Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 194/I
Erich Fromm

Konsumidiotismus

Mit Zeichnungen von Hornberger

Der Mensch beginnt ein „homo consumens“ zu werden, ein totaler Konsument; dieses Menschenbild hat fast den Charakter einer neuen religiösen Vision: der Himmel ist ein einziges großes Warenhaus, in dem sich jeder Mensch jeden Tag etwas Neues kaufen kann, alles, was er will, und immer ein bißchen mehr als sein Nachbar.

Diese Vision des totalen Konsumenten besteht ohne Unterschied der politischen Organisation und Ideologie ebenso in den sogenannten kapitalistischen Ländern wie in den sogenannten sozialistischen Ländern. Der Unterschied ist nur, daß sich vielleicht die sozialistischen Länder noch immer in der Illusion wiegen: wenn das Versprechen des totalen Konsums erfüllt sei, wird das Glück vor der Tür stehen — während in einem Land wie den Vereinigten Staaten, wo das Glück des totalen Konsums für weite Schichten der Bevölkerung schon da ist, bereits manche Zweifel auftauchen.

„Homo consumens“, das ist jener Mensch, für den alles zum Konsumartikel wird: Zigaretten, Bier, Schnaps, Bücher, Liebe, Sexualität, Vorlesungen, Bildergalerien. Es gibt nichts, was sich für diesen Menschen nicht zum Konsumartikel verwandeln könnte.

Was ist denn unrecht daran, daß man konsumiert? Ist der Mensch nicht seinem Wesen nach einer, der konsumieren muß, um sich am Leben zu erhalten? Das neue Phänomen besteht darin, daß sich hier eine Charakterstruktur entwickelt, für die auch das, was einmal in ganz anderer Weise angeeignet wurde, nämlich die reiche Welt der menschlichen Schöpfung und Kultur, ohne Ausnahme zum Konsumartikel wird.

Unbewußt ist dieser neue Tpyus Mensch ein passiver, leerer, ängstlicher, isolierter Mensch, für den das Leben keinen Sinn hat, der zutiefst entfremdet und gelangweilt ist — der ewige Säugling, der auf die Flasche wartet, für den alles zur Flasche wird, der nie Selbstaktivität entwickelt.

Wenn ich hier von Aktivität und Passivität spreche, meine ich diese Begriffe nicht im modernen Sinne, sondern wie sie von Aristoteles, Spinoza, Goethe, Marx und vom Buddhismus gebraucht werden, nämlich im Sinne der inneren Passivität und der inneren Aktivität, die etwas völlig anderes ist als das Geschäftigsein, das „busy“-sein.

Dieser ängstliche, gelangweilte, entfremdete Mensch kompensiert seine Angst durch zwanghafte Konsumtion; da sie die Krankheit aller ist, oder genauer: da sie ein Symptom der Pathologie der Normalität ist, wird sie von niemandem als Krankheit empfunden. Krankheit wird ja nur dann erlebt, wenn man kränker ist als die anderen. Wenn alle an der gleichen Krankheit leiden, taucht der Begriff überhaupt nicht auf.

Der Konsumzwang ist wie zwanghaftes Essen: wie man weiß, kann Fettsein auf vielerlei Gründen beruhen, auf rein organischen oder auch auf ausgesprochenem Eßzwang. Wenn man untersucht, warum gewisse Menschen unter Eßzwang leiden, findet man, daß hinter diesem Eßzwang, der als solcher bewußt ist, etwas Unbewußtes steckt, nämlich Depression oder Angst.

Der Mensch fühlt sich leer, und um diese Leere auszufüllen, füllt er sich an mit Dingen, die von außen kommen, um das Gefühl der inneren Leere und Schwäche zu überwinden.

Im übrigen werden viele an sich selbst entdecken, daß sie, wenn sie ängstlich sind oder sich deprimiert fühlen, eine gewisse Neigung haben, sich etwas zu kaufen oder zum Eisschrank zu gehen und etwas mehr zu essen als gewöhnlich, und daß sie sich dann etwas weniger deprimiert, etwas weniger ängstlich fühlen.

Nun handelt es sich hier um einen Circulus vitiosus: der ängstliche, entfremdete Mensch leidet an Zwangskonsum. Er muß zwanghaft konsumieren, weil er ängstlich ist. Auf der anderen Seite hängt das Problem sehr eng mit der Struktur der modernen westlichen Gesellschaft zusammen, die ökonomisch auf der absoluten und immer noch wachsenden Konsumtion beruht. Wenn heute in Amerika auch nur hunderttausend Leute entscheiden, sich kein zweites Auto zu kaufen, so bringt das die Börse in erhebliche Unruhe.

