Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 194/I
Ivan Illich

Aus Durst wird Coca-Cola

Hilflose Entwicklungshilfe

Es ist heute üblich zu fordern, daß die reichen Völker ihre Kriegsmaschinerie in ein Entwicklungsprogramm für die dritte Welt umwandeln mögen. Die ärmeren vier Fünftel der Menschheit vermehren sich in unkontrollierbarer Weise, während ihr Konsum ständig abnimmt. Dies ist bedrohlich und bleibt es, auch wenn die industrialisierten Nationen sich eines Tages entschließen sollten, ihre Verteidigungsbudgets für die wirtschaftliche Befriedung der armen Nationen zu verwenden. Denn die Pflüge der Reichen können ebensoviel Schaden anrichten wie ihre Schwerter.

Amerikanische Autos schaden auf die Dauer mehr als amerikanische Panzer.

Wenn einmal die dritte Welt zum Massenmarkt für Güter geworden ist, die die reichen Länder für sich selbst geschaffen haben, wird die Diskrepanz zwischen der Nachfrage nach diesen westlichen Erzeugnissen und dem Angebot an solchen Waren unbegrenzt zunehmen.

Offensichtlich kann sich in Lateinamerika nur einer von tausend Menschen einen Cadillac, eine Herzoperation oder ein Doktorat der Philosophie leisten. Der Import von Cadillacs sollte mit hohen Steuern belegt werden, eine Klinik für Organtransplantation ist in Lateinamerika eine skandalöse Spielerei, desgleichen ein Betatron an einer lateinamerikanischen Universität.

Leider ist man sich nicht darüber im klaren, daß die meisten Lateinamerikaner — nicht nur unserer Generation, sondern auch der nächsten und übernächsten — sich kein Automobil, keinen Spitalaufenthalt, keine Elementarschulbildung werden leisten können.

Wir unterdrücken diese offensichtliche Tatsache, weil wir nicht anerkennen wollen, in welcher Klemme wir mit unserem westlichen Denken über Entwicklungshilfe sind. Die Macht der Institutionen, die wir geschaffen haben, bestimmt unsere Präferenzen und auch unseren Sinn für die Möglichkeiten einer Situation.

Wir sind unfähig, uns modernen Verkehr vorzustellen, der nicht auf Automobilen und Flugzeugen beruht.

Unsere Auffassung von modernem Gesundheitswesen konzentriert sich auf die Fähigkeit der Ärzte, das Leben von hoffnungslos Kranken zu verlängern.

Wir können uns keine Erziehung denken ohne immer komplexeres Schulwesen und immer längere Lehrerausbildung.

Kostspielige Monsterinstitutionen beherrschen unser Denken. Wir haben unsere Anschauung in Institutionen verfestigt, nun sind wir deren Gefangene. Fabriken, Massenmedien, Spitäler, Regierungen und Schulen produzieren Waren und Dienstleistungen, in denen unsere Weltanschauung steckt. Wir — die Reichen — identifizieren Fortschritt mit Ausbau dieser Institutionen.

Wir identifizieren Reisen ▒▒▒▒▒ und Sicherheit, fabriziert von General Motors oder Boeing.

Wir identifizieren Wohlfahrt mit dem Bau von Spitälern und der Ausbildung von Ärzten, die uns Gesundheit und zugleich Verlängerung von Leiden liefern.

Wir identifizieren Bildung mit immer längerem Herumsitzen in Klassenzimmern, Gängelung durch Lehrer, Qualifikation für den Beruf, Wahlrecht, und das alles verpackt in christlichen, liberalen oder auch kommunistischen Tugenden.

In weniger als hundert Jahren hat die Industriegesellschaft Patentlösungen für grundlegende menschliche Bedürfnisse ausgebildet. Wir wurden zu dem Glauben bekehrt, daß die menschlichen Bedürfnisse vom Schöpfer gemeint sind als Nachfrage nach Produkten, die wir selbst erfunden haben. Das gilt für Rußland und Japan ebenso wie für die Nordatlantikstaaten.

