FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 303/304
Roswitha M. Böhm • Waltraud Mayer

Frauengewerkschaft

Warnschild vor einer Sackgasse

Die beiden Autorinnen nahmen, quasi Wien vertretend, vom 27. bis 29. Oktober 1978 am Frankfurter Büroarbeiterinnenkongreß teil. Warum sie mit dem Verlauf und Ende dieser Veranstaltung nicht ganz zufrieden waren, erklären sie hier.

Diktate aufnehmen, für den Chef Besucher empfangen, seine Gedächtnisstütze, seine Organisatorin, Mädchen für alles sein, ihn von dem beschwerlichen Kleinkram des Berufes befreien, das ist Frauenarbeit ... Jede Sekretärin ist stolz darauf, wenn sie all die Eigenschaften vorzeigen kann, die früher einen Hausmädchen gut anstanden: Anpassungsfähigkeit, Diskretion, Pünktlichkeit und Hilfsbereitschaft ... Sie vergißt die eigenen Interessen und Ansichten und vertritt ganz und gar jene des Chefs ... Am Sekretärinnenberuf zeigt sich, welche Rolle die Frau im Berufsleben fast immer spielt, genau dieselbe wie in einer patriarchalischen Ehe: Dienerin und Stütze des Mannes (des Chefs).

Hedi Wyss: Das rosarote Mädchenbuch

Immer noch beugen sich Mädchen dem Mythos, ihre wichtigsten Eigenschaften seien Passivität und Emotionalität bis Irrationalität, Freundlichkeit bis Unterordnung, Personen- und nicht Sachzentriertheit und letztlich Ordentlichkeit und Fingerfertigkeit. Dies bedeutet, daß Frauen sich als passiv statt aktiv, mehr emotional als rational, als praktisch und konkret, aber nicht als zu abstraktem Denken befähigt erleben.

Auf dem Frankfurter Kongreß für Büroarbeiterinnen wurde die ganze Problematik auf das Konkurrenzverhalten zwischen Frauen auf dem Arbeitsplatz reduziert. „Wir sind nicht mehr bereit, in den Wettbewerb gegeneinander mit schönen Kleidern und Make-up zu treten“, stand in der Schlußresolution. [1] Die Voraussetzungen, unter denen Frauen den Beruf der Sekretärin ergreifen, wurden nicht erörtert.

Unbeachtet blieb auch die Ausbildungsfrage. Immer noch ist das Bildungsniveau der Frauen in Österreich erheblich niedriger als jenes der Männer. „Drei Viertel aller Frauen haben keine über die Pflichtschule hinausgehende formale Ausbildung abgeschlossen (gegenüber nur knapp der Hälfte der Männer). Es gibt unter den Männern mehr als dreimal so viele Hochschulabsolventen wie unter den Frauen und doppelt so viele Maturanten. Auch haben Männer dreimal häufiger als Frauen eine Lehrausbildung. Nur der Abschluß: mittlerer (Fach-) Schulen ist bei Frauen häufiger zu finden als bei Männern.“ [2]

Der Anteil weiblicher Schüler mittlerer (Fach-)Schulen nach Schultypen im Schuljahr 1973/74 betrug: Technische, gewerbliche, kunstgewerbliche Fachschulen 22,8%, Fachschule für Bekleidungsgewerbe 99,3%, mittlere kaufmännische Schulen (Handelsschulen) 67,4%, mittlere frauenberufliche und sozialberufliche Schulen 99,8%, land- und forstwirtschaftliche mittlere Schulen 36,9% und lehrer- und erzieherbildende Schulen 99,1%. Die gleiche Verteilung zeigt sich bei den Lehrberufen. Der Frauenanteil beträgt beim Beruf Einzelhandelskaufmann 73%, Bürokaufmann 67,2%, Industriekaufmann 70,4%, Großhandelskaufmann 59%.

Daraus ergibt sich, daß mehr als zwei Drittel der weiblichen Berufsschüler eine kaufmännische Berufsschule besuchen. [3]

Dennoch sind bestimmte Posten für Mädchen fast unerreichbar. Jahr für Jahr legen Mädchen und Burschen ihre Kaufmannsgehilfenprüfung ab, aber nach Jahren finden sich diese Mädchen als Sekretärinnen der inzwischen zu Abteilungsleitern avançierten ehemaligen männlichen Mitschüler wieder.

Erziehung in Familie und Schule — Rollenverhalten der Eltern, Vermittlung von Rollenvorstellungen in Kindergarten und Schule —, das Streben nach leichter und sauberer Arbeit und verschwommenem Sozialprestige bewirken die berufliche Schlechterstellung der Frau.

