FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 179-180
Günther Nenning

Wurstel Nenning

Aus „Sozialdemokratie“, Wien 1965, und „Öffnung oder Untergang“, Wien 1966

... Wursteln, die einen integralen Sozialismus unter Einschluß der Kommunisten predigen und sich dafür von den Gegnern der sozialistischen Bewegung aushalten lassen ...

Bruno Kreisky auf dem SPÖ-Parteitag, 3. Oktober 1968

... der Nenning, damit ich den Namen jetzt nenne und jeder weiß, wen ich meine ...

Bruno Kreisky im Österr. Rundfunk, 4. Oktober 1967

Otto Bauer, der große Austromarxist, träumte den Traum vom integralen Sozialismus, von der Vereinigung der westlichen Sozialdemokratie mit dem Bolschewismus.

Integraler Sozialismus war zu Stalins Zeiten recht unmöglich, da die von bewundernswertem Optimismus und Idealismus getragene Bewegung des Sowjetkommunismus umschlug in finstere, tyrannische Erbitterung über den Menschen, der allzumenschlicher Mensch blieb, statt programmgemäß Gott zu werden, und der sein fortdauerndes Menschsein zu bezahlen hatte mit Reduzierung auf Insektendasein unter dem Stiefelabsatz.

Was zu Lenins und Stalins Zeiten unmöglich war, ist heute wieder möglich: der große Traum ist wieder träumbar.

Er möge geträumt werden.

Der aus Marxismus, Leninismus, Stalinismus herausgewachsene Kommunismus befindet sich derzeit in einer schweren Krise. Aber diese Krise ist anderer Art, als die überlebende Schule hämischer Glossatoren im Westen vermeint. Es ist eine Wachstumskrise.

Schon prinzipiell wäre das Scheitern einer großen, von großen Idealen getragenen Bewegung nichts, weswegen bloße Schadenfreude zulässig schiene. Wenn große Ideen scheitern, sind nicht nur deren Träger um einen Traum ärmer, sondern die ganze Menschheit.

Doch ist solches Scheitern meist kein einfaches Verschwinden. Über die Größe derer, die scheitern, ist damit, daß sie scheitern, noch nichts ausgemacht. Nur über die Kleinheit derer, die an Größe nichts weiter bemerken als deren Scheitern.

„Nichts auf der Welt wird endgültig überwunden“, resümiert C. J. Burckhardt in seinem Richelieu. „Diejenigen aber, welche das Neue heraufführen, müssen es für dauerhaft und siegreich halten. Sie sind wie alle Schöpfer blind und durch ihr Blindsein größer als Traumdeuter und Propheten, die schon dem Aufkeimenden seinen gewissen Untergang voraussagen.“

Das Neue, das Leninismus und Stalinismus heraufführten, war weder dauerhaft noch siegreich, aber es war groß.

Es wird daher nicht endgültig überwunden, sondern bloß aufgehoben werden: beseitigt, bewahrt, emporgehoben.

Der Kommunismus hat Zukunft.

Die ersten und heftigsten Kritiker der leninistischen und stalinistischen Variante des Kommunismus — sachlich fundierte Kritik meine ich, nicht das Geflenne der zu Tode geängstigten Bourgeoisie — waren deutsche und insbesondere österreichische Marxisten: Karl Kautsky, natürlich der „Rechte“ Karl Renner, aber auch und vor allem „Linke“ wie Otto Bauer, Max Adler, Friedrich Adler.

Das war nicht, bewiesen sie, was Marx und Engels wollten. Der rotlackierte Zarismus war nicht „die Assoziation, in der die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.

Der Beweis war offenkundig, aber dankenswert. Mittels Marxismus wurde bewiesen, daß dies nicht Marxismus war.

Die tiefsten theoretischen Wunden empfingen Leninismus und Stalinismus nicht von schlechthin gegnerischer Seite, sondern vom Sozialismus selbst, vom marxistischen Sozialismus.

