Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 287
Heidi Pataki

Der Magen von Neapel

Bericht aus dem Mezzogiorno

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Zwei Ansichten aus Neapel. Ein Ladenschild: samtblauer Himmel mit Sichelmond und Sternen, im Hintergrund der braune Umriß des Vesuv, davor eine kalkweiße Hand mit drohend gespreizten Fingern ... es ist das Büro eines behördlich konzessionierten Handlesers, des „Chiromante a’ Vesuvio“ am Corso Garibaldi. Ein Pop-Poster dicht daneben: das überlebensgroße Porträt des John F. Kennedy, der als Santa Claus der NATO von der Plakatwand feixt und für ein Institut Reklame macht, das seinen Namen trägt. Kapitalismus & Chiromantie! Gemeinsam mit Losverkäufern und Devotionalienhändlern profitieren sie am Elend von Neapel.

Kriminalität & Cholera? Die Räubergeschichten, die zur Reisezeit über Italien und besonders Neapel kolportiert werden, um Touristen abzuschrecken, ein Land mit Eurokommunismus auszuhungern, unterschlagen stets die Wurzeln dieser Kriminalität. Als obs nicht zweierlei Herzklopfen gäbe — zuerst vor Schreck beim Überfall und dann angesichts der Lebensbedingungen eines geradezu klassischen Lumpenproletariats.

Die Rauchwölkchen an der Kraterspitze haben sich verflüchtigt, heute hängt eine Dunstglocke über ganz Neapel, brüten Miasmen über der Altstadt. „Il Ventre“, der Magen, ist ein riesiger Slum, gleichzeitig der Sitz aller Horrorstorys des Italientourismus. Lockende Klischees! Wir kannten die Stadt nur von nächtlichen Taxifahrten, vom Bahnhof zum Hafen Pozzuoli. Über Kreuzungen bei Rot, den Haufen lackschwarzer Müllsäcke entlang, aus denen Katzen und Ratten in die Finsternis sprangen, vorüber an blonden Strichjungen mit ausgestopftem Busen, vorbei an hellerleuchteten Gebäuden, die wie Kulissen wirkten. Ein vertrauter Anblick. Was Wien und Neapel gemeinsam haben, ist die Architektur des Imperialismus: ausschweifende Verwaltungsgebäude, die wie Paläste, und klotzige Paläste, die wie Kasernen aussehn. Auch hier diese breitspurigen Denkmäler auf mächtigen Sockeln, die den Untertan noch mehr verkleinern, ihm stets eine Stiefelspitze, einen Pferdehuf vors Auge knallen ... Bloß die Palmen rundum verfremden den Prospekt. Kaiser & Könige haben in Neapel wie in Wien das Bild der Stadt geprägt. Die feudalistische Herrschaft, gegen die es kein Aufmucken gab, der autoritäre Druck, hier wie dort allzu lange geduldet, erzeugten die gleiche lastende Atmosphäre.

Das Lumpenproletariat von Neapel ist monarchistisch. Auf die Zuhälter, Kupplerinnen, Strichmädchen und Verkäufer von Schmuggelwaren, die im „Ventre“ leben, stützt sich primär die monarchistische Partei der Stadt (die übrigens jahrelang ihren Bürgermeister stellte). Das System funktioniert als Symbiose: Wenn die Leute mit ihren dunklen Geschäften ins Schlamassel kommen oder von der Polizei geschnappt werden, so bürgen die Monarchisten für sie und hauen sie wieder heraus. „Wie sich der Arbeiter wehrt gegen die Schleifung seiner Fabrik, so wehrte sich das Subproletariat gegen die Schleifung der Monarchie“ (M. A. Macciocchi). Bei der Volksabstimmung in Italien im Jahr 1946 stimmten beispielsweise in Neapel einschließlich der Provinz viermal so viele Leute für die Beibehaltung der Monarchie als für die Republik — 347.433 gegen 87.220. Als kurz darauf, am 15. Juni 1946 die Republik proklamiert wurde, war der Teufel los. Das Königshaus, der Adel und der ganze Hofstaat wurden von den Ärmsten der Armen als die wahren und einzigen Arbeitgeber betrachtet, als Hl. Familie, von der aller Segen ausging, galt sie doch als die Verteilerin von Almosen, Spenden, Unterstützungen und Beziehungen, der Brosamen vom Tisch der Reichen.

