FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1983 » No. 356/357
Alfred Zellinger

Video macht frei

Zu Ästhetik des industriellen Systems

Technische Revolutionen ereignen sich heute in so rascher Folge und globaler Penetration wie noch nie zuvor. Video macht die Welt tatsächlich zum elektrischen, jetzt elektronischen Weltdorf, die Mikroprozessoren transformieren das „Reich der Freiheit“ von Utopie zur Möglichkeit, die Breitbandtechnologie vertausendfacht die Kommunikationsströme, Video-games und Computer lösen den größten Verkaufsboom aus seit Vermarktung des TV-Gerätes; „Silicon-Valley“, das amerikanische Zentrum der neuen Produktion benannt nach Silicium, dem Baustoff der Micro-Chips — wächst im „Rush“ zur neuen Goldgräberstadt, während Detroit, die bislang letzte „Goldgräberstadt“, zur Geisterstadt gerät ... als „Mann des Jahres“ präsentiert die TIME den Micro-Computer.

I. Generation

»Video macht frei« ist der Werbeslogan eines Produzenten von Video-Equipment: die handlichste VideoKamera des Jahres für die Freiheit, wo immer man will, Bilder sich anzueignen, um sie zu besitzen (im Bild die Sache zu besitzen — schon die Höhlenbewohner meinten, der begehrten Sache näher zu sein, indem sie ihr Bild besaßen ... der Zauber wirkt fort.)

Und der Möglichkeitssinn des Video-Werbers folgt, unbewußt wohl, dem Wirklichkeitssinn: etwas wie Freiheit ist tatsächlich zu ahnen an dieser Technologie ... sie ist billig: jeder in den Arbeitsprozeß integrierte Haushalt ist in der Lage, Video-Equipment zu erwerben, eine Sendestation für lokale Wirksamkeit ist jeder Initiative finanzierbar ... in den USA spricht man vom „Bürgermeisterfernsehen“ der gemeindeeigenen Stationen („Landeshauptmannfernsehen“ ist das Gegenstück hierzulande); home-computer sind erhältlich um den Preis einer mittleren Schreibmaschine; jeder Telefonbesitzer ist potentiell Teilnehmer am Bildschirmtextsystem.

Massenkommunikation erforderte Kapital bislang; die neuen Technologien mindern den Eintrittspreis, lassen Demokratisierung zu damit ... und die Änderung der ökonomischen Struktur bedingt Änderung des Inhalts letztlich: das Medium ist die Botschaft.

Und die Zeit geschriebener Menschengeschichte wich der Zeit visualisierter; Zeitgeschehen wird zu Bilddokument, Privates auch wird als Bild öffentlich, findet Verbreitung als Ware:

Nachricht

und Nachrichten, so McLuhan, entsprechen nicht so sehr den Ereignissen, sondern bringen sie vielmehr hervor.

  • Der Formel-I-Rennfahrer Villeneuve verunglückt tödlich. Die TV-Stationen sind dabei. Millionen Fernseher genießen den Tod in Zeitlupe. Immer wieder wird die Szene wiederholt.
  • In den USA ist eine TV-Serie in Vorbereitung, die Selbstmörder bei der Ausführung ihrer Tat zeigen soll. Mit Zeitungsinseraten sucht man nach Kandidaten, die bereit sind, sich beim Selbstmord filmen zu lassen. Der Inseratentext lautet: Sagen Sie uns, wo Sie sterben wollen, wir senden unser Kamerateam hin ...

Und beständig geraten Bilder in die — kaufkräftigen — Haushalte der Welt, gedruckte vorerst, jetzt elektrisch erzeugte; TV-Stationen senden rund um die Uhr, Satelliten versorgen jeden Teil der Erde, man kann sie jetzt aufbewahren, diese Bilder, sie horten, sie besitzen (die elektronische Ahnengalerie, jetzt für die Mehrheit der Bevölkerung realisierbar).

