FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 202/I
Donatien Alphonse François de Sade

Die Philosophie im Schlafzimmer

2. Folge

DER CHEVALIER

Nur deiner Phantasie konnte dieser Plan entspringen, er ist göttlich, Schwester, und ich verspreche dir, aufs beste jene reizende Rolle zu spielen, die du mir zudachtest. O Schurkin, wie wirst du’s genießen, dieses Kind zu erziehen, welche Wonne für dich, es zu verderben, in. diesem jungen Herzen alle Samen der Tugend und der Religion zu ersticken, die ihre Erzieherinnen dort eingesenkt haben mochten. Wirklich, das ist allzu schurkisch für mich, Madame.

MADAME DE SAINT-ANGE

Sei dessen gewiß, daß ich nichts verabsäumen werde, sie zu verderben, sie zu verwüsten, alle falsche Moral in ihrem Herzen umzustürzen. Ich will sie so ruchlos machen wie ich, so gottlos, so lasterhaft. Unterrichte Dolmancé, sobald er kommt. Das Gift seiner Unmoral soll zusammen mit dem meinen in dieses junge Herz träufeln, auf daß alle Tugend dort verdorre, die ohne uns etwa keimen könnte.

DER CHEVALIER

Unmöglich hättest du hierfür einen besseren Mann finden können. Gottlosigkeit, Unmenschlichkeit und Ausschweifung tropfen von Dolmancés Lippen, wie einst das mystische Öl von jenen des Bischofs von Cambrai. Er ist der gründlichste Verführer, der verderbteste, gefährlichste Mensch. O meine Freundin, möge deine Schülerin der Mühen dieses Lehrers würdig sein. Ich garantiere dir, daß sie verloren ist.

MADAME DE SAINT-ANGE

Es wird gewiß nicht lange dauern, ich kenne ihre Neigungen.

DER CHEVALIER

Fürchtest du nichts, liebe Schwester, von ihren Eltern? Wenn dieses kleine Mädchen daheim plaudert?

MADAME DE SAINT-ANGE

Keine Angst, ich habe den Vater verführt. Ich habe mich ihm hingegeben, um ihm die Hände zu binden. Er kennt meine Pläne nicht, doch würde er nie wagen, sie auszufinden. Ich habe ihn in der Hand.

DER CHEVALIER

Deine Mittel sind abscheulich.

MADAME DE SAINT-ANGE

Dafür sind sie sicher.

DER CHEVALIER

Und wer, ich bitte dich, ist diese junge Person?

MADAME DE SAINT-ANGE

Man nennt sie Eugenie, sie ist die Tochter eines gewissen Mistival, eines der reichsten Steuerpächter der Hauptstadt. Etwa 36 Jahre alt, die Mutter ist höchstens 32, das kleine Mädchen 15. Mistival ist ein ebensolcher Wüstling wie seine Frau eine Betschwester. Was Eugenie anlangt, wäre es vergeblich, mein Freund, sie dir ausmalen zu wollen. Es geht über meine Kräfte. Sei überzeugt, daß weder du noch ich je auf dieser Welt etwas so Köstliches gesehen haben.

DER CHEVALIER

Wenn du sie nicht malen kannst, skizziere sie. Mit meiner Phantasie will ich den Rest besorgen.

MADAME DE SAINT-ANGE

Ihre kastanienfarbenen Haare lassen sich kaum mit einer Hand spannen, und sie fallen bis über die Hinterbacken. Ihr Teint ist leuchtend weiß, ihre Nase etwas gebogen, ihre Augen schwarz wie Ebenholz und von einer Glut ... O mein Freund, es ist unmöglich, diesen Augen zu widerstehen, du kannst dir nicht vorstellen, zu welchen Tollheiten sie mich gebracht haben. Ihr Mund ist sehr klein, die Zähne prachtvoll, alles von einer Frische ... Eugenie ist groß für ihr Alter, man würde sie für 17 halten, ihre Taille ist elegant, ihr Busen köstlich, die hübschesten zwei Brüste, kaum genug, um eine Hand zu füllen, aber süß, frisch, weiß. Wie hab’ ich den Kopf verloren, wenn ich die beiden küßte! Und wenn du gesehen hättest, wie sie unter meinen Liebkosungen lebendig wurde, wie ihre großen Augen ihren Zustand spiegelten. Mein Freund, ich weiß nicht, wie das übrige ist. Doch wenn ich nach dem urteilen soll, was ich kenne, hat der Olymp keine Gottheit, die ihr gleich wäre. Doch ich höre sie schon. Laß uns allein, geh durch den Garten und sei pünktlich wieder da.