Dasselbe Bild der Benachteiligung der Frauen ergibt sich bei neuen Berufen, in denen man Frauen an gehobene, qualifizierte Positionen erst gar nicht heranläßt: „Sie werden Locherinnen, der Mann wird Programmierer, in einer Versicherung wird der Mann bereits als zukünftiger Referent und Sachbearbeiter eingestellt, eine Frau nimmt man (mit derselben Schulbildung) als Stenotypistin auf und bietet ihr nichts anderes an.“ [4]

Als einziger Ausweg aus dieser Situation wurde in Frankfurt die Alternative der Abendmatura angeboten, die ja doch nur eine individuelle Lösung eines individuellen Problems sein und keine grundlegende Veränderung der Situation der Frau im Berufsleben herbeiführen kann, da weiterhin, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Männer mit Matura die führenden Positionen erhalten.

Die wenigen Frauen, die Karriere machen, haben männliche Verhaltensmuster verinnerlicht, da sie ja, um „hinauf“ zu kommen, besser sein müssen als Männer, sich noch rücksichtsloser ihren Untergebenen gegenüber verhalten müssen, als Männer in einer solchen Position dies tun.

Bemerkenswert am Beruf der Sekretärin erscheint uns, daß sie fast ausschließlich in Bereichen tätig ist, von deren Inhalten sie nichts versteht und nichts verstehen soll, daß daher von der Firmenleitung nicht vorausgesetzt wird, daß sie Entscheidungen fällen und Verantwortung tragen kann.

Auf dem Kongreß wurde von einem Großteil der anwesenden Frauen die Errichtung einer eigenen Frauengewerkschaft gefordert, da die Interessen der Frauen in der bisher bestehenden Gewerkschaft zu wenig vertreten werden — auch nicht von den „Alibi“-Frauen. Die Situation in der BRD wird wohl nicht viel anders sein als die in Österreich. Der Anteil der Frauen an der Gesamtmitgliederzahl der Gewerkschaft der Privatangestellten beträgt 42,1% (Ende 1977), jedoch der Anteil der weiblichen Betriebsräte an der Gesamtzahl der Betriebsräte nur 22,4%. „Im Rahmen der Frauenabteilung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes liegen die Privatangestellten nach wie vor weit an der Spitze. Unser Anteil an der Gesamtzahl der weiblichen Mitglieder beträgt fast 28%. Der Anteil der zweitstärksten Organisation, der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, beträgt 14%.“ [5]

Der Anteil der weiblichen Mitglieder an der Gesamtzahl der gewerkschaftlich Organisierten ist regional sehr unterschiedlich. Es gibt ein typisches Ost-West-Gefälle. Der Anteil der Frauen an der Gesamtmitgliederzahl Wiens beträgt 48,8%, der Vorarlbergs 26,4%. [6] Diese Zahlen zeigen deutlich das geringe Interesse von Frauen an gewerkschaftlicher Organisierung. Es ist daher eine Illusion, anzunehmen, daß eine Frauengewerkschaft die Interessen weiblicher Arbeitnehmer schlagkräftiger durchsetzen kann.

Bedenklich ist auch die politische Dimension dieses Vorschlag. Frauen als Geschlecht sind keine eigene Klasse: Die Frau eines Industriellen hat außer ihrem Geschlecht nichts gemein mit der Frau eines Fließbandarbeiters (oder einer Fließbandarbeiterin). Frauen unterliegen denselben gesellschaftlichen und ökonomischen Zwängen und Bedinigungen wie die männlichen Arbeitnehmer. Konkurrenz- und Unterdrückungsmechanismen unserer Gesellschaft treffen sowohl Frauen als auch Männer, privat und im Arbeitsprozeß, treten auf in zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Männern und Männern, Frauen und Männern und Frauen und Frauen.

Die Gründung einer Frauengewerkschaft wäre ein Rückzug in ein Ghetto. Frauen können ihre eigene gesellschaftliche und ökonomische Lage nicht dadurch verändern, daß sie ihre eigene Misere auf ihr Geschlecht zurückführen und die Männer als ihre Feinde betrachten. Es geht nicht darum, eine weibliche und damit männerfeindliche Gesellschaft zu schaffen, sondern eine menschliche Gesellschaft, in der Männer und Frauen nach ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen leben können.

