FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 462-464
Günther Anders

Die Antiquiertheit des Proletariats

Diesen wahrscheinlich 1977 geschriebenen, ursprünglich für den zweiten, dann für den dritten Band der »Antiquiertheit des Menschen« vorgesehenen Text hat G.A. zu Pfingsten 1992 für uns nochmals durchgesehen.

§ 1 Animal Regionale

„Von ‚Proletariat‘ kann heute nicht mehr die Rede sein“, erklärte gestern der witzige amerikanische Philosophieprofessor S. „Zwar besteht zwischen dem Lebensstandard des Großunternehmerns und dem des für diesen tätigen Arbeiters oder Angestellten ein ‚gewisses Gefälle‘ [,„a certain lag“]; aber diese Differenz ist nur noch quantitativer Natur, es gibt nur noch mehr oder minder gut situierte Mitbürger, vom Kleinbürger über mehrere Stufen zum Großbourgeois; keine ‚blue collar workers‘ mehr, sondern nur noch ‚white collar workers‘“ (Dies aus dem Munde eines kragenlos, im T-shirt Dasitzenden!) „Da“, so fuhr er unerschütterbar fort (und offenbar wollte er sich vor mir als „continental“ aufspielen), „der Mensch, wie wir immerhin seit Dilthey wissen, ein ‚geschichtliches Wesen‘ ist, ist er nicht nur fähig, sondern auch dazu verpflichtet, die Gegenwart vor der Folie seiner Vergangenheit zu sehen. Wer das aber tut, also z.B. den Lebensstandard des heutigen Arbeiters, sogar den des am schlechtesten entlohnten ungelernten Hilfsarbeiters, ja, selbst den des Arbeitslosen mit dem Lebensstandard des bestbezahlten Spezialarbeiters vor 100 Jahren vergleicht, der kann den qualitativen, nein: den kolossalen, Sprung nicht ableugnen. Proletarier sehe ich weit und breit nicht mehr. Vielmehr dort, wo diese gestanden, nur noch Angestellte und Beamte. Beide gehören der (früher dem Proletariat gegenübergestellten) Middle class an. Der Poletarier ist in dieser (im doppelten Hegelschen Sinne) ‚aufgehoben‘ Da eine Arbeiterklasse nicht mehr besteht, erübrigt sich auch die Notwendigkeit des Klassenkampfes. Um die Glaubwürdigkeit dieser Klasse war es eigentlich schon seit mehr als einem halben Jahrhundert schlecht bestellt.

Seit Jahrzehnten habe ich vergebens nach dem ‚gemeinsamen Interesse‘ oder gar nach der ‚Vereinigung der Proletarier aller Länder‘ Ausschau gehalten. Vielmehr steht es seit der ‚Solidarisierung‘ der sozialdemokratischen Partei Deutschlands mit Deutschland im August 1914 — dieses Ereignis ist die entscheidende Zäsur — also seit mehr als 60 Jahren fest, daß die Solidarität der Arbeiter mit den sogenannten ‚Klassenfeinden‘ in ihren Ländern verläßlicher und viel enger ist, als die mit den in anderen Ländern lebenden ‚Klassenkameraden‘. Die in den USA lebenden Arbeiter sind (trotz der Existenz des Fernsehens) unfähig, die in der Sowjetunion lebenden ‚Genossen‘ als ‚Genossen‘ auch nur zu meinen, sich diese als solche vorzustellen, geschweige denn, sich mit diesen zu solidarisieren. In welchem Grade der Mensch ein ‚animal regionale‘ und sprachgebunden ist und bleibt, das haben die Linken aufs fatalste vergessen oder niemals richtig eingeschätzt“ —

Wozu schließlich noch komme, daß die Arbeiter gelernt bzw. geglaubt hätten (und zwar nicht etwa trotz Marx, sondern mit diesem, sogar durch diesen), daß sich ihre Versklavtheit durch die atemberaubende „Verbesserung“ der Maschinen, an denen sie arbeiteten, gemindert, wenn nicht sogar aufgehoben habe; und das heißt: sie vom Proletarierstatus „befreit“ habe.

Obwohl er vieles gut beobachtet hatte, war ich doch tief verstimmt. „Ihre Ableugnung der Existenz des Proletariats“, widersprach ich, „trifft, wenn überhaupt, höchstens auf eine Minderheit der Weltbevölkerung zu, auf gewisse Populationen einiger west- oder nordeuropäischer Länder und Japans, durchaus nicht auf die von Millionen von Arbeitslosen geplagten USA. Ebensowenig auf die südeuropäischen Fremdarbeiter in Mitteleuropa, die zwar zum Teil gut verdienen, aber unter menschenunwürdigen Bedingungen hausen, von den ‚eingeborenen‘ Bevölkerungen, nicht zuletzt von den Proletariern der Ländern, in denen sie die Drecksarbeit leisten, persönlichen Verkehrs nicht für würdig gehalten, und die von der Polizei durchgehend geduzt werden. Stufen Sie die vielleicht als Kleinbürger ein? Offenbar haben Sie es niemals für nötig gehalten, sich die Menschenmassen in den Slums der unterentwickelten Länder anzusehen, denn noch niemals hat es solche Proletariermassen gegeben wie heute. Diese bleiben — und gerade das macht das Proletariersein heute aus — in der Enge ihres Elends so gefangen, daß sie (obwohl die elektronischen Medien ihnen täglich die erweiterte Welt und das Luxusdasein der upper ten in ihre Baracken schleusen) keine emotionalen Energien für die Befolgung des Appells »Vereinigt euchl« mehr übrig haben.

