FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1984 » No. 366
Bernd Lötsch

Das Ende der Kompromisse

Sollten wir nach wärmetechnischer Sanierung tausender Gebäude, nach Abwärmenutzung, nach Kartwärme-Kupplung, nach Einführung energieeffizienterer Geräte, nach Reaktivierung tausender Kleinkraftwerke, nach Nutzung von Solar- und Windenergie, nach Tarifgestaltung mit Sparanreiz, nach Übergang zu energiesparender Verkehrspolitik, nach zig weiteren Maßnahmen, die sich anbieten, mit der Energieversorgung nicht auf gleich kommen, können wir in zwanzig oder dreißig Jahren noch einmal über Hainburg oder die Umbal-Fälle reden.

Die Alpenrepublik präsentiert sich gern als „Dachgarten Europas“, als bevorzugter Erholungs- und Erlebnisraum der bundesdeutschen Brüder. Tatsächlich rettet der Fremdenverkehr (von Ökonomen manchmal als Export im eigenen Land bezeichnet) regelmäßig Österreichs angeschlagene Zahlungsbilanz — wobei gerade der Tourismus seine eigenen Grundlagen zu zerstören droht: durch Übererschließung der zernarbten Landschaft. Es ist so, als wollte man die Kuh melken und schlachten zugleich. Durch 20.000 Sportpisten etwa, mit Salzmatsch und Maschinen präparierte „Schiautobahnen“.

Man sieht das Sterben der Pflanzendecke an Infrarotbildern. Die falschen Farben sagen hier die Wahrheit.

Allein Tirol hat 7.000 Hektar Pisten und an die 1.000 „technische Aufstiegshilfen“, wie das Drahtseilgewirr der Schlepp-, Sessel- und Kabinenlifte genannt wird — und immer noch schreien Bürgermeister und Seilbahnkonstrukteure nach noch mehr Schirzirkussen und Ammon-Salz-bestreuten Gletscherpisten, die auch noch die Trinkwasserreserven gefährden.

Doch ist das Umdenken hier im Gange — für Österreichs Umweltminister Dr. Kurt Steyrer wäre ein neues Gletscherschigebiet im geplanten Tauern-Nationalpark ein Rücktrittsgrund.

Die Sanierung von Kärntens überlasteten Badeseen gilt als limnologische Großtat einer sonst ökologisch katastrophal bilanzierenden Politikergeneration — und lohnt sich prompt auch ökonomisch. Denn während italienischen Fremdenverkehrsmanagern angesichts verseuchter Meeresufer und gesperrter Badestrände die Schweißperlen auf die Stirn treten, posiert für bundesdeutsche Massenblätter der Bürgermeister von Techendorf am Weißensee mit Kärntner Trachtenhut und Wasserkrug, das kristallklare Naß seines Sees trinkend.

All dies ist liebenswürdige Täuschung; gerade die ungelösten Umwelt- und Naturschutzfragen treiben Österreichs Bevölkerung, vor dem Hintergrund ökonomischer Krisenzeichen, in die größte gesellschaftspolitische Auseinandersetzung seit Ende des Zweiten Weltkrieges.

Es gab bislang zwar keine bürgerkriegsähnlichen Zustände — wie man sie aus Nachbarländern kennt, in denen man glaubte, Umweltprobleme mit Tränengas, Schlagstock oder Wasserwerfer lösen zu können. Temperamentsunterschiede waren es gewiß nicht, denn auch in Österreich gab es vor 1978 mehrere Anti-Atom-Demonstrationen mit wachsendem Zulauf — sie sahen nur anders aus. Manchem Reporter — herbeigeeilt — blieb das Wort im Hals stecken. Biedere Waldviertler Bauern entrollten Spruchbänder gegen Atommüll-Lager im Grenzland, und farbenfrohe Trachtenkapellen vom anderen Ende Österreichs, aus dem erzkonservativen „Ländle“, bliesen dazu die Musik.

Nur Kanzler Kreisky blieb das Wort nicht in der Kehle stecken. Er lehnte ab, vor dieser von radikalen „Rotzbuben“ verhetzten Horde zu erscheinen. Einer der solcherart „abgekanzlerten“ Rotzbuben sprach auf dem Lautsprecherwagen der Demonstranten vor dem Parlament als Arzt, Ökologe, Verhaltensforscher und Gesellschaftskritiker [*] mit wehend weißer Mähne — Österreichs Nobelpreisträger Prof. DDr. Konrad Lorenz.

Der entscheidende Unterschied zur bundesdeutschen Umweltszene kam erst danach: Um das heiße Thema für sensible Wechselwähler und kritische Sozialisten aus den Nationalratswahlen herauszuhalten, rief Kreisky die Atomvolksabstimmung aus. Trotz Pochens auf sozialistische Parteidisziplin, trotz Rücktrittsdrohung, trotz monatelanger Gehirnwäsche durch die Atomlobby und pausenloser Agitation des ÖGB bis hinunter zum letzten Funktionär brachte sie den sattsam bekannten Schock der Niederlage. Der Kanzler akzeptierte das Votum und verbot die Inbetriebnahme des ersten österreichischen Atomkraftwerks Zwentendorf.

Kreisky trat aber nicht zurück — im Gegenteil: Phönixgleich aus der Asche der verlorenen Atomabstimmung schwang er sich bei der folgenden Nationalratswahl zum größten Sieg seiner politischen Laufbahn empor. Nach Ausklammerung der lästigen Sachfrage und nun auch als Pionier der direkten Demokratie war er für viele wieder wählbar.

