FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 203/II
Donatien Alphonse François de Sade

Die Republik braucht Laster

Die Philosophie im Schlafzimmer — 4. Folge

(Die Debatte über Atheismus und Moral, die bereits das letzte Drittel unserer 3. Folge füllte, setzt sich im Original in etwa nochmals dreifacher Länge fort. Da sie keine wesentlich neuen Gesichtspunkte bringt, wird sie hier übersprungen. Desgleichen, aus demselben Grund, der ganze IV. Dialog. Nachstehend ausgewählte Stellen aus dem V. Dialog sowie aus dem daran sich anschließenden, vom Chevalier de Mirvel vorgetragenen politischen Manifest „Franzosen, noch ein kleiner Ruck, wenn Ihr Republikaner sein wollt“. Es geht hier um die konsequente Durchführung der Französischen Revolution nach Sades Meinung. Das Manifest füllt ein reichliches Drittel des ganzen Werkes. Der VI. und der letzte, VII. Dialog wird wiederum übersprungen.)

Arrangement

DOLMANCÉ

Chevalier, du bist es, der dieses schöne Kind nun entjungfern wird. Deine Anstrengungen werden sich mit denen deiner Schwester vereinen, damit Eugenie desto gewisser in deinen Armen vergeht. Du aber biete mir deinen Hintern. Ich werde dich ficken, während Augustin dasselbe mit mir tut. (Man arrangiert sich).

LE CHEVALIER

Findest du mich so gut?

DOLMANCÉ

Den Hintern vielleicht ein wenig höher, mein Lieber. So, gut ... ich komme ohne Vorbereitung, Chevalier.

LE CHEVALIER

Meiner Treu, mich stört’s nicht. Kann ich denn anderes als Vergnügen empfinden in den Armen dieses köstlichen Mädchens? (Er küßt sie und wichst sie, indem er einen Finger in ihre Fotz führt, während Madame de Saint-Ange Eugenies Klitoris kitzelt.)

DOLMANCÉ

Was mich betrifft, mein Lieber, kannst du sicher sein, daß ich dich mehr hernehme, als ich Eugenie hernahm. Es ist ein solcher Unterschied zwischen dem Hintern eines Jünglings und dem eines Mädchens. Steck ihn mir doch hinein, Augustin. Wie schwer es dir fällt, dich zu irgend etwas zu entschließen.

AUGUSTIN

Bei der Madonna, mein Herr, das kommt, weil er mir gerade ausgeronnen ist, so ganz nah beim Ding von diesem süßen Täubchen da. Und Sie wollen, daß er gleich wieder wegen Ihres Hintern aufsteht, der wirklich nicht so schön ist.

DOLMANCÉ

Schwachkopf! Doch warum sich beklagen! So ist die Natur: jeder predigt seinen eigenen Heiligen. Also los, los, penetriere, mein aufrichtiger Augustin. Und sobald du etwas mehr Erfahrung hast, wirst du mir sagen, ob die Hintern nicht besser sind als die Fotzen ... Eugenie, tu doch dem Chevalier, was er dir getan hat. Ach so, du beschäftigst dich bei dir selbst, da hast du schon recht, kleine Libertinerin. Aber im Interesse deines eigenen Vergnügens solltest du ihn doch wichsen, ehe er deine Erstlingsfrüchte pflückt.

EUGENIE

Nun gut, ich wichse ihn, ich küsse ihn, ich verliere den Kopf ... oh, oh, oh, meine Freunde, ich kann nicht mehr, habt Erbarmen mit meinem Zustand ... ich sterbe, es kommt mir ... mein Gott, ich bin außer mir.

DOLMANCÉ

Ich werde schon vorsichtig sein, ich wollte mich in diesem schönen Hintern nur erst einmal aufwärmen. Meinen Samen, der sich darin entzündet hat, bewahre ich dann auf für Madame de Saint-Ange: denn nichts vergnügt mich mehr, als meine Operation in einem Hintern zu beginnen und in einem anderen zu Ende zu führen. Na, Chevalier, du bist ja schon ganz schön unterwegs ... Entjungfern wir nun?