TV-Sprecherin:

Und jetzt schalten wir um zum Kriegsschauplatz. Sie sind live dabei.
Entschuldigen sie eventuelle Bildstörungen ...

Zu den Folgen eines Krieges heute, so McLuhan, gehöre die Ausweitung der Berichterstattung darüber in einem Umfang, der größer sei als der Krieg selber, das Fernsehpublikum sei direkt Teilnehmer am Kriegsgeschehen ... [1]

  • Das professionelle Videosystem für umfassende Bilddokumentation ... Dokumentation von Firmenereignissen, Testflugkontrolle in der Verhaltensforschung, Bildreportagen des Stadtfernsehens ... Sony-U-matic ...

Und jeder Mensch hat die Chance, in die Bilder der Fernsehnetze zu geraten: als Darsteller, Statist, Auftraggeber ... Nachricht sein Hungertod, Nachricht sein Suizid, Nachricht seine Untat, Nachricht das Verhängnis, das ihm widerfährt (seltener gerät privates Glück zur Nachricht) ... „Der Fernsehteilnehmer ist der Inhalt des Fernsehens.“ [2]

Verkauft wird nicht bloß die Nachricht oder die Unterhaltungsserie ... verkauft wird das Nachrichten- und Unterhaltungsprogramm als Werbeumfeld, das Ausschlag gibt für die Höhe des Tarifs, der für Werbespots zu zahlen ist.

Die Jungen erwachsen heute mit Video: es übernimmt ihre Pflege Überwachung Zerstreuung Betäubung Belehrung Sozialisierung.

Unternehmen sind bereits darauf spezialisiert, Szenen aus den Leben ihrer Klienten auf Video aufzuzeichnen; sie filmen Hochzeiten Taufen Jubiläen Begräbnisse Feste, auch Niederkunft Operationen Sexualakte usw und im Bild der Moment der Geburt und des Todes, im Bild Kopulation, Trennung, Wiederkehr, im Bild Triumph und Niederlage, im Bild die Stadien eigener Entwicklung, Bilder überall, bewegte wie unbewegte; eine Archäologie, die Reste unserer Zivilisation einst aus dem Boden gräbt, wird imstande sein, sie zu rekonstruieren anhand der Filme, Magnetbänder, Negativa ... in tausend Jahren ein Disneyland unserer Zeit mit originalen Kostümen, Maschinen, Darstellern; Wirtschaftskonferenzen wird man sich vergnügt ansehen gleichwie Flaneure im Auslagenviertel einstiger Stadtzentren und die Menschen im Produktionsprozeß.

Video-Training ist Programm bei Managementseminaren: Verhandlungstaktik, Redetechnik, Gestik und Mimik werden am Bildschirm kontrolliert und korrigiert; desselben Trainings unterziehen sich Politiker, insbesondere vor Wahlkämpfen ... bekannt ist die Erfahrung, daß zum Präsidenten der USA derjenige gewählt wird, dessen Televisionsbild gegenüber dem Konkurrenten gewinnt; schon Benjamin hat einen Zusammenhang hergestellt der Krise bürgerlicher Demokratien mit den „Ausstellungsbedingungen“ der Regierenden: Rundfunk und Film ergäben eine Auslese vor der Apparatur, aus welcher der Star und der Diktator als Sieger hervorgingen. [3] Ihm war dabei die Video-Technologie noch unbekannt.

Und Menschenbild ist vordringlich Ware heute; Warenheit des Menschen tritt zutage im Abbild seines Bilds. Die Zirkulation füllen Bildzeitung Bildmagazin Foto Film Television; ihr Gegenstand ist die software zur hardware: Bild; Basisgeschäft winkt bei Druckmaschine, chemischem Labor, Filmkameras, Projektionsapparaten, Bildschirmen, Videorecordern, Videokameras, Nachrichtensatelliten, Glasfasernetze, Computer usw ...

Bilder auch Vorbild, dem Menschen zu entsprechen suchen: Warenbilder mit geschönten Menschen als Zubehör fördern somit die Zirkulation. NICHT DAS BILD WIRD NACH DEM MENSCHEN — SONDERN DIESER NACH MENSCHENBILD GEFORMT!