Aber es waren theoretische Wunden. Es war krasseste Theorie, nachzuweisen, daß Lenin und gar erst Stalin sich nicht an die heiligen Bücher hielten. Sie hatten zu handeln. Gehandelt wird nach der Wirklichkeit, nicht nach dem Büchel. Aus dem Büchel wird bloß, zum Nachweis der Rechtgläubigkeit, fleißig zitiert.

So blieb bisher die marxistische Kritik des sowjetischen Kommunismus, die erste und lange Zeit einzige sachlich fundierte Kritik, auf halbem Wege stecken. Was in der Sowjetunion sich vollzog, war nicht der richtige Sozialismus, konnte aus marxistisch belegbaren Gründen der richtige Sozialismus nicht sein. Aber zu besserer Zeit, an besserem Ort, mit besseren Mitteln würde sich der wahre Sozialismus verwirklichen, getreu Marx und Engels.

Antikommunismus heißt Angst

An dieser Überzeugung des westlichen Marxismus ist etwas dran. Was am westlichen Marxismus dran ist, ist das folgende: Ein grundstürzender Um- und Neubau der Gesellschaftsordnung ist möglich und nötig und entspricht den Forderungen der menschlichen Natur.

Sollen wir bloße Zuschauer bleiben?

Sozialisten eignen sich nicht als bloße Zuschauer, Demokraten radıkalen westlichen Stils auch nicht, Christen erst recht nicht.

Es gilt mitzuspielen.

An die Stelle des blödsinnig militärischen Denkens in Kategorien des kalten Krieges (dessen Berechtigung und Realität zu vorangegangenen Zeiten hier nicht zur Diskussion steht);

an die Stelle des sterilen, angstvollen Boykotts (dessen tiefster Grund der verzweiflungsvolle Glaube an die teuflische Überlegenheit des Kommunismus ist);

an die Stelle des Glaubens, des unsozialistischen, undemokratischen, unchristlichen Glaubens, daß es historische Bewegung gäbe, die nicht reformierbar, nur mit Gewalt vernichtbar wäre;

an die Stelle alles dessen trete die entschlossene, gänzlich friedliche Infiltration als Fünfte Kolonne des Sozialismus, der Demokratie, des Christentums, mitten hinein in den Kommunismus.

Irgendwann, an einem Weltentag unbestimmbarer Ferne oder Nähe, aber an einem großen Tag, wird die Frage nach der Einheit des Sozialismus wieder gestellt sein.

Eine neue Internationale zieht sich quer durch die läppisch gewordenen alten Partei-, Weltanschauungs- und Blockgrenzen: die geheime Internationale der Jungen gegen die Alten.

Denkende junge Menschen aus der bürgerlichen Welt, denkende junge Menschen aus der christlichen Welt, denkende junge Menschen aus der sozialistischen Welt — sie sind einander ähnlicher als bürgerliche Väter und bürgerliche Söhne, christliche Väter und christliche Söhne, erst recht ähnlicher als Väter und Söhne in der sozialistischen Welt.

Der Kampf der Jungen mit den Alten schlingt immer mehr Kräfte bis zur Unkenntlichkeit für die Alten, bis zur Verwirrung auch der Jungen. Neue Fronten entstehen, die unerhört sind, nicht zu fassen mit alten Kategorien, vorläufig auch kaum schon mit neuen.

Jugend quer zu Parteifronten

Die Jungen, in deren Kopf alles anders ist, haben wenig mehr als Ahnung von ihrer neuen Einheit, von der neuen, noch geheimen Internationale ihrer Generation in Sozialdemokratie, christlichem Sozialismus, Kommunismus,

Sie suchen — auf Wegen und Umwegen — Antworten auf die Frage: Was ist der Mensch?

Das ist das geheime Kainszeichen derer, die die alte Welt erschlagen werden, inmitten welcher der überwältigende Haufen ihrer Zeitgenossen so verdammt bedürfnislos lebt.

