FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 181
Reinhard Priessnitz

Provokationen

Sozialisierung und Verlag

Das Verdikt der Verlage, mit Literatur nach Gutdünken zu verfahren, während diese selbst, anstatt ihre eigene Geschichte zu evalvieren, aus dieser ihrer Not auch noch eine Untugend zu machen bereit ist, indem sie der Verlagsgeschichte als Faktotum dienlich wird, hat — immerhin seit der letzten Frankfurter Buchmesse — das Mißtrauen einiger Lektoren, die ja unter anderem für die deutsche Literaturchose verantwortlich sind, zumindest in Form eines Änderungsvorschlags publik werden lassen. Eine mehr oder minder spontan verfertigte Lektoratsverfassung wurde dem Leiter des Insel- und Suhrkamp-Verlages, Dr. Siegfried Unseld, überreicht, um, wie vorausgeschickt wurde, „die Zusammenarbeit zwischen“ ihm (Unseld) „und den Lektoren neu zu definieren“. In den zwölf Punkten dieser Verfassung war zunächst die Bildung einer Lektoratsverfassung beschlossen worden, deren Kompetenz sich über die Mitbestimmung in allen Bereichen der Programmgestaltung erstrecken solle und deren Beschlüsse mit einfacher Mehrheit gefaßt werden würden. Gefordert wurde weiters Einblick in Bilanz- und Geschäftsberichte sowie die Gebundenheit des Verlagsinhabers an die Beschlüsse. Dieser Programmvorschlag war von neuen Lektoren der Verlage Insel und Suhrkamp unterzeichnet worden und war — wie aus einem Brief der Lektoren an Ernst Bloch hervorgeht — als „Diskussionsgrundlage, deren endgültige, gemeinsame Formulierung die Arbeit im Verlag erleichtern und rationalisieren sollte“, gedacht.

Dr. Unseld berief daraufhin eine Versammlung ein, an der neben den Lektoren auch Verlagsmitarbeiter und Autoren teilnahmen. Zur Diskussion stand — neben zwei anderen Punkten, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, weil sie interne Zwistigkeiten innerhalb des Verlages berührten — eben diese Verfassung, und die Errichtung einer Lektoratsversammlung, zu der auch die Autoren Zutritt haben sollten, wurde beschlossen.

Zwei Tage später, im Verlauf weiterer Gespräche, wurde ein Aidemémoire verlesen, in welchem Doktor Unseld den abermaligen Versuch einer „Umfunktionierung des Gesprächsergebnisses“ zu erkennen glaubte. Übereinstimmung sei, wie es heißt, über Fragen wie der „Notwendigkeit grundsätzlicher Veränderung in der Struktur der Verlagsarbeit“, „der sofortigen Etablierung einer wöchentlich oder vierzehntägig stattfindenden Lektoratsversammlung“ und schließlich auch „über den Beginn einer Entwicklung, an deren Ende wünschenswerterweise die Sozialisierung der Verlage stehen soll“ erreicht worden.

Einen angeblich erzielten Konsensus hielt Dr. Unseld in einigen Fällen für anfechtbar. Er bestritt, daß es über die Frage, „daß es sinnvoll ist, eine Sozialisierung der Verlage unabhängig von einer strukturellen Veränderung der Gesamtgesellschaft ins Auge zu fassen“, einen Konsensus gegeben habe. In seiner Erklärung zu dem Aidemémoire führte er unter anderem aus, daß die „Mitarbeiter nur ihre eigenen ‚Machtinteressen‘ vor Augen hätten“, und unterbreitete drei Lektoren den Vorschlag, „einen auf totaler sozialistischer Basis arbeitenden neuen Verlag zu gründen“. Diese drei Lektoren (Walter Boehlich, Günther Busch und Karl Markus Michel) sollten von ihm 600.000 DM Startkapital erhalten.

Als Bedingungen wurden, neben der Weiterführung laufender Lektoratsarbeit im Suhrkamp-Verlag, noch folgende drei Punkte formuliert: Autoren und Mitarbeiter der Verlage Insel und Suhrkamp könnten drei Jahre lang nicht abgeworben werden; im Falle eines Verstoßes gegen diese Vereinbarung werde eine Sofortkündigung des Darlehens vorgenommen. Die neue Verlagsgesellschaft dürfe sich in keinerlei wirtschaftliche Abhängigkeiten begeben und sich von keinem Verlag übernehmen lassen; sollte sie scheitern, löse sich diese Gesellschaft auf. Die neugegründete Gesellschaft habe weiters zu erklären, daß sie keinen Theaterverlag gründen werde.

