FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 291/292
Heidi Pataki

Ohne Strümpfe, ohne Schuh

Adelheid Popps Arbeiterinnenleben

Adelheid Popp: Jugend einer Arbeiterin. Herausgegeben und eingeleitet von Hans J. Schütz, Verlag J. H. W. Dietz’ Nachf. GmbH, Berlin 1977, 187 Seiten, DM 14, öS 107

Adelheid Popp

Fromme Seelen

Autobiographien sind heute reinster Anachronismus und zugleich die peinlichste Form von Literatur — macht sich darin doch das Private hemmungslos breit. Wer ist denn dieses dahergelaufene „Ich“, das sich für den Nabel der Welt hält, dieses dubiose Individuum, das hier so auftrumpft? fragt sich der Leser verdrossen, und zu Recht. In der Autobiographie überlebt ein Stück pietistischer Tradition: die christliche Übung der Selbsterforschung im Angesicht Gottes. Schon der alte Augustinus mit seinen Confessiones ...! Doch was ist mittlerweile aus den Berichten der Frommen, den Bekenntnissen schöner Seelen geworden?

Schon in einem Standardwerk der pietistischen Literatur, der Lebensgeschichte Jung-Stillings (von 1777ff), dreht sich’s hauptsächlich um die göttliche Vorsehung im Verein mit seinen geglückten oder mißratenen geschäftlichen Transaktionen: sie fungiert hier als eine Art Korrektiv von Konjunkturschwankungen. Gott pfuschte damals noch richtig ins Handwerk!

Anders bei den Selbstdarstellungen der Leute von heute, der zweifelhaften Zelebritäten und Autoritäten — der pietistische Weihrauch schlägt um in eine Beweihräucherung der eigenen Person. In dieser Autobiographik wird im Grunde nur der überflüssige Beweis erbracht, daß einer sein Leben lang die Mitmenschen mit Füßen trat und dabei Erfolg hatte. Als Denunziant hilft oft die Sprache; viele Memoiren klingen, als wären sie einem Untergebenen diktiert. Das Verhältnis Chef/Tippse überträgt sich auch auf den Leser. Ein unverkennbarer Tonfall!

Überhaupt wird die Parole „der Mensch im Mittelpunkt“ stets dann besonders nachdrücklich propagiert, wenn die Möglichkeiten zur Individuation, zur „freien Entfaltung“ aller wieder schrumpfen und ein Wuchern von Bürokratie & Staat den Leuten die Luft nimmt. Auch dafür ist die gegenwärtige in Massen erscheinende Memoirenliteratur ein Indiz.

Verseichbeutelte Proletarier

Es gibt aber noch eine andere Spezies von Autobiographien: die der Unterdrückten in der Geschichte — der Arbeiter und der Frauen. In Form von Autobiographien haben sich Proletarier zum ersten Mal literarisch artikuliert. Die Selberlebensbeschreibung, abgesunkenes bürgerliches Kulturgut aus dem 18. Jahrhundert, bekam dadurch einen neuen Inhalt und einen subversiven Sinn: hier sollte das Individuum, das „Ich“, stellvertretend für eine ganze Klasse sprechen. Der Bericht sollte nicht der Erbauung, sondern der Aufklärung und der Politisierung, ja Indoktrinierung des Lesers dienen.

Diese Literatur war von Anfang an recht widersprüchlich, schon weil diese als „Instrument der proletarischen Bewegung“ gedachten Texte meist in stockkonservativen bürgerlichen Verlagen landeten und die Arbeiter ihre Herstellung und den Vertrieb nicht selber in der Hand hatten.

Um die Jahrhundertwende und kurz danach kam es zu einer wahren Flut von Arbeiter-Lebensbeschreibungen. Vor allem ein ehemaliger Pastor, der zur Sozialdemokratie übergelaufen war, tat sich dabei als Sammler und Anreger hervor: Paul Göhre, SPD-Reichstagsabgeordneter und nach 1919 preußischer Staatssekretär. In seinen schleimigen Vorworten zu den Autobiographien pries er diese als „menschliche Dokumente“ an und machte sie so dem bürgerlichen Publikum schmackhaft. (Franz Mehring hat das einmal die „ästhetische Verseichbeutelung des modernen Proletarierloses“ genannt ...) Göhre gab übrigens auch Franz Rehbeins „Leben eines Landarbeiters“ heraus: 1911.

