FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 212/I-IV
Germaine Greer

Warum hassen uns die Männer?

Der nachfolgende Text stammt von der vielleicht muntersten Protagonistin der angelsächsischen Frauenbefreiungsbewegung. In ungekürzter Form wird er als Kapitel „Abscheu und Ekel“ in der deutschen Ausgabe des Greer’schen Erfolgsbuches „Der weibliche Eunuch. Aufruf zur Befreiung der Frau“ demnächst bei S. Fischer erscheinen.

Germaine Greer

Die Frauen haben keine Ahnung, wie sehr die Männer sie hassen. Jeder Junge, der in einer englischen Industriestadt aufgewachsen ist, kann beschreiben, wie die Jungen auf dem Tanzboden herumlungern, bis sie unter dem Druck simpelster sexueller Impulse „einen Zahn aufreißen“. Je leichter das ist, um so mehr verachten sie das Mädchen und identifizieren es mit den Schuldgefühlen, die ihre schmutzige sexuelle Erleichterung bei ihnen hinterläßt. „Ein Gang an die Bushaltestelle rentiert sich gewöhnlich für einen Fick“, sagen sie bitter.

Die Mädchen sind zurückhaltend, schweigsam und hilflos, sie hoffen vermutlich, daß aus der Erleichterung, die sie zu geben glauben, ein bißchen Zuneigung und Schutzinstinkt werden könnte. Die weniger empfindlichen werden, an eine Wand gelehnt oder auf einem Ledermantel auf dem Boden von Woolworths Fahrradschuppen gefickt. Aus diesem kalten Notbehelf kommt keine sonderliche Befriedigung. „Ein Fick ist so gut wie ein Luftsprung.“

Danach sind die Jungen kurz angebunden, hetzen die Mädchen an die Bushaltestelle und genießen nur die Aussicht, den anderen Jungen von ihrer Eroberung zu erzählen. In den Augenblicken direkt nach der Ejakulation empfinden sie mörderischen Ekel. „Wenn ich fertig bin, bin ich fertig. Ich habe Lust, sie einfach zu erwürgen und dann einzuschlafen.“

Sie sind alle ständig pleite und leben zu Hause bei den Eltern; auch wenn sie eine Dauerbeziehung zu einem Mädchen anknüpfen, ist das Ganze eine permanente Streiterei auf der Basis tödlicher Routine, mit ewigem Geblöke und Gezänke. Auf wahllose und zufällige Weise finden sie Befreiung in allem, was nach einer duften Keilerei aussieht. Sie kämpfen bösartig, springen unvorbereitete Gegner an, bringen ihnen Bißwunden an Gesicht und Hals bei und rennen weg, bevor die anderen sich rächen können.

So verbitterte Kinder sind nur an einer Art Frauen interessiert, an den Verfügbaren; über die nicht verfügbaren Mädchen denken sie nicht besser: die einen sind die Nutten, die anderen die Feiglinge. Jeder Mann endet bei der einen oder anderen.

Der Ehe wird mit Fatalismus entgegen gesehen; früher oder später wirst du schon merken, daß du bis zum Hals im System steckst, du tust sinnlose Arbeit, um eine verblühende Frau und ihre lärmenden Kinder in einer zu engen Wohnung in einer langweiligen Stadt für den Rest deines Lebens auszuhalten. Bald vergeht sogar die Lust an der Keilerei, und die einzige Fluchtmöglichkeit bleiben ein oder zwei Stunden im Wirtshaus, so oft die Alte dich hinläßt.

Der Mann, von dem ich diese Beschreibung habe, glaubt, daß alle Männer „danach“ vom Sex angewidert seien. Er versicherte, daß die Kälte, die Männer nach dem Geschlechtsverkehr zeigen, in Wirklichkeit Ekel ist. Er konnte sich nicht erinnern, jemals Sex gehabt zu haben, der frei war von Verachtung, außer mit einer einzigen Frau. Es wäre zu einfach, dies als einen Einzelfall abzutun. Er ist aus dem Verlust menschlicher Würde erwachsen, der ein Ergebnis von Langeweile und Restriktion ist.