An unersetzlichen, in Jahrtausenden herangewachsenen Landschaften, an den letzten Urwäldern Mitteleuropas ...
Donau-Au bei Hainburg

Für irgendwas müßt ihr sein!

Dies war nur der spektakulärste Fall. Auch sonst haben gerade in Umweltkonflikten Volksbefragungen als Stimmungsbarometer und Meinungsventil seit 1973 viel zur Sicherung des inneren Friedens in diesem Lande beigetragen — endeten sie doch meistens mit Überraschungssiegen der Umweltschützer, zum Beispiel im Kampf um städtisches Grün (Wien 1973) und gegen ein Stadtautobahn (Graz 1973), beide Male mit Sturz des Bürgermeisters.

Gegen eine überdimensionierte Betonpiste auf Stelzen ging es 1980 in Wien; eine überwältigende Mehrheit der abgegebenen Stimmen sprach sich gleichzeitig für eine spürbare Verbesserung des öffentlichen Verkehrs aus. Großen Erfolg hatte schließlich die Volksbefragung gegen den Plan einer Verbauung des Grüngürtels mit kommunalen Nobelwohnungen am Westrand der Bundeshauptstadt 1981; die Stimmbürger brachten zum Ausdruck, daß Stadterneuerung wichtiger sei als naturzerstörende Stadterweiterung.

werden irreparable Schäden angerichtet.
Donau-Insel

Zu diesen kleinen Siegen der direkten Demokratie inmitten Establishments kam die Übernahme grüner Ideen durch die traditionellen Parteien (Anti-Atom-Bekenntnisse von FPÖ und ÖVP, unglaublich progressive Grün-Manifeste der Wiener ÖVP). So schien in Österreich keine so dringende Notwendigkeit für grüne Parteien wie in der Bundesrepublik zu bestehen — um so mehr als es Kreisky 1980 verstand, einen überaus sympathischen, geradezu von inbrünstigem ökologischem Sendungsbewußtsein beseelt erscheinenden Arzt als Umweltminister in die sozialistische Regierung zu holen. Was er leicht riskieren konnte, da der Umweltminister im Vergleich zu den anderen Ressorts bislang so gut wie keine Handlungskompetenzen hat. Immerhin entpuppt er sich als Bomber der ökologischen Bewußtseinsbildung — ein absolutes Novum einer sozialtechnokratischen Regierung.

KW Greifenstein

Nicht so sehr die Parteilandschaft ist das Problem der österreichischen Naturschützer — sondern die großen Apparate, von der Energiewirtschaft bis zur Straßenbaulobby, von der Agrarbürokratie bis zum Gewerkschaftsbund. Parteipolitik ist dagegen fast bedeutungslos oder nur insoweit wichtig, als sie mit diesen Apparaten verfilzt ist. Die große Schlacht um die Lebensgrundlagen wird gegen diese Apparate geführt; die Elektrizitätswirtschaft zum Beispiel verkörpert zwar so etwas wie Staatsmacht, ihre Manager und Technokraten müssen aber nicht darauf achten, vom Volk gewählt zu werden. Auf ihren gesetzlichen „Versorgungsauftrag“ pochend, von Ingenieuren und Vertragsfirmen zum zügigen Weiterbau immer größerer Kraftwerkseinheiten gedrängt, können ihre Prospektionsteams den Anblick ungefaßt zu Tal stürzender Wasser einfach nicht mehr ertragen. Weiterbauen! Auf Teufel komm raus weiterbauen!

Die wachsende Gereiztheit der E-Wirtschafter ist nur zu verständlich. Da steht das abgewählte Atomkraftwerk Zwentendorf, jene jungfräuliche Ruine, die Strom verschlingt statt ihn zu liefern. Niemand weiß, wer wie lange bereit sein wird, die 200 Millionen Schilling jährlicher Einmottungskosten zu berappen — jenen Trotztribut der Betreiber, die nicht glauben können, daß der ungenutzte nukleare Oldtimer nie mehr in Betrieb gehen soll.

Spaßvögel haben schon verlauten lassen, das Bundesdenkmalamt sei nicht zur Übernahme der Kosten bereit, denn diese übersteigen sein gesamtes bisheriges Budget.

Der gigantische Betonkubus hat einen 200 Meter hohen Schlot; wozu es diesen eigentlich brauche, wollte seinerzeit die Gruppe „Mütter gegen Atomkraft“ von Kreisky wissen, wo Kernkraft doch so sauber sei — „jede Fabrik hat einen Rauchfang“, hatte der Kanzler ärgerlich gebrummt. Dieses Modell eines Kraftwerks im Maßstab 1:1 beschäftigt weiterhin die Phantasie.

Die mehr oder minder ernsten Verwendungsvorschläge reichen von „strahlungsfreier Ausbildungsstätte für überflüssige Technologien“ oder Strahlenschutzbunker für die „Elite unserer Politikerschaft“ bis hin zu „Endlager für nicht mehr benötigte Auftausalze“

Die Donau heizen?

Vollends verwirrt sind die braven Elektroingeneure, daß die lästigen grünen Männlein nun auch gegen Kohlekraftwerke Sturm laufen, besonders wenn diese ohne ausreichende Abgasfilter in enormen Blockgrößen und an Standorten gebaut werden, die eine wirtschaftliche Abwärmenutzung von vorneherein ausschließen.

Es steigen die Rohenergiepreise; schwefel- und salpetersaurer Regen aus fossilen Brennstoffen bringt jährlich tausende Hektar Wald und neuerdings auch Bergwiesen zum Sterben; über Jahrhunderte hinweg gut erhaltene Denkmäler europäischer Baukunst zerbröckeln innerhalb weniger Jahrzehnte: dennoch sollen zwei Kohlekraftwerksblöcke, Dürnrohr I und II, mit zusammen 710 Megawatt elektrischer Leistung, in die Nähe des verträumten Atommeilers hingestellt werden.