Sofern ein solcher Appell überhaupt noch zu ihnen dringt oder (noch pessimistischer) überhaupt noch laut wird. [1] Aber gerade darin besteht das Proletariersein heute. Die Nicht-Solidarisierung beweist nicht die Inexistenz des Proletariats, sondern definiert umgekehrt dessen Existenz. Proletarier ist, wer durch sein Dasein daran gehindert wird, den Gedanken der Solidarisierung zu fassen. Das gilt nicht nur von denjenigen, denen es zu schlecht geht, als daß sie an gemeinsame Misere oder an einen gemeinsamen Kampf gegen die gemeinsame Misere denken könnten. Sondern auch von denen, die es als Konsumierende gut zu haben scheinen, denn zum Wesen des Proletariats (nicht nur des Lumpenproletariats, das es heute ja in ungeahnten Millionenmengen gibt) gehört es, daß es sich durch den ihm aufgezwungenen Lebensstil, den Konsumzwang, die Einsamkeit des Fernsehens — alle diese Genüsse sind Freiheitsberaubungen — als Proletariat nicht mehr erkennt, und als solches auch nicht handelt“ — Auf diese Antwort beschränkte ich mich.

§ 2 Wir sind provinzieller als wir selbst
Kampf gegen die Regionalizität

Die von S. behauptete Unsolidarität zwischen den »Arbeitern aller Länder« leugne ich nicht. Wohl aber, daß dieses Fehlen der Sache deren Erforderlichkeit widerlege.

Ungültig gemacht ist durch diese meine Ableugnung die Behauptung von S. freilich nicht. Im Gegenteil. Was unausgesprochen in seiner Formel, der Mensch sei wesensmäßig ein ‚anımal regionale‘, steckt, ist eine philosophisch-anthropologische Frage.

„Animal regionale? — Was verstehen Sie“, fragte ich, „unter dieser Regionalizität?“

„Daß wir Menschen“, antwortete er, „von Natur aus seelisch und behavioristisch eng sind, nicht für das Leben in einer Riesenumwelt wie der unsrigen ‚gemacht‘ seien, sondern für eines innerhalb eines relativ kleinen Umkreises, innerhalb einer relativ kleinen Gruppe; daß allein eine überschaubare Welt, z.B. eine Polis, eine uns ‚natürliche Welt‘ ist; eine Welt, in der wir uns zuhause fühlen, mit der wir uns identifizieren, und mit deren Bürgern wir uns solidarisieren könnten. Unseligerweise aber sind wir heute dazu verurteilt, in einer (trotz der Tatsache, daß der Globus zum Dorf geworden ist) geradezu immensen Umwelt zu leben; in einer Welt, auf die wir uns — das Wort ‚immens‘ bedeutet ja ‚unmeßbar‘ — nicht mehr angemessen einstellen können. Die Welt, in der wir leben, ist also eine ‚falsche Welt‘; und das nicht nur in dem Sinne, in dem Marx, der Präger dieses Ausdrucks, diesen gemeint hatte, sondern auch aus dem zusätzlichen Grunde (den Marx nicht hatte voraussehen können), weil sie, wie es bei Grabbe heißt: ‚wie ein zu weiter Rock um unser Gemüth herumschloddert‘, kurz: weil sie uns zu groß geworden ist. Kants Kritiken sind unvollständig. Durch Grenzen eingeengt sind viel mehr unserer Vermögen, als er untersucht hat: das der Phantasie, das der Voraussicht, der Reue, der Verantwortung, der Angst, der Trauer; und eingeengt sind diese Vermögen — das ist ausschlaggebend durch Peripherien von ganz verschiedener Radiuslänge. Gemessen wird stets an der enormen, wenn nicht unendlichen, Größe dessen, was wir herstellen bzw. anrichten können: z.B. an der Größe des von uns verursachbaren Weltunterganges. Diesen zu fürchten sind wir kaum mehr in der Lage; ebensowenig, ihn uns vorzustellen oder ihn zu verantworten. Die Beschäftigung mit diesem ‚Gefälle‘ (bzw. diesen ‚Gefällen‘) gehört natürlich nicht nur in die theoretische Anthropologie oder in die philosophische Kulturkritik, sondern in die »Kritik der praktischen Vernunft«. Das Gefälle ist eine Herausforderung (‚challenge‘). Denn gelingt es uns nicht, dieser Herausforderung zu genügen, den Umkreis unseres Vorstellenkönnens dem unseres Machenkönnens anzumessen, dann werden wir nicht überleben. Wenn wir heute den (ebenso verwässerten wie überstrapazierten) Ausdruck ‚Transzendieren‘ überhaupt noch in den Mund nehmen dürfen, dann allein in einem ganz neuen, in dem religionsfernen, freilich ethischen, Sinne, daß wir die natürlichen Grenzen unserer Vermögen zu überschwingen haben, um dem Umfang dessen, was wir machen können, ‚gewachsen‘ zu bleiben. Der oft gegen mich erhobene Vorwurf, dieses Postulat sei ‚künstlich‘ kann ich nicht ernst nehmen. Und zwar deshalb nicht, weil Moral per definitionem Künstliches verlangt, und ihre raison d’être in der Notwendigkeit der Überwindung von Natur besteht. In der Tat haben wir, wenn wir überleben wollen, zu lernen, ‚überspannt‘ zu leben. Jene verspäteten Rousseauisten, die vermeinen, aus dieser ‚Überspannung‘ und aus der unwiderruflichen und unentrinnbaren industriellen Welt wie aus einer Straßenbahn aussteigen zu können — ‚große Verweigerung‘ nennen sie das; und die nun (entweder batikend oder nackt badend oder stolz auf ihre Hosenfransen [die nur negative Bügelfalten sind] oder von Salat lebend) eine subkulturelle Alternativwelt, ein ‚paradis naturel‘ artifiziell stiften zu können glauben — die sind den heutigen Problemen genau so wenig gewachsen wie die aus Gleichgeschalteten und Apokalypseblinden bestehende Majorität der Bevölkerungen. Ernst sind nıcht sie, ernst zu nehmen ist allein die Tatsache, daß es sie gibt, und daß ihre Zahl von Tag zu Tag anschwillt“.

