Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 465-467
Richard Dawid

Des Denkers Flucht

Plädoyer für eine Remigration der Intellektuellen in die reale Welt

Über Nacht hat der Umsturz im Osten die latente Affinität der westlichen Intellektualität zu real existierendem Sozialismus zerbrochen. In einem wundersamen Augenblick passierte die vorbehaltlose Aufgabe sämtlicher moralischer Relativierungen zugunsten einer völligen Verdammung der kommunistischen Systeme als unmenschliche zerstörerische Diktaturen. Die Verwirrung ist groß. Offene Selbstkritik findet sich neben wachsender Orientierungslosigkeit, in vielen Kommentaren wurde die Frage schon gestellt: Warum benötigt eine idealistisch und größtenteils demokratisch eingestellte Intellektualität den Untergang einer Welt, um brutalste Diktatur als solche zu entlarven? Man könnte die Frage erweitern: Warum entlarvt sie sie eigentlich jetzt? Warum sagt ein intimer Kenner und Kritiker der DDR wie Wolf Biermann nach dem Fall der Berliner Mauer, er wisse nicht mehr, was er glauben solle, eine Welt sei für ihn zusammengebrochen? Wieso war in seiner Welt 1989 noch etwas da, was zusammenbrechen konnte, und wenn, warum steht es nicht noch heute? Erfolg oder Mißerfolg eines Umsturzversuches als Argumente in Fragen der Ideologie?

Seit ihrer Gründung sieht sich die Sowjetunion mit der Sympathie erstaunlich weiter Teile der Intelligenz des Westens, wie auch — bis Brezniew — des Ostens konfrontiert. Durch 70 Jahre verläuft eine Kontinuität intelligenter Nichtbeachtung staatskommunistischer Massenmorde und Massenunterdrückung. Und nach dem Zurückdrängen wirtschaftlicher Not in Europa steht diese Position der Intellektualität einem beileibe nicht immer so sicheren „Volksempfinden“ gegenüber, welches das offensichtlich Abstoßende der kommunistischen Regime sehr klar erkennt. Was dem normalen Hausverstand selbstverständlich ist, blieb der geistigen Elite verborgen.

Den unglücklichen, wenn auch angesichts Hitlers vielleicht verständlichen Höhepunkt in der Geschichte der Fehleinschätzungen bilden die Stalinsympathien rund um den zweiten Weltkrieg.

Geradezu absurd ist es, wenn die Bewegung der 68er, die in ehrlichem Empfinden der Unerträglichkeit gesellschaftlicher Zwänge totale Freiheit propagiert, ausgerechnet das maoistische System zum Leitbild kürt, das wie kaum ein zweites die Abschaffung jeglicher Freiheit verwirklicht.

In den letzten Jahrzehnten lieferte das ideelle Abwandern des guten Kommunismus aus der UDSSR über China ins ferne Kuba und ins hilflose Nicaragua, wie auch eine betont geopolitische Argumentationsweise, die moralische Kriterien auf außenpolitische Bereiche reduziert, das Bild eines bemerkenswerten Rückzugsgefechts.

Faszinierend sind die Erzählungen eines Andreji Sacharow oder Lew Kopelew, in welchen sie schildern, wie sie selbst, beide unbezweifelbar Menschen von herausragendem geistigem und moralischem Format, bis ins Alter von über 40 Jahren an den Stalinismus glaubten und vor sich selbst dessen Verbrechen als notwendiges Mittel zum Zweck rechtfertigten. Bei aller Wertschätzung für stalinistische Propaganda, da muß doch mehr dahinterstecken.