Neben einem stündlichen Ausstoß von einigen Tausend Kilogramm Schwefeloxiden gelangt auf diese Weise jährlich eine Abwärmemenge von umgerechnet 600.000 Tonnen Steinkohle sinnlos in die Donau — eine Energieverschwendung im Ausmaß von einer Milliarde Schilling pro Jahr. Bei einer angenommenen Betriebszeit von 30 Jahren bedeutet dies auf heutiger Preisbasis 30 Milliarden Schilling zum Heizen der Donau. Ein Donauheizkraftwerk.

Im oberösterreichischen Riedersbach wurde kürzlich ein 150 Megawatt-Block auf heimischer Kohlebasis eröffnet, dessen Abwärme verpufft statt, bei besserer Standortwahl, Salzburg zu beheizen.

Schon lange fordern Österreichs Umweltschützer gemeinsam mit unabhängigen Energeiefachleuten und Ökonomen, fossile Brennstoffe nur mehr in kleinen dezentralen Kraftwerken von 50 Megawatt abwärts einzusetzen. Sie können meteorologisch und raumplanerisch wohlüberlegt an Siedlungsgebiete herangebaut werden, sodaß ihre Abwärmelieferung tausende schmutzige Hausbrandschlote versiegen läßt. Da man auf diese Weise fast doppelten Nutzen aus der Energie zieht (der Gesamtwirkungsgrad steigt von 40 auf 90 Prozent), werden selbst teure Abgasreinigungsverfahren wirtschaftlich tragbar. Umso mehr, wenn die Entschwefelung vermarktbare Endprodukte, etwa Baugips, liefert. Während das unzureichende Entschwefelungsverfahren in Dürnrohr I und II zu 40.000 Tonnen Deponieschlacke im Jahr führen soll.

Perfekte Energienutzung macht auch den Einsatz hochwertiger sauberer Brennstoffe wie Erdgas ökonomisch vertretbar — etwa im Blockheizkraftwerk des Spitals im niederösterreichischen Grenzort Gmünd. Drei umgebaute Schiffsdiesel (mit 0,4 Megawatt elektrischer Leistung) decken den Strom- und Wärmebedarf des Krankenhauses und liefern zeitweise noch Elektrizität ans Netz zurück.

Diese Beispiele zeigen, daß richtiger Einsatz fossiler Energieträger als Übergangslösung nach ökologischen Prinzipien (in mittleren bis kleineren Einheiten mit Abwärmenutzung und Abfallrecycling) insgesamt zur Energieeinsparung und Verminderung der Luftverschmutzung führen könnte.

Nichts von all dem erfährt man von den wackeren E-Werks-Planern. Sie meinen trotzig: Wenn die „hysterischen Umweltschützler“ schon so konzeptlos seien, weder Atomstrom noch Kohlekraft zu wollen, dann müßten sie sich wenigstens über ein beschleunigtes Ausbauprogramm von Österreichs verbliebenem Wasserkraftpotential freuen. Weit gefehlt: Von den Gletscherbächen Osttirols (Projekt 840 Megawatt) bis zur Wachau (Projekt 360 Megawatt) rotten sich die Kraftwerksverhinderer zusammen, vom Reichraminger Hintergebirge, wo ein Zufluß der Enns mehrfach gestaut werden soll (102 Megawatt) über das Yspertal bis zum mittleren Kamp, einem der schönsten, artenreichsten und naturbelassensten Flußengtäler Mitteleuropas, schlagen Bürgerinitiativen Alarm.

„... Schon unser Haus, zünd and’re an!“

„Nicht nur Schnee und Eis künden dem Bauarbeiter schwere Zeiten, auch die Umweltschützer tragen das Ihre dazu bei“, hieß es in Annoncen der Gewerkschaft Bau und Holz. „Wir werden die Grünen stellen, Mann für Mann“, ließ der Vorsitzende der gleichen Gewerkschaft 1981 auf einer Pressekonferenz dräuend vernehmen — Töne, die Wiens Stadtrat und „Kurier“-Kolumnist Jörg Mauthe als Progromstimmung deutete.

Ein niederösterreichisches Betriebsrätekomitee „Sichere Arbeitsplätze“ brachte im September 1982 starke Sprüche unter die Leute: „Der Bau von Industrie- und Wohnzentren wird verhindert, um Frösche zu schonen. Ein Hafen wird nicht gebaut, um ein Revier für Sonntagsjäger zu erhalten. Wehrt Euch gegen die Investitionsverhinderer, die grünen Träumer, die Arbeitsplatzvernichter“.

Die Umweltschützer hätten kein Recht, als gesellschaftlicher Faktor mitzuwirken, es gehe ihnen nicht um das Gemeinwohl, sondern um private Interessen — Gruppenegoismen lokaler Wohnbevölkerung und Gartenbesitzer, Paddler, Fischer, Alpinisten und Naturschwärmer, die dem „St. Floriansprinzip huldigten“ (St. Florians-Statuen mit dem Löscheimer sollten an vielen alpenländischen Häusern gegen Feuersbrünste helfen — manchmal mit dem humorvollen Spruch: St. Florian, du guter Mann, schon unser Haus, zünd andere an).