Unter diesen Umständen lehnten die drei Lektoren eine Gründung ab, da „die Bedingungen keineswegs das Gelingen eines solchen Experiments garantierten, sondern es vielmehr von Anfang an in Frage stellten“. Die Betreffenden hätten weiters von dem Angebot keinen Gebrauch gemacht, „weil ihr Interesse, den bestehenden Verlag zu erhalten“, vordringlich sei. Auf Grund mehrerer Gespräche, die der Klärung von Mißverständnissen dienten, wurde eine Basis für weitere Zusammenarbeit gefunden und in Form einer „Geschäftsordnung“ zu Papier gebracht. Die Geschäftsordnung wurde von sämtlichen Verlagsmitgliedern und von Dr. Unseld unterschrieben. Als Resultat liegt ihr die Gründung einer Lektoratsversammlung zugrunde, die, in einmal wöchentlichen Tagungen, Fragen der Verlagsentscheidung und -konzeption diskutieren solle, über die in demokratischer Weise abgestimmt werden würde. Zusätzlich solle über grundsätzliche Änderungen der Verlagskonzeption, Grundsatzfragen bei Methoden der Werbung, des Vertriebs und ähnliches diskutiert werden. Die Versammlung stehe Autoren und Abteilungsleitern der Verlage grundsätzlich offen. Dr. Unseld bleibe als persönlich haftender Gesellschafter und Leiter der Verlage unbeschadet seiner Stellung und seinem daraus resultierenden Recht zu unabhängiger Entscheidung; weiters leite er die Sitzungen. Diese Geschäftsordnung gelte zunächst für die Dauer eines Jahres und werde dann erneut zur Diskussion gestellt. Sie werde neu einzustellenden Lektoren vorgelegt werden.

Der Epilog dieser etwas operettenhaft anmutenden Revolte, ihrer Anti- und ihrer gutmütigen Synthese, bildet die nun gefundene „gute Basis für eine produktive Zusammenarbeit“, die allerdings abzuwarten bleibt. Kenntnis davon werden die Leser allein durch das Verlagsprogramm nehmen können, und daß außer diesem alles weitere für sie nicht von Belang sei, ist evident. Daß freilich gerade vom Programm her wesentliche Neuerungen zu erwarten sind, ist deshalb nicht ganz wahrscheinlich, als es dem Suhrkamp-Verlag bereits gute zehn Jahre geglückt ist, einen Großteil der Literatur feilzubieten, der die Empörung der Lektoren hätte heraufbeschwören müssen. Denn was dem Suhrkamp-Verlag in seinem literarisch ausgerichteten Programm etwa an neueren deutschen Autoren als durchaus respekt- und präsentabel gilt, macht ihn, dem die bundesdeutsche Kritik besonders wohlwollend gegenübersteht, aus der Sicht einer auf kritische Veränderung bedachten Lektorenschaft für eine Umstrukturierung besonders anfällig. Nicht zuletzt ist ja im Suhrkamp-Verlag ein Großteil von Literatur herausgebracht worden, die sich der außerparlamentarischen Opposition als Sprachrohr ohne weiteres anbietet, ja vielfach waren es erst Publikationen dieses Verlages, die das theoretische Fundament für Sozialisierungen öffentlicher Institutionen vorbereiten halfen und solchen Prozessen das Argument lieferten. Wunder nimmt, daß keiner der sich so antiautoritär gebenden Autoren gegen die auf autoritärer Basis kursierenden geschäftlichen Gepflogenheiten seines Verlages Stellung zu nehmen geneigt war oder zumindest Zweifel an den Zahlungs- oder Werbegebarungen hegte.