Vor 25 Jahren habe ich im Ersten Band dieses Buches von uns Heutigen behauptet, daß wir „kleiner als wir selbst“ seien — womit ich anzeigen wollte, daß wir nicht mehr fähig seien, uns die enormen Effekte der Geräte, die wir selbst hergestellt hätten, vorzustellen, geschweige denn diejenigen Emotionen aufzubringen, die den von uns mit Hilfe dieser Geräte verursachten Effekte eigentlich angemessen wären. Die Formel, die ich im August 1945, am Tage nach der Vernichtung Hiroshimas, geprägt hatte, hatte ich mit dem Satz erläutert „Hunderttausende können wir zwar vernichten, aber diese Hunderttausenden uns vorzustellen oder gar bereuen können wir nicht“.

Was S. mit seiner »Regionalizität« meint, ist offensichtlich etwas sehr Ähnliches: Daß wir zwar stupende Verbindungen mit den entferntesten Punkten der Erde herstellen, und damit als Fliegende, Schießende, Handeltreibende, Nachrichten Sendende den Umfang unserer Umwelt enorm ausweiten können; daß wir aber unfähig bleiben, dieser Erweiterung mit adaequaten Gefühlen nachzukommen. Daß wir provinzieller seien als wir selbst. Das gilt eigentümlicherweise trotz der Tatsache, daß wir als „Fernseher“ durch Knopfdruck die Ereignisse in China oder Argentinien in unsere Wohnungen hineinziehen oder -lassen können. Diese Wirkungsschwäche des TV ist wahrhaftig frappierend. Die Tatsache, daß es zu unserer täglichen Abendgemütlichkeit gehört, entweder durch „echte“ Filme oder durch Science Fiction-pictures in eine bis in galaktische Räume hinausreichende Weite hineingeschleust zu werden, erweitert uns offenbar nicht im geringsten. In unüberwundenem, wohl unüberwindbarem Schwäbisch kreischt die Sommerfrischlerin, empört darüber, daß die Übertragung des Weltraum-Films, auf den sie Anspruch habe, flimmere. Auch dieser, uns gewissermaßen „nahegelegten“ Welt sind wir nicht gewachsen. Die Behauptung, daß wir Fernseher „in das Weite hineingeschleust“ seien, ist bestenfalls ungenau. Umgekehrt wird das Weite „hereingeschleust“, ohne daß es wirklich „interiorisiert“ würde. Der (nicht nur Millionen von Meilen, sondern von Lichtjahren von uns entfernte) Andromedanebel gehört bereits, zusammen mit dem Bildschirm, dem auf ihm erscheinenden Kommentator und dem unentrinnbaren Donald Duck zu den selbstverständlichen Paraphernalien unseres Fernsehzimmers. Nicht mehr gilt, mit Heidegger, daß „Dasein“ stets „in der Welt-sein“ bedeute; umgekehrt, daß Welt-sein, auf eine so massive Weise, wie es kein noch so „idealistischer“ Philosoph je hätte vorausphantasieren können, „bei uns-Sein“ bedeutet. Nicht gilt: Wir sind „erweitert, umgekehrt: Die Welt ist „verwinzigt“. [2]

§ 3 Die Globalisierung ist notwendig

Was S. von mir trennt — denn in der Feststellung und Wichtignahme der „Regionalizität“ des Menschen stimmen wir miteinander überein — ist, daß er diese als endgültiges anthropologisches Schicksal akzeptiert. Offenbar kommt er nicht auf den Gedanken, daß es unsere Aufgabe sein könnte, dieses Schicksal zu bekämpfen, uns also global zu machen; nein, daß wir die Regionalizität, sofern wir nicht untergehen wollen, abschaffen müssen. Nichts liegt mir ferner, als die Zähigkeit unserer Natur zu unterschätzen. Aber ich halte diese doch für modellierbar — ın der Tat haben sich ja, wie namentlich Religions- und Kunstgeschichte bezeugen, im Laufe der Jahrtausende, sogar der letzten Jahrhunderte, nicht nur die Produkte und die Produktions- und Herrschaftsverhältnisse der Menschen verändert, sondern diese selbst. — Geschichte besteht ebenso aus der Abfolge verschiedener Menschentypen, wie aus der von Produktetypen. Die „Befindlichkeit“ und der Erwartungshorizont von Astronauten auf dem Mond ähneln wohl kaum mehr der Befindlichkeit und dem Erwartungshorizont von Steinzeitmenschen, die sich aufmachen, um eine Nachbarhorde aufzufressen.

Und selbst, wenn wir das nicht zugäben, wenn wir davon überzeugt blieben, daß Geschichte immer nur Geschichte der Dinge, der Institutionen (und der Taten der sich letztlich immer gleich bleibenden Menschen) gewesen sei, und daß unsere Mondbesucher nur Steinzeitmenschen in Weltraumkluft seien — selbst dann dürften wir uns nicht zufriedengeben. Denn dann hätten, nein: deshalb haben wir, da es heute ja um Sein oder Nichtsein des Menschen geht, die störrische Natur des Menschen gewalttätig umzumodeln. Und damit ist der Unterschied zwischen S. und mir bezeichnet. Denn daß wir vor dieser unaufschiebbaren Aufgabe stehen, das ist ihm offenbar noch nie in den Sinn gekommen.