DER CHEVALIER

Das Bild, das du mir gabst, bürgt für meine Pünktlichkeit. O Himmel, jetzt wegzugehen, dich zu verlassen in dem Zustand, in dem ich mich befinde...
Adieu... Einen Kuß... einen einzigen Kuß, Schwester. (Sie küßt ihn und berührt durch die Hose sein Glied.)

ZWEITER DIALOG

MADAME DE SAINT-ANGE

Guten Tag, mein schönes Kind, ich habe deiner mit Ungeduld erwartet, wie du wohl leicht errätst, wenn du in meinem Herzen liest.

EUGENIE

Oh, meine Schöne, ich habe schon geglaubt, ich käme nie hier an, so sehr sehnte ich mich danach, in deinen Armen zu liegen; noch die Stunde, bevor ich wegging, habe ich gezittert, daß nicht alles wieder unmöglich würde. Meine Mutter widersetzte sich entschieden dieser wunderbaren Ausfahrt, es sei nicht schicklich, daß ein Mädchen meines Alters allein eine solche unternähme. Aber mein Vater war vorgestern so schlecht mit ihr verfahren, daß ein einziger Blick aus seinen Augen unsere Madame de Mistival vernichtete; sie stimmte dem zu, was mir mein Vater gewährt hat, und so eilte ich hierher. Man gab mir zwei Tage, dein Wagen und eine deiner Kammerfrauen muß mich übermorgen zurückbringen.

MADAME DE SAINT-ANGE

Wie kurz ist diese Zeit, mein lieber Engel, ich werde dir kaum alles eröffnen können, wozu du mich anfeuerst ... Wir haben viel zu tun; ich gedenke, dich in die geheimsten Mysterien der Venus einzuweihen; werden uns hierzu zwei Tage genügen?

EUGENIE

Wenn ich dann noch nicht alles weiß, möchte ich bleiben. Ich bin gekommen, zu lernen, und ich werde nicht weichen, ehe ich nicht in allem belehrt bin.

MADAME DE SAINT-ANGE

(Küßt sie) Oh, meine Liebe, was werden wir nicht alles einander tun und sagen! Willst du vorher speisen, meine Königin, da doch die erste Lektion recht lange dauern mag ...

EUGENIE

Ich habe kein anderes Bedürfnis, liebe Freundin, als von dir belehrt zu werden. Wir haben eine Meile von hier gespeist. Ich kann bis acht Uhr warten.

MADAME DE SAINT-ANGE

Gehen wir in mein Schlafzimmer, dort ist es bequemer. Meine Dienerschaft ist unterrichtet; sei gewiß, daß man nicht wagen wird, uns zu stören. (Sie gehen Arm in Arm ins Schlafzimmer)

DRITTER DIALOG

EUGENIE

(Sehr überrascht, in diesem Raum einen Mann zu finden) O Gott, das ist Verrat, meine liebe Freundin.

MADAME DE SAINT-ANGE

(Gleichermaßen überrascht) Welcher Zufall führt Sie hierher, mein Herr, Sie sollten doch, wie mir scheint, erst um vier kommen?

DOLMANCÉ

Ich komme dem Glück, Sie zu sehen, Madame, so weit wie möglich zuvor. Ich habe Ihren Bruder getroffen, er hat gespürt, wie sehr es meiner Anwesenheit bedürfe bei den Lektionen, die Sie Demoiselle zu erteilen gedenken. Insgeheim führte er mich nach hier, nicht ahnend, daß Sie sein Tun mißbilligen würden. Er selbst wird, da er weiß, daß seine Vorführungen erst nach den theoretischen Erörterungen notwendig sind; erst später hier erschienen.

MADAME DE SAINT-ANGE

Wahrhaftig, Dolmancé, das ist ein Streich ...

EUGENIE

Auf den ich nicht hereinfalle, meine gute Freundin, dies alles ist dein Werk ... zumindest hätte man mich fragen sollen ..., nun bin ich so von Scham erfüllt, daß dies gewißlich allen unseren Plänen im Wege stehen wird.