Die reichen Leute von Neapel trifft man heutzutage kaum mehr in der Stadt; ihre Villen stehn auf grünen Inseln, beispielsweise auf Ischia, dort ankern auch ihre Jachten, fahren ihre StraBenkreuzer.

Neapel verkommt. Das zeigt schon ein Blick auf den Hafen Mergellina, dessen zahlreiche Docks leer sind. Auf der Insel hatte man uns gewarnt: vor den Schmugglerbooten, die nachts rasend schnell ohne Licht von den großen Frachtern kommen, mit Zigaretten aus den USA, Kaffee aus Südamerika, Drogen aus Afrika. Handel & Wandel der christlichen Seefahrt! Doch jetzt liegt hier nur ein Flugzeugträger der NATO vor Anker. Mergellina ist in erster Linie ein Industriehafen. Aber die Industrie verlagert sich immer mehr auf den Norden des Landes: rund um Mailand steckt das große Kapital. Neapel und der ganze Mezzogiorno sind das Opfer dieser Konzentration. Die Sanierungsprogramme für den Süden, die regelmäßig auf den politischen Tisch kommen, wurden nie verwirklicht, aus den ewigen Fünfjahresplänen ist nie was geworden. Jetzt hat Neapel gar noch einen kommunistischen Bürgermeister — ein Grund mehr für die Industriellen, die Stadt links liegenzulassen. Den Mezzogiorno schreibt man langsam ab.

In ihren „Briefen aus dem Inneren der KPI“ hat die italienische Publizistin Maria Antonietta Macciocchi die sozialen und emotionalen Verwüstungen in Neapel geschildert. Macciocchis Briefe fallen in die Zeit um 1968, als die Kommunisten ihren ersten Sieg bei Gemeindewahlen errungen haben. Sie selbst war Kandidatin auf der Liste eines Armenviertels, und ihre eigenständigen Recherchen ergaben einen drastischen Bericht über die Wohnungsnot, die Arbeitslosigkeit, den Analphabetismus, den Kinderreichtum und die Ausbeutung der Frauen und Kinder des Lumpenproletariats: „Und wenn Neapel hundert Augen hätte so wie Argus, es würde aus allen sein Elend herausweinen.“

Der Mezzogiorno ist mit der Dritten Welt zu vergleichen; es herrschen die gleichen ökonomischen Gesetze, künstlich wird ein Reserveheer von Unwissenden und Ungelernten gezüchtet, die aufs Niveau von Almosenempfängern gedrückt werden. Die industrielle Überentwicklung im Norden verläuft parallel mit einer Unterentwicklung im Süden. Der Grund dafür liegt vor allem in der Integration der italienischen Industrie in die EWG mit ihrem Schwerpunkt im Städtedreieck Paris — Brüssel — Hamburg. Das verdammt Städte wie Neapel automatisch an die Peripherie, mit allen wirtschaftlichen Konsequenzen.

Stadtindianer in Rom (auf Linksdemonstration im Frühjahr 1977)

2

Der Schlepper, ein magerer Greis mit Schirmmütze, spricht uns am Bahnhof bei der Gepäckaufbewahrung an; mehr aus alter Gewohnheit, denn er scheint überrascht, als wir anbeißen: Sein Angebot für eine Nacht, ohne Frühstück, ist nicht gerade billig. Das Hotel „Mignon“ liegt gleich um die Ecke. Mignon! Drei Treppen hoch, ein Elendsquartier mit vergilbten Zeitungen als Zimmereinrichtung; das Abflußrohr unterm winzigen Waschbecken ist leck, auf dem Boden bildet sich rasch eine Wasserlacke. Küchenschaben und Asseln kreuzen unsern Weg. Wie Gedärme baumeln die kaputten Glühbirnen und Drähte aus den Lampen. In der Dusche auf dem Gang ist der Lichtschalter so hoch angebracht, als würden hier Riesen hausen. Sparen, sparen! Auf dem Klopapier steht: Ferrovia dello Stato, geklaut aus der Eisenbahn.

