FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 184/II
Milovan Đilas

Warnung an die Neue Linke

Milovan Djilas, mehrfach FORVM-Autor [*] ist nach neun Jahren Gefängnis entlassen und sogar mit einem Paß versehen worden. Er wird in Wien, auf Einladung des NEUEN FORVMS und des Kritischen Klubs, einen Vortrag halten: „Die unvollkommene Gesellschaft/jenseits der Neuen Klasse“. Dies ist auch der Titel seines neuen Buches, bei Molden, Wien, welchem der nachfolgende Text entstammt.

Für Franz Kafka war die Menschheit verurteilt, ehe sie Schuld auf sich lud — verurteilt durch ihr Menschsein. Es ist kein Zufall, daß er, wenn ich mich recht erinnere, beim Aufmarsch einer Arbeiterdemonstration seinem Freund Max Brod schilderte, wie er hinter den Marschierenden größere und kleinere Führer, Sekretäre und Komitees als künftige Herren der Gesellschaft und eben dieser begeisterten und mutigen Masse sehe.

Dies zu einer Zeit, als Liberale und Empiriker den Sozialismus für ein sinnloses Abenteuer und eine kindische Utopie hielten, während die Sozialisten selbst ihn als die „endlich entdeckte“, „wissenschaftlich bewiesene“, „in der Praxis geprüfte“ Ordnung der Brüderlichkeit ansahen.

Die Geschichte der Macht ist immer wieder erzählt worden. Aus der Not des zerstückelten Italiens zur Zeit der Renaissance und der Unverfrorenheit, mit der die Fürsten um die Macht kämpften, schöpfte Niccolo Machiavelli, ein sensibler und tiefer Denker, ein tragisches Bild menschlichen Schicksals in der Gesellschaft.

Die Gesellschaft, Ensemble verschiedener Schichten und Kräfte, Bestrebungen und Ideen, kann nicht ohne Herrschaft existieren. Herrschaft kann nicht ohne Kampf entstehen und sich erhalten. In diesem Kampf verwendet man alle geeigneten Mittel, auch Ideen.

Alle anderen Geschichten darüber sind Legenden, jeder andere Trost ist vergeblich. Wer Politik und Gesellschaft ohne Herrschaft und Macht predigt, lebt in Illusionen.

Das Desinteresse des heutigen Menschen an der Politik, besser: seine Weigerung, sich dafür zu interessieren, ergibt sich aus der unheilvollen Teilung der Welt:

Da ist auf der einen Seite das Mehrparteiensystem. Die einen halten es für einen Gesellschaftsmechanismus, der auch ohne sie in irgendeiner Art funktioniere; die anderen meinen, daß ihre politische Aktivität die eingespielten Parteimaschinerien keinesfalls beeinflussen könne.

Auf der anderen Seite das Einparteiensystem. Hier ist das Volk politisch passiv, weil Politik gar nicht existiert, allein schon dadurch aufgehoben wurde, daß die Parteispitze sie für sich monopeolisiert.

Politik ist Existenz des Menschen in seiner gesellschaftlichen und nationalen Gemeinschaft und Existenz dieser Gemeinschaft innerhalb anderer. Man kann ihr sowenig entrinnen wie dem Leben und Tod. Passivität in der Politik ist in Wirklichkeit Auslieferung auf Gnade und Ungnade an „höhere Mächte“.

Die Entscheidung für diese oder jene politische Richtung ist letztlich gleichbedeutend mit der Wahl der politischen Machtmittel. Sie — und nur sie — liefern eine zuverlässige Beurteilung der Ideen, in deren Namen sie zur Anwendung gelangen, und der Führer, die sich ihrer bedienen.

Während ich diese Zeilen schreibe, flammen die Straßen von Paris, West-Berlin und viele Universitäten in den USA vom Zorn der jungen Intellektuellen gegen die Wohlstandsgesellschaft mit ihren kaum unterscheidbaren Parteien, ihrer standardisierten Produktion und ihren verklausulierten Freiheiten.

Vor kurzem geschah ähnliches in den Straßen von Warschau und Prag: gegen die antiquierten Dogmen der Führung und gegen die Unterordnung nationaler Interessen unter die Ansprüche des sowjetischen „älteren Bruders“.