Jene wenigen, die solche Antwort suchen, werden damit die neue Revolution machen.

Sie werden sie machen trotz jenem ungeheuren, ungeheuerlichen Haufen von Menschen, die nichts als jung sind, deren Revolte gegen die Welt der Alten sich darin erschöpft, daß sie sich für nichts interessieren, Millionen Normalkälber im Schlachthaus der Konsumindustrie, wo der Tod des Menschlichen durch lebenslange Verabreichung steigender Verblödungsdosen herbeigeführt wird, hirngebremst und pflegeleicht, die Maschine, die für Sie nicht denkt, so daß Sie mehr Zeit haben, selber nicht zu denken.

Eine neue Linke ist unterwegs, in Sozialdemokratie, im Kommunismus, auch im christlichen Sozialismus — sie will den ganzen Sozialismus, 120 Prozent, die ganze große reale Utopie; aber in nützlich dialektischer Verkettung ist sie zugleich skeptisch, nüchtern, entsprechend der modernen Wissenschaft, entsprechend dem Bewußtsein einer Zeit, die aus den Fugen ist.

Die alte Linke glaubte, daß der Sozialismus die Antwort auf alle Fragen parat habe. Sie war glücklich in diesem Glauben; für die meisten ehemaligen Bekenner dieses Glaubens ist er eine wehmütige Jugenderinnerung; die überlebenden Alt-Linken sind verbitterte Doktrinäre geworden, die sich vor der Welt von heute verschließen, mit dieser Welt und daher mit sich selbst nicht mehr ins reine kommen — lauter Hebbelsche Meister Antons, die, was immer sie reden oder schreiben, eigentlich nur einen Satz zu sagen hätten: „Ich verstehe die Welt nicht mehr.“

Dies wird integraler Sozialismus anderer Größenordnung sein als jener, von dem einst Otto Bauer sprach: Es geht nicht mehr bloß um die Vereinigung von Sozialdemokratie und Kommunismus; was damals ein Gebilde von a- bis antichristlicher Stoßrichtung gewesen und dies wohl auch heute noch wäre.

Die Geschichte ist über diesen Traum vom ganzen Sozialismus hinweggegangen. Es wäre kein ganzer, nur Zweidrittelsozialismus; es fehlte das restliche Drittel, der christliche Sozialismus, der seine selbständige Lebenskraft gerade in der Kirche nach dem Konzil beweist.

Für die Vereinigung von Sozialdemokratie und revisionistischem Kommunismus bestehen heute andere, vermutlich realere Voraussetzungen als zur Zeit Otto Bauers für die Vereinigung von Sozialdemokratie und stalinistischem Kommunismus. Aber die sozialdemokratisch-kommunistische Allianz hätte heute wie damals ihre für den Christen zutiefst bedenkliche Schlagseite. Diese Allianz kann sich für den Christen erst vollziehen, wenn der christliche Sozialismus mit im Bunde ist; das erst ist die Allianz ohne Schlagseite, der ganze Sozialismus.

Dieser „Sozialismus 2000“ wird den vereinigten Sozialdemokraten, revisionistischen Kommunisten, christlichen Sozialisten ganz andere Möglichkeiten geben, die Welt zu verändern, als bisher in dreifacher Trennung. Dieser Sozialismus wird ihnen aber auch ganz andere Möglichkeiten geben, einander zu verändern.

Sie sollen sich voreinander nicht fürchten.

Es ist einfach ein Ding der Unmöglichkeit, daß Meinungsverschiedenheiten über die Grundanschauungen oder die Taktik der Partei anders als in vollster Öffentlichkeit verhandelt werden können.

August Bebel, „Neue Zeit“, XX. Jg. (1901/02), S. 105.

Ich habe gesagt, er ist ein Wurschtl, und das muß genug sein.

Bruno Kreisky, „Wochenpresse“, 2. Oktober 1968

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1968
, Seite 761
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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