Enthaltsamkeit ist unsittlich

Das ist heute genauso ökonomisch verankert, wie es im 19. Jahrhundert verankert war, daß man gespart hat, weil der Prozeß der Kapitalakkumulation noch in einem Stadium war, in welchem der einzelne sparen mußte, um das gesparte Kapital in der Industrie zu investieren. Heute braucht man das nicht, heute finanziert sich die Industrie, zumindest in den Vereinigten Staaten, zu 98 Prozent selbst. Was sie braucht, um sich selbst zu finanzieren, ist vor allem, daß die Menschen kaufen, kaufen und wieder kaufen, denn sonst fehlt die ständig wachsende Nachfrage nach Waren, die die Industrie produzieren kann und in immer steigendem Maße produzieren muß, wenn sie ihr Kapital selbst reproduzieren will.

Darum nötigt die Industrie den Menschen mit allen Mitteln der Verführung, mehr zu konsumieren.

Im 19. Jahrhundert war es unmoralisch, etwas zu kaufen, wofür man nicht das Geld hatte. Im 20. Jahrhundert gilt es als unmoralisch, etwas nicht zu kaufen, wozu man nicht das Geld hat.

Und hier haben wir den Circulus vitiosus: der Mensch wird immer ängstlicher und entfremdeter in der Produktionsweise des kapitalistischen Systems. Weil dieses System immer größere wirtschaftliche und bürokratische Giganten hervorbringt, denen gegenüber der einzelne Mensch sich klein und hilfslos fühlt; weil der einzelne Mensch immer weniger aktiv an den Ereignissen der Gesellschaft teilnehmen kann; weil in weiten Schichten des mittleren und darunter liegenden Bürgertums eine ungeheure Angst besteht, nicht aufzusteigen, die Position zu verlieren, Angst, daß einen die Frau und die Freunde für einen „Mißerfolg“ halten, wenn man nicht das erreicht, was die anderen erreichen.

Was hier auf dem Spiele steht, ist in keiner Weise nur das Einkommen, sondern Freundschaft, Liebe, Respekt.

All das hängt oft ab von einer „Beförderung“, die nicht in erster Linie auf den wirklichen Leistungen des Menschen beruht, sondern auf seiner Anpassungsfähigkeit, auf seiner Fähigkeit, genügend häufig ja zu sagen und gerade im richtigen Maße nein zu sagen, so daß man ihm nicht vorwerfen kann, daß er ein Jasager ist.

Für jede Position in der bürokratischen Struktur gibt es einen ganz bestimmten Prozentsatz von Ja und Nein, den man einhalten muß. Es hängt nur davon ab, wo man hinauswill. Der neunzigprozentige Jasager wird es nie zum Generaldirektor bringen, der neunzigprozentige Neinsager ebenfalls nie. Da gibt es sehr fein abgestufte Unterschiede, und manchmal ist man dann schon zu alt, wenn man es endlich gelernt hat.

Der Mensch, der in diesem System ängstlich wird, konsumiert. Der Mensch, der zur Konsumtion verführt wird, wird ängstlich, weil er ein passiver Mensch wird, immer nur aufnimmt, nichts in der Welt erlebt. Je ängstlicher er wird, desto mehr muß er konsumieren, und je mehr er konsumiert, desto ängstlicher wird er. Das ist jener Kreislauf, in dem sich der Mensch um so ohnmächtiger fühlt, je mächtiger seine Maschinen werden, je mächtiger das wird, was er produziert; und all das kompensiert er durch ständige, nie aufhörende Konsumtion.

Pseudofreiheit ist mit der Konsumtion sehr eng verknüpft: im 19. Jahrhundert war der Begriff der Freiheit ganz wesentlich Verfügung über Eigentum, Freiheit der kommerziellen Unternehmung. Heute gibt es in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern nur noch sehr wenig Privateigentum an den Produktionsmitteln. General Motors und Ford sind zum Beispiel in den Händen einer sich selbst fortsetzenden Bürokratie, Hunderttausende eigentliche Eigentümer im technisch-juristischen Sinn haben wenig Einfluß auf das Unternehmen. Die Freiheit des Eigentums ıst ein Begriff, der nur im 19. Jahrhundert bedeutungsvoll war. Es war, wie mir scheint, eine der falschen Perspektiven und Irrtümer von Marx, wenn er glaubte, daß man durch die Sozialisierung der Produktionsmittel etwas Wesentliches ändert, weil er in Wirklichkeit am Eigentumsbegriff des 19. Jahrhunderts festgehalten hat und nicht voraussehen konnte, daß im 20. Jahrhundert das Eigentum an Produktionsmitteln gar keine zentrale Kategorie mehr ist.

