FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 462-464
Erwin Riess

Herr Groll meets Herrn Tritt in Ostberlin

Die Personen und ihre Darsteller:
Herr Groll — Berufsunfähigkeitspensionist aus Wien XXI., Rollstuhlfahrer.
Herr Tritt — Universitätslektor für Soziologie aus Wien XIII.
Zeit: Im Jänner 1992, spätabends
Ort: Berlin, Alexanderplatz. Eine Bierkneipe

Herr Groll sitzt, zwei Glas Bier und ein Glas Korn vor sich, auf einem Barhocker am Tresen. Herr Tritt stürzt ins Lokal.

Tritt: Also, das ist ja ...! Lieber Freund Groll! Was führt Sie nach Berlin? Wie freue ich mich, Sie hier zu treffen!

Groll (ohne aufzublicken): Die Freude ist ganz auf Ihrer Seite.

Tritt: Freundlich, wie immer! Der gute Groll! Ich lasse mich aber nicht beirren. In der Fremde müssen wir Wiener schon zusammenhalten! Wissen Sie, ich habe Sie auf Anhieb erkannt, das heißt, eigentlich war es Ihr Rollstuhl, der mir ins Auge stach. Ich laufe da den Alex entlang, verzweifelt nach einem Lokal Ausschau haltend — hier ist ja genauso Tote Hose, wenn ich so sagen darf, wie vor der Wende — da sehe ich einen vertrauten Rollstuhl. „Wo der ist, kann Herr Groll nicht weit sein!“, denk ich mir und wirklich ...

Groll: Da sitzt er und will sein Bier in Ruhe trinken.

Tritt: Zu zweit trinkt es sich besser. Ich darf mich doch zu Ihnen setzen? (setzt sich auf einen Barhocker)

Groll: Hier ist besetzt.

Tritt: Von wem? Ich sehe niemand!

Groll: Vom Rollstuhl, Ihrem Vertrauten. Es ist sein Platz. Ich trinke nie alleine.

Tritt: Deswegen also die zwei Gläser Bier. Warum aber nur dieses eine Glas Korn? Der Rollstuhl wird doch sein Glas nicht verschüttet haben? (lacht)

Groll: Wir trinken Nordhäuser Doppelkorn, da genügt ein Glas (prostet dem Rollstuhl zu, trinkt vom Bier und nimmt einen Schluck vom Korn).

Tritt: Finden Sie nicht, daß Sie den Rollstuhl vermenschlichen?

Groll: Keinesfalls, er würde sich dagegen verwahren! So setzen Sie sich doch! (deutet hinter sich, Tritt nimmt im Rücken Grolls auf einem Barhocker Platz. Unmittelbar hinter Tritt befindet sich die Tür zur Herrentoilette)

Tritt: Ich bin es nicht gewöhnt, daß man mir den Rücken zuwendet!

Groll: Ich kann mich nicht umdrehen, sonst falle ich vom Hocker. Ich sitze so, wie mich der Wirt plaziert hat. Wir sind in der DDR, lassen Sie sich von der Leuchtreklame am Fernsehturm ...

Tritt (liest laut): „Bayernbank, Commerzbank, Westfalenbank!“

Groll: ... nicht täuschen! Und in der DDR wird der Gast im Lokal plaziert. Nur so kommt die Raumaufteilungskompetenz der Dienstleistungsbrigade zum Tragen! In Frankfurt an der Oder machte ich vor Jahren diesbezüglich eine denkwürdige Erfahrung: Meine Begleiterin und ich wurden im ersten Haus am Platz, der HO-Gaststätte 2. Klasse „Völkerfreundschaft“, das Lokal liegt im Schatten der damals gesperrten „Brücke der Völkerfreundschaft“, die über die Oder in die Volksrepublik Polen führt, im finstersten Winkel des Schankraums plaziert, und das, obwohl wir die einzigen Gäste waren. Meine Begleiterin wollte schon protestieren, ich fiel ihr aber ins Wort, und es zeigte sich bald, daß ich recht getan hatte.

Tritt: Wieso?

Groll: Gleich! Herr Wirt: Ein Bier und einen Nordhäuser für den Herren in meinem Rücken!

Tritt: Einspruch! Ich trinke niemals Schnaps. (Zum Wirt:) Führen sie Fruchtsäfte?

