FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1963 » No. 115/116
Friedrich Heer

Was ist Antikommunismus?

Im ersten Heft des FORVM und folglich vor mehr als einem Jahrzehnt unternahm Univ.-Doz. Dr. Friedrich Heer mit unserem Herausgeber Friedrich Torberg ein Gespräch über das „Gespräch mit dem Feind“. Wir haben diese Diskussion seither in gemessenen Zeitabständen fortgesetzt, indem wir unsere Leser mit der aufreizenden Gabe des großen österreichischen Kulturhistorikers konfrontierten, dem feindlichen Lager gerecht zu werden um den Preis der Ungerechtigkeit gegenüber dem eigenen. Mit dem folgenden Beitrag, Teil eines größeren Essays über „Geschichte und Formen des Widerstands“, setzen wir diese — zur Klärung des eigenen Standpunktes höchst nutzbringende — Tradition fort.

Alteuropas Geschichte ist eine Geschichte, die tausendfältig von Widerstand berichtet. Seit den Tagen Karls des Großen kämpfen Herzöge und Fürsten mit dem König und Kaiser, kämpfen Päpste und Bischöfe mit Königen und anderen adeligen Herren, kämpfen Bünde des Adels, der Städte, der Bauern gegen ein Regiment, das ihnen unrecht, unbillig, wider alten Brauch erscheint.

Sehr früh schon kommt es zu Bündnissen zwischen innerer Opposition und äußeren Mächten. Die Ungarn werden auf das Schlachtfeld am Lech von deutschen adeligen Herren geführt, die gegen Otto den Großen stehen. Man hat später diese Schlacht als Rettung des Abendlandes gedeutet.

Warum ist solche uralte Verflechtung von Widerstand und Verrat so bedeutsam?

Nun: weil schon ein Jahrtausend lang alle Kriege in Europa Bruderkriege und Bürgerkriege sind; die Gegner im Innern und die Gegner draußen stehen miteinander in Verbindung.

Der Kaiser in Wien läßt sich zu Toleranzpatenten für seinen protestantischen Adel und zu Zugeständnissen an die evangelischen Fürsten im Reich durch die Sorge bewegen, daß diese ein Bündnis mit den Türken eingehen würden. In der zweiten Schlacht zur Verteidigung des Abendlandes, als die Türken 1683 vor Wien stehen, ist ihre Artillerie von französischen Ingenieuren ausgebildet. Die Bündnisse des französischen Königs mit dem Sultan, die Bündnisverhandlungen der Päpste zu verschiedenen Zeiten mit Mongolen, Türken, Russen sind bekannt. Kurz nach der Rückgewinnung Ungarns durch die kaiserlichen Truppen fliehen in Scharen ungarische Bauern zu den Türken: sie wissen sich durch ihre christlichen ungarischen Herren mehr ausgebeutet als durch die türkische Herrschaft.

In der tausendjährigen Bürgerkriegsgemeinschaft Alteuropas gehören die Christen und Muselmanen, die Ostchristen und Westchristen und die Russen und Türken und Heiden eng zusammen.

Das weiß bereits das Nibelungenlied: am Hofe Etzels wirkten Kriemhild und Dietrich von Bern. An den Höfen mongolischer Großkhane im 13. Jahrhundert befinden sich italienische, französische, englische Ärzte, Techniker, Goldschmiede und französische Missionare. Angelsächsische Adelige fliehen im 11. Jahrhundert vor den Normannen an russische Höfe und nach Konstantinopel. Der siebenhundertjährige Kampf zwischen Christen und Muselmanen in Spanien ist auf besonders eindrückliche Weise ein Bruderkrieg: die spanischen Mauren stammen bis zu 90 Prozent von spanischen Christen ab, die nach der ersten Eroberung Spaniens islamisiert wurden. Der im großen Heldenepos des christlichen Spanien hochgefeierte Cid Campeador hat den größeren Teil seines Lebens in maurischen Diensten verbracht.

Wir können das Alteuropa des vergangenen Jahrtausends wie das Neu-Europa des 20. Jahrhunderts nur als eine Welt verstehen. Die äußeren wie die inneren Kriege und Konflikte in Alteuropa sind Abschnitte im großen Bürgerkrieg, der in vielen Wehen Europa geschaffen hat. Und die Kriege und Konflikt ein Neu-Europa sind Etappen jenes Weltbürgerkriegs, in dem sich die eine Menschheit auseinandersetzt und begegnet.

