FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 200/201
Trautl Brandstaller

Der unaufhaltsame Aufstieg des Kurt Falk

Die demokratische Republik Österreich ist das Land der Pressefreiheit und der Pressebeschlagnahmen. Daher erscheint der nachfolgende Artikel in einem Sonderheft unserer Zeitschrift. Er ist das Ergebnis mühsamer Recherchen bei rund zwei Dutzend Personen, die’s wissen müssen. In diesem Sinn ist er die journalistischem Gewerbe mögliche, gewissenhafte Annäherung an die Wahrheit. Wo Zeitwörter vorkommen, blieben daher alle absichernden Hilfszeitwörter („sollen“, „dürften“, „könnten“) weg. — D. Red.

I. Falk wäscht weißer

Es ist ein Raubtiergesicht aufgestiegen, ein nachsintflutliches Ungeheuer, nur vergleichbar dem Trachodon, dem Triceratops und den anderen dinosaurischen Schiebern aus der Kreidezeit, der Castiglioni aus der Tintenzeit. Seine Züge sind die Schriftzüge einer erbarmungsslosen Journalistik, die dieses Gesicht rehabilitieren.

Karl Kraus, „Die Fackel“, Nr. 679-685, März 1925

Imre Bekessy, der da gemeint ist, war der übelste Revolverjournalist Österreichs, einer der übelsten Europas. Mit Sicherheit läßt sich sagen: Derzeit gibt es keinen Karl Kraus. Nicht mit Sicherheit läßt sich hingegen sagen: Derzeit gibt es keinen Imre Bekessy.

Nichts freilich aus obigem Zitat kann auf Kurt Falk zutreffen. Der „Kronen-Zeitungs“- und vielleicht bald überhaupt Zeitungszar Österreichs, begann als Persilangestellter und hat seither darauf gehalten, stets persilweiß zu sein. Falk wäscht weißer.

Bekessy war Terrorist, indem er Zeitungen herausgab und darin schrieb. Aber der ungleich weißere Terror ist jener, bei dem man Zeitungen herausgibt und darin nicht schreibt, vorläufig nicht schreibt über bestimmte Sachen, vorläufig nicht schreibt über bestimmte Personen. Im kleingewerblichen Maßstab betrieb das schon Imre Bekessy. Von ihm ging die Anekdote durch Wien: Wenn man an seine Tür klopfte, brüllte er: „Lassen Sie mich in Ruh, ich muß dringend einen Artikel schreiben, der noch heute nicht erscheinen soll.“ Daß Falk der ins Industrielle gewendete Bekessy wäre, der derlei nicht mit einem Artikel betreibt, sondern einer ganzen Zeitung, demnächst mehreren, demnächst einem österreichischen Zeitungsmonopol, kann man nicht behaupten. Falk wäscht weißer. Von ihm kann man nichts behaupten, was Karl Kraus von Bekessy behauptete.

In letzter Stunde erfolgt die Warnung an die Maßgebenden ... Im Angesicht der großen Öffentlichkeit erfolgt das Gelöbnis, daß den Geschäftspolitikern, die sich zu augenblicklicher Erleichterung einen Mitwisser zu Dank verbinden wollen, mit Bekessys schnödem Undank meine unerbittliche Aufmerksamkeit gesichert bleibt und daß ich bemüht sein werde, alles, was sie dann begraben wähnen, ans Licht zu fördern. Sie werden seine Ansprüche ins Maßlose steigern und die meinen nicht befriedigen.

Öffentliches Plakat von Karl Kraus gegen Imre Bekessy, 1927

So warnte Karl Kraus die führenden Politiker Österreichs, insbesondere die sozialdemokratischen Politiker Wiens. Wer warnt heute, wie noch in Sachen Olah, vor neuer, noch größerer, noch heilloserer „Geschäftspolitik“?

Verquickung von Geschäft und Politik, beide dementsprechend undurchsichtig, kam im Prozeß gegen Olah zutage. Damals trat zum erstenmal der Mann ins Rampenlicht, der zusammen mit Hans Dichand den spektakulären Aufstieg der „Kronen-Zeitung“ zur größten Tageszeitung Österreichs als deren Manager zuwege gebracht hatte. Der Auftritt nach mehr als zehnjähriger Tätigkeit hinter den Kulissen war eines großen Schau-Spielers würdig. Kurt Falk versteht dieses Metier. Olah verlor seinen großen Prozeß, Kurt Falk gewann sein großes Spiel. Falk wäscht weißer. Heute ist er Geschäftsfreund des ÖGB via dessen Bank BAWAG.

Kurt Falks Karriere ist eine der wenigen schwindelerregenden dieser Zweiten Republik. Vor 15 Jahren kleiner Persil-Angestellter, heute mit 37 Jahren der mächtigste Mann im österreichischen Pressewesen. Er besitzt nicht nur, zusammen mit Dichand und geheimnisvollen Hintermännern, die größte Zeitung des Landes, sondern dazu, auf dieselbe Weise, noch 49 Prozent des größten österreichischen und eines der größten europäischen Druckereibetriebe. Daß auch die restlichen 51 Prozent in absehbarer Zeit ihm gehören, prophezeien schon heute Kenner des Metiers.

Wie schafft man es in diesem Land der Greißler, binnen zehn Jahren zum Millionär aufzusteigen?

Falks geschäftliche Talente stehen außer Zweifel. Aber geschäftliches Talent reicht zu einer solchen Karriere nicht. Dazu brauchte er auch Glück, genauer gesagt: Olah. Geschäftliches Talent hat bald einer. Was einer nicht so bald hat, ist das Glück, zunächst vom Präsidenten des Gewerkschaftsbundes gefördert, sodann nach dessen Sturz von den Nachfolgern gefürchtet zu werden.

Falks Glück begann, als sein Vater, der nach dem Krieg zur Zwangsarbeit auf dem Bau verpflichtet wurde, den Chef der Bauarbeitergewerkschaft, Franz Olah, kennenlernte. Im Oktober 1950, als Olahs Schlägergarden ausrückten, vertiefte sich diese Freundschaft im Kampf gegen die Kommunisten. Der doktrinäre Antikommunismus, Spiegelbild des stalinistischen Kommunismus, kennzeichnete nicht nur die Politik Olahs, er ist bis heute die einzige politische Linie, die die „Kronen-Zeitung“ hat.

Falk lernte Franz Olah 1952 auf dem Friedhof, beim Begräbnis seines Vaters, kennen. „Er hat mir die Hand gegeben, das war eigentlich alles. Später haben wir uns Weihnachtskarten geschrieben.“ Der zukünftige Millionär tritt unmittelbar nach der Matura bei Persil ein. Sein geschäftliches Talent beweist er schon dort: binnen kurzem steigt er vom Kundenbuchhalter zum „Leiter des Finanzwesens“ auf. 1955 nimmt er ein Darlehen für eine Wohnung auf. Olah bürgt erstmals für ihn.

Die Fäden zwischen Falk und Olah beginnen sich bald darauf enger zu spinnen. Falk wird Betriebsberater bei der „Omnia“, neben der „Atlanta“ jene Firma, die 1953 von Angestellten der Bau- und Holzarbeitergewerkschaft zur Tarnung der Geschäfte rund um Olahs mysteriöses „Sonderprojekt“ zum Kampf gegen den Kommunismus gegründet worden war. 1959, im Gründungsjahr der „Kronen-Zeitung“, geht diese Firma in Ausgleich. Betriebsberater Falk hinterläßt 1,5 Millionen Schulden bei der Zentralsparkasse beziehungsweise dem Verein für Soziale Wohnkultur, 1,8 Millionen beim Kreditverband beziehungsweise Risikofonds des Vereins für Soziale Wohnkultur.

Der Verein für Soziale Wohnkultur, finanziert aus Geldern des ÖGB, spielt eine nicht unwesentliche Rolle in den ersten Jahren der neugegründeten „Illustrierten Kronen-Zeitung“. Die SW-Inserate bilden den Grundstock ihrer Werbeeinnahmen. Der Tiefdruckumschlag des Blattes wird zunächst durch ganzseitige Farbinserate der SW finanziert.

Anfang 1959 schlägt Falks Stunde. Der Sekretär Olahs ruft an. Es kommt zu einem Gespräch Olah-Falk in den Räumen des ÖGB. „Olah hat mich damals gefragt, was ich so mache, aber ich habe nicht recht gewußt, was er eigentlich wollte. Heute glaube ich, er wollte mich noch einmal näher anschauen.“ Beim nächsten Anruf wird Olah präziser: Falk soll einen Kalkulationsplan überprüfen, den Hans Dichand für die Neugründung der „Illustrierten Kronen-Zeitung“ vorgelegt hat.

