FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 228
Jiří Pelikán

Diese Partei ruinierte den Sozialismus

NF-Gespräch über die CSSR — I. Teil
Was geschah, als 1945 die Sowjetarmee die Tschechoslowakei befreite? Wie verhielt es sich mit den Arbeiterräten, die sich namentlich in Böhmen bildeten?

In den letzten Kriegsjahren gab es den Versuch im Untergrund, „národní vyborý“ — Nationalausschüsse — als Organe einer künftigen Lokalverwaltung zu gründen. In den Fabriken bildeten Arbeiter und Techniker „závodní vyborý“, Betriebsausschüsse. Solche geheime Ausschüsse existierten in einigen Betrieben — es waren nicht sehr viele; sie halfen den Aufstand vom 5. Mai 1945 organisieren, vor allem in Prag. Dieser Aufstand brach, wie wir heute wissen, gegen den Willen der sowjetischen Führung aus. Dasselbe gilt vom slowakischen Volksaufstand im August 1944. Stalin wünschte diesen Aufstand erst später, erst dann, wenn die Sowjetarmee bereits die ganze Slowakei eingekreist haben würde. Aber der Aufstand brach spontan aus; obwohl die Sowjetarmee sich bemühte, Hilfe zu leisten, wurde er niedergeschlagen. Es war eine ähnliche Tragödie wie der Warschauer Aufstand. Ich würde nicht sagen, daß die Russen nicht helfen wollten, aber begeistert waren sie nicht von Volksaufständen, die nicht unter direkter Kontrolle Moskaus standen.

Gab es unmittelbar nach der Befreiung Widerstand gegen die Einsetzung der Moskauer Führung und Gottwalds?

Nein, ich glaube nicht, daß es ernsthaften Widerstand gab, der Krieg hatte ja siegreich geendet. Nach Stalingrad wußte jedermann, daß die Sowjetunion die entscheidende Rolle spielte, und ich glaube, Gottwald wurde als bewährter Führer der Kommunistischen Partei und somit der gesamten Widerstandsbewegung anerkannt. Man argumentierte — ich denke, im „Rudé právo“ —, die Befreiung Prags durch die Sowjetarmee beweise die Richtigkeit der Linie Gottwalds.

Es gab doch tschechoslowakische Einheiten im Rahmen der Sowjetarmee?

Ja, es gab tschechische Soldaten, die zuerst, 1939, in den Reihen der polnischen Armee kämpfen wollten, General Svoboda — damals noch Oberst — war ihr Kommandant. Als Polen besiegt wurde, gingen sie in die Sowjetunion, wo sie zunächst in Internierungslager kamen. Doch als die Sowjetunion in den Krieg eintrat, wurden sie als Teil der freien tschechoslowakischen Armee organisiert, die auch in England und anderswo Einheiten hatte.

War Svoboda selbst damals interniert?

Ja. Es war eine interessante Periode seines Lebens. Wie er später einem Besucher erzählte, erfuhr man, während er in der Sowjetunion im Gefängnis saß, daß er den ungarischen Militärattaché in Istanbul von der Militärakademie her kannte. Also schickte der sowjetische Geheimdienst ihn in die Türkei, um mit dem ungarischen Offizier Kontakt aufzunehmen, und es gelang ihm, wichtige Informationen zu erlangen. Als er in die Sowjetunion zurückkehrte, wurde er verhaftet und zum Tod verurteilt; das NKWD rettete ihn im letzten Moment vor der Hinrichtung.

Wie war die Lage der Bourgeoisie in der Tschechoslowakei zur Zeit der Befreiung? Wie war das Verhältnis zur Arbeiterklasse und ihren Verbündeten?

Die Bourgeoisie war diskreditiert. Vor allem durch den Zusammenbruch der Ersten Republik im Jahre 1938, dann durch ihre Kollaboration mit den Deutschen — obwohl man zugeben muß, daß ein Teil der nationalen Bourgeoisie am Widerstandskampf teilgenommen hat. Wie auch immer, die Formel „nationale und demokratische Revolution“, wie man es damals nannte, ermöglichte es der Kommunistischen Partei, die wirtschaftliche und politische Macht der Bourgeoisie zu unterminieren. Die Sozialdemokraten, die Volkssozialisten und die katholische Volkspartei (in der Slowakei gab es andere Parteien) unterstützten das Programm der Nationalen Front, die den Widerstandskampf geleitet hatte. Es war das Programm einer nationalen und demokratischen Revolution, ging aber über das Programm einer bürgerlichen Regierung hinaus. Es war faktisch ein Programm der „Volksdemokratie“. Vorgesehen war die Nationalisierung der Großindustrie, der Banken, des Außenhandels usw. sowie eine Bodenreform; die Bildung von Nationalausschüssen als Organe der legislativen und exekutiven Gewalt; ein einheitlicher Gewerkschaftsverband usw. Die Bourgeoisie verlor jede wirkliche Macht, das Kräfteverhältnis war für die Arbeiterklasse sehr günstig. Die Bauern unterstützten die Arbeiter wegen der Bodenreform. Natürlich gab es Überreste reaktionärer Kräfte, und sobald sie sich vom ersten Schock der Niederlage erholt hatten, begannen sie, dem neuen Kurs Widerstand zu leisten und das Programm der Nationalen Front zu sabotieren. So kam es zur Krise vom Februar 1948.

Welchen Charakter hatten die Ereignisse im Februar 1948?

