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Willy Hochkeppel

Philosophie der kleinen Wahrheiten

Über die Rolle des sogenannten Positivismus im deutschen Geistesleben der Gegenwart

Zu den tiefen Kränkungen der menschlichen Eigenliebe im vergangenen und in unserem Jahrhundert muß man neben Darwinismus, Marxismus und Psychoanalyse den sogenannten Positivismus zählen. Auch der Positivismus leitete schmerzhafte Resektionen ein, verkürzte die Perspektiven oder zerstörte altehrwürdige Mythen. Von ihm ging die große philosophische Ernüchterung unserer Epoche aus. Die damit verbundenen, neuen kulturellen Wertvorstellungen hat vor beinahe hundert Jahren Friedrich Nietzsche formuliert, den wohl niemand des Positivismus verdächtigen wird. Unter „Menschliches Allzumenschliches“ vermerkt er: „Es ist das Merkmal einer höheren Kultur, die kleinen unscheinbaren Wahrheiten, welche mit strenger Methode gefunden wurden, höher zu schätzen als die beglückenden und blendenden Irrtümer, welche metaphysischen und künstlerischen Zeitaltern und Menschen entstammen.“ [1]

Gegen das gefühlsbetonte Menschenbild

Man versteht, daß eine Philosophie, die dergleichen Ansichten teilt, ja eine solche „höhere“ Kultur mit heraufführt, der schärfsten Polemik ausgesetzt ist. Das trifft in besonderem Maße für das deutsche Geistesleben zu, das durch tiefsinnige, romantische Züge geprägt ist. Im deutschen Sprachraum stößt die sogenannte positivistische Philosophie auf den stärksten Widerstand, wenngleich sie in ihren modernen Transformationen von hier den Ausgang genommen hat. Namentlich in der deutschen Bundesrepublik ist es üblich geworden, alles als „positivistisch“ zu verurteilen, was nicht bestimmten gefühlsbetonten, traditionsgeladenen Welt- und Menschenbildern sich einfügt. Die Metapher „positivistisch“ ist dabei synonym mit flach, mechanistisch, konformistisch; sie steht für den Ungeist in Bürokratie und Technokratie, für Fortschrittsduselei und Wissenschaftsgläubigkeit. Sie ist der gängigste Slogan zeitgenössischer deutscher Kulturpolitik. Gleichwohl soll damit noch eine philosophische Lehre im engeren Sinne getroffen werden, von welcher ihre Gegner sich allerdings die seltsamsten und widersprechendsten Vorstellungen machen, die lediglich in dem pauschalen Urteil der Haltlosigkeit der so glossierten Philosophie konvergieren. Die widersinnigsten Gerüchte sind im Umlauf. So behaupten beispielsweise die einen, die positivistische Philosophie beherrsche heutzutage das Denken im Westen und in Deutschland; die anderen erklären, sie sei längst passé. Und während man sie im Osten idealistisch schimpft, hält man sie im Westen für materialisiisch. Im westlichen Deutschland versucht man sie nach Kräften zu desavouieren, im östlichen soll sie eben jetzt — partikular natürlich — sanktioniert werden. Das Verwirrendste von allem aber ist, daß es anscheinend gar keine Positivisten mehr gibt. Diejenigen nämlich, die sich betroffen fühlen sollten, packen die fraglichen Begriffe nur noch mit der Zange der Anführungszeichen an, auf diese Art jenen die Beweislast für die Existenz eines Gespenstes zuschiebend, die es heraufbeschworen haben. Ein Gespenst geht also um in Deutschland, um Marx zu variieren, das Gespenst des Positivismus. Was aber ist Positivismus, oder was könnte damit gemeint sein? Eine wenigstens kursorische Beantwortung dieser Fragen ist die leidige Voraussetzung für alles weitere.

Sensualistische Basis

Eine Philosophie namens Positivismus gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert in Europa. Ihr Begründer war Auguste Comte. Als Basis aller Reflexion sah er das „unmittelbar Gegebene“, die Tatsachen, das „Positive“ an. Die von den Sinnen passiv registrierten Daten repräsentierten die erfahrbare Wirklichkeit. Der Positivismus war demnach ein Sensualismus oder ein sensualistischer Empirismus. Erklärungen, die diese erkenntnistheoretische Einfriedung übersteigen, galten als bloße Wortspielereien, als Metaphysik, was auf dasselbe hinauslief. Denken auf positivistischer Grundlage war für Comte und die Seinen — wie in England für John Stuart Mill — ein Zeichen der Reife des Bewußtseins. In seinen Visionen sah er die Entwicklung des menschlichen Geistes in drei Etappen: von einer theologischen über eine metaphysische zur positivistischen fortschreitend, wobei positivistisch gleichbedeutend mit aufgeklärt und wissenschaftlich war. Die positivistische Bewegung lief mit der Jahrhundertwende aus.

Um diese Zeit gab es indes eine positivistische Nachgeburt auf deutschem Boden. Die sensualistische Komponente des klassischen französischen Positivismus wurde hier zu einem Subjektivismus radikalisiert. Psychologie stand der Philosophie Modell. Fast vergessene Namen sind mit diesem Positivismus — der auch als „Immanenzphilosophie“ in die philosophischen Geschichtsbücher eingegangen ist — verbunden, wie Ernst Laas, Dühring — durch Engels’ „Antidühring“ in Erinnerung geblieben — Avenarius oder Wilhelm Schuppe. Nachhaltige Wirkung auf die folgende Generation übte nur das Werk von Ernst Mach aus. Zu einer Schulenbildung war es nie gekommen. Was die genannten Denker mit dem klassischen Positivismus verband, war einmal die Idee, aus der Philosophie eine Wissenschaft mit sicheren Voraussetzungen zu machen, zum anderen der Ansatz beim „Positiven“, nämlich den Sinnesdaten, die aber selbst hier nicht als fragelose Resultate, sondern als Aufgaben der Verstandestätigkeit vorlagen.