Hans Dichand, vormals Chefredakteur des „Kurier“, trug sich schon seit längerem mit der Idee, die „Illustrierte Kronen-Zeitung“ der Ersten Republik wieder ins Leben zu rufen. Das „bürgerliche Lager“, in Presse-Dingen nie initiativ, da seiner publizistischen Übermacht allzu sicher, zeigt gegenüber solchen Plänen nur Skepsis, das „sozialistische Lager“, seiner Schwäche im Pressewesen bewußt, zeigt Interesse. Im altsozialistischen Stammcafé Resch kommt der von „Kurier“-Herausgeber Polsterer aus unbekannten Gründen gefeuerte Hans Dichand mit Pittermann, Olah und Broda zusammen.

Broda sieht eine Chance für die SPÖ, das bürgerliche Pressemonopol zu brechen. Als einer der wenigen erkennt er, daß die SPÖ dieses Ziel nur erreichen kann, wenn sie sich „Bürgerlicher“ als Instrument bedient. Broda sieht den gesellschaftspolitischen Aspekt, Olah wittert die machtpolitische Chance. Als es im Café Resch zu keiner Einigung kommt, ruft er Dichand an und fragt ihn, ob er für sein Projekt schon Geldgeber habe.

Olah bringt Dichand mit Karpik und Falk zusammen. Karpik, der große Unbekannte im Olah-Prozeß, ist der sagenhafte deutsche Millionär, dessen mündliche Bürgschaftszusagen laut Olah, Dichand und Falk der Zentralsparkasse als Sicherheit für Millionenkredite ausreichten (10 bis 12 Millionen). Karpik ist immer noch Kommanditist der „Zeitungsverlag Dichand und Falk Ges.m.b.H. und Co.“ Olahs Schatten sitzt noch heute in der „Kronen-Zeitung“.

Nach längeren Beratungen entscheidet Olah: „Jetzt wird endlich einmal der Mantel der ‚Kronen-Zeitung‘ erworben!“ Dies besorgt Rechtsanwalt Dr. Stamm, der als Bevollmächtigter Kurt Falks auch den ersten Kredit bei der Zentralsparkasse aufnimmt. Olahs zweiter Anwalt in Sachen „KronenZeitung“ ist Dr. Levar; er entwirft die Treuhandverträge Sandmann-Karpik-Levar-Olah: im Handelsregister steht neben Dichand und Falk nicht Karpik, sondern als dessen Strohmann der Frankfurter Rechtsanwalt Dr. Kurt Sandmann.

Der erste Kredit bei der Zentralsparkasse ist bescheiden: 300.000 Schilling. Er muß bald aufgestockt werden. Im April 1959 erscheint die „Kronen-Zeitung“ zum erstenmal. Mit Jahresende beträgt der Verlust 6,1 Millionen, bis Ende 1961 11,9 Millionen.

Im Verlauf von zwei Jahren wächst der Kredit bei der Zentralsparkasse von drei auf zehn Millionen. Falk fragt nie, wer dieses Wunder für ihn vollbringt: „Ich ging zur Zentralsparkasse, die Türen haben sich geöffnet. Man hat uns erwartet. Alle Formulare waren schon vorgeschrieben. Ich mußte mich nur noch hinsetzen und unterschreiben. Dann habe ich noch ein Scheckheftchen bekommen und den Vertrag, den ich erst zu Hause durchgelesen habe.“

Falk, das Finanzgenie, weiß nicht, wer für diese Millionenkredite bürgt, noch auch, warum Las, Olahs Sekretär in der Bau- und Holzarbeitergewerkschaft, ihn auf seinen Gängen zur Zentralsparkasse begleitet. Falk glaubt an den Weihnachtsmann, und der heißt doch nicht Olah.

1964, als Olahs Sturz schon feststand, werden die für den Falk-Kredit verpfändeten Gewerkschaftssparbücher durch Anteile der „Kronen-Zeitung“ ersetzt. Zu diesem Zeitpunkt wirft das Blatt bereits so viel Gewinn ab, daß sich die Zentralsparkasse auf dieses Geschäft einlassen kann.

Als Olahs Position zu wackeln beginnt, nimmt Falks „Kronen-Zeitung“ die sozialistischen Politiker Broda, Czernetz, Afritsch, Benya vehement aufs Korn. Bereits 1965 ist derselbe Falk bereit, die „Kronen-Zeitung“ dem ÖGB zu verkaufen. Als Las Benya von seinen Verhandlungen mit Falk berichtet, winkt dieser ab: „Ich setze mich mit diesen Leuten nicht zusammen.“ Fünf Jahre später ist die Gewerkschaftsbank BAWAG mit Falk in Geschäftsfreundschaft.

1965 war der ÖGB noch angstfreier. Man fühlte sich, weil Olah Gewerkschaftsgeld für die „Kronen-Zeitung“ gab, als deren legitimer Besitzer, der es nicht notwendig hat, für sein Eigentum auch noch zu bezahlen. Man rechnet sicher, nicht nur Olah, sondern auch Olahs mächtigstes Instrument, die „Kronen-Zeitung“, auf gerichtlichem Weg zu erledigen. Im September 1965 erstattet der ÖGB auf Grund einstimmigen Beschlusses von Präsidium und Bundesvorstand Strafanzeige gegen Olah, Falk und Dichand wegen Verdachtes der Untreue, der Veruntreuung und der fahrlässigen Krida.

Das bleibt jedoch erfolglos. Die Einstellung des Strafverfahrens steift Falk den Rücken. Die Angriffe der „Kronen-Zeitung“ auf die SPÖ-Führung werden immer heftiger. Im ÖGB verliert man die Nerven. Die lästige Stimme muß zum Schweigen gebracht werden. Um sich die Mühe ständiger Beschlagnahmen zu sparen und in der Annahme, die von Olah widerrechtlich verwendeten Gewerkschaftsgelder würden einen Eigentumstitel an der „Kronen-Zeitung“ begründen, stellt man den Antrag auf einstweilige gerichtliche Verfügung. Die erforderliche Kaution von 5 Millionen Schilling erlegt die BAWAG.

„Der Gerichtshof teilt die von der klagenden Partei vertretene Rechtsansicht über die Folgen der unredlichen Geschäftsführung und ist ebenfalls der Meinung, daß der unredliche Geschäftsführer die Vorteile herauszugeben hat, die durch seine Tätigkeit entstanden sind. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, stellt das Unternehmen der ‚Ilustrierten Kronen-Zeitung‘ tatsächlich den Vorteil dar, den Franz Olah durch seine oben dargestellte Handlungsweise sich verschafft hat.“ Auf Grund dieser gerichtlichen Verfügung kommt es zur „Ausräucherung“ der „Kronen-Zeitung“, wie eine Schlagzeile der „Arbeiter-Zeitung“ triumphierend verkündet: Die Räume werden von Vertrauensleuten des ÖGB besetzt. Man schreibt den 25. Februar 1966, in wenigen Tagen sind Nationalratswahlen.

Der „Zeitungsputsch“ knapp neun Tage vor dem Wahltermin schlägt im In- und Ausland hohe Wellen. Die Journalistengewerkschaft verurteilt die Schreibweise der „Kronen-Zeitung“ und betont die Verantwortung des ÖGB, die Pressefreiheit zu wahren. In der Resolution heißt es:

Alle seriösen österreichischen Journalisten haben die Schreibweise der ‚KronenZeitung‘ als verantwortungslosen Mißbrauch der Pressefreiheit mißbilligt. Die Journalistengewerkschaft hat daher seinerzeit Anzeige an den Presserat erstattet, weil diese Zeitung auf ehrabschneiderische, bewußt entstellende Weise über den ÖGB und Präsidenten Benya berichtet und auf eine mit der Standesmoral unvereinbare Art die Privatsphäre des Justizministers Dr. Broda verletzt hatte. Dennoch erfüllt die Art, wie nunmehr die Verfügungsgewalt über die Redaktion und deren Mitglieder von einer Hand in die andere überging, die Österreichischen Journalisten mit begreiflichem Unbehagen.