§ 4 Der Mensch ist von Natur aus widernatürlich

„Es ist total unrealistisch“, fuhr S. fort, „nein, eine geradezu alberne Zumutung an uns selbst, und es widerspricht unserer, unterhalb der geschichtlich sich verändernden Schicht konstant und intakt bleibenden ‚Natur‘, wenn wir Mitmenschen oder uns selbst dazu zu zwingen versuchen, uns mit Menschen (also in diesem Falle mit Proletariern) zu solidarisieren, die tausende von Kilometern von uns entfernt, uns unsichtbar und von uns unansprechbar, existieren. Wenn man aus der Perspektive dieser Proletarier selbst spräche, dürfte man sogar sagen: ‚die dort angeblich existieren‘.“

Denn das Entfernte ist unglaubhaft. Und je weiter etwas entfernt ist, um so unglaubhafter wird es.

Das ist es, was S. mit seinem Ausdruck „animal regionale“ gemeint hatte. Solange er diesen Ausdruck nur als Feststellung verwendet, hat er recht. Seine Behauptung, daß wir „von Natur aus provinzieller seien als wir selbst, daß wir der Weite der Welt, die wir mit Hilfe unserer Technik hatten herstellen können, seelisch nicht gewachsen seien, daß wir diese Weite emotional nicht bewältigen könnten, trifft in der Tat zu. Wahrscheinlich gelingt globale Solidarisierung bis heute nur sehr Wenigen. Aber ein Argument gegen die Gültigkeit des moralischen Gebotes, des Gebotes, „sich selbst einzuholen“ ist dieser Hinweis auf die Tatsache der, wie es in der Psychologie des vorigen Jahrhunderts hieß: „Enge des Bewußtseins“ und die Betonung der „Unnatürlichkeit“ unseres Postulats nicht; wie denn überhaupt „Natur“ nicht als Gegenargument gegen die Gültigkeit eines Postulats verwendet werden darf. Umgekehrt hat es seit eh und je moralische Postulate immer nur deshalb gegeben, weil die Natur nicht (wie gewisse Anarchisten geglaubt hatten) ausreicht, um eine auch nur minimal funktionierende Gesellschaft, nein: auch nur das Überleben der Menschen sicherzustellen. Postulate sind „von Natur aus“ unnatürlich, sogar widernatürlich — und das spricht nicht gegen sie, sondern gegen die Natur. Der Kampf gegen „Natur“ in der Geschichte der Magien und der Religionen, namentlich der christlichen Religion, ist ja schließlich keine beliebige Laune oder ein Denkfehler gewesen. Nicht nur benötigen wir dieses „Widernatürliche“, wir sind dessen ja auch fähig — die Zivilisation, die ein der sich wehrenden Natur übergestülptes System ist, gelingt ja auch zu Zeiten der Barbarei. Anders als „widernatürlich“ können wir garnicht sein. Auch wenn wir versuchen, das „Widernatürliche“ mit einer „furca“ zu „expellere“ — „tamen usque recurret“ Ob wir dabei an die strengsten (und wie „Naturgebote“) eingehaltenen Tabuvorschriften in magischen Gesellschaften denken oder an die Forderungen der christlichen Ethik oder an „Sitten“ (die zumeist so selbstverständlich gelten, daß man analoge zum Naturrecht von „Naturzwang“ sprechen könnte) oder an in Gesetzbüchern kodifizierte Gebote und Verbote — immer geht es gegen die Natur. Negativ gesprochen: Niemals kann man diese als Kriterium für das heranziehen, was als „moralisch“ zu gelten hat, vielmehr ist die raison d’être der Moral stets die Tatsache, das unsere Natur nicht dazu ausreicht, die für uns unentbehrliche Ordnung aufzubauen. Auf unseren Fall angewandt: Die Tatsache, daß wir, wie S. es treffend nennt, von Natur aus „regionalistisch“ und „provinziell“ sind, ist keine Sache, mit der wir uns abfinden dürfen, sie ist kein Gegenargument gegen das Postulat, uns zu „erweitern“, zu „deprovinzialisieren“ Umgekehrt ist die Tatsache der „Enge“ unserer Vorstellungen, unserer Gefühle und unseres Gewissens der Grund für die Notwendigkeit der Erweiterung unseres emotionalen und moralischen Horizontes.

Anders ausgedrückt: Die Berufung auf „Natur“ und die Beteuerung, wir seien nun einmal „von Natur aus“ limitiert und „provinziell“, ist deshalb unangebracht, weil wir „von Natur aus nicht in einer Naturwelt leben“ sondern immer schon in einer von uns bearbeiteten Welt. [3]

Und was von unserer Welt gilt, gilt von uns selbst natürlich ebenfalls: niemals sind wir „natürlich“ Vielmehr gehen wir immer schon als Bearbeitete in unsere Aktivitäten ein, gleich, worin diese bestehen: ob in Produzieren, Verwenden, Genießen, Fließbandarbeit, schriftstellerischer Tätigkeit, Musikhören. Und diese sind durchweg „unnatürlich“. Wenn also — was hier verlangt wird — eine Aktivität unsere „natürliche Grenze“ übersteigt, so ist das keine Ausnahme, vielmehr gehört es zum Menschen, um nicht zu sagen: zu seiner „Natur die ihm mitgegebenen Grenzen zu übersteigen. Wenn dem so ist, dann kann auch unserem Postulat der Horizonterweiterung nicht durch das Argument, dieses widerspreche der Natur des Menschen, widersprochen werden. Zur Verkünstelung unserer Welt heute gehört deren Expansion, die nicht aufzuhalten ist. Die ihr entsprechende „zweite Künstlichkeit“ hat nun in einer „Erweiterung der Phantasie“ zu bestehen. Leider ist dieser Ausdruck, den ich im ersten Bande der »Antiquiertheit des Menschen« eingeführt hatte, unterdessen von Heroinkonsumenten mißbraucht worden. Ihm muß sein legitimer Sinn zurückgegeben werden. Geboten ist, daß wir dem, was wir künstlich produzieren, durch künstliche Ausbildung unserer Vorstellung und unseres Gefühls gewachsen bleiben. Das ist kein ausgetüfteltes Gebot, vielmehr das (nächstliegende) Postulat von heute. Gelingt es uns nicht, dieses zu erfüllen, dann bleiben wir zu einer Differenz verurteilt, die viel schlimmer ist als diejenige, die das Wort „Entfremdung“ bezeichnet. Dann werden wir, oder richtiger (da wir es bereits sind): dann bleiben wir schizophrene Wesen, da unser Vorstellen und Fühlen nichts mehr mit unserem Herstellen zu tun hat. Und diese Aufspaltung zu verhindern, oder rückgängig zu machen, das ist, wie gesagt, die Aufgabe, mit deren Erfüllung wir in diesem weltgeschichtlichen Augenblick betraut sind.

