FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 481-484
Eckart Früh

Kokoschka verzeiht Ihnen, denn Sie wissen nicht, was Sie tun!

Rechenschaftsbericht mit zwei unbekannten Briefen von O.K.*

Die Ablehnung, die Oskar Kokoschka am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn in der Wiener Öffentlichkeit widerfuhr, war, von guten Freunden wie Adolf Loos und Karl Kraus abgesehen, einhellig und schroff. Sie galt dem Maler, dem unverblümt »völlige künstlerische Impotenz« [1] nachgesagt wurde, aber auch dem Schriftsteller. Als am 5. Juli 1909 im Gartentheater der Kunstschau zwei Stücke Kokoschkas aufgeführt wurden, beschrieb Stefan Grossmann, damals für die sozialistische »Arbeiter-Zeitung« tätig, die Publikumsreaktionen folgendermaßen:

Am Schluß stieg die Komödie ins Ulkhafte. Die Zuschauer schrien im Takte nach Herrn Kokoschka, dazu wurde gepfiffen und gesungen. So begeistert ist noch selten einer angeblasen worden! Zuweilen wurden Zitate aus dem Drama gerufen: »Wir lechzen nach seinem Blute!« Dieser Ulk währte eine halbe Stunde. Erst als Herr Kokoschka sehr bleich und aufgeregt im Zuschauerraum erschien, hörte die Hetze allmählich auf. [2]

Um sich bei nächster Gelegenheit kunstkritisch fortzusetzen. Anfang Februar 1911 wurde im Hagenbund eine Ausstellung der Jungen eröffnet, unter ihnen Oskar Kokoschka. Arthur Roessler, dem nachgesagt werden sollte: »seiner feinen Witterung für das werdende Talent verdanken Kokoschka (...) und viele andere jungösterreichische Maler und Plastiker tatkräftige Förderung in den ersten Stadien ihrer Entwicklung«, [3] kommentierte das Ereignis in der »Arbeiter-Zeitung«:

Um eines Trumpfes sicher zu sein, luden die Jüngsten Oskar Kokoschka zu Gaste. Er kam und füllte zwei Säle mit seinen aus einer Brühe von molkigem Eiter, Blutgerinsel und salbig verdicktem Schweiß gezogenen Lemuren. Das lange Zeit verborgen gewesene Binnenleben der Seele ist von Oskar Kokoschka entdeckt! — rufen nervengekitzelte Neurastheniker und deutsche Obskuranten, die sich snobistisch freuen, daß endlich wieder einmal in der Kunst etwas da ist, das sich nicht beweisen läßt, sondern geglaubt werden muß. Ich verhalte mich solchem Schwatz und den von ihm gepriesenen Dingen gegenüber skeptisch, weil ich der Meinung bin, daß ein Bild auch ohne Ausdeutung verständlich sein muß; wenigstens den Sinnen, durch die es erfühlt, erfaßt werden soll und kann. Malerei nun ist sehsinnlich, will gesehen, erschaut sein. Wunder gibt es in ihr nicht; es gibt überhaupt keine Wunder, wie einer richtig sagte, weder in der sinnlichen noch in der geistigen Welt, das Dasein selbst ausgenommen, das ein Abgrund des Denkens und Fühlens ist. Ich muß allzu oft hören, daß Kokoschka mit »mystischen« Mitteln arbeite und zu wirken trachte — ich wollte, er täte das mit malerischen Mitteln, es wäre künstlerischer. Ich hielt Kokoschka bisher für künstlerisch impotent, tue das nun nicht mehr, weil ich Beweise dafür sah, daß er als Maler eine Durchschnittsbegabung hat. Wenn er absichtslos zeichnet und malt, ist das Hervorgebrachte nicht besser und nicht schlechter als die vielen, viel zu vielen, die leidliche Maler, aber keine Künstler sind. Ich sehe es den Bildern an, daß Kokoschka auf normalem Wege keinen Erfolg für sich erwarten konnte und daß er deshalb in einem Augenblick äußerster Verzweiflung den Sprung ins Leere wagte. Er sah sich dennoch inmitten eines Lebens, das einer Hölle gleicht, und darin weilt er noch. Ein Menschenfreund ist er sicherlich nicht, aber er ist auch nicht aufgeregt, nicht betrübt, nicht entrüstet, nicht geärgert, nicht zornig über die Menschen; er haßt sie nicht, er verachtet sie bloß, ganz ruhig, fast mit Behagen, mit einer Art ingrimmiger Zärtlichkeit. Er tut den Leuten weh, die er anpackt, ohne daß er es vielleicht so recht eigentlich will, denkt aber: Mit Handschuhen an den Pranken kann die Katze nicht Mäuse fangen.

Des sinnlichen Wohlgefühls wegen, das ihre leuchtende Glut erregt, liebt Kokoschka gewiß die Edelsteine und Blumen; aber er meidet ihre Farben, weil die Bürgersfrauen sie an ihren dicken Fingern und fetten Busen tragen. Seine Farben braut er sich zusammen aus giftiger Fäulnis, gärenden Krankheitssäften; sie schillern gallgelb, fiebergrün, frostblau, hektischrot und ihre Bindemittel scheinen penetrantes Jodoform, Karbol und Asa foetida zu sein. Er verschmiert sie salbig und läßt sie krätzig verkrusten, narbig verharschen. Er malt die Antlitze von Menschen, die in verdorbener Bureauluft verwelken, die nach Geld gieren, lungernd das Glück erwarten und sich gemein belustigen. Er malt ihre milbige Haut, ihr schwärendes Fleisch, das in innerer Hitze dünstet, von Ausschweifungen zermürbt, von Krankheiten zerfressen ist. Möglicherweise ist die linkische Darstellung der ekligen Unreinheit schwammiger und poröser, lederner und lappiger, gepunkteter und gesprenkelter, siecher Körper nichts anderes als der trostlose Ausdruck einer in qualvoller Zersetzung befindlichen Seele, die durch verkalkte Augen in die Welt schaut. Verworfenes ist ihr Reiz. Sie haben eine gewisse Bedeutung als Manifestationen einer verwesenden Zeit; künstlerisch gewertet sind sie Farbengemetzel. [4]

Die Ignoranz und die Schmach, ihr Opfer geworden zu sein, bestimmten Kokoschkas intransigente Haltung zu Wien auf Jahre; was sogleich am Beispiel dargetan werden soll.