Zwei Jahre früher, 1909, war erstmals die „Jugendgeschichte einer Arbeiterin“ von Adelheid Popp erschienen — anonym; zwar unter der Patronanz von August Bebel, der auch das Vorwort dazu verfaßte, doch in einem bürgerlichen Verlag: bei Ernst Reinhardt in München. Dieser Verlag gab damals grade eine Reihe mit dem schönen Namen ‚„Lebensschicksale in Selbstschilderungen Ungenannter“ heraus. Lesefutter fürs Bildungsbürgertum! Da gab’s so saftige Brocken wie die „Erinnerungen eines Waisenknaben“, die „Jugendgeschichte eines Findelkindes“ oder die „Erlebnisse eines Hamburger Dienstmädchens“ ... Das war natürlich kaum verhüllter De-Sade-Ersatz, eine Art sozialer Pornographie, an der man sich ungestraft weiden durfte; obendrein nicht mal erfunden, sondern authentisch, als zusätzlicher Kitzel. Diese Bedienten und Enterbten durchbrachen niemals ihre Rolle des wehrlosen Opfers; kein Blut, nur die Tränen flossen.

Aschenputtel & Herzogin

Aus diesem rührseligen Rahmen fiel die Geschichte der Adelheid Popp total heraus. Sie war vom Aschenputtel zur Parteifunktionärin, von der halben Analphabetin zur gewieften Agitatorin und Artikelschreiberin avançiert. Vom Arbeiter zum Funktionär? Der soziale Aufstieg war jedenfalls was Neues. Denn bis dahin hatten auch die besten und politisch argumentierenden Arbeiter-Autobiographien immer die soziale Deklassierung des Proletariers zum Thema: seine psychische Abstumpfung, seinen physischen Untergang. So etwa beim Hilfsarbeiter Carl Fischer, dessen „Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters“ 1903 bis 1905 erschienen; in einem Stahlwerk und dann in einer Eisenbahnwerkstätte wird er zum Krüppel gemacht und muß als arbeitsunfähiger Invalider armen Verwandten auf der Tasche liegen, während er seinen Bericht schreibt. Oder bei William Theodor Bromme — auch er ist arbeitsunfähig, als er mit 33 Jahren seine „Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters“ (1905) verfaßt. Die Arbeit als Dreher muß er aufgeben, weil er an der Proletarierkrankheit (Tbc) leidet.

Das sind lauter Lebensläufe in absteigender Linie. Wie die Faust aufs Aug passen sie zum Goetheschen Programm des bürgerlichen Bildungs- und Entwicklungsromans: „Jeder geht in der aufsteigenden Linie seiner Ausbildung fort, so wie er angefangen ...“

Adelheid Popps Karriere klingt dagegen wie aus einem sozialdemokratischen Märchen, und so hat sie die Geschichte ihrer Jugend auch erzählt im Märchenton, in der lapidaren, innigen und rührenden Sprache der Märchen. Dazu paßt auch ganz die Figur der „Herzogin“, die auf einem Schloß wohnt und wie eine gütige Fee in ihr Leben eingreift: Nach vielen Bettelbriefen kriegt sie von der Herzogin ein Paar Schuhe verpaßt, und die alte Mutter darf eine Zeitlang im Schloßgarten arbeiten.

Die „Jugendgeschichte“ wird 1909 jedenfalls zu einem Bestseller, mit drei Auflagen in einem Jahr. Die nächste, vierte Auflage erschien dann viel später im Hausverlag der deutschen Sozialdemokratie: 1922 bei Dietz, dem Verlag Marx’ und des Vorwärts, freilich zu einer Zeit, als Adelheid Popp in Wien bereits am Höhepunkt ihrer politischen Karriere angelangt war — nach dem Ersten Weltkrieg kam sie in den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei, als Abgeordnete ins Parlament (1919-1934) und in den Wiener Gemeinderat.

Kübel, Körbe, Holzpantoffel

Ihrem Bericht ist’s zu verdanken, wenn man heute wieder nachlesen kann, was sich im Wien von 1880, 1890 unter den Arbeitern abgespielt hat, vor den Argusaugen unserer bürgerlichen Vorfahren. Proletarierleben in Wien? Besser weiß man durch Engels über die Zustände in London, durch Zola über Frankreich Bescheid, so, als hätten die Fin-de-siècle-Mythen der Kaiserstadt die gesellschaftliche Realität ausgelöscht.

Bei Karl Kraus, in der Fackel, bricht was davon durch — in Form von Zeitungsmeldungen, in der kleinen Chronik samt Kommentar; der Augenschein ist, überliefert durch Fotografien von einem Pionier der sozialen Reportage, vor kurzem erst aufgetaucht: Arbeiterfrauen tragen Wasserschaffeln auf dem Kopf, schleppen Kübel und Körbe, die Röcke aus grobem Stoff, bloße Füße in Holzpantinen mitten in der Großstadt.