Es gibt nur noch Bürgerkriege

Widerstand heute, wo immer er gedacht und getätigt wird, steht also, ob er es weiß oder nicht, ob er es wissen will oder nicht, in dem einen großen Zusammenhang des Weltbürgerkriegs. Hier ist es für mich Zeit, persönlich Farbe zu bekennen: ich bin überzeugt, daß Widerstand unabdinglich zum Mensch-Sein heute gehört. Würde des Menschen, menschliches Leben sind nicht möglich ohne Widerstand.

Im selben Atemzuge aber erkläre ich: in einer Epoche des Weltbürgerkriegs, in dem alles mit allem zusammenhängt und jeder für jeden mitverantwortlich ist, sind die Formen des Widerstandes gefährlicher und fragwürdiger als je zuvor. Widerstand ist eine zu ernste Sache, als daß man ihn berufsmäßigen Agenten des Widerstandes überlassen dürfte. Graf Richard Coudenhove-Kalergi, ein Sohn Alteuropas und Asiens, hat als junger Mann vor vierzig Jahren in Wien die erste neu-europäische Widerstandsbewegung gegründet, die Paneuropa-Bewegung. Der junge Graf erklärte damals: „Es sollen uns alle fernbleiben, die die Bedeutung der Idee verfälschen oder für sich nutzbar machen wollen, alle Sektierer, Verräter, Spione, Haarspalter, Profiteure und Zyniker. Denn sie werden mit uns so wenig anzufangen wissen wie wir mit ihnen.“ CoudenhoveKalergi denkt heute an ein Europa von Los Angeles bis Wladiwostok, da er die russischen und amerikanischen Söhne Europas darin einbezieht.

Diese Sätze können als Maxime gelten für jeden, der heute Widerstand zu denken und zu tun wagt, in Erinnerung an ein Jahrtausend europäischen Widerstands, in Verpflichtung zum Widerstand in einer Epoche des Weltbürgerkriegs, die den Großen Frieden vorbereitet — den Großen Frieden, das heißt: Leben in einer Fülle von Konflikten, die nicht zu lösen sind, ja gar nicht gelöst werden sollen; Leben in einer Fülle von Gegensätzen in jeder Stadt, Nation, Partei, Konfession — ja, in der eigenen Brust.

Wer heute Widerstand praktiziert, plant oder auch nur träumt, hat eine bestimmte Vorstellung von der Zukunft: von der Zukunft der einen Menschheit, von der Zukunft seines Volkes. Weh ihm, weh uns, wenn er diese Vorstellung nicht hat. Wer nun, wo immer er sei, im Bedenken, Planen und Tun seines Widerstandes, nur an sich selbst denkt — an seine Partei, Konfession, Nation, an seine eigene Vorstellung von Freiheit —, der ist bereits verloren; und er schädigt, oft unwiderruflich, seine eigene, ihm heilige Sache, seine Nation und die ganze Menschheit.

Jeder Widerstand, der nur ein Ghetto bauen will — sei es ein Ghetto für die ganze Menschheit —, ist mörderisch und selbstmörderisch.

Widerstand zugunsten des Feindes

Modell eines Ghetto-Widerstands: eine in den Mauern ihres Denkens und ihrer Angst eingeschlossene Gruppe eines Volkes, einer Konfession, eines Standes, einer Opposition entschließt sich zum Widerstand, bis zum bewaffneten Aufstand, ohne Kommunikation mit ihren Freunden draußen, ohne Kommunikation mit ihren Feinden innen, ohne Kommunikation mit der wohlverstandenen eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie erheben sich, sie kämpfen, sie fallen, sie werden hingerichtet oder verschickt; einigen gelingt die Flucht. Die Formen dieses heroischen Selbstmordes können in Asien und Europa verschieden sein; seine Struktur ist jedoch immer die selbe: es ist Ghetto-Widerstand, der sich selbst mißversteht; der meint, für die Sache der Freiheit zu kämpfen und sich, grausam enttäuscht von Freund und Feind, verblutet, weil er dies nicht versteht: die Freiheit des einzelnen, und die Freiheit eines Volkes, ist heute nicht über Nacht, in einem theatralischen Coup, zu erkämpfen, sondern nur in der langen, erbarmungslosen Hölle eines Weltentages, in dem Krieg und Bürgerkrieg konvergieren in dem also auch der Widerstand neue Formen finden muß, wenn er nicht als tödliche Reaktion verenden soll, Freund und Feind vergiftend noch als Leichnam.