Der Wiener Kreis

1895 war in Wien für Ernst Mach ein Lehrstuhl für die Philosophie der induktiven Wissenschaften errichtet worden. 1922 übernahm diesen Lehrstuhl Moritz Schlick. Um ihn versammelte sich eine Gruppe von philosophisch interessierten Wissenschaftlern, die bald unter dem Namen „Der Wiener Kreis“ von sich reden machte. Die Philosophie, der sie Geltung verschaffen wollte, wurde unter der Bezeichnung „Neo-Positivismus“ bekannt. Das war ein irreführendes Etikett, denn es schien anzuzeigen, daß man es mit einer Neuauflage des klassischen Positivismus zu tun bekam. Gerade aber auf den klassischen Positivismus Comtescher Prägung beriefen sich die Wiener Philosophen am wenigsten. Dessen sensualistischer Empirismus inspirierte nur einige Mitglieder des Wiener Kreises zur Beschreibung von Beobachtungen in einer phänomenalistischen, einer Erlebnis-Sprache. Von Schlick selbst wurde dieser Ansatz von Anfang an verworfen, und später ist er so gut wie ganz aufgegeben worden. Wenn man schon eine Ahnenreihe für diese Philosophie verlangt, dann muß sie bei Demokrit und Protagoras angesetzt und mit Occam, Hume, dem kritizistischen, nicht dem idealistischen Kant fortgeführt werden bis auf Gottlob Frege und Bertrand Russell. Aspekte der Philosophie dieser Denker determinieren wenn nicht die Philosophie, so doch die Vorstellung von Philosophie der Wiener Schule. Insbesondere an die von Russell und Whitehead ausgearbeitete neue mathematische Logik knüpfte der „Neo-Positivismus“ an. Wohl war man in Wien auf einen Empirismus eingeschworen, aber der Akzent lag nun auf der bis dahin von allen Empiristen vernachlässigten logischen — und also erfahrungsunabhängigen — Komponente dieser Philosophie der Erfahrung. So kam es denn früh schon innerhalb des Wiener Kreises zu der gemäßeren, aber immer noch irreführenden Namengebung vom „logischen Positivismus“, die sich gegenüber dem korrekteren Begriff des „logischen Empirismus“ hartnäckig durchsetzte. Damit war es den Gegnern leicht gemacht, auf der Vokabel „Positivismus“ zu insistieren und allein schon durch deren bloßen Klang all jene Assoziation von verstaubter Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts zu evozieren, deren Denkstil als naiv, mechanistisch und tatsachenfixiert verrufen war.

In Wirklichkeit ging die Philosophie aus der Konzeption des logischen Empirismus in einer radikal neuen Gestalt hervor, die es beinahe ausschloß, den Namen Philosophie im tradierten Sinn noch weiter darauf anzuwenden. Die wesentlichsten Gesichtspunkte, unter denen die philosophische Arbeit von nun an betrachtet werden sollte, waren sinngemäß etwa die folgenden:

  1. Im Gegensatz zu den spekulativen Philosophien der Vergangenheit bemüht sich der logische Empirismus darum, Philosophie als Wissenschaft zu betreiben.
  2. Ziel dieser Bemühungen ist eine Einheitswissenschaft mit einer einheitlichen Sprache, in die alle übrigen Terminologien zurückübersetzt werden können.
  3. Mittels der neuen, symbolischen Logik wird sowohl die Alltags- wie die Wissenschaftssprache einer logischen Analyse unterzogen.
  4. Der Aufbau einer logischen Syntax der Sprache geht damit Hand in Hand.
  5. Die Philosophie stellt nicht mehr länger selbst Sätze über die Wirklichkeit auf; vielmehr überprüft sie jene Aussagen über die Wirklichkeit, die von den einzelnen Wissenschaften gemacht werden.
  6. Sprachlogische Analysen befreien die Philosophie von zahllosen Scheinfragen und Scheinproblemen, wie sie vor allem die Metaphysik seit Jahrtausenden beherrschen.
  7. Schließlich zieht der logische Empirismus einen deutlichen Trennungsstrich zwischen Erkennen und Erleben und damit auch zwischen Tatsachenfeststellungen und Werturteilen.

Negativistisch eher als positivistisch

Auf diese wenigen Programmpunkte, mit denen die „positivistische“ Philosophie sich eher als „negativistische“ zu erkennen gibt, kann man zur Not alle Mitglieder des Wiener Kreises der Zwanziger Jahre festlegen. Darüber hinaus jedoch repräsentiert diese Schule keineswegs ein homogenes, geschlossenes Gebilde, wie auch heute noch immer unterstellt wird. Sobald konkrete Fragen zur Diskussion standen — z.B. die Ausarbeitung eines Sinnkriteriums für Aussagen, die Eliminierung „sinnloser“ metaphysischer Sätze, die Reduktion aller Begriffe auf physikalische Termini oder überhaupt die Wahl einer geeigneten Sprache — gab es soviele Meinungen wie Köpfe. Eine in vielen Fragen konziliantere Haltung nahmen etwa Herbert Feigl und Moritz Schlick ein, der härtere Kurs wurde von Rudolf Carnap oder Waismann vertreten. Scharfe Auseinandersetzungen gab es mit Otto Neurath, der die radikalsten Ansichten vertrat und auch politische Tendenzen in die Arbeit der Gruppe hineinzutragen versuchte. Gruppen ähnlicher Art, die sich bald darauf etablierten, verfolgten weitgehend eigene Ideen. So etwa in Berlin Hans Reichenbach und Walter Dubislav, die eine „Gesellschaft für empirische Philosophie“ gründeten. Kontakte mit den polnischen logistischen Schulen bahnten sich an, auch mit französischen, britischen, holländischen und skandinavischen Denkern. Karl Popper trug seine Ideen zur Logik der Forschung im Wiener Kreis vor, die entschieden von denen der „Positivisten“ abwichen, wenn sie auch mit dem allgemeinen Postulat einer wissenschaftlichen Philosophie übereinstimmten. Aber gewisse bezeichnende Einengungen des Wissenschaftsbegriffs hat gerade Popper nie mitgemacht. Übrigens hielt sich auch Ludwig Wittgenstein stets in einer Art vornehmer Distanz zum Wiener Kreis, der durch Wittgensteins „Tractatus Logico-Philosophicus“ bedeutsame Anregungen empfangen hatte. Schon in seiner frühen Phase präsentiert sich also der logische Empirismus als ein heterogenes Gebilde, das durch den Slogan „Positivismus“ am sichersten verfehlt werden kann.