Groll: Selbstverständlich führt er Fruchtsäfte: Nordhäuser Doppelkorn zum Beispiel. Der westdeutsche Fruchtsaftkonzern Eckes hat den VEB Spirituosekombinat Nordhausen aufgekauft. Wenn Sie unvoreingenommen an die Sache herangehen, werden Sie feststellen, daß es sich bei diesem Labsal nicht um Schnaps, sondern um einen bekömmlichen Fruchtsaft handelt. Oder wollen Sie vielleicht behaupten, daß Wartburg-Eisenach, nur weil die Fabrik vom General Motors-Konzern aufgekauft worden ist, keine Opel-Fahrzeuge baut?

Tritt: Ich beuge mich Ihrer Logik; aber nur dieses eine Mal! Prost! (trinkt)

Groll: Es geht hier nicht um Logik, sondern um Dialektik! Beider Beziehung ähnelt übrigens der unseren aufs Haar: eine durch fortgesetzte Abstoßung erneuerte Symbiose. Ein Extra-Korn für den Herrn in meinem Rücken!

Tritt: Ich bin zu müde, Ihnen zu widersprechen. Außerdem sitze ich hier sehr beengt. Wenn jemand aus der Toilette tritt, schlägt er mir die Tür ins Kreuz.

Groll: Ich kann Sie beruhigen. Das wird Ihnen hier nicht widerfahren. Die DDR-Bürger sind bescheiden, rücksichtsvoll und pflegen den Gemeinschaftssinn. Ihr Betragen unterscheidet sich grundlegend von dem der Westdeutschen!

(Die Tür zur Herrentoilette fliegt auf und trifft Herrn Tritt im Kreuz. Mit einem Aufschrei rutscht er vom Hocker, kann aber im letzten Moment einen Sturz dadurch verhindern, daß er sich an einem Spielautomaten abstützt. Ein hünenhafter Mann geht vorbei; Groll prostet ihm zu, der Mann lacht aus vollem Hals.)

Tritt: Was ist das?

Groll: Die Wende. Nehmen Sie es historisch. Sie haben ohnehin Glück gehabt, vor der Wende stand hier kein Spielautomat.

Tritt (stürzt einen Korn hinunter): Ich werde mich ganz klein machen, vielleicht komme ich damit durch.

Groll: Ein schwerer Irrtum! Sie blamieren sich vor der Geschichte, wenn Sie glauben, sich am Alexanderplatz verstecken zu können. Sie befinden sich auf historischem Boden, jedes Bauwerk kündet hier von deutscher Größe, und da wollen Sie sich verstecken! Treten Sie ans Licht, Soziolog, und trinken Sie endlich ihr Bier aus!

(Tritt tut wie ihm geheißen, der Wirt eilt herbei und will es nachfüllen, Tritt wehrt sich. Daraufhin arretiert der Wirt Tritts Hände mit einem Polizeigriff und füllt das Glas auf.)

Tritt (ratlos): Ich hab ja nichts gegen deutsche Größe, aber warum tut sie so weh? Ich dachte, die DDR sei anders gewesen?

Groll: Die hatte das nicht notwendig; sie wußte die Geschichte an ihrer Seite. Auch der verdiente Kellner der HO-Gaststätte „Völkerfreundschaft“ lebte diese Gewißheit; er reichte uns die Speisekarte und ließ uns für das Studium derselben eine gute Stunde Zeit. Das war nicht zuwenig, denn das Angebot aus zwei Vor- und drei Hauptspeisen machte die Auswahl schwer, und wirklich benötigten meine Begleiterin und ich lange Zeit, bis wir uns nach zähen Verhandlungen auf eine Speisenfolge geeinigt hatten.

Tritt (beziehungsvoll): Das Verhältnis zu Ihrer Begleiterin scheint nicht unkompliziert gewesen zu sein.

Groll: Es war, den Umständen entsprechend, anständig, und ich verbitte mir aus Ihrem Mund zweideutige Bemerkungen über meine Begleiterin, dies insbesondere, wenn es sich, wie im gegenständlichen Fall, um eine nestflüchtige Waldviertlerin handelt!

Tritt: Ich wollte nicht anzüglich sein!

Groll: Soweit haben Sie es noch gar nicht gebracht!

Tritt: Ich wollte nur auf die Umstände hinweisen ...