Es verwirre Gewerkschafter offenbar, so kontern die Naturschützer, daß in unserer Demokratie immer mehr Bürger dazu übergingen, ihre eigenen Nasen in ihre eigenen Angelegenheiten zu stecken. Außerdem sei es unlogisch, daß eine Arbeiterbewegung, welche ihrerseits das Streikrecht für mehr Lohn und soziale Zugeständnisse als geheiligtes Prinzip betrachtet (oder streiken Arbeiter etwa für die Allgemeinheit?) ausgerechnet von Bürgerinitiativen totale Selbstlosigkeit verlangen. Im übrigen sei Naturerhaltung und Wohnumfeldverbesserung noch immer altruistischer als Streiks für mehr Geld und weniger Arbeit. Wir benehmen uns doch ohnehin schon, als wären wir die letzte Generation.

Die Verabsolutierung dieses Rechtes auf einen bestimmten Arbeitsplatz, meinen die österreichischen Umweltverbände, sei überdies auch wirtschaftlich gefährlich: Verabsolutieren dürfe man nur das Recht auf Existenzsicherung, nicht den Anspruch auf ökonomisch sinnlos gewordene Tätigkeiten, die mit Überkapazitäten und atemberaubend hoher Produktivität unverkäufliche Massengüter am Markt vorbeiproduzieren. Diese Ideologisierung des Arbeitsplatzes verhindere Umschulungsprozesse und Strukturverbesserung; es wäre klüger, vorübergehend Arbeitslosengeld zu zahlen, als um jeden Preis Arbeitsplätze in hoch defizitären Industrien zu zementieren und wachsende Staatsverschuldung, enormen Energieverbrauch und hohe Umweltbelastungen in Kauf zu nehmen.

Umweltkonforme, qualitätsorientierte, beschäftigungsintensive und energiesparende Langzeitökonomie, wie fortschrittliche Wirtschaftswissenschaftler sie sehen, wird wesentlich mehr und sinnvollere Arbeitsmöglichkeiten eröffnen. Je eher wir das Bremsmanöver einleiten statt uns zu ruinieren, desto mehr Zeit bleibt für einen geordneten Übergang. Ein österreichischer Gewerkschafter der alten Garde hat schon 1959 den Satz geprägt: „Der Unterschied zwischen Brutalität und Humanität liegt oft nur in dem Zeitraum, der uns für die Durchführung notwendiger Maßnahmen zur Verfügung steht“.

Die ehrenwertesten Berufe mußten im Lauf der Zeit Strukturveränderungen weichen. Mit einer Mentalität, wie sie aus manchen Gewerkschaftern spricht, müßten wir heute kaum weniger Hufschmiede als im 19. Jahrhundert haben — ob wir sie brauchen oder nicht.

Ähnlich unsinnig wäre es, bis ans Ende unserer Tage Österreichs Landschaft mit immer neuen Asphaltpisten zu versiegeln, bloß weil die Straßenbaufirmen zunehmend Probleme haben, ihre Großmaschinen zu amortisieren. Wir können die letzten Alpentäler nicht mit derselben Fortschrittseuphorie zubetonieren wie die ersten — hier herrscht das Gesetz des Minimums: Kraftwerkslandschaften hinterlassen wir unseren Kindern schon genug; intakte Natur- und Erholungsräume nur noch wenige.

Die Berge lassen sie ja stehen ...

.Es sei einfach „verrückt“ meinte Österreichs oberster Elektrokobold, Verbundchef Dr. Walter Fremuth, wenn Naturschwärmer aus „nebulosen Gründen“ den forçierten Endausbau der Wasserkraftreserven behinderten. Die wackeren Stauwerksingeneure die nun zum Endsieg über Österreichs unverrohrte Bergbäche antreten, verstehen die Welt nicht mehr. Sie sind doch selbst wettergegerbte Bergfexe, braungebrannte Alpinisten und Naturliebhaber, die „da oben“ wohl besser Bescheid wissen, als die „langhaarigen Asphaltfiguren“ unter den Demonstranten.

Was soll die ganze Aufregung die Berge hätten sie noch immer stehen gelassen, sie legten nur die Bäche trocken, im übrigen sei „beileiten“ das fachgerechte Wort.

Und seien der kühne Schwung der Staumauern und die spiegelnden Speicherseen keine Bereicherung der Landschaft? Man müsse sie ja nicht just dann fotografieren, wenn ihr „Wasserpotential gerade abgearbeitet wird“ und sie ihre kahlen Uferflanken darbieten, fast so tot und häßlich wie vom Mond.

Die enormen, unregelmäßigen Spiegelschwankungen verhindern das Zustandekommen der sonst so reizvollen Uferbiozönosen. Bei natürlichen Gewässern sind es hingegen gerade die artenreichen Saumbiotope des Wasserrandes, die den Erlebniswert und die ökologische Funktion dieser Landschaftselemente bestimmen.

Das niederösterreichische Kamptal zum Beispiel ist eines der interessantesten, artenreichsten Beziehungsgefüge mit Fluß- und Stillwasserzonen, Auwald, Uferflanken mit brütenden Eisvögeln, Steilfelsen mit Uhuhorsten, einer Lebensgemeinschaft, die von reizvollsten Fischgewässern bis zu Smaragdeidechse und Schwarzstorch reicht. All dies sollte nach einer Räumung des Talbodens von Holz und Humus ein für alle mal mit einem schwankenden Speichersee ersäuft werden — für ganze 0,12 Prozent der österreichischen Stromaufbringung. Das 50-fache dieser Kamp-Energie soll beim schon erwähnten Kohlekraftwerk Dürnrohr sinnlos in die Donau geleitet werden. Es sei doch hinlänglich bewiesen, meinte Verbundchef Fremuth im Fernsehen, daß die Landschaft nachher viel sauberer und ordentlicher aussehe. Ein Fall für Psychologen: die Pervertierung ästhetischer Maßstäbe durch leidenschaftliche Hingabe der Techniker an ihr Metier — eine Form betriebsblinder Begeisterung, die Konrad Lorenz (bekanntlich auch Mediziner) mit der freudigen Erregung eines Pathologen vergleicht, der mit leuchtenden Augen vom Obduktionstisch kommt, um seinen Studenten „wunderschöne“ Metastasen in der Leber anzukündigen.

