FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 303/304
Philipp Sonntag

Rettung durch 20-Stunden-Woche

Überleben trotz Technik

Acker im Turm

Mit der Technik bewaffneter Jäger und Sammler könnte in der BRD etwa ein Prozent der heutigen Bevölkerung überleben. Umgekehrt: Würde die gesamte derzeitige Erdbevölkerung in der BRD leben, so wäre dies etwa das Hundertfache der heutigen Bevölkerung. Jeder hätte etwa 50 Quadratmeter zur Verfügung. Man kann ein derartiges Überlebensproblem für diese utopische Bevölkerungsdichte technisch lösen. So hat der Wiener Ingenieur Ruthner Gewächshäuser als Hochhäuser gebaut; er schreibt: „Die Nutzung der 3. Dimension ermöglicht es, bei Errichtung von 30 bis 60 Meter hohen Pflanzenfabriken den eigentlichen Grundflächenbedarf ... auf 10 bzw. 5 Quadratmeter pro Kopf und Jahr Ernährungsfläche abzusenken.“

Nehmen wir einmal an, mit Hilfe von energiesparenden Techniken ergäbe sich am Ende ein Klima, in dem man leben kann. Wären diese ohne Erde wachsenden volltechnisierten Pflanzen als „Fortschritt“ der Technik zu werten? Was ist im Interesse des individuellen Lebens wünschenswert? Unsere Reaktion auf die Entwicklung der Technik hängt vor allem davon ab, was wir als „natürlich“ ansehen und schützen. Man darf da keinen Gegensatz Natur/Technik konstruieren.

Vom deutschen Landschwein zum spätreifen Speckschwein

Was ist Natur? Reagieren unsere Schutzreflexe auch auf Kuckuckseier der Technik? Natur und Technik sind vor allem in der Landwirtschaft oft so miteinander vermischt, daß nicht mehr klar ist, wo die Natur aufhört und wo die Technik anfängt. Man kann eine bereits mit Technik durchsetzte Natur nicht mehr pauschal gegen die Technisierung verteidigen, sondern es kann nur noch eine gelungene Symbiose geben. Wir erkennen dies etwa bei dem vergeblichen Versuch, einen Bereich Natur gegen einen Bereich Technik eindeutig abzugrenzen.

Sind unsere Haustiere Natur oder Technik? Die Schweinezucht braucht „5 Jahre für ein neues Modell“ entsprechend einer Kampagne der Deutschen Agrarwirtschaft. Interessant sind dabei weniger die gewünschten körperlichen Veränderungen, sondern vielmehr die ungeplanten psychischen. Die gewohnte Vielfalt technischer Modelle führt von dem deutschen Landschwein über das veredelte Landschwein zum Mehrzweckschwein weiter über das Stromlinienschwein zum Fleischschwein.

Herausgezüchtet sind nicht nur das frühreife Pummelschwein und das spätreife Speckschwein (quelle chance). Das neue Modell hat 20 Rippen anstatt 14 und dazu größere Koteletts. Es ist der technischen Umwelt näher als der Natur. Bei einem Zusammenbruch der Organisation, etwa am Rand eines Atomkrieges, hat es keine Chance. Es braucht einen warmen Stall. Es regt sich leichter auf — man darf es nicht anbrüllen oder gar hetzen. Es frißt keinen Schweinefraß, sondern „Buttermilch, Erbsen, Mais, Gerste, Bierhefe, Mohrrüben und andere feine Dinge“ lt. Kampagne der Deutschen Agrarwirtschaft.

Wie das Schwein braucht auch der Computer einen wohltemperierten Raum, ja sogar eine Klimaanlage.

Den Imkern ist es gelungen, eine sanftmütige, stecharme Honigbiene zu züchten (Süddeutsche Zeitung vom 14. Juni 1974). In einer dpa-Meldung (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. April 1975) über die Züchtung neuer Tomaten heißt es:

Sie schmeckt wäßrig und unreif, sieht bläßlich krank aus und hat eine unangenehm dicke Haut ... Warum die neuen Tomaten so sind? Damit sie Hunderte von Meilen im Lastwagen oder Waggon so überstehen, daß nicht zu viele beschädigt oder schlecht werden. Darum auch wird das Obst und Gemüse immer noch mehr gewachst, bepinselt, besprüht und begast. Und das Aroma bleibt auf der Strecke.