EUGENIE

Beim Himmel, nein, ich will nicht, daß der Chevalier es tut, an seinem würde ich sterben. Der Ihre ist kleiner, Dolmancé. Mögen sie es sein, dem ich diese Operation verdanke, ich beschwöre Sie!

DOLMANCÉ

Das ist nicht möglich, mein Engel. Ich habe in meinem Leben noch keine Fotze gefickt. Sie werden gestatten, daß ich in meinem Alter nicht mehr damit anfange. Ihre erste Blüte gehört dem Chevalier, er allein von uns ist hier würdig, sie zu pflücken. Rauben wir ihm nicht sein Recht.

MADAME DE SAINT-ANGE

Eine Jungfernschaft zu verschmähen ... so frisch, so hübsch wie diese hier! ... Ich glaube wirklich nicht, daß man sagen kann, meine Eugenie sei nicht das schönste Mädchen von Paris. Also wahrhaftig, mein Herr, das heißt etwas zu sehr auf seinen Grundsätzen bestehen.

DOLMANCÉ

Nicht so sehr, wie ich sollte, Madame: zum Beispiel würde eine große Zahl meiner Mitbrüder Sie gewiß nicht einmal arschficken ... Ich habe es getan und werde es wieder tun. Ich treibe also meinen Kult nicht bis zum Fanatismus, wie Sie argwöhnen!

MADAME DE SAINT-ANGE

Nun gut, aber behandle sie schonend, die kleine Eugenie, Chevalier. Sieh, wie schmal die Stelle ist, durch die du eindringst. Steht dieses Behältnis in irgendeiner Proportion zu dem, was du hineintust?

EUGENIE

Gut also, ich werde sterben, es ist unvermeidlich ... Der glühende Wunsch, gefickt zu werden, läßt mich alles riskieren, ohne jegliche Furcht ... Komm, dring ein, mein Lieber, ich überlasse mich dir.

LE CHEVALIER

(Sein steifes Glied in der Hand haltend.) Verflixt noch einmal, er muß hinein ... Schwester, Dolmancé, haltet jeder eines ihrer Beine ... Heiliger Gott, welch ein Unternehmen! Ja, ja, und wenn ich sie zerreiße, bei Gott, sie muß es verkraften.

EUGENIE

Langsam, langsam, ich halte es nicht aus ... (sie schreit, Tränen fließen über ihre Wangen) ... Hilf mir, meine Liebe ... (sie schlägt um sich) ... Nein, ich will nicht, daß er eindringt. Ich schreie Zeter und Mordio, wenn Sie fortfahren!

LE CHEVALIER

Schrei, soviel du willst, kleine Schelmin, ich sage dir, er muß hinein, und wenn du tausendmal krepierst!

EUGENIE

Welche Barbarei!

DOLMANCÉ

Verflixt noch einmal, wer ist schon zartfühlend mit einem steifen Schwanz?

LE CHEVALIER

Haltet sie, es ist soweit!, es ist soweit, bei Gott! Die Jungfernschaft ist beim Teufel. Seht, ihr Blut ... wie es fließt ...

EUGENIE

Komm, Tiger ... komm, zerreiß mich, wenn du jetzt willst, jetzt ist es mir gleich. Küß mich, Henker, küß mich, ich bete dich an ... Ah, es tut nicht mehr weh, wenn er einmal drin ist. Alle Schmerzen sind vergessen .... Unglücklich die Mädchen, die sich vor einer solchen Attacke ängstigen ... Welche Wonnen versäumen sie um eines kleinen Schmerzes willen ... Stoß zu, Chevalier, stoß zu, ich entlade mich. Gieße deinen Samen auf die Wunden, die du mir geschlagen hast. Stoß ihn ganz tief, bis auf den Grund meiner Gebärmutter! Ah, der Schmerz weicht der Wonne. Ich bin daran, ohnmächtig zu werden. (Der Chevalier entlädt, nachdem er zu Ende gefickt hat, Dolmancé seinerseits begießt ihm den Hintern und die Schenkel, Madame Saint-Ange kitzelt noch Eugenies Klitoris. Das Arrangement löst sich.)

