Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 184/II
Patrice Buriez

Ich kann nicht mehr unterrichten

Geständnisse eines revolutionären Professors

Ich bin 29; Englischprofessor in einem Pariser Arbeitervorort. Mein viertes Jahr dort. Ich habe den Mai erlebt, war aktiv, bin immer noch ein „Enragierter“.

Heute, neun Monate nach dem Mai, ist die Situation so: Ich kann nicht mehr Professor sein. Die Direktion kann nicht mehr Direktion sein. Wir können den Schülern nichts mehr aufzwingen. Alle Disziplinarmittel sınd außer Funktion. Es gibt keine Strafe mehr, keinen Ausschluß aus der Schule, nichts. Das Lyzeum gehört den Schülern.

Meine Stunde ist Freitag, 16 bis 17 Uhr; Wochenende, alle sind überreizt, von 15 bis 16 Uhr ist überdies eine unterrichtsfreie Stunde.

So finde ich mich etwa 30 Buben und Mädchen gegenüber, von 14 bis 17, sie haben die Freistunde mit Tanzen verbracht, Plattenspielen, Gitarrespielen oder Diskussionen über die Weltlage.

Als erstes müssen die Tische in Ordnung gebracht werden. Die Schüler haben sie an die Wand gerückt, um fürs Tanzen Platz zu haben. Dann erinnere ich sie daran, daß ich da bin. Dann, daß ich ihr Englischlehrer bin. Dann habe ich sie halbwegs wieder in der Hand. Dann isr die Stunde um.

Das ist nicht genau das Chaos. Im Gegenteil, sie sind recht höflich mit mir. Nein, es ist etwas anderes. Sie sind irgendwie trunken vor Freiheit.

In dieser Situation können die Beziehungen Lehrer-Schüler nur persönliche sein. Man kann mit ihnen reden, sie hören zu, aber sobald man ihnen etwas sagen will, ist es aus.

Sie reden auch mit mir. Viel. Vor, während, nach der Stunde fragen Sie mich um meine Meinung, manchmal sogar um meinen Rat.

Einmal nahm mich einer von ihnen beiseite. „Nach alledem“, sagte er, „glauben Sie sicher, daß man hier nicht reif ist für die Selbstverwaltung?“

Er sah richtig betrübt aus. Ich wußte keine Antwort.

Ich halte meine Englischstunde wie eine heikle Diskussionsveranstaltung. Ich weiß, daß ich irgendwas Geistreiches oder Heiteres Enden muß, um einen Gegner niederzusetzen, der ein Stück zu hitzig ist; ich muß den Saal auf meine Seite bringen.

Ich muß zehnmal auf die gleichen Fragen antworten, zum Beispiel: was ich von der Monarchie in Großbritannien halte.

Ich muß versuchen, begreiflich zu machen, daß man zwecks Verteidigung gegen eine Gesellschaft, die man ablehnt, sich am besten deren eigener Waffen bedient — und daß Sprachenkenntnis eine solche Waffe sein kann.

Dieses Argument zieht meistens. Sie denken nach, passen auf, sind rührend ernst. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, Erfolg zu haben.

Aber diese Momente sind selten.

Dabei bin ich in einer günstigen Position. Ich war im Mai aktiv, habe mit einer kleinen Gruppe Professoren eine Schülervollversammlung einberufen; um das durchzusetzten, mußten wir den Widerstand der kommunistischen Lehrer- und der kommunistischen Jugendorganisation brechen, und zwar mittels Streiks.

Die große Mehrzahl unserer Schüler, von uns organisiert, nahm an den Straßendemonstrationen teil.

Wir bildeten das erste Professorenaktionskomitee in ganz Paris; es beschloß die Bildung zweier paritätischer Kommissionen aus Schülern und Professoren, eine politische und eine pädagogische Kommission. Sie tagten ein- bis zweimal täglich bis zum 6. Juni, dem Ende des Generalstreiks.

Der Verwaltungsdirektor, knapp vor der Pension, versteckte sich, der Studiendirektor meldete sich krank, die Schule gehörte uns. Die Schulleitung übernahm ein Streikkomitee aus Schülern und Lehrern; wir organisierten den Plakatanschlag, die Lautsprecherdurchsagen, die Küche, den Speisesaal und einen Anschein von innerer Disziplin.