Stoffhunde und Kiemenmenschen

Über die Züchtung hinaus weist uns die Technik, wenn motorisierte Stoffhunde angeboten werden. Lärm und Abfall lassen sich bei diesen besser kontrollieren, sie folgen auf Knopfdruck und beißen nie. Soweit noch — technisch überholte — lebende Hunde da sind, erhalten diese keine vulgären Knochen, sondern laut Werbung „biegsame, nicht splitternde Kunstknochen mit Büffellederüberzug und mit Bratenduft“.

Was für ein Hund kaut auf diesem Stück Kultur? Unsere Hunde kommen in der Natur nicht vor. Zum Beispiel: Der Dackel ist eine relativ rasch gelungene erfolgreiche Züchtung einer in präzisierte Richtung gewollten Charakterart. Die Freude am individuellen Gemüt des Dackels, an seiner Kommunikation mit dem Menschen ist für ihn ebenso bezeichnend wie die Eigenart seines Körperbaus. Allein die Vielfalt der gezüchteten Hunde ist ein anschauliches Beispiel für Umweltveränderung durch Veränderung der Gene.

Natürlich gibt es keine gezielte präzise Züchtung von Menschen. Die Strukturierung des menschlichen Genotyps geschieht zufälliger, in der Vielfalt der Auswirkungen unübersehbarer, weniger auf Ziele präzisiert. Aber in der Auslese sind klare Komponenten als nicht naturgegeben erkennbar:

Diskriminierung von Genen durch das Zölibat, spezifische Charaktereigenschaften der Auswanderer nach Amerika, jede Art von Ghetto und, umgekehrt, die erhöhte Vermischung weit entfernter Völker durch Millionen von Fremdarbeitern, Studenten und Wissenschaftlern, die spezifische soziale Herkunft von kinderreichen Familien, die unterschiedliche Steuerung und Besteuerung des Kinderreichtums in verschiedenen Ländern u.a.m.

Wenn dies erlaubt ist, warum soll dann gezieltes genetisches Ingenieurwesen nicht erlaubt sein? Der Gegenstand unserer Betrachtung verlangt keine gewagten technischen Zukunftsspekulationen. Solche Spekulationen mögen uns allenfalls dazu dienen, den weitreichenden Eingriff in die Natur durch das „genetische Ingenieurwesen“ — genetical engineering, wie es in den USA genannt wird — kritisch und mit einer gewissen technischen Prägnanz zu sehen.

Nehmen wir an, es wäre möglich, sich Kiemen wachsen zu lassen (es gibt ein Frühstadium, in dem sich auch beim Menschen Kiemen entwickeln, die dann nicht ausgebildet werden), die nicht durch ein hohes Gewicht außerhalb des Wassers allzu hinderlich wären. Gegenüber einer Taucherausrüstung wäre dies zweifelsohne die elegantere, natürlichere Lösung. Ein Tip für Sportlerzüchtung?

Eßt Zeitungen!

Wie bei der Atomforschung ist zu sehen, daß man nicht „die Genetik“ bekämpfen kann. Die Atomphysik hat durch die Tracer-Methode in der Mikrobiologie erhebliche medizinische Fortschritte auslösen können. Analog zeichnet sich die Technik ab, mit deren Hilfe „genetische Reparaturen“ bei genau definierten Genschäden möglich sein sollten. Es sind „umfunktionierte Viren“, die in eine Zelle eindringen, um mit einer chemischen Reaktion am Gen die Anlagerung „richtiger“ Chromosomen zu bewirken.

Dieser chemische Austausch geschieht normalerweise zur Besetzung der Zelle und zur Vermehrung des Virus. Dieses Verfahren mag etwa zu einer Verhinderung des Mongolismus führen.