Obwohl die unmittelbaren Anlässe und Ziele dieser Bewegungen verschieden sind, haben sie auch vieles gemeinsam. Durch die gewaltigen Ansprüche der modernen Technik gibt es immer mehr Intellektuelle, sie spielen heute eine weniger abhängige, bedeutendere Rolle in der Gesellschaft als je zuvor. In jungen Menschen erstehen Visionen einer Welt, die mehr nach ihrem Sinn, das heißt menschlicher ist:

  • eine Welt, nicht durch Ideologien beschnitten und zerrissen;
  • eine Welt ohne Furcht vor dem universalen Atomtod;
  • eine Welt, deren Bewohner nicht durch Armut und Despotie entrechtet, durch rassische und ideologischa Diskriminierung entehrt werden;
  • eine Welt ohne strategische Kriege wie den in Vietnam und ohne Aggression gegen friedliche selbständige Staaten wie die Tschechoslowakei.

Doch an diesen durch die Jugend entzündeten Feuern wärmen sich bereits andere ideologische und politische Kräfte und schüren sie. Sie sind bis jetzt deutlicher und ausgeprägter im Westen, wo sie unter der populären Bezeichnung „Neue Linke“ laufen.

Nach einem ganzen Jahrhundert der Vergessenheit erhoben sich die schwarzen Fahnen des Anarchismus Bakunins und Blanquis und überschatteten die roten Fahnen, die in der Zwischenzeit zu einem Teil der Dekoration der gesetzlichen, parlamentarischen und selbst kirchlichen Ordnung wurden.

Der Geist der Revolution, der Unruhe und Unzufriedenheit erwachte auch diesmal in einem Augenblick, als alles ruhig schien, der Lebensstandard anstieg, Gesetz und Ordnung herrschten.

Ursache der Unzufriedenheit und Verbitterung der sogenannten Radikalen sind die Seelenlosigkeit der profitbringenden Produktion, die Monotonie des Wohlstands, dieses einzigen Ideals unserer Gesellschaft.

Dazu kommt die Anpassung der Kommunisten an den Parlamentarismus im Westen und ihre Verwandlung in eine „Neue Klasse“ im Osten.

Verschiedene Strömungen vereinigten sich zum Angriff auf die gegenwärtige Gesellschaft. Die arglosen Gruppen der Existentialisten, Beatniks und Hippies tragen bloß ihr nonkonformistisches äußeres Aussehen bei, während die kommunistischen und anarchistischen Trupps die Unzufriedenheit der Studenten mit den veralteten Unterrichtsmethoden auszunützen versuchen.

Eine radikale Opposition, sei sie nun parlamentarisch oder außerparlamentarisch, ist eine Lebensnotwendigkeit jeder Gesellschaftsordnung, sei es bloß als Stachel gegen Stagnation, Korrektiv von Irrtümern, Mahnungen an schlummernde Gewissen.

Die „Neue Linke“ hat die herrschenden Mächte aus ihrem Dahindämmern aufgescheucht, den Glauben an das Paradies der Elektronenmaschinen ins Wanken gebracht, die opportunistishe und privilegierte Natur des offiziellen Kommunismus aufgedeckt.

Das ist ihr historisches Verdienst. Kein Vernünftiger wird es leugnen.

Dies war bereits niedergeschrieben, als es am 2. Juni 1968 in Belgrad zu Studentendemonstrationen kam, die meine Ansichten über die „Neue Linke“ vertieften und verschärften. Obwohl diese Demonstrationen beinahe spontan ausbrachen — als Revolte gegen die Brutalität der Polizei —, hatten sich Unzufriedenheit und oppositionelle Strömungen unter den Studenten und nonkonformistische Professoren in Jugoslawien schon früher bemerkbar gemacht und waren in theoretischen Zeitschriften behandelt worden.

Die Bewegung ergriff andere Universitäten und breite Schichten der Studenten, unter ihnen ein Großteil Kommunisten.

Stimmung und Ansichten der meisten Studenten und vieler Professoren waren unzweifelhaft demokratisch-sozialistisch. Egalitäre puritanische Parolen und Bilder Che Guevaras waren eher Ausdruck des Bestrebens, eine gewisse Legalität der Bewegung zu wahren, als Ausdruck einer tatsächlichen, tieferen Überzeugung. Sie stifteten Verwirrung und isolierten die Bewegung, vor allem, weil das Regime diese Parolen übernahm und die Erfüllung der wirtschaftlichen Forderungen der Studenten versprach.

Ohne feste Führerschaft, isoliert von den Arbeitern, denen ihre niedrigen Löhne mehr am Herzen lagen als die ihnen zugedachte „historische Rolle“, verebbte die Bewegung.