Einfach: Grundlagenforschung

Durch den Tod von Moritz Schlick, mehr noch infolge der Ausbreitung des Nationalsozialismus wurde der Wiener Kreis gesprengt. Den neuen Machthabern — daran kann man nicht oft genug erinnern — erschien diese Philosophie als typisches Produkt „zersetzenden“ jüdischen Geistes — ein Argument, das sich, entsprechend modifiziert, und vielleicht verdrängt, bis heute nicht ganz hat unterkriegen lassen. Die meisten Philosophen der Wiener und Berliner, auch der polnischen Schulen emigrierten in die Vereinigten Staaten, einige nach England, wo sich eine eigene, an der Umgangssprache orientierte sprachphilosophische Richtung entfaltete. Was sich namentlich in Amerika anbahnte, war weniger ein Fortspinnen der alten Ideen als der Beginn von etwas Neuem. Die Konfrontation und Durchdringung des importierten Gedankengutes mit amerikanischen Philosophemen, vor allem mit dem Behaviorismus und Pragmatismus, [2] erweiterte und veränderte die Perspektiven außerordentlich. Der logische Empirismus reduzierte sich auf ein Moment innerhalb einer breiten philosophischen Strömung, auf welche auch die bisherigen Bezeichnungen nicht mehr zutreffen konnten. Heute sind Bezeichnungen wie Wissenschaftliche Philosophie, Wissenschaftstheorie oder Analytische Philosophie gebräuchlich. Man spricht auch einfach von Grundlagenforschung. Und nicht in Wien, sondern in Amerika schrieben Rudolf Carnap — nach dem Tode Schlicks der führende Kopf des modernen Empirismus — Herbert Feigl, Philipp Frank, Hans Reichenbach und andere ihre maßgeblichen Werke — in englischer Sprache. Die kritische Revision ursprünglicher Thesen führte, namentlich im Falle Carnaps, mehrfach zu ihrer völligen Verwerfung durch den Urheber selbst. [3] Die Entfernung zum kontinentaleuropäischen Denken wird zunächst größer, dann jedoch werden Probleme der traditionellen europäischen Philosophie wieder aufgegriffen und mit den präziseren Werkzeugen der analytischen Philosophie zu lösen versucht. [4] Gegen die rein spekulative oder weltanschauliche Philosophie ist man offenherziger, vielleicht auch gleichgültiger geworden, toleriert sie gelegentlich sogar als wissenschaftliche Theorie im embryonalen Zustand oder einfach als legitimen Ausdruck eines Lebensgefühls, das als solches freilich nie Subjekt, sondern immer nur Objekt wissenschaftlicher Analyse sein kann. [5] Zugleich nimmt die Formalisierung philosophischer Ausdrucksweise in ungeahnter, manchmal beängstigender Weise zu. Einer der bemerkenswertesten Züge der gegenwärtigen analytischen Philosophie ist es schließlich, daß sich ihre Anhänger keineswegs auf immanente Kritik beschränken, sondern ihre Thesen von systemtranszendenten Positionen aus höchst kritisch reflektieren. [6] Man kann sogar sagen, daß fast alle Einwände der Gegner dieser Philosophie von ihren Vertretern selbst vorgebracht werden, und zwar begreiflicherweise weitaus treffender und sachgerechter. Unter das Verdikt der Naivität, das stets den „Positivismus“ treffen sollte, fällt heutzutage die Mehrzahl seiner Kritiker.

Wir hätten es uns ersparen können, den Entwicklungsgang der modernen analytischen Philosophie hier — wenn auch nur flüchtig — zu skizzieren, wenn nicht eben aus der Verkennung ihrer verschiedenen Phasen und aus der Ahnungslosigkeit gegenüber ihren Theoriebildungen die schlimmsten Konfusionen entstanden wären. Die Polemik gegen den „Positivismus“, zumal in Deutschland, glaubt sich zwar gegen eine derzeitig herrschende philosophische Auffassung zu richten, trifft jedoch bestenfalls den logischen Empirismus der Zwanzigerjahre. Meist freilich sind es Thesen der Machschen Immanenzphilosophie oder gar des klassischen französischen Positivismus, gegen die Sturm gelaufen wird — immer in dem guten Glauben, sich in der Auseinandersetzung mit einer höchst modernen Erscheinung der Philosophie zu befinden. Unter diesen Bedingungen ist es verständlich, daß in Deutschland eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der modernen analytischen Philosophie noch gar nicht stattgefunden hat, ja nicht einmal mit dem „Positivismus“ des Wiener Kreises. Erst in den letzten Jahren, mit dem Heranwachsen einer neuen Generation von Philosophen, beginnt die wissenschaftliche Philosophie in Deutschland eine bescheidene Rolle zu spielen.

Grassierender Existenzialismus

Einer Rezeption der analytischen Philosophie standen in der Bundesrepublik nach dem zweiten Weltkrieg mehrere Hindernisse im Wege. Entscheidend war der ungeheure Einfluß der Existenzphilosophie und des Existenzialismus, die in diesem Lande — man muß schon sagen — grassierten. Die in dieser Zeit der deutschen Intelligenz verabreichte Lektion in antirationalem, stimmungsbetontem, „dankendem“ oder „appellierendem“ „Denken“ wird so leicht nicht wieder aus den Köpfen zu verbannen sein. Die Existenzphilosophen identifizierten das, was sie Positivismus nannten, vornehmlich mit der Logistik, von der kein Existentialist etwas verstand. Sie versperrten dadurch auch für andere die Einsicht, daß man sich des Werkzeugs der modernen Logik durchaus bedienen kann, ohne sich im geringsten mit irgendeiner „positivistischen Ideologie“ identifizieren zu müssen. Ebenfalls wurde im existenzphilosophischen Dekret die Bescheidung des modernen Empirismus auf rational Erkennbares oder wissenschaftlich Erfaßbares — wie voreingenommen solcher Reduktionismus auch sein mag — zum panrationalistischen oder panlogistischen Anspruch dieser Philosophie deklariert. Durch dieselbe dezidierte Trennung von Erkennen und Erleben — im Sinne eines heuristischen oder methodologischen Prinzips — fühlten sich die Existenzphilosophen andererseits wieder brüskiert. Denn die Einheit von Erkennen und Erleben, ja die epistemologische Prädominanz des Erlebens sowie gewisser „Befindlichkeiten“ — Angst, Sorge, Ekel — sind fundamental für die existentiale Hermeneutik und Daseinsanalytik, in welchen ja vor allem Verstehen immer schon mit einem „Vorverständnis“ der Erkenntnisobjekte gerechnet wird. Die Kontrahenten gehen, wie man daran sieht, von höchst disparaten Erkenntnisbegriffen aus. Nach existenzphilosophischer Auffassung berührt wissenschaftliche Erklärung nicht einmal die „eigentlichen“ Probleme, und das sind solche des Daseins. Nun war genau dies auch die Meinung Wittgensteins, der allerdings den Nachsatz folgen ließ, daß hier, im Bereich der von der Wissenschaft nicht tangierten Lebensprobleme, keine Frage mehr bliebe, „und eben dies“, so schließt er, „ist die Antwort.“ [7] So stellt selbst der Empirismus der Zwanzigerjahre, der stets als maßlos anspruchsvoll angeprangert wird, eigentlich nur den einen Anspruch: die Ansprüche existentieller Philosophen etwa auf ein „Innewerden“ des Seins rechtens zu bestreiten. Darauf wiederum antworten Existenzphilosophen, der „Positivismus“ verstümmele die Philosophie, setze Philosophieren mit Rechnen gleich und zeige im übrigen einen erschreckenden Mangel an Respekt gegenüber den großen Gedankengebäuden der Vergangenheit.

