FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1983 » No. 352/353
Hans-Dieter Klein

Romantik, Ästhetik, Liebe & Co

H.-D. K. ist Extraordinarius am Institut für Philosophie der Universität Wien, Jahrgang 1940, war Vorzugsschüler mit Promotion sub auspiciis über Leibniz und hat trotzdem interessante Gedanken. Wenn’s so weitergeht haben wir einen neuen ständigen Autor, nach einiger Zeit von diesem eine diskutable & kritikable Theorie des gegenwärtigen Zeitalters. In der Redaktion liegt bereits ein nächster Beitrag über den Kalten Krieg der Klassen.

Die traditionalen Antworten auf die Frage, was der Mensch sei, erhielten ihre gesellschaftliche Verbindlichkeit durch die Einpflanzung in jene Rituale, welche für die Lebensmittelproduktion unerläßlich waren, welche daher wirklich über Leben und Tod, Heil und Unheil der Menschen entschieden: in Europa das Kirchenjahr. Mit dem Übergang zur naturwissenschaftlich-technischen Produktionsweise verloren die traditionalen Antworten nach und nach diese Verbindlichkeit. Damit ist nichts über ihre Wahrheit gesagt.

Diese über Leben und Tod entscheidende Verbindlichkeit kommt in der modernen Welt seit dem 18. Jahrhundert nur mehr der naturwissenschaftlichen Technik und der ihr entsprechenden Ökonomie zu. Da wir nun philosophisch sicher wissen, daß es nicht wahr ist, daß der Mensch nur Maschine ist, können wir auch verstehen, daß die Individuen nach anderen Antworten auf die Frage suchen, was der Mensch sei. Diese Antworten finden sie in der Tradition.

Die traditionalen Antworten jedoch haben ihren alten Sitz im Leben und damit ihre alte Verbindlichkeit verloren. Es liegt nun im Belieben der Individuen, sie anzunehmen oder auch nicht. Es hängt nichts mehr davon ab, außer, wie sich die Individuen fühlen. Die traditionalen Antworten sind also zur Geschmackssache geworden.

Ich will diese Situation im Rückblick auf eine Zeit betrachten, in der die traditionalen Antworten Verbindlichkeit hatten — und im Vorblick auf die ökologische Krise. Wahrscheinlich kann diese Krise allein mit dem Prinzip Der Mensch sei eine Maschine nicht gelöst werden. Ich vermute, daß die Krise eine umfassendere Antwort verlangt, wobei Themenbereiche, welche im Zentrum der traditionalen Antworten standen, neu aufzurollen sind. Es wird ein nochmaliges Andenken an das „wilde“ und an das traditionale Leben einsetzen müssen. Dabei werden, so vermute ich auf Grund der im vorigen FORVM vorgetragenen Theorie der ökologischen Krise, die vergessenen Themenbereiche in neuen Lösungen wieder über entscheidende Verbindlichkeiten über Leben und Tod der Menschheit als ganzer erhalten.

Die Sehnsucht der Moderne

Paradigma ist das Leben der Landgemeinden. Seine relevanten Inhalte sind: Kirchenjahr, Fest, Familie, Gemeinde. In dieser Basis verankert waren die internationalen organisatorischen Inhalte: Kirche und Monarchie. Sie beruhten auf den vom konstantinischen Kaisertum gefundenen Lösungen.

Von der Bedeutung der Sprache im Nominalismus ausgehend, ist schließlich der Gedanke der nationalen Identität (Sprachnationalismus) in Rechnung zu stellen. Diese historisch späteste Schicht war im 19. Jahrhundert auch das alle anderen traditionellen Motive verbindende Moment. Man suchte in Volksbräuchen, Volkskunst, Volksglauben, im völkischen Adel, im volksverbundenen Handwerk usw. einen Ausgleich gegen die Reduktion des Menschen auf seine Maschinenhaftigkeit. Der Nationalismus war auch der Leitgedanke, die eigene Identität aus immer früheren historischen Schichten zu gewinnen, den Rückgang ins Heidentum und dessen Erneuerung zu versuchen.