Wenn die Sekretärinnengruppe Frankfurt die Meinung vertritt, „Fraueninitiativen werden begriffen als Teil des sogenannten proletarischen Massenkampfes ... Ein solches Konzept lehnen wir ab“, [7] vertritt sie einen vehement politischen Standpunkt, auch wenn sie behauptet, dies nicht zu tun. Damit führt sie die Unterdrückung der Frau auf die „bösen Männer“ zurück. Dies bedeutet eine Personalisierung, eine Verschleierung der gesellschaftlichen Ursachen der Unterdrückung der Frau und damit gleichzeitig der Klassengegensätze.

Durch die Gründung einer Frauengewerkschaft sind Frauen nicht mehr imstande, ihre Erfahrungen als wirksames Mittel im politisch-revolutionären Kampf einzubringen und diesen mitzutragen. Im Gegenteil, sie arbeiten der Reaktion in die Hand. Indem sie ihre Unterdrückung nur auf die Männer zurückführen, verhindern sie das Erkennen der Ursachen und Gründe der Unterdrückung, verschleiern dadurch die Klassengegensätze und entziehen der fortschrittiichen Bewegung ein wichtiges Potential.

Diese unsere Meinung wurde in Frankfurt auch von den Frauen der Hamburger „Vorbereitungsgruppe“ geteilt. Im Gegensatz zur „Sekretärinnengruppe Frankfurt“ haben die Kolleginnen aus Hamburg sehr wohl begriffen und in ihren Statements vertreten, daß Frauen ihre eigene gesellschaftliche und ökonomische Lage nicht dadurch verändern können, daß sie diese auf ihr Geschlecht zurückführen, indem sie die Männer als Feindbild aufbauen.

Den Ausschluß der Hamburger Kolleginnen aus dem Kongreß wegen vemuteter (aber nicht bewiesener) Mitgliedschaft beim KB Hamburg lehnen wir ab, da wir wissen, daß sich ein solcher „Radikalenerlaß“ letzten Endes gegen all das richtet, was in irgendeiner Hinsicht fortschrittlich und links denkt und handelt; also letzten Endes auch gegen unsere eigenen Genossen und Genossinnen — siehe etwa die Handhabung des Radikalenerlasses in Bayern. Damit wird ein Klima der politischen Unterdrückung geschaffen und jegliche Initiative zur notwendigen Veränderung unserer Gesellschaft verhindert.

Aus verschiedenen Veröffentlichungen ist uns bekannt, daß dieses Vorkommnis kein spontaner Akt von einigen Frankfurter Frauen war, sondern die übliche Vorgangsweise vieler feministischer Gruppen gegen politisch bewußte Frauen. Diese feministischen Gruppen verhalten sich Frauen gegenüber, die eine andere theoretische Einschätzung haben, genauso restriktiv, wie viele Männer dies politisch Andersenkenden gegenüber tun. Das ist nur eine Rollenumkehrung, aber nicht fortschrittliches gesellschaftliches Bewußtsein.

„‚Gleichberechtigung‘ in der patriarchalischen Gesellschaft bedeutet“, sagt Ernest Borneman, „stets Angleichung an die Wertmaßstäbe des Patriarchats, und diese zerstören nicht nur die Frau, sondern auch den Mann selber, weil das Patriarchat nicht nur die Diktatur des Mannes über Frau und Kind, sondern auch die Ideologie eines ausbeuterischen Produktionssystems ist, das alle Beteiligten korrumpiert: nicht nur die Unterdrückten, sondern auch die Unterdrücker, nicht nur die Ausgebeuteten, sondern auch die Ausbeuter.“ [8]

[1Abgedruckt im NEUEN FORVM, Jänner/Februar 1979, S. 55

[2Bericht über die Situation der Frau in Österreich. Frauenbericht 1975, Bundeskanzleramt, Wien 1975, S. 4

[3Ebenda, S. 39

[4Gabrielle Traxler: Zwischen Tradition und Emanzipation. Probleme der Frauenarbeit in Österreich, Wien 1973, S. 24

[5Tagungsunterlagen der 6. Frauenzentralkonferenz der Gewerkschaft der Privatangestellten vom 13. und 14. April 1978, Wien 1978, S. 20

[6Ebenda

[7Die Kontraste. Zum Büroarbeiterinnenkongreß vom 27./29. Oktober 1978 in Frankfurt, Frankfurt 1978, H. 1, S. 29

[8Ernest Borneman: Das Patriarchat, Frankfurt 1977, S. 543

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1979
, Seite 62
Autor/inn/en:

Waltraud Mayer:

Roswitha M. Böhm:

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