Auf den Straßen rund ums „Mignon“, unterm Denkmal des Garibaldi werden geschmuggelte Zigaretten verkauft. Biedere Hausfrauen sitzen vor einem Tischchen, einer Obststeige, manchmal nur einem Brett, drauf stehn zwei, drei Schachteln mit den Päckchen Marlborough, Camel, Kent, Muratti. Sie kosten rund um ein Drittel oder die Hälfte weniger als im Tabakladen. Die Frauen preisen ihre Ware den Vorübergehenden nicht an, rufen ihnen nichts zu; sie halten die Päckchen nur gut sichtbar in der Hand, und ihre Finger spielen mit den Zigaretten. Gleichmütig schlendern die Polizisten dran vorbei, das Auge des Gesetzes schert sich nicht ums Schmuggelgut. Sonst gibts im Straßenverkauf auch Uhren, Stricksachen, Ledertaschen, Musikkassetten und jede Menge pornographischer Bilder und Zeitschriften, die einfach auf dem Pflaster ausgebreitet liegen. Die nackten Frauen tritt man mit Füßen.

Auf einer nicht viel höheren Ebene als der Straßenverkauf befindet sich der Kleinhandel. Sozusagen Kopf an Kopf drängt sich hier noch Laden an Laden, alle sind so ungeheuer winzig und haben derart wenige und verstaubte Waren in den Auslagen, daß es einen wundert, wovon sie überhaupt existieren. Ein Umstand, der den Westdeutschen wiederum an Wien auffällt — die relativ große Zahl kleiner Geschäfte, die’s noch gibt. Unvermittelt stößt man aber auch in der Altstadt von Neapel aufs konzentrierte Kapital, das Kaufhaus UPIM, ein Riesenkasten, der einen ganzen Häuserblock umfaßt und mit allerhand Ramsch gefüllt ist.

Aufschlußreich sind Preisvergleiche. Auf der Insel Ischia zum Beispiel, wo die Leute durch den florierenden Fremdenverkehr etwas besser situiert sind, kosten die Lebensmittel genausoviel wie in den Slums von Neapel, das heißt, für Grundnahrungsmittel wie Brot, Nudeln, Mehl und Zucker, aber auch für Wein oder Obst werden überall die gleichen Preise verlangt (was sich später auch in Rom bestätigt). Es existieren also gesamtitalienische Preise. Das muß die Armen noch ärmer machen.

Volksnahrung: An einer mobilen Bretterbude, sie besteht aus einer Vespa mit angebautem Holzverschlag, werden „trippe“ verkauft — das heißt Kuttelfleck (oder Rindermagen), die man bei uns nur mehr als Hundefutter kriegt; gekocht und dünn geschnitten, lagern sie auf Eisstücken und Weinblättern, dazu gibts eine Schweinshaxe zum Abnagen, alles in einem Papierstanitzel serviert, mit Salz und Zitronensaft drüber.

Der „Magen von Neapel“ ist ein Labyrinth von Straßen, Gassen, Gäßchen und Winkeln, zwischen denen nasse Fetzen flattern. Stufenweise übereinander ist die Wäsche zum Trocknen aufgehängt, an Stricken, die über Rollen laufen. Das wird als malerisch bezeichnet, ist aber nichts als ein signifikantes Merkmal der Armut: die Leute besitzen nur eine Garnitur Wäsche zum Wechseln.

Die Häuser haben keinen Aufzug; mit einer Winde werden von den oberen Stockwerken die Kübel oder Körbe an einem Seil herabgelassen. Nachts kommt die Straßenbeleuchtung oft nur von den Nischen, die in halber Höhe in jeder Hausmauer eingelassen sind. Sie bergen die Hausaltäre mit allen möglichen Funsen, dem Ewigen Licht, vom kleinsten Minilämpchen bis zu großen Kandelabern, je nachdem. Hinterm Glas der Nischen tobt der Surrealismus: da gibt es wüste Grotten mit Zacken, Zapfen und Kristallen, ganze Geisterbahnen mit Plastikblumen, Girlanden und Gipsfiguren. Die Bigotterie hat jedenfalls was Barbarisches. Manchmal finden sich mehrere Nischen übereinander, die von den Namen des Stifters oder der Stifterin in Goldbuchstaben eingerahmt sind.