Begegnung auf neue Art. Bei uns werden ihnen Menschen auf Video-Cassette vorgestellt; wie Hauptdarsteller im Fernsehen. Sie sehen, wie sie aussehen, sich bewegen, sprechen, denken ... Finden Sie einen Partner auf Video

Video-Flirts ... Auch wer meint, so ziemlich alle Spielarten einer reizvollen Affaire zu kennen, kann immer noch den ganz besonderen Reiz von Video kennenlernen ... In Zeitlupe oder als Standbild. Mit Video fällt einem immer was Neues ein. JVC. Der Erfinder des VHS-Systems.

Und jeder besitzt seine Bildmaschine, die ihm gibt die Bilder der Welt; jeder empfängt, jeder hat die Chance, zu senden, die Chance auch, sich zu senden ... und die Bildmaschine läßt zu Bild ihm gerinnen das eigne Leben, alles Sein ist ihm Bild, was nicht Bild ist, ist nicht; sein eignes Leben läuft ab als TV-Show in seinem Kopf.

Dramaturgisches Handeln ist vorherrschend heute ...

Der Begriff des dramaturgischen Handelns bezieht sich ... auf Interaktionsteilnehmer, die füreinander ein Publikum bilden, vor dessen Augen sie sich darstellen. Der Aktor ruft in seinem Publikum ein bestimmtes Bild ... von sich selbst hervor, indem er seine Subjektivität mehr oder weniger gezielt enthüllt ... Der zentrale Begriff der Selbstrepräsentation bedeutet deshalb nicht ein spontanes Ausdrucksverhalten, sondern die zuschauerbezogene Stilisierung des Ausdrucks eigener Erlebnisse. [4]

Der Drang zu dramaturgischem Handeln mag zu verstärkter aktiver Teilnahme am Medienverbund führen, was dem die konservierende Kraft schmälert.

Der kategorische Imperativ der Video-Zeit sei:

Jeder verhalte sich so, daß die Maxime seines Handelns als Regieanweisung für eine TV-Show genommen werden könnte.

Werbebild „██████“
Im Monitor Abbild des Bilds, beides als Aber-Abbild im Werbefoto millionenfach vervielfältigt: wahrscheinliches Werbekonzept: die Trägerin von „██████“ ist bereit zum Auftritt am Bildschirm.

Kein Zufall ist die Entwicklung immer neuer Formen von Bild-Kommunikation: Fotografie, Film, Television, Sofortbildkameras, Videorecorder, Holographie, Kabelfernsehen, Nachrichtensatelliten, Video-Spiele, Bildschirmtext, Breitbandtechnik ... der „Nicht-zu-Ende-Geborene“ [5] kompensiert den Mangel an taktiler Abgrenzung mit Überbesetzung der visuellen Interaktion, sein Gesichtssinn entwickelt sich verstärkt (wer die Mutter nicht spürt ist bemüht, sie zu sehen), das „Aufglänzen der Mutteraugen“, [6] ist der optische Reiz, den das Kind als ersten erlebt und den es, auch erwachsen, wieder herbeizuführen trachtet.

Daher also der Glanz all der Bildschirme ... Video als Resultat der Massensucht einer durch die besondere Art ihrer Aufzucht zum Voyeurtum bestimmten Gesellschaft.

Und diese Sucht wird genutzt, kommerziell wie politisch; das „elektrische Weltdorf“ wird nicht in Solidarität vereinigt, sondern in Konsumgewohnheit und Markenimage.