Diese ohnehin wenig ergiebige Form der Debatte glitt allmählich in ideologisch-politische Polemik ab. Kraft der großen Zahl und Reputation der Existenzphilosophen in der Bundesrepublik konnten sie glaubhaft machen, das „positivistische Denken“ stelle uns vor eine schreckliche Alternative, wonach wir zu wählen hätten zwischen einem inhumanen und wertblinden Szientismus oder der Bewahrung überlieferter Werte, zwischen einer platt pragmatischen und einer tragisch-„existentiellen“ Lebensauffassung, oder, auf die handlichste Formel gebracht: zwischen Amerikanismus oder abendländischer Tradition. In ein ähnlich fatales Spannungsverhältnis bringt uns der „Positivismus“ nach Meinung der heute in der Bundesrepublik zu großem Ansehen gelangten dialektischen Philosophie.

Denn um die Existenzphilosophie ist es seit geraumer Zeit sehr stillgeworden. Viele Anhänger dieser Lehre haben mittlerweile Anschluß an die analytische Sprachphilosophie gesucht und gefunden. Andere haben sich auf die Seite der Neohegelianer geschlagen. Die Großen der Existenzphilosophie, wie Karl Jaspers, setzen sich mit aktuellen Fragen der Politik auseinander oder sind, wie Martin Heidegger, in Schweigen versunken. Jetzt, mit dem Ende aller Polemik, gelingt es sogar, der Existenzphilosophie einige sympathische Züge abzugewinnen. Moderne Empiristen gestehen ihr zu, daß auch sie ursprünglich ein Protest gegen das herkömmliche Philosophieren war, daß selbst ihre grundlegende Fragestellung nach einem Sein des Seienden nicht ganz so sinnlos ist. Auch Hermeneutik oder Daseinsanalytik werden zumindest als sinnvolle Versuche respektiert, den Horizont zu erweitern und Phänomene in den Griff zu bekommen, die sich anderen Methoden entziehen. Es gibt heute der Grundlagenforschung nahestehende Philosophen in Deutschland, die den Eigenwilligkeiten einer nahezu monologischen Sprache wie der Heideggers Zugeständnisse machen. Ebenfalls ist das einst von Empiristen so hochgespielte Problem der Metaphysik zu einem Fall unter anderen geworden. Die Frage nach sogenannten metaphysischen Aussagen ist reduziert und präzisiert worden auf die Untersuchung bestimmter Sätze, nämlich analytischer und synthetischer Sätze a priori. Diese Fragen werden ohne Hast und dogmatischen Eifer diskutiert. Es scheint, als würde in der Bundesrepublik Ernst gemacht mit einem Pluralismus der Sprachen und Methoden. Jedenfalls ist wohl der Grundsatz der wissenschaftlichen Philosophie, des „Positivismus“, akzeptiert worden, wonach auch die Philosophie, nicht anders als die Wissenschaft, prinzipiell hypothetischen Charakter hat und sich wie diese permanent wandelt und auch — das ist wichtig — Fortschritte macht. Auch der Philosoph darf sich nun wandeln, das heißt er kann seine Meinung ändern und seine Thesen umstoßen, etwas, was ihm bis dahin sowohl Ideologie und Systemzwang wie auch die Union von Denker und Werk, nach dem Vorbild des Künstlers, verboten hatten.

Allerlei Wiederbelebungsversuche

Die tolerantere Haltung deutscher Philosophen, die sich an Wissenschaftstheorie und Grundlagenforschung genährt haben, gegenüber anderen Philosophemen hat hierzulande zu allerlei Synthese- und auch Wiederbelebungsversuchen geführt. Gelegentlich hält man auch eine Koexistenz der diversen Richtungen für möglich. Den originellsten Vorschlag dazu hat der Kieler Philosoph Karl-Otto Apel gemacht. Er weist den verschiedenen, heute wirklich „funktionierenden“ Philosophien unter der Leitidee einer Einheit oder Vermittlung von Theorie und Praxis entsprechende Arbeitsgebiete zu. Es sind drei Philosophien, die hier in Frage kommen, nämlich Marxismus, Existenzialismus und Pragmatismus. [8] Die Vermittlung von Theorie und Praxis in der gesellschaftlichen und geschichtlichen Sphäre fiele, Apel zufolge, dem Marxismus zu; das Privatleben steht unter dem Regulativ der existenziellen Vermittlung von Theorie und Praxis, ist also Domäne des Existenzialismus; Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik hingegen werden nach Kriterien des Pragmatismus geordnet.