Modell — Untergrundliteratur

Nichtsdestoweniger nahmen die Sozialtheorien ihren durch den Verlagsbetrieb gehechelten Verlauf und kursierten vornehmlich unter jenen Demonstranten bei der Buchmesse, gegen die die Polizei mit dem Einverständnis der Messeleitung vorgegangen war, den Protest mit dem Schlagstock eindämmend. Erst diese bedauerlichen Umstände waren für die Lektoren ausschlaggebend, sich an ihren Verlagsleiter zu wenden, brachten die Sozialisierungstendenz erst ins Gespräch. Das der Mitarbeiterschaft Suspekte, das eine etwaige Sozialisierung auf den Plan gerufen hat, wurde da am stärksten offenbar, wo die Gefälligkeit und das Renommée eines Verlagshauses mit geschäftlicher Würde Repräsentation zu werden drohte und also der kulturell frisierten Ideologie ermöglichte, Kritik und Mißtrauen in Kauf zu nehmen, ohne Uneinsichtigkeit als Freiheit zu annonçieren.

Daß eine solche Sozialisierung, wie Dr. Unseld sie zu akzeptieren und zu unterstützen gewillt war, von dem äußerst geschickten Angebot einer hoch dotierten Starthilfe einmal abgesehen, unsinnig ist, das scheint klar. So richteten sich denn die Neuerungstendenzen vorerst auf administrative Regelungen und reflektierten keineswegs auf eine neue Definition von Literatur — schon weil nach der neuen „Geschäftsordnung“ Hausautoren beratend hinzugezogen werden. Es wäre absurd, ein Verlagsunternehmen wie Suhrkamp oder Insel auch nur von seiner Hierarchie her, durch die ja das bisherige Funktionieren garantiert worden ist, einem Sozialisierungsprozeß unterziehen zu wollen, ohne der Institution a priori zu schaden oder diese zumindest ihrem Zweck zu entfremden. Insofern ist Dr. Unseld mit seinem Vorschlag durchaus im Recht gewesen und hat realiter mehr Sinn für den Betrieb, der mit der „Literatur“ in so engem Zusammenhang steht, bewiesen.

Aber die einmal aufgeworfene Diskussion um neueinzurichtende Verlagsgebarungen ist interessant genug, um, wie geschehen, an Hand einer durchaus mißlichen, wenn auch nicht (und so nicht) abzuwendenden Lage Modelle für den Vertrieb von Literatur zu entwickeln. Daß aber gerade eine Neueinschätzung der Literatur und ihres Gebrauchs gar nicht erst in Gang gekommen ist, scheint für das Scheitern des Projekts und für den geglückten Ausgang einer besseren Zusammenarbeit signifikant. Am ehesten entspräche eine Sozialisierungstendenz, wie sie den Lektoren vage vorschwebte — und die am bestehenden Apparat kaum vorzunehmen gewesen wäre —, den bereits da und dort entwickelten Modellen der Untergrundliteratur beziehungsweise der Exklusivpressen. Denn diese haben tatsächlich den geschäftlichen Charakter einer Umfunktionierung von Angebot und Interessenkreis erfassen können und ihr verlegerisches Handeln dementsprechend zu realisieren gewußt. Dazu gehören natürlich auch die professionellen Hersteller von Flugblättern und politischen Broschüren.

In solchen literarischen Autonomien, deren kommunalisierte Herstellung und Vertreibung mit den Interessen der Abnehmerschaft einhergeht — und durchaus plausibel erscheint —, ist Sozialisierung im großen Ausmaße bereits vollzogen worden. Bürgerliche Literatur in sozialisierten Verlagen jedoch spottet nicht nur dem einen wie dem anderen Hohn, sondern ist (in der Variante, auch neben der knieweich literarischen die beinhart analysierende Literatur herauszubringen, wie dies bei Suhrkamp geschieht) ein Paradox, das auch mit und durch Gutmütigkeit nicht aufzulösen ist. Es geht zunächst mehr um die Einstellung der Verlage zur Literatur, als die Einstellung jener zu diesen, aber der Moment, wo die Literatur auf die Verlage nicht mehr angewiesen zu sein glaubt, scheint nahe.

Die Zitate beziehen sich auf einige Dokumente, in die ich freundlicherweise Einblick erhielt, und die, photokopiert, unter Autoren und Mitarbeitern kursieren.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1969
, Seite 40
Autor/inn/en:

Reinhard Priessnitz:

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

AkteurInnen der Kritik

Desiderate der Kritik

Begriffsinventar

Personen

Unternehmen