FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1980 » No. 319/320
Julius Tomin

Darf ich Sie einladen, Herr Präsident?

Offener Brief Julius Tomins an Gustav Husak
Julius Tomin,
Philosophieprofessor aus Prag mit besonderer Betonung der Antike, unterrichtet in der freien „Jan-Patocka-Universität“
Prag, am 7. April 1980

Herr Präsident!

Am Freitag, den 14. März 1980 habe ich Ihre Kanzlei besucht, um Sie über das Vorgehen der Staatssicherheit gegen die Vorlesung von William Newton Smith zu informieren; das Thema lautete: die Fragen der Rationalität in den Wissenschaften. Ich teilte dem anwesenden Beamten mit, daß die nächste Vorlesung am 19. März stattfinden wird und bat ihn, den Beamten des Innenministeriums mitzuteilen, daß es nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt, die Staatsbürger in ihrem Bemühen um Weiterbildung gewaltsam zu hindern.

Weiters suchte ich den Fakultätsausschuß des SSM [Verband der sozialistischen Jugend] an der philosophischen Fakultät der Karlsuniversität auf und lud zwei Studenten zur nächsten Vorlesung ein, ... da ich bereits mehrere Male bei der Staatssicherheit der Behauptung begegnet bin, daß es bei unseren Treffen nicht um Philosophie, sondern um staatsfeindliche Aktivitäten geht. Die Studenten mögen sich überzeugen ...

Mit der gleichen Bitte wandte ich mich an den SSM der juridischen Fakultät, an den Ausschuß der Sozialistischen Akademie [Parteiinstitution für ideologische Weiterbildung] und an das UVKSC [Zentralkomitee der KP] ... Die Vorlesung wurde durch die Sicherheitsbeamten unterbrochen, ich wurde aus der Wohnung geschleift, die Besucher hinausgejagt, zusammen mit mir wurden 7 Teilnehmer in vorläufige Haft genommen: Ivan Dejmal, Milos Reichert, Karel Sling, Tereza Kohoutova [Tochter von Pavel Kohout], Jan Ruml, Jiri Streda ...

Sie begannen mich in der Bartolomejska ulice zu verhören, zum Schluß schleiften sie mich hinaus.

„Wir schmeißen ihn in den Keller“, schlug der eine vor.

„Wir schmeißen ihn in den Dreck“, sagte der andere.

„So eine Laus!“ meinte der dritte — und dabei ist es glücklicherweise geblieben. Sie ließen mich auf einem Kohlenhaufen liegen ...

Sie werden sich sicher erinnern, Herr Präsident, anfangs der siebziger Jahre schickte ich Ihnen meine Aristotelesstudien ... Erlauben: Sie mir, daraus zu zitieren:

Die Ökonomie der Gesellschaft zur Zeit des Aristoteles wurde durch das Verhältnis des Herrn (despotes) zum Sklaven (doulos) bestimmt. Nun entstand für Aristoteles die theoretische Aufgabe, den Sklaven in seinem Wesen (doulon physei) zu definieren, eine Aufgabe, deren Lösungsversuche das ganze „Politikon“ durchziehen.

Aristoteles definierte den Menschen, zu dessen Wesen das Sklavendasein gehört, als jemand, der an Verstandesfähigkeit insoweit partizipiert, daß er versteht — das ist passiv; die aktive Vernunft, das Denken, das den Menschen zum Gestalten, zur vollwertigen Partizipation an der menschlichen Gesellschaft befähigt und berechtigt, geht ihm ab (vgl. Politikon 1254 b) ... Sind sie aber Sklaven von Natur aus? Oder ist nicht vielmehr die Klasse derart unvollständiger Menschen, der beseelten Werkzeuge, ein Produkt der Gesellschaft, der Verkrüppelung des Menschen wider seine Natur? Ist der Mensch Sklave dank seiner Psyche, d.h. von Natur (physei) aus, oder nur zufällig, gemessen an seinen eigenen Möglichkeiten (kata symbebekos) und wesentlich daher nur im Hinblick auf eine bestimmte gesellschaftliche Formation, bloß dank gesellschaftlicher Bestimmungen (nomoi)?