Wo ein gewisses Maß an Wohlhabenheit die unästhetischen Elemente in sexuellen Begegnungen vermindert, mag der Ekel geringer sein, aber solange Sex böse und schmutzig ist, müssen starke Ambivalenzgefühlle gegenüber dem Objekt sexueller Aufmerksamkeit bestehen bleiben. In extremen Fällen kann das sogar zur Impotenz in der Ehe führen, weil man die Ehefrau nicht erniedrigen darf.

Als Freewhellin’ Frank 1967 zu Michael McClurge sagte, er denke nicht mehr „schmutzig oder dreckig“ über Frauen, seitdem er LSD nehme, sagte er nicht die ganze Wahrheit. Die Rebellion der Hell’s Angels kehrte die traditionellen ästhetischen Werte dermaßen um, daß sie als Feier des Abscheus die widerlichsten sexuellen Rituale einführte:

Wenn wir vom Fotzenessen reden, machen wir das so dreckig und vulgär wie nur möglich — damit man kotzen muß. Die Angel-Mamas sind Nymphomaninnen, die in Sachen Sex alles machen. Die Angel-Mama menstruiert dann, hat ihre Periode und ist ganz blutig. Je dreckiger sie ist, um so mehr Klasse zeigt das Mitglied, das sie vor allen anderen besteigt — vor wenigstens sechs Mitgliedern — und wie es mit ihr fertig wird, wenn alle zusehen. Es hat schon manches Mitglied gegeben, das kotzen mußte, wenn es dazu gezwungen wurde.

Eldridge Cleaver wurde zum Notzüchtiger, als er aus San Quentin kam, „bewußt, freiwillig, vorsätzlich und methodisch ... Viele Weiße schmeicheln sich mit der Vorstellung, daß die Begierde und das Verlangen nach dem weißen Traummädchen für den Neger eine rein ästhetische Attraktion sei; nichts aber könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Seine Beweggründe sind oft grausam, haßerfüllt, verbittert und feindselig.“

Es ist eine böse Täuschung, zu glauben, Vergewaltigung sei Ausdruck unkontrollierbaren Begehrens oder eine Art zwanghafter Reaktion auf überwältigende Anziehungskraft. Jedes Mädchen, das geschlagen und vergewaltigt wurde, kann bezeugen, wie scheußlich es ist, wenn sie fleht, man solle ihr den Grund nennen, und ihr Angreifer antwortet „Weil ich dich liebe“ oder „Weil du so schön bist“ oder ähnlichen Quatsch. Der Akt ist mörderisch aggressiv, voller Selbstverachtung, ausgeführt am verhaßten Anderen.

Die Männer kennen selber das Ausmaß ihres Hasses nicht. Er wird in flammenden Artikeln ausgespielt, in Magazinen für Trottel mit Männlichkeitsproblemen. „Geile Frauen, und wie sie sich verraten“, schreibt Alex Austin in „Male“ und zählt ein paar harmlose Angewohnheiten auf wie Schuheausziehen und herzhaften Appetit (auf Essen) auf, und das soll verborgene Geilheit bei Frauen verraten.

Das Ziel solcher Artikel ist es, zu suggerieren, die Welt sei voll von trinkfreudigen Flittchen in duften Klamotten, die die ungalantesten Avancen willkommen heißen, obwohl sie das höchst zimperlich ableugnen. Solche Frauen sind „zu haben“, sind „leicht“, sind „zum Umlegen“. Was ihnen geschieht, haben sie verdient.

Eine bestimmte Sorte Männer flüstert unter dem Eindruck dieser Diskriminierung auf der Straße vorübergehenden Frauen Obszönitäten ins Ohr, lacht über die Demütigung und Verunsicherung und hält sie für den Beweis versteckter tierischer Begierden, an die er angestachelt hat. Meistens bekommen die Frauen die geflüsterte Botschaft gar nicht mit, aber Stimme und Blick sind eindeutig. Wenn Männer in Bussen und Unterführungen Frauen durch stummes Anglotzen bewundern und mit dem Kleingeld in der Manteltasche rasseln, bedienen sie sich der gleichen haßerfüllten Anzüglichkeit. Welche Täuschung auch immer Männer bewegen mag, hinter Frauen auf belebten Straßen herzulaufen, sie kommt aus der gleichen Vorstellung, dort verberge sich tierische Lust und der Wunsch nach Erniedrigung unter braver Hülle. Die Gier nach losen Frauen ist undifferenziert, ein brennendes Verlangen, das zutiefst deplaziert und ekelhaft ist. Die Artikel, die ich erwähnte, enthalten auch noch die Beschreibung einiger Fluchtwege aus den Fängen der heißen Hündinnen.