Von den Briefen, die Oskar Kokoschka an Egon Schiele geschrieben hat, ist einer bekannt. Er datiert vom 6. Januar 1918 und bezieht sich auf eine kurz zuvor ergangene Einladung, an einer Ausstellung in Wien teilzunehmen, die Antwort fiel ablehnend aus. Obwohl er, so schreibt Kokoschka dem sehr geehrten Herrn Schiele, »den Bestrebungen der Vereinigung«, der Sezession, »allen Erfolg wünsche«, wolle er in Wien seine Werke nicht ausstellen, da er »keine Anzeichen besitze, daß sich die Gesinnung der Kreise, die sich dort mit Kunst beschäftigen«, ihm gegenüber gebessert hätte. [5] Die Absage wurde nicht ohne weiteres hingenommen. Sowohl Schiele als auch die Malerkollegen Anton Faistauer und Richard Harlfinger, der zu dieser Zeit Präsident der Sezession war, versuchten Kokoschka umzustimmen oder zu bewegen, die Gründe seiner Ablehnung öffentlich kundzutun. Umsonst; unterm 16. Januar 1918 schrieb er das Schlußwort in dieser Angelegenheit:

Sehr geehrter Herr Schiele!

Infolge meines neuerdings verschlechterten Gesundheitszustandes kann ich Ihnen nur in Kürze mitteilen, daß ich weder den Abdruck meines an Sie gerichteten Schreibens noch eine Beleuchtung meiner Beweggründe in der Form einer Vorrede wünsche. Zweck meiner Abstinenz ist eben, daß sich die Wiener Öffentlichkeit mit mir so wenig beschäftigen möge, wie ich mit dieser. Aber auch nicht im negativen Sinn! Ich brauche Ruhe dringend, die ich nur dann bekomme, wenn man mich in Wien vergißt, wie ich beginne, meine üblen Erfahrungen dort zu vergessen. Sollten sich die »maßgebende Stellen«, wie ich nicht annehme, erkundigen, so genügt die Begründung vollkommen, daß ich durch meine mir im Felde zugezogene Erkrankung bis heute verhindert bin, Ersprießliches zu leisten, was auch den Tatsachen entspricht. Ich bitte noch im gleichen Sinn Herrn Faistauer und Herrn Harlfinger, die ähnliche Beweggründe wie Sie anführten, um mich zur Teilnahme anzuspornen, für mich gütigst zu antworten, weil mir momentan das Briefschreiben sehr sauer wird.

Mit freundlichen Grüßen Oskar Kokoschka [6]

Ein Störer, ein Nährer des Biedersinns, allemal imstande, Gemüter zu erhitzen, war und blieb Kokoschka zweifellos.

Glücklicherweise konnte die Obrigkeit wenigstens einmal einen zu erwartenden Skandal verhindern; sie verbot kurzerhand die Aufführung seines Stückes »Schauspiel« an der Neuen Wiener Bühne. [7] Das war 1913; fünf Jahre später, in turbulenter, ganz und gar dubioser republikanischer Nachkriegszeit, hatte die Zensur wenig oder nichts zu bestellen. Infolgedessen kam es, wie es kommen mußte, zum Skandal — diesmal in Berlin.

Aus Berlin, 25. d., wird uns telegraphiert: Ein Theaterskandal, von einem Umfang und einer Intensität, wie er in Berlin wohl noch niemals sich ereignet hat, beschloß heute mittag die Aufführung von zwei Dramen des Wiener Malers und Dichters Oskar Kokoschka im Deutschen Theater. Diese beiden seltsamen Erzeugnisse eines sehr eigenwilligen Geistes wurden im Rahmen der vom Verein Junges Deutschland« veranstalteten Aufführung gegeben. Das eine Stück heißt »Der brennende Dornbusch«, das andre »Hiob«. Die Regie hatte Kokoschka selbst geführt. Man kann nicht von Stücken im üblichen Sinne sprechen und das, was das Publikum auf der Bühne vor sich gehen sah, kann überhaupt nicht rubriziert werden. Wenn das Dichtungen waren, so blieben ihr Verlauf, ihr Sinn und ihre Absicht vollkommen verborgen, weil das geschärfteste Ohr, das sich sonst allen Nuancen einer leidenschaftlichen Seelendurchforschung erschließt, den rätselhaften Worten und den noch unklareren Ereignissen schlechtweg keine begreifbare Bedeutung abzugewinnen vermochte.