Wir schickten Delegationen zu anderen Schulen und in die Fabriken der Umgebung. Um die Fabriksbesuche mußten wir mit der lokalen KP kämpfen; schließlich ließ sie uns in die Fabriken, unter der Bedingung, daß sie unsere Besuche kontrollieren durfte.

Es gab keinen einzigen Schulausschluß, kein überflüssiges Chaos, alles vollzog sich in außerordentlicher und feierlicher Kollektiveuphorie. Die Welt änderte sich vor unseren Augen.

Wir waren es, die sie änderten.

Ich erlebte, wie die Buben und Mädchen mit 15 die Wirklichkeit der Politik entdeckten, die Wirklichkeit ihrer Situation, ihres Kampfes. Diese Wesen ohne Vergangenheit öffneten große, staunende Augen über einem Land, über einem Leben, das es zu erobern galt.

Ich werde das nie vergessen.

Damals, als einer nach dem anderen in die besetzten Klassenräume kam und die Besetzung immer weiterer Schulen, immer weiterer Fabriken meldete, damals glaubte ich — obwohl ich schon eine politische Vergangenheit hatte, seit meinem 16. Lebensjahr politisch aktiv war —, damals glaubte ich mit aller Kraft an die neue, an die direkte Demokratie — an das, was man heute linke Utopie nennt.

Wir waren zusammen. Es gab keine Unterrichtsstunden mehr, aber jeden Tag versammelten sich etwa 300 Schüler (von 1000), 100 Professoren (von 140) und verbrachten gemeinsam den Tag, den Abend, die Nacht.

Wir waren gemeinsam auf den Barrikaden. Wir wurden Gemeinsam im Polizeiwagen abgeführt.

Wir stehen auf der gleichen politischen Seite, wir haben die gleichen Feinde.

Das alles ist ein erstklassiger Vorteil für mich. Das bedeutet, daß ich niemals von den Schülern beleidigt oder mißhandelt, niemals als Feind betrachtet wurde.

Ein weiterer Vorteil ist, daß meine Schule in einem roten Vorort liegt. Die Schüler sind in ihrer Mehrzahl Söhne und Töchter von Arbeitern oder Kleinbürgern. Sie sind auf natürliche Weise stärker an Politik interessiert und weniger an Frechheit um der Frechheit willen, wie dies bei den Muttersöhnchen der Bourgeoisie der Fall ist.

Sie kennen auch nicht — oder doch weniger als die bourgeoisen Schüler — jenen Snobismus einer neuen Sprache, der anderswo Mode ist an den Pariser Schulen, mit dem vernichtenden Resultat, daß schließlich alles zweifelhaft wird.

Eine jüngere Kollegin, kaum 23, erzählte mir von ihrer ersten Unterrichtsstunde. 40 Buben, Durchschnittsalter 18. Sie hatte entsetzliche Angst, wie alle jungen Professoren, wenn sie das erste Mal in die Arena gestoßen werden.

Sie beginnt ihre Französischstunde mit der Verlautbarung, daß Montaigne und Pascal auf dem Lehrplan stünden, und fragt die Schüler, mit welchem der beiden sie lieber beginnen wollten. Lärmende Mißfallenskundgebung, Pfffe, ungeheures Gelächter, Trommeln auf die Pulte usw.

Mehr schlecht als recht stellt sie die Ordnung wieder her.

„Beide interessieren uns nicht“, erklärt ein Schüler. „Mach doch die drei M mit uns!“

„Die drei M?“

„Stell dich doch nicht so an. Marx, Mao, Marcuse.“

Sie murmelte, daß sie diese Autoren nicht sehr gut kenne, daß sie vor allem französische Literatur studiert habe.

Der Effekt ist katastrophal. Sie hält stoisch bis zum Ende der Stunde durch und fragt dann den Direktor um Rat.

„Hören Sie, liebe Kollegin, machen Sie vor allem nichts, was die Buben aufbringen könnte.“

Sie warf sich auf das Studium des „Kapitals“ und des kleinen roten Buches. Daraus liest sie ihnen jetzt vor.

