FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 487-492
Günther Anders

Die Wahrheit wird transportiert

Molussische Apokryphe über das Blamieren
Vor 1938, für den Druck überarbeitet 1973
Nicht aufgenommen in die Buch-Ausgabe:
Die Molussische Katakombe, München 1992

(Ans Ende.)

»Der Dritte«, so erzählte Olomonokoro, »der die Ewigkeit der Ideen leugnete und die Ideen zu Interesseworten der Machtgruppen erniedrigte, und der behauptete, die Wahrheiten wechselten und bewegten sich und müssten umgewälzt werden mit der Umwälzung der Macht — dieser Dritte soll sehr triumphierend gewesen sein, als der hier eingeliefert wurde. »Wir werden Dir schon zeigen«, hatten ihm die Häscher zugerufen, als sie zu ihm kamen, »wer recht hat«. »Seht Ihr denn nicht«, so hatte er erwidert, als zwei ihn eilig bei den Beinen nahmen, »daß auch Ihr« — und zwei andere hatten ihn schon unter den Achseln gefaßt — »trotz Eurer Überzeugung« — und sie trugen ihn schon im Laufschritt, und der Sprechende wurde transportiert, und die Stimme wurde transportiert und die Wahrheit ebenfalls — »mir recht gebt? « und sie waren schon aus dem Hause und trugen ihn zum Gaudium des Volkes durch die Straße.

»Halt Deinen Mund«, erwiderte einer der Schergen, als sie sich etwas verschnauften. »Ein Teil Deines Satzes hängt in Deinem Zimmer, einer fiel auf die Fliesen des Korridors, und der dritte steht drei Häuser hinter uns.«

»Das tut nichts«, sagte der Dritte, »die Wahrheit steht fest. Was hat sie mit der Bewegung zu tun?«

»So sicher«, bemerkte Olomonokoro, »war die Überzeugungstreue des Dritten. Und so blamierten sich die Schergen, die mit Macht die Machttheorie widerlegen wollten.«

»Vor wem blamierten sie sich denn?« fragte Yegussa.

»Vor niemandem bestimmten«, behauptete Olo. »Er blamierte sie schlechthin.«

»Das gibt es nicht«, meinte Yegussa kopfschüttelnd. »Blamiert war allein der Dritte. Für seine These ist er hierher gekommen, nicht für die Sache. Er glaubte, daß seine Idee stärker sei als die Macht, denn er versuchte zu überzeugen. So hat er, als er sich opferte, alles verraten. Solche machen die Umwälzung nicht.«

»Du wirst mich lehren«, schloß darauf Olo gekränkt die Unterhaltung.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1994
No. 487-492, Seite 1
Autor/inn/en:

Günther Anders:

Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Philosophie 1924 Promotion bei Husserl. Danach gleichzeitig philosophische, journalistische und belletristische Arbeit in Paris und Berlin. 1933 Emigration nach Paris, 1936 nach Amerika. Dort viele „odd jobs“, unter anderem Fabrikarbeit, aus deren Analyse sich später sein Hauptwerk ‚Die Antiquiertheit des Menschen‘ ergab. Ab 1945 Versuch, auf die atomare Situation angemessen zu reagieren. Mitinitiator der internationalen Anti-Atombewegung. 1958 Besuch von Hiroshima. 1959 Briefwechsel mit dem Hiroshima—Piloten Claude Eatherly. Stark engagiert in der Bekämpfung des Vietnamkrieges. — Auszeichnungen: 1936 Novellenpreis der Emigration, Amsterdam; 1962 Premio Omegna (der ,Resistanza Italiana‘); 1967 Kritikerpreis; 1978 Literaturpreis der ‚Bayerischen Akademie der Schönen Künste‘; 1979 Österreichischer Saatspreis für Kulturpublizistik; 1980 Preis für Kulturpublizistik der Stadt Wien; 1983 Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; 1992 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Günther Anders starb am 17.12.1992 in Wien.

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