Durch eine zweite gerichtliche Verfügung wird Dichand wieder als Chefredakteur eingesetzt. ÖGB-Besatzer Grosberg, der bis April 1964 stellvertretender Chefredakteur der „Kronen-Zeitung“ gewesen war, wird auf die reine Vermögensverwaltung beschränkt. In dieser Zeit des ÖGB-Kuratels über die „Kronen-Zeitung“ kursieren Gerüchte, der ÖGB werde die Zeitung einstellen zugunsten des „Express“. Doch die Herrschaft des ÖGB dauert kaum vier Monate. Am 25. Juni 1966 hebt das Oberlandesgericht die einstweilige Verfügung aus formalen Gründen auf, Falk triumphiert.

Der ÖGB klagt nun auf dem Zivilweg die Gesellschafter des Zeitungsverlags sowie Sandmann, Karpik und Olah auf Herausgabe des Unternehmens „Kronen-Zeitung“ sowie Zurückstellung der bezogenen Erträgnisse. Die „Kronen-Zeitung‘“ antwortet mit gleicher Münze. Am 22. Oktober 1966 erstattet sie Strafanzeige gegen Benya, Klenner und andere ÖGB-Funktionäre wegen Veruntreuung von Aktien des ÖGB. Am 27. Oktober 1966 finden Vorerhebungen statt ohne Ergebnis. Die Strafanzeige wird zurückgelegt. Die Anzeige wurde von Dichand und Falk vermutlich auf Grund von Unterlagen Olahs erstattet.

Nach langwierigen Voruntersuchungen kommt es schließlich Anfang 1969 zum Prozeß gegen Olah. Im finanziell und politisch wichtigsten Punkt der Anklage, Veruntreuung von Gewerkschaftsgeldern zur Finanzierung der „Kronen-Zeitung“, wird Olah freigesprochen — hauptsächlich wegen der schönen Ahnungslosigkeit der Zeugen Falk und Dichand.

Der ÖGB gibt noch nicht auf. Da die strafrechtliche Schuld Olahs nicht bewiesen werden konnte, war seine Klage auf Herausgabe der „Kronen-Zeitung“ unmöglich geworden. Nun will man auf dem Zivilweg wenigstens die kreditierten 10 Millionen als Schadenersatz zurückholen. Am 21. Mai 1969 bringt der ÖGB eine zweite Klage gegen die Besitzer der „Kronen-Zeitung“ ein. Am 7. November 1969 kommt es überraschend zu einem Vergleich der langjährigen Prozeßgegner. Die Zeitungsgesellschaft m.b.H. Dichand und Falk sowie Dichand und Falk persönlich verpflichteten sich zur Zahlung von 7.825.000 Schilling an den ÖGB, 3 Millionen sofort, der Rest in Halbjahresraten bis zum 31. Oktober 1972. Darauf werden die Klagen gegen Sandmann, Karpik und Olah zurückgezogen. Benya gibt die Erklärung ab, das Kriegsbeil gegen die „Kronen-Zeitung“ sei nun begraben.

Der große Olah ist gefällt, der kleine Olah blüht hartnäckig weiter. Kurt Falk behält nicht nur die Waffe der auflagenstärksten österreichischen Zeitung, die er schon einmal, im Wahlkampf 1966, massiv gegen die SPÖ eingesetzt hatte, er behält vielleicht noch andere Waffen. Was sein Freund, Gönner, Förderer, Ersatzvater wußte als ÖGB-Präsident und mehr noch als Innenminister, weiß vermutlich auch „Olah junior“.

II. „Olah junior“

Tratschweiber behaupten fälschlich, Falk sei Olahs Sohn. Das ist sicherlich Unsinn und jedenfalls uninteressant. Olah hat Falk — wahrscheinlich zufällig — flügge gemacht. Falk denkt und agiert wie Olah. Wobei ausdrücklich und bis auf weiteres nicht dessen kriminalisierbare Handlungen gemeint sind; gesetzmäßige Untaten sind fast immer die schlimmeren. Ein Terrorist, der sein Handwerk gelernt hat, bleibt bis auf weiteres in den Grenzen des Gesetzes und ist daher keiner. Zwischen Olah senior und Olah junior ist überhaupt kein Vergleich möglich auch hinsichtlich der Summen, von denen in der Affäre Olah die Rede war. Heute muß man Nullen anhängen, die streng im Rahmen der Gesetze bleiben. Der Fall Olah senior war ein Kinderspiel — vielleicht auch hinsichtlich der Sprengkraft, mit der Fall Olah junior Partei und Gewerkschaft auseinanderreißen könnte.

Im Wahlkampf 1970 hielt sich die „Kronen-Zeitung“ zurück. Die SPÖ-Führung wurde mit Glacéhandschuhen angefaßt, die ÖGB-Führung mit Lob bedacht. Der Waffenstillstand war Vorspiel zum großen Friedensvertrag. Architekt des Waffenstillstandes wie Friedensvertrages war legitimerweise Bruno Kreisky. In der Wohnung eines seiner engsten Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit traf man sich, beinahe wie in guten alten Zeiten, als die „Kronen-Zeitung‘“ 1958/59 in ähnlicher Kombination aus der Taufe gehoben wurde.

Und wiederum ging es ähnlich ungerecht zu: Wie damals lag die Initiative, sich die „Kronen-Zeitung“ unter den Nagel zu reißen, beim intelligenteren Teil der Parteiführung, damals Broda, diesmal Kreisky; und wie damals gelangte die „Kronen-Zeitung“ schließlich an den Gewerkschaftsbund, damals Olah, diesmal dessen vorsichtiger und anständiger agierende Nachfolger.

In der entscheidenden Phase des großen Friedensschlusses ließ die Gewerkschaftsspitze die Parteispitze beinahe dumm sterben. Kreisky war leicht verärgert, Slavik sehr. Letzterer beschrieb im freitägigen „Amtsrat“, der gemütlichen Zusammenkunft der Wiener Parteispitze, das Vorgehen des ÖGB mit einem ungemütlichen, der zoologischen Sphäre entnommenen Vergleich.

Zunächst schien alles gutzugehen. Wo der Hebel anzusetzen war, mußte jedermann klar sein: Schon seit längerem hatte man in Wien von finanziellen Schwierigkeiten Fritz Moldens, Eigentümers des Pressehauses, gemunkelt, auch davon, daß diese insbesondere durch einen mörderischen Druckvertrag mit der „Kronen-Zeitung“ verursacht waren. Der Druckvertrag ging von einer niedrigen Grundauflage aus, die, um den Großkunden bei der Stange zu halten, trotz rasanter Auflagensteigerung nie erhöht wurde; der Fortdruck kam der „Kronen-Zeitung“ dementsprechend billig, der Schaden für Molden ging in die Millionen.

Anfang 1970 war es so weit: Molden verkaufte das Pressehaus und zog sich auf den von ihm gegründeten Verlag zurück. Käufer war die Ingebe, Tochtergesellschaft der Gewerkschaftsbank BAWAG.

Die nichtsozialistische Presse bekundete Nervosität. Was dem „bürgerlichen Lager“ seit Jahrzehnten nicht gelungen war, die Konzentration des Druckerei- und Zeitungswesens, drohte nun durch den Kauf des Pressehauses, nach „Vorwärts“ und „Elbemühl“ die dritte Großdruckerei in „roten“ Händen. In ÖVP-Kreisen wurde das Gespenst, in SPÖ-Kreisen der Traum eines roten Presseimperiums an die Wand gemalt.

Der Traum war teuer. Er kostete insgesamt 162 Millionen Schilling: 92 Millionen erhielt Fritz Molden, außerdem mußte die Ingebe die Passiva, Investitionsschulden in Höhe von 70 Millionen, übernehmen. 4 Millionen kostete allein die Kommandobrücke, der 16. Stock des Hauses. Molden wollte sie auf Lebenszeit besetzt halten, aber die zukünftigen Herren wollten in der richtigen Höhe sitzen. Sie boten Fritz Molden vier Millionen für den Bau eines kleinen Verlagshauses in der Sandgasse, Grinzing. Kaum war die Kommandobrücke bezahlt, wechselte nochmals der Kapitän. Kurt Falk zog als neuer Herr im Pressehaus ein.