Adelheid Popp, Jahrgang 1869, kam aus Inzersdorf bei Wien und hieß mit ihrem Mädchennamen Dworschak. Sie war das 15. Kind eines Webers, aus Böhmen eingewandert, Gastarbeiter von dazumal und geradezu prädestiniert fürs Hungerleiden. Weber! Das war synonym für Elend und Ausbeutung. Durch die erste Welle der Industrialisierung werden die Weber zum klassischen Beispiel für Proletarisierung = Ersatz der menschlichen Arbeit durch Maschinen. Auch Adelheids Vater hat sich dabei zu Tode geschunden und gesoffen.

Verlagssystem: Die totale Abhängigkeit von Fabrikanten, Preisdrückerei, Heimarbeit, das Ablieferngehn ... Im Bericht kulminiert das alles in einem Weihnachtsabend, als Adelheid noch ganz klein war: „Meine Mutter wollte mir, ihrem jüngsten Kinde, auch einmal zeigen, was das Christkind ist. Mit dem Anzünden der Lichter wurde auf den Vater gewartet, der zum Fabrikanten gegangen war, um Ware abzuliefern. Er sollte Geld bringen. Es wurde 6 Uhr, dann 7 und endlich 8 Uhr, der Vater kam nicht. Wir waren alle hungrig und verlangten zu essen ... Endlich hörte ich den Vater kommen, er wurde nicht freundlich empfangen, und es kam wieder zu einer heftigen Szene. Er hatte weniger Geld gebracht, als die Mutter erwartet hatte, dann war er unterwegs in ein Gasthaus gegangen. Er hatte fast zwei Stunden zu gehen und wollte sich einmal erwärmen. Er war dann länger sitzen geblieben, als er zuerst gewollt, und kam angetrunken nach Hause.“ Im Zorn zerschlägt der Vater mit einer Hacke den Christbaum.

Einige Zeit später erkrankt er an Krebs — keine Krankenkasse, keine Rente. Sein Leiden dauert nur kurz, doch es ruiniert die Familie. „Sooft ich mit einem Rezept in die Apotheke geschickt wurde, klagte meine Mutter, wie lange das noch dauern würde.“ Mit seinem Tod bricht alles zusammen. Die Mutter muß nun sich und die kleinsten Kinder alleine durchbringen, die Familie zerfällt. Außer Adelheid sind noch vier Brüder am Leben (zehn Geschwister starben); der älteste hat ein Handwerk ohne Zukunft erlernt, Perlmuttdreher, und kommt als Stütze und Ernährer nicht in Betracht: Er geht auf die Walz. Zwei andere Brüder, die bisher mit dem Vater zu Hause als Weber gearbeitet hatten, kommen in eine Lehre; der jüngste geht noch zur Schule.

Schnee ist Himmelsbrot

Die damals grade eingeführte allgemeine Schulpflicht hat die Kinderarbeit nicht verhindern können und wurde auf vielerlei Arten umgangen. Typisch für einen Vorort der Großstadt wie Inzersdorf, halb Stadt, halb Land, sind die Erwerbszweige der Armenkinder, von denen Adelheid Popp erzählt. Im Grunde lief alles auf kaum verhüllte Bettelei hinaus. Für die Buben gab’s das „Kegelaufsetzen“ im Wirtshaus an den Sonntagen, bis tief in die Nacht, oder sie machten die „Treiber“ bei den herrschaftlichen Hasenjagden. Am wichtigsten und einträglichsten aber war das Schneeschaufeln; ein Winter ohne Schnee kam einer Katastrophe gleich. Den Schnee nannte man deshalb auch Himmelsbrot.

Die Mädchen wurden mehr bei gesellschaftlichen Anlässen eingespannt: fürs Neujahrwünschen oder Sargbegleiten beim Begräbnis. Das Demütigende dieser Bettelgänge, einer, wie Popp bitter schreibt, „nur von der ärmsten Bevölkerung geübten Sitte“, blieb den Kindern nicht verborgen: „Man ging nur zu den als wohlhabend oder reich bekannten Familien und sagte dort einen Wunsch auf, wofür man eine Belohnung erhielt. Ich fürchtete mich ganz entsetzlich vor den Hunden, die die Häuser der Reichen bewachten, aber ich war doch bemüht, möglichst viel Geld nach Hause zu bringen. Oft ging ich zu einer Tür hinein, wo soeben ein anderes, ebenso mißbrauchtes Kind herausging.“