Auf den ersten Blick wirkt eine solche arbeitsteilige „Vermittlung von Theorie und Praxis“ imponierend, nicht zuletzt darum, weil sie ja faktisch für Pragmatismus und Existenzialismus für die westliche Welt „charakteristisch zu sein scheint“, wie Apel meint. Bei genauerem Zusehen jedoch wird solche Faktizität zunehmend fragwürdiger. Die grundsätzlichen Gegensätze und Widersprüche innerhalb dieser Philosophien lassen sich auf solche Art vielleicht diplomatisch beschwichtigen, aber keinesfalls beseitigen. Ins Unterbewußtsein verdrängt, können sie jederzeit wieder aufbrechen und das friedliche Beisammensein stören. Beispielsweise wird die Beschränkung der Existenzphilosophie auf Befriedigung individueller Ausdrucksbedürfnisse, so lobenswert sie ist, weder Marxisten noch Pragmatisten genügen. Denn beiden ist die existenzialistische Weltanschauung zu negativistisch, um ihr den gesamten Privatbereich des Menschen zu überantworten. Wiederum erscheint bekanntlich die Verwaltung des Reichs der Geschichte durch den Marxismus den Pragmatisten geradezu gefährlich, wie es etwa Karl Popper in seiner Kritik am Historizismus nachzuweisen versucht hat. Und Existenzialisten finden es sicherlich leichtfertig, Wissenschaft und Technik den Pragmatisten zu überlassen, weil ja gerade hier die Einheit von Theorie und Praxis den privaten Lebensbereich total umzumodeln droht.

Ohne also einer Zersplitterung der „unteilbaren“ in eine dreifache Wahrheit das Wort zu reden, darf man doch argwöhnen, daß solcher Flurbereinigung bald Grenzen gesetzt sind.

... und Anbiederungen

Es gibt allerdings zwischen den verschiedenen — ja gerade zwischen den abgelegensten — Philosophen-Schulen in Deutschland eine Bereitschaft zum wechselseitigen Verstehen und Ästimieren, die gelegentlich eher wie ein Anbiedern aussieht und mancherorts einen fatalen Synkretismus aufblühen läßt. Man ist ein wenig Existenzialist, ein wenig Marxist, ein wenig Empirist — von allem nur das Beste. Auch unter den Philosophen, die von ausgemachten Hegelianern, Kantianern oder Existenzialisten gemeinsam in den Topf des „Positivismus“ geworfen werden, ist man sehr darauf bedacht, sich keines Ismus verdächtig zu machen, vor allem aber nicht des Positivismus. Die löbliche Angst vor jedem Dogmatismus führt häufig dazu, daß eine analytische Philosophenschule die andere für „positivistisch“ hält. Solche Empfindlichkeiten und feinen Nuancen sind bisher den Positivisten-Gegnern entgangen, ebenso wie die zahlreichen Facetten der analytischen Philosophie in der Bundesrepublik — und ihre manchmal gewollte gegenseitige Isolation. In München z.B. werden von Wolfgang Stegmüller insbesondere die Theorien Carnaps zur reinen Semantik und induktiven Logik weiter bearbeitet. In Düsseldorf treibt Alwin Diemer wissenschaftstheoretische Forschungen, ohne sich auf bestimmte Namen oder Vorbilder festlegen zu wollen, vielleicht nicht einmal auf den Terminus analytische Philosophie. Paul Lorenzen, namhafter Logiker in Erlangen, lehnt jede Fixierung auf einen Ismus ab. Für die übrige deutsche Philosophenwelt ein „Positivist“, hält er selbst sich für einen Anti-Positivisten, dem vieles an der Carnapschen Richtung suspekt ist. In Kiel hat Karl-Otto Apel, unter großzügiger Verwendung neuhegelscher Terminologie, den amerikanischen Pragmatismus einer gerechteren Beurteilung zugänglich gemacht. In Tübingen und Berlin arbeiten Helmuth Fahrenbach und Hans Lenk an einer analytischen Ethik, wie sie von englischen Philosophen entworfen wurde, einer Ethik, die sich auf die Analyse der sprachlichen Struktur von Werturteilen beschränkt. Die „Logik der Forschung“ sowie die Gesellschafts- und Geschichtstheorien von Karl Popper werden, außerhalb der „fachphilosophischen“ Zone, in Mannheim von dem Ökonomen und Soziologen Hans Albert vertreten. Wie Popper selbst, der sich früh schon gegen den „Positivismus“ der Wiener Schule wandte, hält sich auch Albert nicht für einen Positivisten, wird aber immer wieder von Nichtpositivisten wie von „Positivisten“ als ein solcher registriert. In Heidelberg ist es Ernst Topitsch, der analytische und historisch-genetische Methodik zu einer wirkungsvollen Weltanschauungsanalyse verbunden hat. Topitsch tadelte den Wiener „Positivismus“ wegen seines Mangels an historischem Sinn. Nichtsdestoweniger wird er in seiner neuesten Publikation als „Haupt der neopositivistischen Schule im deutschsprachigen Raum“ vorgeführt. Auch in der modernen Ästhetik, wie sie etwa in Stuttgart von Max Bense betrieben wird, hat die Verwendung sprachlogischer und semantischer Mittel sowie die Zeichentheorie um einiges weitergeführt als die meisten „nichtpositivistischen“ Bemühungen.

Über alle Gegensätze hinweg, so darf man wohl sagen, sind diese Schulen oder Richtungen durch den Geist der analytischen Philosophie, wie sie in Wien sich entwickelt hat, geprägt, und darin unterscheiden sie sich, ob sie es wollen oder nicht, gründlich von anderen Philosophien in Deutschland. „Geist der analytischen Philosophie“ — das mag pathetisch klingen. Gemeint sein kann damit nur der Sinn für Präzision und Genauigkeit, die Forderung nach Überprüfbarkeit und Kontrolle sowie das Eingeständnis der Vorläufigkeit und Überholbarkeit aller Aussagen. Wer dergleichen in Deutschland heute nur für wünschenswert, für ein fernes Ziel hält, für das zu arbeiten es sich lohnt, kann in den Augen anderer schon als „Positivist“ gelten. Insofern sitzen viele Philosophen, und nicht mehr nur diejenigen, die an den Naturwissenschaften orientiert sind, heute im selben Boot. Sie haben es nur noch nicht gemerkt.