Das Prinzip der Umdeutung der traditionalen Antworten auf die Frage, was der Mensch sei, besteht in folgendem: die Inhalte werden aus ihrem notwendigen und verbindlichen Bezug zur körperlichen Arbeit der Lebensmittelproduktion herausgelöst und als Produkte geistiger Arbeit verstanden, welche dann ästhetisch beurteilt werden. Auf diese Weise werden die Riten zu Volksbräuchen, welche gesammelt und miteinander verglichen werden. Auf diese Weise verlieren jedoch die einst lebensnotwendigen Riten jede Verbindlichkeit und werden zur bloßen Geschmackssache einer von körperlicher Arbeit und dem lebensbedrohenden Kampf mit einer stets gefährlichen Natur weitgehend entlasteten Klasse, des Bürgertums.

Die heutigen Volksbräuche und Volkstänze sind zumeist Neueinführungen des 18. und 19. Jahrhunderts, Produkte einer ästhetischen Produktion. Diese aber ist selbst ein Wirtschaftszweig des kapitalistischen Marktes. Sie haben daher auch durchwegs Warencharakter, sind, nach der Form ihrer Distribution, durchaus eingepaßt in den mechanistischen Gesellschaftszusammenhang. Die einzige Form echter gesellschaftlicher Verbindlichkeit der ästhetischen Produkte ist der Profit, den sie ihren Produzenten und Verteilern abwerfen. [*]

Nun ist klar, daß alle diese Feste und Überzeugungen mangels gesellschaftlicher Verbindlichkeit den Charakter der Scheinhaftigkeit annehmen. Man erinnere sich der Verlogenheit unseres Weihnachtsfestes und der daran geknüpften Produktionszweige und -rhythmen. Niemand kann sich in diesen scheinhaften Inhalten zu Hause fühlen. Daraus entsteht die nie stillbare Sehnsucht nach neuen sinnstiftenden Inhalten, die wiederum Absatzmärkte für immer wieder neue Produkte der ästhetischen Industrie eröffnen.

Die Materialisierung der Romantik

Warum die romantisch-illusionären Rückgriffe auf die Tradition im Kontext einer Gesellschaft, die auf der Praxis beruht, daß der Mensch eine Maschine ist? — Niemand kann das mechanistische Weltbild konsequent aushalten. Kein Mensch könnte an dem Programm arbeiten, die Menschheit zur funktionierenden Maschine zu machen, würde nicht jeder seinem Dasein noch anderen Sinn verleihen. Auch in der modernen Gesellschaft ist also die Suche nach nichtmechanistischen Antworten auf die Frage was ist der Mensch also gesellschaftlich verbindlich. Die Antworten bleiben allerdings dem Geschmack der Individuen, ihrem Belieben und dem Markt überlassen.

Der Rückgriff auf traditionale Antworten leistet der modernen Gesellschaft einen wichtigen Dienst: Das Funktionieren einer mechanistischen Gesellschaft verlangt von den Individuen eine auf Selbstaufgabe bzw. dosierte Selbstzerstörung angelegte Triebstruktur. Fabriksarbeit verlangt im Unterschied zu handwerklicher Produktion den Verzicht auf jede eigene Meinung. Das moderne Heer und die moderne Bürokratie verlangen abstrakt funktionierenden Gehorsam, der eigene Überzeugung gar nicht erst befragt — feudale Loyalität hingegen schloß Widerstandsrecht immer mit ein. Gewissenhaftigkeit heißt modern: Suspendierung des eigenen Gewissens.

Freiwillige Selbstunterwerfung unter eine als Freiheit in ihrer Art gebundene Freiheit enthält aber gleichfalls eine Suspendierung von Freiheit und Autonomie. Diese dient hier als Einübung in die Aufopferung der Freiheit an den Mechanismus. So fungiert die selbstgewählte Heteronomie in der Bindung an traditionelle Werte zur Einübung in diejenige Heteronomie, welche moderne mechanistische Institutionen verlangen. Dies ist das Prinzip der Funktion romantisch-illusionärer Rückgriffe im Kontext moderner Lebensformen.