[...]

Noch ein Ruck, Franzosen!

Franzosen, ihr seid zu aufgeklärt, um nicht zu merken, daß eine neue Regierung auch neue Sitten erfordert Es geht nicht an, daß die Bürger eines freien Staates sich wie die Sklaven eines despotischen Königs aufführen. Die Unterschiede in ihren Interessen, in ihren Pflichten, in ihren Beziehungen untereinander, bedingen eine wesentlich andere Art, sich in der Welt zu verhalten. Eine Menge kleiner Irrtümer und kleiner sozialer Delikte, die unter der Regierung von Königen als sehr wichtig angesehen wurden, werden ihnen als nichtig gelten. Die Könige bedurften solcher Regelungen, um sich gegenüber ihren Untertanen ehrfurchterregend und unzugänglich zu machen.

Andere Missetaten, die unter dem Namen Königsmord und Gotteslästerung bekannt sind, werden in einem republikanischen Staat ebenfalls zunichte, da dessen Regierung weder Könige noch Gott kennt. Wenn man Gewissensfreiheit und Pressefreiheit gibt, dann bedenkt, Bürger, daß man, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch Handlungsfreiheit geben muß. Mit Ausnahme dessen, was die Grundlagen der Regierung direkt erschüttert, bleibt eine denkbar geringe Zahl von strafbaren Verbrechen. Es gibt nur sehr wenig kriminelle Handlungen in einer Gesellschaft, deren Grundlagen Freiheit und Gleichheit sind. Bei näherem Abwägen und Prüfen der Dinge heißt verbrecherisch einfach, was das jeweilige Gesetz verbietet. Die Natur diktiert gleichermaßen Laster wie Tugenden auf Grund unserer Veranlagung oder, philosophischer gesprochen: auf Grund der Bedürfnisse der Natur einmal nach Laster, einmal nach Tugend. Folglich ist das, was uns die Natur eingibt, ein sehr ungewisser Maßstab zur präzisen Bestimmung dessen, was gut oder schlecht ist.

[...]

Bruderliebe

Die christliche Moral ist zu ungenau im Hinblick auf die Beziehungen des Menschen mit seinesgleichen. Sie steckt so voller Sophismen, daß es unmöglich ist, sie anzunehmen. Wenn man Prinzipien aufstellen will, muß man sich hüten, sie auf Sophismen zu gründen. Diese absurde Moral sagt uns, unseren Nächsten so zu lieben wie uns selbst. Nichts wäre in der Tat erhabener, wenn es möglich wäre, daß das Falsche je die Züge des Schönen trüge. Es geht nicht darum, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, denn dies ist gegen alle Gesetze der Natur, und nur die Stimme der Natur soll alle Handlungen in unserem Leben leiten. Es geht nur darum, unseresgleichen wie Brüder zu lieben, wie Freunde, die die Natur uns gibt. Wir können mit ihnen desto besser leben, wenn wir in einem republikanischen Staat leben; in diesem läßt das Verschwinden der Distanz die menschlichen Bindungen notwendigerweise enger werden.

Strafrechtsreform

Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Gutes tun — das sind die Prinzipien, die unsere gegenseitigen Pflichten bestimmen sollen, mit jenem einfachen Grad an Energie, den uns die Natur in diesem Punkt gegeben hat, ohne diejenigen zu tadeln oder gar zu strafen, die, kühler oder mürrischer veranlagt, in diesen rührenden Banden nicht alle Süße empfinden, die andere darin entdecken. Man wird zugeben, daß es eine jämmerliche Absurdität wäre, hier allgemeingültige Gesetze vorschreiben zu wollen. Dies wäre ebenso lächerlich, wie wenn ein General allen seinen Soldaten eine Uniform nach gleichem Maß vorschriebe.

