Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 195/I
Ernst Jandl

Deutschunterricht für Deutschlehrer

1.

Kunst heute, also auch Dichtkunst, kann als eine fortwährende Realisation von Freiheit interpretiert werden. Eine solche Interpretation macht die Stelle von Kunst im Raster der Ideologien sichtbar; sie impliziert eine Aussage über die Funktion der modernen Kunst für den einzelnen und die Gesellschaft; sie ermöglicht damit eine Erklärung, wieso moderne Kunst von einzelnen als ein Ärgernis empfunden wird und aus bestimmten Gesellschaftsformen ganz oder teilweise verbannt bleibt.

Das Schauspiel des Vollzugs von Freiheit außerhalb der Grenzen, die das Leben und Denken irgendeines einzeinen umschließen (in jedem Fall eine Art angelebter Zwang), stellt diesen einzelnen auf eine harte Probe. Die Manipulatoren einer weitgehend gleichgeschalteten Gesellschaft sehen ihr System gefährdet durch den Anspruch der modernen Kunst auf einen Bereich, wo ohne Lenkung von außen immer wieder neue Modelle von Freiheit entstehen.

Bedrohlich erscheint ihnen, daß Kunst zu einem Muster für Gesellschaft werden könnte, einer Gesellschaft, in der zahlreiche gleichzeitig daran sind, sich jeder sein eigenes Modell von Freiheit zu zimmern.

Die moderne Kunst, so genommen, nämlich in ihrer Gesamthaltung und nicht in ihren vielfältigen Erscheinungen, darf als Modell dafür gelten, unter welchen Voraussetzungen die Herstellung von Kunst auch künftig vor sich gehen wird, solange und wo immer eine Gesellschaft sich nicht irgendeiner einzigen großen Ordnung für alle und alles ausliefert beziehungsweise von ihr überrumpelt wird.

2.

Man kann den Begriff „Gedicht“ durch Geschmacksurteile begrenzen und durch die bisherigen Erscheinungsformen des Gedichts bis hierher (wo immer das ist) und nicht weiter; man kann ihn auch offenhalten, jederzeit, für die Unvorhersehbarkeit des immer neuen Gedichts.

Wenn man sich aus dem, was allgemein als Gedicht akzeptiert wird, die Sicherheit für die eigene Arbeit holen sollte, müßte man den vielleicht stärksten Auftrieb zum Schreiben preisgeben — den nämlich, Dinge aus Sprache zu erzeugen, die zu den Dingen, wie man sie kennt, ihre eigene Distanz haben. Der Wille zur Unsicherheit als ein Merkmal der sogenannten experimentellen Dichtung.

3.

Wer mit Wörtern arbeitet, arbeitet mit Bedeutungen. Die Bedeutung läßt sich vom Wort nicht trennen. Sie setzt Grenzen, enggezogen in der Umgangssprache, weiter gespannt in der Dichtung. Jede Art von Wortkombinatorik ist ein Kombinieren von Bedeutungen, auch dort, wo der Text nicht auf einen Inhalt hin, sondern als Sprachmuster geschrieben ist.

Wir sind durch den täglichen Sprachgebrauch und durch erzählende und beschreibende Literatur dazu verleitet, im Einzelwort selbst einen Zwang zur Inhaltsgebundenheit von größeren Sprachgebilden, also Sätzen und Texten zu kontrastieren.

Das ist ein Irrtum, der den Zugang zu all jenen Texten versperrt, die die Möglichkeit der Verbindung von Wörtern samt ihren Bedeutungen zu Sprachmustern verwirklichen, statt zu Mustern von Inhalten. Das Wort an sich samt seiner Bedeutung zwingt weder zum inhaltlichen Text noch zum Text als Sprachmuster, sondern besitzt die Eigenschaft, für beides in gleicher Weise geeignet zu sein.

4.

Wer Gedichte schreibt, tut damit auf jeden Fall etwas, das andere vor ihm schon getan haben. Schon indem er Gedichte schreibt, setzt er eine Tradition fort. (Das heißt noch nicht, daß auch seine Gedichte es tun.)

Gibt es statische und dynamische Traditionen, dann ist unsere dynamisch, dann muß man wissen, was bisher geschah, um nicht aus Nichtwissen etwas zu tun, was schon geleistet wurde. Ebenso muß man die Tradition kennen, um in ihr die passenden Ansatzpunkte für seine eigene Arbeit zu finden.

Diese Ansatzpunkte sind Stellen mit einem offenen Ende. Stellen, wo etwas begonnen hat und nicht weitergeführt oder noch nicht ausgebaut wurde, Punkte, von denen aus sich weiterarbeiten läßt. Freilich, die Steuerung auf solche Punkte zu erfolgt nicht neutral, sondern von vornherein in einer Richtung, die festgelegt ist durch den Umstand der Person, die nach einem solchen Punkt sucht, und durch die Umstände von Ort und Zeit dieses Suchens.

Daß Expressionismus und Dadaismus, Stramm, Schwitters, Arp, Gertrude Stein, Ezra Pound, James Joyce und Cummings, um nur einige Namen zu nennen, für die heutige Arbeit am Gedicht und an Prosa als Ausgangspunkt entdeckt wurden, bedeutet eine Orientierung im Sinne der Tradition.

Tradition so gesehen, ist etwas Lebendiges und in steter Bewegung; etwas, in dem sich vieles gleichzeitig bewegt, zusammenläuft oder sich trennt zu immer neuen Mustern. Tradition besteht aus Traditionen. Tradition ist das Dauernde, in dem die Traditionen auftauchen und verschwinden — alles, was traditionenbildende Kraft hat, ist schon dadurch als Teil der Tradition gekennzeichnet: die konkreten Gedichte Gomringers, die eine Kettenreaktion auslösten, ebenso wie die Arbeiten der Wiener Gruppe, unter deren Eindruck eine Reihe von Autoren der jüngsten Generation zu schreiben begann.