II. Generation

Unsere Action-Spielcassetten: Combat, Air/Sea Battle, Space War, Outlaw, Warlords, Adventure, Breakout, Cannonball, Circus, Superman, Space Invaders, Missile Commando, Asteroids, Streets Racer, Sky Diver, Night Driver, Casino, Hangman, Codebreaker ... Neu im Programm: Super breakout, Haunted House, Pac-Man, Yars Revenge, Defender, ATARI Video Computer System

April 1982. Ein Seekrieg bricht aus zwischen Großbritannien und Argentinien; während deren Flotten Stellung beziehen bringt TELECOM ein Videospiel auf den Markt, das die möglichen Luft- und Seeschlachten simuliert; gespeichert sind die Bewegungen der Luftwaffe usw; gelingt es dem Spieler, ein argentinisches Schiff zu versenken, erscheint auf dem Bildschirm in grüner Schrift: „Gut gemacht Sir! Sie haben Ihre Mission erfüllt. Sie sind ein Nationalheld.“

Einige Programmierer in Kalifornien/USA beginnen Video-Spiele zu programmieren und lösen damit den größten Verkaufsboom aus seit Vermarktung des Fernsehens.

Sie fahren einen Formel-I-Rennwagen über eine belebte Strecke und versuchen, Ihre vom Computer gesteuerten Renngegner zu überlisten ... Faszinierende Wettkämpfe. Eine realistische Rugby-Version. Der Computer zählt Ihre Punkte ... See- und Luftkrieg für zwei Spieler ... Memory fordert ihre Konzentrationsfähigkeit ... Panzerschlacht auf vermintem Gebiet; zwei Panzer mit je 20 Schuß Munition stehen einander gegenüber ... Krieg im Weltall: Sie sitzen im Raumschiff, während Feinde von fremden Galaxien versuchen, Ihr Gebiet zu erobern. Zum Abschießen ihrer Raketen brauchen Sie ein scharfes Auge und eine ruhige Hand.

Ist die Schlacht geschlagen, werden Sie entweder befördert oder vor ein Kriegsgericht gestellt ... Der Millionen-Coup: mit 100.000 Dollar beginnen Sie, ein Vermögen zu machen ... Revolverhelden stehen einander gegenüber, es geht ums Überleben; er oder Sie; sie haben nur wenig Munition ... Laserkrieg: Sie befinden sich auf Raumschiffpatrouille und werden dabei von fliegenden Untertassen angegriffen; zugleich müssen Sie den Asteroiden ausweichen ... Mit einer kleinen Gruppe von Soldaten versuchen Sie, den Feind zu umgehen und mitten im Schlachtfeld den General gefangenzunehmen ... Sie werden von bösen Supermampfern, die Sie fressen wollen, gejagt, Sie müssen versuchen, soviele kleine Mampfer wie möglich zu fressen, um Kraft zu sammeln für den Angriff auf die Supermampfer ... Strategie der Großmächte: die politischen Verhältnisse sind instabil; jedes Land verfügt über mächtige Stützpunkte. Können Sie, um Ihre Machtposition zu festigen, starke Verbündete gewinnen; werden Sie die politische Szene mit Armee, Marine oder Luftwaffe verändern; besitzen Sie die Macht, ein anderes Land von Ihrem Recht zu überzeugen ... Sie sind der Defender; Freundschaftssignale von der Erde haben außerirdische Wesen angezogen, die jedoch nicht in Frieden kommen; sie verwandeln Menschen in fliegende Mutanten ... Sie sitzen in einem Raumschiff; Galaxien ziehen langsam vorbei. Plötzlich: Alarmstufe Rot; der Computer signalisiert: Feinde greifen an; kleine schnelle Kampfschiffe nähern sich rasch, ein Zyklonenkreuzer geht auf Kollisionskurs; gerade jetzt gehen Ihre Energiereserven zu Ende; können Sie ihn noch zerstören? ... Space Invaders, der Klassiker unter den Weltraumspielen: in 6 Reihen fliegen außerirdische Wesen auf die Erde zu; mit Laserraketen muß man trachten, sie abzuschießen ... Sie überfliegen eine Landschaft mit feindlichen Raketenbasen, die Sie zerstören müssen, von denen aus Sie aber auch beschossen werden ...