Doch weder Studenten noch oppositionelle Professoren boten Anzeichen von Demoralisierung: das erste bewußte oppositionelle Auftreten der Massen im heutigen Jugoslawien hat sie in ihrer Überzeugung bestärkt, daß es möglich ist, für Denkfreiheit und eine gerechtere Gesellschaft einzutreten.

Aber das sind vielleicht auch die Grenzen der „Neuen Linken“. Schon ihre Bezeichnung offenbart, daß ihre Originalität mehr in der Treue zu jener selben Revolution besteht, die die klassische kommunistische Linke „verraten“ hat, als in einem neuen Ideal und der Suche nach möglichen Wegen zu ihm.

Das ist auch begreiflich: Die „Neue Linke“ besteht aus einer Unzahl von Splittergruppen, die aus dem Zerfall der kommunistishen Weltreligion hervorging, genauer: aus der Enttäuschung über den Kommunismus als stabilisierte Klassengesellschaft und über die Anpassung der westlichen kommunistischen Parteien an die nationalen Eigenheiten und Verhältnisse der modernen Industriegesellschaften.

Indem sie ausschließlich auf der Verneinung bestehender Beziehungen und Institutionen verharrte, konnte die „Neue Linke“ eine Zeitlang Demonstrationen ohne klares Programm, sogar ohne feste Organisation und selbstbewußte Führerschaft durchführen.

Aber da sie sich auf das kommunistische und anarchistische geistige Erbe fixierte, konnte sie nicht ohne Ideologie auskommen. Deswegen ist es begreiflich, daß einige ihrer Anhänger Herbert Marcuse entdeckten und wenigstens im ersten Moment akzeptierten — mit seiner Erkenntnis vom Sicheinleben der Arbeiterklasse in die moderne Industriegesellschaft und seinem Glauben an eine Gesellschaft, die den Menschen frei und selig macht, indem sie die Hindernisse beseitigt, die sich seiner Libido entgegenstellen.

All das sind alte Lieder mit neuer Melodie.

Die „Neue Linke“ offenbart ihren unterschwelligen Ehrgeiz vor allem durch ihre Gleichgültigkeit, ja Intoleranz gegenüber „revisionistischen“, das heißt demokratisch-sozialistischen Ideen und Tendenzen in den kommunistischen Gemeinwesen und sogar gegenüber den Studenten, die sich in ihrer Naivität mit ihnen identifiziert haben. Die Leiden der freiheitlich Gesinnten und die Unterdrückung der Jungen im Osten lasten auf dem Gewissen der „Neuen Linken“ im Westen.

Deswegen sollte man über dem gerechtfertigten Lob für die „Neue Linke“ gewisse Tendenzen bei ihr nicht übersehen. Man bemerkt ihren fanatischen Kampfgeist; man sieht, wie ihre prinzipiellen Auseinandersetzungen zu harten Fraktionskämpfen führen; man glaubt in ihnen den Keim neuer ideologischer Parteien zu sehen.

Im Predigertum eines Rudi Datschke, in der Spitzfindigkeit eines Fritz Teufel, in der Kühnbeit eines Daniel Cohn-Bendit ahnt man die Maske künftiger Herren und künftiger Herrschaft über die Menschen.

Das soll nicht im mindesten die intellektuellen Revolutionäre oder die menschlichen Werte dieser Bewegungen schmälern, sondern lediglich auf die Kehrseite der Medaille hinweisen: auf das Machthabertum; auf die gewaltsame Methode; der Verwirklichung von Ideologien; auf Ideologen, die allen alles geben wollen.

Dies einzusehen, ist für jeden Idealisten, für jeden kämpfenden Demokraten und Humanisten im Westen wie im Osten wichtig. Es stellt eine Warnung dar vor der finsteren, irdischen Seite der „vollkommenen“ Ideen und „endgültigen“ Ideale; das ist die Seite, die verwirklichbar ist und verwirklicht wird.

Jede Idee wird Wirklichkeit in den schmutzigen Fluten des Lebens; und diese Wirklichkeit kann um so schlimmer sein, je mehr man auf Reinheit der Idee besteht; um so schmutziger, je mehr die Führer das Schicksal der Idee mit ihrem eigenen identifizieren — mit ihren Wünschen, ihrem Ehrgeiz, ihrem Leben, ihrer sogenannten Verantwortung vor der Geschichte.

Als Vertreter von Ideen hört der Mensh nicht auf, Sklave seiner menschlichen Eigenschaften zu sein.

[*Gespräch über Deutschland, April/Mai 1967, Die Exekution, August/September 1966, Der Krieg, Februar 1962,

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1969
, Seite 301
Autor/inn/en:

Milovan Đilas:

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