Auf Stühlen und Schemeln sitzen die alten Leute vor den Häusern, die Frauen aufgedunsen, mit großen Bäuchen als Folge der schlechten Ernährung, die Gesichter blaß und fahl wie von Gefangenen, so als kämen sie nie auch nur ans Tageslicht. Sonniger Süden? Im Mezzogiorno muß braune Haut ebenso teuer erkauft werden wie bei uns.

Eine Sehenswürdigkeit der Altstadt sind die finsteren Verliese, im Erdgeschoß oder im Souterrain gelegen — die sogenannten „bassi“. Das sind Löcher wie für Höhlenbewohner, mit Lehmböden, ohne Fenster, ohne Luft, ohne Tageslicht. In Neapel leben an die zweihunderttausend Menschen in ungefähr fünfzigtausend solcher „bassi“.

Wohnung und Arbeit, daran krankt alles. Sie sind das Hauptproblem und die Ursache der Misere. Die Stadt weist die höchste Arbeitsiosenrate von ganz Italien auf. Dabei sind nur knapp über 30 Prozent der Bevölkerung überhaupt berufstätig — die niedrigste Beschäftigtenzahl sogar innerhalb des Südens und in Italien.

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Wir trotten die finsteren Gassen der Altstadt entlang. Die Frauen, die an den Ecken auf Kundschaft warten, sehen aus wie abgerackerte Familienmütter, in vertretenen Schuhen und in häßlichen Kleidern, ohne jede Spur von Schminke. Auf einem kleinen Platz unter Bäumen, vorm Kaufhaus UPIM, stehn wir ein Weilchen unschlüssig herum. Auf einmal — zack! Aus dem Dunkel springt mit einem wahren Panthersatz ein Junge, stürzt sich auf das Herrentäschchen, das G. am Handgelenk baumeln hat, reißt es am Griff mit einem Ruck ab und rennt davon, in die schmale Gasse vor uns. Laut schreiend läuft G. dem Jungen hinterdrein, der schlägt flink einen Haken und verschwindet in einem der zahllosen Quergäßchen.

Mir hämmert das Herz vor Schreck. Der Lärm hat das Küchenpersonal einiger Restaurants hervorgelockt; ihre gleichgültigen Mienen verraten, daß sie an diese Art Schauspiel gewohnt sind. Soll ich die Polizei rufen? Hat das einen Sinn? Gibts hier überhaupt eine in der Nähe? frage ich sie. Sie fragen zurück, was in dem Täschchen drin war: Geld? Papiere? Nein, bloß zwei Pfeifen und Tabak ... leicht zu verschmerzen! Die Köche scheinen selber ein wenig enttäuscht. Ein Strichmädchen, das die ganze Szene mitgekriegt hat, und den gepflegten jungen Mann an ihrer Seite versuche ich auszuhorchen. Aber bald sind wir es, die ausgeforscht und vor allem taxiert werden: sie halten uns für ein reiches Ami-Pärchen, das in Rom lebt. Diese bohrenden Fragen nach dem Inhalt des Täschchens! Ich werde den Verdacht nicht los, daß der junge Mann irgendwas mit der Sache zu tun hat. Er will ans Pech des Diebes einfach nicht glauben.

Mit weichen Knien und Groll im Herzen flüchten wir auf die belebte und besser beleuchtete Piazza Garibaldi. Während wir noch beschließen, Neapel nach Mitternacht zu streichen und gleich ins Hotel zurückzugehn, kriege ich plötzlich einen starken Stoß. Jemand haut mir mit aller Kraft auf den rechten Arm: ein Moped mit zwei Jungen rast millimeterscharf an mir vorbei. Das galt meiner Handtasche. Die hatte ich aber fest an mich gepreßt, mit Fahrkarten, Pässen, Geld ... Ich taumle, der Arm tut weh. Alle Klischees sollten sich also erfüllen?