Rauschzustände, kranke Geistesverfassung, tummelten sich auf der Bühne. Eine Dirne scheint nach Entführung zu verlangen. Ein alter Narr wird von seinen Eifersuchtsqualen nur befreit, indem er buchstäblich seinen Kopf verliert, den dann der Gärtner aus dem Gartenbeete aufliest, um unter freudiger Anteilnahme einer Gruppe von nie zu erklärenden allegorischen und symbolischen Gestalten mit Blumen bekränzt zu werden. Bewundernswert war jedesmal der Opfermut der Darsteller, die sich dem Zorn und Spott des Publikums Preisgaben, als sie diese sogenannten Dramen spielten, von denen sie selbst ebenso wenig wie die Zuhörer auch nur ein Wort verstanden haben. Die Aufführung des »Brennenden Dornbu-sches« lief noch ziemlich glimpflich ab, aber nach dem »Hiob« brach der Sturm los, der nach einer halben Stunde, als Ihr Berichterstatter das Haus verließ, noch mit derselben Leidenschaft wie am Beginn fortraste. Unter Johlen, Pfeifen, entrüsteten Zurufen und erstickten Beifallsschreien traten die tapferen Künstler vor. Dann auch mit diesen zusammen und später allein Kokoschka, dessen Erscheinen den Sturm bis zum Orkan anschwellen ließ. Kokoschka bewegte sich lächelnd und mit einer sehr beredten Geste über die Bühne. Er hielt eine Art Ansprache, die er mit den Worten schloß: »Ihr könnt mir alle zusammen gewogen bleiben, Idioten, die ihr seid.«

Das Publikum war wenigstens klug genug, diese mit einer nicht zu verkennenden Geste begleitete Liebenswürdigkeit zu begreifen, und es revanchierte sich. Mitten hinein in den heulenden Lärm und das Pfeifen unzähliger Hausschlüssel drang der Ruf: »Wir protestieren im Namen des jungen Deutschland dagegen, daß ein solcher Unfug aufgeführt wird!« Das war nun wieder das Signal zum Angriff für die Anhänger Kokoschkas. Sie riefen: »Kokoschka verzeiht Ihnen, denn Sie wissen nicht, was Sie tun!« Nur wenige verließen das Haus, als das Licht verlosch. Man schrie jetzt stürmisch nach der Beleuchtung, die denn auch später wieder eingeschaltet wurde. Man wollte nicht im Dunkeln verhandeln, und nun wurde die Szene zum Tribunal. Es wurden regelrechte Ansprachen gehalten. Plötzlich ging der eiserne Vorhang wieder in die Höhe, ein Herr erschien und rief dem Publikum zu: »Was man euch nicht vorkaut, versteht ihr nicht!« Der Lärm und das Toben schwollen zur Exaltation an. Stürmische Rufe »Vorkauen!« durchschwirrten den Saal. Neue Haustorschlüsselpfiffe, neue Raserei der Kokoschkafreunde, gegenseitige Beschimpfung einiger wildgewordener Parteigänger, Hoch!-Rufe auf Kokoschka. Das eine bleibt nur das Betrübliche an diesem beispiellosen Theaterskandal, daß in den furchbarsten Stunden, die Deutschland jemals erlebt hat, eine so ungeheure Energie an eine im letzten Grunde durchaus nichtige Sache verschwendet werden konnte. [8]

Dies die deutschen Verhältnisse; war es in Österreich anders? Noch 1929 — Kokoschka hatte sich in Deutschland durchgesetzt — gab Armin Friedmann seiner Verwunderung Ausdruck, daß der Maler »merkwürdigerweise in Wien noch große Gegnerschaft seines bereits international anerkannten Gesamtschaffens« habe. »Man lehnt sich wild gegen ihn auf, man lehnt ihn heftig ab.« [9] Daß es dennoch schon 1924 zu Ausstellungen wichtiger Jugendwerke kam, ist unter anderem dem Umstand zu verdanken, daß Otto Nirenstein-Kallir, der bedeutende Sammler und Förderer moderner Kunst, ihnen in seiner Neuen Galerie Raum gab. Hermann Menkes würdigte sie im »Neuen Wiener Journale«:

Tief erbittert hat Oskar Kokoschka diese Stadt vor Jahren verlassen. Er war das Opfer eines banalen Schönheitskults, erregte den Haß mittelmäßiger Salonkünstler, die in Wien sich noch jetzt breit machen und ihr Unwesen treiben. Man erschrak vor Kokoschkas schwermütigem Eigensinn, vor seiner Unruhe und vor all der Sensibilität, die in seinen Bildnissen letzte Geheimnisse und alles Morbide des Seelenlebens offenbarte. Man sah Häßlichkeit, wo es eine eigene und durchgeistigte Schönheit gab, und schalt eine Kunst als Fremdkörper, die mit ihren zarten Farbenklängen und ihrer rokokohaften Anmut doch sehr von der Wiener Atmosphäre umgeben war.