Die Gründe für eine Einführung des genetischen Ingenieurwesens lassen sich in Einzelfällen einwandfrei aus gesellschaftlichen Prioritäten ableiten. Dennoch ist eine Beurteilung und Steuerung des genetischen Ingenieurwesens als Ganzes auf der Basis unseres natürlichen Empfindens gesellschaftlich prekär. Als aus der Zelle von dem Körper eines Frosches ein neuer Frosch gezüchtet wurde, schien die Vervielfältigung von Menschen prinzipiell möglich.

Der amerikanische Genetiker Müller überlegte sich eine Liste „wünschenswerter“ Personen noch während des Zweiten Weltkrieges. Einige Jahre später strich er Stalin aus dieser Liste! Nehmen wir argumenti causa einmal an, eines Tages sei das Verdauen von Zeitungspapier technisch möglich geworden, etwa mit Hilfe neuartiger Magentabletten. Wer Hunger leidet, wird begeistert sein. Wer gut ernährt ist, würde es als Zumutung empfinden.

Mit diesen beiden „natürlichen“ Reaktionen ist überhaupt nicht zu entscheiden, ob es medizinisch gesehen gesund wäre.

Fortschritt ist nicht einfach: schneller, höher, weiter, stärker, reibungsloser, höheres Bruttosozialprodukt, vernichtendere Waffen oder Insektensprays usw. Was können die Inhalte von qualitativen Wachstum sein? Genügt es, wenn man Schwellenwerte einer Verschmutzung oder Gefährdung nicht überschreitet? Die Wissenschaft macht an dieser Stelle erstaunlich widersprüchliche Aussagen.

Die Luft geht aus

Ich zitiere ein Musterbeispiel gegensätzlicher Aussagen, die ohne politischen Auftrag gemacht wurden:

Wallace S. Broeker:

Sogar in einer Stadt wie New York kann der Sauerstoffverbrauch durch Auto und Industrie unter ungünstigen Bedingungen keinen Mangel an Sauerstoff entstehen lassen.

und:

Der Sauerstoffgehalt unserer Atmosphäre ist praktisch unerschöpflich und kann sich in den nächsten 100 bis 1.000 Jahren kaum merklich ändern.

Dagegen schreibt G. Preuschen:

Verdoppelt man die Menschenzahl und die Energiemenge selbst bei gleicher Tierzahl, dann beträgt der Verbrauch an Sauerstoff bereits 22 Milliarden Tonnen pro Jahr oder zehn Prozent mehr als die Erzeugung: Der gesamte Weltsauerstoff wäre dann in wenigen Jahrzehnten so weit verbraucht, daß menschliches Leben nicht mehr möglich wäre.

Beide gehören zu den anerkannten Fachleuten auf diesem Gebiet.

Ein dramatisches Beispiel für die Unzuverlässigkeit von vereinbarten Schwellenwerten ist die Dosis an Radioaktivität, die offiziell als ungefährlich angesehen wird. Der Schwellenwert hat sich seit der Entdeckung durch Röntgen um den Faktor eine Million geändert. Eine 3.000-rem-Dosis sah man zur Zeit Röntgens noch als ungefährlich an. Ein Millionstel dieses Wertes spielt heute eine Rolle bei der Genehmigung von Reaktoren.

Billige Kernwaffen für die Mafia

Noch schwerer ist die Auswirkung von Maßnahmen auf das individuelle Leben abzuschätzen, wenn ein vernetztes System von Variablen zu beachten ist. Der Club of Rome hat u.a. auf das „counter-intuitive behaviour“ hingewiesen.

Beispiel: Man fördert den Wohnungsbau und doch wird nachweisbar durch diese Maßnahme die Wohnungsnot an diesem Ort größer.

Bei einigen technischen Entwicklungen läßt sich nicht im voraus erkennen, ob sie am Ende eine Verbesserung oder eine Verschlechterung der Lebensbedingungen auslösen.

Beispiel: Nehmen wir an, es gäbe für die Kernfusion (gezähmte Wasserstoffbombe) eines Tages eine technisch einfache Kontrolle. Dies kann weltweit die Bewässerung von Wüsten und die Aufhebung des Hungers bedeuten. Es kann aber auch billige Atomwaffen in den Händen der Mafia bedeuten.