MADAME DE SAINT-ANGE

Ich schwöre dir, Eugenie, daß diese Überraschung nur von meinem Bruder stammt. Aber sie soll dich nicht erschrecken. Dolmancé, den ich als einen sehr liebenswürdigen Mann kenne, dazu genau von jenem Maß an Philosophie, dessen wir zu deiner Erziehung bedürfen, kann unseren Plänen nur nützlich sein. Was seine Diskretion anlangt, so stehe ich für ihn wie für mich selbst. Befreunde dich, meine Liebe, mit diesem Mann von Welt, er ist am besten geeignet, dich zu bilden. Er wird dich auf den Weg des Glücks führen, den wir gemeinsam beschreiten wollen.

EUGENIE

(Errötend) Gleichwohl bin ich sehr verwirrt ...

DOLMANCÉ

Machen Sie sich’s bequem, schöne Eugenie. Die Scham ist eine ältliche Tugend, deren Sie, mit Ihren Reizen, sehr wohl entraten können.

EUGENIE

Aber der Anstand ...

DOLMANCÉ

Eine andere mittelalterliche Angewohnheit, um die man heute wenig Aufhebens macht. Der Anstand steht im Widerspruch zur Natur. (Er nimmt Eugenie, preßt sie in seine Arme und küßt sie.)

EUGENIE

(Wehrt sich) Beenden Sie dies, mein Herr. Sie achten meiner wahrhaft zu gering.

MADAME DE SAINT-ANGE

Eugenie, hören wir doch beide auf, diesem charmanten Mann prüde zu begegnen. Ich kenne ihn so wenig als du. Gleichwohl, sieh, wie ich mich ihm ausliefere. (Sie küßt ihn unzüchtig.) Folge meinem Beispiel!

EUGENIE

Oh, das will ich gern, bei wem könnte ich besseres Beispiel finden? (Sie überläßt sich Dolmancé, der sie heftig küßt, die Zunge in ihrem Mund.)

DOLMANCÉ

Oh, welch liebenswertes und köstliches Geschöpf.

MADAME DE SAINT-ANGE

Glaubst du nicht, kleine Schelmin, daß ich jetzt auch einmal an der Reihe bin? (Küßt sie auf die gleiche Art.)

DOLMANCÉ

(Nimmt beide in seine Arme, küßt sie beide eine Viertelstunde, beide küssen einander und Dolmancé.) Das sind Vorspiele, die mich mit Wollust berauschen! Meine Damen, glauben Sie mir, hier ist es außerordentlich heiß. Machen wir’s uns bequem, dann werden wir viel besser plaudern.

MADAME DE SAINT-ANGE

Ich bin einverstanden; ziehen wir diese Schleier an, sie verhüllen von unseren Reizen nur, was dem Begehren verborgen werden muß.

EUGENIE

Wahrhaftig, meine Liebe, Sie lehren mich Dinge ...

MADAMEDE SAINT-ANGE

Ganz lächerliche, nicht wahr? (hilft ihr beim Entkleiden.)

EUGENIE

Ganz unschicklich, wirklich ... oh, wie du mich küßt.

MADAME DE SAINT-ANGE

Welch köstlicher Busen — Rosen, kaum noch erblüht.

DOLMANCÉ

(Betrachtet die Brüste Eugenies, ohne sie zu berühren.) Ein Busen, der andere Lockspeise verspricht ... noch ungleich schätzenswertere.

MADAME DE SAINT-ANGE

Noch schätzenswertere?

DOLMANCÉ

Ja, bei meiner Ehre! (Er macht Anstalt, Eugenie umzudrehen.)

EUGENIE

Oh nein, nein, ich beschwöre Sie!

MADAME DE SAINT-ANGE

Nein, Dolmancé ... ich will nicht, daß Sie noch mehr sehen ... von einem Gegenstand, dessen Macht über Sie zu groß ist, als daß Sie noch kühlen Kopfes argumentieren könnten. Wir brauchen Ihre Lektionen, geben Sie uns diese zuerst. Die Myrthen, die Sie danach pflücken werden, sollen Ihre Krone sein.

DOLMANCÉ

Aber um diesem schönen Kind die ersten Lektionen in Libertinage zu erteilen, müssen wenigstens Sie, Madame, die Güte haben, mir zur Vorführung zu dienen.