5.

Dichtung, in ihrer Absicht und Wirkung, ist immer auf den einzelnen gerichtet. Dichtung im Kollektiv „erleben“, analysieren, interpretieren und beurteilen, wie das in Schulen getan wird, geschieht selten ohne einen gewissen qualvollen Rest für Schüler und Lehrer. Keinem, weder einem Schüler noch einem Lehrer, ist zuzumuten, daß er sich widerstandslos zur Beschäftigung mit einem Stück Literatur, einem Stück Kunst bereit findet, wenn ihm dieses nicht liegt, wenn es ihn nicht anspricht, wenn es ihn kalt läßt oder wenn es ihn abstößt. Menschen lassen sich nicht beliebig zu Freunden oder Gatten paaren; ebensowenig darf man erwarten, daß sich jeder Beliebige (Schüler oder Lehrer) mit jedem beliebigen Stück Kunst in Kontakt bringen läßt. Niemandem ist daraus ein Vorwurf zu machen: keinem Schüler, keinem Lehrer, keinem Stück Kunst.

Zu fragen ist nur, ob und wie sich an dieser Stelle das Unterrichtssystem so ändern ließe, daß es den menschlichen Gegebenheiten besser entspricht.

Wohl am ehesten wäre eine Verbesserung von einer Zerlegung des Unterrichtsfaches Deutsch in mehrere Einzelfächer zu erwarten, die von verschiedenen Lehrern unterrichtet werden könnten; prinzipiell müßte dann Literatur ein Fach für sich sein, getrennt von den Übungen in gesprochener und geschriebener Sprache und der Beschäftigung mit den Problemen der Grammatik und der Sprachwissenschaft.

Das Fach Literatur müßte jedem Schüler die Möglichkeit geben, sich sachlich zu informieren und an Literatur gerade das zu erreichen, zu lesen, es seinen Kollegen vorzustellen und mit ihnen darüber zu diskutieren, das ihn interessiert. Voraussetzung dafür ist als Arbeitsstätte für das Fach Literatur ein Bibliotheksraum, der zugleich Leseraum ist, in jeder Schule; und darin, für jeden Schüler zugänglich — wobei die Vorstellung der „Altersgemäßheit“ unbedingt fallengelassen werden muß —, eine umfassende Sammlung von Büchern, von den Klassikern bis zu Gomringer, Heißenbüttel, Mayröcker, Mon und den Autoren der Wiener Gruppe; dazu Nachschlagwerke allgemeiner und spezieller Art sowie eine Auswahl moderner Sekundärliteratur (Literaturgeschichte; Dichtungsgattungen; Aspekte moderner Dichtung; Einzeldarstellungen).

Jeder kann in dieser Bibliothek nach Belieben stöbern, jedes Buch zur Hand nehmen und es jederzeit weglegen. Jeder findet seinen eigenen Weg. Der Lehrer ist jederzeit bereit zu beraten. Der Aufenthalt — von Arbeitsgruppen oder Klassen — in dieser Bibliothek muß für jeden Beteiligten zu einem Erlebnis werden, etwas, worauf er sich freut; ich denke an meine eigenen Abenteuer am elterlichen Bücherschrank, sobald ich lesen konnte, und dann viele Jahre hindurch.

Das sogenannte „Jugendbuch“ bliebe, mit wenigen Ausnahmen, aus einer solchen Bibliothek ausgeschlossen; es hat weder mit Kunst noch mit Pädagogik zu tun, sondern ist einfach ein Kommerzartikel.

Die Auswahl der Bücher müßte ohne jede Prüderie erfolgen und ständig durch Neuerscheinungen ergänzt werden.

Zur aktiven Teilnahme an Referaten, Gesprächen und Diskussionen, wie sie sich als Folge der Beschäftigung jedes einzelnen in der Bibliothek fallweise ergeben sollte, dürfte kein Schüler genötigt werden; die Nötigung dazu müßte einzig aus ihm selber kommen, als Bedürfnis, das, was er gelesen, entdeckt, erfahren hat, seinen Kollegen und seinem Lehrer mitzuteilen und seine Ansichten im Gespräch auf die Probe zu stellen.

Ein Unternehmen dieser Art kann allerdings nur dann gelingen, wenn es grundsätzlich keinen Unterschied bedeutet, was einer jeweils zu seiner Lektüre wählt — die Märchen der Brüder Grimm oder den „Ulysses“ von James Joyce. Wenn irgendeiner der Beteiligten, Schüler oder Lehrer, bereits die Wahl kritisiert, die Vorliebe, das Interesse, und sie irgendwie geringschätzig kommentiert, muß die Sache fehlschlagen. Denn es handelt sich hier nicht nur um Übungen zur Literatur, sondern auch um Übungen in der Kunst der Freiheit, die es ohne die Achtung vor dem anderen nicht gibt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1970
No. 195/I, Seite 227
Autor/inn/en:

Ernst Jandl:

Geboren am 1. August 1925, Gymnasium, Militärdienst, Studium der Germanistik und Anglistik in Wien (Diss. 1950 „Die Novellen Arthur Schnitzlers“). 1952/53 Aufenthalt in London. AHS-Lehrer in Wien. 1952 Veröffentlichung von Lyrik und Prosa in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Selbständige Publikationen: „Andere Augen“ 1956, „lange gedichte“, „klare gerührt“ 1964, „mei hart lieb zapfen eibe hold“ 1965, „Laut und Luise“ 1966, „sprechblasen“ 1968 (Luchterhand).

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