§ 5 Internationalität des Provinzialismus

Die These, daß der Mensch „seinem Wesen nach“ ein „Regionalist“ sei, in unserem weltgeschichtlichen Augenblick aufzustellen, ist nicht nur absurd, sondern empörend, empörend dumm. Schließlich gehört es zu unserem Alltag, zum Alltag von uns Millionen, täglich mehrere Male TV-Nachrichten und -Produkte vom anderen Ende der Welt zu empfangen und zu konsumieren. Und zum Alltag von Hunderttausenden, mit diesen, am anderen Ende der Welt lebenden, „Raumgenossen“ zu telephonieren oder in deren Länder effektiv zu fliegen; und zu unser Aller täglichen Situation, von antipodischen Ländern aus vernichtet werden zu können. Ebenso gehört zu unserem geschichtlichen Augenblick der Trend zu „linguae francae“ die bald alle Menschen als ihre „natürliche zweite Sprache“ sprechen werden. Ausgerechnet in diesem geschichtlichen Augenblicke schiebt S. den Regionalismus vor und bezeichnet diesen sogar als „zum Wesen des Menschen gehörig“. Wenn er der einzige den Provinzialismus Proklamierende wäre, dann wäre er nicht so wichtig. Aber der Provinzialismus ist ja als Abwehr der uns ständig zugemuteten (und zugegebenermaßen nur schwer durchzustehenden) Globalität zur Mode geworden, sogar zu einer — welch ein Widerspruch! — internationalen Mode. Die Erneuerer der Mundartliteratur und des programmatischen Provinzialismus sprießen ja in allen Erdteilen. Dialektstücke werden in Dialektstücke übersetzt. Solidarisierung der sich Desolidarisierenden. Es gibt nichts Globaleres als diese neue Variante von Blubo. Der Mensch „regionalistisch“! Heidegger, mindestens der frühe, der stur auf seinem künstlich holzschnitthaften Schwarzwald-Idiom bestand, hätte das behaupten können. Nein, das hat er sogar gesagt, vor genau 50 Jahren, obwohl damals schon Japaner seine Kollegs bevölkerten. Das hat er zu mir gesagt, als ich ihn als Jüngling während einer nächtlichen Unterhaltung in Marburg vorlaut höhnend davor warnte, versehentlich in eine Existenzanalyse von Bäumen hineinzugeraten statt in eine solche des heutigen Menschen. Menschen hätten keine Wurzeln wie Bäume, sondern Beine, Räder, Lokomotiven oder Propeller. Der Wandertrieb gehöre zu uns genau so wie die Erinnerung und die Treue; und unsere Einstellung auf „Weiträumigkeit“ sei ein der „Zeitlichkeit“ ebenbürtiges „Existenzial“. Das müßte er, der ehemalige Wandervogel, doch zugeben. Woraufhin ich, da er eben immer nur zum Ursprung (mit Novalis: „nachhause“; moralisch ausgedrückt: zur „Eigentlichkeit“) hatte wandern wollen und da er meine Betonung des Wanderns als eines Merkmals des Menschen wohl als einen Versuch empfand, dem Menschen einen Ahasverus-Zug aufzuzwingen, aus seinem Haus flog; um ein paar Jahre später, wahrhaftig als ein „Wandervogel“ moderner Art: nämlich als politischer Flüchtling, durch die ganze Weiträumigkeit der Welt weiterzufliegen. Während er sich einer, seiner unwürdigen, sich mit Blut-, Boden- und Wurzelvokabeln schmückenden Bewegung anschloß, deren aggressive Expansionspolitik ihn nicht nur nicht störte, der er vielmehr plötzlich (im Jahre 41!) durch Nietzscheanische Gleichsetzung von „Sein“ und „Wille zur Macht“ sein ontologisches Siegel aufdrückte. [4] Paradox, daß seine „Eigentlichkeitsphilosophie“ globaler berühmt wurde als die Globalexistenz seiner längst täglich fliegenden Kollegen.

§ 6 Die Geltung des Solidaritätsappells breiter als je

Nein, nicht seinem Wesen nach (sofern er ein solches hat) ist der Mensch „regionalistisch“, das ist er nur als Bauer oder als Leibeigener oder als Untertan eines, Ortsveränderung verbietenden, autoritären Regimes. Der Jäger oder der Händler oder der Nomade oder der „Völkerwanderer“ oder der Missionar würden heftig gegen solche „Wesensbezeichnung“ protestieren. Heute gehört es vielmehr zum „Wesen“ des Menschen, oder (da diese temporale Verwendung des Wortes „Wesen“ widerspruchsvoll ist) zum Menschen, Weltbürger zu sein. Und das (da wir ja heute in der Lage sind, den Erdball in einem einzigen Tage zu umkreisen) in einem viel leibhaftigeren Sinne als die Stoiker oder die Denker des 19.Jahrhunderts hätten ahnen können. Und heute muß, da die Probleme und Gefahren global geworden sind, da jedermann im Schußfeld der interkontinentalen Raketen jedes, noch so weit entfernten „Raumgenossen“ steht, „Ferne“ also abhanden gekommen ist, jedermann Weltbürger sein. Die Schuß weite unserer heutigen Waffen definiert den Radius unseres heute erforderlichen Bewußtseins und den unserer Verpflichtungen. Unser heutiger Imperativ hat zu lauten: Soweit wir schießen können, soweit haben wir uns zu solidarisieren.