Auf den Punkt gebracht, geht es um die Motive jenes intellektuellen Studenten, der in den Tagen nach dem Umbruch zu den jubelnden Menschen in die CSSR fuhr und die feiernden Massen in wahrhaft empfundener Verzweiflung beschwor, nicht vom sozialistischen Weg abzurücken. Wenn jener in der guten alten Zeit in die CSSR reiste, dann sah er hoffnungslose Depression der Menschen, triste, graue, häßliche Städte, ruinierte Umwelt, Gestank, Armut, Zensur, Oppression, kurz, er sah ein Land, in dem jedes Lebensglück zerstört wurde. Und doch muß er in diesem Desaster, welches wohl sämtlichen formulierten Intentionen seiner kommunistischen Ideologie zuwiderläuft, etwas sehen, was zumindest seine unbewußten Erwartungen an diese Ideologie erfüllt. Was, frage ich, ist es, was er an diesem System trotz seines offensichtlichen Scheiterns schätzt? Meine Antwort ist: Genau dieses.

Sind Intellektuelle glücklicher oder unglücklicher als andere Menschen? Keine beantwortbare Frage, doch läßt sich ein Vorteil wie ein Nachteil finden: Denken kann für den Denkenden tiefe Befriedigung, wohl auch Glück bedeuten. Doch steht das Denken immer zwischen dem Denkenden und dem Leben. Das „Er-leben“ der Welt in seiner ursprünglichsten Bedeutung ist ein — idealtypisch — vorbehaltloses Werfen der körperlichen und emotionalen Existenz in diese Welt, um mit ihr körperlich und emotional zu reagieren. Es passiert gleichsam von innen — die Vorsilbe „Er-“ trägt die Bedeutung wie bei „Erfüllen“ — und vermittelt Geborgenheit, „einfaches“ Glück. Ein „Erdenken“ der Welt geschieht von außen, ein „Errichten“, bei dem sich der Denkende körperlich und emotional aus der Welt zurückzieht, sie reflektiert und unter Vernachlässigung eigener Körperlichkeit emotional auf diese Reflexion reagiert. Glück entsteht hier unter Umgehung der Körperlichkeit, wie es im ersten Fall unter Ausschaltung von Reflexion entstand. Doch ist sich der, welcher Glück er-lebt, der reflexiven Dimension im Augenblick nicht bewußt, er empfindet absolutes Glück. Der Denkende fühlt die in sein Glücksgefühl nicht einbezogene Körperlichkeit und damit die Unvollständigkeit seines Glückes. Das und nur das begründet, daß Glück des Denkens Glück des Lebens nicht ersetzen kann. Es ist vielleicht die größte, kaum beherrschte Lebenskunst, die beiden Wege zum Glück zu vereinbaren. In der Regel wird, wer gewohnt ist zu denken, den Reflex des Denkens auch im Erleben der Welt nicht los, auch nach dem innigsten Moment entzieht ihn die Reflexion ein Stück weit der inneren Harmonie des Erlebens. Dem gegenüber steht, die fiktive Schematisierung sei mir im Interesse der Prägnanz verziehen, die große Mehrheit derer, die nicht gewohnt sind zu denken, denen der Reiz des Denkens unbekannt bleibt. Sie sind dem Denkenden im Leben überlegen, sie besitzen die Fähigkeit des unreflektierten Erlebens, die Option des vollkommenen Glücks. Der Denkende fühlt, wohl meist unbewußt, diese Überlegenheit, eine Überlegenheit gerade derer, die ihm, seinem intellektuellen Selbstverständnis folgend, unterlegen, weniger wertvoll erscheinen. Wie kommen sie dazu, trotzdem diesen Vorteil zu haben? Umso ärgerlicher ist das, weil er, der Denkende, sein Manko erahnt, während die anderen überhaupt nicht zu schätzen wissen, was ihnen entgeht. Ignorant mißachten sie seinen Vorteil, können sein Denken nur als nur als Verdienst, nicht aber als Glück begreifen. Und doch will er, der Denkende, auch nur glücklich sein.

Das eben geschilderte Spannungsfeld zwischen Intellektualität und „Volk“ repräsentiert meiner Überzeugung nach eine Grundkonstante der Weltgeschichte, die ich als „Lebensneid“ bezeichnen möchte: Die Intellektualität neidet dem Rest der Gesellschaft uneingestanden seine Fähigkeit, unreflektiert zu leben. Eine relevante Position der Intellektuellen in der Gesellschaft vorausgesetzt, hat dieser „Lebensneid“ Konsequenzen von elementarer Bedeutung.

