FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 303/304
Josef Dvorak

Trotzkopfs Entführung

Psychologisches zum 1. österreichischen Terroristenprozeß
Landesgericht Wien, III. Stock, Saal 14:
Keplinger an der Zeugenbarriere, Pitsch (rechts mit Brille) auf der Anklagebank (hinter ihm Anwalt Dr. Weber)

Terrorpsychologen

Terrorismus, das „Extremverhalten einer winzigen, isolierten Gruppe junger Menschen“, stellt (so das deutsche Bundesjugendkuratorium nach einem Hearing über „Terrorismus und junge Generation“) nur eine Form der „zahlreichen Varianten des Rückzugs Jugendlicher aus unserer Gesellschaft“ dar. Andere Varianten sind „Apathie, Flucht in die Drogen oder Alkohol, Hinwendung zu Jugendsekten, Selbstmorde“. Terrorismus passe auch sehr gut zu den verschiedenen Formen von Gewalttätigkeit „in unserem alltäglichen Leben“ und in der Berichterstattung der Medien.

Als Gründe für das „Extremverhalten“ wurden in dem Hearing angeführt: Veränderungen der Sozialisation in den Familien der hochindustrialisierten Länder, hier besonders der „Wandel der Vaterrolle“, dann die „Verwandlung des Berufs zum Job“, das Fehlen eines „Lebenssinns“ und einer gesellschaftlichen „Zukunftsperspektive“, schließlich schwere Störungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation („Kälte der Beziehungen, Einsamkeit, Trostlosigkeit“).

Speziell in Deutschland, Italien und Japan spielt beim Thema Terrorismus auch die unbewältigte faschistische Vergangenheit eine Rolle, die (laut Hearing) zu einem besonders starken „Generationskonflikt“ geführt hat. Weithin fehlende politische Identifikation mit dem Staat läßt „andersartige Loyalitätsbindungen“ entstehen.

In Deutschland vermißt das Kuratorium eine „politische Kultur“, terroristischen Aktionen werde „überdimensienale öffentliche Aufmerksamkeit“ gezollt, die Abwehr geschehe selbst übertrieben gewalttätig aus Haß, Angst, „diffuser Katastrophenfurcht“ heraus, und ohne „inhaltliche Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Konfliktursachen und Forderungen“ (des Jugendprotests).

Die allgemeinen Gründe für den Terrorismus gibt’s auch in Österreich, was auch in den neuerdings aufflackernden Diskussionen über das Drogenproblem deutlich wird. Die „öffentliche Meinung“ geht jedoch dahin — das hat sich während des Prozesses gegen die Palmers-Entführer gezeigt —, daß es einen eigenständigen Terrorismus in Österreich gar nicht gibt und geben könne. Es handle sich vielmehr um Importe aus dem Ausland oder aus einem abseits gelegenen Bundesland, in dem andere Sitten herrschten als im bevölkerten Osten Österreichs (Thomas Gratt ist Vorarlberger!).

Arbeiter wollen aufhängen

Ich habe während des Prozesses Wiener Universitätsstudenten und Arbeiter eines Wiener Mittelbetriebs über ihre Eindrücke befragt. Dabei erinnerten die Arbeiter an den Vorarlberger „Aufstand“ gegen den SPÖ-Minister Probst (bei einer Schiffstaufe auf dem Bodensee 1964), an das vom Verfassungsgericht aufgehobene Vorarlberger Sicherheits- und Katastrophengesetz (nach dem jeder kleine Bürgermeister Grundrechte hätte aufheben können — z.B. die Voraussetzung des richterlichen Befehls bei Verhaftungen und Hausdurchsuchungen) und an die Tatsache, daß in Vorarlberg der einzige nichtsozialistische Arbeiterkammerpräsident amtiert. Auch die „übertrieben christliche“ und „scheinheilige“ Einstellung der Vorarlberger Öffentlichkeit zu „Schmutz und Schund“ fand Erwähnung.

Fehlende Jugendarbeitslosigkeit wurde von den Arbeitern als Hauptgrund dafür genannt, daß es in Österreich keinen Terrorismus gibt. Auf die Frage, was mit den Palmers-Entführern geschehen solle, antworteten ältere Arbeiter mit den geläufigen aggressiven Redewendungen, wie „aufhängen“ (und zwar zusammen mit dem Ayatullah Komeini). Auch Adolf Hitler wurde von einigen herbeigewünscht. Im österreichischen Fernsehen war die Holocaust-Serie noch nicht gelaufen ...