Der Padrone des Hotel „Mignon“ lauerte schon auf uns; unser Schlüssel ist der einzige, der am Brett hängt. Er ist ein schmächtiges, sicher magenkrankes Männchen, und er unterhält sich mit einem Polizisten, der bis an die Zähne bewaffnet ist. Ah, der kommt mir grade recht! Ungerührt hört er sich den Bericht des Überfalls an. Der Padrone aber rast. Seine Kinder müssen pünktlich am Abend zu Hause sein. Nach neun Uhr herrscht Lebensgefahr! Besonders in der Gegend um den Bahnhof. Die Polizei ist machtlos, in der Nacht überläßt sie die Stadt ihrem Schicksal. Am Tag mischt sie sich als Rocker unter das Gesindel, aber was nützt das schon? Wenn sie einen erwischen, so steckt er ein paar Tage im Arrest, wenns hoch geht, zwei Wochen, dann lassen sie ihn wieder frei. Alles geht von vorne los! Erschossen gehört das Gesindel! Ihm gehts um seine Existenz — keine Touristen kommen mehr, niemand bleibt mehr über Nacht, das Gastgewerbe geht zugrunde, er ist fertig, am Ende, total erledigt! „Alle erschießen! Ruckzuck!“

Der Polizist wirft ein: „So wie damals unter Mussolini ... kurzen Prozeß!“

Der Padrone fällt ihm ins Wort, erzählt: „Die Räuber hat man zusammengetrieben und mitten auf dem Platz erschossen, so ...“ Er öffnet die Lippen wie ein Karpfen, markiert mit dem Finger eine Pistole, die in den Mund fährt, wirft mit einem Ruck den Kopf nach hinten, in den Nacken. „Den Dieben hat man die Hand abgehackt ...“ Er macht die entsprechende Bewegung.

Auf mein schüchternes Argument, schuld daran sei doch die Armut, die von der Arbeitslosigkeit herrühre, meint er empört: „Die drücken sich nur vor der Arbeit, die sind zu faul dazu, die machen sichs leicht. Sie wollen nichts arbeiten und viel Geld. Immer mehr Geld!“ Man könne aber doch nicht die halbe Bevölkerung ausrotten ...? Der Padrone erzählt unbeirrt von Greueltaten: Überfallene, Erschossene, Erstochene Tag für Tag. Wer die Brieftasche nicht freiwillig hergibt, den triffts, und auch wer sie hergibt, ist seines Lebens nicht sicher.

Draußen fahren Autos mit heulenden Sirenen vorbei. Ich frage: Was ist mit den Banken? Warum nur das Taschenzeugs?

„Die Banken sind leer in Neapel.“

Der Polizist empfiehlt sich; der Herbergsvater verrammelt hinter ihm das Glasportal mit einem dicken Eisenbalken. Das klingt nach Bürgerkrieg. Wird sich im Süden was zusammenbrauen?

Die politischen Aktivitäten haben sich, zusammen mit der Industrie, in den Norden Italiens verlagert oder zumindest nach Rom. Bombenanschläge, Entführungen, Schießereien ... derartige spektakuläre Aktionen finden in Neapel nicht statt. Hier scheint sich der politische Kampf, wenn überhaupt, zwischen der extremen Linken und der extremen Rechten zu bewegen. An den Häusermauern machen sich am meisten die Schmierereien der MSI (Neofaschisten) bermerkbar, und als ihre Gegenspieler die „Brigade rosse“, eine Art italienischer RAF. Ein häufiges Motiv auf beiden Seiten ist der Galgen, an dem ein Strichmännchen hängt. Plakatwände als Schmierflächen gibt es übrigens kaum — auch das hat mit der Armut der Leute zu tun.

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Hoch droben auf dem Kastell Sant’Elmo wird gebaut. Unter einem Torbogen arbeiten die Steinklopfer in einer Wolke von Staub. Mit dem Hammer schlagen sie auf große Felsbrocken ein, die vor ihnen liegen. Sie tragen keinen Augenschutz, nur einer hat sein Taschentuch um die Stirn gewickelt.