Folgende Träume wurden damit Schäume: Das Pressehaus, ehemals Fritz Molden Großdruckerei Ges.m.b.H., sollte zusammengeschlossen werden mit „Vorwärts“ und „Elbemühl“. Auf längere Frist sollte die nicht mehr modernisierbare und dementsprechend kostenfressende Druckerei des „Vorwärts“ aufgelassen und ihr Gebäudekomplex an der Wienzeile verkauft werden. Womit man einen sehr beträchtlichen Teil des Pressehauskaufpreises wieder hereingebracht hätte. Zwei Betriebe statt drei hätten überdies eine Senkung der Overhead-Kosten gebracht. Die restlichen zwei Betriebe hätte man in rationeller Arbeitsteilung geführt: Rotationszeitungsdruck im Pressehaus, Offset-Tiefdruck-Zeitschriftendruck bei Elbemühl. In zwei bis drei Jahren, berechneten optimistische Experten, sollte ein gesunder Riese europäischen Formats dastehen, Umsatz rund 1 Milliarde Schilling. Zu alledem sollte der Ausbau des Verlagswesens kommen. Der gewerkschaftliche Europa-Verlag wäre vom Rennweg ins Pressehaus übersiedelt und hätte die dem DGB und dem ÖGB zu gleichen Teilen zugehörige Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt, nach Wien gezogen. Wien als Zentrum des sozialistischen Druckerei-, Zeitungs- und Verlagswesens im ganzen deutschsprachigen Raum.

Aus der Traum. Die Wirklichkeit hinkte nicht nur nach, was nach marxistischer Theorie noch zulässig wäre, sie machte einen Strich durch die Rechnung.

Der Strich begann ganz anderswo. Parallel zum geplanten Druck-Presse-Verlags-Imperium wollte die BAWAG sinnvollerweise ein Papierimperium bauen, aus den österreichischen Papierfabriken Steyrermühl und Laakirchen sowie der deutschen Papierfabrik Feldmühle. Die Fusionierungsverhandlungen schienen so gut wie abgeschlossen. Ganz zuletzt kam es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den deutschen Partnern und der BAWAG betreffend Zurechnung von Betriebsratsvertretern, die nach österreichischem Recht Sitz und Stimme im Aufsichtsrat haben. Die Deutschen stiegen aus. Im Hinblick auf die künftige Fusion hatte die BAWAG sinnvollerweise die bei Credit-Anstalt und Länderbank liegenden Steyrermühl-Aktien gekauft, Kostenpunkt: 50 Millionen Schilling. Als die Fusion scheiterte, wollte man das Geschäft rückgängig machen. Himmel und Erde, sprich Gewerkschafts- und Parteispitze samt Finanzminister wurden in Bewegung gesetzt, um CA und Länderbark zur Annullierung des Geschäftes zu veranlassen. Aber derlei ist ein schwerer Verstoß gegen den Sittenkodex des Bankwesens. Der Finanzminister zeigte sich nicht sonderlich interessiert: die beiden größten verstaatlichten Banken mußten ihm wichtiger sein als eine Privatbank, sei’s auch die größte, sei’s auch die der eigenen Partei nahestehende.

CA und Länderbank blieben hart, ja drohten, jeden Geschäftsverkehr mit der BAWAG abzubrechen und dies auch allen Kunden mitzuteilen. Der BAWAG blieb nichts übrig, als die besagten 50 Millionen ohne weitere Umstände zu zahlen und auf den Aktien der Steyrermühl trauernd sitzenzubleiben, die nun wieder weit unter dem durch den Kauf hinaufgetriebenen Preis liegen; man weiß, daß der Betrieb ohne die geplante Fusion die nötigen Investitionen kaum wird erhalten können.

Alte Freunde Olahs und folglich Falks sitzen vielleicht noch im ÖGB. Jedenfalls funktionierten alte Informationskanäle: Als der Ärger über die verlorenen Millionen am größten war, tauchte Kurt Falk genau am richtigen Vormittag in der ÖGB-Zentrale auf. Er wollte einen Kredit, um auf den Gründen einer Margarinefabrik im Prater eine eigene Druckerei zu bauen.

Aus dem Ärger über die Steyrermühl-Millionen wurde Panik. Nicht nur, daß man in der Zwischenzeit entdeckt hatte, daß das Moldensche Defizit größer war als ursprünglich angenommen; nicht nur, daß man sich dunkel zu erinnern glaubte, schon beim Elbemühl-Kauf (18 Millionen Schilling) auf ähnliche Weise um einige Millionen zuviel bezahlt zu haben: nun drohte die Hauptkundschaft des Pressehauses mit ihrem Weggang.

Leute vom Fach meinen, man hätte Kurt Falk ruhig ziehen lassen sollen. Der Druckvertrag zwischen Pressehaus und „Kronen-Zeitung“ hatte wesentlichen Anteil am finanziellen Ruin des Hauses. Die durch Falks Auszug freiwerdende Druckkapazität hätte man rationellerweise durch die Übersiedlung der Druckobjekte des „Vorwärts“ aus der Wienzeile ins Pressehaus füllen können. Und Falk hätte sich mit Bau und Betrieb einer eigenen Druckerei aus Fremdkapital gewaltige Sorgen aufgelastet; durch einen BAWAG-Kredit zwecks Anschaffung dieses Sorgenkindes hätte man ihn besser in der Hand gehabt als mit der Angstlösung, die Falk den ÖGB-Menschen aufdrängte.

Als Falk zu verstehen gab, er brauche die eigene Druckerei, weil er sich im Pressehaus unter den neuen Besitzern nicht sicher fühle, beeilte man sich, ihm diese Sicherheit zu verschaffen. Die größte Sicherheit in den Augen einer Bank ist die Teilhabe. Die BAWAG lehnte Falks Kreditwünsche nicht ab: sie borgte ihm Geld, damit er ihr die runde Hälfte ihres eigenen Pressehauses abkaufen könne. Für 49 Prozent des Pressehauses, das die BAWAG insgesamt 162 Millionen gekostet hatte (92 Millionen Kaufpreis, 70 Millionen Passiva), bezahlte Falk 20 Millionen.

Die Bank handelte völlig korrekt. Das restliche eine Prozent, auf das Falk eine Option erhielt, kostet soviel, daß bilanzmäßig kein Verlust entsteht, wenn man überdies eine von Falk anerkannte Nachtragsrechnung zu den extrem billigen bisherigen Druckrechnungen der „Kronen-Zeitung‘“ zuzählt. Während die Bank beim Kauf von Molden wie üblich die Passiva übernahm, wurden diese beim Verkauf an Falk „eingefroren“.

Wie weit außer der Angst vor Verlust des Hauptkunden auch sonstige Ängste vor Falk und manchen seiner Kenntnisse mitspielten, vermag zur Zeit kein gewissenhafter Chronist zu sagen. Spricht man Falk auf Papiere in seinem Panzerschrank an, kultiviert er ein Gelächter, das fatal an Olah seniors brutalen Charme erinnert.

So fiel der Falk über die Tauben her und der Reif über die Blütenträume vom roten Presseimperium — beides so plötzlich eines schönen Junitages, daß bereits ausgefertigte Verträge betreffend den neuen Giganten Pressehaus-Vorwärts-Elbemühl durch eine komplizierte Folge von Operationen wieder rückgängig gemacht werden mußten. Die Fusion ,„Vorwärts“-Pressehaus war aus steuertechnischen Gründen vorgezogen worden und bereits registriert, die Fusion „Vorwärts“-Pressehaus plus Elbemühl erst angemeldet. Einige Wochen waren der sozialistische „Vorwärts“ und Kurt Falk gemeinsam Besitzer des Pressehauses.

Der Partei bleibt ein Restl-Imperium: in Vorbereitung ist derzeit die Fusion von „Vorwärts“ und Elbemühl zu einer neuen Gesellschaft namens „Elbemühl“, an der die beiden je zur Hälfte beteiligt sind. Der „Vorwärts“ bringt als Kaufpreis seine Druckerei in die neue Gesellschaft ein. Dieses Restl-Imperium ist genau genommen keines der SPÖ, sondern wiederum des ÖGB; der SPÖ-Konzern ist in finanzieller Abhängigkeit von der BAWAG.

Obzwar nur Eigentümer von 49 Prozent, agiert Kurt Falk bereits als Herr des Pressehauses. Die BAWAG stellt zwar einen Geschäftsführer, doch er ist auf Buchhaltung und Finanzkontrolle beschränkt. Mit vertraglicher Präzision sind alle sonstigen Agenden, folglich alle unternehmerische Aktivität dem Geschäftsführer Kurt Falk übertragen. Er bestimmt die Personalpolitik, entscheidet über Druckverträge, führt den Verkehr mit allen Kunden des Pressehauses. In keiner dieser Fragen braucht er den Geschäftsführer der BAWAG, seine alleinige Entscheidungsbefugnis ist ihm schriftlich garantiert.