Video schafft neu Lebensform verändert das Sehen

Video-Design durchdringt alle Bereiche; vom Bildschirm zum CAD (Computer aided design); die Welt mißt man am Bildschirm, formt sie sich nach dem genormten Raster, formt letztlich sich nach dem Video-Menschen ... dem Hauptdarsteller des TV-Films, der reduzierten Menschenfigur des Video-Spiels; man bewegt, hält, kleidet sich wie das, was man sieht.

(Der Schauplatz beliebter Massenserien ist — aus Kostengründen — meist auf Studios beschränkt; selbst abendfüllende Spielfilme werden im Studio gedreht — so baute z.B. Francis Coppola für einen Film Las Vegas als Neon-Kulisse im Studio nach — die Folge: zunehmende Beschränkung des Auslaufs der Video-Menschen ... man ist zu Hause gesellig, nimmt teil am „party-Karussel“, man flieht hinaus in die Einsamkeit der Automobil-Zellen, der Tankstellen, Kaffeeautomaten ...)

Und Video-Spiele sind bereits penetriert in den Haushalten der Nordwelt, das Geschäft läuft, jede Verkaufssaison wird mit Neuheiten gewonnen ... die Zahl der Video-Junkies nimmt zu: Jugendliche, die süchtig sind nach Video; Programmierer, die auch nachts nicht von ihrem Gerät lassen, Männer, die über ihrem homecomputer die Familie vergessen.

Video-Spiele sind das trojanische Pferd, mit dem der Micro-Computer in die relevanten, weil kaufkräftigen Haushalte introduziert wird.

III. Generation

Computer also sind es, die harmlos als Video-games introduziert werden: ein Speicher dazu, ein Modul an die Schnittstelle ... sie sind bereit. Und nur wer ihre Sprache spricht, vermag sie zu nutzen und zu beherrschen; wer nicht BASIC spricht, erlebt die Diskriminierung des Analphabeten.

Der Drang zum Markt ist grenzenlos; da darf kein kaufkräftiger Haushalt sein, der nicht in Zielgruppe zu fassen wäre; das Marketingziel ist, alle Haushalte der Nordwelt zu schließen zum Gesamtverbund, sie überschaubar damit zu haben, berechenbar, geschäftlich nutzbar.

Der Bildschirm zeigt die Strategie; er ist das verbreitete Kommunikationsmedium; das weitläufige Telefonnetz stellt die Verbindung her zu den Zentralen, die Breitbandtechnologie vertausendfacht die Effizienz (ein bloß 2 mm starkes Glasfaserkabel ermöglicht gleichzeitig 37.000 Gespräche; seine Technik beruht auf der Leitung von Licht anstelle von Strom); der billige home-computer ist das missing link: er bringt die Zweiweg-Kommunikation auf den Bildschirm; über seine Tastatur vermag man, Antwort zu geben.

Das Bildschirmtext-System (Btx) ist der Einstieg zum Gesamtverbund: das Telefonnetz verbindet den Einzelnen mit dem Großcomputer; über sein Heim-Terminal hätte er den Zugriff zu allem Wissen und Macht der Welt, könnte die Daten in den eigenen Speicher saugen ... doch die relevanten Zonen sind durch mathematische Codes gesperrt (es bestehen bereits Wetten zwischen den Hochschulen für Mathematik: wer „knackt“ als erster die Codes, deren Zahlenreihen angeblich so erstellt sind, daß auch Computer sie in endlicher Zeit nicht zu finden vermögen).

Machtmaschinen

Jedenfalls: künftige Revolutionen in der Nordwelt werden nicht mehr auf der Straße gewonnen, sondern von ein paar coolen Programmierern, die sich über ihre Micro-Computer Zutritt verschaffen zu den zentralen Speichern der Konzerne und Machtapparate. Anstelle des „intellektuellen Schreibtischtäters“ tritt der keyboard-Täter.