Im nahegelegenen Terrassenrestaurant werkeln zwei Maurer hinter einem Verschlag an einer kleinen Baustelle. Der eine Arbeiter spricht uns an, kommt zum Tisch. Er hat zuerst in Düsseldorf, dann in München bei einer Baufirma gearbeitet, StraBenbau. 1973 war damit Schluß. Bei der Rückreise nach Italien haben ihn die österreichischen Grenzer aus dem Zug geholt, angeblich stimmte was nicht mit seinem Paß. Der Zug war futsch, er mußte an der Grenze übernachten. Es war Winter und bitterkalt. Am nächsten Morgen stellte sich der Irrtum heraus, sie entschuldigten sich sogar bei ihm. Er klagt über Neapel, das großartig zu unseren Füßen liegt. Keine Arbeit! Als wir darauf eingehn, nimmt er die Stadt in Schutz, verteidigt sie: „O mia bella Napoli!“ Doch wenn es Arbeit gibt, so ist sie hart und schwer. Das war auch in Deutschland nicht anders. Er möchte wieder hinfahren, auch nach Österreich kommen; wir sollen ihm die Adresse geben und ihm schreiben, wenn wir Arbeit für ihn wüßten. Er deklariert sich als Katholik und zeigt auf das Kreuz, das er um den Hals trägt: Arbeiter zwar, doch kein Kommunist! Immer wiederholt er: „Harte Arbeit ... keine Arbeit ... egal! ... egal!“ Jeder Satz mündet in dieses fatale Wort. Anders ausgedrückt: Wie schön ist dieses Land! wie weich die Luft! wie mild das Klima, im Gegensatz zu Deutschland. Aber was nützt einem das, wenn man arm ist?

Seine Verzweiflung dreht einem den Magen um. Meine Bistecca hat zweitausend Lire gekostet, dafür schuftet er einen halben Nachmittag lang in der prallen Sonne. Er wohnt im Haus nebenan, von dem nur eine lange Mauer und darin ein kleines vergittertes Fenster zu sehen sind. Das ist sein Fenster, dort wohnt er. Dafür hat er aber immer die schöne Aussicht vor Augen, Tag und Nacht ... Er lächelt bitter über die albernen Roheiten des Tourismus.

Seinen Kollegen, ein rotblondes, drahtiges Kerlchen, treffen wir in der Funicolare wieder. Auf zwei parallelen Gleisen rutschen diese Drahtseilbahnen in kurzen Abständen den steilen Monte Santo rauf und runter. Der Maurer bietet uns Zigaretten an, trotz Rauchverbots in den Abteilen aus blankgewetztem Holz. Ist das nicht etwas riskant, bei den hohen Geldstrafen neuerdings fürs Rauchen ? Er zuckt die Achseln, macht die Geste des Wegschnippens ... schaut ja keiner zu! Täglich verfährt er fast drei Stunden zur Arbeit; heimwärts mit der Funicolare bis zur Station der Metropolitana, dann mit der Metro weiter nach Pozzuoli, dem Fischerhafen 20 Kilometer vor der Stadt. Stockend berichtet er von seiner Arbeit: Auch er war in Deutschland beim Straßenbau und hat gut verdient, all sein Geld schickte er nach Hause. Jetzt ist er Gelegenheitsarbeiter und nimmt jeden Job, den er kriegen kann. Früher wohnte er in der Altstadt, dann bekam er eine Sozialwohnung, drei Zimmer, im Neubauviertel von Pozzuoli.

