FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 301/302
Heidi Pataki

Ehe ist Blödsinn

Cheryl Benard / Edit Schlaffer: Die ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe. Texte zu einer Soziologie von Macht und Liebe, rororo Frauen aktuell, hrsg. von Susanne von Pacsensky, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1978, 198 Seiten, DM 4,80 öS 47,40

... Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Muß’t es eben leiden , ...

Goethe

Seit diesem herzinnigen Vergewaltigungslied hat sich zwar nicht viel geändert, was Gewalt gegen Frauen betrifft; gelitten wird nach wie vor, doch das Leiden beginnt sich zu artikulieren.

Die Wiener Soziologinnen Cheryl Benard und Edit Schlaffer versuchen in ihrem Buch, jenen Bereich gesellschaftlich sanktionierter Gewaltanwendung zu erforschen, der am hartnäckigsten mit Vorstellungen von Glück verbunden ist: die Ehe. Doch wie könnte Glück aus einer Institution kommen, die auf Unterdrückung beruht? Mag diese sich den Frauen gegenüber nun dramatisch oder mehr unauffällig manifestieren. Welche Gründe sind es, die zur Eheschließung führen, wie ergeht’s den Frauen dabei, und was muß alles passieren, um eine Ehe wieder zu lösen?

In seinem Werk über „Die Unterwerfung der Frau“ hat John Stuart Mill vor mehr als hundert Jahren dazu geschrieben: „In keinem andern Verhältnisse — außer noch dem des Kindes zum Vater — wird die Person, welche erwiesenermaßen ein Unrecht erlitten hat, wieder in die Gewalt dessen gegeben, der ihr dasselbe zugefügt hat ...“

Mit anderen Worten: Den mißhandelten Ehefrauen wird von Amts wegen mißtraut, ihren haarsträubenden Berichten schenkt man wenig Glauben, ihre Klagen werden gerne heruntergespielt. In der Konfrontation mit dem Auge des Gesetzes ziehn sie meist den kürzeren, den Staatsdienern fallen sie lästig mit ihrem Gejammer, und die Vertreter des Rechts entscheiden im Zweifelsfall gegen sie und für den Ehegatten.

Nur sehr zögernd finden sich die offiziellen Stellen bereit, ihnen zu einer Scheidung zu raten. Immer wieder wird dabei die ökonomische Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern ins Treffen geführt, um sie zum Ausharren zu bewegen und auf eine bessere Zukunft zu vertrösten.

Benard und Schlaffer haben einige der neugegründeten Zufluchtshäuser für geschundene Ehefrauen in London und Amsterdam besucht und Einsicht in die Protokolle von Wiener Eheberatungsstellen erlangt. Das war gar nicht so einfach: Geheimhaltungspflicht, Anonymität ... die sogenannte gescheiterte Ehe gilt immer noch als soziales Stigma — als das der Frau natürlich. Die Autorinnen erzählen auch von ihren Schwierigkeiten, an das Material überhaupt heranzukommen; ihre Gänge bei Behörden und Ämtern (Polizeikommissariat ...) kommen einem Spießrutenlauf gleich, zwischen grinsenden und kichernden Beamten hindurch.

Trostlos sind die „Fälle”, die in den Protokollen verzeichnet sind, und aufschlußreich die Lebensläufe der betroffenen Ehefrauen. Doch die Autorinnen ließen es dabei nicht bewenden — diesen, vielleicht allzu extremen, Ehekonflikten stellen sie Momentaufnahmen aus sogenannten normalen, glücklichen, funktionierenden Ehen gegenüber. Was für Idyllen! Die Mißachtung der Ehefrau, ihre permanente Unterdrückung stellt sich dar als ein dichtes Netz aus Tratsch, Heuchelei und böser Nachrede; als ein Konglomerat aus abfälligen Gesten, schroffen Berührungen, verletzenden Bewegungen seitens ihrer Freunde, ihres Mannes. Was im rein Sprachlichen, also auch Gesellschaftlichen verschwiegen wird, plaudert die unbewußte Körpersprache aus. Das setzt jedoch eine gute Beobachtungsgabe voraus!

Die Autorinnen gaben ihrem Buch den Untertitel „Texte zu einer Soziologie von Macht und Liebe“. Zu Recht, denn anstatt eines spröden Wissenschaftsjargons kehren sie den literarischen Aspekt der Soziologie hervor. Das ist auch als implizite Kritik an der positivistischen Wissenschaft und ihrer Auseinandersetzung mit „harten“ und „weichen“ Daten zu verstehen. An die Stelle von Statistiken tritt die Schilderung ihrer eigenen seelischen Reaktionen — Wut, Verzweiflung, Resignation ebenso wie die treffende Beschreibung „männlicher“ Verhaltensweisen im akademischen wie im bürokratischen Bereich. Bei Kongressen, auf Soziologentagungen schlägt den Autorinnen herablassender Spott entgegen, auf der Universität, im Hörsaal sind sie einer verächtlichen Arbeitsteilung unterworfen. "Fällt an den Instituten oder in den Lehrveranstaltungen eine frauenfeindliche Äußerung, blicken der ganze Saal und auch unsere Kollegen erwartungsvoll auf uns: Hierfür sind wir zuständig. (Die Studenten lächeln erfreut, jetzt wird’s lustig, jetzt regen sich die wieder auf.) ...

Benard & Schlaffer sind jedoch weit davon entfernt, ein Lamento anzustimmen! Im Gegenteil — ihre Texte sind voll bitterer, manchmal gradezu grimmiger Ironie. Ist die Satire nicht eine der wirksamsten Waffen im Kampf der Unterdrückten? Das verbindet die Autorinnen auch mehr mit dem amerikanischen Feminismus als mit der deutschen Frauenbewegung.

Die Ehe als Reservat der Illusionen: Ganze Branchen arbeiten aus handfesten kommerziellen Interessen daran, daß sie’s bleiben möge. Was in herkömmlichen Frauenzeitschriften und Frauenromanhefteln zu diesem Thema breitgetreten wird, untersuchen die Autorinnen in einem ausführlichen Kapitel ihres Buches (Medienkritik als unerläßlicher Bestandteil feministischer Literatur). Der ideologische Gehalt, den sie dabei zutage fördern, könnte, auf eine kurze Formel gebracht, lauten: Derlei Romane und Zeitschriften beuten den legitimen Anspruch ihrer Leserinnen auf individuelle Entfaltung, also auf Glück aus und wollen ihnen einreden, nur in einer Ehe könnten sie’s schaffen. Ausgerechnet ...

Doch auch Eheberatungsbücher, Aufklärungsliteratur für Frauen, die sich streng seriös gibt, predigen nicht viel anderes: die Unterordnung unter den Mann als höchstes Gebot und höchstes Glück. Und was macht die gute Mutti heut noch, wenn ihr Töchterchen mit aufgeschürftem Knie gelaufen kommt? Sie bläst drauf und raunt dazu die Zauberformel: „Bis du heiratest, ist alles wieder gut ...!“

So sind auch die einzelnen Abschnitte dieses Bandes über „Die ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe” mit Vignetten geschmückt — eine markige Männerhand, die sich dem zarten Frauenhändchen zum Bund fürs Leben entgegenstreckt, umkränzt von Vergißmeinnicht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1979
No. 301/302, Seite 51
Autor/inn/en:

Heidi Pataki:

Heidi Pataki war von 1970 bis 1980 Redaktionsmitglied des FORVM. Sie gehörte 1973 zu den Gründungsinitator/inn/en der Grazer Autorinnen/Autorenversammlung, ab 1991 war sie deren Präsidentin.

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