Kurt Falk hat vom ersten Augenblick seiner Amtsübernahme an — er selbst spricht von „Inthronisierung‘“ — zu verstehen gegeben, daß er von diesen Rechten rücksichtslos Gebrauch machen wird. Der neue Herr des Pressehauses ist entschlossen, das Defizit des Hauses zu beseitigen. Rationalisierung ist sein Motto. Rationalisierung nach dem Greißlerprinzip heißt Hinauswurf altgedienter Angestellter.

Als Falk am 24. August den langjährigen Leiter der Druckerei ohne Angabe von Gründen feuerte und dem Betriebsrat der technischen Angestellten nicht nur die rechtlich zustehende Auskunft verweigerte, sondern gleichfalls außer Dienst stellte, kam es zu einem zweistündigen wilden Streik des gesamten Druckereipersonals. Falk fuhr in die BAWAG — ein logischer Reflex, der ÖGB ist ja sein Geschäftspartner. Als die streikenden Arbeiter mit der Druckergewerkschaft Kontakt aufnehmen wollten, war dort zunächst niemand zu erreichen, vielleicht eine geplante Verzögerung, um dem Streik eine gewisse Möglichkeit zur Entfaltung zu lassen.

Daß es wegen der Brutalisierung von Arbeitern durch Manager prompt zu einem Streik kommt, ist ein kleines österreichisches Wunder, ein Gratulationsgrund an die Adresse der Buchdrucker, für die selbst in der Zeit des Auto- und Kühlschrankfetischismus Solidarität mehr ist als der Titel der ÖGB-Illustrierten.

Obwohl Falk die Außerdienststellung des Betriebsrates der Angestellten zurückgenommen hat, bleibt die Stimmung gespannt. Falk hat es binnen kurzem verstanden, in alle Abteilungen Leute seines Vertrauens einzuschleusen. Im Pressehaus spricht man von einem „Spitzelsystem“. Aber an den Druckmaschinen, auf denen Zeitungen hergestellt werden, die über die Ereignisse in französischen und italienischen Betrieben systematisch nicht informieren, weiß man und spricht man davon, wie man dortzulande mit Unternehmern verfährt, denen man den Herrn-im-Haus-Standpunkt abgewöhnen muß. Da die zweistündige Arbeitsniederlegung als Warnung aufzufassen ist und erfolgreich war, könnte sie nicht die letzte gewesen sein.

Unter den Dienstnehmern des Pressehauses gibt es das Gefühl, daß es ihnen binnen kurzer Zeit schon zweimal ergangen ist wie in vergangenen Kolonialtagen, als die Plantagen jeweils samt Negern den Besitzer wechselten. Der Übergang von Molden zur BAWAG stand im Zeichen der durchaus glaubwürdigen Versicherung, dies geschehe unter anderem, um die Arbeitsplätze zu sichern. In welchem Zeichen steht das Regime des neuen Herrn, der mit dem ÖGB in plötzlich aufgeflammter Geschäftsfreundschaft verbunden ist? Er ist der Auffassung, die er auch äußert, daß es ganz gut ist, wenn die Leute a bißl unsicher sind, dann arbeiten s mehr.

Die harte Tour gehört zu Falks Erfolgsgeheimnis und verknüpft sich nahtlos mit urwienerischer Imagepflege. Als sich der für den großen roten Pressekonzern vorgesehene Geschäftsführer, der im Pressehaus bereits residierte, schlankweg weigerte, mit Falk Geschäftsführung und Büro zu teilen, verzog sich der sonst so Harte gekränkt ins hinterste Eck des ohnehin ihm zufallenden Raumes: „I waß scho, warum Sie net bei mir sitzen wollen. Weil i nur a Arbeiterbua bin.“

Nicht immer hat Kurt Falk so ausgeprägtes Proletarierbewußtsein. Nicht nur, daß in der Redaktion der „Kronen-Zeitung“ jede gewerkschaftliche Tätigkeit verboten ist. Als er bei seinem ersten Betriebsrundgang einen älteren Arbeiter rauchen sah, sprach der neue Hausherr: „Mir san weder in an Altersheim noch bei der Tabakregie!“ Im übrigen versucht der Arbeiterbua in bester Unternehmertradition Betriebsräte auf seine Seite zu ziehen. Bei seinem Amtsantritt im Pressehaus soll er verkündet haben: „Der Soundso bleibt bis zum Ende seiner Funktionsperiode Betriebsrat, dann wird er Abteilungsleiter!“

III. Die siamesischen Zwillinge werden operiert

„Unser geschäftliches Einvernehmen mit Herrn Falk ist das denkbar beste. Wir sind nicht daran interessiert, diese harmonische Zusammenarbeit durch irgendwelche Informationen zu trüben“, antwortete der Generaldirektor der BAWAG sehr begreiflich und charmant auf eine diesbezügliche Frage. Dasselbe, nur umgekehrt, und übrigens gleichfalls charmant (und begreiflich), antwortete Kurt Falk. Zeitungsherausgeber Falk ist ebenfalls nicht bereit, durch Informationen zu trüben.

Wie lange die durch Informationen ungetrübte Harmonie andauern wird, läßt sich schwer voraussagen. Im ÖGB dürfte der Vertrag mit Falk die Hoffnung erweckt haben, daß nun an die Stelle des Waffenstillstandes vom November 1969 der endgültige Friedensschluß getreten sei. Schon damals hatte der ÖGB-Präsident erklärt, daß für ihn die Auseinandersetzung mit der „Kronen-Zeitung“ beendet sei. Der ÖGB zog seine Klage gegen Sandmann, Karpik und Olah zurück. Durch die Geschäftsfreundschaft mit Falk hat der ÖGB nunmehr die stille Teilhaberschaft Olahs an der „Kronen-Zeitung“ akzeptiert. Denn Karpik, Vertrauens- und Strohmann Olahs seit Gründung der Zeitung, ist noch immer Kommanditist der Firma. Dichand und Falk haben eine Option auf den Anteil Karpiks, wofür sie jährlich 14 Millionen Schilling an Olah bezahlen.

Die Hoffnung, Falk endlich stillgelegt zu haben, kann sich bald als trügerisch erweisen. Der Gewerkschaftsbank könnte es einmal so gehen, wie seinerzeit dem Bankverein mit Imre Bekessy, den Karl Kraus schilderte als „Hutten, der’s gewagt hat, Geld von der Bank zu nehmen und ihr trotzdem unangenehm zu werden“ („Die Fackel“, Nr. 540-648, Mitte Jänner 1924).

Derzeit ist Falk nur Geschäftsführer. Noch besteht die Möglichkeit, daß ihn ein mehrheitlicher Beschluß der Gesellschafterversammlung abberuft.

Für Falk drängt sich eine einfache Strategie auf:

Zunächst muß er das Defizit des Pressehauses abbauen. Mit seiner Mischung von Geschäftstüchtigkeit und innerbetrieblichem Regime könnte dies gelingen. Sodann kauft er das eine Prozent, das ihm auf die Hälfte des Pressehauses fehlt und worauf er die Option hat. Das ist teuer, würde sich aber auszahlen. Damit würde seine Abberufung als Geschäftsführer unmöglich. Falk ist dann in der Pressehaus Ges.m.b.H. gleich stark wie sein Partner ÖGB/BAWAG. Nun geht es um die restlichen 50 Prozent. Denn jener Kapitalist, und sei es auch ein Greißler, muß erst gefunden werden, der nicht, wenn er 50 Prozent einer zukunftsträchtigen Unternehmung hat, die restlichen 50 Prozent auch will.

Falk ist tüchtig. Er wird das Pressehaus in die Höhe wirtschaften. Das ist ja auch der legitime Grund, warum die BAWAG mit ihm in Geschäftsfreundschaft trat. Aber was der Gewerkschaftsbank BAWAG nur recht sein konnte, die spektakuläre Falksche Dynamik, kann leicht der Gewerkschaftsbewegung, der Arbeiterbewegung, dem Sozialismus in Österreich demnächst zum Schaden gereichen. Ein einfaches Denkspiel: Der tüchtige Falk, sobald er das Pressehaus in die Höhe gebracht hat, wechselt vom Tüchtigsein durch Nichtschreiben (die Gewerkschaftsbank ist ihm finanziell gefällig, daher kein Wort gegen ÖGB-Funktionäre im Blatt) im dialektischen Bauchaufschwung zum Tüchtigsein durch Schreiben: Auf einmal erscheinen wieder Angriffe gegen Benya, Klenner und den ÖGB im Blatt.

