Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 195/II
Wilhelm Burian

Die ewige Aggression

Alexander Mitscherlich: Die Idee des Friedens und die menschliche Aggressivität, Vier Versuche; Aggression — Annäherung am das Thema vom Alltag her; Aggression und Anpassung (bereits veröffentlicht); Thesen über Grausamkeit; Die Idee des Friedens und die menschliche Aggressivität (Antrittsvorlesung Frankfurt). Bibliothek Suhrkamp, Band 233, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1969. 137 Seiten.

Wenn Aggression ein „archaisch urtümlicher Typus der Konfliktlösung“ (21) ist und letztlich „immer wieder ein rivalisierender Anspruch auf Territorium ... (zur) Befriedigung der Selbst- und Arterhaltungstendenzen“ (21), katapultiert Mitscherlich die Problemstellung in einen Bereich, der sich menschlichem Zugriff entzieht. Wird menschliches Handeln dergestalt von Naturgeschichte überwältigt, bleibt nur mehr Resignation angesichts der anthropologischen „Notwendigkeit“. Diesem Vorgriff auf die Natur des Menschen folgt sogleich die politische Anwendung.

Eine Aggression, die zur Arterhaltung dient, entlädt sich regelmäßig als „territorial aggression“, in einem Kampf um die Unabhängigkeit eines Gebietes, um seine politische oder staatliche Souveränität (21). Sieht man soziale und politische Prozesse bloß als Gebietsrivalitäten, müssen andere, zumindest ebenso wichtige Momente zurückstehen: „Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion“ (K. Marx). Entläßt man dieses Element aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang, werden Begriffe wie Imperialismus. und Kapitalismus Schablonen, die zur Rationalisierung von Aggression herangezogen werden. Das Dilemma der Mitscherlichschen Argumentation liegt — so scheint mir — in der Annahme, daß es psychologische Mechanismen gibt, die vom Individuum her kaum korrigierbar sind (14).

Dem entgegnet jedoch Mitscherlich selbst an anderer Stelle. Denn „die feste Verbindung zwischen Triebverlangen und einem erbgenetisch festgelegten Triebobjekt ist beim Menschen gelockert, zuweilen gänzlich aufgehoben“; es gibt sogar die Fähigkeit, „Objekte seiner Triebbedürfnisse wählen und wieder loslassen zu können“ (35).

Dieser Widerspruch erscheint auf den ersten Blick unauflösbar. Zum Verständnis ist es notwendig, die soziale Vermitteltheit der Aggression zu klären. Das widerstrebt Mitscherlich, denn er geht von einer anthropologischen Grundverfassung des Menschen aus, die weitgehend soziale Interaktion präformiert und Aggression als unvermeidlich begreift.

Ebenso befremdend muß wirken, daß Mitscherlich sehr viel von Frieden spricht und zugleich auf den Gewaltbegriff verzichtet, d.h. die „kollektive Aggressivität“ stillschweigend mit Gewalt identisch setzt. Mir will Aggression und Gewalt nicht gleichartig erscheinen, schließlich enthält das aggressive Element nicht nur Destruktion, vielmehr noch den Drang, neue unbelebte und belebte Objekte zu begreifen (Bemächtigungstrieb). Die Verschmelzung von Aggression und Libido bewirkt das spielerische und rationale Begreifen der Objekte der Umwelt. Erst die Entkopplung dieser beiden Triebqualitäten hat destruktive Aggression, „Destrudo“ (Eduardo Weiß) zur Folge.

Produktion und Aggression gehören zusammen

Dies jedoch erst durch die Konstellation der sozialen Strukturen, den Widerspruch von Produktionskräften und Produktionsverhältnissen usw., die Destruktivität freimachen. Gewalt hat demzufolge gesellschaftliche Dimension und schließt Aggression, die phylogenetische Komponente, ein.

Gewalt bedeutet heute Herrschaft, Abstützung der herrschenden Verhältnisse, materialisiert sich gegenwärtig in der üblen Legierung von Produktion und Destruktion, Prosperität und Elend.

