FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 481-484
Ludwig Laher

Fröhliche Negerlein auf den Fluren ...

Und während auf der einen Seite mit viel Publicity jüdische Museen eröffnet und in den Dreißigern vertriebene Landsleute auf ein paar Tage eingeladen und verwöhnt werden, das mahnende »Nie mehr wieder!« auf allen Lippen, schicken wir gleich nebenan die Kriegsflüchtlinge zurück in Elend bis Tod und die politischen in die Hände der Schergen, das Schinakel ist voll, sorry, bye bye.

Doch die Briefbomben explodieren trotzdem, das staatliche Entgegenkommen gebiert eine neue Qualität des Terrors, der geopferte kleine Finger reicht nicht, die ganze Hand wird weggesprengt.

Wie immer geht das Wort der Tat voraus. Für verbale Radikalisierung wird zuvorderst ein vollmundiger Parteiführer verantwortlich gemacht, kein Unschuldslamm fürwahr, aber ein Würschtel gegen die Sprengkraft hochkonzentrierter Presseerzeugnisse, in denen seit Jahren keine Gelegenheit ausgelassen wird, Stimmung zu machen, den kleinen Mann aufzuhetzen gegen alles, was noch an Dämmen steht gegen die blanke Barbarei. Und die scheinbar Mächtigen stecken ihre Köpfe in den Sand, pfeifen im Dunkeln, haben die Hosen gestrichen voll. Gar manche buhlen sogar um regelmäßige Fotoauftritte in den einschlägigen Societyspalten, während der Rest der Gesellschaft zugeschüttet wird mit Ressentiments, Vorurteilen, Hohn und Spott den Schwachen und Randgruppen gegenüber.

Wie hätten wir das ahnen sollen! Wenn uns das wer gesagt hätte! heißt es regelmäßig im nachinein. Aber, schon ein sehr altes dickes Buch sagt: Wer Ohren hat, möge gefälligst hören, und wem Augen eignen, der kann sich immerhin eine Brille kaufen, sofern er/sie das Haupt aus dem Sand zu recken bereit ist. — Hier eine Geschichte aus der Geschichte Österreichs, wie sie typischer nicht sein könnte. Botschaft, damit das klar ist: Nicht von neuen Qualitäten des Terrors quatschen, wenn man kein Sensorium für die alten hat!

Augustin Ableitner war eine Salzburger Institution. Jahrzehntelang reimte er, allen Stürmen bewegter Zeiten trotzend, für das nationale »Salzburger Volksblatt« in den Wind. Am wohlsten dürfte er sich nach dem Anschluß 1938 gefühlt haben, als auf dem Residenzplatz die Bücher brannten und das »Affenhaus Österreich« zu existieren aufgehört hatte.

Augustin Ableitner war ein Mann der Kontinuität. Es gelang ihm mühelos, mit nahezu identen Formulierungen einmal das eine, nach diversen Um- und Zusammenbrüchen jedoch das Gegenteil zu behaupten. Vor dem Krieg fiel ihm zum Stichwort Österreich beispielsweise ein, man habe immerhin die österreichische Tabakregie und Klassenlotterie, aber:

Uns fehlt zum letzten Schliff nur das eine:
Die österreichische Nation.
Von ihr zur österreichischen Rasse —
hat einer gesagt — ist’s nur ein Schritt.
Ich glaube, von dem zum Affenahnen
ist’s auch nur einer. Jetzt sind wir quitt.

20 Jahre später, 1959, übertitelt Ableitner ein Kapitel seines Buches Salzburger Glossen zwar pikant Austria Erit In Orbe Ultima, aber verändern muß er nur Nuancen, wenn er von sich abschreibt. Wir Österreicher sind nunmehr

im großen und ganzen ein liebenswerter Menschenschlag. Wir sind sogar einmal eine eigene Nation gewesen und waren auf dem Sprung, eine Rasse zu werden. Aber jetzt sind wir wieder ein Volk oder, genauer gesagt, ein Völkchen.

Wahrlich, Augustin Ableitner war ein liebenswerter Menschenschläger dieses Völkchens. 1938 veröffentlicht er ein lyrisches Opus mit dem Titel Dachau, nicht zu verwechseln mit Jura Soyfers berühmtem Dachaulied, das ungefähr zur selben Zeit entstanden ist:

Dachau ist eine zünftige Gegend
und sehr gesund, appetitanregend.
Die schöne Aussicht kommt denen zustatten,
die früher mal keine Einsicht hatten.

Unter anderem am gesunden KZ Dachau ist Ableitners Kollege Jura Soyfer tödlich erkrankt. Ableitner aber lebt und lebt und lebt. Steinalt wird er, und 1969 weiß der Germanist Josef Donnenberg in einem Aufsatz über Salzburg und seine Literatur, der hochbetagte Augustin Ableitner gehöre unter die bekanntesten heimischen Mundartdichter, anderes weiß er über den Mann leider nicht zu berichten. Was Wunder, daß der Gemeinderat kurz nach ihrem Tod 1975 eine Straße nach der verdienten Lokalgröße benennt.