Da finden wir bei Aristoteles eine wirklich geniale Erkenntnis; Wenn die Produktionswerkzeuge ihre Arbeit automatisch verrichten könnten, würden die beseelten Werkzeuge überflüssig; kein Mensch müßte mehr Sklave sein (vgl. Politikon 1253-1254) ... Gleichzeitig aber erkannte er, daß die Gesellschaft seiner Zeit für ihre Entwicklung notwendig Sklaven brauchte ... Es waren mehr als 2000 Jahre der Entwicklung menschlichen Denkens und Erkennens, der Wissenschaft und Technik, der Produktivkräfte und -verhältnisse notwendig, um die Menschheit in eine gesellschaftliche Lage zu versetzen, wo die Sklavenarbeit und Sklavennatur des Menschen weitgehend überflüssig werden.

Marx hat diese gesellschaftliche Wirklichkeit erkannt und sein ganzes Leben dem Studium der Bedingungen gewidmet, unter denen die Möglichkeit der vollwertigen Entfaltung des Menschen realisierbar ist ...

Aristoteles und Marx, Spannung von Interpretation und Änderung der Wirklichkeit — das Drama der zweitausendjährigen Entwicklung der Menschheit wird in einem einzigen Gedanken zusammengefaßt und mit einem Wort ausgesprochen: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt darauf an, sie zu verändern“ (11. Feuerbachthese).

Nun frage ich Sie, Herr Präsident, kann sich unsere Gesellschaft soweit ändern, daß in ihr einige junge Leute Platz finden, die gemeinsam die Frage studieren wollen, ob ihnen die Entfaltung ihrer Bildung zu einem guten, starken, gleichwertigen, menschlichen Leben verhilft?

Darf ich Sie, Herr Präsident, zu der nächsten Vorlesung am Mittwoch, den 9. April um 19 Uhr einladen? Es ist nicht ausgeschlossen, daß Sie durch Ihre Gegenwart bewirken könnten, daß die Sicherheitsbeamten des Innenministeriums vom bereits versprochenen Eingreifen Abstand nehmen.

Julius Tomin

Julius Tomin ist 42 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder (10 und 16 Jahre) und ein Doktorat in Philosophie an der Karlsuniversität. In den sechziger Jahren beteiligte er sich zusammen mit Milan Machovec am marxistisch-christlichen Dialog. Im August 1968 gastierte er an der Universität Hawaii, kehrte nach Prag zurück, bekam Berufsverbot und arbeitete bis 1975 in einem Elektrizitätswerk. In dieser Zeit schrieb er über Aristoteles und Descartes. Er verlor seinen Arbeitsplatz und arbeitete bis Juni 1979 als Nachtwächter im Prager Tiergarten. Publizierte über Plato und Aristophanes im Samisdat (maschinschriftliche Bücher, von Hand zu Hand weitergereicht) ...

1978 bietet ihm die Regierung Übersetzerarbeit klassischer griechischer Texte für 50.000 Kronen im Jahr an, unter der Bedingung, daß er die private Vorlesungstätigkeit in seiner Wohnung aufgibt. Er lehnt ab. Das Washington Genter for Classic Studies bietet ihm, befürwortet von den tschechoslowakischen Behörden, eine Gastdozentur für ein Jahr an, Tomin lehnt ab: „Ein Nachtwächter paßt nicht zu amerikanischen Altphilologen!“

Die Polizeischikanen gehören zu seinem Alltag: er bekommt keine Post, das Teiefon liegt still, der Führerschein ist konfisziert. Die Bewacher vor der Wohnungstür wechseln sich ständig ab. Tomin wird unzählige Male festgenommen und wieder freigelassen. Am 5. Oktober 1979 wird er in die psychiatrische Klinik in Repcice eingeliefert. Die Polizei verlangt die Diagnose „psychopathischer, paranoider Querulant“. Es findet sich aber kein Arzt, der bereit wäre, das zu unterschreiben.

Am 7. Mai 1980 trat Tomin zusammen mit 15 Freunden in einen zehntägigen Hungerstreik, nachdem an diesem Tag wieder eine Vorlesung über Aristoteles von der Polizei unterbrochen und die Teilnehmer festgenommen worden waren; der Hungerstreik stand unter der Losung: „Für ein freies Studium der Philosophie in der CSSR.“ Unter den Hungernden waren Ladislav Lis und Rudolf Battek. Weitere Bürger der CSSR und Polens haben sich angeschlossen.

J. D.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1980
, Seite 16
Autor/inn/en:

Julius Tomin:

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