Es mag viele Frauen geben, die solche Vorstellungen von ihrem Geschlecht und ihrer Sexualität in Bausch und Bogen verdammen, die Tatsache bleibt bestehen, daß sich die Hell’s Angels über keinen Mangel an Angel-Mamas zu beklagen haben, die tatsächlich ganze Bataillone versorgen, während die Angel-Frauen den Status einer „Festen“ haben.

Es gibt Frauen, die genauso scharf auf Degradierung sind, wie es Männer gibt, die sie ihnen gerne beibringen, wenn auch ihre Motivation sich gründlich von den Unterstellungen in „Male“ und „Stag“ unterscheidet und ihre Zahl viel kleiner ist, als diese Blätter uns weismachen wolten.

Das Image von Freewhelin’ Frank verkaufte sich so gut, daß er mehr als seinen fairen Anteil einstrich, und das Ergebnis war nicht überraschend.

... Dann ließ ich mein Kinn auf ihrem Hals kreisen und kniff sie in den Schenkel. Sie bekam solche Angst, daß sie glücklich wurde. Dann fing im Radio der Song ‚Everyone has gone to the Moon‘ an. Ich sagte ‚Weißt du, wo wir hinsteuern?‘

Sie sagte ‚Liebe mich‘.

Ich sagte voller Wut ‚Du Nutte‘ und wurde kalt und rollte auf die Seite und hörte der Musik zu ... Manchmal rolle ich mich nachts auf den Rücken, Gesicht nach oben, und ich sehe sie zu meiner Linken, mit weit offenen Augen, als wäre sie tot. Das hilft mir, wieder einzuschlafen. Sie wollte wieder einschlafen. Einmal wollte sie spazierengehen. Ich sagte ‚Geh. Schließ hinter dir ab.‘

Ich mag keine Frauen, ich verachte sie. Ich geb mir auch keine Mühe mehr, ihnen zu gefallen. Ich schnapp über, wenn sie sehr lange um mich sind. Ich habe das Gefühl, ich kann sie hereinrufen und wieder entlassen.

Wir rangieren irgendwo zwischen Pissen und Scheißen, und solange diese exkretorische Funktion ihrem Wesen nach als ekelhaft gilt, wird die andre, die Ejakulation, genauso verstanden. Der unfreiwillige Samenerguß während der Nacht wird eine nächtliche „Pollution“, „Verschmutzung“ genannt; die Substanz selber ist fies und klebrig, weißlich und scharf wie die noch ekelhaftere Substanz Rotz für den, der sich vor Rotz ekelt.

Menschliche Wesen haben ungewöhnliche Wege, ihrer Konditionierung zu entfliehen, so daß man zum Beispiel einen Herrn im Bowlerhut trifft, der sich im Zug versunken in der Nase bohrt und aufißt, was er dort findet, aber wenn wir ihn ins volle Bewußtsein zurückrufen, werden sich vermutlich heftige Verwirrung, Scham, ein Gefühl der Demütigung, Ekel und sogar Abscheu einstellen.

Wenn man einen Pfad durch die Wildnis des Sexuellen schlägt, kann man leicht auf den Sumpf aus Ekel stoßen, denn jede unanständige und zwanghafte Tat kann dadurch verdrängt werden, daß man alles Unanständige und alles Zwanghafte dem Partner in die Schuhe schiebt.

Wenn ein Mann sich zu masturbieren schämt und statt dessen zu seiner sexuellen Erleichterung Frauen anfällt, wird die der masturbatorischen Handlung geltende Scham, die in diesem Fall nichts nennenswert anderes ist, wenn man davon absieht, daß die Reibung von einem weiblichen Organ ausgeführt wird und die Ejakulation in der Vagina stattfindet, auf die Frau projiziert. Der Mann betrachtet sie als Behälter, in den er sein Sperma geleert hat, als eine Art menschlichen Spucknapf, und wendet sich mit Ekel von ihr ab.

