[6Die Arbeit, November 1955

[7Neuer Weg, Heft 14, Juli 1954

[8Volksstimme, 27. Januar 1954

[9Volksstimme, 6. Januar 1955

[10Freiheit, 7. Dezember 1954

[11Märkische Volksstimme, 7. Dezember 1954

[12Neues Deutschland, 2. Oktober 1953

[13Vgl. Oelssner, Die Übergangsperiode ... (p. 42 der frz. Ausgabe)

[14Arbeit, August 1956

[15Statistische Praxis, Dezember 1956

[16Volksstimme, 4. März 1955

[17Tribüne, 10. Januar 1955

[18Volksstimme, 26. Juli 1955

[19Neues Deutschland, 3. August 1954

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1975
, Seite 55
Autor/inn/en:

Benno Sarel (Sternberg):

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