Da fördert 1987 der Historiker Gert Kerschbaumer in einer großen Arbeit (Faszination Drittes Reich. Salzburg 1988) Ableitners Vorkriegstexte ans Licht. Uber hundert Schriftsteller von H. C. Artmann über Josef Haslinger und Elfriede Jelinek bis zu O. P. Zier machen Druck, in Zeitungskommentaren wird ihr Begehren als »kollektiver Irrsinn« und »Hexenjagd« (Thomas Chorherr in der »Presse«) bezeichnet, Leserbriefschreiber toben sich aus. Dennoch, die Straßentafeln werden abgeschraubt. Niemand habe 1975 gewußt, daß der honorige Mann vor dem Krieg ..., rechtfertigt sich Salzburgs Bürgermeister kleinlaut in einer extra herausgegebenen Broschüre zur Umbenennung der Augustin-Ableitner-Straße.

Da ist sie wieder, die alte österreichische Lüge: Einer wie Ableitner läßt sich doch vom Zusammenbruch 1945 nicht in die Knie zwingen. Ging es vordem gegen jüdische Elemente wie den berühmten Festspieldirigenten Arturo Toscanini —

Wo die Harfe Davids säuselt,
donnert fürder dir Applaus.
Toscanini, haargekräuselt,
endlich fühlst du dich zuhaus. —,

so sind Ableitners Feindbilder schon Ende der vierziger Jahre up to date — die Ausländer: Iwan, Ami, Franzmann und Tommy, das Besatzungsgesindel halt, insbesondere die superpotenten Neger.

Von diesen bis zu ihren Früchtchen, den Säuglingssozialschmarotzern, ist es nur noch ein kleiner Schritt:

(...) die illegalen Besatzungskinder,
womit uns die mannhaften Kämpen beglücken.
Ja, solche Fruchtbarkeit kann uns erdrücken,
wenn einer alleine in Monatsfrist
gleich dreimal Vater geworden ist.
Da darf unsere Fürsorge sich bewähren.
Man wird uns gehörig die Taschen leeren
und Jaltas und Moskaus sichtbare Spuren:
Fröhliche Negerlein auf den Fluren.

Was für ein Glück, daß zwei Jahre später, kurz bevor alle Österreicher schwarz geworden wären, der Staatsvertrag wenigstens die Soldaten aus dem Land warf.

Blieben nur noch Ableitner und natürlich die kleinen Negerlein. Und die blieben und wurden groß. Die Fortsetzung der Geschichte erleben Sie, meine Damen und Herren, bei Gelegenheit auf unseren Straßen. Vor nicht allzu langer Zeit berichtete etwa das »profil« über die alltäglichen Erlebnisse einer in Salzburg lebenden Frau mit einem schwarzen Besatzungsvater.

Manchen Inländerfreunden sieht man ihre geistige Abstammung weniger an als österreichischen »Mischlingen« ihre genetische. Augustin Ableitner war nicht der Naziwolf im Demokratenpelz. Er war immer er. Zu ihm gehören seine gefühlvollen Mundartgedichte genauso wie seine menschenverachtenden Dutzendverse. Ausgrenzung, Hohn, Draufspucken auf Getretene, dergleichen hat immer Saison. Wie der G’spritzte.

Bernhard Hütter schreibt 1987, als die Straßentafeln nicht mehr zu halten waren, in einem Leitartikel desselben »Salzburger Volksblattes«, in welchem Ableitners Vor- wie Nachkriegsgrauslichkeiten regelmäßig veröffentlicht wurden: Über Springenschmid (Organisator der Bücherverbrennung in Salzburg 1938. L. L.),

Ableitner ... scheint das Urteil schon gefällt. Ihre Grabesruhe wird von den neuen Hexenjägern gestört, sie können von Glück reden, wenn nicht auch ihre Grabsteine der neuen Entnazifizierung zum Opfer fallen. Ihre Haltung nach 1945 tut nichts zur Sache, ihre Verdienste zählen nicht, ... sie selbst sind hilflos, weil tot.

Welche Haltung nach 1945? Die der hier erwähnten Texte? Wieder einmal die Lüge vom Neuanfang, der Stunde Null, von der Läuterung, statt der Wahrheit von der Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Niemand kannte Ableitners menschenverachtende Vorkriegstexte, rechtfertigten sich die Salzburger Gemeindeväter und -mütter nach der Straßentafelblamage. Stimmt vielleicht. Niemand wollte aber auch auffallen, daß Ableitners Nachkriegstexte nicht selten genauso menschenverachtend waren. Das ist die viel schlimmere Blamage. Und sie ereignet sich täglich, nur daß unter den Reimen andere Namen stehen, die vielleicht in zwanzig Jahren auf Straßentafeln prangen werden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1994
No. 481-484, Seite 50
Autor/inn/en:

Ludwig Laher:

Geboren 1955 in Linz, studierte Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie. Bis 1998 arbeitete er parallel als Lehrer und Autor, bis 2008 dann ausschließlich als Autor, seither in geringem Maße auch wieder als Lehrender. Lebt heute in Sankt Pantaleon sowie in Wien. Seine Veröffentlichungen schließen Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher, Übersetzungen sowie wissenschaftliche Arbeiten ein.

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