Analytische Philosophie in Deutschland ist also heute weniger denn je ein einheitlicher Block, eine Front. Ihr Einfluß macht sich außerhalb der akademischen Enklaven selten geltend. Das hat auch noch andere Gründe. Zum Beispiel werden die wichtigsten Publikationen in englischer Sprache geschrieben, sie kommen — immer noch — als „Importware“ aus USA oder England. Für alle diejenigen, die in der deutschen philosophischen Tradition aufgewachsen sind, bedeutet das mehr als nur eine Umstellung auf eine fremde Sprache; es bedeutet in gewisser Weise einen schwer hinzunehmenden Tausch des Geistes der Sprache der Dichter und Denker mit der seit je als oberflächlicher geltenden angelsächsischen „pragmatischen“ Gesinnung. Übersetzungen solcher Werke sind allerdings auch selten. Hier scheuen die Verleger das Risiko. Denn in der Tat kann man mit dieser Philosophie weder Staat noch ein Geschäft machen. Zahlreiche Werke der modernen Philosophie präsentieren sich ja schon rein äußerlich in einer Gestalt, die sie mathematischen Büchern nicht unähnlich macht. [9] Doch auch die noch in der „inhaltlichen Sprechweise“ abgefaßten, schon historischen Werke des logischen Empirismus der Zwanzigerjahre — die ja infolge der Naziherrschaft bis heute in Deutschland weitgehend unbekannt geblieben sind — erleben keine Neuauflagen. [10] Schließlich ist noch darauf hinzuweisen, daß sich der „Positivismus“, wie Ernst Bloch es einmal formuliert hat, nie zum Rang jener großen Weltanschauungen aufgeschwungen hat, wie sie Materialismus oder Idealismus verkörpern. Natürlich ist dieser Mangel in den Augen der „Positivisten“ nicht eben tragisch, vielmehr sogar ein Vorzug. Wo aber ein Zeitalter im Zeichen des Streites der Ideologien steht, möchte man gerne zur Randerscheinung degradieren, wer sich nicht daran beteiligt, oder wer gar an den Grundlagen aller Ideologie Kritik übt.

Hegels Popularität

So hatte die analytische Philosophie auch mit dem Abflauen der existenzialistischen Mode in Deutschland keine Chance. Inzwischen ist hier die meist über den Marxismus vermittelte Hegelsche Philosophie zu außerordentlicher Popularität gelangt. Die diversen, mal mehr marxistischen, mal mehr hegelianischen Tendenzen faßt man am besten, schon auf Grund ihrer gemeinsamen Methodik, unter dem Stichwort „dialektische Philosophie“ zusammen. Natürlich beziehen die Dialektiker eindeutig Stellung gegen die Existenzphilosophie, aber die Spitze ihrer Polemik richtet sich heute gegen den „Positivismus“. Dabei begegnet man seltsamerweise zahlreichen Argumenten wieder, die einem aus dem Existenzialismus und aus dem „bürgerlichen“ deutschen Kulturpessimismus vertraut sind. Die auffällige Desorientiertheit der Dialektiker über den von ihnen so genannten Positivismus bedingt ihre ungemein pauschalen und verworrenen Urteile darüber. Diese kulminieren in mundgerechten Slogans von großer Breitenwirkung. Max Horkheimer zum Beispiel spricht vom „Positivismus“ nur als einem Ableger der „instrumentellen Vernunft“. Theodor W. Adorno durchschaut darin ein Denken, das sich auf bloße Methode reduziert — was als wertneutrale Feststellung der Sache freilich sehr nahe käme. Ernst Bloch entlarvt ihn als „Tatsachenfetischismus“, hat also offenbar den klassischen oder den Machschen Positivismus vage vor Augen. Jürgen Habermas spricht vom „positivistisch halbierten Rationalismus“, während Herbert Marcuse das Schlagwort „Positivismus“ gänzlich zerdehnt und ihn vornehmlich mit der „affirmativen“ Ideologie des gegenwärtig herrschenden Systems der „Ausbeutung“ gleichsetzt. Marcuse spricht überall da von Positivismus, wo erfolgreich wissenschaftlich gearbeitet wird. So sind ihm die moderne empirische Psychologie, die Informationstheorie oder Kybernetik, abgesehen selbstverständlich von den Naturwissenschaften, sämtlich „positivistisch“ oder auch „operationalistisch““. [11] Manchmal meint er auch eine entsprechende Philosophie im engeren Sinn. Aber indem er den Begriff „positivistisch“ ständig promiscue verwendet, können alle jene Torheiten unbedarfter Wissenschaftler, die ja kein Mensch in Abrede stellen will, einer Philosophie in die Schuhe geschoben werden, um deren Verächtlichmachung es Marcuse letzten Endes geht. Für philosophische Diskussionen ist das keine geeignete Basis mehr. Deshalb haben sich analytische Philosophen bisher hauptsächlich mit einer Kritik an der sogenannten dialektischen Methode begnügt, eine Kritik, die allerdings mit dazu beigetragen hat, die Dialektik als Analogon zur formalen Logik ad absurdum zu führen. [12]

Umstrittene Wertneutralität

Dennoch hat es eine ernsthafte philosophische Auseinandersetzung zwischen „Dialektikern“ und „Positivisten“ inzwischen gegeben. Sie fand allerdings unter Soziologen statt und zielte auf eine Klärung der Rollen von empirischer und dialektischer sozialwissenschaftlicher Forschung. Jürgen Habermas und Hans Albert [13] haben dabei erstmals einige der verwickelten Probleme erörtert, die ansonsten durch Schlagworte verdeckt werden, wie z.B. die heißumstrittene Frage der Wertneutralität oder die Problematik der Beziehungen zwischen Sache und Methode. Doch selbst in diesem Disput stört es, daß offenbar auch Habermas über die moderne empiristische Philosophie nicht hinreichend informiert ist. Vielfach ist der Positivismus der Zwanzigerjahre im Spiel, wenn Habermas gegenwärtige Theorien zu treffen meint; und Karl Popper, der doch nun wirklich harte Anklagen gegen etwa Carnap und Wittgenstein erhoben hat, wird hartnäckig unter der Allerweltsformel „Positivismus“ subsumiert. Übrigens sollte man es in diesem Zusammenhang einmal deutlich aussprechen, daß die stichhaltigen Argumente gegen die wirklichen, klassischen positivistischen Positionen, deren sich die Antipositivisten so gern und schadenfroh bedienen, den empirischen Wissenschaften, z.B. der Psychologie oder Physiologie, zu danken sind, und daß diese wiederum vom Geist jenes „Positivismus“ geprägt sind, der den Dialektikern ein solcher Greuel ist.