Solange der Mann mit seiner eigenen Sexualität nicht im Reinen ist und solange er die Frau als reines Sexualwesen sieht, wird er sie hassen, zumindest manchmal.

Wenn eine Frau zum erstenmal mit einem Mann ins Bett geht, weiß sie, daß sie riskiert, mit Verachtung behandelt zu werden. Ihr Auserwählter kann weggehen oder ihr direkt nach seinem Orgasmus den Rücken kehren, er kann einschlafen oder so tun; er kann am nächsten Morgen lakonisch oder kurz angebunden sein: er kann für immer verschwinden. Sie hofft, daß er mit seinen Freunden nicht in verächtlichem Ton über sie spricht. Die Worte, die man zur Beschreibung von Frauen wählt, die nichts dagegen haben, mit Männern zu schlafen, die gerne mit ihnen schlafen wollen, sind Epitheta der Sexualverachtung, ungefiltert durch ästhetische und romantische Phantasie.

Gescheite Männer erkennen, daß diese Verachtung eine Projektion von Schamgefühlen ist, und lassen sie erst gar nicht ins Spiel kommen, aber weil sie dem gleichen Sauberkeitsdrill und dem gleichen Zivilisierungsprozeß unterlagen wie die totalen Opfer von Ekel und Verachtung, spüren sie immer noch die Stiche. Sie gebrauchen noch immer „Fuck you“ als gemeine Beleidigung; sie finden immer noch, daß „Fotze“ das erniedrigendste Attribut ist.

In einer zivilisierten Gesellschaft wie der unsren ist es unmöglich, das Ausmaß dieses Gefühls abzuschätzen: die Menschen tendieren dazu, es zu verniedlichen um ihrer Selbstachtung willen, aber kein Mensch geniert sich zu gestehen, daß er die Promiskuität verachtet, obwohl man argumentieren könnte, daß Sex, wenn er etwas Gutes ist, nicht dadurch verächtlich werden kann, daß er oft oder mit verschiedenen Personen betrieben wird. Das sophistische Argument lautet, Promiskuität werte den Sex ab, mache ihn alltäglich, unpersönlich etc., aber die Art von Niedergeschlagenheit bei jenen Männern, die durch ihre Lebensverhältnisse gezwungen sind, mehr oder weniger promiskuös zu leben, wie zum Beispiel Musiker, ist in Wirklichkeit immer noch die gute alte Verachtung.

Sehr wenige Männer, die wahllos herumschlafen, können sich mit den Frauen, die ihnen besondere Gunstbezeigungen gewährten, auf menschliche Weise unterhalten. So manche Frau gesteht sich bestürzt ein, daß ihre raffinierten sexuellen Techniken, ihr delikates Verständnis für die Bedürfnisse ihres polymorphen Partners und ihre sexuelle Generosität im allgemeinen direkt dazu führten, daß sich bei ihrem Liebhaber Sinnesänderung und Entfremdung einstellen.

Einen Schlüssel für Sexualverbrechen können wir vielleicht in der Unfähigkeit der Männer finden, ihre Hemmungen bei der anständigen Frau abzuwerfen, die gut genug ist zum Heiraten, und in ihrer Wut und ihrem Ekel über das, was die unterdrückte Begierde sie schließlich zu tun zwingt.

Es ist die abscheulichste Seite der Prostitution, daß manche Prostituierte bestialische Rituale über sich ergehen lassen muß, die zivilisierte Männer zu ihrer sexuellen Erleichterung notwendig finden. Viele Prostituierte bezeichnen dies als ihre soziale Funktion. Die unglücklichen Mädchen, die mit ihren eigenen Strümpfen erdrosselt und mit Flaschen mißbraucht aufgefunden werden, sind die Opfer der Frauenverachtung, und doch hat nach solchen Freveltaten an ihrem Geschlecht noch keine Frau ausgerufen „Warum haßt ihr uns so?“

Etwas von der alarmierenden Schockwirkung, die „Letzte Ausfahrt in Brooklyn“ hervorrief, wurzelt in dem Schuldgefühl des Lesers, der sich selbst in der grauenhaften Logik von Tralalas Ende wiedererkennt.