Er kehrt nun mit einer Ausstellung von Graphiken und Aquarellen (in der feinsinnigst geleiteten Neuen Galerie) zögernd zurück. Diese Ausstellung gibt kein volles Bild seines Schaffens. Seine Ölmalerei fehlt vorläufig hier noch ganz, in der er am längsten nach einer vollen Harmonie persönlichen Farbenakzents rang. Wir sehen Kokoschkas allererste Meisterschaft, den Zeichner, der er von Haus aus war. Die bedrückende Überfülle seiner koloristischen Vision, an der er zu Anfang seiner Malerei oft litt, wandelte sich in seiner Linie zu sparsamster Einfachheit und ideenreicher, reiner Ausdruckskraft. Eine etwas feminin betonte Kunst in beiden; da wie dort bezaubernd seine einschmeichelnde Grazie, die Feinheit seiner Handschrift. Wir wissen heute, daß dieser oft hypersensible Künstler, der als Umstürzler verschrien wurde, niemals der Abstraktion und der völligen Vernichtung der Tradition huldigte, daß seine Beziehungen zu Greco, Tintoretto und Cézanne reichen. Und daß er von einem sehr subjektiven Empfinden ausgeht, das die jungen Abstrakten aus der Kunst ausschalteten. Man mag den phantastischeren Ensor als seinen nächsten Verwandten in der gegenwärtigen Kunst anrufen. Edvard Munch vielleicht auch. Über all dem siegt jedoch seine eigene Persönlichkeit. In seiner jetzigen Zeichnung ist hie und da schon ein Aufklang freudigerer Lebensanschauung. Oft wandelt sich sein Bild zum zarten Märchen, seine Landschaft zu einem hingehauchten Eden. Leichtbeschwingt bewegen sich seine fast entmaterialisierten Gestalten. Aber Trauer brütet noch in seinen Frauengesichtern. Er belauscht die unberührte Schönheit von Knaben und jungen Mädchen, die er in duftige Landschaften stellt. Monumentalität ist nicht Kokoschkas Absicht; sie ist seiner delikaten Kunst kaum gegeben, wohl aber das Ekstatische neben dem Spiel von Melancholien, das inbrünstig Feierliche. Am schönsten zum Ausdruck gelangt dies in den Blättern zur Bach-Kantate, in manchem Legendenhaften. Einen geringeren Kontakt fand ich zu einigen seiner etwas grell kolorierten, schrullenhaft gezeichneten Aquarelle. [10]

Wesentlich eingehender beschäftigte sich Alfred Markowitz, Roesslers Nachfolger in der »Arbeiter-Zeitung«, mit Kokoschka. Anlaß, sich auch des Malers anzunehmen, bot eine weitere Ausstellung, die im Oktober 1924 eröffnet wurde:

Die neue Galerie, Grünangergasse Nr. 1, hat eine stattliche Reihe von Gemälden Oskar Kokoschkas, darunter viele aus Privat- und öffentlichem Besitz, für eine im Februar in New York stattfindende Ausstellung zusammengestellt. Die Werke aus den Jahren 1907 bis 1915 zeigt sie nun, bevor sie ihre Reise über den Ozean antreten, die aus späterer Zeit will sie nach deren Rückkunft ausstellen.

Gegenwärtig sind in der Österreichischen Kunstausstellung im Künstlerhaus zwei ältere Bilder des Künstlers und in der Internationalen Kunstausstellung in der Sezession drei jüngere zu sehen. Viele von denen, die sie verglichen haben, mögen sich mehr für diese begeistert haben, aus welchen vor allem der große Farbenkünstler spricht, zu dem sich Kokoschka schließlich entwickelt hat. In den älteren Bildern dagegen kündigt sich zwar sein koloristischer Genius bereits an, aber er wird nur mehr oder weniger stark von seelendeuterischen und frühexpressionistischen Neigungen überwuchert. Koloristische Anlagen entfalten sich eben immer langsamer und unter größeren Schwierigkeiten. Der besondere Reiz der Ausstellung in der Neuen Galerie besteht nun darin, daß sich in ihr die Entwicklung im großen und ganzen verfolgen läßt.

In den Mittelpunkt des Interesses tritt das »Stilleben mit dem Hammel aus dem Jahre 1907. Über einen abgehäuteten Hammel klettert links eine Riesenschildkröte. Rechts überschneidet ihn ein großer brauner Krug, dessen unterer Teil durch ein rechteckiges gläsernes Aquarium schimmert, in welchem ein Axolotl schwimmt. Vor dem Aquarium liegt eine Tomate und wirft ihre roten Reflexe auf die Glaswände des Aquariums und den Axolotl. Im Vordergrund links spielt eine Maus, am Rande rechts schießt eine weiße Hyazinthe auf und breiten sich die fleischigen Blätter einer kaktusartigen Pflanze aus. Der Hintergrund links wird durch eine gebirgige Landschaft, rechts durch eine Mauer gebildet.

Tritt man nahe an das Gemälde heran, so wird man gefangengenommen von dem geheimnisvollen Raumleben, das sich in dem schwärzlichen Gesamtton entfaltet, und von der Zauberkraft der emailartigen Farben, die durch diesen hindurchleuchten. In dem Maße aber, in welchem man von dem Bilde zurücktritt, verschlingt das Düster des Gesamttons die in die unbestimmte Tiefe ziehende dritte Dimension und heben sich die Farben flächiger voneinander ab, so daß man schließlich von einem kunstgewerblichen Eindruck sprechen könnte, bliebe nicht der gespensterhafte Ausdruck der Farben und Formen übrig. Gorgonenhaft blickt einen das bloßgelegte große Auge des Hammels an. Wie Würmer winden sich die weißen Fett- und die rosafarbigen Fleischpartien des hautlosen Körpers durcheinander. Der Leitgedanke des Sich-wurmartig-Windens wird lebendig zur Anschauung gebracht in dem schwimmenden Lurch, wieder anders abgewandelt in den Blättern des Kaktus und klingt rein ornamental aus in den leicht geschwungenen Linien des Schildkrötenpanzers. Spukhaft wirkt die weiße Maus mit ihrem roten Auge, in wirksamem Gegensatz zu ihr steht die blühende weiße Hyazinthe.

