FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 499-504
Ulli Stadler

Kriegssprachspaltung

Vom österreichischen Justizminister, seinen Experten und unserer Verwicklung ins Jugoslawische Chaos.

Was hat der Josefstädter Notar und österreichische Justizminister Dr. Nikolaus Michalek mit Herrn Milosevic aus Serbien und Herrn Tudjman aus Kroatien gemeinsam? Nichts natürlich, ist der schnelle, routiniert österreichische Gedanke, ein zu schneller Schluß, wie sich erweisen wird?

Am 20. Juni 1995 erschien wie schon seit Jahrzehnten das Amtsblatt der österreichischen Justizverwaltung, herausgegeben vom Bundesministerium für Justiz, diesmal Stück 4, Jahrgang 1995. Es enthält die Erlässe 25 bis 35, darunter den über die Herabsetzung der Familienbeihilfe, die kommende Weihnachtsbegnadigung und Änderungen im österreichischen Lebensmittelbuch. Nr. 26 vom 18. April 1995 ist auch international interessant. Dieser Erlaß verfügt nämlich die Aufteilung der Sprache »Serbokroatisch« in die Sprachen »Bosnisch«, »Kroatisch« und »Serbisch« in den Dolmetscherlisten.

Im ersten und ausführlichsten Ansatz wird darauf verwiesen, daß die Entscheidung des Justizministeriums auf »Stellungnahmen und Gutachten« von drei Institutionen beruht, dem Institut für Slawistik der Universität Wien, dem Institut für Übersetzer- und Dolmetscherausbildung der Universität Wien und dem Außenministerium. Im Erlaß steht natürlich nichts über seinen Anlaß. Denn es ist politisch wichtig, wer hier die Initiative zur Teilung einer Sprache im österreichischen Ausland ergriffen hat. Unser Bundeministerium für Justiz, die Gerichtsdolmetscher selbst, eine oder mehrere der genannten Institutionen, Kroaten, Serben, Bosnier des In- oder Auslandes?

Wörtlich heißt es hier: »In einem ausführlichen Gutachten wies das Institut für Slawistik der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien nach, daß es sich bei Bosnisch, Kroatisch und Serbisch vor allem in den schriftsprachlichen Ausprägungen um eigenständige Sprachen handelt, wobei die Dolmetscher, die bisher für die serbokroatische Sprache in die Listen eingetragen sind, aufgrund ihrer bisherigen Ausbildung auch Qualifikation für die Sprache Bosnisch, Kroatisch und Serbisch besitzen würden.« Nicht nur der Konjunktiv, auch der Widerspruch im Satz fällt sofort auf, einerseits handele es sich um mehrere Schriftsprachen, andererseits ist die bisherige gemeinsame Ausbildung gültig.

Den slawistischen Gutachtern war offenbar wichtig, daß ihre bisherige Ausbildungstätigkeit nicht angetastet wird. Da es aber bis heute nur die Sprache »Serbokroatisch« gegeben hat und die Ausbildung dazu gültig ist, muß der Zeitpunkt des Entstehens der drei Sprachen das Entscheidende sein. Die neuen Schriftsprachen Bosnisch, Kroatisch und Serbisch müssen jetzt entstanden sein, oder besser, wie es unter Ziffer 4 heißt, ab dem 1. Juli 1995. Alles ab jetzt im südslawischen Raum Geschriebene ist dann entweder bosnische, kroatische oder serbische Literatur. Dieser Logik folgend kann es daher vor dem 1. Juli 1995 nicht mehrere schriftliche Zeugnisse für die später entstandenen Sprachen gegeben haben. Nun ist das sicher nicht die erste philologische Verrücktheit, aber doch eine sehr primitive und gefährliche. Das offizielle Österreich spricht damit während eines Konflikts ein vorschnelles Urteil aus, die Wissenschaft aber verunglimpft sich selbst.