... und es kamen mehr vielleicht 40 oder 50 und vögelten sie und stellten sich hinten wieder an und tranken Bier und brüllten und lachten und einer rief der Wagen stinkt nach Möse und so wurden Tralala und der Sitz herausgehoben und auf die Erde gelegt und sie lag nackt auf dem Sitz und die Schatten der Männer verbargen ihre Pickel und den Grind und sie trank indes sie ihre Brüste mit der anderen Hand in schaukelnde Bewegung setzte und einer zwängte ihr die Bierdose in den Mund und alle lachten und Tralala fluchte und spuckte ein Stück Zahn aus und ein anderer rammte ihr wieder die Bierdose in den Mund und sie brüllten auf und wieherten und der nächste bestieg sie und ihre Lippen waren jetzt gespalten und Blut tröpfelte ihr übers Kinn und einer wischte ihr mit einem biergetränkten Taschentuch über die Stirn und man gab ihr eine neue Dose Bier und sie trank und brüllte daß sie die größten Brüste der Welt hätte und ein weiterer Zahn brach ab und der Riß in ihrer Lippe verbreiterte sich und alle lachten und sie lachte und trank und trank und bald war sie gänzlich hinüber und sie schlugen sie ein paarmal ins Gesicht und sie murmelte und drehte den Kopf doch es gelang ihnen nicht sie wieder zu sich zu bringen und so fuhren sie fort sie zu vögeln und sie lag bewußtlos auf dem Autositz auf der Erde auf dem unbebauten Grundstück und bald waren sie das leblose Stück leid und die Schlange löste sich auf und sie gingen zurück zu „Willie“ und zum Griechen und zur Kaserne und die Jungs die herumgestanden und zugesehen und gewartet hatten bis sie endlich drankamen ließen ihre Enttäuschung an Tralala aus und rissen ihre Kleider in kleine Fetzen drückten ein paar Zigaretten auf ihren Brustwarzen aus bepißten sie wichsten über ihr stießen ihr einen Besenstiel zwischen die Beine und gingen dann angeödet fort und ließen sie liegen zwischen Flaschenscherben und rostigen Konservendosen und dem übrigen Abfall und Jack und Fred und Ruthy und Annie fielen in ein Taxi und lachten immer noch und sahen alle aus dem Fenster als sie an dem verlassenen Grundstück vorbeifuhren und sahen sich Tralala an die nackt dalag bedeckt von Blut Urin Samen und ein dunkler Fleck breitete sich langsam zwischen ihren Beinen wo das Blut hervorsickerte auf dem Autositz aus ...

Bestraft, bestraft und nochmal bestraft, weil Gegenstand von Haß, Angst und Abscheu, durch ihre magischen Mündungen, durch Fotze und Mund, arme Tralala. Frauen sind bei Sexualverbrechen niemals die Ausführenden, auch nicht, wenn sie an Männerkörpern geschehen. Was dieser Sachverhalt bedeutet, muß sich jede Frauenbewegung klar machen.

Fotzenhaß lebt in unserer Zivilisation in Myriaden kleiner Hinweise weiter, die in den meisten Fällen von den Trägern solcher Hinweise vehement abgeleugnet würden. Die tiefe Aversion gegen „den Pelz“ in Pin-ups, die in Posen zum Ausdruck kommt, die die Genitalgegend verkleinern, ist ein Teil des Ekels vor dem Organ selber. Frauen von bemerkenswerter Erfahrung, wie die Autorin von „Groupie“, die sich mit ihrer Übung in Fellatio brüsten und schmücken, sind der Ansicht, daß der Cunnilingus „weniger doll“ sein müsse und sie ihn nie von einem Mann, der mit ihnen schläft, erwarten würden. Andere Frauen werden beim Cunnilingus verlegen und sind fest überzeugt, daß die Männer ihn widerlich finden. Trotz meiner Vorsätze empfinde ich manchmal das gleiche, und ich kann nicht so tun, als sei das nur wegen der allzu großen Intimität oder Unpersönlichkeit des Vorgangs.