Groll: Das haben Sie getan, und ich ersuche Sie dringend, keine Wiederholung folgen zu lassen. Die Umstände waren tatsächlich schwierig, denn an der Stirnwand der Gaststube waren drei Spruchbänder angebracht; nun verstanden wir auch, warum wir im hintersten Winkel des leeren Lokals plaziert worden waren: weil man von dort freie Sicht auf die Losungen hatte, deren erste: „Unser Kampfziel: Das kulinarische Wohl der Arbeiterklasse!“ deren zweite: „Unverbrüchliche Freundschaft mit dem sowjetischen Heldenvolk, ein Herzensanliegen der Werktätigen im Dienstleistungssektor!“ und deren dritte lautete: „Schrittmaß ’30: Unsere Maxime zur allseitigen Stärkung der DDR!“

Tritt: Schrittmaß ’30?

Groll: Wir schrieben das Jahr 1978; die DDR feierte ihren dreißigsten Geburtstag und die Losung „Schrittmaß ’30“ zierte das ganze Land. Zehn Jahre später erschien dann einem kleinmütigen Vertreter des Heldenvolks die Losung „Schrittmaß ’40“ unpassend, weshalb er eine neue ausgab:

Tritt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, ein historischer Satz, der die Generation, auf die er gemünzt ist, adelt!

Groll: Sie haben recht: Die Falschmünzer, Geldwäscher und Finanzhaie können ihre gekauften Adelstitel jetzt wieder offen zur Schau stellen!

(Der Wirt reicht den beiden zwei Teller mit Erdnüssen.)

Groll: Sie müssen die Schalen auf den Boden werfen, der Wirt will das so, er hält das für ein Zeichen demokratischer Freiheit (beide werfen die Schalen demonstrativ auf den Boden, der Wirt nickt ihnen erfreut zu).

Tritt: Das hätte sich früher einer trauen sollen!

Groll: Die Staatsicherheit wäre sofort eingeschritten!

Tritt: Ich werde langsam neugierig, wie ihr Essen in Frankfurt an der Oder endete?

Groll: Der verdiente Kellner näherte sich unserem Tisch, hörte sich aufmerksam unsere Bestellung an und sagte dann, daß es nur Serbischen Hackfleischbraten mit Dillsauce auf Blumenkohl gebe. Wir folgten seiner Empfehlung und haben das auch nicht bereut!

Tritt: Inwiefern?

Groll: Der Hackfleischbraten entpuppte sich als norddeutsche Version von Cevapcici; aber anstatt mit Paprika waren die gerollten Fleischstücke mit vietnamesischem Sensal Prabang gewürzt, dieses Gewürz war infolge Völkerfreundschaft damals in der ganzen DDR verbreitet; — Sie erinnern sich daran, daß Vietnam zu dieser Zeit mit China im Krieg lag, und daß die DDR den überfallenen Vietnamesen großzügige Hilfe leistete —; das Gewürz hat die Eigenschaft, daß es für einige Minuten das Geschmackszentrum lahmlegt; bei älteren Personen beeinträchtigt es auch das Orientierungsvermögen, weshalb dann auch die Völkerfreundschaft in diesem Punkt etwas zurückgenommen wurde.

Tritt: Aber Sie waren mit dem Essen zufrieden!

Groll: Durchaus! Wir bestätigten dies auch dem Kellner, als er uns aus dem Lagerraum befreite, in den wir uns nach der Begleichung der Rechnung verlaufen hatten.

(Ein Mann geht vorbei Richtung Herrentoilette; als er an Tritt vorbeikommt, rülpst er diesem aus nächster Nähe ins Gesicht.)

Groll: Die neue Freiheit, Sie werden das verstehen, Sie sind ja Soziologe!

Tritt: Ich ... gebe mir Mühe.

Groll: Die neue Freiheit hat auch ihre guten Seiten: Heute zum Beispiel besuchte ich einen Freund in Marzahn, das ist ein beschaulicher Flecken kultivierten Lands am Ostrand der Stadt.

Tritt: Marzahn?! Das berüchtigste Neubauviertel der ganzen Republik! Eine Hochburg der Kriminalität und der Verwahrlosung! Ich habe Fernsehreportagen über die unfaßbaren Zustände dort gesehen!

Groll: Ich sehe nicht fern; außerdem kenne ich Poysdorf im Herbst!

Tritt: Was soll das nun wieder?

Groll: Poysdorf ist das Herz der österreichischen Champagne. Der größte heimische Sektproduzent besitzt dort Dutzende Weinberge. Die halbe Stadt arbeitet in den Kellereien; die Väter rütteln am Rüttelpult, die Frauen sortieren Trauben, Kinder und Alte verscheuchen die Vögel in den Rieden. Und im Herbst, wenn der junge Wein stürmt und alle davon trinken, verwandelt sich Poysdorf in den ersten Vorhof der Hölle!