Das ist eine der zahlreichen neuen Betonwüsten rund um die Stadt: auch Neapel hat seine Großfeldsiedlung, sein Märkisches Viertel. Die Bauspekulanten, die sie aus dem Boden stampften, schaffen hier die Slums der Zukunft: ohne Arbeit, ohne Infrastruktur. Die Misere wird nur verpflanzt; in den neuen Vierteln steht das alte Neapel wieder auf. Auf die Frage, wieviel dort die Monatsmiete ausmacht, wie hoch ungefähr sein Verdienst ist, drückt der Arbeiter herum, kanns oder wills nicht sagen. Seine Familie ist zahlreich, er muß eine Frau und sechs Kinder ernähren. Er klagt: „Heiraten — das ist ein schweres Opfer für jemand, der keine feste Anstellung hat. So einer wie ich muß deswegen auf alles verzichten.“

Maurizio Valenzi, der neue KP-Bürgermeister von Neapel, steht ohne Finanzen im Sumpf hinterlassener monarchistisch/neofaschistisch/mafiotischer Korruption ...
... zwischen Ansichtskartenschönheit ...
(Hafenfort)
... und pittoresker Armut

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Der Machismo und die magische Zahl Sechs! Der Kinderreichtum in Neapel hat neben dem sexistischen vor allem auch einen ökonomischen Grund. Für jedes Kind bekommt die Mutter eine kleine Beihilfe vom Staat. Wenn eine Frau beim sechsten Kind angelangt ist, wird sie von der Gemeinde als „kinderreiche Familie“ registriert und gewinnt dadurch Anspruch auf ein paar bescheidene Vergünstigungen. So erläßt man ihr zum Beispiel die Steuer für die Müllabfuhr, sie bekommt Zuwendungen aus dem Sozialfonds der Gemeinde (wenn er nicht grade pleite ist), und der Besuch von Kindergärten (zwar nur illusorisch) und der Grundschule samt Schulbüchern ist kostenlos.

Der sechsfache Vater soll schließlich bevorzugt behandelt werden, wenn er einen Arbeitsplatz in Aussicht hat; er besitzt auch mehr Anrecht als andere auf die Zuweisung einer Wohnung. Nur sind eben Familien mit weniger als sechs Kindern eine Seltenheit! Aus diesen minimalen Beträgen setzt sich für die Enterbten Neapels eine Art Monatseinkommen zusammen. Es bedeutet bares Geld, den einzigen Schutz vorm Verhungern zumindest dann, wenn die Familie intakt und der Vater am Leben ist.

Bei mehr als sechs Kindern liegen die Dinge komplizierter. Entweder spielt der Machismo des Ehemanns eine Rolle — Kinder sind der lebende Beweis für seine Potenz: je mehr Kinder, desto größer die Potenz —, oder es hängt mit bestimmten rechnerischen Überlegungen der Ehefrau zusammen. Wenn es ihr nämlich gelingt, für ihren ersten Sohn schon im Alter von zehn Jahren eine Arbeit zu finden, ihn irgendwo zu verdingen, illegal natürlich, so bekommt sie seinen Tage- oder Wochenlohn noch zusätzlich zur Kinderbeihilfe, die bis zum 18. Lebensjahr ausgezahlt wird, wenn das Kind bei den Eltern lebt. Der Sohn hilft mit, die kleineren Geschwister zu erhalten. Wenn der Mann keine Arbeit hat, dann bleibt der Familie wenigstens das bißchen, was die Frau durch ihre Art von Arbeit, das Kinderkriegen, verdient.

Metrostation: Der Eingang sieht wüst aus, abgeschlagene Ecken, Dreck und Gestank nach Pisse. Die Rolltreppen in die Tiefe sind nicht in Betrieb, dafür aber aus schönem dunklem Holz, mit elegant geschwungenem Geländer und blanken Messingknäufen. Die Stadt hat wirklich bessere Zeiten gesehn! Man merkts an der Metro, wenn sie jetzt auch wirkt wie eine Räuberhöhle. Zwar sind die Waggons modern, neonbeleuchtet und blitzschnell, doch auffallend leer: außer uns fahren nur zwei, drei Leute im ganzen Zug, nachmittags um fünf an einem Werkeltag. Vielleicht liegts daran, daß die Metro kühl und keine Kontaktmaschine ist wie der Autobus mit seinem heißen Gequetsche? Die anonymen Freuden der Erotik ... Da reiben sich Männerbäuche an Frauenhintern, werden Arschbacken betastet und gestreichelt, Hände berühren einander, Arme werden abgewinkelt, um mit dem Ellbogen die Brustwarzen zu spüren; jeder Ruck durchs Bremsen arbeitet den Berührern in die Hände, bis die Sache greifbare Formen annimmt ...