... sie legen nur die Bäche trocken!

„Wozu neue Kraftwerke, der Strom kommt aus der Steckdose“, heißt es höhnisch in bunten Aufklebern der E-Wirtschaft. So unrecht hat sie nicht. Die rund 37.000 Gigawattstunden, die jährlich in Österreichs Privathaushalte (23,1 Prozent), Industrie (38,5 Prozent), Gewerbe (11,6 Prozent), Landwirtschaft (2,9 Prozent) und Verkehrsbetriebe (5,9 Prozent) fließen, strömen tatsächlich aus den Leitungen und würden dies auch ohne zusätzliche Großkraftwerke tun. Sie kommen aus jener Vielfalt bestehender Kraftwerke — zu fast 3/4 aus Wasserkraft, der Rest aus Kohle, Öl und Gas.

Sinnvoll ist nur der Ersatz veralteter, unrationeller Einheiten durch neue umweltschonende Systeme mit höchstem Gesamtwirkungsgrad.

Die Geister scheiden sich erst an der Frage, nach welchem Naturgesetz dieses Volk jedes Jahr um 6 Prozent mehr Strom verbrauchen müsse als im vorhergehenden — und was es längst nicht mehr tut, laut Energieplan 1976 der Regierung aber zu tun hätte. Es geht bei der Kraftwerksdiskussion nicht um Leuchtstoffröhre oder Kienspan, sondern um geistlos fortgeschriebene Zuwachsraten, um Nuancen des Luxus, um Varianten der Verschwendung.

Im übrigen stellt Strom nur 1/6 des österreichischen Gesamtenergieverbrauches dar — und dieser sinkt seit einigen Jahren. Kein Wunder: Österreich ist ein Land mit stagnierender bis sinkender Bevölkerung; verbraucht pro Kopf bereits das Doppelte des Weltdurchschnitts an Energie (und das 20-fache der meisten Entwicklungsländer).

In einer jüngst veröffentlichten internationalen Studie liegt die Lebensqualität des Österreichers im Spitzenfeld des Weltvergleiches, während die des Durchschnittsamerikaners mit seinem dreimal höheren pro-Kopf-Energieverbrauch weit abgeschlagen im unteren Feld rangiert. Dementsprechend erklärte ein nahmhafter amerikanischer Energiefachmann kürzlich auf einer Konferenz in Schloß Laxenburg bei Wien: „Coming to Austria, my energy-consumption has dropped to one third of its American value — but my life-quality has increased remarkably.“

Doch noch etwas zeige uns das amerikanische Beispiel, meint der österreichische Alternativdenker Prof. Paul Blau: mit dem im Vergleich zu uns dreifachen Energieverbrauch pro Kopf sei weder ein besseres Leben noch mehr soziale Gerechtigkeit und schon gar nicht Vollbeschäftigung gesichert. Die USA haben seit Jahren ein Vielfaches der österreichischen Arbeitslosenraten. Die USA zeigen weiters, daß die Technokraten dort genau so heftig wie bei uns nach immer mehr Energie schreien, ganz unabhängig davon, wie groß der Verbrauch ist.

Als die Arbeitslosenziffern in den Industriestaaten kletterten und kletterten, war in jedem dieser Länder zu jedem Zeitpunkt reichlich Energie für die Wirtschaft vorhanden. Es waren internationale Absatzkrisen und Marktsättigungen, die keine steigenden Produktionen gestatteten — etwa an energiefressenden Grundstoffen wie Aluminium und Stahl.

In Österreich hatten gerade jene Unternehmen, die die meiste und billigste Energie verbrauchten (und Strom zu einem Bruchteil des Marktpreises bezogen), die größten Verluste — die Vereinigten Stahlwerke etwa.

Die Panikreaktion der Regierung, diese Staatskonzerne mit der forçierten Herstellung energieverzehrender Plastikflaschen und Alu-Bierdosen sanieren zu wollen, war kabarettreif. In Amerika beginnt man solche Gebinde zu verbieten, seit viele Landschaften mit ihnen übersät sind. Verzweifelte Bürgermeister bieten hohe Prämien für Einsammler, man dressiert bereits Hunde auf Aludosen.

Der Sanierungsversuch schlug auch in Österreich fehl. Die Konsumenten spielen nicht mehr mit, der Naturschutzbund hatte ein Argument mehr gegen die offizielle Politik. Für die stolze Summe von 70 Millionen Schilling wurden ganze 30 Arbeitsplätze an vollautomatischen Plastikpreßmaschinen geschaffen. Der Umweltminister — bei aller Loyalität zur Regierung — mußte feststellen: Flaschen und Dosen für Österreichs Müllberge entsprechen nicht ganz der Vorstellung von „intelligenten Produkten“.

Arbeitslosigkeit kommt heute vorwiegend aus Absatzkrisen und Hinausrationalisieren von Menschen durch technische Energie; es ist eine Illusion, zu glauben, sie könne einfach durch mehr Energie bekämpft werden.

Zwentendorf ist heute ...