Der Konsument ist eingestellt auf immer neue Produkte, d.h. Treue zu denselben Produzenten, die ihm die gleichen Waren in immer neuer Verpackung anbieten.

Die Industriegesellschaft kann diese Waren den meisten ihrer Bürger verschaffen. Aber ist dies schon ein Beweis, daß diese Gesellschaft gesund ist, daß sie rationell ist oder daß sie das Leben fördert?

Das Gegenteil ist wahr. Je mehr der Bürger auf den Konsum von fix und fertig gelieferten Waren und Dienstleistungen eingestellt ist, um so unfähiger wird er, seine Umgebung zu gestalten. Seine Energien und sein Geld gehen auf im Erwerb immer neuer Modelle der gleichen Produkte. Seine Umgebung wird zum Nebenprodukt seiner eigenen Konsumgewohnheiten.

Die Identifikation unserer Bedürfnisse mit dem Angebot bestimmter Güter ist der Hauptgrund dafür, daß die Befriedigung unserer grundlegenden Bedürfnisse so kostspielig ist.

Solange jeder seinen Wagen „braucht“, gibt es in unseren Städten ein immer größeres Verkehrschaos, müssen wir absurd hohe Kosten zur Behebung dieses Chaos auf uns nehmen.

Solange Gesundheit maximale Lebenslänge bedeutet, werden unsere Kranken immer kompliziertere chirurgische Eingriffe über sich ergehen lassen und immer mehr schmerzstillende Medikamente einnehmen müssen.

Solange wir Schulen dazu benützen, um die Kinder den Eltern vom Hals zu schaffen, um sie von der Straße und vom Produktionsprozeß fernzuhalten, werden unsere Kinder endlos auf den Schulbänken sitzen und immer stärkere Anreize brauchen, um diese Qual durchzustehen.

Die reichen Völker stecken die armen Völker derzeit wohlwollend in ihre eigene Zwangsjacke: Verkehrschaos, Spitäler, Klassenzimmer. Das nennt man nach internationaler Übereinkunft „Entwicklung“.

Die Reichen, Gebildeten und Alten dieser Welt geben ihre zweifelhaften Segnungen weiter, indem sie der dritten Welt ihre vorfabrizierten Lösungen aufhalsen.

In Sao Paulo entwickelt sich ein Verkehrschaos, während im Nordosten Brasiliens eine Million Menschen auf Fußmärschen über tausend Kilometer vor der Dürre flüchtet.

Lateinamerikanische Ärzte werden in Nordamerika für spezielle Chirurgie ausgebildet, die sie nur an wenigen Personen anwenden können, während in den Slums, wo 90 Prozent der Bevölkerung leben, Amöbenruhr endemisch ist.

Jeder Dollar tötet 100 Menschen

Eine kleine Minorität von Lateinamerikanern bekommt höhere wissenschaftliche Ausbildung in Nordamerika, die nicht selten von den eigenen Regierungen bezahlt wird. Wenn sie nach Lateinamerika zurückkehren, werden sie zweitrangige Lehrer irgendwelcher hochgestochener akademischer Disziplinen — in Ländern, wo die große Mehrheit ohne Grundschulbildung ist.

Die „Allianz für den Fortschritt“ war ein gutes Beispiel für die Erzeugung von Unterentwicklung. Sie war durchaus erfolgreich — als Allianz für den Fortschritt der konsumierenden höheren Klassen und für die Einschläferung der lateinamerikanischen Massen. Die Allianz war ein gewaltiger Schritt zur Modernisierung des tatsächlichen Konsums der Mittelklassen in Lateinamerika — sie wurden in die herrschende Kultur der nordamerikanischen Großstädte integriert. Gleichzeitig hat die Allianz die Wünsche der Masse der übrigen Bürger modernisiert: sie schuf Nachfrage nach nicht vorhandenen Produkten.

Jedes Auto auf Brasiliens Straßen nimmt 50 Menschen die Möglichkeit, in einem Autobus zu fahren.

Jeder Kühlschrank in einem Privathaushalt verringert die Chance, eine Kühlanlage für eine Dorfgemeinschaft zu errichten.