Wer heute Widerstand denkt und tut, muß wissen: er ist mit jedem Wort und jedem Plan und jeder Tat mitverantwortlich für seine Freunde im Innern und Äußern und für seine Gegner im Innern und Äußern. Er kann, durch ungenügend durchdachte Worte, Pläne, Aktionen, nicht nur sich selbst, sondern alle seine Freunde und Gegner zu falschen Reaktionen verführen.

Wer heute in seinem Volk und für sein Volk Widerstand will, sinnvollen Widerstand, muß als erstes danach streben, sich selbst, sein Denken, sein Gefühl zu reinigen, zu befreien — von falschen Hoffnungen, falschen Ängsten, falschen Bewußtseinszuständen.

Widerstand ist heute so notwendig und so gefährlich, daß er nur auf der Höhe des wachsten Zeitbewußtseins gedacht, geplant und praktiziert werden kann, sonst aber absinkt in die Niederungen, in denen Agenten, Spione, Narren, Verbrecher ihre gewinn- und verlustreichen Spiele treiben.

Widerstand auf der Höhe und in der Helle des Gegenwartwissens und Zukunftdenkens bedeutet: Mitarbeiten an der Konvertierung der Kriegsformen der Vergangenheit, vom Keulenschlag in der Zwischeneiszeit über das Unternehmen „Barbarossa“ im Zweiten Weltkrieg bis zum Atomkeulenschlag — und Ausbildung neuer Formen des Kampfes und des Konfliktes. Klar und hart gesagt: der Widerstand ist, recht verstanden, recht gedacht und praktiziert, die neue Art der Austragung von Konflikten in der Epoche des Weltbürgerkriegs. Der Mensch dieses neuen Widerstandes, der heute in aller Welt in den ersten, aber wichtigen Anfängen steht, weiß sich, im Kampf für die Freiheit seines Volkes, seiner Gruppe, seiner Partei, seiner Konfession, verpflichtet dem möglichen und zu erkämpfenden Wachsen der Freiheit bei Freund und Gegner im Innern und im Äußern.

Es macht die innerste Größe und Würde der Männer des 20. Juli 1944 aus, daß sie — die hellsten, besten Köpfe und Herzen der deutschen Nation — um eben diese Verpflichtung und Verbundenheit wußten. Sie wußten sich verantwortlich für das ganze deutsche Volk: für die an den äußeren Fronten kämpfenden Armeen, für die an der inneren Front kämpfenden Frauen, Mädchen, Knaben, für die Familien der Henker und der Ermordeten. Sie wußten sich mitverantwortlich für jede Rede, für jeden Satz, in dem die Sprache Goethes und Hölderlins pervertiert wurde zum Gebell des Hasses und Mordes. Sie wußten sich verantwortlich für die schweigende Kirche in Deutschland, für eine Nation von Schweigenden in den Kerkern und außerhalb. Sie wußten sich verantwortlich für die Nationen im Westen und im Osten, die gegen Hitlers Deutschland im Kriege standen. Die Bemühungen, mit englischen Kreisen in Fühlung zu kommen, etwa mit dem Erzbischof von Canterbury und Churchill, sind bekannt. Weniger bekannt und gewürdigt ist ihre innere Rücksichtnahme auf den großen Gegner aus dem Osten, den Hitler durch seinen Krieg aus den Tiefen Asiens herbeigeholt hatte — nachdem Millionen innereuropäischer Russen bereits verblutet waren.

Kommunizierende Freiheiten

In Berlin-Plötzensee bedenkt, zum Tode verurteilt, mit gefesselten Händen, Pater Alfred Delp in dem harten, entscheidungsschweren Winter 1944/45 die Lage Deutschlands, Europas, der Kirche nach dem Kriege. Illusionslos sieht er das ungeheure Versagen in der Kirche, in der Christenheit, in Deutschland. Und da schreibt dieser deutsche Jesuit, während die Massen der Roten Armee hereinfluten, über Warschau, in das ostdeutsche Land, den Satz: „Besuchet Rußland!“

Dieser Pater Delp hat das eine, was uns nottut, erkannt, und er erkannte es, ohne um die Existenz der Atombombe zu wissen: heute sind wir alle für einander verantwortlich. Wer heute also Widerstand in Deutschland denkt, plant und tätigt, muß sich überlegen, Tag und Nacht: Wie hänge ich, in Aktion und Reaktion, mit dem Fortschritt der Unfreiheit und dem Fortschritt der Freiheit in Polen, Rußland, Ungarn, Osteuropa, Westeuropa zusammen?