Im Juni 1982 schrieb die österreichische Gewerkschaftszeitung „Solidarität“ noch selbstbewußt: „Ökonomie und Ökologie unterscheiden sich wie Astronomie und Astrologie“. Unsere Mächtigen haben tatsächlich ihre Astrologen, aber das sind keine Ökologen. Die Hofastrologen unserer Zeit sind Konjunktur- und Meinungsforscher und Energieprognostiker. Die Fehlerquote dieser Wirtschaftsauguren hätte an alten Kaiserhöfen zur Entlassung geführt.

Allein seit der Atomabstimmung 1978 blieb der Stromverbrauchszuwachs der Österreicher um 1 1/2 Atomkraftwerksleistungen hinter den Erwartungen des Energieplans 1976 zurück. Der Gesamtenergieverbrauch sank derartig, daß er um sieben Zwentendorf-Einheiten unter der Prognose blieb.

Die einzige Prognose der Energiefachleute aus dem Jahre 1976, die wirklich eintraf, war, daß Zwentendorf das sicherste Atomkraftwerk der Welt sein werde.

... das sicherste AKW der Welt

Vor einigen Jahren warb ein plakatives Flugblatt unter Oberösterreichs Naturschützern um Unterschriften da stand in dicken Lettern „Protestieren Sie gegen den Bau neuer Kraftwerke“. Winzig klein jedoch fand sich der Hinweis: „Damit unsere Energieversorgung dennoch aufrecht erhalten werden kann, verzichte ich in Zukunft freiwillig auf die Verwendung von Elektrizität. Sperren Sie mir daher sofort und für immer den Strom in meiner Wohnung ... (Platz für Name und Adresse)“.

Mit der Lupe entdeckte man schließlich den Verband der Elektrizitätswerke Österreichs als Urheber dieses Geniestreichs.

Die Verärgerung der Bevölkerung ließ den launigen Einfall zum Eigentor werden. Im Mai 1980 waren die Werbefritzen bereits raffinierter. In einer Geheimsitzung über die Koordinierung einer Energiekampagne im E-Werksverband wurde beschlossen, neben persönlichen Gesprächen mit einzelnen Politikern nach einer Checkliste vor allen „auf eher einfache und mehr emotionelle Weise die breiteren Schichten, insbesondere Frauen von der Notwendigkeit zusätzlicher Kraftwerke zu überzeugen“.

Als weitere Schritte finden sich im Sitzungsprotokoll: „Drastische Hinweise der Bevölkerung auf die praktischen Folgen einer möglichen Stromknappheit durch Durchführung eines Stromspartages (wie seinerzeit in Zürich) mit etwa folgenden Maßnahmen: Verdoppelung der Straßenbahnintervalle, Stillegung der Aufzüge, Halbierung der Straßenbeleuchtung, keine Schaufensterbeleuchtung“.

Dies, obwohl gerade „Verkehr“, „Beleuchtung“ und erst recht „Aufzüge“ zu den weitaus geringsten Stromverbrauchern überhaupt zählen, ihr Ausfall aber umso störender und augenfälliger wäre.

Die wirklich wachstumsträchtigen Sektoren im Stromverbrauch — die verschwenderische Erzeugung von Niedertemperaturwärme aus Wasserboilern und Raumheizungen — werden nicht beschränkt, obwohl die Propagierung der Ohm’schen Widerstandsheizung (mittels elektrischer Heizschlangen) von Physikern längst als „energiewirtschaftliches Verbrechen“ entlarvt ist. Um in einem kalorischen Kraftwerk mit 40-prozentigem Wirkungsgrad Strom für die Elektroöfchen zu erzeugen, braucht man doppelt soviel Primärenergie wie beim Direkteinsatz der Brennstoffe am Ort des Verbrauchers, wo 80 Prozent Wärmeausbeute erzielbar sind.

Ebenso ist die elektrische Erzeugung lauwarmen Wassers zum Spülen und Duschen energetisch unsinnig, so ähnlich „wie die Verwendung einer Motorsäge zum Butterschneiden“ (Amery Lovins).

Schon eine Koppelung mit Solarkollektoren könnte den Stromverbrauch für Warmwasseranlagen drastisch absenken — außerdem brächte dies eine Wirtschaftsbelebung für zahlreiche Gewerbezweige. Die Edelenergie Strom sollte zur elektronischen und mechanischen Arbeitsleistung, in Zukunft aber keinesfalls mehr zur Erzeugung von Niedertemperaturwärme dienen.

Unbeirrt wird auch für andere überflüssige Energiefresser geworben. Schlagzeilen wie „Nordtirol unterentwickelt in bezug auf Klimaanlagen“ sollten eigentlich nur mehr lächerlich wirken. Gibt es Dümmeres als eine Architektur, die in unseren Breiten künstlicher Kühlung bedarf? Klimagerechtes Bauen erspart teures Air-conditioning und senkt im Winter die Heizkosten.

Bernd Lötsch

Der Staatshaushalt soll ...

Vor allen diesen Hintergründen ist der österreichische Proteststurm zu sehen, der dem Tiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer entgegenschlug, als er die Einbeziehung der berühmten Umbalfälle in das Großkraftwerksprojekt im Herzen der geplanten Tauern-Nationalparks ankündigte. Wochenlang beherrschte das Thema Gazetten, Parlamentarier und Medien bis zu jenem denkwürdigen Nationalpark-Krisengipfel im Kärntner Heiligenblut, am Fuße des Großglockners.

Fernsehhubschrauber kreisten über dem Gasthof Zur Post, wo die Landeshauptleute von Kärnten, Salzburg und Tirol mit drei Bundesministern, den Spitzen der Elektrizitätswirtschaft und der betroffenen Gemeinden auf die Vertreter der alpinen Verbände und des österreichischen Naturschutzes treffen sollten.