Zu fordern, daß Menschen von ungleichem Charakter sich gleichen Gesetzen unterwerfen, ist eine erschreckende Ungerechtigkeit. Was dem einen paßt, paßt dem anderen ganz und gar nicht. Ich gebe zu, daß man nicht ebenso viele Gesetze machen kann, wie es Menschen gibt. Aber die Gesetze können so mild sein und so gering an Zahl, daß alle Menschen, wie immer sie geartet sind, sich ihnen unterwerfen können.

Außerdem würde ich fordern, daß diese geringe Zahl von Gesetzen so beschaffen sei, daß sie leicht auf alle die verschiedenen Charaktere angewandt werden können. Der Geist derer, die sie anwenden, müßte darauf gerichtet sein, den einzelnen verschieden hart zu treffen. Denn es ist erwiesen, daß es Tugenden gibt, deren Besitz manchen Menschen unmöglich ist, ebenso wie es Heilmittel gibt, die manchen Temperamenten nicht zusagen. Der Gipfel der Ungerechtigkeit wäre es, wenn Ihr mit dem Gesetz den trefft, dem es unmöglich ist, sich dem Gesetz zu beugen. Käme die Ungerechtigkeit, die Ihr hiermit begeht, nicht jener gleich, der Ihr euch schuldig macht, wenn Ihr einen Blinden zwingt, Farben zu unterscheiden? Aus diesen ersten Prinzipien folgt, wie man spürt, die Notwendigkeit, milde Gesetze zu erlassen, vor allem für immer die Scheußlichkeit der Todesstrafe abzuschaffen. Denn ein Gesetz, das das menschliche Leben antastet, ist unzweckmäßig, ungerecht, unzulässig.

[...]

Unheiliges Eigentum

Wenn wir die Antike durchforschen, sehen wir, daß der Diebstahl erlaubt, ja belohnt wird in allen griechischen Republiken. Sparta und Lakedämonien fördern ihn ganz offen. Andere Völker sahen in ihm eine kriegerische Tugend. Es ist sicher, daß er den Mut fördert, die Kraft, die Geschicklichkeit, mit einem Wort: lauter Tugenden, die für eine republikanische Regierung, folglich auch für unsere, nützlich sind. Ich wage ohne Voreingenommenheit die Frage, ob der Diebstahl, dessen Wirkung der Ausgleich der Besitztümer ist, ein großes Übel sein kann bei einer Regierung, deren Ziel die Gleichheit ist. Sicher nicht ...

Gott bewahre, daß ich hier etwa den Eid auf die Achtung des Eigentums angreifen oder zerstören wolle, den die Nation jüngst geleistet hat. Doch gestatte man mir einige Gedanken über die Ungerechtigkeit dieses Eides. Was ist der Sinn eines Eides, den alle Angehörigen einer Nation leisten? Ist es nicht der, vollkommene Gleichheit unter den Bürgern herzustellen, sie alle dem schützenden Gesetz des Eigentums aller zu unterstellen? Ich frage aber, ob ein Gesetz gerecht ist, das dem, der nichts hat, vorschreibt, den zu achten, der alles hat ...