In dem Gemälde sind die charakteristischen künstlerischen Eigenschaften Kokoschkas im Keime vereint. In der Folgezeit entfaltet er sie einzeln. In den Porträten des Jahres 1908 bildet er seine Fähigkeit aus, die Formen zu geradezu unheimlicher Ausdruckskraft zu steigern. Der Eigenausdruck der Linien tritt nahezu ganz hinter den Ausdruck der durch sie gestalteten Formen zurück, und wo die Farben ihre formgestaltende Aufgabe überschreiten, vereinigen sie sich kaum schon zu selbständigen, gleichsam musikalischen Wirkungen, sondern dienen sie lediglich der Erzeugung von Stimmungen, die dem Ausdruck der Formen erhöhte Resonanz verleihen. Die vom Künstler visionär erschauten verborgensten Triebfedern der Seele werden auf solche Art nicht nur durch die Schädelform und Mienen der Porträtierten, sondern auch durch die Hautbildung und selbst durch die Gestalt des Nackens, der Schultern oder der Hände zur Anschauung gebracht.

Insbesondere die Hände spielen in den Bildnissen Kokoschkas eine bedeutende Rolle. So in dem Porträt des Architekten Loos aus dem Jahre 1909. Hier erinnern die ineinander verschlungenen, markig gezeichneten Hände an die sich windenden und verflechtenden Linien und Bänder des Stillebens vom Jahre 1907. In anderen Bildnissen des Jahres 1909 wird der wieder aufgenommene lineare Stil weiter zu einer geradezu ornamental oder kalligraphisch anmutenden Liniensprache ausgebildet, ohne daß darunter deren eigene und die Ausdruckskraft der Formen litte, zu denen sich schließlich alle Linien vereinigen. Nur die manchmal gruselige Psychoanalytik der früheren Bildnisse ist einer alle seelischen Anlagen zusammenfassenden, deswegen aber nicht weniger tiefschürfenden Charakteristik gewichen.

In dem Bildnis Loos tritt ferner die Farbe als selbständiges Ausdrucksmittel hervor. Von nun an zeichnet Kokoschka mit der Farbe. Damit bereitet sich die Synthese von linearem und koloristischem Stil vor, die der Künstler schließlich vollzogen hat.

Neben dieser Entwicklung laufen gelegentliche Versuche einher, sich mit kubistischen Anregungen auseinanderzusetzen. Zu diesen Versuchen ist, ebenso wie der Akt im Künstlerhaus, das Selbstbildnis des Jahres 1909 zu zählen. Kubistische Einflüsse zeigen sich hier namentlich in dem opalisierenden Rosa des Inkarnats und in dem blauen, sich allerdings nur in leisen Andeutungen über die Bildfläche spannenden Liniennetz.

In dem tanzenden Paare des Jahres 1914 haben den Künstler nahezu ausschließlich koloristische Probleme beschäftigt. Die Linie spielt hier nur als großzügiger Umriß eine gewisse Rolle. Die Modellierung der Figuren ist mit Hilfe von länglichen, schindelartigen, aber nach verschiedenen Richtungen strebenden Farbflächen durchgeführt. So prachtvoll koloristische Einzelheiten und der Rhythmus sind, der sich durch das Ganze zieht, die Umrißlinien bieten der Farbenkomposition nicht den nötigen Halt. Sie scheint zu zerflattern.

In dem großen Bilde »Irrender Ritter« des Jahres 1915 dagegen ist die Synthese von linearem und koloristischem Stil nahezu vollzogen. Die durchsichtigen Farben, aus denen der Körper des am felsigen Meeresstrand liegenden Ritters gestaltet ist, erhalten durch ein Knochengerüst aus farbigen Linien, durch das die Binnenzeichnung gegeben wird, Festigkeit. In diesem Knochengerüst zeigt sich auch wieder Kokoschkas Neigung zu ornamentaler Rhythmik. Aber berauschend ist der Rhythmus der wogenden farbigen Linien, die das Meer mit seinen spitzen Riffen darstellen. Hier nähert sich Kokoschka bereits seinem Höhepunkt als Kolorist. Und hier ist auch das Raumproblem bereits vollkommen bewältigt. Nicht den durch erdschwere Körper erfüllten Raum hat Kokoschka hier gestaltet, sondern den abstrakten, die Körper in sich aufnehmenden Raum, den Raum, durch den die Körper erst zu Körpern werden. Es ist, als ob nicht die Körper den Raum gestalteten, sondern umgekehrt, der Raum die Körper. So durchsichtig, so immateriell sind die Körper, so bezwingend die Dreidimensionalität des Raumes dargestellt.

In der Ausstellung sind auch einige Aquarelle zu sehen. Vier Aquarelle zum »Robinson« aus dem Jahre 1907 und eine Reihe von Aquarellen aus jüngster Zeit. Aus ihnen kann man den Weg ermessen, den Kokoschka seit seinen Anfängen durchmessen hat. Die Aquarelle zum »Robinson« sind noch ganz kunstgewerblich. Zeichnung und Farbe bestehen nebeneinander. Die geschmackvollen Farben dienen mehr oder weniger nur dazu, die durch die Zeichnung ornamental umschriebenen Flächen auszufüllen. In den jüngsten Aquarellen dagegen leuchten Formen und Ausdruck aus dem Organismus der bedrückenden Farben selbst heraus. [11]

Verständnis für moderne Malerei, das der Verfasser mit gebotener Sachlichkeit wecken wollte, war tatsächlich nicht vorauszusetzen. Am 23. Oktober 1924 wurde in der Wiener Sezession ein Bild Max Beckmanns, in der Neuen Galerie eines von Oskar Kokoschka durch Messerstiche beschädigt, [12] der Täter nie gefaßt. Kokoschka, der im Oktober des Vorjahrs nach Wien gekommen war — sein Vater war gestorben —, verließ die Stadt unverzüglich. Bevor er nach Paris abreiste, schrieb er einen Brief mit dem Ersuchen, ihn zu veröffentlichen. Das »Neue Wiener Journal«, offenbar kein anderes Blatt, veröffentlichte ihn:

25. Oktober 1924

Sehr geehrter Herr Nirenstein!