Objektivismus als Verdinglichung

Nur einem der Vorwürfe, die Habermas der „positivistischen“ empirischen Sozialwissenschaft macht, sei hier besondere Beachtung geschenkt, weil es heute anscheinend zum guten Ton gehört, damit zu imponieren. Gemeint ist, daß die empirisch-analytischen Methoden vor geschichtlichen oder gesellschaftlichen Prozessen versagen müßten. Habermas spricht auch von der analytischen „Trennung von Theorie und Geschichte“. [14] Der „Objektivismus“ der analytischen Methoden „verdingliche“ nämlich die gesellschaftlichen Verhältnisse geschichtlich handelnder Menschen, indem er etwa partikulare Verhältnisse isoliert betrachtet und die „Abhängigkeit der Einzelerscheinung von der Totalität“ [15] nicht beachtet. Das aber leistet die Dialektik, und deshalb nimmt sie für sich in Anspruch, „den objektiven Sinn eines historischen Lebenszusammenhangs auszusprechen.“ [16] Dieser Anspruch der Dialektiker ist nun seit Jahren, vor allem von Popper und zuletzt von Ernst Topitsch, durchleuchtet worden. Dabei ist keineswegs das Problem als solches zum Verschwinden gebracht worden, das im Verhältnis von objektiv messenden Verfahren und gesellschaftlichen und geschichtlichen Phänomenen besteht; aber die apriorische Lösung durch dialektische Kategorien ist als bloßes Versprechen ad absurdum geführt worden. Über die Gefahren, die sich aus vermeintlichen Einsichten in „die historischen Bewegungsgesetze“ oder „die Richtung der historischen Entwicklung“ ergeben können, braucht man heutzutage kaum noch zu sprechen.

Angeblich bewirken die „objektivierenden“ analytischen Methoden zwangsläufig die verhängnisvolle Trennung von Theorie und Geschichte, indem der beobachtende Forscher aus dem Bewußtsein verlieren muß, daß er selbst Teil jener gesellschaftlichen, geschichtlichen Vorgänge ist, die er beobachtet. Er selbst setzt sich gleichsam an einen Punkt außerhalb der Geschichte, verliert sich als „Moment“ der Totalität des gesellschaftlichen Zusammenhangs aus dem Auge und verfälscht so die Wirklichkeit, die in das Prokrustesbett seiner restriktiven Methodik gezwungen wird.

Pyrrhus-Siege der analytischen Vernunft

Wenn nun aber trotz dieser angeblichen Vernachlässigung des „Geschichtlichen“ die empirischen Sozialwissenschaften — ebenso wie die empirische Psychologie — Erfolge aufzuweisen haben, dann müssen diese Erfolge eben in Pyrrhus-Siege umgedeutet werden. Darauf versteht man sich unter Dialektikern vorzüglich: die mittels der „instrumentellen Vernunft“ manipulierte Gesellschaft zeigt uns am Ende nur noch den „verdinglichten“, verfügbar gemachten Menschen. Dies nämlich war es, was die Dialektiker à tout prix und von Anfang an zu beweisen suchten und wozu ihnen heute alle Mittel recht sind. Die subtilen Analysen über das Verhältnis von Beobachter und Beobachtetem, die Naturwissenschaftler und analytische Philosophen durchgeführt haben, die Kontroversen zu diesem Punkt innerhalb der Literaturwissenschaften — rein „werkimmanente“ Interpretation oder „geistesgeschichtliche“ Deutung —, die Überwindung eines methodologischen Dualismus durch moderne Ideologiekritik — das alles liefert nach Ansicht der Dialektiker nur Ergebnisse, die selbst schon durch die instrumentelle Vernunft präformiert sind. Der Gedanke aber daran, daß just die dialektischen Philosophen wie niemand sonst in all ihren partikularen Aussagen durch die einmal verabsolutierte universale „Methode“ präokkupiert sind, kommt diesen Denkern offenbar nie.

Ewiger Streit der Ideologien

Man kann im Verhältnis von dialektischer und analytischer Philosophie die Dichotomie der „Zwei Kulturen“ wiederfinden. Die Spannung also zwischen literarischer und szientifischer Intelligenz, die Rivalität zwischen einem „Sinn-Verstehen“ und einem „Problem-Lösen“, Deuten und Erkennen und auch zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Darüber hinaus aber handelt es sich wieder, zumindest in der Bundesrepublik, um den Dualismus der Welt-, Menschen- und Geschichtsbilder, um einen Streit der Ideologien. Denn allem Gerede von Ideologiekritik und Entmythologisierung zum Trotz sind doch offenbar die großartigen weltanschaulichen Entwürfe existenzialistischer oder marxistischer Provenienz das wirklich Interessierende. Wie anders ist die Faszination, die von den Utopien Blochs und Herbert Marcuses, von den Systemen Marx’ und Hegels, Sartres oder auch vom „Strukturalismus“ des Anthropologen Claude Lévi-Strauss heute ausgehen, zu erklären? Die Kraft solcher Ideologien liegt nicht in ihrer Triftigkeit, sondern in ihrer Faktizität. Ihr bloßes Dasein legitimiert sie, und das ist genau der „schlechte“ Positivismus, dessen sich die Anti-Positivisten schuldig machen.

Überall da, wo ein Rückfall ins Ideologische stattfindet, wirkt jegliche Art „positivistischer“ Philosophie als Störenfried, als Entzauberer alten Zaubers. So steht es um den „Positivismus“ in der Bundesrepublik. Steht er aber allen im Wege, so ist er eher eine oppositionelle als eine Philosophie der Anpassung. Das umstürzlerische Gebaren der dialektischen Halb-Linken, ihre heroisch-trotzige „Negative Philosophie“ — in vielem der existenzialistischen Rede vom „Nichts“ vergleichbar [17] — ihr Auftrumpfen gegenüber dem Establishment kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie sich in der Gesellschaft der Bundesrepublik höchst vorteilhaft plaziert hat. Der „Positivismus“, so hat Hans Albert bemerkt, „macht sich im allgemeinen in totalitären Gesellschaften, in denen eine Remythisierung an der Tagesordnung ist, recht unbeliebt, während dialektische Deutungsversuche der Realität sich dort vielfach Anerkennung verschaffen können.“ [18] Nicht nur in totalitären Gesellschaften — so muß man hinzufügen. Und nicht nur dort ist eine „Remythisierung“ an der Tagesordnung.