In dieser Situation wäre ein mit moderner Technik eingesetzter Polizeistaat die einzige Überlebenschance — zunächst einmal für das nackte Überleben. Von der Art der psychotechnischen Kontrolle des Menschen hängt es ab, ob dann eine individuelle Lebensgestaltung noch ihren Raum findet. Hier ist die ganze Bandbreite von Polizeiverhör und argwöhnisch-nervöser Bespitzelung einerseits und therapeutischer oder religiöser Beichte andererseits angesprochen.

Freiheit und Unterdrückung beruhen beide auf immer verfeinerten Techniken, die auf den ersten Blick sehr ähnlich aussehen. Eine Gesellschaft, in der jeder in jeder Hinsicht so frei ist, daß er nichts zu verbergen hat, wäre die einzige dem Menschen angemessene Überlebensform.

Selbstvernichtungswaffen

Obwohl die Unwägbarkeiten der Entwicklung zur Vorsicht mahnen, lassen sich einige Tendenzen herauskristallisieren, die in jedem Fall das Geschehen in eine bestimmte Richtung hin lenken.

Rüstung: Der technische Fortschritt führt immer wieder aus (politisch mühsam eingestellten) strategisch stabilen Situationen heraus. Strategische Stabilität ist derzeit durch die Fähigkeit zu einem atomaren Gegenschlag definiert. Dies schreckt einen potentiellen Angreifer ab. Der technische Fortschritt garantiert dies keineswegs.

In den fünfziger Jahren waren die strategischen Bomberflotten verwundbar, und dies war der Anreiz, einen ersten Angriffsschlag zu führen. In den sechziger Jahren wurde das Polaris-U-Boot-Waffensystem geschaffen.

Heute gefährden ABM (Abwehrraketen) und die Montage mehrerer Atombomben auf eine Angriffsrakete die Stabilität.

Vor allem für die BRD gilt: Der technische Fortschritt hat eine Situation geschaffen, in der eine Verteidigung nur noch durch eine gleichzeitige Selbstzerstörung möglich ist, bereits mit einem Zehntel der bei uns zum Zwecke der Verteidigung gelagerten Atomwaffen. Daher schreckt uns unsere eigene Strategie stärker ab als einen potentiellen Gegner.

Keines der geplanten neuen Waffensysteme beendet dieses Dilemma. Da der Gegner durch den technischen Fortschritt an lokalen, für ihn gefahrlosen militärischen Einsätzen nicht gehindert werden kann, ist ein bewaffneter Konflikt — anders als in der Zeit der perfekten Abschreckung — keineswegs auszuschließen.

Zur Umwelt der Überlebenden gehören Seuchen, Genschäden, Erosion toter Landschaften, Versorgungs- und Organisationskatastrophen. Der technische Fortschritt wurde auf Dinge gelenkt, die für das individuelle Überleben weitgehend belanglos sind. So existiert ein perfektes Warnsystem. Überleben hängt jedoch vor allem von der Improvisationsfähigkeit des einzelnen ab; hierfür ist das technisch Mögliche bei weitem nicht geleistet.

Ozean kippt

Der Club of Rome hat in seinem Bericht die Umweltverschmutzung als eine seiner Apokalypsen genannt. Wahr ist, daß ein Anwachsen einer Verunreinigung um 7 Prozent pro Jahr zu einer Verdopplung in 10 Jahren führt und zu einer Vertausendfachung in 100 Jahren. Dies wäre bei vielem tödlich.

Eine Katastrophe in Zeitlupe ist jedoch politisch unwahrscheinlich. Eine Gefahr droht mehr von plötzlichen ökologischen Katastrophen: „Der Ozean kippt, d.h., er wird biologisch tot; die Erwärmung führt zu einer nicht umkehrbaren Klimaveränderung (z.B. Versteppung). Es ist ein Kennzeichen dieser ökologischen Gefahren, daß

  • sehr schwer zu zeigen ist, wann, d.h. bei welcher Belastung sie ausgelöst werden, obwohl dramatische Veränderungen erdgeschichtlich auch ohne unser Zutun geschehen sind;
  • ein Nullwachstum nichts mehr nützt, wenn sie sich abzeichnen.