MADAME DE SAINT-ANGE

Nun wohl, sehen Sie her, ich bin nackt, führen Sie vor, was Ihnen gefällt.

DOLMANCÉ

Ah, welch schöner Körper ... Venus in Person, verschönt durch die Grazien!

EUGENIE

Oh, meine liebe Freundin, welche Reize, laß sie mich sehen, laß sie mich mit Küssen bedecken. (Sie tut es.)

DOLMANCÉ

Welch exzellente Anlagen! Etwas weniger Feuer, schöne Eugenie, im Augenblick verlange ich von Ihnen nur Aufmerksamkeit.

EUGENIE

Nun gut, ich höre, ich höre ... Aber sie ist so schön, so wohlgerundet, so frisch: ist sie nicht bezaubernd, meine gute Freundin, finden Sie nicht auch, mein Herr?

DOLMANCÉ

Sie ist schön ... vollkommen; aber ich bin gewiß, daß Sie ihr in nichts nachstehen ... Nun, hören Sie, meine hübsche kleine Schülerin, oder machen Sie sich darauf gefaßt, daß ich, wenn Sie nicht folgsam sind, von allen Rechten Gebrauch mache, die mir als Lehrer in reichem Maße zustehen.

MADAME DE SAINT-ANGE

O ja, Dolmancé, ich liefere Sie Ihnen aus. Man muß sie mit Nachdruck schelten, wenn sie nicht brav ist.

DOLMANCÉ

Es könnte leicht sein, daß ich mich nicht auf solchen ‚Tadel beschränke.

EUGENIE

Gerechter Himmel!. Sie setzen mich in Schrecken, was wollen Sie tun, Monsieur?

DOLMANCÉ

(Küßt Eugenie auf den Mund, stammelnd) Sie züchtigen ...Sie strafen. Dieser hübsche kleine Hintern könnte leicht für die Vergehen dieses hübschen kleinen Kopfes büßen. (Er schlägt sie durch den Schleier, mit dem sie noch bekleidet ist.)

MADAME DE SAINT-ANGE

Ich bin für diesen Plan, aber nicht für diese Geste. Mit solchen Präliminarien vergeht die kurze Zeit, deren wir teilhaft sind, Eugenie zu genießen. Beginnen wir, sonst kommen wir nicht zum Unterricht.

DOLMANCÉ

(Berührt, bei Madame de Saint-Ange jeweils alle Körperpartien, von denen die Rede ist.) Ich beginne. Sie wissen so gut wie ich, Eugenie, daß man diese Fleischkugeln Busen oder Brüste nennt; sie sind. dem Vergnügen von großem Nutzen, der Liebhaber hat sie beim Genuß vor Augen, er streichelt sie, berührt sie. Manche machen aus ihnen sogar den Sitz allen Genusses, indem sie ihr Glied zwischen die beiden Venushügel. betten, mit denen die Frau dann dieses Glied drängt und drückt, und schon nach einigen Bewegun. gen gelingt es manchen Männern, dort ihren Lebens‚ balsam zu verströmen, dessen Erguß das ganze Glück der Libertins bedeutet ... Dieses Glied, Madame, von dem jetzt ständig die Rede sein muß, sollten wir unserer Schülerin darüber nicht Aufklärung geben?

MADAME DE SAINT-ANGE

Ich glaube auch.

DOLMANCÉ

Nun, gut Madame, ich werde mich auf dieses Kanapee legen, Sie werden sich neben mich setzen, den in Rede stehenden Körperteil ergreifen und dessen Eigenschaften unserer jungen Schülerin erklären. (Dolmancé legt sich hin und Madame de Saint-Ange beginnt ihre Lektion.)