In der Tschechoslowakei gab es damals eine große Spannung. Obwohl die anderen Parteien das Programm der Nationalen Front unterstützten und mit den Kommunisten zusammenarbeiteten, hatten die Rechtskräfte innerhalb dieser Parteien starke Positionen erobert und besaßen auch einen gewissen Anhang in der Bevölkerung — als Folge der Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung, den Schwierigkeiten, Härten, Mängeln usw. Im Gegenzug schlug die KP vor, auch die kleineren Industriebetriebe zu verstaatlichen, alle Privatvermögen von mehr als einer Million Kronen zu konfiszieren und eine neuerliche Landverteilung vorzunehmen. So gesehen, bedeutete die Krise von 1948 eine Verschärfung des Klassenkampfes. Zugleich aber, international betrachtet, war auf der Warschauer Kominformtagung von 1947 klar geworden, daß die Sowjetunion sich nicht mehr als Basis für alle revolutionären Bewegungen der Welt ansah, sondern vor allem als Großmacht, der es um die Aufteilung von Einflußzonen ging. Moskau wollte seinen Einfluß und seine Macht über die Tschechoslowakei konsolidieren, da diese in Jalta nicht präzise definiert worden waren. Natürlich weiß niemand, wovon in Jalta eigentlich die Rede war, aber aus allen veröffentlichten Berichten und Dokumenten geht hervor, daß es Diskussionen über Polen, Jugoslawien und Griechenland gab, nicht jedoch über die Tschechoslowakei. Vielleicht deshalb, weil die tschechoslowakische Regierung von allen Staaten anerkannt wurde. Jedenfalls war die Krise von 1948 kein von der Sowjetunion oder von Stalin inszenierter Putsch; es war ein innenpolitischer Zusammenstoß zwischen progressiven und reaktionären Kräften, und diese wurden geschlagen, dank der Taktik Gottwalds, der aus dem Kampf als Führer der Nation hervorging.

Haben die Russen und Gottwald den Klassenkampf nicht schon in den Jahren 1945-1946 gebremst? Wollten die Arbeiter nicht vielleicht radikalere sozialistische Maßnahmen?

Dieses Problem gab es natürlich. Ich erinnere mich an eine Versammlung von Parteiaktivisten in Prag, ich glaube 1946; Gottwald war eingeladen und mußte die Strategie der Partei gegen scharfe Kritik verteidigen. Viele Delegierte, vor allem solche aus den Betrieben, sagten: Was machen wir, und wohin gehen wir? Nationale und demokratische Revolution, gut und schön, aber wir wollen Sozialismus, und die Partei spricht nicht vom Sozialismus. Gottwald versuchte zu erklären, daß die Partei natürlich den Sozialismus wollte, im damaligen Stadium aber nicht zuviel Propaganda für den Sozialismus machen konnte, weil dies bestimmte Bevölkerungsteile abgestoßen hätte, und daß sie in diesem Stadium der nationalen und demokratischen Revolution nicht weitergehen sollte. Ich erinnere mich, daß einige Leute davon nicht allzu überzeugt waren und sagten, diese Taktik hätte einen Sinn, wenn die Partei offen erklärte, daß ihr Ziel der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft sei, so aber habe es den Anschein, als wollte man das Volk täuschen und vor vollendete Tatsachen stellen. Ich war damals Student, und ich erinnere mich, daß es unter den Studenten viele Diskussionen über die Strategie der Partei gab. Es herrschte der Eindruck, die Partei hätte keine klare Strategie und Perspektive, sondern stecke zu tief im politischen Tageskampf drin. Natürlich verstummte diese Kritik 1948, als die Menschen meinten, nun wäre der Weg zum Sozialismus frei.

Was waren Ihre eigenen Erfahrungen vom innerparteilichen Leben zwischen 1945 und 1948?

Die Diskussion war völlig frei. Es gab noch nicht die Einschränkungen, die später kamen, als die Partei die ganze Macht übernommen hatte. Die Führung wollte, daß man über die Wirtschaftspolitik diskutiere und darüber, wie die Kommunisten zum Aufbau des neuen tschechoslowakischen Staates beitragen könnten. Gottwalds Lösung war: „Je besser wir arbeiten, desto eher wird man uns als führende Kraft anerkennen.“ Dies zielte auf die Verhinderung einer echten ideologischen Diskussion ab. Doch die Argumente der anderen Parteien gegen die Kommunistische Partei spiegelten sich in dieser wider, insbesondere unter den Intellektuellen und Studenten. Man diskutierte auch über den tschechoslowakischen Weg zum Sozialismus — über das Ziel der gesamten Entwicklung. Aber es gab dazu keine klare Stellungnahme von der Führung, von Vertretern des Zentralkomitees.

Sie sagen „tschechoslowakischer Weg zum Sozialismus“. Was verstand man 1948 darunter?

Gottwald und andere führende Funktionäre erklärten von 1945 an wiederholt, die Tschechoslowakei werde sich im Einklang mit ihren Traditionen und Besonderheiten entwickeln. Als die Krise herannahte, sagten die reaktionären Kräfte: „Wenn die Kommunisten an die Macht kommen, werden sie das Land kollektivieren und Kolchosen errichten“; oder: „Sie werden die nichtkommunistischen Studenten von den Hochschulen verjagen“ und ähnliches mehr. Sie verwiesen auf das Beispiel der Sowjetunion. Die KPTsch-Führer bestritten dies stets, sie erklärten, sie dächten nicht an Kollektivierung und die Errichtung von Kolchosen, weil dies in der Tschechoslowakei nicht notwendig sei. Ich erinnere mich sogar an eine Rede Gottwalds, in der er sagte, in Moskau habe er einmal seine Schuhe reparieren lassen wollen und drei Tage lang suchen müssen, bis er jemanden gefunden habe, der dazu bereit gewesen sei. Wir sagten uns, wenn es so viele Kleinbetriebe in der Tschechosilowakei gab, warum sollten wir sie liquidieren? Sogar nach der Machtübernahme im Februar 1948 erklärte Gottwald in einer Versammlung von Kleingewerbetreibenden kategorisch, man denke nicht an eine Nationalisierung der Kleinbetriebe. Aber schon ein Jahr darauf wurden die Kleinbetriebe verstaatlicht oder ruiniert.