Jeder Dollar, der in Lateinamerika für Ärzte und Spitäler ausgegeben wird, kostet hundert Menschen das Leben — um einen Satz des brillanten chilenischen Ökonomen Jorge de Ahumada zu zitieren. Denn wenn man dasselbe Geld verwenden wollte, um gesundes Trinkwasser zu beschaffen, könnten je Dollar hundert Menschenleben gerettet werden.

Jeder Dollar für Schulen bedeutet mehr Privilegien für die wenigen auf Kosten der vielen; bestenfalls erhöht sich die Zahl derer, die die Schule früher verlassen, aber gelernt haben, daß diejenigen, die länger bleiben, damit das Recht auf mehr Macht, mehr Reichtum, mehr Prestige erwerben. Was ein solches Schulsystem erreicht, ist nur die Erkenntnis der so Geschulten, daß ihnen die besser Geschulten überlegen sind.

Alle lateinamerikanischen Länder sind ganz versessen darauf, ihr Schulsystem auszubauen. Kein Land verwendet weniger als 18 Prozent des Steueraufkommens für Erziehung, viele Länder verwenden fast doppelt soviel. Aber selbst mit diesen gewaltigen Investitionen gelingt es bis jetzt keinem Land, mehr als einem Drittel der Bevölkerung fünf volle Schuljahre zu garantieren. Zwischen dem Angebot von Schulen und der Nachfrage nach Schulen gibt es eine Schere, die in geometrischer Progression immer weiter aufklafft.

Was für die Schule gilt, gilt für die meisten anderen Institutionen im Modernisierungsprozeß der dritten Welt.

Die ständige technologische Verfeinerung von bereits marktgängigen Produkten nützt häufig dem Produzenten weit mehr als dem Konsumenten. Die solcherart immer komplizierter werdenden Produktionsprozesse ermöglichen es nur den größten Produzenten, alte Modelle ständig durch neue zu ersetzen und die Nachfrage des Konsumenten auf die unwesentlichen Verbesserungen zu lenken.

Dazu kommen als Nebenwirkungen höhere Preise, geringere Lebensdauer, geringere Verwendbarkeit, höhere Reparaturkosten. Man denke an die vielfache Verwendbarkeit eines einfachen Dosenöffners; ein elektrischer Dosenöffner, wenn er überhaupt funktioniert, öffnet nur einige Arten von Dosen und kostet etwa hundertmal soviel.

Das gleiche gilt für eine landwirtschaftliche Maschine oder für einen akademischen Grad.

Den Farmer im Mittelwesten der USA kann man überzeugen, daß er ein vierachsiges Fahrzeug braucht, das mehr als hundert Stundenkilometer fährt, elektrische Scheibenwischer und gepolsterte Sitze hat, und binnen ein, zwei Jahren gegen ein neues Modell umgetauscht werden kann. Die Bauern der dritten Welt brauchen weder einen so schnellen Wagen noch solchen Komfort, noch sind sie an Obsoleszenz binnen ein, zwei Jahren interessiert. Sie brauchen billige Transportmittel in einer Welt, wo Zeit nicht Geld ist, wo manuelle Scheibenwischer genügen und ein Gerät eine Generation lang funktionieren soll. Ein solcher mechanischer Tragesel erfordert eine völlig andere Konstruktion als die für den amerikanischen Markt produzierten Fahrzeuge. Ein solches Fahrzeug wird nicht hergestellt.

Der Großteil Lateinamerikas braucht medizinische Hilfskräfte, die ständig ohne Aufsicht eines voll ausgebildeten Arztes arbeiten können. Anstatt solche Kräfte auszubilden, die auch mit einer begrenzten Zahl von Medikamenten selbständig umgehen können, errichten die lateinamerikanischen Universitäten jedes Jahr neue Institute zur Ausbildung von Ärzten, die nur in Spitälern arbeiten können, und von Apothekern, die immer gefährlicher werdende Medikamente verkaufen können.