Liebe im Getriebe

Der Rückgriff hat also eine für das Funktionieren des Menschen in Fabriken, Ämtern, Büros und Kasernen unersetzliche Funktion: das Triebleben an solches Funktionieren anzupassen. Die entscheidende Drehscheibe der Konditionierung ist die Familie, es folgen Schule, Propaganda, Staat, Kunst. *“ Gebraucht werden teils autoritätshörige, narzißtisch-ehrgeizige, teils unersättlich gierige Charakterzüge. Die einen Eigenschaften kurbeln die Produktion an, die anderen den Verkauf. Beide sind Fixierungen, welche durch jene Autonomie überwunden sein müßten, die zu freier Liebe befähigte. [**] Nun wissen wir, daß die Fixierung auf beides bedingt wird durch die lebenslängliche Fixierung des infantilen Strebens nach symbiotischer Paarbildung. [***] Der Weg in eine darüber hinausgehende Freiheit ist fast unmöglich.

Die so erzeugten Charakterstrukturen sichern die Verwertbarkeit der Individuen in einer mechanistisch-utilitaristischen Gesellschaft: sie ordnen sich unter und kaufen. Auf das dann doch auftauchende Problem von Liebesbeziehungen, welche über die symbiotische Paarbildung hinausgingen, reagieren so geprägte Charaktere mit panischer Angst und Wut: letztere kann als Gewalt gegen sich und andere ausagiert werden. Vom sicheren Hafen symbiotischer Verhältnisse aus ist es dann leicht, fluktuierende sexuelle Kontakte ohne tiefere Bindung einzugehen. Solche Ruhelosigkeit findet die Förderung der Gesellschaft, indem sie flankierende Märkte für den Sexualitätsmarkt aufbaut, die den allgemeinen Konsum fördern sollen. Dieses Spiel hat uns seit der Sexwelle nicht näher zu freier Liebe gebracht.

Der Rückgriff auf die traditionelle Familie und ihre Ideologie hat also die Funktion, in den Kindern Triebstrukturen aufzubauen, welche die Erwachsenen in die mechanistischen Institutionen integrieren.

Die Kompanie der Ideale

Ist einmal die Charakterstruktur in der Kindheit geprägt, können weitere Einflüsse das Begonnene vollenden. Die Feste wurden schon als Familienfeste eingeübt. Der Monarch ersetzt dem Erwachsenen die väterliche Autorität und läßt sie in den Institutionen wirksam werden. Für die Ideale Heimat, Vaterland & Nation sterben wir gern und als Helden. Der Idealismus hat die Funktion, den Menschen zu schlichtem Befehlsgehorsam zu erziehen. Demut, als religiöse Selbststeigerung zum Kind des Übervaters, mag den Lernprozeß zusätzlich fördern. Erlernt wird, Gewissenhaftigkeit in der Abtötung des eigenen Gewissens vor dem Angesicht seines Vorgesetzten zu suchen. Zusätzliche Vorbereitung auf Konsum leistet die romantisierte Erfahrung der Naturschönheit, peinlich gesäubert von ihrer »wilden« Gefährlichkeit und sportlich abstrahiert von der Auseinandersetzung mit der Natur durch körperliche Arbeit, oder auch diese noch selbstquälerisch romantisiert. So befestigen die höheren romantischen Ideale das, was schon das Familienleben für das Funktionieren in einer mechanistischen Gesellschaft erreicht hat.

Das Zusammenspiel der Maschinenhaftigkeit von Freiheit mit ihrer romantischen Verschleierung verhindert also die Realisierung des formal erkannten und anerkannten Grundrechts der Freiheit. Dem Grundrecht der Gleichheit geht es nicht besser. Von selbst leuchtet ein, daß traditionale Bestimmungen des Menschen (als frei in seiner Art) ein ständisches Modell zur Folge haben und die danach orientierten Menschen nicht fähig und willens sein werden, Gleichheit zu akzeptieren. Die patriarchalische Familie mit ihren ständisch fixierten Rollen produziert Diskriminierung von Weib und Kind. Romantische Anknüpfungen an den Adelsgedanken, Umdeutungen, z.B. in den inneren Adel des Genialen und dessen Kult verhindern die Realisierung der Gleichheit ebenso, wie alte Vorstellungen von der Minderwertigkeit anderer Menschenrassen der Legitimation von Sklaverei und Kolonialismus dien(t)en.