Um aber auf die unmittelbare Nachkriegszeit zurückzukommen: Als Gottwald 1946 die Strategie der Partei erläuterte, berief er sich auf ein Interview, das Stalin unmittelbar nach Kriegsende einer Delegation von Labour-Abgeordneten gegeben hatte; damals hatte Stalin — wie es scheint, zum ersten Mal — öffentlich erklärt, es könne auch andere Wege zum Sozialismus geben als den sowjetischen, das heißt, nicht durch Sowjets, sondern durch „Parlamentswahlen“ und eine „demokratische Entwicklung“. Dieses Interview erregte ziemliches Aufsehen. Gottwald sagte, auf Grund der veränderten Lage nach dem Zweiten Weltkrieg, auf Grund der Stärke der Sowjetunion, der Sprengung ihrer kapitalistischen Einkreisung, des großen Ansehens, das die Kommunisten durch ihre Teilnahme am Widerstandskampf gewonnen hatten, auf Grund all dieser Faktoren brauchten wir keine bewaffnete Revolution, keine gewaltsame Machtergreifung. Wir könnten die Macht durch Wahlen erobern und die national-demokratische Revolution schrittweise in eine sozialistische umwandeln. Er behauptete damals sogar, der tschechoslowakische Staat befinde sich bereits im Übergang zum Sozialismus. Er sei kein kapitalistischer Staat mehr, weil die Bourgeoisie nicht mehr im Besitz der Produktionsmittel sei, und wenn er auch noch kein sozialistischer Staat sei, so befinde er sich doch im ersten Stadium der sozialistischen Revolution.

Zu dieser Auffassung gab es einige Opposition, obgleich viele Leute es sich so auslegten, daß die für die sozialistische Revolution charakteristische bewaffnete Auseinandersetzung schon im Kampf zwischen der sowjetischen und der deutschen Armee, die zwei antagonistische Klassensysteme repräsentierten, stattgefunden hätte.

Und die Frage der Arbeitermacht in der Tschechoslowakei? Gab es Leute, die meinten, die Arbeiter hätten 1948 nicht die wirkliche Macht im Staat erhalten?

Nein, ich glaube nicht, daß 1948 eine solche Ansicht ausgesprochen wurde. Die offizielle Linie war in dieser Hinsicht typisch für die aller osteuropäischen Länder. Die Kommunistische Partei repräsentiere die Arbeiterklasse, und wenn sie die Macht übernehme, die führende Rolle im Staat, im Parlament, in den Gewerkschaften, dann sei die führende Rolle der Kommunistischen Partei identisch mit der führenden Rolle und Macht der Arbeiter. Die Arbeiter brauchten nichts anderes zu tun, als den Weisungen der Partei zu folgen. Ich meine, das war die ursprüngliche Quelle der Krise, die später ausbrach.

Die Arbeiterklasse, die vor dem Krieg, während des Kriegs und in den ersten Nachkriegsjahren sehr aktiv gewesen war, wurde durch die Parteiführung systematisch entpolitisiert. In den Losungen der Partei wurde behauptet, da die Arbeiterklasse die Macht habe, bestehe die Rolle der Arbeiter darin, die Produktion zu erhöhen und stachanowistischen Wettbewerb zu treiben; das sei der beste Beitrag der Arbeiterklasse zum Aufbau des Sozialismus.

Natürlich holte man einige der besten Arbeiterkader aus den Betrieben und machte sie zu Direktoren oder zu Diplomaten. Die Hochschulen wurden für Arbeiterkinder geöffnet. Das war ein wirklicher Fortschritt und auch für die Festigung des Regimes notwendig.

Aber später begriffen wir, daß es eine inadäquate Auffassung der Arbeitermacht war. Die Arbeiter entdeckten bald, daß ihre Situation nicht sehr anders war als unter dem Kapitalismus. Sie mußten Lohnarbeit leisten und konnten sich für ihren Lohn nicht einmal kaufen, was sie wollten, weil Warenknappheit herrschte. Ich glaube jedoch nicht, daß das Problem der Arbeitermacht damals wirklich aufgerollt wurde — ausgenommen von Kalandra, einem kommunistischen Dichter und Schriftsteller, einem Trotzkisten, der 1948 verhaftet und hingerichtet wurde.

Auch andere, von denen wir manche nicht einmal kennen — Menschen, die die Moskauer Prozesse der dreißiger Jahre kritisiert hatten —, wurden bald nach dem Sieg der Kommunistischen Partei zu Opfern des neuen Regimes.

Dann natürlich, nach der Kominform-Resolution über Jugoslawien, begann die eigentliche Auseinandersetzung über die Frage der nationalen Wege zum Sozialismus. Der Konflikt mit Jugoslawien widerspiegelte sich in der Tschechoslowakei, in Polen und in anderen Ländern. Meiner Meinung nach kam es nicht deshalb zum Konflikt, weil Jugoslawien damals das liberalste der osteuropäischen Länder gewesen wäre. Die Tschechoslowakei war wahrscheinlich liberaler. Aber Jugoslawien war das einzige Land in der sowjetischen Einflußsphäre in Osteuropa, das sich tatsächlich selbst befreit hatte. Gewiß, dies geschah im Zusammenhang mit dem Sieg der Sowjetunion über Deutschland, aber die Jugoslawen hatten eine regelrechte Partisanenarmee, während der Widerstand in den anderen Ländern bei weitem nicht solche Ausmaße erreichte. Aus diesem Grund waren die Jugoslawen nicht bereit, die Monopolstellung der Sowjetunion zu akzeptieren.