Die Bevölkerungsexplosion liefert mehr Konsumenten für ein Warenangebot von Nahrungsmitteln bis zu Empfängnisverhütungsmitteln. Aber unsere geschrumpfte Phantasie kann sich keinen anderen Weg zur Befriedigung der Nachfrage vorstellen als die Waren, die derzeit in unserer vielbewunderten „entwickelten“ Gesellschaft auf dem Markt sind.

In den meisten Ländern der dritten Welt wächst die Mittelklasse, ihr Einkommen, Konsum und Wohlstand. Gleichzeitig wächst die Diskrepanz zwischen dieser Klasse und der Masse der Bevölkerung. Selbst dort, wo der Konsum pro Kopf zunimmt, hat die Mehrheit der Bevölkerung weniger Nahrungsmittel als 1945, weniger Krankenpflege, weniger Arbeitsplätze, weniger sozialen Schutz.

Dies ist zum Teil eine Folge der Polarisierung des Konsums, zum Teil eine Folge des Zusammenbruchs der traditionellen Familienstruktur und der traditionellen Kultur. 1970 leiden mehr Menschen an Hunger, Krankheit, Obdachlosigkeit als nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch prozentuell.

Unterentwicklung ist jedoch auch ein geistiger Zustand, dann nämlich, wenn die Bedürfnisse der Massen in Nachfrage nach neuen Versionen alter Lösungen uminterpretiert werden; diese Nachfrage kann für die überwältigende Mehrheit nie erfüllt werden. Unterentwicklung dieser Art nimmt selbst in jenen Ländern zu, in denen das Angebot an Kalorien, Klassenräumen, Autos und Spitälern wächst. Die herrschenden Schichten in diesen Ländern schaffen ein Angebot, das für eine Überflußgesellschaft bestimmt ist. Wenn die Nachfrage einmal in dieser Richtung fixiert ist, können die Bedürfnisse der Mehrheit nicht mehr befriedigt werden.

Unterentwicklung als Bewußtseinsform ist ein extremes Ergebnis dessen, was wir in der Sprache Marx’ und Freuds „Verdinglichung“ nennen. Mit Verdinglichung meine ich die Umsetzung wirklicher Bedürfnisse in Nachfrage nach Massenartikeln, die Umsetzung von Durst in Nachfrage nach Coca-Cola.

Diese Art Verdinglichung erfolgt durch Manipulierung primärer menschlicher Bedürfnisse durch riesige bürokratische Organisationen, denen es gelingt, die Phantasie potentieller Konsumenten zu beherrschen.

Die intensive Förderung des Schulwesens führt zum Beispiel zur Identifizierung von Schulbesuch und Bildung, so daß in der Umgangssprache beide Ausdrücke austauschbar geworden sind. Wenn einmal das Vorstellungsvermögen der gesamten Bevölkerung so „geschult“ oder indoktriniert ist, daß sie der Schule das Monopol auf formale Bildung zugesteht, kann man die Analphabeten so besteuern, daß die Kinder der Reichen gratis Hochschulbildung erhalten.

Unterentwicklung ist unter anderem die Folge des Ansteigens der Ansprüche der Bevölkerung, die gehobenen Ansprüche wiederum sind die Folge der intensiven Werbung für Produkte der Industriegesellschaft. So gesehen ist die Entwicklung der dritten Welt, die wir heute erleben, das genaue Gegenteil dessen, was ich für Bildung halte: nämlich die Weckung des Bewußtseins neuer menschlicher Möglichkeiten, der Einsatz der schöpferischen Fähigkeiten des Menschen zur Verbesserung menschlichen Lebens. Unterentwicklung ist Kapitulation des gesellschaftlichen Bewußtseins vor vorfabrizierten Lösungen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1970
No. 194/I, Seite 97
Autor/inn/en:

Ivan Illich:

Ivan Illich, geboren in Wien, lebte abwechselnd in Mexico City, Guernavaca, Berlin, Göttingen, ab und zu in Salzburg, selten in seiner Heimatstadt. Er ist Professor an allen möglichen Universitäten und gilt als der bedeutendste lebende Kulturphilosoph ökologischer Observanz.

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