Der Institutsvorstand des Slawistischen Instituts der Universität Wien, ein österreichischer Beamter und Staatsbürger, Prof. Radovan Katicic, ist gebürtiger Kroate. Als ich ihn zum Thema interviewen wollte, befand er sich gerade in Zagreb.
Dort hat er eine Artikelserie in der Zeitschrift »Vestnik« zum Charakter der kroatischen Sprache veröffentlicht. Ein Zagreber Freund verwies mich an diesen österreichischen Wissenschafter als wichtigsten Experten für das Kroatische.

Das Serbokroatische ist in Wien entstanden. Anfang des 19. Jahrhunderts hat der Bosnier Vuk Karadzic oder Wolf Stephenson, wie er sich auch nannte, als Angehöriger der österreichischen Akademie der Wissenschaften ein serbokroatisches Lexikon und eine serbokroatische Grammatik geschrieben. Die Gründer der serbokroatischen Literatursprache standen unter dem Einfluß des sogenannten Illyrismus, einer Bewegung, die auf eine gemeinsame ethnische Abstammung von Kroaten und Serben verwies. Dieses Gemeinsame kam durch einen gemeinsamen Feind, die ungarische Obrigkeit, zustande. Das philologische Bemühen des Vuk Karadzic galt bis vor kurzem als Großtat, in zahlreichen Lexika wurden ihm »Denkmäler« gesetzt, er hat sein ganzes wissenschaftliches Leben in Wien verbracht. Heute wollen vor allem die Kroaten nichts mehr vom alten Wolf wissen, kroatische Redakteure des ORF sprechen von der 900jährigen Geschichte der kroatischen Sprache.

AbsolventInnen der Wiener Slawistik berichten vom fast ausschließlich kroatischen Lehrkörper des Instituts, nur eine Dame am Dolmetschinstitut stammt aus Makedonien, in den letzten Jahren sind noch ein paar Burgenland-Kroaten dazugekommen. Vor Jahren hat einmal eine serbische Professorin eine Literaturvorlesung gehalten. Die Namen des Vorlesungsverzeichnisses und die Herkunft der Lehrbeauftragten bestätigen diese Angaben, bei Slawisten und Dolmetschern sind Kroat(inn)en, Mazedonier und Burgenland-Kroaten als Lehrer vertreten, keine Serb(inn)en und keine Bosnier(innen). Aus jenen Gruppen müssen die Experten des Gutachtens für das Justizministerium gekommen sein.

Neben dieser personalpolitischen Einseitigkeit sind noch die Titel der Lehrveranstaltungen des Prof. Katicic im Sommersemester 1995 interessant. Seine Hauptvorlesung »Südslawische Literaturen« bietet er für das Fach »Serbokroatisch« (im Titel des Faches gibt es das wieder) und »Slowenisch« an. Der Grund- und Fortgeschrittenenkurs für »Nichtslawisten« heißt Buchstabe für Buchstabe »Kroatisch und Serbisch (Serbokroatisch)«. Im Vorlesungsverzeichnis scheinen sich die Slawisten also nicht so recht entscheiden zu können, eines aber scheint sicher zu sein: Wenn man z.B. gegenüber dem Rektorat der Uni Wien eine Kompetenz besetzen will, dann existiert das Süd- also Jugoslawische wieder. Jetzt wird klar: Genau wie unten in Ex-Jugoslawien werden hier Kämpfe um den Platz am Futtertrog ethnisch getarnt, nichts sonst.

Im Gespräch mit Zagreber Freunden wurde ein möglicher konkreter Grund für die Aufteilung der Sprachen erwähnt, das Mißtrauen der Serben gegen die Kroaten und der Kroaten gegen die Serben, und wenn man schon bei Gericht — also zerstritten — ist, dann traut ein Serbe eben keiner kroatischen Dolmetscherin und vice versa.

Bei der eigenen Sprache verhält sich unsere Republik dagegen konträr, sie besteht auf ihrem Mitvertretungsanspruch. So durften z.B. französische Germanistikabsolventen jahrzehntelang nicht den geringsten österreichischen Akzent zu erkennen geben, wenn sie bei der »Capéze« — einer strengeren Variante der Lehramtsprüfung für Gymnasien — durchkommen wollten. Durch jahrelange Arbeit der österreichischen Diplomatie soll das besser geworden sein, die französischen Germanistikprofessoren haben endlich anerkannt, daß in Österreich auch und gut Deutsch gesprochen wird.