An diesem Punkt sei einem drohenden Mißverständnis entgegengetreten. Das bisher Gesagte zeichnet das Bild einer „Zweiklassengesellschaft“ aus Volk und Intellektuellen. Es erscheint mir wichtig, das verkürzend Modellhafte dieses Bildes zu betonen. In der Realität ist niemand ganz „Denker“ oder ganz „Nichtdenker“. Es wäre auch verfehlt zu versuchen, irgendwie irgendwo eine Grenze zwischen beiden „Klassen“ zu definieren. Im gegebenen Zusammenhang ist in erster Linie die „relative Intellektualität“ entscheidend, es kommt darauf an, wer sich wem gegenüber als Intellektueller fühlt. Es kann also durchaus jemand in einer Gesellschaft der intellektuellen Gruppe, in einer anderen der nichtintellektuellen angehören. Darüber hinaus läßt sich natürlich kein starr linearer Zusammenhang zwischen Intellektualitätsgrad und Größe des Lebensneides aufstellen. Die Individualität des Einzelnen steht dem entgegen. Sämtliche modellhaft auf „den Intellektuellen“ bezogenen Aussagen sind sozusagen statistische Aussagen. Gesellschaftlich nimmt ihnen diese Einschränkung freilich nichts von ihrer Signifikanz.

Werfen wir vorerst einen kurzen Blick auf eine gesellschaftliche Schicht, die wohl noch immer am besten unter dem aussterbenden Begriff „Bildungsbürgertum“ subsumierbar ist. Laufend begegnet sie uns hier, die intelligente Kritik an unintelligenter Lebensweise. Sei es die geballte Vorliebe der Bevölkerung für eine Fernsehsendung infinitesimalen geistigen Niveaus, der klinisch kulturabstinente Badeurlaub in fernen Ländern, oder seien es andere Dümmlichkeiten, es trifft sie die kopfschüttelnde Ablehnung derer, die es besser wissen. Sie hat wohl ihre Berechtigung. Gesellschaftspolitisch ist eine ahnungslose, gedankenlose und uninteressierte Mehrheit sicherlich ungünstig, wenn nicht gefährlich. Es hat jeder recht, der sich sein allgemeines Wissen und Engagement gesellschaftlich als Verdienst anrechnet und ein Fehlen desselben gesellschaftspolitisch bekrittelt. Solch abstrakt rationale Argumente mögen auch für unsere Bildungsbürger eine Rolle spielen. Entscheidend sind sie nicht. Im Kern ist die konstatierte Ablehnung eine persönliche, eine Ablehnung der Lebensphilosophie. Nun ist evident, daß ein gewisser Teil der Menschheit geistige Inaktivität mit rigoroser Verflachung im Erleben der Welt zu verbinden weiß, was als Lebensphilosophie auf dem Weg zum Glück wenig preisträchtig erscheint. Grundsätzlich aber ist eine Lebensphilosophie des bewußten Nichtdenkens als gleichberechtigter Ansatz zu betrachten. Wer damit glücklich wird, hat recht gehabt. Und das sollte auch von jenen, die anders leben, respektiert werden.

Mir scheint hinter der Ablehnung eines solchen Weges eben jener Lebensneid erkennbar, harmlos im sanften Gefälle innerbürgerlicher Gegensätze, dafür aber unverfälscht. Er tritt auf im Chor aller urbürgerlichen Angste, in den engen psychologischen Grenzen bürgerlicher Lebensführung irgendwie das wahre Leben zu verpassen und bewirkt, wie alle anderen Angste auch, eine identitätssichernde Ablehnung.

Wagen wir den Sprung in die Tiefen der Weltgeschichte. Die Suche nach dem Intellektuellen in der Weltgeschichte stößt fast immer auf eine Institution: Die Religion. Setzen wir ihn voraus, den Lebensneid einer Priesterkaste, die immer der intellektuellen Schicht angehört, häufig mit ihr ident ist. Mit verstohlener Sehnsucht blickt sie auf das Leben, von dem sie ja nicht nur durch ihre Intellektualität an sich, sondern darüber hinaus durch die tradierten Vorgaben der Heiligen getrennt ist. Der von solchen Sehnsüchten Verwirrte sucht Trost in seiner Religion. Und er findet ihn dort, wunderbarerweise, in dreifacher Ausprägung.