Erbittert über die boshafte Beschädigung eines meiner wichtigsten Jugendwerke bitte ich, weil ich nicht den Sachwert meiner Bilder zu schützen habe, was Sache der betreffenden Besitzer ist, für mich das Recht in Anspruch nehmen zu dürfen, so lange hier Narren frei herumlaufen, mein geistiges Eigentum vor der Öffentlichkeit zu wahren.

Ich habe in andern Ländern Beschädigung meiner Bilder, Attentate gegen meine Bühnenaufführungen und gegen meine Person erlebt. Dann aber waren es immer abnorme Personen, deren Ohnmacht sich ebenso gegen andere Objekte der menschlichen Kultur erbost hätte. Der vorgekommene Fall aber ist, soweit meine persönliche Erfahrung erkennt, symptomatisch für ein steriles Herostratentum einer ganzen Gesellschaft, das genährt wird von einer dem Schöpferischen abholden Presse, die 1907 gegen dieselben Bilder in der Kunstschau zu geifern begann, während das Publikum dieselben verunreinigte; die mich, so oft ich hier an Schulen für Kinder, Lehrlinge, Kunststudenten gleichwohl als Lehrer zu wirken versuchte, den Behörden denunzierte. Bis einer Künstlervereinigung gar das Lokal zu Strafe für eine Ausstellung von mir weggenommen wurde (1911), was meine Auswanderung erzwang, worüber dieselbe Presse mit der Prämiierung meiner Epigonen triumphiert.

Seither hatte ich mich gegen alle Überredungsversuche von seiten meiner Freunde, an einen Wandel glauben zu wollen, taub gestellt und Sie, mein Lieber, als Sie die Ausstellung eröffneten, vor einem schlimmen Endeffekt gewarnt. Ich bitte Sie nun freundlichst, zu veranlassen, daß sowohl aus Ihrer Ausstellung, wie auch aus der der Sezession, dem Künstlerhaus und Rathaus sofort alle Bilder meiner Hand ihren Besitzern zurückgestellt werden mögen.

Mit dem Ausdruck meiner freundlichsten Gesinnung gegen Sie, bester Herr Nirenstein,

Oskar Kokoschka m. p.

Die Entrüstung Kokoschkas über den Vandalismus des unbekannten Bildzerstörers, hieß es dazu im »Neuen Wiener Journal«, sei gewiß begreiflich, aber es

erscheint doch ein bißchen zu weit gehend, hiefür die Allgemeinheit verantwortlich zu machen. Der Täter war vermutlich ein fanatischer Gegner jener künstlerischen Richtung, die Kokoschka vertritt. Kokoschka kann sich über Wien nicht gerade beklagen, weil seine künstlerische Begabung hier entsprechende Anerkennung gefunden hat. Um so weniger hatte er Anlaß, das Kunstverständnis des Wiener Publikums herabzusetzen und zu schmähen. Wenn seine hochgradige, anscheinend hysterische Erregung geschwunden ist, wird er vielleicht selbst zu der Einsicht gelangen, daß er zu der Schmähung des Wiener Publikums keinen Grund hatte. [13]

Einen Artikel über die Ausstellung brachte das Blatt erst am 28.10.1924. Oskar Kokoschka, heißt es da,

von dem Werke aus verschiedenen Abschnitten seines Schaffens im Künstlerhaus, in der Sezession wie in einer ganz ihm gewidmeten Ausstellung in der Neuen Galerie zu sehen waren, hat sich eines bedauerlichen Vorfalls wegen in einem veröffentlichten Brief in etwas brüsker Weise von Wien und seinem Publikum losgesagt. Wohl ist es zu seinen Anfängen auch ihm gar arg in Wien ergangen. Aber er gehört längst nicht mehr zu den verkannten Österreichern, mag auch eine Beurteilung, die virtuoses Handgelenk oder gar nur zeichnerische Korrektheit mit Kunst verwechselt, auch jetzt noch ablehnend sich ihm gegenüber verhalten. Dieser eigenwillig neurasthenische Künstler hat das Verständnis auch dem Willigen schwer gemacht, wie seine eigene Entwicklung es gewesen. Kokoschka hat in schwerem Ringen durch Stile und künstlerische Zeiteinflüsse sich erst durchschlagen müssen, ehe er zu seiner harmonischen Synthese und zu einer rein persönlichen Kunst gelangte. Lange haben die verschiedensten Elemente vom Kubistischen bis zum Expressionismus seinem Schaffen den Charakter des Experiments verliehen. Ein pathologischer Einschlag, die Neigung zum charakteristisch Häßlichen, machte dem ästhetisch Befangenen seine Kunst nur schwer zugänglich. Kokoschka setzt jetzt noch alles Gestaltete ins Morbide um. Seine Reize fließen aus der Linie oder der Farbe. Mit dem koloristischen Medium hat er am längsten gerungen, ehe er zu seiner jetzigen Noblesse und Ausdrucksfähigkeit gelangte. Ein Beweis hiefür ist sein einst viel umstrittenes »Stilleben mit dem Hammel, das noch in einem koloristischen und gegenständlichen embarras de richesse schwelgt und in dieser Nuancenüberfülle verwirrt. Aber wir wissen heute, daß er in seinen Bildnissen ein tiefgründiger Seelendeuter ist, auch wenn er aus eigener Verfassung vieles in seine Darstellung hineinfließen läßt; daß seine Malerei eine ungemein vergeistigte, seine Farbenvision von magischem Reiz ist. Oft erreicht seine Koloristik die große Noblesse eines Velasquez. Überaus geistvoll ist seine lineare Eleganz, so besonders in seinem mit vielen ornamentalen Wirkungen verbundenen »Irrenden Ritter«. Da, wie in einigen seiner eindrucksvollen wie reizenden Frauen- und Kinderbildnisse ist bereits der gefestigte, synthetische Stil eines ganz individuellen Meisters. Ein Glanz, den allerdings nur ein ebenso verfeinertes Auge wahrnimmt. [14]