MADAME DE SAINT-ANGE

Dieses Zepter der Venus, das du vor Augen hast, Eugenie, ist der wichtigste Teilhaber in den Vergnügungen der Liebe, man nennt es vorzugsweise Glied. Es gibt keinen Teil des menschlichen Körpers, in den es sich nicht einführen ließe. Gehorsam den Leidenschaften dessen, der es bewegt, bettet es sich bald hier (sie berührt Eugenies Fotze), das ist der gewöhnliche Weg, der am meisten benutzte, aber nicht der angenehmste; auf der Suche nach einem mysteriöseren Tempel sucht der Libertin oft hier seinen Genuß (sie spreizt die Hinterbacken und zeigt auf ihr Arschloch): wir kommen auf diesen köstlichsten aller Genüsse noch zurück: der Mund, die Brüste, die Achselhöhlen sind ihm häufig die Altäre, auf denen sein Weihrauch verbrennt. Doch was immer von all diesen Orten jener sein mag, den er allen anderen vorzieht: nachdem das Glied sich einige Zeit bewegt hat, verspritzt das Glied eine weiße, zähe Flüssigkeit, deren Erguß dem Mann die süßesten Wonnen verschafft, die er sich vom Leben erwarten kann.

EUGENIE

O, wie gern möchte ich diese Flüssigkeit spritzen sehen!

MADAME DE SAINT-ANGE

Dies wäre schon möglich durch einfaches Reiben mit meiner Hand. Sieh zu, wie es sich erregt, je mehr ich es schüttle. Diese Bewegungen nennt man Masturbation, und in der Sprache der Libertinage heißt diese Handlung wichsen.

EUGENIE

Oh, liebe Freundin, laß mich dieses schöne Glied wichsen.

DOLMANCÉ

Ich halte das nicht länger aus. Lassen wir sie gewähren, Madame, diese Naivität macht mich schrecklich steif ...

MADAME DE SAINT-ANGE

Ich bin gegen solche Aufregung, Dolmancé, seien Sie vernünftig, der Erguß Ihres Samens würde durch Verminderung Ihrer animalischen Triebe auch das Feuer Ihrer Ausführungen mildern.

EUGENIE

Oh, meine gute Freundin, wie bin ich verärgert, daß du meinen Wünschen solchen Widerstand entgegensetzest ... Und diese Kugeln, wozu dienen sie und wie heißen sie? (Betastet Dolmancés Hoden.)

MADAME DE SAINT-ANGE

Unser technischer Ausdruck ist Eier ... In der Sprache der Wissenschaft: Testikeln. Diese Kugeln umschließen den Behälter des Samens, von dem ich eben sprach und dessen Ausströmen in die Gebärmutter der Frau die menschliche Gattung hervorbringt; aber auf diese Details, Eugenie, werden wir wenig eingehen, da sie mehr zur Medizin gehören als zur Libertinage. Ein hübsches Mädchen soll sich nur mit Ficken, nie mit Kinderkriegen beschäftigen. Über alles, was mit dem platten Mechanismus der Fortpflanzung zu tun hat, werden wir rasch hinweggehen, um uns einzig und allein mit der Wollust der Libertinage zu befassen. Ihr Sinn und Zweck ist keineswegs die Fortpflanzung.

EUGENIE

Aber, meine liebe Freundin, wenn dieses enorme Glied, das ich kaum in meiner Hand halten kann, nun gemäß deinen Versicherungen in ein so kleines Loch eindringen soll wie das in deinem Hintern, dann muß dies doch der Frau großen Schmerz zufügen.

MADAME DE SAINT-ANGE

Ob das Glied von vorn oder ob es von hinten eingeführt wird: wenn eine Frau noch nicht daran gewöhnt ist, empfindet sie immer Schmerz. Es hat der Natur gefallen, uns nur über Schmerzen zum Glück gelangen zu lassen. Aber sind diese einmal besiegt, kann nichts die Wonnen ersetzen, die man dabei genießt, und die Lust, die man bei der Einführung dieses Gliedes in unseren Hintern empfindet, ist unbestreitbar allen vorzuziehen, die die Einführung von vorn verschaffen kann. Welche Gefahren vermeidet hierbei im übrigen eine Frau. Weniger Gefahren für ihre Gesundheit, keinerlei Gefahr einer Schwangerschaft. Ich verbreite mich jetzt nicht länger über dieses Vergnügen; unser beider Lehrmeister, Eugenie, wird es bald ausführlich analysieren, und wenn er der Theorie die Praxis folgen läßt, wird er dich, meine Gute, hoffentlich überzeugen, daß dies jene Wonne ist, die du allen anderen vorziehen sollst.

DOLMANCÉ

Beeilen Sie sich mit Ihren Ausführungen, Madame, ich beschwöre Sie, ich kann nicht länger an mich halten, ich werde mich entladen, ohne es zu wollen, und wenn dieses gewaltige Glied auf nichts geschrumpft ist, kann es Ihren Lektionen nicht mehr dienlich sein.