Die 1. Tröstung wirkt auf rein geistiger Ebene: Mögen die anderen auch leben, ihr „himmlisches“ Wohl hängt doch an ihm, dem Intellektuellen. Doch diese Tröstung funktioniert nicht richtig, nicht gegen die ärgerliche Unkenntnis seines — geistigen — Glückes im Volk, sie bleibt selbst im Denken, wo es ums Leben geht.

Die 2. Tröstung liegt im Zwang. Jede Befolgung eines religiösen Zwangs impliziert das Akzeptieren des geistigen Primats, des Primats des Intellektuellen. Eine Gesellschaft, die in den Zwängen der Intellektuellen lebt, anerkennt letztlich die Vorherrschaft des Denkens über das Leben. Ja, mehr noch, sie wird selbst in gewissem Grade intellektuell, im Nachdenken über die auferlegten Zwänge, und begibt sich so auf eine Ebene, auf welcher der Intellektuelle seine Überlegenheit direkt demonstrieren kann.

Zwang ist auch das Werkzeug der 3. Tröstung. Leben und Erleben der Menschen läßt sich durch Regeln, Vorschriften und Verbote einengen, um jenen so ihren Erlebensvorsprung zumindest teilweise zu nehmen.

Die beiden letzten Tröstungen leisten einen gewichtigen Beitrag zur Stabilität religiöser Machtstrukturen. Sie sind gleichsam der Kitt im Gebäude einer Religion, der das religiöse Establishment auch in Zeiten geringer Spiritualität zuverlässig motiviert, die tradierten, rational nicht begründbaren Einmischungen in das Alltagsleben des Volkes beizubehalten. Es sei die These gewagt, daß die enorme weltgeschichtliche Machtposition der Religionen nicht zuletzt der heilsamen Wirkung der geschilderten Tröstungen zuzuschreiben ist. Wie sehr eine religiöse Funktionärsschicht der 3 Tröstungen bedarf, hängt davon ab, in welchem Maße die Gesellschaft die beiden Pole des Denkens und des Lebens einander entfremdet hat.

Die klassische griechische Antike erscheint als Epoche, der die Versöhnung von Denken und Leben merkwürdig gut gelingt. Sie stellt die Asthetik des Körpers harmonisch und gleichberechtigt neben die Ästhetik der geometrischen Form, läßt Philosophen bei olympischen Spielen neben Athleten auftreten, eine unbändige Lust am Denken beseelt besonders vorsokratische Denker, die Fröhlichkeit des Sokrates steht mitten im Leben — es entsteht das Bild einer sicher nicht „idealen“, aber doch fremdartigen Harmonie zwischen Geist und Körper. Ein Hauch davon durchzieht die antike Welt des Mittelmeeres, vorbei an politischen Umbrüchen und geistigen Umwälzungen bis ins kaiserliche Rom, verleiht dieser Welt ihre ganz spezifische Qualität, prägt das Leben noch über größte räumliche, zeitliche wie auch geistige Distanz. Schließlich gerät die Antike mit all ihren Vorzügen, vielleicht wegen ihrer Vorzüge in eine tödliche Identitätskrise. In Reaktion darauf entstehen Strömungen, die eine rein geistige Harmonie suchen und damit die noch erhaltene Harmonie von Geist und Körper, Denken und Leben angreifen. Die erfolgreichste von ihnen, das Christentum, hat diese Harmonie endgültig zerbrochen. Das Christentum entflieht der Rationalität der Antike mit radikaler Ablehnung, ja Tabuisierung des freien Denkens, es erfindet geradezu als Antithese zum Denken den Begriff des Glaubens. Daneben führt es eine schon sehr lange in der Antike latente Entwicklung der Ablehnung der eigenen Körperlichkeit zu einem radikalen Abschluß. Es passiert also ein Rückzug aus beiden Teilen der antiken Welt in ein selbst erschaffenes Zwischenreich, die Pole der klassischen antiken Harmonie sind beide mit Tabus belegt, die kostbare Verbindung ist von beiden Seiten gekappt. Auch als das Denken — sehr bald — wiederkehrt, darf es nur als Dienst am Glauben gebraucht, nur als Dienst und niemals als Lust verstanden werden. Die so entstehende Situation birgt außerordentliche Voraussetzungen für die Entwicklung von Lebensneid einerseits, wie für die Inanspruchnahme der geschilderten Tröstungen andererseits. Beides hat in der Geschichte des Christentums wohl eine bedeutende Rolle gespielt.