Ein »post-jugoslawisches« Verhalten wäre dagegen gewesen, wenn die Republik Österreich behauptet hätte, daß — weil sie ein eigener Staat ist — bei uns nicht mehr Deutsch, sondern Österreichisch gesprochen würde und von nun an die frühere Sprache Deutsch in Österreichisch, Schweizerisch und Deutschländisch geteilt würde, Dolmetscher nur mehr ins Deutschländische, Schweizerische oder Österreichische übersetzen dürften.

Die Weiter- und Auseinanderentwicklung einer Sprache kann auch als Kreolisierung verstanden werden. Im heutigen Haiti wird die neue Mischsprache »Crèole« gesprochen, die in ein bis zwei Jahrhunderten vielleicht selbst wieder Eigensprachlichkeit anmelden wird. Aber auch das heutige Portugiesisch ist eine Weiterentwicklung (des altgalizischen Idioms früherer Jahrhunderte), das Französische fußt auf der in Nordfrankreich gesprochen Langue d’œil, alle romanischen Sprachen beruhen auf dialektalen Versionen des auf ihrem Territorium gesprochenen Vulgärlatein, der Prozeß der Sprachbildung dauerte immer mehrere Jahrhunderte.

Nun werden die Slawisten sicher stimmige Argumente dafür angeben können, wieso ihre Sprachentwicklung nicht mit der der romanischen oder germanischen (deutsch und niederdeutsch/niederländisch bzw. holländisch) Sprachen verglichen werden kann und wieso das, was bei anderen Sprachen Jahrhunderte dauerte, bei ihnen in nur wenigen Jahren erledigt ist. Eines ihrer Argumente wird sein, daß vor allem die Geschichte der Nationenbildung bei den Slawen eine grundsätzlich andere ist.

Jede wissenschaftlich belegte und historische Position ist Philologen und Juristen zuzubilligen, daß aber im Schutz einer neutralen Staatsbürgerschaft und pragmatisiert (d.i. unkündbar) in eine kriegerische Auseinandersetzung eingegriffen wird, dagegen muß angesichts hunderttausender bosnischer, kroatischer und serbischer Opfer von angeblich ethnischen »Säuberungen« (Müßte es nicht eigentlich »Mit-Blut-Befleckungen« heißen?) aufgetreten werden. Im Gegenteil‚ die juridischen, historischen und philologischen Experten sind aufgerufen, das zu tun, wozu sie auch da sind: Zusammenhänge aufzuzeigen und publik zu machen.

Denn es ist unwahrscheinlich, daß z.B. personalpolitisch nur auf einem Universitätsinstitut Österreichs so einseitig vorgegangen wurde, wahrscheinlicher ist, daß dieses Vorgehen auf einen politischen und gesellschaftlichen Prozeß im Land »Jugoslawien« selbst verweist, der in der Berichterstattung keinen Platz fand und findet. Es wird kein Bogen zu Josip Broz Tito und der kommunistischen Minderheitenpolitik geschlagen, es wird kaum erwähnt, wer im Zweiten Weltkrieg auf welcher Seite war, wer weiß, wieso sich die Südslawen zu einem Königreich zusammenschlossen und wer dabei verlor, wie sich Österreich-Ungarn gegenüber den Bosniern wirklich verhalten hat, was die osmanische Okkupation bewirkte?

In den Nachrichten werden mangels tiefgehender Kenntnisse nur angeblich »ethnische« Gründe für den Haß erwähnt. Inwieweit machen sich die Berichterstatter hier schuldig, weil sie nur das »Ethnische« sehen (können), das sich dann in den Köpfen der ausländischen Verhandler unselig verfestigt und so eine Lösung erschwert?

»Lernen Sie Geschichte, Herr Redakteur!« lautete der Kommentar eines österreichischen Bundeskanzlers dazu.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1995
No. 499-504, Seite 113
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