Die Studenten brachten den Prozeß, aber auch die „Enteignungsaktion“ mit der Tatsache in Zusammenhang, daß zwei der Angeklagten Studenten der Theaterwissenschaft sind. Ihnen fiel der theatralische Stil auf, in dem die drei „Terroristen“ agierten, das unwirklich Spielerische, der Drang nach „Selbstdarstellung“, das „Im-Rampenlichtstehen-Wollen“. Psychologisch gesehen läßt das Ich-Probleme (Identität, Selbstwert, Akzeptiertwerden) bei den Angeklagten vermuten. Der Eindruck des Spielerischen entsteht oft dort, wo es sich um stark unbewußt motivierte Vorgänge handelt. Diese scheinen eher in einer imaginären als in einer realen Sphäre abzulaufen.

Allerdings kann es dabei zu sehr realen Folgen kommen, wie im Fall Palmers, wo die Gefahr der Ermordung des Entführten bestanden hat. Daß Gratt und Keplinger gerade die Studienrichtung Theaterwissenschaft gewählt hatten, mag mit „Ausagieren-Wollen“ zusammenhängen, vielleicht aber auch mit der österreichischen Neigung, Sozialkritik und Rebellion eher im Kulturressort als im politischen zuzulassen.

Gratt grimassiert

Terroristen wollen Bonzen werden

Nur einer der befragten Studenten (er bezeichnete sich als „praktischer Anarchist“) freut sich wie Keplinger „jedesmal darüber, wenn irgendwo wer enteignet wird“ — er selbst beschränkt sich auf permanentes Schwarzfahren in öffentlichen Verkehrsmitteln. Dieser Student hat für sich persönlich mit Staat und Gesellschaft völlig gebrochen, er hat resigniert. Allerdings bezweifelt er, daß Gratt, Keplinger und Pitsch Anarchisten sind (womit er meines Erachtens recht hat): „Ihr Kampf gegen die herrschenden Mächte ist nicht prinzipiell genug, sie würden, wenn sie könnten, selbst Bonzen werden.“

Andere Interviewte aus der Studentengruppe distanzierten sich von der „Stadtguerilla deutscher Prägung“, die nicht im Volk wie der Fisch im Wasser schwimme, sondern sich isoliere und rücksichtsios mit technischer Raffinesse und organisatorischer Perfektion agiere. „Sympathisanten“ aller Intensitätsgrade würden lediglich ausgenutzt, man erwarte von ihnen, an jenen „Umkonstruktionen der Wirklichkeit“ mitzuarbeiten, durch die ein „rigider kapitalistischer Polizeistaat“ zu einem „faschistischen“, Isolationshaft zu „Isolationsfolter“, Selbstmord zu geheimer Hinrichtung „umdefiniert“ werden. Die Befragten wehren sich dagegen, „für dumm verkauft zu werden“ und „dem noch begeistert zuzustimmen“.

Die von mir befragten Studenten halten Pitsch für ein unernstes „Nerverl“ (österreichischer Ausdruck für Neurastheniker), Keplinger für einen „kleinen Zündler“ (= Pyromanen) und Gratt für einen „unreifen Burschen“, der offensichtlich daheim Schwierigkeiten mit seinem Vater hatte, in Wien nicht recht Fuß fassen konnte und den Übergang von der „Unschuld vom Lande“ zum sexuellen „Hahn im Korb“ nicht verkraftet hat.

Hier zeigt sich, wie das demonstrative phallisch-narzißtische Verhalten, das Gratt während des Prozesses provokant zur Schau stellte, Abwehr mobilisiert: Es weckt Sexualneid und Wut. Es fragt sich, mit wem Gratt „eigentlich“ (psychodynamisch gesehen) um das Sexualobjekt konkurriert.

Den interviewten Arbeitern ging vor allem die „revolutionär“ erhobene Grußfaust Gratts auf die Nerven, dann das „lümmelhafte“ Lächeln Gratts während der Einvernahme seines Opfers, des alten Walter Michael Palmers. Verglichen mit dem phallisch-frechen Jungmann Gratt wirkte der „Strumpfkönig“ (ein feminin abwertender Ausdruck!) wie ein „Schlappschwanz“ auf junge Arbeiter, die sich besonders über seine zur Schau getragene „Wurschtigkeit“ (!) ärgerten.