Es dauert ein Jahrtausend, bis Europa die Kraft aufbringt, den Blick zurück zu wagen. Das fern schimmernde Bild der vorchristlichen Vergangenheit übt ungeheure Faszination aus. In den komplizierten Vorgängen von Renaissance, Humanismus und Aufklärung werden antike Bilder mit christlichen Tradierungen verbunden und zu jenem Weltbild entwickelt, das über den folgenden technischen Fortschritt in die Moderne führt. Ein Käfig christlicher Verbote und Tabus wird gesprengt, ein antikes Ideal vor Augen befreit sich die Gesellschaft von der Übermacht der Kirche. In Freiheit zeigt sich jedoch, daß der Befreite zu lange eingesperrt gewesen ist. Tief eingeprägte Verhaltensmuster und Einstellungen lassen sich nicht so schnell verändern, sie wirken mächtig bis heute nach. Deutlich wird das im 19. Jahrhundert, als sich die Wogen des Umbruchs geglättet haben. Hier erscheint vieles wieder, was als Fortwirken christlicher Prägungen verstanden werden kann: Der unendliche Fleiß der Wissenschaft erinnert an den akribischen Abschreibdienst in mittelalterlichen Mönchszellen. Eine ausgeprägte bigotte Prüderie tritt in die Fußstapfen mittelalterlich-christlicher Moralvorstellungen. So ist auch der Lebensneid nicht verschwunden, er trifft jetzt allerdings auf eine Intellektualität, die außerhalb der Kirche steht, also auch deren Tröstungen nicht nutzen kann. Wie soll sie diese ersetzen?

Nun, endlich, treffen wir wieder auf den Kommunismus. Motiv für die Entstehung der kommunistischen Ideologien ist die unmenschliche Ausbeutung der arbeitenden Massen in den Anfängen industrieller Entwicklung. Sieht man die Sache aus der persönlichen Sicht des Vertreters einer solchen Ideologie, tritt ein zweites Motiv hinzu: Kommunismus ist die maßgeschneiderte Antwort des rationalen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts auf seinen Lebensneid. Die außergewöhnliche diesbezügliche Qualität liegt in der Umgehung eines alten Problems der Lebensneidtröstung: Die christlichen Tröstungen beinhalten eine gewisse Zwiespältigkeit. Einerseits stützen sie sich auf das Postulat einer positiven Rolle der Kirche den Menschen gegenüber, andererseits beinhalten sie eine Gegnerschaft zu eben diesen Menschen. Im Kommunismus, oder noch besser im Marxismus wird dieser Zwiespalt aufgelöst. Mittel dazu ist die Zweiklassengesellschaft. Einerseits strebt die Ideologie die Erlösung der Arbeiterklasse an. Die Tröstung der hehren Welterrettung kommt voll zum Tragen. Andererseits aber gibt es die Klasse der Bourgeoisie, jene Gruppe, gegen die sich der Lebensneid primär wendet, da dort, im ideologischen Bild nur dort, gelebt wird. Hier bietet die Ideologie im Rahmen der großen Gesamtidee die Möglichkeit, negativen Emotionen freien Lauf zu lassen, die Zerstörung des Lebens unverhüllt zu betreiben. Nach der Vernichtung der Bourgeoisie erwartet der Marxismus von der Arbeiterklasse als Lohn für deren Befreiung, daß sie ihr Leben streng nach seinen intellektuellen Vorschriften einrichtet, daß sie eine Gesellschaft errichtet, die in all ihrer Vernünftigkeit und strikten Fixierung sämtlicher Kräfte auf das Allgemeinwohl das Leben vollständig dem Intellekt unterordnet. Ein wahres Paradies, freilich nicht für den Vertreter der Arbeiterklasse, sondern für den Intellektuellen. Ein schöneres Medikament gegen Lebensneid ließe sich kaum erfinden. Es wurde über Generationen mit Begeisterung angenommen. Über Generationen hinweg begeistert und gewinnt der Kommunismus Menschen mit den hehren Idealen der brüderlichen Gleichheit und Gerechtigkeit. Im Hintergrund aber wirkt unbewußt und unerkannt der Lebensneid als Werber, er ist der verborgene Schlüssel zur Seele, den jede Ideologie braucht, um wirklich stark zu sein. Die alten christlichen Tröstungen werden ersetzt, die Relationen haben sich jedoch verschoben. War der Lebensneid für die Kirche ein Phänomen, das wohl seine Bedeutung erlangte, doch Detail blieb, so ist er für den Kommunismus ein Gründervater, der ihn ganz entscheidend prägt.