Wenn es soweit ist, kann Falk genußvoll Karl Kraus zitieren: „Was es jetzt gibt, den Räuberstolz, einen Ring einem Bankdirektor vom Finger und dem Leser durch die Nase gezogen zu haben, so etwas hat es früher nicht gegeben.“ („Die Fackel“, Nr. 540-648, Mitte Jänner 1924.)

Da es unterdessen 50:50 stehen wird mit den Anteilen, kann man Falk nicht mehr wegkriegen; man kann nur versuchen, die eigenen 50 Prozent der Anteile durch Vertragskündigung zurückzuziehen. Was dann in der „Kronen-Zeitung“ steht, kann man sich gut vorstellen: „Wir, die Vorhut der demokratischen Presse, üben Meinungsfreiheit; wir decken Mißstände bei den Herren vom ÖGB auf, demokratisch wie wir sind, tun wir das trotz unserer ÖGB-Geschäftsverbindung, und wie antwortet diese finster undemokratische Institution? Sie will uns finanziell fertigmachen! Hilfe, helft uns guten Demokraten!“ Und die Hilfe wird sich finden. Wer steigt nicht gern in ein blühendes Unternehmen ein, mit dem unübertrefflich tüchtigen Falk an der Spitze?

Der ÖGB wird dann geschäftlich wie politisch das Nachsehen haben. Er wird einen erbitterten Partei- und Gewerkschaftsgegner hochgepäppelt haben. Das Schlußwort hat schon vor 42 Jahren Karl Kraus geschrieben: „Bekessy und seine Spießgesellen fanden an gewissen Stellen ein Entgegenkommen, das man jetzt gar nicht mehr zu verstehen vermag.“ („Die Fackel“, Nr. 771-776, Ende Dezember 1927.)

Obiges sind längst noch nicht alle Möglichkeiten, die in der heraufdämmernden Falk-Herrschaft stecken. Auch solange Falk noch halbwegs an der blumenumwundenen ÖGB/BAWAG-Kette liegt, kann er, wo nicht die ÖGB-Kaiser, so doch die SPÖ-Kaiser im Blatt angreifen. Und das geschieht ja auch schon. Kreisky, Slavik und die SPÖ kommen in der „Kronen-Zeitung“ dran, Benya, Klenner (noch) nicht.

Folglich ist auch die barmherzige Erwägung hinfällig, man habe den Falk durch das geschäftliche Arrangement „gebremst“. Gemäß diesem Argument würde eine „Kronen-Zeitung“ ohne Angriffe gegen links nicht mehr so attraktiv „unabhängig“ für die Leut’ sein. Aber die Leut’ machen keine so genauen Unterschiede: Wenn „Rote“ angegriffen werden, wird es ihnen nicht auffallen, daß es nur SPÖ-„Rote“ sind und, nicht mehr und noch nicht, ÖGB-„Rote“. Das wird durchaus genügen für die fortdauernde Attraktivität der „Kronen-Zeitung“ und die fortdauernden Posaunentöne: Seht her, wie unabhängig die „Kronen-Zeitung“ ist, sie greift nach rechts an und nach links.

Übrig bleibt, daß kleine Parteigenossen à la Nenning, als sie die eigene Partei angriffen, einst schwersten Attacken wegen „Illoyalität“ ausgesetzt waren. Wenn heute ein Blatt, hinter dem die Geschäftsfreundschaft der „roten“ Institution ÖGB/BAWAG steht, Kreisky, Slavik und die SPÖ angreift, was ist das dann?

Übrig bleibt ferner, daß diese schizophrene Trennung von ÖGB und SPÖ möglicherweise durchzuhalten ist, solange Kreisky mit seinen brillanten Public Relations die Partei in der Euphorie des Erfolgs hält, sicher aber nicht durchzuhalten sein wird, sobald für sie etwas schwerere oder gar Krisenzeiten kommen. Wie heiter wird’s im Parteivorstand zugehen, wenn dann, in nervöser Suche nach Schuldigen, ein braver Mann aufsteht und sagt: „Wenn ein kleiner Genosse die Partei angreift, haben wir ihn seinerzeit hinausgeworfen (oder hinauswerfen wollen). Jetzt greift die ÖGB-nahe „Kronen-Zeitung“ unsere Partei und die führenden Genossen an. Uns interessiert nicht, daß die BAWAG auf diese Weise ein Geschäft zu machen hofft, uns interessiert nicht, daß durch diese Geschäftsverbindung die führenden ÖGB-Genossen aus der Schußlinie der „Kronen-Zeitung“ bleiben — uns interessiert: Sind eng mit der Partei verbundene Institutionen, in denen führende Genossen sitzen, dazu da, Leute zu unterstützen, die gegen uns schreiben?“

Solche anscheinend archaisch gewordenen Appelle zur Parteitreue würden wahrscheinlich den ÖGB-Riesen wenig beeindrucken, da er sich in mehr oder minder vornehmer Form auf den Grundsatz berufen kann: „Wer zahlt, schafft an.“ Auch Olah hätte vielleicht alles überstanden, wäre er nur, wie kluge Leute rieten, auf dem ÖGB-Präsidentenstuhl, am Finanzhahn geblieben.

Wie dem auch sei: in der skizzierten Situation sind alle Elemente versammelt, um die Kluft zwischen SPÖ und ÖGB, die sich in der politischen Arena schon seit einiger Zeit abzeichnet, nur noch zu vertiefen.

„Der Gewerkschaftsbund ist eine selbständige Organisation, an keine Parteibeschlüsse und kein Parteistatut gebunden und keiner Partei verpflichtet. Das schließt allerdings nicht aus, daß manche seiner Beschlüsse mit denen einer politischen Partei in jenen Fällen übereinstimmen, in denen der Gewerkschaftsbund und diese Partei gleiche Interessen zu vertreten haben“, schrieb Professor Klenner nach dem Olah-Prozeß in der „Arbeiter-Zeitung“. Der Beschluß der BAWAG, das Pressehaus zur Hälfte an Falk zu verkaufen, war kein Fall, in dem Gewerkschafts- und Parteiinteressen übereinstimmten.

Kein vernünftiger Beobachter wird übersehen, daß in dem Stück, das anscheinend „Der unaufhaltsame Aufstieg des Kurt Falk“ heißt, alle ihre Rolle so spielen, wie sie meinen, daß es gut ist — gut für den ÖGB, gut für die BAWAG, gut für die SPÖ; nur sind diese verschiedenen Güter anscheinend nicht mehr auf einen Nenner zu bringen. Politisch gesprochen: Partei und Gewerkschaft, von Victor Adler als „siamesische Zwillinge“ definiert, könnten vor einer Trennungsoperation stehen. Der tüchtige Operateur könnte Kurt Falk heißen.

IV. Falk unter Tauben

Die „Kronen-Zeitung“ ist heute die größte Tageszeitung Österreichs, mit einer Auflage von 500.000 wochentags und 900.000 sonntags. Sie ist damit die drittgrößte Zeitung Europas, nach dem Londoner „Daily Mirror“ und der westdeutschen „Bild-Zeitung“. Falk will noch mehr. Und zwar:

  1. Sein nächstes Ziel ist die Eroberung der Bundesländer. Oberösterreich hat er schon. Die „Kronen-Zeitung“ wurde dort binnen eines Jahres zur größten Tageszeitung. Der nächste Angriff wird sich auf die Steiermark richten. Dort, bei der „Kleinen Zeitung“ in Graz, begann Falks Chefredakteur Hans Dichand seine journalistische Karriere. Die Eroberung des Marktes der „Kleinen Zeitung“, der heute größten Bundesländerzeitung, ist für Dichand ein stark emotionell besetztes Ziel: triumphale Rückkehr in die Heimat. Die Pläne für den Angriff liegen schon in Falks Schubladen. Die „Kronen-Zeitung“ führt in solchen Fällen nicht nur Frontalangriffe, sie versucht die Front auch von hinten aufzurollen. Falks Angebote an Kurt Vorhofer, den innenpolitischen Star der „Kleinen Zeitung“, wurden erfolglos bis zu einer Million Handgeld erhöht.
  2. Unmittelbar nach seiner „Inthronisierung“ ließ Falk die „Presse“ von einer geplanten Miet- und Druckpreiserhöhung wissen. Das Defizit der „Presse“, das die Bundeswirtschaftskammer von Jahr zu Jahr mehr verdrießt, würde noch mehr wachsen. Präsident und Generalsekretär der Bundeswirtschaftskammer wurden informiert. Es kam zu einem Gespräch zwischen Sallinger und Mussil einerseits, Dichand und Falk andererseits. Im Nachhang zu diesem Gespräch schrieben Sallinger und Mussil an Falk. Sie lehnten die Forderungen Falks ab. Sollte Falk auf den Erhöhungen bestehen, denke man an einen Verkauf der „Presse“. Das ist keine Drohung, sondern ein Angebot. Das jährliche Defizit der „Presse“ beträgt 15 Millionen.

