FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 481-484
Gert Kerschbaumer

Arischer Nichtschwimmer rettet jüdisches Kind vor dem Ertrinken

Der Antisemitismus aller Spielarten ist hierzulande so ein skurriles Nichtphänomen, das zwar da ist, aber nicht so genannt werden und nicht offen in Erscheinung treten will, und wenn schon, dann in einem humanistisch gewendeten Mäntelchen, das die oder der Betreffende rückwirkend vom ersten Kulturtritt an zu tragen hat und immerwährend auf dem rotweißroten Diener hängt:

Ein Mann, ausgezeichnet mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und der Goldenen Medaille der Mozartstadt (1956/57), gilt als einer der »prominentesten Vorkämpfer der österreichischen Kulturbelange«, obwohl/weil er Redakteur des gefürchteten Kampfblattes der Hitler-Bewegung, der »Deutsch-österreichischen Tageszeitung«, Leiter des »Kampfbundes für deutsche Kultur«, Kämpfer für die Reinigung deutscher Kunst — »Die Verjudung des österreichischen Musiklebens« — war: der Vorstand der Wiener Mozartgemeinde Professor Heinrich Damisch. Ein Mann, dreifacher österreichischer Staatspreisträger (1953, 1968 und 1976), wird von Professor Gottfried Kraus im September 1993 als »Humanist« gewürdigt, obwohl/weil er dem Naziregime bis zu seinem Ende als rassistischer Worthelfer der Kultursäuberung diente: der Leiter der »Musikschule für Jugend und Volk«, »Mozartspielschar der Hitler-Jugend« und Komponist Cesar Bresgen.

Mühsam haben wir als erstes Opfer der Hitler-Aggression und als Großkulturnation unsere österreichische Identität samt dem gesalbten Nichtphänomen hochgestapelt, die der verdammte Tugendterror »Political Correctness« untergräbt. Zur Terrorbekämpfung steht wiederum ein illustrer Troß bereit, ihm angehörend Prof. Borchmeyer bis Zöller, mittendrin Alois Brandstätter und Prof. Peter Strelka, die in einem sprachlogisch umwerfenden Galopp den »haltlosen Angriffen«, »in Unkenntnis der näheren Umstände« übernommen vom Zentralrat der Juden in Deutschland, entgegenschleudern: Gertrud Fusseneggers »gesamtes Werk« sei »seit 1945 eine einzigartige Absage an jede Form totalitärer Ideologie« (auch »Pilatus«, Musik Bresgen, Ossiach 1979), nicht bloß seit 1945, denn auch »die« Nazis hätten sie, die von der Republik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland mit hohen Auszeichnungen geehrte Schriftstellerin, mehrfach angegriffen, hätten ihre »Mohrenlegende« (1937) als »Mitleidwerbung für Andersrassige« abgelehnt.

Aggressiv waren sie, die auf die braune Bibel schworen und den undeutschen Geist verbrannten, aber allem Anschein nach nicht so borniert, so unlautere Gewährsleute wie die Verfolger in »einer Wiener Zeitschrift«, die weder NSDAP-Mit-gliedschaft und Führerhuldigung noch Judenfeindschaft als Nichtphänomen goutieren, ins Humanistische wenden und jüdisch veredeln wollen — diese kleingeistigen Aggressoren, die in dieser Bombenzeit die »Mohrenlegende« als ungeeignete Schullektüre befinden, und die vereinnahmten unwissenden Juden, die ihre als »Drachensaat« titulierten Grabsteine noch immer vor Schändung schützen müssen. Ihnen wird, über die scheinbar nichtigen Gräben der Nürnberger Rassengesetze lautlos preschend, die lauterste Galionsbesetzung vor Augen geführt. Der große jüdische Schriftsteller Max Tau habe sie entdeckt. Sie, die Schöpferin der Legende vom Mohrenfratzen?

Aber das ist kein ausgewachsener Jude mit Teufelsfratze, so ein Talmudjude, wie ihn der Alttestamentler und Nichthebräer, Herr Universitätsprofessor August Rohling, 1871 für den »Stürmer« vorkarikierte. Ich war doch niemals Rassist, meinte die Autorität »in talmudicis« und Meineidexperte für »Ritualmorde« kurz vor seiner heilsgewissen Himmelfahrt. Nein vielweniger, es ist ein schwarzes Kindlein fremd und grausig.

Wenn nun ein weißrassiges Ungeheuer aus einem unpreiswürdigen Verfolgergrüppchen so dahinschwätzt, Auschwitz sei die Vollendung des ideologischen Vorspanns von lebensunwerten Karikaturfratzen, dann müßten Sie, sehr geehrte Damen- und Herrenriege [1] von Borchmeyer bis Zöller, konsequenterweise ihr nach hinten gestrecktes humanisiertes Nichtphänomen in den Chor der phänomenalen Lüge unerwählter Retter großdeutscher Kultur einreihen oder bitt’schön zumindest im Verdunkelungsstil apodiktischer Herrenreiter Auschwitz zum himmlischen Fallout verklären — Fiat nox!

Hochachtungsvoll,
Gert Kerschbaumer

[1Siehe: 32 Testimonials für Gertrud Fussenegger, in: FORVM Dezember 1993, S. 54

Postskriptum: Ich zahle Ihnen dreitausend Gulden, wenn Sie imstande sind, ohne Hilfe von Mehr- und Meineidlastigen eine einzige Seite aus der Legende vom Mohrenkindlein auch nur annähernd politisch korrekt zu deuten. (Unverzeihliches Plagiat des Angebots von Joseph Samuel Bloch an Professor August Rohling.)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1994
No. 481-484, Seite 44
Autor/inn/en:

Gert Kerschbaumer:

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