Das Überleben kann in einer derartigen Situation ebenfalls stark von der Improvisationsfähigkeit des einzelnen und seinen technischen Mitteln hierzu abhängen. So ist ein längeres Überleben im Weltraum oder tief unterirdisch technisch prinzipiell kein Problem. So werden z.B. die optimalen künstlichen Wachstumsbedingungen für Pflanzen (ohne Erde, ohne Sonnenlicht) mehr und mehr erforscht.

Auch allmähliche Veränderungen können die Lebensbedingungen erheblich verändern. Manche Produktionsverfahren sind kurzfristig schwer auf neue Rohstoffe umzustellen. Stark schwankende Rohstoffpreise sind vor allem politisch bedingt. So stiegen 1973 die Preise für Kupfer auf das Doppelte, um dann auf ein Drittel zu sinken.

Walöl und die Folgen

Vor 120 Jahren beruhte die Beleuchtung in den USA hauptsächlich auf Walöl. Die Jagdtechnik wurde enorm verbessert. Wale wurden knapp, die Preise verdoppelten sich von 1859 bis 1865. Im Jahre 1858 zog die erste Expedition aus, um „Pennsylvania Felsenöl“ zu bohren, das wir heute als Erdöl bezeichnen. Binnen drei Jahren ging der Preis für Rohpetroleum auf ein Prozent des ursprünglichen Wertes herunter. Ein ähnlicher Durchbruch war für die Fusionstechnik (Wasserstoff zu Helium) erwartet worden; bisher blieb dieser technische Fortschritt jedoch aus.

Generell gilt: Die Lagerung von Rohstoffen und die Investition in alternative Techniken kann unter Umständen mehr Sicherheit in Krisen geben als etwas mehr an militärischer Rüstung.

Die ingenieurmäßige Zergliederung der industriellen Produktion in kleinste einfache Schritte (Babbage) hat den Arbeitsmarkt verändert. Auch die wenig geschulten Arbeiter in Entwicklungsländern können rasch, d.h. mit geringen Kosten angelernt werden. So ist eine weltweite Reservearmee von angelernten Arbeitern entstanden, während je nach Branche Facharbeiter und Handwerker zum Teil weniger gesucht werden.

Für die Marktmechanismen (Preise, Löhne) können kleine Änderungen (ein Prozent mehr Nachfrage als Angebot oder umgekehrt) starke Schwankungen bewirken. So kommt es gegen die Anstrengungen von Staat und Gewerkschaft zu Arbeitslosigkeit in Industrieländern und zu sehr niedrigen Löhnen in Entwicklungsländern, also unter Umständen zu niedrigerer Güternachfrage in beiden Gebieten. Die einzelne Firma ist gezwungen, sich den Marktmechanismen anzupassen. Teil der Krise sind chronische Illiquidität und Inflation, was eine durchgreifende politische Lösung sehr erschwert.

Geschirrspüler auf den Müll

Es ist eine Sättigung der Versorgung in Industrieländern mit jenen Konsumgütern eingetreten, die die Hausarbeit wesentlich erleichtern und verkürzen. Die Versorgung mit diesen wenigen entscheidenden Konsumgütern (z.B. Waschmaschine, Staubsauger) ist vor allem in den letzten 20 Jahren geschehen.

Nur bei diesen Gütern läßt sich zeigen, daß der Aufwand an Erwerbstätigkeit gemessen in Arbeitszeit sich lohnt (kürzer ist), im Vergleich zu der damit im Haushalt gesparten Zeit. Der Absatz von Geschirrspülautomaten stagniert zu Recht seit 50 Jahren.

Bügeln ist technisch durch die neuen Stoffe überholt. Bügelautomaten schaffen daher überflüssige Arbeit, es sei denn, man betrachtet sie als ästhetisches Hobby.

Technisch ist noch vieles möglich und wird verkauft werden, ohne unsere Lebensbedingungen wirklich noch zu verändern: Der magnetisch unter dem Teppich geführte Staubsauger, das per Telefonauslösung während des Heimweges von der Arbeit angewärmte Fertiggericht usw. können der Familie keinen neuen Zusammenhalt und keine neue gemeinsame Lebensform geben.