Jeder Fortschritt der Unfreiheit bei üns fördert den Fortschritt der Unfreiheit in den Ländern des Ostblocks. Jeder Fortschritt der Freiheit bei uns kann den Fortschritt der Freiheit in den Ländern des Ostblocks fördern. Wir sind, Osteuropa und Westeuropa, kommunizierende Gefäße.

Erläutern wir uns den Zusammenhang des Fortschritts der Unfreiheit bei uns mit dem Fortschritt der Unfreiheit in einem Land des Ostblocks: Die große Unfähigkeit unseres Westen, den Ungarn in ihrer großen Erhebung 1956 wirklich zu helfen, im eigenen Lande zu helfen, war ein Produkt unserer inneren Unfreiheit. Man glaubte hier nicht an eine Evolution im Kommunismus — so wie man im Christentum des 19. Jahrhunderts nicht an eine Evolution in der Naturgeschichte glauben durfte. Kommunist mußte immer Stalinist sein. Wer vor 1956 in unseren Landen sich gegen dieses Dogma aussprach, wurde sofort als weicher Intellektueller, als potentieller Verräter, als dummer Fellow-Traveller Moskaus denunziert. Da man es bewußt verabsäumt hatte, die Entwicklung in der kommunistischen Welt sorgfältig zu studieren, sah man der Erhebung nationaler ungarischer Kommunisten fassungslos, betroffen und widerstrebend zu. „Das gibt es doch nicht“ — das durfte es nicht geben. Der Westen versäumte so seine einzige echte Chance — wollte er sich nicht in das Abenteuer eines Weltkriegs stürzen —, in Ungarn zu intervenieren. Er hätte nur dies sinnvoll tun können: bei offener Anerkennung des wirtschaftlichen, militärischen und politischen Verbleibens der Ungarn im Ostblock den Übergang vom Stalinismus zu einem gemäßigten Absolutismus zu fördern. Das verstand man nicht, versteht es vielleicht noch heute nicht, da man in unseren Zonen nicht an den Fortschritt, nicht an den guten Fortschritt der Menschheit glaubt.

Widerstand gegen den Widerstand

Wer aber nicht an den Fortschritt der anderen, der Gegner, zur Freiheit glaubt, glaubt auch nicht wirklich an den eigenen Fortschritt. Fatalismus, Defaitismus — anders aber, als es unsere Reaktionäre verstehen — und mangelnder Glaube an die gute Zukunft sind die gefährlichsten Feinde des guten, gesunden Widerstandsdenkens und Widerstandshandelns. An die Freiheit glauben, an ihr notwendiges und mögliches Wachsen in aller Welt und im eigenen Volk, bedeutet nicht: von Freiheit reden und schreiben, sondern: wissen, daß der Fortschritt zur Freiheit und in der Freiheit unendlich mühselig, mit großer Geduld, mit großen Opfern, mit vielen Rückschlägen erkämpft werden muß. Wie weit sind wir im deutschen Raum fortgeschritten im Erwerb jener inneren Freiheit, von der der große deutsche Weise in Königsberg sprach: Fortschritt in der Aufklärung, Fortschritt aus selbstverschuldeter Unmündigkeit?

Wer sich mit der Befreiung anderer Menschen aus fremdverschuldeter Unmündigkeit befassen will, muß sich zuerst und immer wieder mit dem eigenen Fortschritt aus selbstverschuldeter Unmündigkeit befassen. Wer sich mit fremder Gehirnwäsche wirksam auseinandersetzen will, muß zuerst das eigene Hirn lüften, das eigene Herz waschen, selber aufsteigen aus dem düsteren Bannkreis dumpfer Wahnängste und Wahnhoffnungen. Wir können den Menschen in den osteuropäischen Ländern nur helfen, wenn wir als erstes uns selbst helfen: wenn wir selbst freier werden.