Tritt: Und dort fühlen Sie sich wohl!

Groll: In Poysdorf gelte ich als Staatsgast.

Tritt: Aber Marzahn ist nicht das Weinviertel; Marzahn ist: Dschungel der Großstadt, metropolitane Eiterbeule, mit einem Wort: Sozialistisches Erbe!

Groll: Sie haben nicht unrecht. Mich beschlich auch ein eigenartiges Gefühl, als wir uns, die Lenin-Allee stadtauswärts fahrend, alle paar Meter an ausgebrannten und abgewrackten Autokadavern vorbeischlängeln mußten.

Tritt: Woher kommen die Autowracks?

Groll: Mein Chauffeur, ein Rehabilitationspädagoge, der wegen seiner Mitgliedschaft in der PDS gekündigt wurde, erzählte mir, daß die DDR-Bürger mit den neuen, stärkeren Westautos noch nicht ganz zu Rande kommen; außerdem üben Sie sich verbissen darin, noch rücksichtsloser zu fahren als die Westdeutschen, und das ist gar nicht so leicht und mündet nicht selten in einen Totalschaden. Die Müllabfuhr ist mit den Wracks heillos überfordert.

Aus dem Archiv der Symbole des unendlichen Panoramas

Tritt: Da fällt mir ein! —- Sie sprachen von der Lenin-Allee! Ich war der Meinung, daß die Straßen umbenannt werden?

Groll: Das stimmt auch, es kostet viele Millionen Mark, die Leute müssen ihre Visitkarten ändern lassen, und was schwerer wiegt: Sie müssen sich auch an den Namen irgendeines Nazi-Bonzen oder Krautjunkers gewöhnen. Die Lenin-Allee aber wird noch länger so heißen, denn sie führt durch vier Stadtbezirke und ein Bezirk, Friedrichshain, widersetzt sich der Umbenennung.

Tritt: Sie erzählten von Ihrem arbeitslosen Fahrer. So ist es also wahr, daß PDS-Mitglieder jetzt reihenweise gekündigt werden? Ich dachte, das sei SED-Propaganda!

Groll: Das ist es auch, und die SED-Propaganda hat in dem Punkt: was geschieht, wenn die Mauer fällt, sträflich untertrieben. Das passiert, wenn die Staatsführung der eigenen Propaganda mißtraut: eine politische Bankrotterklärung! Aber Mißtrauen war eben die hervorstechendste Eigenschaft der Mittelmäßigen. Mein Fahrer, nennen wir ihn Andrej, erzählte mir, daß er 1985 aus der SED ausgetreten sei, weil ihm ansonsten der Ausschluß gedroht hätte. Und wissen Sie, warum?

Tritt: Weil er Dissident war?

Groll: Nein, weil er Kommunist war. Eine Mitarbeiterin der Rehabilitationseinrichtung — es handelte sich um ein Institut, das vorwiegend Kinder betreute — hatte sich in einen Niederländer verliebt und stellte einen Ausreiseantrag, der nach langen Verhandlungen auch genehmigt wurde. Die Frau stand bei den Kollegen, fast alle überzeugte SED-Mitglieder, menschlich und politisch im besten Ruf, der Vorwurf, sie verrate die DDR, weil sie zu ihrem Mann ziehen wollte, erschien allen grotesk. Noch grotesker allerdings fand Andrej die Zumutung, den Kindern, die nach der Ausgereisten fragten, auf Weisung der Vorgesetzten zu erzählen, die geliebte Lehrerin habe sich von einem Tag auf den andern als Verräterin entpuppt, der keine Träne nachgeweint werden dürfe. Andrej hat das schmutzige Ansinnen seiner Vorgesetzten zurückgewiesen, mußte aber die Partei verlassen. Seinen Arbeitsplatz konnte er damals noch behalten; um den hat ihn erst die deutsche Einheit gebracht, die vorbildlich ausgestattete Rehabiliationsstation wurde nämlich vom Diakoniewerk übernommen, und das hält die Festigkeit im Glauben ebenso hoch wie manche SED-Funktionäre das Mißtrauen gegenüber den eigenen Leuten.

(Ein Mann stürzt ins Lokal, schlüpft aus dem Mantel, reicht ihn Herrn Tritt und verschwindet in der Toilette.)

Tritt: Ich habe den Eindruck, daß manche Neubürger mit der Freiheit schon ganz selbstverständlich umgehen!

Groll: Ja, sie machen Fortschritte.