Überflüssig zu betonen, daß sich dieser Imperativ nicht nur an die sogenannten „Proletarier“ richtet. In unserer Darstellung der „fünf heutigen Unfreiheiten“ [5] wird sich herausstellen, daß es heute fast niemanden mehr gibt, der nicht „Proletarier“ wäre. Darum verpflichtet heute die 130 Jahre alte Parole „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ eine unvergleichlich viel größere Anzahl von Menschen, als an jenem Tage, da sie zum ersten Male ausgegeben wurde. Zeitgenossen in „Palästen“ ebenso wie solche in „Hütten“. Und das nicht etwa nur deshalb, weil viele Hütten heute bereits komfortabler sind, als es die Paläste gestern gewesen waren, sondern auch deshalb, weil die meisten Paläste heute nur „Hütten“ sind, nämlich von Unfreien bewohnt werden.

§ 7 Wer heute Proletarier ist

S. behauptet, es gebe heute keine Proletarier mehr. Selbst wenn man den Terminus so salopp verwendet, wie er es tut (denn er identifiziert einfach Proletariersein mit physischem Elend), muß man zugeben, daß es heute noch, zum Teil schon wieder, und durchaus nicht nur in Asien, Afrika oder Südamerika, Proletarier gibt. Muß man S. die täglich steigende Zahl von Arbeitslosen in seinem Lande, namentlich unter Negern und Jugendlichen, und von den would-be-Arbeitern, -Angestellten, -Beamten und -Akademikern unter die Nase reiben? Selbst diejenigen Arbeitslosen, denen mehr als ein Lebensminimum gewährleistet wird, sind Proletarier, sogar Lumpenproletarier, weil „Lumpenproletarier“ heute diejenigen sind, deren Sein in „leerer Zeit besteht; diejenigen, denen das Minimum an voluptas laborandi mijsgönnt bleibt; die am Morgen nicht wissen, wie sie sich durch den täglich sich vor ihnen auftürmenden Zeitbrei „hindurchfressen“ sollen; also wie sie, außer vor dem TV-Schirm, ihr Leben verbringen sollen. Eigentlich ist heute ein neuer Terminus fällig, denn in Lumpen gehüllt sind die wenigsten von ihnen. Ich schlage vor: „Vegetier-Proletarier“.

Daß zu Beginn des Jahrhunderts Richard Dehmel das Gedicht eines Arbeiters mit dem Refrain schließen ließ, was ihm fehle, sei „nur Zeit, nur Zeit“, ist kaum mehr nachvollziehbar. Denn der heutige Arbeiter ist deshalb unfrei, weil er zuviel Zeit hat.

Natürlich bestreite ich nicht S’s Behauptung, daß der Lebensstandard des „blue collar workers“ den der Angestellten eingeholt hat — oft hat er diesen ja sogar überholt. Was die Mentalität, das Lebensgefühl, den Lebensstil, die Freizeitbeschäftigung und den Geschmack angeht, so trifft das in hohem Maße zu — was ja kein Wunder ist, da die wenigsten Arbeiten der heutigen „Arbeiter“ anstrengender sind als die der Angestellten; da also beider Aktivitäten ohne vorgestelltes telos vor sich gehen, und da beide denn der Fluch der heutigen Arbeit heißt nicht „Schweiß“, sondern „Langeweile“ — gleich idiotisch sind. Wozu kommt, daß ja Arbeiter, Angestellte und Beamte (abgesehen etwa von Gewerkschaftsliteratur und Parteizeitungen) mit den gleichen Produkten, auch den gleichen Mußeprodukten, gefüttert werden. Die Beamten mögen, obwohl häufig schlechter bezahlt als Angestellte oder Arbeiter, vielleicht dadurch eine Ausnahme darstellen, daß sie unentlaßbar und durch diese ihre größere Sicherheit ein spezifisches Lebensgefühl haben. Aber ihr Mußestil ist von dem anderer Lohnabhängiger nicht verschieden. Es gibt keine spezielle »Bildzeitung« für Arbeiter oder für Angestellte oder für Beamte, vielmehr wird die eine für alle drei Gruppen gemacht, die nun durch den täglichen Konsum derselben Speise gleich, und das heißt: gleich trivial, werden. Axel Springer könnte wirklich, den Wilhelminischen Ausruf variierend, verkünden: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Infantilisierte“. Ebensowenig gibt es Sondermotorräder oder Sonderfilme oder Sonderpornoläden für die eine oder die andere Gruppe. Nur — darauf kommt es an — beweist das nicht etwa, daß die Arbeiter nun ebenso frei seien wie die Angestellten oder die Beamten, sondern umgekehrt, daß auch diese, da sie unter Zwang: nämlich unter Zwangsbelieferung stehen, Proletarier sind.