Die Freiheit oder, wie man vielleicht richtiger sagen sollte: die Pseudofreiheit von heute liegt in der Sphäre des Konsums: der Konsument vor zehn verschiedenen Zigarettensorten, die schon im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen angepriesen wurden. Sie alle bewerben sich um seine Gunst: Bitte, wähle mich! Im Grunde weiß er zwar, daß dies alles die gleichen Marken sind, die da mit hübschen Mädchen oder Mädchenbeinen angekündigt werden; verstandesmäßig ist er sich darüber im klaren, daß dies vollkommen irrational ist. Aber es gibt ihm trotzdem ein Gefühl der Freiheit, wählen zu können, was er will. So schenkt er seine Gunst — wenn ich amerikanische Zigarettensorten nennen darf, weil mir die europäischen nicht mehr ganz bekannt sind — der Chesterfield statt der Marlborough oder der Marlborough statt der Chesterfield. Und eben dadurch wird er eine Pseudopersonalität; er ist der Mensch, der sich dadurch definieren kann, daß er Marlborough raucht.

Im Akt des Wählens erlebt er seine Macht, während er unbewußt seine Ohnmacht erlebt: daß nämlich sein Wählen Resultat von Beeinflussungen ist, die hinter seinem Rücken vor sich gehen. Er glaubt, bewußt seine Wahl zu treffen, während er in Wirklichkeit dazu veranlaßt wird, zwischen verschiedenen Produkten zu wählen, die alle gleich sind.

In dieser Situation gibt es gar keine echte Konkurrenz mehr, sondern das gleiche Interesse, das Interesse eines Heiratsvermittlers, alle Mädchen, die sich bei ihm angemeldet haben, unter die Haube zu bringen; Hauptsache ist, daß die Menschen rauchen. Natürlich haben es die Vertreter einer Zigarettenmarke lieber, wenn mehr von ihrer Marke geraucht wird, aber für das System ist das gar nicht so wichtig. Wichtig ist, daß die Menschen rauchen und im Akt der Zigarettenwahl das Erlebnis ihrer Freiheit und Macht haben. Ihr Gefühl der Freiheit ist vom Einkommen ziemlich unabhängig, man braucht im Supermarkt gar nicht viel auszugeben. Auch wenn man nur ganz wenig ausgibt, bleibt es doch dabei: der Kunde ist König, der sich entscheiden kann, welchen gleichen Waren er seine Gunst schenken will.

Wenn man heute die Menschen fragt, was sie denn eigentlich Glück nennen, dann würde die Antwort sein: daß sie sich all das leisten können, wonach sie begehren. Das ist der populäre Glücksbegriff, den wahrscheinlich die weitaus meisten Menschen heute haben: daß in der Konsumtion nicht nur die Freiheit liegt, sondern auch das Glück, und daß das einzige, was Freiheit und Glück hindert, darin besteht, nicht genug Geld zu haben, um all das zu konsumieren, was man konsumieren möchte.

Damit wird der Mensch nicht nur ein passiver Mensch, sondern auch ein abhängiger Mensch. Karl Marx sagte einmal: „Die Produktion von zu vielen nützlichen Waren führt zur Schöpfung von zu vielen nutzlosen Menschen.“ Und wenn Sie Disraeli lesen, so werden Sie finden, daß er das in fast genau derselben Weise ausgedrückt hat. Sowohl die Konservativen wie die Sozialisten des 19. Jahrhunderts — ich spreche nicht von denen des 20. Jahrhunderts —, die ihre Position radikal geändert haben, haben vorausgesehen, daß die Industriegesellschaft einen leeren Menschen schaffen wird, der der Sklave seiner Bedürfnisse wird. Und das ist, wie ich glaube, in der Tat eingetreten.

Vielleicht darf ich einen Satz aus dem Alten Testament zitieren, in dem die Sünden der Hebräer aufgezählt werden und als Resümee der schwersten Sünde gesagt wird: „Weil ihr keine Freunde gehabt habt in der Mitte des Überflusses!“

Es ist gar nicht leicht zu verstehen, wie das schon damals gesagt werden konnte, aber ich glaube, wenn man von einem religiösen Standpunkt aus die moderne Gesellschaft kritisieren will, dann könnte man diesen Satz wortwörtlich wiederholen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1970
No. 194/I, Seite 91
Autor/inn/en:

Erich Fromm:

Erich Fromm, Psychoanalytiker und Sozialphilosoph, wurde am 23. März 1900 in Frankfurt am Main geboren. Nach seiner Promotion in Soziologie 1922 in Heidelberg kam er mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds in Berührung und wurde Psychoanalytiker. 1933 emigrierte er in die USA, wo er an verschiedenen Instituten lehrte, und anschließend, von 1950 bis 1974, an der Universität von Mexiko City unterrichtete. Er starb 1980 in Locarno in der Schweiz.

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