Tritt: Erzählen Sie weiter von Marzahn! Was haben Sie dort getrieben?

Groll: Ich besuchte einen Freund, einen Mitarbeiter des Allgemeinen Deutschen Behindertenverbandes, Rollstuhlfahrer wie ich. Er ist Äthiopier und arbeitete als Pilot in der Zivilluftfahrt. Im Bürgerkrieg schwer verwundet, wurde er 1978 in die DDR ausgeflogen, wo er die erforderliche medizinische Behandlung erhielt. Danach studierte er Ökonomie. Sagte ich schon, daß auch er arbeitslos ist?

(Der Mann von vorhin kommt aus der Toilette, entreißt Tritt den Mantel und stürmt grußlos aus dem Lokal; Tritt trinkt das Bier aus, der Wirt schenkt sofort nach, Tritt schlägt voller Verzweiflung mit der Faust auf den Spielautomaten, einige Gäste prosten ihm aufmunternd zu, der Wirt lächelt stolz.)

Tritt: Ich lasse mir das nicht länger gefallen! Ich bin ja kein bloßfüßiger Buschneger, den man behandeln kann wie einen Haufen Dreck! Ich bin immerhin Universitätslektor! Das war die letzte Demütigung, die mir heute zugefügt wurde, das schwöre ich Ihnen!

Groll: Loben Sie den Abend nicht vor der Nacht! Mein Freund, der Äthiopier, der ja im Gegensatz zu Ihnen kein bloßfüßiger Buschneger ist, sondern ein charmanter und kluger Mann, der seine Heimat, das omorische Tiefland, nicht zur Bemäntelung der eigenen Inferiorität mißbraucht, wie Sie den afrikanischen Busch, mein Freund also hatte neulich auch einen Zusammenstoß mit einem Neonazi!

Tritt: Wo sehen Sie hier einen Neonazi?

Groll: Er sitzt mir im Genick!

Tritt: Machen Sie sich nicht lächerlich. Ihnen wird ja nicht die Türe ins Kreuz gestoßen, Sie werden nicht angerülpst und man erniedrigt Sie auch nicht zur Kleiderstange!

Groll: Weil ich in guter Gesellschaft bin (prostet dem Rollstuhl zu und nimmt zwei große Schluck Bier).

Tritt (kleinlaut): Ich entschuldige mich bei Ihnen für den unpassenden Ausdruck. Er ist mir in der Erregung herausgerutscht.

Groll: Entschuldigen Sie sich nicht bei mir; ich bin allerhand von Ihnen gewöhnt. Entschuldigen Sie sich bei Ihrem Vertrauten, dem Rollstuhl, er ist sensibel, seine Lager könnten Schaden nehmen.

Tritt (aufbrausend): Ich denke nicht daran! Ich bin ja kein Hanswurst, daß ich mich bei einem Rollstuhl entschuldige, und ich bin auch kein Neonazi, nehmen Sie das gefälligst zur Kenntnis!

Groll: Wie Sie meinen. Zu Ihrer Beruhigung erzähle ich Ihnen jetzt die Geschichte von Ihrem Gesinnungsgenossen, dem Neonazi, und meinem Freund fertig! (Tritt schlägt nochmals auf den Spielautomaten, anerkennendes Klopfen der Gäste am Tresen) Der Neonazi wohnt mit meinem Freund, er heißt Nemira, im selben Wohnblock, seit längerer Zeit versuchte er Nemira zu provozieren, warf ihm vor, daß er, der Querschnittgelähmte, die Sozialhilfe verprasse, während seine Brüder und Schwester in Äthiopien hungerten. Mein Freund würdigte den Neonazi keines Wortes. Eines Tages aber, der Neonazi hatte sich, so wie Sie, Mut angetrunken (Tritt trommelt auf den Spielautomaten, der Wirt schenkt ihm Korn nach) und näherte sich Nemira. Er werde ihn, den Buschneger, jetzt aus dem Rollstuhl werfen. Als er sich bückte, um den Stuhl hochzuheben, schnellte die Faust meines Freundes vor und ehe der Neonazis es sich versah, spuckte er die oberen Schneidezähne in seine Hand, die er lange und ungläubig betrachtete, bevor er davonlief.

Tritt: Was ist Ihrem Freund dann geschehen?

Groll: Nichts! Erstens gab es Zeugen, die bestätigten, daß der Neonazi zuerst angegriffen hatte; zweitens haben sich die Ausländer im Bezirk schon vor Monaten gegen die Skinheads organisiert, und drittens zog der Neonazi seine Anzeige nach einigen Tagen zurück.