In der Tschechoslowakei diente der Fall Jugoslawien zum Vorwand, um alle potentiellen Opponenten, die fähig waren, selbständig zu denken und die führende Rolle Moskaus anzufechten (ich sage nicht, daß sie sie wirklich anfochten), zu vernichten. Wenn Sie sich die Kommunisten ansehen, die verhaftet wurden, so waren es hauptsächlich alte Parteimitglieder, die im spanischen Bürgerkrieg gekämpft, an der Widerstandsbewegung anderer Länder teilgenommen hatten, Menschen jüdischer Herkunft, die in der westlichen Emigration gewesen waren, die besten Ökonomen, Menschen, die selbständig denken konnten. Diese Opfer Stalins waren damals selbst Stalinisten, aber der Schlag richtete sich gegen „potentielle“ Feinde.

Ich muß betonen, daß mir die volle Bedeutung der Repression in den Jahren 1949 bis 1954 erst viel später klargeworden ist. Nach den polnischen und ungarischen Ereignissen von 1956 fand eine Tagung des Zentralkomitees statt — ich glaube, 1957 —, auf der darüber gesprochen wurde. Kopecky, damals Mitglied des Politbüros, sagte, der Grund, warum es in der Tschechoslowakei nicht zu solchen Ereignissen gekommen sei, liege darin, daß man Gomulka und Kádár zwar verhaftet, aber am Leben gelassen hätte, während man in der Tschechoslowakei alle politischen Gegner physisch liquidiert habe. Bei uns gab es keine Krise, weil es in der Tschechoslowakei keine alternative Führung gab. Jedenfalls setzten die politischen Prozesse allen Versuchen, einen eigenen Weg zum Sozialismus zu gehen, ein Ende und führten zur Installierung des sowjetischen Sozialismusmodells in allen osteuropäischen Ländern.

Wenn man die Protokolle der offiziellen Untersuchung über die Prozesse im Jahre 1968, die Sie herausgegeben haben, liest, findet man eins sehr erstaunlich. Man hat den Eindruck, daß die Wahl Slánskýs zum Hauptsündenbock nicht das Ergebnis einer Entscheidung Gottwalds oder Stalins gewesen ist, sondern sich aus der Vernehmung anderer Häftlinge ergeben hat. Ist das glaubhaft?

Nein, der Bericht besagt nicht, daß die Vernehmungsbeamten etwas über Slánský „entdeckten“, sondern vielmehr, daß sie die Häftlinge zwangen, ihn zu nennen. Gottwald hat sogar versucht, dem einen Riegel vorzuschieben. Die Frage ist, wer die Vernehmungsbeamten waren und wer hinter ihnen stand. Es waren natürlich sowjetische „Experten“. War es eine Entscheidung Stalins oder eine Initiative der Geheimpolizei? Meiner Meinung nach hat jedenfalls die Wahl Slánskýs eine andere Bedeutung. Er war jüdischer Abstammung, wenngleich aus einer schon lange in der Tschechoslowakei ansässigen, antizionistischen Familie, und seine Verhaftung fiel mit der Wendung der sowjetischen Nahostpolitik zusammen.

Ursprünglich hatte die Sowjetunion die Gründung Israels unterstützt. Sie plante, mit Hilfe Jugoslawiens und Israels in den Mittelmeerraum einzudringen. Das mit Jugoslawien ging schief, und dann, nach der Gründung des Staates Israel, mußte die Sowjetunion erkennen, daß der von den Engländern geräumte Platz von den Amerikanern besetzt worden war. Also entschlossen sich die Russen, auf den arabischen Nationalismus zu setzen. Um aber ihre Politik ändern zu können, mußten sie zuerst beweisen, daß sie es ehrlich meinten, und die alte Politik verurteilen. Dies geschah natürlich nicht in Form einer sowjetischen Selbstkritik, sondern indem man die Schuld der Tschechoslowakei in die Schuhe schob, die in den Beziehungen zu Israel eine besondere Rolle gespielt hatte — natürlich mit Erlaubnis, ja auf Initiative der Sowjetunion. So wurden beispielsweise israelische Offiziere in der Tschechoslowakei ausgebildet.

Die Tschechoslowakei war der wichtigste Mittelsmann der Sowjetunion im Nahen Osten (heutzutage agiert die Sowjetunion dort ohne Vermittlung). Als daher die Russen ihre alte Politik ändern wollten, genügte es ihnen nicht, zu beweisen, daß sie die Tschechoslowakei nicht länger Waffen und Instruktoren nach Israel schicken und israelische Offiziere ausbilden ließen, sondern sie wollten zeigen, daß sie dies nie gewünscht hätten — daß es sich um eine Art Verschwörung von Leuten wie Slánský gehandelt habe. Damals war Slánský Vorsitzender des Staatsverteidigungsausschusses, so daß man ihn leicht für alles verantwortlich machen konnte; schließlich trugen die entscheidenden Dokumente seine Unterschrift.

Ein weiterer Vorteil bestand darin, daß Slánský ein Mann des Parteiapparats und nicht sehr beliebt war; indem man ihn auswählte, konnte man auf den latenten Antisemitismus spekulieren und Slánský die Schuld für das „Übermaß“ an jüdischen Funktionären in der Partei anlasten.

Alles in allem, glaube ich, ist es klar, daß die Wahl Slánskýs für die Rolle des Sündenbocks ein wohlüberlegter Plan gewesen ist.