EUGENIE

Wie, es schrumpft auf nichts, meine Gute, wenn es diesen Samen verliert, von dem du sprichst ... Oh! Laß es mich entleeren, damit ich sehe, wie es sich verändert ... außerdem würde es mir Spaß machen, das fließen zu sehen ...

MADAME DE SAINT-ANGE

Nein, nein Dolmancé, stehen Sie auf, denken Sie daran, daß solches der Lohn Ihrer Arbeit sein soll, der Ihnen erst gewährt sein soll, wenn Sie ihn verdient haben.

DOLMANCÉ

Nun gut. Um jedoch Eugenie besser von allem zu überzeugen, was wir ihr über die Lust erzählen werden — was spräche dagegen, wenn Sie Eugenie vor meinen Augen wichsten?

MADAME DE SAINT-ANGE

Dagegen spricht gar nichts. Ich werde dies mit desto größerer Freude tun, als dieses wollüstige Zwischenspiel unseren Lektionen nur förderlich sein kann. Leg dich auf dieses Kanapee, meine Gute.

EUGENIE

O Gott, welch köstliche Nische! Aber wozu all diese Spiegel?

MADAME DE SAINT-ANGE

Indem sie die Stellungen tausendfach wiederholen, vervielfachen sie ein und denselben Genuß in den Augen derer, die ihn auf dieser Liegestatt haben, bis ins Unendliche. Kein Körperteil der beiden kann auf diese Weise verborgen bleiben, alles muß sichtbar sein. Rund um die durch die Liebe aneinander Geketteten spiegeln sich ebensolche Paarungen, die dem Beispiel ihrer Lust folgen, ebenso viele Bilder, deren Wollust sie berauscht und alsbald dazu führen, die ihre zu vollenden.

EUGENIE

Welch köstliche Erfindung!

MADAME DE SAINT-ANGE

Dolmancé, entkleiden Sie das Opfer.

DOLMANCÉ

Dies wird nicht allzu schwierig sein. Man braucht ja nur diesen Schleier zu entfernen, um die rührendsten Reize nackt zu sehen. (Er entkleidet sie, seine ersten Blicke richten sich sogleich auf ihren Hintern.) Ich werde ihn also sehen, diesen göttlichen, kostbaren Hintern, den ich mit solcher Inbrunst begehre ... Heiliger Gott! Welche Rundung, welche Frische, welcher Glanz und welche Eleganz ... Niemals sah ich einen schöneren.

MADAME DE SAINT-ANGE

Ah, du Spitzbube, wie schon deine ersten Huldigungen deine Neigungen offenbaren.

DOLMANCÉ

Kann es irgend etwas in der Welt geben, was dem gleichkäme? Wo fände die Liebe einen göttlicheren Altar? ... Eugenie ... himmlische Eugenie, lassen Sie mich diesen Arsch mit den süßesten Liebkosungen überhäufen. (Er streichelt und küßt ihn mit Hingabe.)

MADAME DE SAINT-ANGE

Halten Sie ein, Libertin, Sie vergessen, daß Eugenie mir gehört, und Ihnen erst als Lohn für die Lektionen, die sie von Ihnen erwartet. Mäßigen Sie Ihre Glut oder ich werde böse.

DOLMANCÉ

Ah, Schelmin, nun sind Sie eifersüchtig ... Gut, überlassen Sie mir den Ihren, ich werde ihn mit denselben Huldigungen überhäufen. (Er entfernt Madame de Saint-Anges Schleier und liebkost ihren Hintern.) Ah, wie schön er ist, mein Engel ... wie köstlich auch er ist, lassen Sie mich vergleichen ... lassen Sie mich die beiden nebeneinander bewundern, Ganymed neben Venus. (Er überhäuft beide mit Küssen.) Um das bezaubernde Schauspiel von soviel Schönheit immer vor meinen Augen haben, würde ich Sie bitten, Madame, einander zu umschlingen und solcherart diese beiden anbetungswürdigen Hintern stets meinen Blicken darzubieten!

(Fortsetzung folgt)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1970
No. 202/I, Seite 903
Autor/inn/en:

Donatien Alphonse François de Sade:

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© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

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