Die vaginale Ausscheidung ist Gegenstand einer ausgiebigen Folklore; die immensen Werbefeldzüge für Deodorantien und Duftstoffe für die Vulvagegend machen sich bewußt die weiblichen Zweifel zunutze, ob die natürlichen Geschmäcke und Gerüche annehmbar sind. Ein Vaginaldeodorant schmeckt sogar nach Pfefferminz, um eine Illusion von Frische und Unmenschlichkeit zu schaffen. Andere riechen nach Menthol. Die Vagina wird als „Problem“ bezeichnet, das etwas von der Schönheit der Intimität nimmt. Der übertriebene Gebrauch von Duschen mit chemischen Zusätzen ist in Wirklichkeit schädlich für das Gleichgewicht der Organismen in der Vagina, aber kein Arzt wagt es, diesen Brauch offen zu verurteilen.

Frauen, die darauf versessen sind, ein natürliches Verhältnis zu ihrem Körper zu bekommen und wissen, wie weit sie in Wirklichkeit davon entfernt sind, sollten einmal ihre Reaktion auf den Vorschlag prüfen, die eigenen Vaginalsekrete am Finger oder am Mund ihres Liebhabers zu kosten. Trotz meines Bekehrungseifers muß ich gestehen, daß es mich wie ein Schlag durchfuhr, als eine der Damen, denen dieses Buch gewidmet ist, mir erzählte, sie habe ihr Menstruationsblut am Penis ihres Liebhabers gekostet. Es ist nichts Schreckliches an diesem Blut, nichts Giftiges; ich würde an einem blutenden Finger saugen, eine blutende Lippe küssen, und doch ... Die einzige Kur für solchen Aberglauben ist die in aller Unschuld gemachte Erfahrung.

Unterdrückter Ekel vor den weiblichen Genitalien ist der Grund, warum Schmerzen und Entzündungen der Scheide selten richtig diagnostiziert werden, und viele Frauen behandeln sich falsch bei Beschwerden, die sie als chronisch oder nervös oder „moralisch“ bezeichnen, bis jede Behandlung zu spät ist. Fälle unheilbarer Trichomonadeninfektionen sind immer auf Angst, Aberglauben und ärztliche Nachlässigkeit zurückzuführen. Penisbeschwerden können so simpel und harmlos sein wie Fußflechte, vaginale genauso. In jedem Fall sollte eine Untersuchung vorgenommen werden.

Die eingebildete Verbindung von „prurigine vulvae“ mit ausschweifender sexueller Begierde ist ein zusätzlicher Grund, warum man Schmerzen bei Frauen nicht ernst nimmt. Zu der Phantasievorstellung vom flammenden Schmerz der geilen Vagina gesellen sich weitere fixe Ideen, zum Beispiel von der richtigen Färbung der kleinen Schamlippen, die sogar das ärztliche Urteil beeinflussen. Die Möse einer frischen und tugendhaften Frau soll rosa sein und weich, die Klitoris kaum vorstehen, die Haut der Schamlippen weich und dünn. Der purpurne Schimmer bei dunkelhäutigen Frauen ist suspekt, und die Rötung des Labialgewebes gilt als Zeichen exzessiver Erregbarkeit, Selbstbefriedigung oder Begierde.

Auf der Basis willkürlicher Mutmaßungen über Färbung und Form der kleinen Schamlippen entdeckten Ärzte in Amerika um die Jahrhundertwende Hunderte von Fällen gewohnheitsmäßiger Selbstbefriedigung und behandelten sie auf die barbarischste Weise, die man sich vorstellen kann — durch Klitorektomie. Nie wurde dieses Heilmittel gegen männliche Masturbation vorgeschlagen, aber an Frauen wurden in vielen Fällen Kastrationen ausgeführt. Die einzige überzeugende Motivation für solche Therapie ist Fotzenhaß.

Der allgemeine Mangel an Respekt für das weibliche Organ wird im weiblichen Selbstverständnis zur Schwäche. Frauen benehmen sich ihren eigenen Organen und deren Funktionen gegenüber heimlichtuerisch und verstohlen.

Der schlagendste Beweis für Fotzenhaß findet sich dort, wo gefährliche Gegenstände in Vagina und Harnleiter eingeführt werden, und zwar von den Frauen selber. Die gynäkologischen Fallbeschreibungen enthalten Beispiele von Frauen, die Nadeln und Haarklemmen in die Blase einführten und sich dabei ums Leben brachten.

Viele Menstruationsbeschwerden kommen aus der Unfähigkeit, die Weiblichkeit mit ihren Begleiterscheinungen zu akzeptieren.