Wie reagierten Sie auf den Ausbruch des Konflikts zwischen der Sowjetunion und China? Waren Sie damals überzeugt, daß die Sowjetunion im Recht sei?

Zunächst begriffen wir nicht, daß es ein wirklicher, tiefer Konflikt war. Wir schrieben das Zerwürfnis hauptsächlich der unterschiedlichen Mentalität der beiden Parteien und Völker zu, auch einem persönlichen Streit zwischen Chruschtschow und Mao Tse-tung. Als Chruschtschow 1958 Mao in Peking besuchte, hatte ich Gelegenheit, beide zu beobachten, und mir fiel auf, wie verschieden sie voneinander waren. Ich muß gestehen, daß damals die meisten von uns mit der sowjetischen Auffassung sympathisierten, wonach Krieg durch Verständigung und Verhandlungen vermieden werden sollte, während uns der chinesische Standpunkt damals ziemlich primitiv vorkam. Die Lösung, die die Chinesen auf dem Kongreß der Internationalen Studentenunion (IUS) vorschlugen, lautete, man solle den Krieg nicht fürchten. Das wurde nicht richtig verstanden.

Obwohl ich heute sehe, daß die Chinesen uns ihre Haltung im Konflikt nicht begreiflich machen konnten, waren wir noch von etwas anderem beunruhigt. Jedermann zitierte Marx und Lenin, aber die Chinesen beriefen sich auch auf Stalin. In Osteuropa war Stalin damals natürlich schon das Symbol aller Deformationen der sozialistischen Gesellschaft. Alles in allem waren wir wegen des Konflikts sehr besorgt, hofften aber, er würde nicht zu einer Spaltung führen. Beide Seiten verheimlichten die wahren Ursachen des Streits, und es war sehr schwer, dessen wirkliche Dimensionen zu erkennen.

Die Tschechoslowakei ist jenes osteuropäische Land, wo das stalinistische System anscheinend am festesten war und sich am längsten gehalten hat etwa bis 1966/1967. Wie konnte dann um 1966/1967 in der tschechoslowakischen Partei eine Erneuerungsbewegung entstehen, die im Prager Frühling 1968 ihren Höhepunkt erreichte?

Oberflächlich betrachtet, erscheint dies seltsam, aber man kann es verstehen, wenn man die Entwicklung der Tschechoslowakei vor und nach dem Krieg bedenkt.

Die Tschechoslowakei hatte von ganz Osteuropa die besten Voraussetzungen für den Sozialismus: einen hohen Grad an Industrialisierung, eine hochentwickelte Arbeiterklasse, eine starke, allgemein angesehene Kommunistische Partei und ein Volk mit starken Sympathien für die Sowjetunion. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es merkwürdig, daß die größte Säuberung, die je in einer Kommunistischen Partei stattfand, jene in der Tschechoslowakei in den Jahren 1949 bis 1954 war. Ich glaube, gerade weil die Tschechoslowakei die besten Voraussetzungen hatte, war zu erwarten, daß sie bei der Suche nach einem eigenen Entwicklungsweg am selbständigsten vorgehen werde. Das paßte der sowjetischen Führung nicht. Sie wollte Osteuropa zu ihrem Monopol machen, überall das sowjetische Modell durchsetzen. Darum traf der härteste Schlag die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei.

Die Parteien Polens, Ungarns oder Bulgariens waren kleine Gruppen, die zwanzig bis dreißig Jahre lang illegal gewesen waren; für sie war es nicht schwer, die sowjetische Hegemonie zu akzeptieren. Die tschechoslowakische Partei aber, obwohl subjektiv bereit, die Hegemonie anzuerkennen, wurde dennoch von den Russen als potentielle Ketzerin angesehen.

Natürlich erscheint es uns paradox und schockierend, daß die Zahl der Opfer in der Tschechoslowakei am größten war, trotz deren demokratischen Traditionen. Im übrigen Osteuropa erreichte die Säuberung nicht solche Ausmaße. Im Zusammenhang mit dem Slánský-Prozeß wurden vierzehn Menschen ermordet, und Hunderte wurden zum Tode verurteilt, wie der Piller-Bericht enthüllte. In Polen vermochte Bierut Gomulkas Leben zu retten, wenngleich dieser politisch in die Wüste geschickt wurde. Dasselbe gilt für Kádár in Ungarn. In der DDR, in Bulgarien und sogar in Rußland nahm die Repression nicht solche Dimensionen an. In der Tschechoslowakei gab es das größte Maß an Repression wie auch die tiefste Krise infolge dieser Repression, eben wegen des Widerspruchs zwischen den vorher günstigen Voraussetzungen für einen demokratischen Weg zum Sozialismus und der völligen Zerstörung der demokratischen Tradition.

Und eben weil der politische Terror eine Art moralischer Krise hervorgerufen hatte, versuchte das Novotný-Regime, solange wie möglich um jede wirkliche Rehabilitierung der Opfer herumzukommen und die Wahrheit über die Prozesse zu verheimlichen. Darum konnte das stalinistische Regime sich in der Tschechoslowakei so lange halten.

Ich stimme mit Ihnen nicht überein, daß die Tschechoslowakei bis 1966/1967 das am meisten stalinistische Land gewesen ist. Das war das Bild, das allgemein in der westlichen Presse gegeben wurde. Ich aber würde sagen, daß die Krise in der Tschechoslowakei mit dem XX. Parteitag der KPdSU begonnen hat. Gewiß, sie wurde eine Zeitlang aufgehalten, infolge der Ungarn-Ereignisse, aber 1963, nach dem sogenannten Kolder-Bericht an das Zentralkomitee, als ein großer Teil der Wahrheit über die Prozesse, wenn auch nicht die ganze Wahrheit, bekannt wurde, setzte sie wieder ein. Ich meine, der Befreiungsprozeß begann, als Novotný, von verschiedenen Seiten unter Druck gesetzt, Konzessionen machen mußte.

