FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 468
Herbert Auinger

Wie Hans und Magnus einmal herzlich lachen mußten

Der kritische Geist steht stramm

... Vorwürfe ... sagen womöglich mehr über die Ankläger als über die Beschuldigten aus.

(H. M. Enzensberger)

Wer sich in die politischen Diskurse der deutschen Öffentlichkeit einmischt, der tut es auf eigene Gefahr. ... Wer sich auf die Prämissen des jeweiligen Talkmasters einläßt, ist schon verloren. Selber schuld!

(H. M. Enzensberger)

Neulich hat sich der Edeloberdemokrat v. Weizsäcker einmal so richtig ausgekotzt. Er hat sich an die Spitze der deutschen Politikverdrossenheit gesetzt und ihr — es wäre nicht nötig gewesen — vorbuchstabiert, was ein gehorsamer Demokrat an den Politikern, denen er gehorcht, gefälligst auszusetzen hat. Der mündige Demokrat hat sich anno 1992 pflichtschuldigst über ein Defizit an Führung zu beklagen. Er will regiert werden, er will seine Stellung als Untertan in vollen Zügen ausleben, er will von den Machthabern erfahren, was diese auf die Tagesordnung setzen und was er davon halten soll, damit er sich auch ordentlich danach richten kann, und wenn Politiker es daran fehlen lassen, dann muß ein braver Deutscher so richtig sauer werden:

Heute haben wir es zunächst und vor allem mit einem gewaltigen Bedarf in der Gesellschaft nach Orientierung zu tun. Es sind tiefe Fragen, die vom Lebenswert und Lebenssinn bis in alle Bereiche des Zusammenlebens zu Hause und in der Welt reichen. ... Haben Parteipolitiker dafür ein Amt und eine Befähigung?

(v. Weizsäcker)

Wie recht v. Weizsäcker mit diesem Befund hatte, beweisen die begeisterten Reaktionen auf seine Anmache. Mündige Demokraten wollen wirklich bei allem und jedem geführt werden. Sogar beim Kritisieren der Politik sind sie für eine Anweisung von höchster Stelle dankbar und vollbringen Spitzenleistungen in puncto voraus- und nacheilendem Gehorsam beim Meckern.

Das gibt es exklusiv in der demokratischen Öffentlichkeit: Ein absolut linientreues Beschwerdewesen. Die Verstaatlichung des Gemütes ist soweit gediehen, daß selbst das Nörgeln politisch angeleitet wird. Damit jeder an den richtigen Stellen lacht.

Für einen Paradeintellektuellen stellt eine derartige Vorgabe natürlich eine Herausforderung dar. Immerhin hat sich die von der deutschen Intellektuellenszene angeschwärmte strahlende Lichtgestalt auf das ureigenste Feld des snobistischen Geistes begeben. Da kommt einerseits Freude auf, wenn das übliche geschmäcklerische Naserümpfen über den fetten Kanzler, dem es einfach nicht gelingen will, die intellektuelle Gemeinde durch einen kultivierten Stil ebenso zu faszinieren wie der Silberhaarige, von v. W. himself geadelt wird. Andererseits will man sich schon noch ein bißchen unterscheiden, ein freier Geist ist, seiner Meinung nach, schließlich kein Hofberichterstatter. Es kommt also darauf an, das Nachplappern der allerhöchsten Politikerschelte ganz eigenständig auszugestalten, kreativ zu verzieren und durch individuelle Tupfer zu bereichern.

H. M. Enzensberger hat diese Herausforderung mit Bravour und einem mächtig originellen Kunstgriff gemeistert. Er übertitelt — wie geistreich! — seine Politikerbeschimpfung mit „Erbarmen mit den Politikern!“ und distanziert sich im Vorspann pro forma von den Kollegen, den gewöhnlichen Politikerbeschimpfern aus Feld, Wald, Wiese und »Spiegel«, die er anschließend hemmungslos plagiiert:

Vielleicht ist es an der Zeit, von der Politikerbeschimpfung Abschied zu nehmen. ... Nutzen wirft sie ab, wo es darum geht, Auflagen oder Einschaltquoten zu steigern. Doch auch dieser Grenznutzen nimmt schnell ab, das Vergnügen schlägt in Überdruß um, die Empörung zehrt sich selbst auf ...

(Falter 39/92, die folgenden Zitate ebd.)

Konsequenterweise hätte er jetzt das Maul halten müssen. Hat er aber nicht.

Vergnügen schlägt in Überdruß um —

aber woher denn! Das war sie übrigens schon, die sorgfältig ausgetüftelte Originalität Enzensbergers. Mehr ist nicht. Ansonsten bedient sich seine Politikerbeschimpfung des Stilmittels der

erbarmungslosen Wiederholung

von Stereotypen aus dem

Reich des Immergleichen

— das Aufgelistete ist detailreich

oft beschrieben worden.

Er vermeidet sorgfältig alles,

was als eine selbständige Idee gedeutet werden könnte, —

Enzensberger exzerpiert offenbar penibel den wöchentlichen kritischen Personenkult des »Spiegel« — und glänzt durch „Plumpe Anbiederung“ an die vom Herrn Staatsoberhaupt gesetzten Maßstäbe.