Kleinbürgersöhne gegen Großbourgeois

Was den Arbeitern negativ auffiel, war außerdem ein gewisses soziales Einverständnis zwischen den Angeklagten (dem Bau- und Bürgermeistersohn Gratt, dem Bürgermeistersohn Keplinger, dem Direktorsohn Pitsch) und der reichen Familie Palmers. (Bemerkung eines Arbeiters: „Es hat keine Armen getroffen!“) Gemeint ist die (unbewußt „flirtende“) Bemerkung der Frau (!) Palmers, sie habe an Gratts Stimme am Telefon gleich gemerkt, daß es sich um einen „gebildeten jungen Mann“ handle worauf Gratt (laut Zeitungsmeldungen) geschmeichelt gelächelt und genickt haben soll.

Außerdem erwähnten die Befragten, daß das Geldproblem von beiden Seiten aus der persönlichen Sphäre verdrängt worden ist (bei Arbeitern spielt es eine ganz andere, wichtigere Rolle): Gratt konnte das Geld nicht schnell genug loswerden und ließ sich auch noch mit dem Rest erwischen. Palmers erklärte dezidiert, für sein persönliches Glück brauche er es nicht, und „die Firma“ (auf der anderen Seite steht „die internationale Guerilla“) habe den Verlust „verkraftet“.

Diese Verleugnung des Analen spielt meines Erachtens auch eine Rolle bei der Bemühung der Angeklagten, sich von dem Vorwurf, sie seien eigentlich Kriminelle, die sich nur auf Politik ausreden, „reinzuwaschen“. Hätten sie tatsächlich einen sozialen Durchblick, würden sie die Bedeutung der Kriminalität (vor allem der Jugendkriminalität) als Form des Protests in Betracht ziehen. Ich-psychologisch gesehen hat das mit der Abwehr des eigenen Narzißmus zu tun: Der „gewöhnliche“ Kriminelle erlaubt sich seinen Größenwahn, der politische Täter projiziert ihn in die Gesellschaft und spielt ihn (in der Rolle der Partei, der „Avantgarde“, der Guerilla) gegen sich selbst (für den religiösen Fanatiker heißt er „Gott“).

Am Wochenende vor Beginn des Prozesses brannte das größte Kaufhaus Wiens, der „Gerngroß“ in der Mariahilfer Straße, aus. Keiner der Befragten brachte das Großfeuer mit subversiven Aktionen politischer Gruppen in Verbindung. Man traut den „Austroterroristen“ derartige Aktionen nicht zu (wie man auch vermerkte, daß Palmers nicht gequält und gefoltert worden ist).

Während der fünf Tage, die der Prozeß dauerte, schwankte das Interesse der Befragten stark. Den Höhepunkt erreichte es mit der Aussage des Opfers, fiel dann rasch ab und erlosch prompt nach der Urteilsverkündung. Die von den Zeitungen am Sonntag danach publizierten Zusammenfassungen fanden nur sehr geringes Interesse. Man sieht, daß Terrorismus kein Problem ist, das die Befragten persönlich stark bewegt.

Die Prozeßführung wurde — nach Abklingen der ersten Aggressionen gegen die Angeklagten — von den Interviewten als „objektiv“ positiv gewertet. Von der Zeitungsberichterstattung waren die Befragten stark beeinflußt: Kronen-Zeitung-Leser gaben die Meinung des Blattes zum Prozeß oft wortwörtlich wieder!

Mir selbst ist an der Berichterstattung in den Medien aufgefallen, wie sehr sie die psychologisierende Linie der Verteidigung übernommen hat. Ich sehe darin eine (im Falle der österreichischen Terroristen zum Teil nicht unberechtigte) Tendenz, gesellschaftliche Ursachen zu verdrängen.

Zu spät mutiert?

Das Psychologisieren ging bis in Details, wie der Hinweis, Thomas Gratt habe erst sehr spät „mutiert“, seine kindliche Stimmlage in eine tiefere geändert. Womit seine körperliche Zurückgebliebenheit (ein Naturphänomen!) dokumentiert werden sollte.

Aus eigener therapeutischer Erfahrung halte ich das Symptom jedoch eher für ein psychosomatisches. Es tritt bei Burschen auf, die sich in die ödipale Situation nicht hineinwagen, etwa infolge einer ambivalenten Vaterbindung. Das ödipale Spiel von persönlicher Aggression und unpersönlicher Rollenidentifikation läuft da nicht richtig. Therapie kann dann darin bestehen, die Burschen wie Erwachsene zu behandeln, mit ihnen auf gleicher Ebene über „erwachsene Themen“ zu reden, ihnen Eigenverantwortung (in der Sorge um die Mutter z.B.) zuzutrauen.