Es gab auch einen Konflikt zwischen der Partei und den Intellektuellen — Schriftstellern, Filmschaffenden und anderen. Dieser Konflikt begann nicht erst 1967, sondern schon viel früher. Man kann dies sehen, wenn man den tschechoslowakischen Film und die tschechoslowakische Literatur betrachtet, die seit 1964/1965 die fortschrittlichsten in ganz Osteuropa waren — die sogenannte tschechoslowakische „Neue Welle“.

Dann war da der Konflikt zwischen Tschechen und Slowaken — die ungelöste nationale Frage.

Und es gab große wirtschaftliche Schwierigkeiten, die, Novotný bewogen, den Plan von Ota Šik über eine Wirtschaftsreform zu akzeptieren.

Alle diese Widersprüche waren schon 1963 gegeben und verschärften sich stetig. Von Zeit zu Zeit suchte Novotný den Prozeß mit administrativen Maßnahmen aufzuhalten, aber es lag nicht mehr in seiner Macht.

Die Widersprüche erreichten im Herbst 1967 und im Jänner 1968 den kritischen Punkt und gipfelten im sogenannten Prager Frühling. Aber dieser war schon lange vorbereitet worden. Um die ideologische Sphäre als Beispiel zu nehmen: Progressive Intellektuelle hatten Diskussionsgruppen organisiert, die schon lange vor 1967 zu arbeiten begonnen hatten. Eine davon war die Gruppe um Radovan Richta, die die wissenschaftlich-technische Revolution studierte. Eine andere Gruppe, um Zdeněk Mlynár, bereitete eine Reform des politischen Systems vor. Es gab mehrere solcher Gruppen, die innerhalb der Partei auf spezifische Reformen hinarbeiteten.

Die Regierungszeit Novotnýs zerfällt meiner Meinung nach in zwei Phasen. In der ersten, vor 1965, verkörperte Novotný die repressive Politik der Partei. Aber nach dem XXII. Parteitag der KPdSU, auf dem Chruschtschow zum zweiten Mal Stalin verurteilte, begriff Novotný, daß es unmöglich war, die Liberalisierung aufzuhalten. Da in der Sowjetunion die Entstalinisierungstendenz andauerte, konnte er nicht darauf bauen, daß die sowjetische Führung ihn in der Fortsetzung der alten Politik unterstützen würde: Also entschloß er sich, die Gelegenheit wahrzunehmen, um die unmittelbar für die Prozesse verantwortlichen Leute loszuwerden: Široký, Köhler, Bacílek, Urválek und andere. Sie wurden aus der Parteiführung ausgeschlossen, neue Leute kamen hinein, und Novotný trachtete, sich als Führer der liberalen Tendenz zu präsentieren. Das gelang ihm natürlich nicht, weil er seine eigene Verantwortlichkeit für die Prozesse nicht auslöschen konnte.

Welche Rolle hat die Krise der tschechoslowakischen Wirtschaft in der ganzen Entwicklung gespielt?

Gewiß hat sie eine Rolle gespielt, meiner Meinung nach aber nicht die entscheidende. Wirtschaftliche Schwierigkeiten haben stets politische Folgen, besonders in sozialistischen Ländern. Sie zeigen, daß das bürokratisch-zentralistische System unfähig ist, die Produktion zu entwickeln und den Lebensstandard der Massen zu heben, und erzeugen somit Unzufriedenheit sowohl in den führenden Kreisen als auch unter der Bevölkerung im allgemeinen. Da die Parteiführung wirtschaftliche Erfolge braucht, um ihr politisches Monopol zu wahren, ist sie zu gewissen Wirtschaftsreformen bereit, von denen sie hofft, sie würden die Produktion fördern und die Position des Landes im Wettbewerb mit den kapitalistischen Ländern verbessern. Darum akzeptierte Novotný die Vorschläge für eine Wirtschaftsreform, aber es gereicht Ota Šik und anderen tschechoslowakischen Ökonomen zur Ehre, daß sie klar auf den Zusammenhang zwischen ökonomischen und politischen Reformen hinwiesen.

Es ist interessant, daß die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Wirtschaftslage in der Tschechoslowakei in jüngerer Zeit, als der Lebensstandard bereits viel höher war, größer gewesen ist als unmittelbar nach dem Krieg: Damals glaubten die Massen, die wirtschaftlichen Einschränkungen dienten der revolutionären Idee und dem sozialistischen Aufbau. Die Unzufriedenheit unter der Bevölkerung beginnt, sobald die sozialistische Idee durch die stalinistischen Deformationen diskreditiert ist und die Führung versucht, die politische Motivation durch die Losung vom „Einholen und Überholen“ der kapitalistischen Länder zu ersetzen — wozu sie natürlich nicht imstande ist. Indem sie revolutionäre Ideale durch die Verheißung einer Konsumgesellschaft ersetzen, schaufeln sich die Bürokraten nur ihr eigenes Grab. Anderseits ist festzustellen, daß eine wirtschaftliche Krise an sich nicht genügt, um einen Wandel herbeizuführen, weil bürokratische Regimes genügend Reserven haben, um eine allein durch ökonomische Faktoren bewirkte Explosion zu verhindern.

Vielleicht können wir uns nun dem Prager Frühling selbst zuwenden. Was halten Sie von der Kritik, die von manchen Marxisten vorgebracht wird und behauptet, der Prager Frühling hätte eher eine Liberalisierung, d.h. Wirtschaftsreform und gewisse individuelle Rechte, bedeutet als eine Demokratisierung im Sinn wirklicher Arbeiterkontrolle über die entscheidenden Institutionen des Staates, echte Arbeitermacht im Betrieb und im gesamten politischen Leben?