Tritt: Muß denn Ihr Freund nicht trotzdem einen Racheakt befürchten?

Groll: Natürlich. Aus diesem Grund hat er sich auch am nächsten Tag im Westen der Stadt eine Gaspistole gekauft.

Tritt: Gottseidank konnte er in den Westen fahren!

Groll: Richtig. Früher wäre ihm das nicht möglich gewesen; er hätte es aber auch nicht nötig gehabt. Das ist das Schöne an der Freiheit: Sie erlaubt Dinge, die vorher kein Mensch vermißt hat. Das Leben war grau und eintönig: sozialistischer Alltag eben. Herr Wirt, noch einen Korn!

(Der Wirt bringt den Korn. Vor dem Lokal entwickelt sich ein Streit zwischen einem vornehm gekleideten älteren Herrn asiatischer Herkunft und einem angetrunkenen Neubürger, der Betrunkene will dem Geschäftsmann — um einen solchen handelt es sich offensichtlich, denn er trägt eine schwarze Lederaktentasche — den Zutritt zum Lokal verwehren. Als der Geschäftsmann den Betrunkenen zur Seite schieben will, packt ihn dieser, reißt ihn herum, streckt ihn mit einem Faustschlag in den Magen zu Boden, öffnet seine Hose und schlägt auf den zu Boden Gegangenen sein Wasser ab, was lange Zeit in Anspruch nahm. Die Gäste haben den Vorfall verfolgt, machen aber keine Anstalten einzugreifen. Nur der Wirt meldet sich zu Wort:)

Der Wirt: Das müssen gut drei Liter Bier gewesen sein!

(Heiterkeit unter den Gästen. Groll blickt finster auf seine Jacke, die, für ihn unerreichbar, auf dem Rollstuhl liegt und in der er sein Messer weiß, da stürzt Tritt, vor Zorn heulend, aus dem Lokal und reißt den Betrunken, der damit beschäftigt ist, die Hose zuzuknöpfen, um. Beide stürzen zu Boden, der Angetrunkene kommt auf Tritt zu liegen; mit dem Ellbogen preßt er Tritts Gesicht nieder; plötzlich erbricht er sich auf Tritts Brust.

Groll läßt sich vom Barhocker in den Rollstuhl fallen und sucht nach dem Messer in seiner Jacke. Indessen hat sich der asiatische Geschäftsmann wieder aufgerappelt, entledigt sich bedächtig seines Mantels, schiebt den Ärmel der einen Hand zurück und trifft den Betrunkenen mit einem exakt ausgeführten Handkantenschlag am Schlüsselbein, eng neben dem Ohr. Der Getroffene rollt zur Seite und gibt Tritt frei. Der Geschäftsmann hilft Tritt auf die Knie, blickt wachsam um sich, hebt Mantel und Tasche auf und eilt mit langen Schritten fort. Groll, der aus dem Lokal gerollt ist, ruft dem Wirt zu, er solle ihm helfen, Tritt zu säubern. Widerstrebend kommt der Wirt der Aufforderung nach.)

Der Wirt: Das passiert in der letzten Zeit öfter.

Groll: Ist nicht schlimm. Dafür ist die Diktatur vorbei!

Der Wirt: Gottseidank! Die Freiheit ist das höchste Gut!

Groll: Sie sagen es. Rufen Sie bitte ein Taxi für den Herren. Magister Tritt, wie geht es Ihnen?

(Tritt stammelt unverständliche Laute, Groll schüttelt ihn)

Groll: Was treiben Sie eigentlich in Berlin, Sie Unglücksrabe?

Tritt (mühsam artikulierend): Ich bin Teilnehmer eines soziologischen Kongresses über die psychosozialen Altlasten der deutschen Einheit. Ich halte morgen früh ein Referat.

Der Wirt: Das Taxi muß jeden Moment da sein.

Groll: Hat der Kongress ein Büro?

Tritt: Ja; im Westteil der Stadt, an der Freien Universität.

Groll (zum Wirt): Sagen sie dem Taxifahrer, er soll den Herren beim Nachtportier der Freien Universität abliefern. Er wird morgen einen lebendigen Vortrag halten. Gute Nacht! (rollt Richtung Unter den Linden davon).

Der Wirt (ihm nachrufend): Und die Rechnung?

Groll: Zahlen die andern!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1992
, Seite 66
Autor/inn/en:

Erwin Riess:

Erwin Riess ist Herausgeber des »Streit«

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© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

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