§ 8 Das Ende des Proletariats

Vom Ende des Proletariats zu reden, ist nicht deshalb berechtigt, weil es keine mehr gäbe, sondern deshalb, weil es heute kaum noch jemanden gibt, der nicht Proletarier wäre. Dieser absurd klingenden Behauptung kommt Sinn natürlich alleine dann zu, wenn man als Kriterium des Proletarierseins nicht die Höhe des Lebensstandards, sondern die des Freiheitsstandards ansetzt. Tut man das, dann sind nicht nur alle Arbeiter, Angestellte und Beamten, obwohl Eigentümer eigener Wagen und der Freiheit, deren Marke selbst auszuwählen, und trotz jährlicher Mallorca- oder Thailandflüge, Proletarier; das sind auch die angeblich „Selbständigen“. Weder Physiker noch Erfinder oder Ingenieure (von den durch die Marktverhältnisse zur Entscheidung über ihre Produkte-Auswahl gezwungenen Unternehmer zu schweigen) „verwirklichen sich selbst“ durch ihre Tätigkeiten. [6] Oder ist es vielleicht „Selbstverwirklichung“, wenn ein Ingenieur Vorstudien für ein Modell eines Maschinenteils treibt, das für eine Maschine bestimmt ist, die ihrerseits Teile zur Herstellung atomarer Geschosse erzeugen sollen? Dieser Ingenieur — und ihm gleichen 99 Prozent seiner Kollegen — lebt und arbeitet genau so bewandtnisblind wie der ungelernte Arbeiter, der ohne zu wissen wozu, ohne sich dafür zu interessieren und ohne sich dafür interessieren zu sollen oder zu dürfen, 1000 Male am Tage mit gleicher Bewegung einen Schieber hin- und herschiebt. Von diesem Arbeiter unterscheidet sich der Ingenieur höchstens dadurch, daß er als technisch Ausgebildeter (bestenfalls als technisch Begabter) auf einem Posten steht, auf dem sein Können (wenn auch nicht er selbst) sich „verwirklichen“ darf; also dadurch, daß er (so nannten das vor 60 Jahren die den Unternehmern in die Hand arbeitenden Berufsberater) „der rechte Mann am rechten Platz“ ist ... eine ganz lächerliche Parole, da sie ungeprüft eine prästabilisierte Harmonie von erforderlichen Plätzen und verfügbaren Begabungen unterstellt. Gleichviel, 99 Prozent der Arbeiter landen zufällig an einem Arbeitsplatz, an dem sie weder „sich selbst“ noch eine ihnen speziell geschenkte Begabung noch eine spezielle Ausbildung „verwirklichen“, sondern Produktteile verwirklichen, bzw. die Chance, sich am Leben zu erhalten. Die heute von „Humanisierung der Arbeit“ reden, sind, wenn nicht einfach Dummköpfe, Zyniker.

§ 9 Die fünf Unfreiheiten

Das Argument, daß die Arbeiter ihre Produktionsmittel nicht besitzen, lasse ich bei der Aufzählung der Unfreiheiten aus. Beraubt sind sie — und dazu gehören auch die Physiker, die Erfinder, die Ingenieure, die Fabrikanten — außerdem:

  1. der Entscheidung darüber, welche Produkte sie erzeugen;
  2. der Erfahrung der Endprodukte;
  3. der Entscheidung über deren Verwendung;
  4. einer eigenen Meinung (sogar des Interesses an eigener Meinung) über die Bewandtnis ihrer Produkte;
  5. des Arbeitens (da dieses sich in eine Aktivität verwandelt hat, die diesen Namen nicht verdient).

Diese 5 Unfreiheiten sollten eigentlich schon genügen, um das Gerede vom „Ende des Proletariats“ zum Verstummen zu bringen. Aber es gibt noch weitere Widerlegungen.

§ 10 Definition der totalen Unfreiheit

Unser Proletarierleben besteht in der vollständigen Manipulierung, die sogar unsere Mußezeit und Mußewelt durchwaltet; und die eigentlich niemandem mehr, sogar dem Manipulierer selbst nicht mehr, die Freiheit läßt, seine Unfreiheit zu erkennen. In anderen Worten: Die Unfreiheit besteht heute in der totalen Differenz, in der totalen Beziehungslosigkeit zwischen dem Arbeitenden und dem Produkt, das er erarbeitet; zwischen dem, was er tut, und dem Effekt, den er mit-verursacht bzw. -verschuldet; zwischen dem ihm gelieferten Genuß und dem, was ihm eigentlich als Glück zustehen würde. Da es aber ein Proletariat als „Klasse“ im klassischen Sinne nicht mehr gibt - denn diesen Versklavten gehört nun nahezu jedermann an — kann natürlich auch von „Klassenkampf“ keine Rede mehr sein. Und ebenso sinnlos ist es, heute als Avantgardist einer Klasse aufzutreten, die es nicht mehr gibt; und heute noch die Parole „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ zu wiederholen.

§ 11 Warum wir alle Proletarier sind

Total unfrei, damit Proletarier, ist der Arbeiter — und wie wir gleich sehen werden, nicht nur er — trotz seines Stimmrechts, seiner Gewerkschaftszugehörigkeit etc.p.p., aus folgendem Grunde:

Er hat nicht die Freiheit, mitzuentscheiden, welche Produkte er erzeugt, bzw. miterzeugt; ob die Produkte, die er miterzeugt (und die apokalyptische Effekte nach sich ziehen können) überhaupt erzeugt werden sollten. So hat die Sowjetunion Kernkraftwerke in hellen Mengen bauen lassen, ohne auch nur die Freiheit zu gewähren, über die diesen innewohnenden Gefahren zu diskutieren. Und auch die meisten der westlichen industriellen Großmächte haben ihre Kraftwerke errichten lassen, ohne die an diesen Errichtungen Beteiligten oder die durch diese gefährdeten Bevölkerungen darüber abstimmen zu lassen; nein, ohne sie durch Information abstimmungsfähig zu machen. Vielmehr haben sie (natürlich mit Hilfe von Arbeitern) durch die Massenmedien gezielt und systematisch Desinformation und Ignoranz der Bevölkerung produziert. Und nachdem sie die Reaktoren bis zu halber Höhe hatten errichten lassen, haben die sogenannten „Verantwortlichen“ argumentiert, daß es ein unverantwortlicher Schlag gegen die Wirtschaft der Nation und gegen das Recht jedes Bürgers auf Arbeit wäre, wenn man Objekte, in die das Volk bereits soviel Kapital und Arbeit investiert habe, als Ruinen im Stich lassen, also verfallen lassen würde. Jawohl: diese zwei moralistischen Redensarten habe ich aus dem Munde eines gewissen, ebenso unwissenden wie gewissenlosen Kanzlers gehört. [7]