Einsickern von Angst und Orientierungsverlust kennzeichnen Herrschaft heute. Das ist eine Folge beständiger Gewaltanwendung und durch Zurückweichen auf biologisch-ontologische Kategorien der Aggression nicht mehr, oder nur noch verkürzt, zu begreifen.

Mitscherlich verschweigt nicht, daß destruktive Aggression auch den sozialen Verhältnissen anzulasten ist, den „Auswirkungen eines aggressiven Kommunikationsgeflechtes zwischen Eltern und Kind“ (30), behauptet aber gleichzeitig, daß der destruktiven Aggression „nicht zu entkommen ist und sein wird“ (26). Es ist daher zu untersuchen, wieweit die vorgängigen sozialen Strukturen den Aufbau des Aggressionspotentials fördern und als Gewalt manifest machen.

Wenn die Annahme eines primären Aggressionstriebes hinreichend gerechtfertigt erscheint, besteht gegenwärtig noch keine Einigkeit über das Wesen der Aggression. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, daß „destruktiv“ oft direkt auf das Beobachtungsmaterial angewendet wird, keiner analytischen Vorarbeit, sondern einer physiognomischen Kategorie entspricht. (Die Erkenntnisfrage in der Psychoanalyse wäre noch gesondert zu behandeln.)

Wir können Aggression charakterisieren als Reaktion auf Bedrohung und Versagung libidinöser Triebe, als Ichaktivität (Bemächtigungstrieb) und als „essentielles“ Triebbedürfnis. Wenn Mitscherlich von der unbeherrschbaren destruktiven Aggression spricht, meint er jenes Element der Aggression, das nicht sinnvoll in ein Reiz-Reaktions-Modell einzuordnen, das in Manifestation und Intensivität nicht mehr als Derivat erklärbar ist.

Es ist möglich und angezeigt, die Mehrzahl aggressiver Manifestationen als Reaktionen zu interpretieren, d.h. als „response“ auf vorgefundene gesellschaftliche Strukturen, Kommunikationsmuster usw. Doch bleibt ein nicht reduzierbarer Rest destruktiver Phänomene, der vielleicht als essentielle destruktive Aggressivität bezeichnet werden kann. Die Verabsolutierung dieser essentiellen Destruktivität, die durchaus eine biologische Basis besitzen mag, birgt zumindest die Gefahr einer Unkenntlichmachung der angeführten Problemstellung.

„Wir neigen zur Auffassung, Aggression gehöre zum Wesen des Menschen wie die Organe, deren sie sich bedient — sie könne nur gemildert werden“ (80). Das verstehende Eingehen auf die sexuellen und aggressiven Bedürfnisse des Kindes, eine entsprechend flexible Haltung der Eltern und Erzieher, würde aber destruktive Aggression nicht in Führung bringen. Die Verhaltensmuster der Erzieher, die selbst einer terroristischen Anpassung ausgesetzt waren, die andauernd sozialer Reprimierung ausgeliefert sind, entsprechen in keiner Weise jener alloplastischen Anpassung, die Menschen benötigen, um unter minimaler Neurotisierung aktiv die Gesellschaft zu verändern.

„Dem Kind müssen die libidinösen Objektbesetzungen erleichtert werden, und man darf es nicht daran hindern, zugleich mit diesen Besetzungen aggressive Bedürfnisspannungen zu befriedigen“ (87). Die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse verhindern jedoch geradezu jene emanzipatorische Erziehung. Denn die Beanspruchung im Produktionsprozeß nimmt Ausmaße an, die Erziehung zur Kompensation entgangener Bedürfnisse macht. Erziehung, begriffen als reflektierte Anpassung, kann nur bestimmendes Moment werden, wenn wir die entsprechenden sozialen, ökonomischen und politischen Voraussetzungen für ein solches Unternehmen bereitstellen.