Wenig später entbrannte ein »Künstlerstreit in Wien«, [15] bei dem, wie nicht anders zu erwarten, auch Kokoschka eine Rolle spielte. Anlaß war die für 1925 geplante dritte internationale Kunstausstellung in Rom, wo zum ersten Mal österreichische Künstler ihre Werke präsentieren sollten. Gustinus Ambrosi — er hatte eben eine Mussolini-Büste geschaffen — trat als Vermittler in dieser Sache auf und stellte nach Gutdünken, wenn auch im Einverständnis mit dem Unterrichtsministerium, eine Liste der Bildhauer und Maler zusammen, die im faschistischen Italien österreichische Kunst vertreten sollten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hieß es dazu in der Presse, wären die Einladungen auch angenommen worden.

Gegen die Auswahl legten Hagenbund, Sezession und Künstlerhaus Protest ein; offenbar gab es Unzufriedene, die sich übergangen fühlten und bemängelten, »daß extrem moderne Künstler wie Kokoschka und Oppenheimer auf der Liste sind.« [16] Oskar Kokoschka reagierte auf die Wiener Vorgänge nicht, wohl aber sein Statthalter, Bruder Bohuslav:

Die Behauptung, daß mein Bruder Oskar Kokoschka die durch Herrn Ambrosi an ihn gelangte Einladung zur dritten internationalen Kunstausstellung in Rom angenommen hat, ist ein Irrtum, und zwar schon aus dem Grunde, weil mein Bruder als einziger Österreicher von der italienischen Leitung selbst, sowohl zur dritten, als auch zur ersten und zweiten internationalen Kunstausstellung in Venedig und Rom eingeladen wurde und diese Ausstellungen, mit Ausnahme der dritten auch beschickt hat. Aus diesem und mehr noch aus dem vorher erwähnten Grunde erübrigt sich die — wie es in Ihrem Artikel weiter heißt — Unzufriedenheit der bei dieser Ausstellung übergangenen Wiener Professoren darüber, daß so extrem moderne Künstler, wie Kokoschka und Oppenheimer eingeladen wurden, und sie nicht, soweit diese Unzufriedenheit gegen meinen Bruder gerichtet ist, von selbst. Oskar Kokoschka steht diesem Künstlerstreit also vollkommen fern, schon deshalb, weil er sich in Paris befindet, denkt nicht daran, auszustellen, da er nicht nur die italienische, sondern auch eine Einladung für Paris, London und New York abgelehnt hat.

Es ist sehr bedauerlich, vielleicht sogar komisch, daß die selbstlosen und von den besten Absichten geleiteten Bemühungen des Herrn Ambrosi auch Künstlern, die mit ihren Werken noch nicht bis über die Landesgrenze gelangt sind, den Weg zu ebnen, mit Protestkundgebungen, Gegenagitationen und Vorsprechen beim Unterrichtsministerium beantwortet werden. [17]

Kokoschkas Aufforderung, seine Bilder an die Besitzer zurückzustellen, dürfte befolgt worden sein; doch blieb er weiterhin auch als Künstler in Wien präsent. [18] Zu einer großen Werkschau kam es freilich erst, als er in Deutschland längst für entartet erklärt worden war [19] und man sich in Österreich halbherzig, wenn auch vollmundig vaterländisch gebärdete.

Der eingangs zitierte Brief an Egon Schiele ist Bestandteil eines Artikels, den der Besitzer, der Kunstkritiker und Bibliothekar Hans Ankwicz-Kleehoven, am 1. März 1936 in der »Wiener Zeitung« unter dem Titel »Oskar Kokoschka — 50 Jahre« veröffentlicht hat. Erscheinungsort und -zeit sind kein Zufall. Der Kulturteil der amtlichen »Wiener Zeitung« war während der — gemessen an deutschen Verhältnissen — kleinen Diktatur unter Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg ein Refugium freieren Geistes; darüber hinaus entsprach es den Vorstellungen sogenannter vaterländischer Kreise, den inzwischen weltberühmten Künstler angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung für die österreichische Sache zu gewinnen. In diesem Sinn sprach Ankwicz-Kleehoven am Ende seines Geburtstagsartikels den Wunsch aus, man möge den in Prag lebenden, »trotz allem österreichisch fühlenden Meister wieder in engeren Kontakt mit seiner Heimat bringen«.