Als im Oktober 1917 der Bolschewismus in St. Petersburg zur Macht gelangt, ist das, vielleicht mehr als alles andere, der machtpolitische Durchbruch eines radikalen Konzeptes der Lebensneidtröstung, getragen von einer elitären Clique, die — diese Hypothese sei gewagt — jenen Lebensneid in besonderer Schärfe empfand. Die Folgen sind nicht zu übersehen. Eine ganz spezifische Eigenheit unterscheidet kommunistische Diktaturen von allen anderen Staatsformen. Diese liegt nicht in besonderer Brutalität. Viele Diktaturen sind brutal. Das absolut Einzigartige ist die ungeheure Konsequenz, mit der versucht wird, die Menschen am Leben zu hindern: Völlig sinnlose Verbotslitaneien entstehen offiziell im Interesse der Reinheit der Lehre, in Wahrheit als Angriff auf das Leben. Mit erbarmungsloser Konsequenz wird das ganze Land mit demonstrativer Häßlichkeit überzogen. Albtraumhafte Wohnsilos, in Stadtkerne geschnittene Autobahnen und unbeschreibliche Modedesigns scheinen nur eines zu suggerieren: Hier wird nicht gelebt, sondern geplant (gedacht). Und während alle Verheißungen des Kommunismus in der Realität kommunistischer Macht elementar scheitern, wird seiner unbewußten Intention gerade deshalb in kaum zu überbietender Totalität entsprochen.

Über sieben Jahrzehnte hinweg entstehen in veschiedensten Weltgegenden kommunistische Staaten, teilweise begrüßt von weit größeren Teilen einer leidenden Bevölkerung als damals in Rußland; in unterschiedlichem Ausmaß wurden die Hoffnungen der Menschen enttäuscht oder auch erfüllt. Niemals aber gelang es, dem Schatten des Lebensneides, dieses unsichtbaren Mentors der kommunistischen Ideologien, zu entfliehen.

Kehren wir zurück zu jenem kommunistischen Studenten, der im Jahre 1989 die Weltgeschichte anhalten wollte. Was sah er Positives an der alten CSSR? Er sah den einen, einzigen Punkt, in dem der Kommunismus wirklich erfolgreich war, der aber in Wahrheit vielleicht auch sein zentrales Anliegen gewesen ist. Einen Punkt, den auch Hunderttausende von Intellektuellen in der ganzen Welt, die unserem Studenten in seiner kritiklosen Anerkennung des Kommunismus nicht gefolgt wären, unbewußt positiv sahen: Der Kommunismus hatte mit einer Idee das Leben besiegt. Bis 1989 die Menschen über die Idee siegten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1992
No. 465-467, Seite 14
Autor/inn/en:

Richard Dawid: R.D. ist Physiker und lebt in Wien.

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