Control-Data. Wir haben unsere Rechenzentren zum leistungsfähigsten Verbundnetz der Welt — dem Cybernet — zusammengeschlossen. An diese praktisch unbegrenzten Kapazitätsreserven kann jeder sich per Telefonleitung anschließen. Dieses Netz arbeitet absolut zuverlässig, weil es über eigene Leitungen, ja sogar über eine permanente Satellitenverbindung verfügt. Control-Data. Gemeinsam an der Zukunft arbeiten.

Wirtschaftswoche 6/83

Denken Sie weiter. ITT 3030. Der neue Micro-Computer. Auf Wachstum programmiert.

Teilnahme am elektronischen Computerverbund sichert Herrschaft. Information ist damit zu monopolisieren, ist wirkungsvoller zu kontrollieren als bei mechanisch reproduzierten Beständen.

Kommunikation

Maschinen als Medien neuer Kommunikation: rationalisierbar, entsinnlicht, zirkulationsfähig. Alles hängt on-line, kommuniziert über den Bildschirm, die begehrte Nabelschnur ist wiedergefunden, die Verbindung hergestellt zur Mutter hardware ... alles strebt zum Gesamtcomputer, alles will Teil sein, will umgeben sein, will anhängen, gespeist sein, will SPEICHERUNG ALS FORM VON ZUWENDUNG.

Ein Manager nach Zuteilung eines Tisch-Computers: „Ich glaubte, mit der Maschine ein Stück zusammengewachsen zu sein, ja, mit ihr Gedanken und Absichten geteilt zu haben, eine Art Einverständnis ...“

Die Maschine hat mich denken gelehrt.

Nixdorf. Die Mensch-Computer-Harmonie.

Forget it. Ich spreche deutsch. O.K.? Endlich ist der Computer da, der mit jedem spricht. Netzwerkfähig. Machen Sie sich einfach bekannt. Digital-Computersysteme.

Choosing a Computer is a question of philosophy. Norsk Data.

Nixdorf — Wir nutzen die Technik vor allem auch zur weiteren Verbesserung der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

Apple. Der Anfang einer neuen Beziehung. Der persönliche Computer ... einen Apple zu bedienen ist leichter, als ein Auto zu fahren ... mehr leisten mit weniger Zeitaufwand ... fertige Programme für nahezu alle Bereiche des Geschäftslebens ... Sie sind in der Lage, Ihre geschäftlichen Zukunftserwartungen vorauszuberechnen.

Zu schreiben wäre eine Geschichte der Ausdehnung: der Entwicklung des menschlichen Gehirns (zum Kleinhirn wuchsen Zwischen- und Großhirn) ist adäquat eine Entwicklung der Abstraktion, zudem eine Entwicklung der menschlichen Reichweite. McLuhan sprach von der „Verlängerung unseres Zentralnervensystems in ein weltumspannendes Netz“; die Axt dehnte den Arm, Microspeicher und Glasfaserleitung dehnen global das Gehirn.

Digital-Computersysteme. Netzwerkfähig!

Der Bildschirm macht sichtbar, was abstrakt sich ausdehnt; er ist das jedem Haushalt zumutbare Terminal des Netzwerks.

Die neue Overkill-Kapazität stellt einfach eine Ausweitung unseres Nervensystems zu einem totalen Ökologischen Dienstleistungsmilieu dar.

(McLuhan).

Nach der Handmühle die Dampftmünhle, jetzt die computergesteuerte, einmal auch bloß die gedachte Mühle (weshalb sollte die Entwicklung zu globaler Abstraktion vor ihrer Vollendung ein Ende finden? Alles strebt zur Vollendung, die Selbstaufhebung ist zugleich); jeder dieser Stufen entspricht eine bestimmte Gesellschaftsform; die Gesellschaft des Elektronikverbunds und Mikrospeicher-Netzwerks ist dabei, sich zu entfalten. Die ungeheure Umwälzung suchen konservierende Kräfte, die etwas zu verlieren glauben, einzudämmen.