Ein gutes Jahr später, verzögert durch wie immer geartete technische Schwierigkeiten, war es soweit. Am 14. Mai 1937 wurde im Säulenhof des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie (Stubenring 2) die vom Neuen Werkbund unter seinem Präsidenten Klemens Holzmeister veranstaltete, von Karl Moll initiierte und arrangierte große Kokoschka-Ausstellung eröffnet. Die Eröffnungsansprache hielt der Bundeskommissär für Kulturpropaganda und Minister a.D. Hans Hammerstein-Equord. Er bezeichnete die Ausstellung als einen geeigneten Versuch, Österreich für Kokoschka und Kokoschka für Österreich zu gewinnen. »Seine Freunde«, fuhr der Minister fort,

mögen ihm die Botschaft übermitteln, daß sich das neue Österreich anders zu ihm stelle als das alte, das ihn ablehnte. Das neue Österreich sei sich seiner kulturellen Aufgabe bewußt, wolle seine Kulturschätze wahren und seine Kulturkräfte fördern, sei stolz auf Kokoschka und wisse seine Kunst zu schätzen. Darum möge auch er an das neue Österreich glauben und in die Heimat zurückkehren. [20]

»Komm«, schrieb Karl Moll im Ausstellungskatalog, »und sieh, wie wir Dir zum Geburtstag den Kranz gebunden haben, aus den Blumen, die Du gezüchtet hast. Wir grüßen Dich, wir reklamieren Dein Werk, reklamieren dich für Österreich, für Deine, unsere Heimat!« [21]

Als Heimatkünstler verstand sich der so freundlich Umworbene nicht. Kokoschka zog es vor, im tschechischen Exil zu bleiben. Er vermochte nicht an ein Land zu glauben, das er nach dem Februar 1934, nach der blutigen Unterdrückung der Sozialdemokratie, mit Abscheu verlassen hatte. Glaubwürdiger war die Einladung, die ihm der sozialistische Bürgermeister der endlich befreiten Stadt Wien zum 1. März 1946 schickte. »Wir laden Sie ein, nach Wien zu kommen«, schrieb Theodor Körner, »um hier Ihrer Kunst zu leben. Wien hat es nötig, seine größten Söhne in seinen Mauern zu wissen, wenn diese Mauern auch brüchig geworden sind. Heute mehr denn je. Wir wollen Ihnen bei Ihrer Ankunft eine Ehrung bereiten, die gleichzeitig manches Versäumnis gutmachen soll.« [22] Er gedenke bald zurückzukehren, lautete die Antwort. Oskar Kokoschka kam im November 1947, auf Besuch; er war inzwischen, sozusagen in tausendjähriger Abwesenheit von Wien, ein Weltbürger geworden.

[1A. R-r. (Arthur Roessler): Kunstschau. In: Arbeiter-Zeitung. Wien, 16.6.1909

[2st. gr.: Kokoschka-Abend in der Kunstschau. In: Arbeiter-Zeitung, Wien, 6.7.1909

[3Hans Ankwicz-Kleehoven: Arthur Roeßler 60 Jahre. In: Wiener Zeitung, 20.2.1937

[4A. R-r.: Hagenbund. In: Arbeiter-Zeitung, Wien, 4.2.1911

[5Oskar Kokoschka: Briefe I, 1905-1919. Hrsg: Olda Kokoschka und Heinz Spielmann. Düsseldorf 1984, S. 281

[6Hans Ankwicz-Kleehoven: Oskar Kokoschka — 50 Jahre. In: Wiener Zeitung, 1.3.1936

[7Die Zensur. In: Arbeiter-Zeitung, Wien, 4.2.1911

[8Theaterskandal im Berliner Deutschen Theater. In: Neues Wiener Tagblatt, 26.5.1919

[9A. Fr.: Die Moderne Galerie. In: Neues Wiener Tagblatt, 28.6.1929

[10Hermann Menkes: Zwei Ausstellungen. Oskar Kokoschka — Uriel Birnbaum. In: Neues Wiener Journal, 27.6.1924

[11Alfred Markowitz: Ausstellung Oskar Kokoschka. In: Arbeiter-Zeitung, Wien, 21.10.1924

[12Attentat auf ein Kokoschka-Bild. In: Neues Wiener Journal, 24.10.1924

[1313 Kokoschka aus Wien abgereist. In: Neues Wiener Journal, 26.10.1924

[14Hermann Menkes: Romako, Kokoschka, Masereel. Drei Ausstellungen

[15In: Neues Wiener Journal, 29.11.1924

[16Ebenda

[17Gustinus Ambrosi an den Unterrichtsminister Dr. Schneider. Der Künstlerstreit in Wien. In: Neues Wiener Journal, 5.12.1924

[18Vgl. f.a.: Sezession. In: Neues Wiener Tagblatt, 4.3.1929. W. D. (= Wilhelm Dessauer): Von Waldmüller bis Kokoschka. Neue Galerie. In: Neue Freie Presse, Wien, 12.3.1929. A. Fr.: Die Moderne Galerie. In: Neues Wiener Tagblatt, 28.6.1929. Kokoschka-Ausstellung in der Neuen Galerie. In: Neue Freie Presse, Wien, 25.10.1932

[19Seine Kunst, so Wilhelm Frick, habe »nichts gemeinsam mit nordisch-deutschem Wesen, sondern beschränkt sich darauf, das minderrassige Untermenschentum darzustellen«. (Frick kontra Kokoschka. In: Arbeiter-Zeitung, Wien, 30.11.1930)

[20Eröffnung der Kokoschka-Ausstellung. In: Wiener Zeitung, 2.6.1937

[21Zitiert nach Hans Ankwicz-Kleehoven: Die Oskar Kokoschka-Ausstellung im Österreichischen Museum. In: Wiener Zeitung, 2.6.1937

[22Bürgermeister Körner an Oskar Kokoschka. In: Weltpresse, Wien, 1.3.1946

*) Beitrag, passend zur Ausstellung »Oskar Kokoschka, Das Frühwerk 1898-1917« noch bis 23. Mai 1994 in der Wiener Albertina, Führungen: Tel. (+431) 534 84-23

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1994
No. 481-484, Seite 46
Autor/inn/en:

Eckart Früh:

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