Wehe, wenn die Polizei streikt

„Uns allen ist offenbar die Aufgabe gestellt, es bis zur denkenden Anpassung, bis zum überlegten Verhalten zu bringen, unzweifelhaft eine Forderung, die ein großes Stück Überforderung enthält, weil für manche Menschen die Ausgangslage ihres Lebens in der Tat beklagenswert ist“ (93).

„Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggression- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden“ (s. Freud, Unbehagen in der Kultur). Die Hypothese eines Todestriebes, „eines antibiologischen Potentials“ (116), ist zwar denkbar, aber empirisch schwer zu bewahrheiten. Auch Mitscherlich hütet: sich, den Todestrieb als sicher anzunehmen oder als „Kernanteil der Aggression“ (116) zu bezeichnen.

In der Gegenwart mangelt es jedoch an Möglichkeiten, Aggression im Arbeitsbereich zu binden, unter Verwendung der Sublimierung in gestaltende Aktivität überzuführen. Es scheint vielmehr so zu sein, daß der gewaltige Überschuß an Destruktivität, der sich z.B. in den auf ein Stufensystem gebrachten Todesphantasien eines Herman Kahn manifestiert, auf gesellschaftlichen Antagonismen beruht, die die Möglichkeit einer Sicherung wie auch einer Auflösung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse in sich tragen.

Freud stellt in „Jenseits des Lustprinzips“ den Todestrieb in Frage: „Aber vielleicht ist dieser Glaube an die innere Gesetzmäßigkeit des Sterbens auch nur eine der Illusionen, die wir uns geschaffen haben, ‚um die Schwere des Daseins zu ertragen‘.“ Die Desintegration des aggressiven Triebgeschehens aus dem „Alltag“ führt zu einer Verinnerlichung der Aggression, die dann, verdrängt und tabuisiert, bei entsprechender Provokation zutage tritt. Die Triebunterdrückung, die durch Gewalt, nicht durch bewußtes und reflektiertes Handeln vorgenommen wird, bringt nur eine vordergründige Anpassung an soziale Strukturen.

Triebbeherrschung wird durch die gegenwärtigen Lebensformen kaum begünstigt, vielmehr durch Isolierung und Entfremdung erschwert. Jüngst kam es bei einem Streik der Polizei in Montréal zur Plünderung ganzer Geschäftsstraßen, zu Schießereien und Bankeinbrüchen, unter großer Beteiligung „nichtprofessioneller Krimineller“ (Newsweek, Oktober 20, 1969). Dies ist nicht nur durch „Fehlanpassung“ erklärbar, vielmehr muß die Widersprüchlichkeit der herrschenden Glücksversprechungen herangezogen werden, der Antagonismus von möglicher und bestehender Wunschbefriedigung.

Durch die Feststellung, daß „die entscheidenden Übel wohl nur sekundär von der Gesellschaft herrühren, primär vom Menschen“ (125), entrückt Mitscherlich die Idee des Friedens in den Bereich der Unmöglichkeit. Sucht der Psychoanalytiker „bei seinen Kranken wie bei seiner Gesellschaft nach den innerseelischen Bedingungen, die eine Pazifierung hemmen“ (137), darf er nicht übersehen, daß Unfriede auch Resultat der geltenden Herrschaftsnormen ist. Will sich die Psychoanalyse nicht der gesellschaftlichen Verantwortung entziehen, darf sie sich nicht mit der Forderung nach „denkender Anpassung“ begnügen, muß sie sich mit dem Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung solidarisieren.

„Aber wie, wenn die Menschheit ohne die, welche zu allen Zeiten gewaltsam ihre Befreiung betrieben, noch tiefer in Barbarei steckte? Wie, wenn es der Gewalt bedürfte? Wie, wenn wir unsere ‚Harmonie‘ durch den Verzicht auf tatkräftige Hilfe erkauften? Diese Frage vernichtet die Ruhe“ (H. Regius, Dämmerung).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1970
No. 195/II, Seite 291
Autor/inn/en:

Wilhelm Burian: Medizinstudent und Mitglied des Zentralrates des Verbandes Sozialistischer Studenten Österreichs.

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