Die in Autobussen herbeigeilte Naturschutzjugend entrollte Spruchbänder wie „Legt Wallnöfer trocken, nicht die Umbalfälle“, charmant lächelnde Umweltschützerinnen aus Salzburg bekränzten den schockierten Handelsminister vor dem Eingang mit klappernden Ketten aus Aluminiumdosen, dem neuen Symbol dummer Energieverschwendung durch staatliche Wirtschaftskonzepte.

Nachdem Befürworter des Großkraftwerkes wie der Chef der Energie-Verwertungs-Agentur Peter Weiser höhnisch festgestellt hatte, die meisten Naturschützer wüßten gar nicht, worum es gehe und hätten die obere Isel mit dem Umbaltale nie gesehen, entrollte der oberste und kompetenteste Elektrizitätsplaner Österreichs, Verbundkonzerndirektor Fremuth, ein buntes Großfoto. Erst beim dritten höflichen Zwischenruf der anwesenden Naturschützer ließ sich Fremuth überzeugen, daß es sich bei seinem schönen Plakat keineswegs um das in Rede stehende Naturschauspiel, sondern um den ganz anders aussehenden Gschlößlbach aus einer recht weit entfernten Talschaft handle.

Auch sonst waren die Ausführungen der Anwesenden stellenweise von kaum überbietbarer Sachlichkeit, etwa als Politiker und E-Werksplaner sich auf das millionenschwere ökologische Gutachten von 12 angesehenen Professoren beriefen, welche der vorliegenden Projektvariante mehrheitlich zugestimmt hätten. Vorsorglich war keiner der Gutachter eingeladen worden, der Schwindel wäre sonst schon dort geplatzt.

Forschung als nützlicher Idiot.

Das Ende des Krisengipfels: Wallnöfer lenkte ein, vielleicht finde man noch eine Schonvariante, die notleidende E-Wirtschaft werde prüfen, ob sie statt aller 17 in den Großspeicher abzuleitenden Bäche vielleicht mit 15 oder 16 ihr Auslangen finde, ohne in eine wirtschaftliche Katastrophe zu taumeln.

... auf Kosten des Naturhaushaltes ...

Österreich ist trotz seiner vielen Reize so ziemlich der letzte Kulturstaat der Erde ohne Nationalpark. Daß Kärnten nun seinen Teil am geplanten Gesamtkonzept einseitig zum „Nationalpark“ erklärt, mag verdienstvoll sein — für Kenner aber nur ein schwacher Trost. Da lohnt sich ein Blick in jenes Land mit dem ersten Nationalpark der Weltgeschichte — nämlich dem Yellowstone Nationalpark (1872). Am interessantesten daran ist, was die Kongreßabgeordneten damals überzeugte: eine Aquarellskizze vom Unteren Wasserfall des Yellowstone River. Der Maler fügte bescheiden hinzu, das wahre Naturschauspiel gehe weit über alle künstlerischen Möglichkeiten hinaus.

Vor 110 Jahren — in einer Zeit und in einem Land mit unvorstellbarem Überfluß an Natur und Wildnis waren Abgeordnete sensibel genug, an spätere Generationen zu denken. Und wir müssen heute — nach zwei Jahrzehnten heftigster Umweltdiskussion, in einer Zeit, in der Natur beziehungsweise ihr Rest zum absoluten Minimumfaktor geworden ist — um das alpine Naturwunder der Umbalfälle, um das Herzstück des ersten österreichischen Nationalparks ringen!

Tatsächlich liegen seit zehn Jahren drei Bundesländer in den Geburtswehen für den Nationalpark und nun will man schon dem Ungeborenen zur Ader lassen.

Die tosenden Gletscherbäche sind der Lebenssaft der Osttiroler Erholungslandschaft. Es ist schwer begreiflich, mit welcher Rücksichtslosigkeit man natursensiblen Menschen in ganz Österreich Jahr für Jahr immer noch größere landschaftliche Aderlässe zumutet — obwohl sie deutlicher denn je zu sehen gelernt haben, wie dieser kostbare und unter steigenden ökologischen Opfern gewonnene elektrische Strom auf der anderen Seite verpraßt und verschwendet wird. Wäre noch jemand bereit, Blut zu spenden, so fragen die Landschaftsschützer, wenn er wüßte, daß die Hälfte der Blutkonserven ausrinnt und verschüttet wird?

... saniert werden.

Der Vergleich ist nicht weit hergeholt. Jeder Physiker, Technologe oder Energiefachmann weiß, daß wir mindestens 40 Prozent unseres heutigen Rohenergieverbrauches ohne Einbußen an Komfort und Lebensqualität einsparen könnten, durch intelligentere Ausnutzung der vorhandenen Energie.

Der Abbau dieses Verschwendungspolsters durch technische Innovation könnte wesentlich größere Investitionsimpulse für die Wirtschaft und wesentlich mehr Arbeitsplätze in Stadt und Land schaffen als das geistlose Fortschreiben dekadenter Gewohnheiten. „Wir sitzen in einer Badewanne mit vielen undichten Stöpseln“, meint der humorvolle englische Physiker und Energiefachmann Amery Lovins. „Und die Elektrizitätswirtschaft rät uns nicht zu dichteren Stöpseln, sondern will uns größere Boiler einreden.“

Vor diesen Hintergrund scheint es nicht mehr vertretbar, unter Berufung auf einen angeblich weiterwachsenden Energieverbrauch die Maximalvarianten großtechnischer Kraftwerksprojekte „durchzuziehen“, ohne zu fragen, welch unwiederbringliche Natur- und Kulturwerte dabei vernichtet würden. Dies ist der gemeinsame Nenner, auf den sich die scheinbar unkoordinierte Agitation ungezählter Bürgerinitiativen, Naturschutzgruppen und Alternativdenker in der Alpenrepublik bringen lassen. Es ist der Kampf um das Unwiederbringliche — die Vermeidung irreversibler Schäden.