Hingegen hat der Hobbymarkt in den letzten Jahren einen Boom von 20 Prozent Wachstum gehabt, auch und gerade in der Rezession. Das ist ganz im Sinne einer mehrere Generationen umfassenden Familie als einer das individuelle Leben gestaltenden Einheit. Gerade das richtige qualitative Wachstum kann auch starkes Wirtschaftswachstum in einer Branche sein.

Stabiles System

Die Vielfalt der konsumierten Lebensmittelzusätze und Medikamente führt dazu, daß die Gesamtwirkung im einzelnen schwer nachweisbar ist, außer durch gezielte technische Überwachung. So ließen sich Übernervosität und Zerstreutheit von Kindern durch zusatzfreie Nahrung vermeiden. Bereits ein einziger Kaugummi mit künstlichen Farbstoffen schaltet die genannten Phänomene wieder ein. Neue Techniken der Vorbeugung und Behandlung sind ein Fortschritt gegenüber herkömmlichen Verfahren (siehe z.B. das Bundestag-Hearing über die Lage in der Psychiatrie).

Wer gewohnt ist, kreativ tätig zu sein und sich am Fließband schlecht einordnet (Kopfweh, Zerstreutheit), erhält routinegemäß erst Medikamente und schließlich Psychotherapie oder Psychiatrie in Richtung von „Anpassung“, weshalb ein Erfolg praktisch ausgeschlossen ist.

Das Prinzip, Medikamente zu verabreichen, ist nur ein Unterprinzip der Kontrolle (einfache Kontrolle von künstlicher Apathie). Monotone Kontrolle und Konditionierung über längere Zeit hinweg sind im Ansatz lebensfeindliche Prinzipien. Die Alternative ist die Technik der psychischen Stabilisierung und selbständigen Organisation des einzelnen, wie sie immer wieder in Ansätzen erprobt wird (z.B. Montessori-Modellschulen).

Für unsere Produktionsweise ist ein hohes Ausmaß an Arbeitsteilung kennzeichnend. Diese Arbeitsteilung hat bewirkt, daß wir alle (im Vergleich zum Deutschland vor 100 Jahren oder zum China von heute) halbtags erwerbstätig sind, mit 40 Wochenarbeitsstunden anstatt 80 wie früher. In den letzten 20 Jahren wurden 7 Wochenarbeitsstunden eingespart. Die Löhne stiegen über längere Zeit gesehen ziemlich konstant um 7 Prozent jährlich. Das entspricht einer nominalen Verdoppelung in 10 Jahren. Das ökonomische System ist stabil gegen viele Eingriffe. Seine Variablen ändern sich entweder nicht oder nur in gleichbleibend regelmäßiger Weise (konstantes Wachstum). Es ist schwer, von einem politischen Konzept ausgehend Einzelmaßnahmen zu ergreifen.

Liste der Krankheiten

Die folgenden Struktureigenschaften passen zusammen und beschreiben ungefähr die gegenwärtige Situation:

  • Monotone Serienproduktion von Konsumgütern
  • entfremdete Arbeit
  • Wegwerfgüter, schwer und teuer reparierbar, wenige Handwerker sind verfügbar
  • Raubbau an Ressourcen
  • hohe Arbeitsspezialisierung und geringe Flexibilität in bezug auf Arbeitsplatzwechsel, somit auch
  • geringe Flexibilität der Industrie für die Umstellung auf neue Produkte
  • staatliche Gelder für bankrotte Betriebe wegen Arbeitsplatzerhaltung
  • räumliche Trennung von Schlafen — Arbeiten — Wohnen und Freizeit, somit
  • unvermeidlich hoher Verkehrsaufwand, sei es privater oder öffentlicher Verkehr
  • monotone, da weitgehend funktionslose Siedlungen (Konrad Lorenz: Nutzmenschenbatterien)
  • hohe Abhängigkeit des einzelnen von einer Versorgung von außen, geringe Krisenstabilität
  • Isolierung und Funktionslosigkeit von Kindern und älteren Menschen; wenige Tätigkeiten, die in einer Familie zusammen gemacht werden können
  • hohe soziale Kosten und sinkender sozialer Grenzertrag
  • hohe medikamentöse Belastung der Bevölkerung (Arznei, Drogen, Alkohol, Psychiatrie)
  • steigender Energie- und Ressourcenverbrauch mit unvermeidlich steigenden Umweltschäden
  • Sättigung der Versorgung mit jenen Konsumgütern, die die Hausarbeit wesentlich erleichtern und verkürzen, und Beibehaltung der Konsumgewohnheiten über diese Grenze hinaus ohne einen hohen Ertrag davon
  • strukturelle und regionale Arbeitslosigkeit
  • hoher Anpassungsdruck bezüglich des ökonomischen Verhaltens von Arbeitnehmern und Produzenten.