Ich kenne diese Kritik, glaube aber nicht, daß sie dem, was wirklich geschehen ist, gerecht wird. Ich würde sagen, daß der „neue Kurs“ der Tschechoslowakei im Frühjahr 1968 in Wirklichkeit mehr auf Demokratisierung als auf Liberalisierung gerichtet war. Die Opposition war einig gegen Novotný, weil alle darin übereinstimmten, daß die Funktionen des Ersten Parteisekretärs und des Staatspräsidenten nicht in einer Person vereint sein sollten, daß Novotný unfähig war, die wahren Probleme des Landes zu lösen, und daß er deshalb ersetzt werden sollte. Ein Teil der Anti-Novotný-Opposition wollte natürlich nur personelle Umbesetzungen und eine Verbesserung der Arbeitsmethoden. Diese Gruppe umfaßte Leute wie Indra, Piller, Bilák usw. und hatte eine Mehrheit im Zentralkomitee. Doch gab es eine Minderheit, zu der Smrkovský, Kriegel, Šik, Špaček und andere gehörten; diese erkannte bald, daß es nicht genügte, Novotný durch irgend jemand anderen zu ersetzen, sondern daß strukturelle Veränderungen notwendig waren, um zu den Quellen zurückzukehren, den Sozialismus als Volksmacht zu erneuern, den Dialog zwischen der Partei und den Massen wieder aufzunehmen, die Partei von einer administrativen in eine geistige Führungskraft umzuwandeln.

Diese Gruppe hatte kein genau formuliertes Programm, da es der Opposition unter Novotný nicht möglich gewesen war, zusammenzukommen und zu diskutieren. So begann die Entwicklung des Prager Frühlings fast spontan nach der Palastrevolution, die Novotný gestürzt hatte, und führte bald zu einem permanenten Konflikt zwischen den beiden Gruppen. Die Arbeiterklasse verhielt sich anfangs eher passiv, infolge der Entpolitisierung, die in ihr seit 1948 Platz gegriffen hatte. Dasselbe gilt für die Bauern, die im System nie politisch repräsentiert gewesen waren.

Die Gruppe, die am schnellsten reagierte, war die der Intellektuellen, die schon in den vorangegangenen Jahren mit Novotný in Konflikt geraten war, die Jugend, insbesondere die Studenten, und in gewissem Grad die Slowaken. Die Arbeiterklasse bezog im ganzen gesehen eine abwartende Haltung. Die Arbeiter waren nicht sicher, ob das, was geschehen war, nicht ein neuer Trick sei. Außerdem prophezeiten manche ältere Arbeiter, die Wirtschaft würde zusammenbrechen, und beeinflußten damit die anderen. Man würde mehr arbeiten müssen, sagten sie, ohne mehr Lohn zu bekommen, die Preise würden steigen, und es könnte sogar Arbeitslosigkeit geben.

Diese anfängliche Passivität und mißtrauische Zurückhaltung der Arbeiterklasse wich jedoch mit der Zeit, in dem Maß, als die Arbeiter mehr Informartionen erhielten. Ich muß betonen, daß die Forderung nach Meinungsfreiheit, namentlich in Osteuropa, durchaus nicht nur eine Forderung der Intellektuellen ist, wie manche Leute, auch Linke, oft glauben: Es ist die Grundvoraussetzung für die Mitwirkung der Arbeiter und Bauern an der Politik. So erklärte man beispielsweise den tschechoslowakischen Arbeitern, die Fabriksgesetzgebung sei zu ihrem Nutzen da, aber sie kannten nicht einmal die Wirtschaftsbilanz ihrer Betriebe. Sie wußten nicht, ob der Betrieb mit Gewinn oder mit Verlust arbeitete, noch kannten sie die Produktionspläne. Sie hatten überhaupt keine Informationen, weniger noch als in kapitalistischen Ländern.

Die Informationsexplosion, die der Abschaffung der Zensur folgte, setzte die Arbeiterklasse in Bewegung. Der Prozeß beschleunigte sich nach der Annahme des Aktionsprogramms der Partei. Dieses schuf die Basis für die Bildung von Arbeiterräten, indem es die Diskussion darüber eröffnete, in welcher Form die Arbeiterklasse die Macht ausüben solle. Das war für die Tschechoslowakei etwas Neues. Es gab einige Leute, die die Erfahrungen Jugoslawiens, Polens und Ungarns (in der Tschechoslowakei war darüber nichts veröffentlicht worden) studiert oder linke Literatur aus dem Westen gelesen hatten.

Jedenfalls begann die Diskussion und entwickelte sich in den Monaten Mai, Juni und Juli; es wurden „Initiativausschüsse“ gewählt, die die Bildung von Arbeiterräten vorbereiten sollten. Zum ersten Mal nach vielen Jahren erlebten es die Arbeiter, daß ihre eigenen Wortführer in Rundfunk und Fernsehen auftreten und Artikel in Zeitungen veröffentlichen konnten. Sie sahen, daß sie Fragen stellen konnten und auch Antworten erhielten. So wurde es ihnen möglich, über Formen der Selbstverwaltung zu diskutieren, sei es durch Arbeiterräte und unabhängige Gewerkschaften, sei es durch Vertretung in den Nationalausschüssen und ähnliches. Kurz, ich glaube, es war eine deutliche Tendenz zur Demokratisierung.