    Der Kauf der „Presse“ würde Falk bieten, was er seit langem anstrebt: das Image der Seriosität. Niemand kann ihm heute geschäftliches Genie abstreiten. Mit Olah-Methoden machte er seinen Aufstieg vom Arbeiterbuam zum Millionär. Aber an Falks Millionen haftet der Geruch des Kleinformats, des Hausmeister- und Revolverblatts. Die „Presse“ würde diesen Geruch parfümieren. Als Herausgeber der angesehensten österreichischen Tageszeitung müßte man den Arbeiterbuam ernst nehmen. Das wäre mehr Sozialprestige, als Reitpferde und Turnierreiten je einbringen können. Der Arbeiterbua würde vielleicht Kommerzialrat oder Dr. h.c.

    Und die „Presse“-Hintermänner, Anhänger des Dogmas vom dynamischen Unternehmer, wären froh, einen solchen endlich bei der Hand zu haben.

  3. Seriosität ist Kurt Falks Fernziel. Sein Nahziel ist das Boulevardmonopol der „Kronen-Zeitung“. Das heißt: Fusionierung von „Kronen-Zeitung“, „Express“, „Kurier“.

    Den „Express“ hat Falk im Pressehaus direkt an der Hand: Auch beim „Express“ sollen Druck- und Mietverträge erhöht werden, noch vor Ablauf der Verträge im Jahr 1972. Falk kann sich bei diesen Forderungen auf den Punkt 9 des geheimgehaltenen Syndikatsvertrags berufen, der zwischen BAWAG und den Eigentümern der „Kronen-Zeitung“ beim Verkauf des Pressehauses abgeschlossen wurde. In diesem Punkt 9 gibt die Bank eine Verwendungszusage ab: Sie werde auf die ihr nahestehenden Zeitungen einwirken, daß sie Druckpreiserhöhungen in einem Umfang akzeptieren, der den Eigentümern des Pressehauses eine Rendite von 7 Prozent ermöglicht. Übersetzt vom Juristen ins Alltagsdeutsch: Eine „rote“ Bank verspricht ihrem Geschäftspartner, einer „roten“ Zeitung eine Preiserhöhung aufzuhalsen. Als man im „Express“ unwirsch darauf hinwies, daß die Zeitung schon seit Mitte 1966 in den „roten Ziffern“ sei, meinte Falk mit brutaler Lässigkeit: „Na, dann verkaufen Sie halt!“

  4. Schärfste Konkurrenz der „Kronen-Zeitung“ ist immer noch der „Kurier“. Hart tobt der Krieg zwischen der früheren „größten“ und der heutigen „größten“ Tageszeitung. Beliebtes Mittel des Kampfes ist wie beim Fußball der Aufkauf von Spielern zu Hoch- und Höchstpreisen. In kurzen Abständen kaufte die „Kronen-Zeitung“ zwei beliebte Kolumnisten des „Kurier“: Max Eisler und Reinald Hübl.

    Derzeit gibt es Aussendungen von mysteriösen Vereinen an Werbefirmen, um den Ruf des „Express“ und des „Kurier“ zu ruinieren. So versandte beispielsweise eine „Liga zur Finanzierung marxistischer Zeitungen“ Briefe, in denen um Inserate für den „Express“ angesucht wurde. (Den „Express“ als marxistisch zu klassifizieren, ist auch nur in Österreich möglich) Ein ebenso mysteriöses „Österreichisches Forschungsinstitut für Wirtschaft und Presse“ stellte vor zwei Jahren die Behauptung auf, der frühere Chefredakteur des „Express“, Frischler, habe 1954 für das Blatt der sowjetischen Besatzungsmacht geschrieben. In ähnlicher Weise wurde vor kurzem ein Pressedienst „News“ verbreitet, in dem es mit plumper wienerischer Chuzpe heißt:

    „Kurier“ erscheint jetzt seit 4. Juli 1970 samstags immer im Kleinformat!

    Der „Kurier“ hat sich entschlossen, seine Hauptausgabe, den Samstag-„Kurier“, nun immer im Kleinformat erscheinen zu lassen. Dieser Kleinformat-Samstag-,Kurier“ umfaßt das Radio- und Fernseh-Wochenprogramm, Kochrezepte, Rätsel, Comic-Strips, Mode-, Garten- und Blumenseite. Damit hat der „Kurier“ seine Samstagausgabe auf Kleinformat umgestellt. Um die Inserenten jedoch nicht zu beunruhigen, erscheint der Anzeigenteil der Zeitung als Beilage im Großformat, daneben auch noch innenpolitische Meldungen und der Lokalteil. Die Samstag-„Kurier“Leser können nun mit einem Griff die Anzeigenbeilage entfernen, ohne sie auch nur aufblättern zu müssen, und sich sogleich auf den Samstag-Kleinformat-„Kurier“ konzentrieren. Der Wert von Zeitungsanzeigen, die außerhalb der eigentlichen Zeitung und der hauptsächlichen redaktionellen Leistung liegen, ist äußerst umstritten. Mit seiner Umstellung auf Kleinformat versucht der „Kurier“, den großen Auflagenabstand, den er zur „Kronen-Zeitung“ hat, zu verkleinern.

    „Kurier“ erstattet Anzeige gegen unbekannte Täter.

  5. Von Fritz Molden kaufte Falk 51 Prozent der von diesem geführten „Wochenausgabe“ und machte sie zur Wochenausgabe der Kronenzeitung. Während Molden bei 60.000 hielt, verdoppelte Falk diese Auflage binnen weniger Monate Die Mischung von Illustrierter und Wochenzeitung brachte noch nicht den Erfolg, den Falk sich errechnet hat. Das Projekt ist aber ausbaufähig — zum Beispiel zu einer großen Sonntagszeitung à la „News of the World“. Zu solchen Plänen fehlt Falk einstweilen noch der richtige Chefredakteur.
  6. Wichtiges Instrument der Falkschen Expansionspolitik ist neben dem Aufkauf und der Niederkonkurrenzierung von Zeitungen der Kauf von Journalisten. „Adabei“ wurde vom „Express“ eingekauft, Eisler und Hübl vom „Kurier“, bei der „Kleinen Zeitung“ versuchte man nicht nur Kurt Vorhofer, sondern auch „Telefritz“ Hendrich zu kapern. Von der „Arbeiter-Zeitung“ wurde Otto Fielhauer eingekauft, der nun zu „Habakuk“ avançierte. Diese rege Einkaufspolitik hat die Preise auf dem Journalistenmarkt sprunghaft in die Höhe schnellen lassen — ein Glück für die Journalisten und ein Mittel mehr, die Konkurrenz der „Kronen-Zeitung“ finanziell zu ruinieren.
  7. In Begleitung seines Angestellten Dragon, der als Dolmetscher fungierte, bereiste Falk kürzlich die USA und besichtigte eine Reihe regionaler Fernsehstationen. Es ging um Vor- und Nachteile der einzelnen Systeme und um die Organisation lokaler Sender. Der Haß der „Kronen-Zeitung“ gegen den Generalintendanten des ORF ist ebenso notorisch wie die Tatsache, daß kommerzielle TV-Stationen ein sehr gutes Geschäft zu sein pflegen. Falk schwenkt auf dieselbe Linie wie sein deutsches Vorbild Axei Caesar Springer, der bereits mit einem Fuß im TV-Geschäft steht. Der Verkehrsminister, der für die Konzession zuständig wäre, ist ein Gewerkschafter.