Jeder Bürger scheint zwar, da er seine Stimme, bzw. seine Meinung an einen Abgeordneten delegiert hat, mindestens indirekt über die entscheidenden Angelegenheiten mitzuentscheiden. Aber diesen, scheinbar Freiheit gewährleistenden Akt vollzieht der Bürger durchaus nicht als „freier Mensch“, sondern als einer, der durch Medien (die ihrerseits auch schon manipuliert sind) bearbeitet und manipuliert ist. Seine Meinung, daß die Meinung, die er äußert oder delegiert, wirklich seine seı, ist ihm bereits aufgeredet. Mit dem Possessiv „mein“ hat (trotz Hegels berühmten Wortspiels) das Wort „Meinung“ nichts zu tun. Statt zu sagen „Der Meinende hat eine Meinung“, sollten wir sagen: „Die Meinung hat den Meinenden“. Und wenn es noch eine „Meinung“ wäre, was ihn da „hat“ (von einem auf Sachkenntnis beruhenden Urteil ganz zu schweigen). Was ihn „hat“, und was er als angeblich freier Bürger durch seinen Abgeordneten vertreten läßt, ist vielmehr eine (von den Interessenten hergestellte) Ignoranz der zur Debatte stehenden Materie; eine Ignoranz, die nicht nur als Meinung, sondern als begründetes Sachverständigen-Urteil auftritt.
Und an der Herstellung und Verbreitung dieser Ignoranz wirkt der Arbeiter oder Angestelllte — diese Tatsache krönt den angeblich demokratischen Prozeß — selbst (z.B. als Austräger der »Bildzeitung«) mit. Sogar die Selbstverdummung ist ein Job, für den sich der Job-Inhaber nicht nur bezahlen läßt, auf den er sogar, wie auf ein kostbares Anrecht, Anspruch erhebt.

In anderen Worten: über das, was er zu arbeiten hat, hat der Arbeiter — und das gilt von dem in der USSR genau so wie von dem in der USA — nicht die geringste Entscheidungsfreiheit. Er hat noch nicht einmal die Freiheit, diese Freiheit zu vermissen. Und als derart Unfreier ist er Proletarier.

[1Der Aufruf zur Solidarisierung lebt heutzutage nur in betrügerischer Form fort: nämlich als der Appell Sowjetrußlands an seine Satellitenstaaten, ihre Außenpolitik mit der seinigen gleichzuschalten.

[2Das einzige mir bekannte Gegenbeispiel, also das einzige Beispiel für Horizonterweiterung durch TV ist die amerikanische Reaktion auf die, in den Sechziger Jahren täglich ins Haus gelieferten Greuelbilder aus Vietnam. Die haben in der Tat einen politischen Protest gegen den Krieg hervorgerufen und damit zu dessen Beendigung mit beigetragen. (Anmerkung 1979: Dieser Text stammt natürlich aus einer Zeit, ehe die Filme »Roots« und »Holocaust« vorgeführt wurden. — Über den letzteren siehe meinen »Besuch im Hades«, München 79)

[3So schon 1929 in meiner »Pathologie de la Liberte«, Paris 1936, in »Recherches Philosophiques«, p.28 ff

[4Martin Heidegger, Nietzsche, II, z.B. S.198 ff

[5Siehe § 9

[6Niemals in meinem Leben habe ich diese verlogene, vom Goetheschen „Werde der du bist“ abgeleitete, Feiertagsparole in den Mund genommen, und nie wieder werde ich das tun.

[7Diese Zeilen waren geschrieben, ehe der Volksentscheid über das, bereits teilfertige, Kernkraftwerk Zwentendorf in Österreich durchgeführt wurde und mit Ablehnung des Projektes endete. Aber im Prinzipiellen hat sich nichts verändert. Niemand wird behaupten, daß dieses überraschende Ergebnis charakteristisch für heute sei und beispielhaft für morgen sein werde.

Zu G.A.s 90stem: Ketzereien im ›Falter‹ v. 8.7., und im Herbst ebensolche sowie ein Auszug aus seiner Musikphilosophie in: Zs f Didaktik d Phil 3/92, Heft G.A., hrsg von Liessman u Macho — Gratuliere uns wie ihm. G.O.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1992
No. 462-464, Seite 7
Autor/inn/en:

Günther Anders:

Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Philosophie 1924 Promotion bei Husserl. Danach gleichzeitig philosophische, journalistische und belletristische Arbeit in Paris und Berlin. 1933 Emigration nach Paris, 1936 nach Amerika. Dort viele „odd jobs“, unter anderem Fabrikarbeit, aus deren Analyse sich später sein Hauptwerk ‚Die Antiquiertheit des Menschen‘ ergab. Ab 1945 Versuch, auf die atomare Situation angemessen zu reagieren. Mitinitiator der internationalen Anti-Atombewegung. 1958 Besuch von Hiroshima. 1959 Briefwechsel mit dem Hiroshima—Piloten Claude Eatherly. Stark engagiert in der Bekämpfung des Vietnamkrieges. — Auszeichnungen: 1936 Novellenpreis der Emigration, Amsterdam; 1962 Premio Omegna (der ,Resistanza Italiana‘); 1967 Kritikerpreis; 1978 Literaturpreis der ‚Bayerischen Akademie der Schönen Künste‘; 1979 Österreichischer Saatspreis für Kulturpublizistik; 1980 Preis für Kulturpublizistik der Stadt Wien; 1983 Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; 1992 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Günther Anders starb am 17.12.1992 in Wien.

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