Die ambivalente Vaterbindung spielt auch in den Theorien der Familiendynamiker (Helm Stierlin, Ronald Grossarth-Maticek) über Rechts- und Linksradikalismus eine Rolle. Danach zeichnet den Linksradikalen die ambivalente Bindung an einen Elternteil aus, mit dem er gefühlsmäßig stark engagiert war, dessen idealistische Zielvorstellungen er übernommen hat, von dem er jedoch zu einem bestimmten Zeitpunkt frustriert, ausgestoßen wurde. Das scheint bei Thomas Gratt spätestens dann gewesen zu sein, als sein Vater die weitere Diskussion über (politische) Themen, die für den Burschen wichtig waren (und nicht für den Vater, einen ÖVP-Funktionär), abgelehnt hat.

In solchen Fällen kommt es zur Identifikation mit den „ungerecht Behandelten“ auf der ganzen Weit, wobei der elterliche „Idealismus“ überdreht, der frustrierende Elternteil jedoch abgelehnt und dafür bestraft wird, daß er nicht so ist, wie er sein sollte. Das trifft letztlich die gesamte bürgerliche Moral und Gesellschaft, das führt wegen der identitätsbedrohenden Ambivalenz und „Identifikation mit dem Aggressor“ (dem Vater) zu Mord und Selbstmord.

Der Rechtsradikale hingegen ist meist an die Mutter gebunden, idealisiert diese, wird von ihr „delegiert“ (ein unbewußtes „Übertragung“-Phänomen gemäß der Freudschen Objektwahltheorie, die allerdings die reale Interaktion zwischen Mutter und Kind — an ihr ist ja das Kind nicht nur passiv beteiligt! — vernachlässigt). Im Gegensatz zum Linksradikalen fühlt sich der Rechtsradikale von der idealisierten Person (oder den Personen, z.B. den „Kameraden“) widerspruchsios akzeptiert, geliebt. Alle Aggressivität und Destruktivität wird daher nach außen geleitet — gegen die „Zerstörer“ von Moral und Gesellschaft, gegen den (sexuell) bösen Vater. Scheitert die Wendung nach außen (im Krieg z.B.), kommt es zur Selbstzerstörung.

Durchbruch bei deutschen Tanten

Nach dieser Theorie sind Links- und Rechtsradikale verwandte Gegner, sie nutzen einander aus: Der Linke sehnt sich insgeheim nach der mütterlichen „Liebesidylle“ des Rechten, in masochistischer Weise stärkt er dessen Position, während der Rechte das Konfliktbewußtsein des Linken bewundert und seine eigenen Selbstbestrafungswünsche in den Linken projiziert (= diesen aggressiv verfolgt). Dabei spielt auch die Tatsache eine Rolle, daß Links- und Rechtsradikale verschiedenen Bevölkerungsschichten angehören: der eine dem (Bildungs-)Bürgertum, der andere dem ökonomisch verunsicherten Kleinbürgertum.

Bei Thomas Gratt ist eine bemerkenswerte Modifikation eingetreten: Vom Vater getrennt, frustriert und abgelehnt, dem (wie Studenten bezeugen) unpersönlichen, deprimierenden und verwirrenden Bürokratismus des Universitätsstudiums ausgeliefert, wurde er von drei „deutschen Tanten“, eben den „Terrordamen“, „adoptiert“, geliebt und — delegiert. So konnte er für kurze Zeit die Ambivalenzbindung an den Vater und Jahn-Turnkameraden gegen eine erotische Muttersymbiose eintauschen.

Blenden wir ein: Letztlich sehnt sich auch der Drogensüchtige nach einer solchen Situation, in der er im Glücksrausch seine Identität finden kann. Die ideale Primärgruppe heißt von nun an für Gratt: „internationale Guerilla“. Wenn er von seinen Aktivitäten, Plänen, Überzeugungen spricht, vermeidet Gratt (darin wirkt er wie ein Rechter) das „ich“. Er redet in der dritten Person und von höherer Warte herab, scheinbar objektiv. „Die Guerilla hat schon bewiesen“, sie tut dies und das, doziert er „altklug“ (wie einige Interviewte meinten).

Der Stolz auf seine „heroische“ Leistung, das Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen, entspricht ebenfalls dem Verhalten eines „delegierten“ Rechtsradikalen. Der fühlt sich nämlich — weil vom „guten Objekt“ bestätigt — persönlich außerordentlich wichtig (jedoch nicht als autonomes Ich, sondern als „Mutterheld“).