Die Menschen neigen dazu, Wesentliches ihrer Zeit zu negieren; dieses ist stets dem Bewußtsein voraus, dem Bewußtsein der Vielen; bereitet Unbehagen damit, wird als Gefahr erfühlt, wird bemüht übersehen vorerst, verschwiegen, geächtet dann und wütend bekämpft. Es zu entdecken, wählt man das Mittel Kunst. [7]

Der Computer und seine sinnlich wahrnehmbare Materialisation, der Bildschirm, sind daran, die Gesellschaft zu ent-materialisieren. Video ist Bild und was Bild ist, muß nicht Material sein; selbst die hardware benötigt wenig Material wie Energie und — wer sich mit Video-Spielen beschäftigt fährt nicht mit dem Automobil und fliegt nicht zu den Antipoden; anstatt Motor-PS zählt man jetzt die Mega-RAM der Speicher.

Man mag sich sträuben, doch wer diese Technik nicht nutzt, kommt nicht unter die Räder — in den Speicher. Die Kunst, nach Ernst Bloch „vorscheinende Gestaltung eines noch ausstehenden Gelingens [8] vermag den Zangengriff Video-Computer zu entlarven.

IV. Generation

Man nennt sie die fünfte Computer-Generation. Bereits in Entwicklung und bis 1990 im Einsatz: sprechende, verstehende, sich selbst organisierende, „assoziative“ Datenspeicher.

V. Generation

Es geht weiter: BIOGENETIK heißt der nächste Schritt. Ihr technologischer Abstand zur Mikroelektronik, die ihr die Basis schaffte, beträgt bloß 10 Jahre. Bio-Computer übernehmen den Austausch genetischer Informationen zwischen Zellen unterschiedlicher biologischer Herkunft ... kommerziell verwendbare pharmazeutische Substanzen wachsen bereits in Bio-Farmen.

Denkbar ist die Vollendung und damit Aufhebung aller Technik: eines Tages werden wir einen Tisch nicht mehr bauen, sondern ihn wachsen lassen.

Der biologische Chip ist jetzt realisierbar: molekülgroß, durch Gen-Befehl sich formierend zu Zellen mit größerer Speicherkapazität ... auch Silicium ist also bald überflüssig; es existieren bereits Patente von IBM für organische Speicher.

Vollendung: Computer in Molekülgröße ins menschliche Gehirn implantiert, um dessen Kapazität zu vergrößern ... Microprozessoren erweitern die Nervenstränge ... jede Vollendung ist Endpunkt und Aufhebung zugleich.

Teile dieses Textes wurden publiziert in: Alfred Zellinger, Zur Ästhetik der Widersetzlichkeit — Vater DaDa, Mutter Punk, Hannibalium I, Wien 1983

██████ keine Werbung für das — G.O.

[1Marshall McLuhan, Wohin steuert die Welt — Massenmedien und Gesellschaftsstruktur, Toronto 1978

[2McLuhan, a.a.O.

[3Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. 1,2; Frankfurt 1980

[4zusammengefaßt bei Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1, Frankfurt 1981

[5Begriff aus Klaus Theweleit, Männerphantasien, Reinbek 1980

[6Heinz Kohut, Narzißmus, Frankfurt 1973

[7siehe z.B. Alfred Zellinger: reality — Beschreibung eines Environments. In: FALTER 4/83

[8Ernst Bloch, Ästhetik des Vor-Scheins

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1983
, Seite 30
Autor/inn/en:

Alfred Zellinger:

Geboren 1945 in Perg/Oberösterreich. Studierte Rechtswissenschaften, Ökonomie und Soziologie an der Universität Wien. Lebt als Schriftsteller in Wien und Gmunden. Seine — wie er es nennt — „40 Jahre im Auge des Kapitalismus“ verbrachte er bei Konzernen wie Unilever, Philips, Procter & Gamble, Bawag; als Marketingleiter, Werbechef, Bankdirektor, zuletzt als CEO von Bösendorfer. Er ist Autor von Büchern, Theaterstücken und musikalischen Bühnenwerken.

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