Als irreparable Schäden betrachten die Mitglieder der großen Umwelt- und Naturschutzvereinigungen Österreichs die Auslöschung unersetzlicher, in Jahrtausenden herangewachsener Landschaften wie der Donauauen als letzte Urwälder Mitteleuropas; oder des mittleren Kamptales als eines der letzten naturbelassenen Engtäler des Waldviertels; der Wachau als reizvollste Kulturlandschaft am Schicksalsstrom Österreichs; oder eben der Umbalfälle im Herzen des künftigen Nationalparks Hohe Tauern.

Als ebenso irreparable Fehlentwicklung, die später durch keine Technologie und kein Geldinstitut wieder gutzumachen wäre, betrachten es dieselben Umweltverbände aber auch, kommenden Generationen eine wachsende Hypothek in Form langlebiger radioaktiver Isotope in Luft, Wasser, Boden, Nahrungsketten, Kraftwerksruinen und Mülldeponien zu hinterlassen. Folgerichtig konzentriert sich die Ablehnung der Umweltverbände auf alle Typen zusätzlicher Großkraftwerke.

Diese Haltung ist aus ihrer Sicht konsequent und kein Widerspruch, jedenfalls so lange nicht alle sanften Wege einer besseren Energiepolitik eingeschlagen wurden.

„Sollten wir dann noch, meinen Österreichs Naturschützer — nach wärmetechnischer Sanierung tausender Gebäude; Abwärmenutzung und Kraft-Wärme-Kupplung; Einführung energieeffizienterer Haushaltsgeräte; Reaktivierung tausender verrotteter Kleinwasserkraftwerke; Förderung solarer Warmwasseranlagen; Tarifgestaltung mit Sparanreiz; Übergang zu energiesparender Verkehrspolitik (die zugleich die Umwelt entlastet) wobei hier von Windenergie, Biomasse oder Gärgasgewinnung noch gar nicht die Rede ist — sollten wir nach all dem — und obwohl unsere Bevölkerungszahl leicht sinkt — wirklich nicht auf gleich kommen, können wir in 20, 30 Jahren nochmals über das Umbaltal oder die Donau bei Hainburg reden.

Dann wird man aber nur mehr den Kopf schütteln, über solch überholte Pläne, einige der schönsten Flurtäler zu zerstören — ebenso wie man es schon heute kaum mehr versteht, wie oft sich die Energiewirtschaft schon an den Krimmler Wasserfällen vergreifen wollte — das einzige Naturdenkmal Österreichs mit Europadiplom.

Aber manche Techniker — wir betonen: manche — sehen bei Anblick der stäubend zu Tal stürzenden Wasser immer nur die Formel N = Q mal h, elektrische Leistung ist Wassermenge pro Sekunde mal Fallhöhe. Bei den Umbalfällen und dem Dorfertal hat man sich außerdem ausgerechnet, wie man unsere angeschlagene Devisenbilanz durch Export von Spitzenstrom aus einem 840 Megawatt-Speicher verbessern könnte. Österreich ist ja jetzt schon ein leistungsfähiger Nettoexporteur von Spitzenstrom. Man will wieder einmal den Staatshaushalt auf Kosten des Naturhaushaltes sanieren.

Meistens sind dann aber beide hin: der Natur- und der Staatshaushalt, und außerdem bestehlen wir unsere Enkel.

Unwiderruflich, wie das Sterben ist

In Wahrheit geht es den Kraftwerksbetreibern mit der brutalen Offensive in Richtung auf elektrizitätswirtschaftliche Maximalvarianten um taktische Manöver. Sie haben vermutlich vor, sich die Umbalfälle nach zähen Verhandlungen wieder herausreißen zu lassen. Die naiven Naturschützer, zu denen ich mich auch zähle, werden nach Abwendung des drohenden Totalangriffs über den Kompromiß so froh sein, daß die restlichen Kraftwerkspläne im Herzen des künftigen Nationalparks dann ungehindert über die Bühne gehen können. Daß aber in dieser Zeit und in dieser Landschaft keiner der 17 Gebirgsbäche angetastet werden darf, werden dann selbst manche Naturschützer längst vergessen haben.

Das war ja die bisherige Kompromißformel zwischen Ökologie und Ökonomie: die Wirtschaft knallt enorme Papierprojekte auf den Tisch, macht von fiktiven Papierprojekten schließlich fiktive Abstriche — die Ökologen hingegen sehen einen Landschaftsteil sterben, nicht fiktiv auf einem Stück Papier, sondern real und unwiederruflich, wie das Sterben nun einmal ist.

Das gilt für den Alpenraum in gleicher Weise wie für den Kampf um die letzten Donauauen.

Ob wir diese Art von Kompromiß noch lange vertreten werden können?

Vor denen, die nach uns kommen, sicher nicht.

[*Naja, „Gesellschaftskritiker“: der Hereingeber empfiehlt, hier nachzulesen: Konrad Lorenz

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1984
, Seite 26
Autor/inn/en:

Bernd Lötsch:

Geboren 1941 in Wien, Biologe, Umweltaktivist, 1994 bis 2009 Generaldirektor des Naturhistorischen Museums.

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