Die Parallelen zur Springer-Presse sind augenfällig. „Bild-Zeitung“ und „Kronen-Zeitung“ sind sich einig in vielen politischen Kernfragen, wie Ungewaschenheit der Studenten, Verteidigung der Freiheit in Vietnam und überhaupt borniertem Antikommunismus. Fairerweise muß man zugeben, daß in solchen Fragen der sozialistische „Express“ noch viel bornierter ist. Die „Kronen-Zeitung“ leistet sich den einen oder anderen drittel- bis halbprogressiven Kolumnisten (Ernst Trost, Habakuk).

Schon heute beträgt der Marktanteil der „Kronen-Zeitung“ 24 Prozent, gemessen an der Kontaktzahl (von 100 Zeitungslesern nehmen 24 die „Kronen-Zeitung“ in die Hand). Die Kontaktzahl des Springer-Konzerns ist kleiner. Und Springer steht einer ansehnlichen konservativen, liberalen, linksliberalen Presse gegenüber, die ihm nicht nur seine Marktdominanz streitig macht, sondern politisch Paroli bietet: Von der „FAZ“ über die „Süddeutsche“ bis zu „Spiegel“ und „Zeit“.

Derlei Presse fehlt in Österreich völlig. Die sogenannte „bürgerliche“ Fresse kämpft hierzulande mit Existenzschwierigkeiten, für die die Situation der „Presse“ geradezu Symbol geworden ist. Ein liberales Bürgertum, das sich gegen herrschende Kreise stellt, hat es in Österreich seit 1848 kaum gegeben. Folgerichtig rückte die „bürgerliche“ Presse, kaum, daß in der Welt ernsthafte Opposition gegen das „freiheitlich-demokratische“ System auftauchte, angstvoll immer weiter nach rechts. Mangels liberaler Leser gibt es keine liberale Tageszeitung in Österreich, folglich von dieser Seite kein Gegengewicht zur faschistoiden Kleinbürgerei à la „Kronen-Zeitung.“

Vom „bürgerlichen Lager“ hat Falk nichts zu befürchten und manches zu erwarten, zum Beispiel den Erwerb der „Presse“, Finanziell wäre dagegen der Gewerkschaftsbund durchaus in der Lage gewesen, ein rosarotes Gegengewicht gegen die „Kronen-Zeitung“ zu schaffen. Nach einer Reihe von fehlgeschlagenen Abenteuern auf dem Boulevard hat er jedoch keine Lust zu weiteren Presseabenteuern. Er hat ja nun den Mann entdeckt, der das Geschäft offenbar besser verstand. Statt gegen Falk weiterzukämpfen, zog man vor, mit ihm zu kooperieren. Man hat Angst vor weiteren geschäftlichen Fehlschlägen; man kennt die unglückliche Hand, die man hat. Man hat Angst vor einem Mann, der möglicherweise alles Mögliche auf einen weiß. Das heißt: Die einzigen, die hierzulande genügend Geld haben, haben auch genügend Angst.

Falk hat freie Bahn. Die beiden Mächtigsten im Lande schätzen ihn: Industrie und Gewerkschaft. Auch das hat schon Karl Kraus gewußt: „Die Verderbnis der alten wie der neuen Wiener Presse beruht in der Verbindung mit den alten und neuen Finanzmächten.“ („Die Fackel“, Nr. 540, 648, Mitte Januar 1924.)

Über Nacht hat Österreich seinen Springer bekommen. Einen Springer, vorläufig am Zügel des ÖGB. In einem politischen Klima, dessen Spezialität die Verschleimung aller Gegensätze ist, nimmt es nicht wunder, daß diese Entwicklung totgeschwiegen wird. Die „von Natur aus feige bürgerliche Presse“ (Karl Kraus) schweigt ebenso wie die in ihren besseren Tagen nicht ganz so feige sozialdemokratische.

Verschleimung kennzeichnet nicht nur das „Establishment“, sondern auch die österreichische APO, falls es sie je gegeben hat. Sie hat mit fiebrigen Wangen vom Kampf gegen Springer gelesen. Den Springer im eigenen Land verschläft sie.

Alles, was es hierzulande an jahrelangen subakuten Krankheiten der Presse gab, wird durch die „Inthronisierung“ Falks nun aktuell. In solchen Situationen ruft der gelernte Österreicher nach dem Gesetzgeber. Die Reform der Pressegesetzgebung, an die ein Mann wie Broda soviel Intelligenz und taktisches Geschick wandte, wurde glücklich zu Tode geschwätzt. Aber zumindest eine „Lex Falk“ wäre nun fällig:

  1. Vorkehrungen gegen demokratiegefährdende Konzentrationstendenzen im Pressewesen. Der Staat muß durch steuerliche und andere Förderungsmaßnahmen dafür Sorge tragen, daß die Vielfalt der publizistischen Meinungskundgabe — Voraussetzung für funktionierende Demokratie — erhalten bleibt. Konnte man bis vor kurzem die Forderung nach einem Antikonzentrationsgesetz mit dem Hinweis ablehnen, Österreich leide nicht an einem Zuwenig, sondern an einem Zuviel an Zeitungen, so werden solche Argumente mit Falks Höhenflug bald hinfällig sein. Ein Falk-Konzern wäre für Österreich gefährlicher als der Springer-Konzern für die Bundesrepublik. Denn neben dem Falk gibt es nur Tauben.
  2. Maßnahmen zur Aufdeckung der Eigentumsverhältnisse im Pressewesen. Anonymität von Zeitungsbesitz ist nicht nur mit Pressefreiheit unvereinbar, sie leistet, wie der Fall Olah überdeutlich zeigte, dunklen bis kriminellen Geschäften Vorschub. Ein Antianonymitätsgesetz müßte nicht nur die Pflicht zur Offenlegung der Besitzverhältnisse umfassen, sondern auch die Pflicht zur Offenlegung aller Verträge, die bei einem Besitzwechsel jeglicher Art — Verkauf, Fusion usw. — abgeschlossen werden. In dem als „Kleines Pressepaket“ unterspielten Forderungskatalog der österreichischen Journalistengewerkschaft heißt es bereits im Juni 1970:

    Der § 16 (1) des gegenwärtigen Pressegesetzes soll die folgende Beifügung erhalten: Herausgeber und Eigentümer (Unternehmer) müssen natürliche Personen sein. Das Impressum muß ferner alle erforderlichen Angaben enthalten, aus denen die Eigentums-, Kredit- und sonstigen Finanzierungsverhältnisse sowie alle sonstigen Verhältnisse, aus denen sich die Verfügungsgewalt über das Druckwerk ergibt, für den Leser vollständig ersichtlich sind. Desgleichen muß angegeben werden, an welchen sonstigen Zeitungs- oder anderen wirtschaftlichen Unternehmungen Herausgeber und Eigentümer (Unternehmer) Eigentum oder Beteiligung haben. Wer falsche, unvollständige oder irreführende Angaben macht, wer Veränderungen nicht unverzüglich publiziert, wird mit ... bestraft. Dieser Wortlaut lehnt sich an den Modellentwurf für ein Landespressegesetz in der Bundesrepublik an.

    Die Regierung Kreisky täte gut daran, die Voraussetzungen für eine Reform der österreichischen Presse zu schaffen, ehe Falk die österreichische Presse in seinem Sinn reformiert.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1970
, Seite 849
Autor/inn/en:

Trautl Brandstaller:

Politologin, ehemals Institut fiir Höhere Studien, Wien, und Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Linz, studierte unter anderem an der Sorbonne, war Redakteurin der „Kathpress“ und „Furche“, erhielt den Karl-Renner-Preis für Publizistik 1968, war dann beim Verlag Styria, Graz-Wien-Köln, tätig und FORVM-Mitherausgeberin. Sie kommt von der Katholischen Hochschulgemeinde Wien und war Vizepräsidentin der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Journalisten. 1972 Redakteurin des ORF-Politmagazins „Querschnitte“, dann bis 1974 innenpolitische Redakteurin des „profil“. Ab 1975 eine Fülle von Dokumentationen, Interviews, Gesprächen und Moderationen im ORF-Fernsehen, wo sie 1986–1992 die Hauptabteilung „Gesellschaft, Jugend und Familie“ leitete. 1998–2008 Kolumnistin der „Furche“; schrieb 1996–2020 regelmäßig Artikel und Rezensionen für die „Europäische Rundschau“ und weiterhin für „International“ und „Tagebuch“, auch Mitglied dessen Redaktionsbeirates.

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