Mit welchem Recht soll sich der Habenichts einem Vertrag unterwerfen, der nur den beschützt, der alles hat? Wenn Ihr einen Akt der Gleichheit setzt, indem Ihr durch Eid das Eigentum der Reichen schützt, begeht Ihr dann nicht eine Ungerechtigkeit, indem Ihr diesen Eid von jemandem verlangt, der nichts dergleichen zu schützen hat? Welches Interesse sollte jener an Eurem Eid haben? Und warum wollt Ihr, daß er etwas verspricht, das nur dem nützt, der sich gerade durch seinen Reichtum von ihm unterscheidet? Es gibt gewiß nichts, das ungerechter wäre: ein Eid muß gleiche Wirkung für alle haben, die ihn schwören. Es geht nicht an, daß er den bindet, der an seiner Einhaltung keinerlei Interesse hat. Dann wäre dies nicht mehr der Vertrag eines freien Volkes, sondern die Waffe des Starken gegen den Schwachen, wogegen dieser sich unablässig empören müßte. Dies ist der Fall beim Eid über die Achtung des Eigentums, den die Nation jüngst allen ihren Bürgern abgefordert hat. Der Reiche allein bindet hier den Armen, der Reiche allein hat Interesse an diesem Schwur ...

Verschlimmert diese Ungerechtigkeit nicht noch dadurch, daß Ihr den, der nichts hat, dafür bestraft, daß er dem, der alles hat, etwas genommen hat. Euer ungerechter Eid gibt ihm hierzu mehr Recht denn je. Indem Ihr ihn durch diesen für ihn absurden Eid zum Meineid zwingt, rechtfertigt Ihr alle Verbrechen, zu denen ihn dieser Meineid treibt. Es steht Euch nicht an, zu bestrafen, was Ihr selbst verursacht habt ...

[...]

Pflicht zum Aufruhr

Wir dürfen keinen Augenblick daran zweifeln, daß alles, was man moralische Verbrechen nennt, daß heißt Handlungen wie Prostitution, Ehebruch, Inzest, Vergewaltigung, Sodomie, moralisch indifferent ist in einem Regierungssystem, dessen einzige Aufgabe darin besteht, durch jedes beliebige Mittel sich selbst aufrechtzuerhalten.

Das ist die einzige Moral einer republikanischen Regierung. Und da diese Regierung ständig angegriffen wird von den Despoten, die sie umgeben, kann man sich vernünftigerweise nicht vorstellen, daß die Mittel zur Erhaltung ihrer selbst moralische Mittel sein können. Denn diese Regierungsform wird sich nur durch den Krieg aufrechterhalten. Und nichts ist weniger moralisch als der Krieg. Nun frage ich, wie man beweisen will, daß es in einem (...) unmoralischen Staat wesentlich sei, daß die Individuen moralisch sind.

Mehr noch, ich sage sogar, daß es gut ist, wenn sie dies nicht sind. Die griechischen Gesetzgeber haben ganz klar die Notwendigkeit erkannt, die Glieder des Staates zu zerfressen, damit diese moralische Auflösung der Staatsmaschinerie nützlich werde. Aus der moralischen Zersetzung sollte der Aufstand folgen, der unerläßlich ist für ein glückliches (und eben darum Haß und Eifersucht seiner Umgebung provozierendes) Staatswesen. Der Aufstand, so dachten diese weisen Gesetzgeber, ist keineswegs ein moralischer Zustand, dennoch muß er der permanente Zustand einer Republik sein. Es wäre ebenso absurd wie gefährlich zu fordern, daß die, die für die ständige unmoralische Erschütterung der Staatsmaschine sorgen sollen, selbst moralische Wesen sind. Der moralische Zustand ist ein Zustand des Friedens und der Ruhe. Der unmoralische Zustand ist ein Zustand der ewigen Bewegung, der notwendig zum Aufstand führt. Und der Republikaner muß den Staat, dem er angehört, ständig in Revolution halten.

Seht, wie die griechischen Gesetzgeber, tief überzeugt von diesen Ideen, die Ausschweifung in Lakedämonien und Athen behandelten. Sie berauschten die Bürger damit. Sie waren weit entfernt davon, sie ihm zu untersagen. Keine Art der Lüsternheit war ihm verboten. Sokrates, den das Orakel zum weisesten Philosophen der Welt erklärte, wechselte gelassen aus den Armen der Aspasia in die Arme des Alkibiades, und war dennoch der Ruhm Griechenlands ...