Ich sage „Tendenz“, weil der Prager Frühling nur ein Anfang war. Man darf nicht vergessen, daß der Druck von außen schon im Februar einsetzte. Er richtete sich nicht so sehr gegen das Auftreten der Intellektuellen, als vielmehr gegen alle Maßnahmen, die zu einer Schwächung der Partei- und Staatsbürokratie beitragen mochten. Am meisten beunruhigte die Russen, daß man von Arbeiterselbstverwaltung und Arbeiterräten sprach sowie davon, das Staatseigentum durch Kollektiveigentum zu ersetzen usw. Was den letztgenannten Punkt betrifft, sagten sie, da sei kein Unterschied; sobald die Arbeiterklasse die Macht habe, sei das Staatseigentum die höchste Form des gesellschaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln.

Hätte die Sowjetunion nicht interveniert, wäre es meiner Überzeugung nach früher oder später zu einem Konflikt innerhalb des tschechoslowakischen „neuen Kurses“ gekommen. Denn die einen wollten eine wirkliche, radikale Demokratisierung, die anderen aber nur gewisse Zugeständnisse, gewisse Liberalisierungsmaßnahmen, doch ohne Änderung der bestehenden Struktur. Den letzteren stärkte natürlich der sowjetische Druck den Rücken. Sie sagten: „Wir dürfen nicht zu weit gehen, sonst wird die Sowjetunion uns besetzen.“ Das ist stets das Argument jener gewesen, die gegen die volle Demokratisierung waren. Die Massen aber, glaube ich, waren in solchem Maß mobilisiert, waren so aktiv geworden, daß die Tendenz für eine radikale Reorganisation die Oberhand behalten hätte.

Wie war es mit der Tendenz zu einem dezentralisierten System, das die ökonomische Ungleichheit verstärkt hätte? Glauben Sie, das wäre in der Tschechoslowakei eingetreten?

Ja, ich glaube, es wäre eingetreten, und es ist sogar schon vor 1968 der Fall gewesen, als Reaktion auf das 1955 eingeführte egalitäre System. In diesem System war die Spannweite zwischen den höchsten und den niedrigsten Einkommen sehr gering. Das heißt, es gab keinen materiellen Anreiz für verantwortliche Posten, für geistige Arbeit und für wichtige Funktionen in den Betrieben. Ideologisch gesehen kann man dies als Fortschritt betrachten. Aber in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus muß man sowohl moralische als auch materielle Anreize verwenden. Gerade weil eine sozialistische Gesellschaft die wissenschaftliche und technische Entwicklung mehr fördern sollte als eine kapitalistische, müßten Wissenschaftler und Techniker auch dementsprechend entlohnt werden. Natürlich gab es auch in jener Zeit Ungleichheiten, in dem Sinn, daß zwar in verschiedenen Berufen gleich hohe Gehälter gezahlt wurden, aber manche, zum Beispiel Parteifunktionäre, außerdem andere Vergünstigungen hatten.

Gewiß erweckte die Tschechoslowakei 1962 nicht den Eindruck weitgehender Gleichheit — ganz im Gegenteil. Hohe Partelfunktionäre hatten Autos, große Wohnungen, ein sehr komfortables Leben im allgemeinen, und das zu einer Zelt, da dies für die Masse der tschechoslowakischen Arbeiter nicht zutraf. Es gab sogar besondere Geschäfte, wo Partelfunktionäre ausländische Waren und andere Artikel kaufen konnten, die nicht allgemein erhältlich waren.

Darauf wollte ich gerade kommen. Ich sprach von der großen Mehrheit der Bevölkerung, und ich glaube, bei ihr herrschte Gleichheit. Wenn man beispielsweise an einem Sonntag durch die Straßen Prags ging, konnte man schwer erkennen, wer ein Universitätsprofessor, Ingenieur oder Arbeiter war. Alle hatten ungefähr den gleichen Standard.

Die Parteifunktionäre bildeten natürlich eine Ausnahme. Die Parteihlerarchie hatte eine Menge von Privilegien. In den fünfziger Jahren waren es noch mehr gewesen: um 1962 nahmen sie bereits ab, doch bestanden sie sicherlich noch. Da gibt es zum Beispiel eine berühmte Geschichte darüber, was geschah, als 1968 der Parteikassier vom Zentralkomitee entlassen wurde und zu seiner Verteidigung einen Brief an das ZK-Plenum sandte (der Brief wurde nie veröffentlicht, wie ich betonen muß), in dem er anführte, wieviel die einzelnen Mitglieder der Parteiführung zusätzlich zu ihrem offiziellen Gehalt bekommen hatten. Die genannten Funktionäre mußten alle Parteibeiträge, die sie in der Vergangenheit vernachlässigt hatten, nachzahlen. In manchen Fällen handelte es sich um stattliche Summen. Aber alles in allem waren die Privilegien in der Tschechosiowakei viel geringer als in der Sowjetunion und einigen anderen kommunlstischen Ländern.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1973
, Seite 7
Autor/inn/en:

Jiří Pelikán:

Geboren 1923 Olomouc. 1939 Mitglied der Illegalen KPTsch. 1940 Gestapohaft. 1945 Vorsitzender Hochschulausschuß KPTsch Prag, Abgeordneter Nationalversammlung. Mitglied ideologische Kommission ZK und mehrerer Parlamentsausschüsse. Acht Jahre Vorsitzender Internat. Studentenverband. 1961 Parteidisziplinarstrafe wegen „Mitgliedschaft jugoslawischer Revisionistengruppe“. 1983 Fernsehdirektor; 1968 Vorsitzender außenpol. Ausschuß Parlament. Am außerordentl. 14. Parteitag KPTsch Mitglied des Präsidiums des ZK. Dann als Fernsehdirektor abgesetzt. Botschaftsrat Rom. 1969 Entschluß, nicht mehr in die CSSR zurückzukehren.

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