Seine naive Eitelkeit

läßt ihn allen Ernstes die weltbewegende Frage aufwerfen, ob das Erscheinungsbild dessen,

was man die politische Klasse nennt,

seinem exquisiten ästhetischen Empfinden genügt und ihm einen „angenehmen Anblick bietet“. Es „stehen Stilfragen zur Debatte“, sonst nichts. Leider hält der Salon-„Savonarola“ die Konzeption, seinen keineswegs „heimlichen Neid“ nach wirklichen Führerpersönlichkeiten mit Niveau, denen sich der feinfühlige Intellektuelle vertrauensvoll anvertrauen kann, durch eine Beschreibung der „sensorischen Deprivation“ inferiorer Amtsträger vorzutragen, nicht mit der nötigen Strenge durch. Enzensberger passiert der Lapsus, auf Begebenheiten der aktuellen deutschen Politik abzuschweifen. Ein peinlicher Ausrutscher, der die Geschlossenheit der referierten „soziologischen Erklärungen“ aufsprengt und nur beweist, daß ein Meisterdenker,

unabhängig von seinen intellektuellen Fähigkeiten, in der Regel der letzte ist, der kapiert, was in der Gesellschaft vorgeht:

Es hat sich aber immer wieder gezeigt, daß selbst unzweideutige Signale und schwere Wahlniederlagen nicht hinreichen, das politische Personal zu belehren. Nach dem Debakel der dänischen Europa-Abstimmung war der einmütige Reflex sämtlicher Kader: Jetzt erst recht! Augen zu und durch! Nach den Ausschreitungen der Polizei beim sogenannten Wirtschaftsgipfel von München wurde das Rowdytum zur Staatstugend erklärt. Die Beispiele sind beliebig vermehrbar.

Man kann die Tatsache, daß sich Politiker durch Wahlen, Abstimmungen oder Demonstrationen weder auf etwas festlegen noch von etwas abbringen lassen, natürlich als mangelnde Lernfähigkeit deuten. Wenn man kindisch genug ist, das sozialkundliche Märchen vom Bürgerwillen, der doch die Politik bestimmen sollte, zu glauben. Jeder versierte Politikerbeschimpfer, nicht nur v. Weizsäcker, beherrscht anlaßgerecht übrigens auch den genau gegenteiligen Vorwurf — stimmengeile Populisten, deren

Zeithorizont eine Wahlperiode nicht überschreiten

könne, würden sich zuviel nach den niedrigen Instinkten der Masse richten und dadurch ihr hohes Amt verraten. Das mit den Münchner Ausschreitungen stimmt dann. Damit auch jeder Idiot kapiert, wie es gemeint war, hat Bayerns Ministerpräsident Streibl extra das

Rowdytum zur Staatstugend erklärt.

Es hat nicht ganz gereicht, das schriftstellernde „Personal zu belehren“.

Auch wenn nicht einleuchtet, warum die Dichter

schwerer von Begriff sein sollten als andere Leute.

Aber

schließlich bringt jeder Beruf gewisse Deformationen mit sich.

Fachleute nennen das: Kognitive Dissonanz.

Die Beispiele sind beliebig vermehrbar.

Den anderen Ausflug von der Aufarbeitung einer „abhanden gekommenen Realität“ — „gelegentlich kann es auch zu Wahnvorstellungen und Halluzinationen kommen“ — in die Niederungen der Politik leistet sich Enzensberger anläßlich der aktuell fälligen Neuorientierung des deutschen Militärwesens. Bisher auch vom deutschen Grundgesetz auf einen Kampfauftrag im Rahmen des 40 Jahre antizipierten Krieges gegen die ehemalige Sowjetunion ausgerichtet, macht sich die überkommene Kriegsplanung der Bundeswehr, angesichts der gewachsenen deutschen Verantwortung, wie man das nennt, als Einschränkung geltend. Die deutsche Beteiligung an der Überwachung der jugoslawischen Kriegsparteien durch Aufklärer und Zerstörer in der Adria hat kritische Juristen die Frage aufwerfen lassen, ob das wohl durch den Verfassungsauftrag der Bundeswehr gedeckt sei. Die SPD, ohnehin beleidigt, weil sie nicht gefragt worden war und daher nicht zustimmen durfte, hat dagegen beim Verfassungsgericht geklagt. Sie will den neuen Dienst der Bundeswehr, deutsche Interessen nicht nur im Rahmen der NATO, sondern allüberall zu verteidigen, per Verfassungsänderung — damit sie beteiligt werden muß — absegnen helfen. Getreu dem alten Motto der Partei, das sich schon im Ersten Weltkrieg bewährt hat:

Krieg? Nicht ohne uns! Unser

Patient, der auf diese Weise versucht, mit einer trostlosen Seelenlage fertig zu werden,

assoziiert dazu wie folgt:

Denn jeder dieser Chefs gleicht einem mit tausend Fäden gefesselten Gulliver. Im Interessengeflecht der Parteien, der Lobbies, der Verbände, der Bürokratien kann er sich nur millimeterweise bewegen. Wer den Titel eines Oberbefehlshabers trägt, muß damit rechnen, daß ihm die Entsendung eines unbewaffneten Flugzeugs eine Verfassungsklage einbringt.

Der Verteidigungsminister will ein echter Kriegsherr sein? Sowas schimpft sich „Oberbefehlshaber“? Da müssen Hans und Magnus aber laut lachen!

jeder wahrhaft machtbewußte Mensch würde angesichts solcher Handlungsblockaden ...

... einen Militärputsch durchziehen oder wenigstens eine faschistische Bewegung gründen. Nicht so H. M. Enzensberger. Schließlich ist er kein Politiker. Er macht sich, in dienender Funktion, wie es dem schreibenden Stand geziemt, bloß an der Popularisierung aktueller deutscher Werte zu schaffen: Führt gefälligst entschlossen, ihr Saftsäcke! Ein unverzichtbarer Beitrag zum Zeitgeist.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1992
, Seite 6
Autor/inn/en:

Herbert Auinger:

Herbert Auinger ist freier Autor in Wien.

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