Adolf Hitler hat den deutschen Widerstand 1944 zerschlagen. Adolf Hitler, der Magier aus dem österreichischen Untergrund, der Erbe mittelalterlicher religiös-politischer Volksführer, ist heute, als einer der wenigen wirklichen Sieger des Zweiten Weltkrieges, Urheber des härtesten Widerstandes gegen den Widerstand. Adolf Hitler hat tief in den Seelen von Deutschen gesiegt, nachdem er auf den äußeren Schlachtfeldern einigen Raum zunächst im Frühjahr 1945 verloren hatte. Einige bedeutende Siege Adolf Hitlers in der öffentlichen Meinungsbildung:

  1. Es gibt keine Evolution im Kommunismus. Dieser bleibt sich im Grunde immer gleich. Das ist das Grunddogma des westlichen Defaitismus.
  2. Mit den kommunistischen Mächten kann man nur in der Sprache der Waffen reden. Das ist zudem noch ein alter deutscher Irrglaube, Widukind von Corvey legt ihn bereits Otto dem Großen in den Mund: Mit den Slawen kann man nur in der Sprache des Schwertes sprechen.
  3. Mit kommunistischen Ländern gibt es keine Zusammenarbeit. — Widerstand im nuklearen Zeitalter des Weltbürgerkrieges ist jedoch an Begegnung, ja an Zusammenarbeit in gewissen Bereichen gebunden. Nur so können wir unser Anderssein wirksam präsentieren. Die Verbreitung der Zeitschrift „America“ in der Sowjetunion setzt Abkommen voraus, die auf Gegenseitigkeit beruhen.

Gesunder Antikommunismus

Adolf Hitlers mörderischer und selbstmörderischer Antibolschewismus, heute noch weit verbreitet, verhindert die Entstehung eines gesunden Antikommunismus, der allein die Basis für die Förderung der Freiheit im eigenen und fremden Land bilden kann. Gesunder Antikommunismus weiß: Widerstand in den Staaten des Ostblocks kann sinnvoll und geschichtsmächtig nur innerhalb der bestehenden politischen Verhältnisse entwickelt werden. Wer aber, wie häufig hierzulande, „rot“ und „braun“ identifiziert, wer so farbenblind ist, der besitzt kein Verständnis für die Geschichtsmächtigkeit des Kommunismus. Wer auf viele Generationen hinaus dem Kommunismus von außen her Widerstand leisten will, muß sich täglich für die Aufgaben und Möglichkeiten des Widerstandes innerhalb des Kommunismus leidenschaftlich und nüchtern, liebend und illusionslos interessieren. Wer die sogenannten „inneren Streitigkeiten“, die Entwicklung in Moskau und Leningrad, Warschau, Sofia, Budapest, Bukarest, Prag als uninteressant beiseiteschiebt, wer das Ringen der russischen und polnischen Jugend um das Wachsen von Freiheit innerhalb ihrer kommunistischen Staatsordnung nicht würdigt und dies nicht als Teil des großen Kampfes der ganzen Menschheit um Freiheit begreift — der verstellt sich selbst das Verständnis der Gegenwart und alle guten Wege in die Zukunft, der baut, in eigener Regie, eine Mauer gegen Berlin, setzt neben Ulbrichts Mauer eine zweite Mauer.

Für die Deutschen in der „DDR“ werden Deutsche in der Bundesrepublik erst dann wirksam etwas tun können, wenn sie ihre Beziehungen zu den Ostslawen und Südslawen, zu Rußland, Polen usw. geregelt haben. Wer also heute bei uns im Westen, und im westlichen Deutschland, Widerstand gegen den Kommunismus und Widerstand im Kommunismus bedenken und sich in ihm engagieren will, bedarf einer Änderung des Bewußtseins.

Ohne Änderung der Bewußtseinslage, ohne Änderung des geistigen und seelischen Klimas gibt es keine Ansätze eines neuen Widerstandes — eines Widerstandes im Weltbürgerkrieg, in dem der neue Widerständler seiner Verantwortung bewußt ist: für sein eigenes Volk, für seine eigene Partei, für seine inneren und äußeren Freunde und Gegner.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1963
, Seite 332
Autor/inn/en:

Friedrich Heer:

Geboren 1916 Wien, gestorben 1983 ebenda, Kulturpublizist, Historiker, Kulturkritiker, Professor der Universität Wien, Dramaturg des Burgtheaters.

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