Die mechanistische Organisation von Freiheit produziert an sich schon Ungleichheit. Die Fixierung des Verlangens nach symbiotischer Paarbildung ist zugleich Fixierung ursprünglicher infantiler Unersättlichkeit. Auf dieser Basis erhebt sich erst die Übertragung der inneren Abhängigkeit und Unfreiheit auf Autoritätsstrukturen mechanistischer Institutionen. Diese Unersättlichkeit wird künstlich aufrecht erhalten, die Individuen werden daran gehindert, über sie hinaus zu gelangen, also kriegen sie nie genug. Diese Triebstruktur ist Humus für die Produktion, stimuliert das Kaufverhalten. Weil jeder in seiner Unersättlichkeit meint, immer zu wenig von der Mutter Gesellschaft zu erhalten, ist er stets auf alle neidisch und versucht, sie zu übertrumpfen. Eifersucht und Neid wachsen auf ein und demselben Boden. Wenn ich nicht irre, dann sind die Charakterstrukturen, welche die innere Unfreiheit zwecks problemloser Integration in mechanistische Institutionen bewahren, genau diejenigen, die Gleichheit nicht ertragen.

[*Zwar mögen sich kleine Gruppen von der Verbindlichkeit des Wahrheitsanspruchs der Philosophie und der inneren Stimmigkeit der Kunst überzeugen. Diese Art von Verbindlichkeit bestreite ich keineswegs, nehme sie selbst in Anspruch und fühle mich durch sie verbunden und überzeugt. Aber es handelt sich dabei um keine gesellschaftlich öffentliche Verbindlichkeit. Eine solche hat seit dem 18. Jahrhundert einzig und allein die naturwissenschaftliche Technik und ihre ökonomische und gesellschaftliche Organisation. Auch die Kritik der reinen Vernunft und die Jupitersymphonie sind in diesem Sinn von Verbindlichkeit wirkliche gesellschaftliche Realität nur insofern, als es sich dabei um Waren handelt, die auf einem zwar relativ kleinen Absatzmarkt ein doch ziemlich sicheres und langfristiges Geschäft verbürgen.

[**Freie Liebe wird unter modernen Bedingungen von zwei Seiten eingeschränkt. Die mechanistische Auslegung ist orientiert an der ökonomischen Funktion von Sexualität. Diese besteht zunächst in der Fortpflanzung, der Reproduktion des Menschenmaterials. Sodann wird Sexualität als Konsum propagiert, ein Bedürfnis, dessen Befriedigung die Individuen am Sexualitätsmarkt einkaufen. Der Sexualitätsmarkt zieht wieder bestimmte Produktionszweige an. Denn um auf ihm konkurrenzfähig zu sein, müssen die Individuen Kleidung, Parfums, Schmuck, Reisen, Kinovorstellungen, Möbel, Autos usw. kaufen. Die zweite Einschränkung der Liebesfreiheit besteht in der Bindung an traditionelle Bestimmungen des Ehe-, Geschlechts- und Familienlebens. Hier ist jeder frei in seiner Art: der Mann in seiner Art, die Jungfrau in ihrer Art, die Ehefrau in ihrer Art, die Hure in ihrer Art, der Vater als echter Vater, die Mutter als wirkliche Mutter, das Kind als gutes Kind. Beide Einschränkungen gehen in der Resistenz der patriarchalischen Familie ein für das Funktionieren unserer Gesellschaft wichtiges Bündnis ein. Denn eine Gesellschaft, deren einziges Ziel das Wirtschaftswachstum und die Installierung einer maximal produktionseffizienten Menschheitsmaschine ist, kann Menschen, die der freien Liebe fähig wären, nicht brauchen.

[***Die Mutter, selbst von der Angst vor dem Verlust der Symbiose mit ihrer eigenen Mutter bestimmt, klammert sich an das Kind und stößt dessen dadurch allzu große Nähe zugleich zurück. Dadurch entwickeln sich im Kind massive Ängste, die es zeitlebens daran hindern, nichtsymbiotische freie Beziehungen einzugehen. Auf der so bereits geschädigten frühkindlichen Entwicklung baut dann der Einfluß des Vaters auf: er gibt den auf ihm lastenden Autoritätsdruck weiter und drängt so das Kind in den Aufbau eines autoritätshörigen, bestenfalls trotzigen Charakters.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1983
, Seite 53
Autor/inn/en:

Hans-Dieter Klein:

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