Ich weiß Dutzende solcher Geschichten. Das ist heute der neue Gesprächsstoff unter den Professoren: „Wissen Sie schon, was die mir heute angetan haben?“ „Wissen Sie schon, was die dem Kollegen Soundso angetan haben?“

Des Lehrkörpers hat sich eine Art perverser Neugier bemächtigt, eine Art von angsterfülltem Feinschmeckertum, die unerhörten Gerichte betreffend, die uns die Schüler jetzt aufzutischen wagen. Die Teufel, die wir generationenlang im Schach gehalten haben, sind jetzt sämtlich aufgewacht und bevölkern alle Klassenzimmer.

Eigentlich sehr trostreich: die alten Schulfüchse können nicht mehr durch Terror regieren, Strafaufgaben diktieren usw. Wer würde darüber nicht froh sein?

Aber dieses Stadium ist schon überholt. Auf der Tagesordnung steht nicht mehr die Disziplinlosigkeit, sondern die volle Konfusion.

Ein 17jähriger hat Haare so lang wie die einer Frau mit sehr langen Haaren. Der Direktor sagt ihm, mit Honiglächeln (Oh, diese alten Unteroffiziere, die mit den Okkupanten ihrer Kaserne flirten!): „Ziemlich mühsam, diese Frisur, gelt?“

Antwort: „Vorläufig schon, aber in einem Monat kann ich mir einen Chignon machen. Wie deine Frau.“

Vor den vage interessierten Augen des geduzten Direktors wurden im Schulhof die Klassenbücher mit den Noten des ganzen Jahres verbrannt.

Konfrontiert mit unseren neuen Gesprächspartnern, taugt unser ganzer Unterricht nichts mehr. Wir haben niemals wirklich unterrichten gelernt. Solange die Schüler im Halseisen der Disziplin steckten, konnten wir ihnen den Lehrstoff in die Kehle würgen, wie man ihn uns selbst in die Kehle gewürgt hatte.

Heute kann man die Schüler zu nichts mehr zwingen. Ich muß sie irgendwie für mich gewinnen, ihnen Appetit machen, ihnen das Wort lassen — und sie dennoch unterrichten.

Und wenn ich das nicht fertigbringe?

Eine ungeheure Müdigkeit hat sich meiner bemächtigt wie der Mehrzahl meiner Kollegen — in der Mitte eines Schuljahres, das so großartig begann. Ist das die totale Niederlage?

Was wir für Revolution hielten, war das nicht nur ein Krieg zwischen den Generationen? Wir Professoren, die wir mitmachten, waren wir nicht nur die großen Wurstel in einem Stück, in dem für uns kein Platz ist?

Ist es nicht verrückt, weiterhin in den Illusionen des Mai zu leben, im romantischen Delirium?

Der Übergang von der aufgezwungenen Disziplin zur Selbstdisziplin ist länger und mühseliger, als wir dachten. Wir sind physisch fertig durch diese täglichen öffentlichen Versammlungen, in die sich unsere Unterrichtsstunden verwandelt haben. Wir träumen von den guten alten Zeiten, da wir einfach Schulbuchtexte interpretierten. Wir träumen vom Prestige, das einst mit dem Lehrberuf verknüpft war.

Ich liebe meinen Beruf. Habe ich diese totale, ausweglose Ohnmacht verdient?

Die neue Freiheit wird nur von den Schülern gebraucht. Wir Lehrer werden verbraucht.

Kann es in einer entfremdeten Gesellschaft wie der unseren freie Schule geben?

Ein Kollege versuchte in der Französischstunde den „Misanthrope“ zu erklären.

„Wie seht Ihr den Alceste, jung oder alt?“ fragte er.

„Jung, sehr jung“, antwortete die Klasse einstimmig.

Überrascht von solcher Einhelligkeit, fragt der Kollege weiter: „Wie alt etwa?“

„Wie Cohn-Bendit“, antworteten sie allesamt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1969
No. 184/II, Seite 315
Autor/inn/en:

Patrice Buriez: Mittelschulprofessor in Paris und Mitarbeiter der dortigen Wochenzeitung „Le Nouvel Observateur“.

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