Manches dumme Mädchen, das Epsom-Salz schluckt und Gin hinterher und sich im kochenden Bad verbrüht, quält sich weniger, um eine Abtreibung einzuleiten, sondern um sich für ihre weibliche Sexualität zu bestrafen. Die Selbstverachtung ist ein wichtiger Faktor der Nymphomanie, die im allgemeinen zwangshafte Selbsterniedrigung ist.

Die Frauen werden einer so gewaltigen Gehirnwäsche unterzogen in bezug auf das Image, das sie zu verkörpern haben, daß sie sich trotz der gängigen Vorstellungen zu diesem Thema kaum ohne Hemmungen ausziehen können. Sie entschuldigen sich oft wegen ihres Körpers, der jenem künstlichen Lustobjekt, das die Medien beherrscht, nicht nahekommt. Brüste und Hintern sind immer zu dick oder zu dünn, falsch geformt oder zu weich, ihre Arme sind behaart oder zu muskulös oder zu dünn, die Beine zu kurz, zu stämmig und so fort.

Es ist eine gültige Beobachtung, daß alle Frauen mit lockigem Haar versuchen, es glatt zu kriegen und alle Frauen mit glattem, sich Locken machen, daß sie die Brüste zusammenschnüren, wenn sie zu groß sind, das Haar dunkler färben, wenn es hell ist und es bleichen, wenn es dunkel ist. Nicht alle diese Richtlinien werden von dem Phantom Mode diktiert. Sie alle spiegeln Unzufriedenheit mit der Beschaffenheit des eigenen Körpers wider und den tiefen Wunsch nach einem anderen, der nicht natürlich ist, sondern kontrolliert, fabriziert. Viele weibliche Kniffe haben nichts mit Kosmetik oder dem Wunsch, sich zu schmücken zu tun, sondern sind Verbrämungen des Wirklichen, entstanden aus Furcht und Widerwillen. Weiches Licht, Reizwäsche, Drinks und leise Musik können helfen, ein minderwertiges Warenangebot an den Mann zu bringen, das unter hartem Licht und ganz nackt abstoßend wirken könnte.

Bevor es der natürlichen Frau gelingt, dieses künstliche Spektrum aus ihrer und ihres Mannes Phantasie zu verbannen, wird sie weiterhin in Entschuldigungen und Verkleidungen flüchten und bei ihrem Mann den Hängebauch, das Doppelkinn, den schlechten Atem, Bartstoppeln, Furzen, Glatze und andere häßliche Eigenschaften ohne Murren akzeptieren. Der Mann fordert in seiner Arroganz, daß man ihn so liebt, wie er ist, und er weigert sich, eine Entwicklung seines Körpers zu verhindern, die das ästhetische Empfinden seiner Frau verletzen könnte. Die Frau dagegen darf sich mit Gesundheit und Behendigkeit nicht zufrieden geben: sie muß die verrücktesten Anstrengungen machen, etwas zu scheinen, was ohne raffinierte Verkehrung der Natur niemals existieren könnte. Ist es zu viel verlangt, wenn wir bitten, den Frauen möge der tägliche Kampf um übermenschliche Schönheit erspart bleiben, die sie dann in den Umarmungen eines übermenschlich häßlichen Gatten anbieten?

Frauen haben den Leumund, sich niemals zu ekeln. Sie ekeln sich oft, leider, aber nicht vor den Männern; unter Anleitung der Männer ekeln sie sich meistens vor sich selber.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1971
, Seite 20
Autor/inn/en:

Germaine Greer:

Foto: Von Hans Peters / Anefo - Nationaal Archief Fotocollectie Anefo, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73262479
1939 in Melbourne geboren. Sie studierte an den Universitäten Melbourne, Sidney und Cambridge und promovierte über Shakespeares frühe Komödien. Die Professorin für Englische Literatur und Komparatistik an der englischen Warwick University lebt seit 1964 in Großbritannien. Weltweit bekannt wurde die streitbare Feministin und Erfolgsautorin mit ihrem Werk „Der weibliche Eunuch“. Unter dem Pseudonym Rose Blight veröffentlichte sie den Kurzgeschichtenband „Heckengeflüster“.

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