Im Nationalmuseum liegt Staub auf den Vitrinen und in ihrem Innern oft ein ungelenk beschrifteter Zettel: das Museumsstück ist verliehen oder wo unterwegs. Ein Aufpasser in Uniform mißt uns mit geübtem Blick, nimmt uns beiseite, rasselt mit seinem Schlüsselbund und sperrt ein Kabinett auf: da drin stehn die Prachtstatuen! Griechische, römische, den Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Wir bewundern die Kunstwerke pflichtgemäß; aber warum muß dafür extra aufgesperrt werden, wieso können die nicht alle sehn? „Sicherheitsgründe ...“ Er sperrt wieder zu, jede Bewegung maßlos übertreibend, um augenfällig zu machen, wie sehr er sich abplagt, und spielt gleich weiter unsern Führer. In einem Kuddelmuddel aus Englisch und Französisch erklärt er, was man ohnehin sieht, und so sehen wir gar nichts mehr. Wir fliehn in den Innenhof des Museums, das schon als Universität und als Justizgebäude gedient hat, und setzen uns auf ein Bänkchen im Schatten, das mit seinen Eisenstäben, durch Alter und Rost geborsten, die Hosen zerreißt.

Alle reden vom Kommunismus. Ein weißhaariger Herr, der Bücher auf dem Schoß hält, ist ein Bewunderer der gotischen Dome und der deutschen Philosophie. Er ist Professor am Gymnasium und schwärmt für Kant; der Hegel dagegen ist ihm zuwenig konkret, ein Dampfplauderer, Feuerwerker! Er meint: „Seit wir die Kommunisten haben, müssen wir doppelt freundlich sein zu den Fremden!“

Der Dom von Neapel sieht aus, als stünde er nur auf einem Bein; irgendwas stimmt nicht an seiner Perspektive — vielleicht wird sie verzerrt durch die jahrhundertelange Ausplünderung, Verdummung und Einschüchterung der Leute? Nachts ist der Dom mit schweren Balken und Gittern verrammelt, um das Blut von San Gennaro, des Stadtheiligen, zu schützen, das kostbarste Gut der Klerikalen und Monarchisten. Wunder der Politik! Der Legende zufolge setzte das Wunder aus, als zum ersten Mal ein Kommunist Bürgermeister wurde: das Blut in der Phiole wollte sich nicht zum festgesetzten Zeitpunkt verflüssigen ... Später klappte es dann wieder, als sich herausstellte, daß auch die Kommunisten nichts gegen das Elend von Neapel ausrichten, die verrotteten Verhältnisse nicht ändern können. Der angekündigte „Feldzug gegen die Arbeitslosigkeit“ blieb erfolglos; heute sind in Neapel 130.000 Jugendliche ohne Arbeit. Maurizio Valenzi, Bürgermeister seit 1975, resigniert: „Es ist nicht einmal Geld genug da, um eine Stecknadel zu kaufen.“

Die Bank vom Hl. Geist dagegen hat ein dreimannshohes Portal, ihr eisernes Tor wirkt wie eine Festung, und obendrauf drohen noch gewaltige Lanzenspitzen; oder ists die bourbonsche Lilie? Ein elegant gekleideter Mann mit Diplomatenkoffer läutet an der Glocke, wartet ein paar Minuten lang, dann tut sich das Tor weit auf, gibt den Blick frei auf einen Marmorgang wie im Innern der Klöster, mit meterhohem schmiedeeisernem Gitter, und fällt gleich wieder zu. Banco di Santo Spirito — das ist ein Blick ins Mysterium: der Kirche und des Geldes.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1977
No. 287, Seite 58
Autor/inn/en:

Heidi Pataki:

Heidi Pataki war von 1970 bis 1980 Redaktionsmitglied des FORVM. Sie gehörte 1973 zu den Gründungsinitator/inn/en der Grazer Autorinnen/Autorenversammlung, ab 1991 war sie deren Präsidentin.

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