Nach dem Verschwinden der „deutschen Tanten“ auf der Flucht im Tessin, als Gratt emotional auf sich gestellt war, begannen dann die Pannen (die Unterstützung durch Freund Keplinger konnte das nicht verhindern — schon in Vorarlberg, erzählte mir ein Schulkamerad Gratts, schien die Peergroup für Gratt nicht sehr wichtig gewesen zu sein). Der vom Ambivalenzkonflikt genährte Selbstzerstörungsmechanismus begann zu laufen, und er lief wie geschmiert, als der „Kriegsgefangene“ Gratt zum Ärger seines Verteidigers seine aktive Rolle bei der „Enteignungsaktion“ ins rechte Licht rückte und selbst die mögliche Ermordung des Opfers nicht ausschließen wollte. Auch masochistische Gefühle können erhebend sein!

Der einzige Trotzkist

Psychologisch weniger interessant als Gratt sind seine Mitverurteilten, der Oberösterreicher Keplinger und der Wiener Pitsch. Reinhard Pitsch ist jedoch ein Paradebeispiel für eine ganz spezielle Spielart österreichischen Linksradikalismus, der vor mehr als zehn Jahren in sozialistischen Schüler- und Studentenkreisen geboren wurde. Die Akteure nannten sich damals „Trotzkisten“, waren als „Internationale Kommunisten“ (ich war selbst „Leitungsvorsitzender“) geheim in der Vierten Internationale organisiert und wurden von sozialistischen Jugendfunktionären, die heute nach einem langen Marsch durch die Institutionen zu Nationalratsmandaten drängen, mit Hilfe bürokratischer Mätzchen aus den Organisationen „hinausgesäubert“.

Im Zuge der neulinken Studenten- und Jugendbewegung fanatisierten sich die Nachfolgegruppen immer mehr, ohne jedoch den Weg von subkultureller Rebellenpraxis (z.B. Drogen, Homosexualität usw.) zur seriösen politischen Aktion zu finden. So trifft auch auf den langjährig polizeibekannten Philosophiestudenten und „Verräter“ Pitsch, der sich schon im Alter von 14 Jahren als der „einzige Trotzkist Wiens“ fühlte, das Diktum Leo Trotzkis (im „Anti-Kautsky“) über den Austromarxismus zu: Er ersetze Dialektik durch „gaukelhafte Spitzfindigkeit“ und den „Angriff, die Entwicklung der revolutionären Energie“, das Bemühen um „vollendete Führung des Klassenkampfes“ durch das „große Tamtam des vorschriftsmäßigen revolutionären Phrasenschwalls’’.

Wir sehen am Beispiel Pitsch, wie die Unfähigkeit der etablierten politischen Organisationen, jungen Menschen Freiräume zuzugestehen, zu extrem pathologischen Verhaltensweisen führt. Die geringe Zahl von Extremisten à la Pitsch ist kein Grund zur Beruhigung: Andere wählen eben apathischere Reaktionen, die aber für die Demokratie nicht weniger gefährlich sind.

Die Verdrängung der gesellschaftlichen Ursachenproblematik wird auch an den jüngsten Diskussionen über die Drogensucht der Jugendlichen sichtbar (der Kampf gegen die Drogensucht scheint den Kampf gegen den Terrorismus abzulösen). Eine allgemein miese Gesundheitssituation (der Alkoholismus der breiten Masse) wird als Randgruppenproblem verschleiert und kriminalisiert. Unter den Tisch fallen soll dabei die Erkenntnis, daß unsere Arbeitswelt inhuman ist und radikal verändert gehört.

Und die mit dem Freizeitproblem auftauchende Frage nach subjektivem Lebenssinn und kreativer Selbstverwirklichung (das transzendiert die gesellschaftliche Produktionssphäre!) kann nicht mit Sport, wie er im Fernsehen visualisiert und allerorten propagiert wird — dem heute massivsten Versuch kollektiver Mythen- und Ritualbildung —, zum Schweigen gebracht werden. Das Beispiel des Turners Gratt beweist es.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1979
, Seite 16
Autor/inn/en:

Josef Dvorak:

Jahrgang 1934, gelernter Theologe und Tiefenpsychologe. Langjähriger Gerichtsreporter und außenpolitischer Redakteur bei Tageszeitungen, von 1973 bis 1995 Mitglied der Redaktion des FORVM. Er ist heute freier Forscher und Publizist und beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte der Psychoanalyse, des Okkultismus und ideologischer Minderheiten.

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