Bei dem Versuch, einzelne Belastungen zu erleichtern, muß man erkennen, daß die genannten Variablen sich wechselseitig stabil im Gleichgewicht halten. Wer die monotone Serienproduktion aufheben und hochwertige Güter herstellen will, findet schwerlich qualifizierte Arbeitskräfte, er ist preislich nicht konkurrenzfähig, sein zu reparierendes Konsumgut wird außer im Werk von niemandem repariert, für eingesparte Energie interessiert sich der Käufer wenig, mit einer handwerklichen, geschickten Nutzung eines hochwertigen Konsumgutes, das nicht eine idiotensichere Bedienung hat, ist kaum jemand vertraut usw.

Wir arbeiten 20-30 Stunden ...

Welche Trends gilt es politisch zu fördern? Dies sei anhand eines Lösungsansatzes demonstriert:

Einführung einer flexiblen Wochenarbeitszeit. Sie wird durch Arbeitsangebot, Arbeitsnachfrage der Arbeitgeber und durch staatliche Steuerung beeinflußt.

Mann und Frau arbeiten je 20 bis 30 Stunden, per saldo braucht dies kein Absinken der insgesamt in der Volkswirtschaft geleisteten Arbeit zu bedeuten.

Was bedeutet dies für die einzelnen Organisationsbereiche? Schon gegen die Einführung der flexiblen Arbeitszeit bei konstant vorgegebener Wochenarbeitszeit (40-Stunden-Woche) war eine Reihe von Argumenten vorgebracht worden: unproduktiv, die Zusammenarbeit gefährdend, viele Wartezeiten usw. Diese Argumente lassen sich um so stärker entkräften, je stärker die Arbeit vereinfachend und präzisierend durchorganisiert ist.

Mit dem erwähnten Prinzip von Babbage entfällt tendenziell die hohe Empfindlichkeit der herkömmlichen Fließbänder gegen Störungen, fehlende Mitarbeiter, fehlende Teile usw. Prinzipiell ist so ein Arbeitsmarkt möglich, der eine gewisse Automatik gegen die Arbeitslosigkeit enthält.

Die individuellen Lebensformen würden gefördert. Vor allem bei Frauen besteht ein hohes Interesse an Teilzeitarbeit. Bezeichnenderweise ist gerade dieses Arbeitsangebot stark durch Konsumwünsche motiviert, es kann also zumindest kurzfristig den Markt überproportional ankurbeln. Zugleich besteht ein Nachholbedarf an Dienstleistungen, welche zum Teil gut in Teilzeitarbeit zu leisten sind.

Eine kürzere Erwerbstätigkeit wird ergänzt durch eine Tendenz zum produktiven Hobby: Produktion in eigener Regie (Familie) für den Eigenverbrauch und teils für den Verkauf (Garten, Basteln, handwerkliche Selbsthilfe, Rehabilitation und medizinische Pflege, Angebot an Dienstleistungen zum Teil mit staatlicher Hilfe). Es würde die Gesellschaft in einer Zeit der Krisen unverwundbar machen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1979
, Seite 42
Autor/inn/en:

Philipp Sonntag:

Geboren 1938 in Halle (Saale). Physiker und Autor, publizierte zu Technik und Gesellschaft, mit Betonung möglichst allgemeinverständlicher und vielfältig interdisziplinärer Darstellung.

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