[...]

Sexuelle Emanzipation der Frau

Man muß Häuser errichten, in denen die Frauen (...) die Bedürfnisse ihres Temperaments, das viel leidenschaftlicher ist als das unsere, mit allen Geschlechtern befriedigen können (...) Mit welchem Recht behauptet Ihr, sie zu einer Enthaltsamkeit zwingen zu dürfen, die ihrem Körper unmöglich und ihrer Ehre absolut unnütz ist?

Es wird also Häuser geben, die für die Ausschweifung der Frauen bestimmt sind, und ebenso wie die der Männer unter dem Schutz der Regierung stehen. Dort werden ihnen alle Individuen des einen oder anderen Geschlechts zur Verfügung stehen, die sie wünschen. Je mehr sie diese Häuser besuchen, um so angesehener werden sie sein. Es gibt nichts so Barbarisches und Lächerliches, wie Ehre und Tugend der Frauen an dem Widerstand zu messen, den sie den ihnen von der Natur gegebenen Wünschen entgegensetzen, noch dazu, wenn diese Wünsche ständig von jenen selben Männern angestachelt werden, die barbarisch genug sind, die Frauen gleichzeitig zu tadeln.

Vom zartesten Alter an kann ein von den väterlichen Bindungen befreites Mädchen, das nichts mehr für die Ehe zu bewahren braucht (die durch die von mir vorgeschlagenen weisen Gesetze völlig abgeschafft wird), frei von allen Vorurteilen, die früher ihr Geschlecht gefangen hielten, sich allen Vergnügungen widmen, die ihm sein Temperament eingibt, in eigens zu diesem Zweck errichteten Häusern. Die Frauen werden dort mit Ehrfurcht empfangen und verschwenderisch befriedigt werden. Wenn sie wieder in die Gesellschaft zurückkehren, werden sie dort offen von den Freuden reden können, die sie genossen haben, so wie sie heute über einen Ball oder einen Spaziergang berichten. Bezauberndes Geschlecht, du wirst frei sein. Du wirst wie die Männer alle Freuden genießen, die dir die Natur zur Pflicht gemacht hat. Soll denn der göttlichste Teil der Menschheit vom anderen Teil in Fesseln gehalten: werden? Zerbrecht diese Fesseln, die Natur will es! Legt euch keine anderen Fesseln auf als die eurer Neigungen, keine anderen Gesetze als eure Wünsche, keine andere Moral als die der Natur. Schmachtet nicht länger unter barbarischen Vorurteilen, die euren Zauber zerstören und die göttlichen Impulse eures Herzens gefangenhalten.

Die Frauen wissen nicht, wie sehr sie ihre Laszivität verschönt. Man vergleiche zwei Frauen ähnlichen Alters und ähnlicher Schönheit, von denen eine zölibatär, die andere ausschweifend ist. Jede Gewalt, die man der Natur antut, schadet mehr als ein Übermaß an Vergnügungen.

Ihr seid frei wie wir Männer. Die Karriere in den Spielen der Venus steht euch ebenso offen wie uns. Fürchtet nicht unsinnige Vorwürfe. Pedanterie und Aberglauben werden verschwinden. Man wird euch um eurer reizenden Ausschweifungen willen nicht mehr erröten lassen. Bekränzt mit Myrthen und Rosen, wird die Ehrfurcht, die wir für euch empfinden, nur an dem Maß gemessen werden, das ihr euren Ausschweifungen zugesteht.

Ende der Serie

(Der gesamte Text der „Philosophie im Schlafzimmer“ samt Siegerts Kommentar wird in Buchform erscheinen. Der Subskriptionspreis beträgt S 100,—. Bestellungen erbeten an die Adresse des NF.)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1970
No. 203/II, Seite 1041
Autor/inn/en:

Donatien Alphonse François de Sade:

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