Allerdings hat unlängst gleichsam eine offiziöse Anerkennung des „Positivismus“ in der DDR. stattgefunden. Man hat erkannt, daß wissenschaftstheoretische Forschung weder gegenüber einer eigenen noch einer fremden Ideologie störanfällig ist. Dennoch mußte man sie natürlich zunächst aus ihrer eigenen „positivistischen“ „Metaphysik“ lösen — das ist man einfach seinem Ansehen schuldig. Im Verlaufe dieser Amputation wurden aber von Marxisten der DDR Differenzierungen zwischen „Klassischem Positivismus“, „Deutschem Immanenzpositivismus“, „Logischem Positivismus“ und „Moderner Wissenschaftstheorie“ oder „Analytischer Philosophie“ gemacht, die man im westlichen Deutschland übergeht oder bewußt verwischt. Es wird interessant sein zu beobachten, welchen Gebrauch man in den nächsten Jahren von dem annektierten „bürgerlichen“ Werkzeug macht und vor allen Dingen, wie die marxistisch-leninistische Ideologie diesen Fremdkörper verdauen mag. [19]

Mißtrauen gegen große Wahrheiten

Im westlichen Deutschland aber wäre es wohl jetzt einmal an der Zeit, den großen Wahrheiten, die im Namen einer Totalität verkündet werden, zu mißtrauen, zugunsten der „kleinen unscheinbaren Wahrheiten“ — und auch der entsprechenden Mängel und Schwächen — die sich aus strenger Methode ergeben. Die analytische Philosophie ist kein fertiges, endgültiges Gebilde. Sie steckt, wie Rudolf Carnap einmal gesagt hat, „wirklich noch in ihren Anfängen und das Meiste an Arbeit muß noch in der Zukunft geleistet werden.“ [20] Inzwischen sollte man ein wenig aufräumen mit jenen Urteilen über den „Positivismus“, die sich so oft als Vor-Urteile erweisen, in wessen Namen auch immer.

[1F. Nietzsche, Werke Bd. 3, S. 19. Kröner Verlag, 1921.

[2Vor allem ist hier der „Pragmatizismus“ von C. S. Peirce gemeint. Über die verworrenen Vorstellungen, die man sich in Europa vom Pragmatismus überhaupt macht vergl.: C. S. Peirce, Schriften I, hrsg. von K. O. Apel; Suhrkamp Verlag 1967. — Ähnlich unzureichende Kenntnis hat man gemeinhin in Deutschland von der Entwicklung des Behaviorismus.

[3Hier ist namentlich Rudolf Carnap gemeint, dessen frühes Werk „Der logische Aufbau der Welt“ heute von N. Goodman gegen seinen Urheber verteidigt wird.

[4z.B. das Leib-Seele-Problem durch H. Feigl, das Universalienproblem von W. V. O. Quine.

[5Vergl. R. Carnap, Gespräch mit dem Verf. in „Club Voltaire III“; Szczesny-Verlag, 1967.

[6Siehe dazu: W. V. O. Quine, Two Dogmas of Empiricism in „From a Logical Point of View“; Harvard University Press, 1964. Ferner Stephen Toulmin in „Scientific American“ Februar-Heft 1966, S. 129 ff. anläßlich der Rezension eines Buches von C. G. Hempel, 1966. Vor allem aber die diversen kritischen Analysen des Werkes von Carnap in: „The Philosophy of Rudolf Carnap“, ed. by P. A. Schilpp, Open Court und Cambridge University Press, 1963.

[7L. Wittgenstein: „Tractatus Logico-Philosophicus“, S. 186; Routledge & Kegan Paul, 1960.

[8K. O. Apel, a.a.O., S. 13f. u.a.. Apel weist zurecht darauf hin, daß diese drei Begriffe in solchem Zusammenhang in sehr weitem Sinn benutzt werden dürfen. In ähnlichem Sinn werden sie hier gebraucht, so daß man unter Pragmatismus auch die „pragmatische“ analytische Philosophie verstehen kann.

[9Gegen die übertriebene Verwendung der Symbolschrift hat schon Popper sich gewandt.

[10Ausnahmen sind die erwähnte Ausgabe von Peirce bei Suhrkamp, eine andere im Agis-Verlag, Baden-Baden, sowie in der Reihe „Theorie“ des Suhrkamp-Verlags — der sich im übrigen betont der dialektischen Literatur annimmt — zwei ältere Werke von Carnap.

[11Die eklatanteste ideologische Verzerrung operationalistischer Methodik P. W. Bridgemans liefert H. Marcuse in: „Der eindimensionale Mensch“, S. 32 ff; Luchterhand-Verlag, 1967.

[12Noch einmal unmißverständlich durch R. Havemann in: Dialektik ohne Dogma, Rowohlt-Verlag, 1964.

[13In: Kölner Zeitschr. f. Soziologie und Sozial-Psychologie, Jahrgänge 1964, 65 Westdeutscher Verlag Köln u. Opladen; sowie: Logik der Sozialwissenschaften, Hrsg. v. E. Topitsch; Kiepenheuer & Witsch, 1965; S. 291 ff.
Ausgelöst wurde diese Diskussion durch eine Kontroverse zwischen Adorno und Popper.

[14J. Habermas: Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik; in: Logik der Sozialwissenschaften, a.a.O., S. 297.

[15Habermas, a.a.O., S. 296.

[16Habermas, a.a.O., S. 296.

[17Diesen Bezug vermerkt boshafterweise W. R. Beyer in seiner Rezension von Adornos „Negativer Dialektik“. In: Deutsche Zeitschr. f. Philosophie; VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Nr. 10, 1967. (es ist dies die offizielle philosophische Zeitschrift in der DDR.)

[18H. Albert: Kölner Zeitschr. ..., a.a.O., Nr. 2, 1964 (Sonderdruck) S. 242.

[19Die Nummer 7 der ostzonalen Zeitschr. f. Philos. des Jahrganges 1967 war der vorsichtigen Rehabilitierung bzw. Habilitierung der Wissenschaftstheorie gewidmet.

[20R. Carnap, Gespräch mit dem Verf., a.a.O.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1968
, Seite 335
Autor/inn/en:

Willy Hochkeppel: Geboren 1927 in Düsseldorf, studierte Theaterwissenschaft, Literaturgeschichte‚ Philosophie und Psychologie. Seit 1957 ist er Mitarbeiter der Nachtstudioredaktion des Bayerischen Rundfunks. Herausgabe von: Die Antworten der Philosophie heute, München 1967.

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