In ihren „Erinnerungen“ (von 1915) hat Adelheid Popp diese Kinderjobs als Beschäftigungen bezeichnet, die zu Unrecht nicht unter die Arbeiterschutzgesetze fielen — „sie gelten nicht als Arbeit, sondern werden gewissermaßen als ein Vergnügen betrachtet, dem man sich freiwillig hingibt. Man muß aber Einblick in die sozialen Verhältnisse der Arbeiterklasse haben, um beurteilen zu können, daß diese Freiwilligkeit eine erzwungene ist.“

Klassenkampf Krampus/Nikolo

Die Angst der Armen ist im Bericht allgegenwärtig: zuerst vorm Vater und seiner Gewalttätigkeit, dann die Angst vor den Hunden, später die Angst vor der Obrigkeit, vorm Parkwächter oder der Lehrerin. Der Klassencharakter prägt schon die Kinderfeste. Was für Bürgerkinder ein Vergnügen ist, wird für Proletarierkinder zur einschüchternden Drohung: „Der Krampus, eine Art Ungeheuer in Teufelsgestalt, spielt in der Weihnachtszeit im Leben der armen Kinder eine weit größere Rolle als in dem der reichen. Für die letzteren kommt weit mehr der Nikolo in Betracht, der den Sack mit Äpfeln, Nüssen und dem Backwerk schleppt, als der Krampus mit Rute und klirrenden Eisenketten ...“

Die Bettelgänge bei den Reichen auf dem Land unterschieden sich kaum von der späteren Suche nach Arbeit in der Stadt — eine wüste Odyssee durch die verschiedensten Gewerbe, die meist in kleinen Quetschen, in Hinterzimmern und Kellern ausgeübt wurden, stets saisongebunden und krisenanfällig.

Dazwischen lag ein zäher Kampf, den Adelheid Popp mit der Mutter und gegen die Verhältnisse führte — um den Besuch der Schule. Diesen Kampf hat sie fürs erste verloren. Ihre Mutter war Analphabetin, hatte nie eine Schule besucht und nicht lesen und schreiben gelernt, weil sie als Waise schon im Alter von sechs Jahren in Dienst kam. Die Mutter sperrt sich gegen die Schulpflicht, die neumodischen Gesetze tut sie ab mit der Begründung: wer bis zum zehnten Jahr nichts lernt, lernt später auch nichts; drei Jahre Schule sind genug! Alle Söhne mußten mit zehn Jahren schon arbeiten, sie aus der Schule zu nehmen machte keine großen Schwierigkeiten; beim jüngsten setzte sie es dann mit Gesuchen durch, daß er vorzeitig entlassen wurde und als Hilfsarbeiter in eine Fabrik kam. Adelheid ging’s nicht anders, obwohl sie in der Schule durch ihren Lerneifer und ihre Begabung auffiel. Die Erwachsenen aus der Umgebung kamen zu ihr mit Briefen und Bittgesuchen — sie war eine Art kleiner Dorfschreiber. Ein wichtiges Amt! Zahllose Bettelbriefe an hochgestellte Persönlichkeiten und an die ewige Herzogin in ihrem Schloß wurden damals abgeschickt.

Was Adelheid Popp als Kind gelernt hatte, konnte sie als junges Mädchen in Wien gut gebrauchen, als es ihren Leuten wieder einmal besonders dreckig ging. Ein Bruder — der jüngste — ist inzwischen an Knochenfraß gestorben, ein anderer trug grade „den Rock des Kaisers“, ein dritter hatte ausgedient und war arbeitslos, Mutter und Schwester müssen ihn erhalten — da schreibt sie Bittgesuche an den Kaiser, an Erzherzöge, an irgendwelche reichen Wohltäter. In ihrem Buch vermerkt sie genau den Erfolg dieser Bettelbriefe: „Vom Kaiser erhielten wir 5 Gulden, von einem Erzherzog und von einem reichen Wohltäter, dessen Sekretär zu uns nachsehen kam, ebensoviel.“ Das war der Wochenlohn einer Arbeiterin.

Gefängnis für Schulschwänzen

Mit der Übersiedlung nach Wien ist auch der Schulbesuch für Adelheid Popp zu Ende. Daß damit ein Gesetz gebrochen wurde, schien niemanden zu kümmern. Dabei war die Mutter, als sie noch den Schloßgarten der Herzogin betreute, von Gendarmen arretiert und eingesperrt worden: wegen unentschuldigten Fernbleibens ihrer Tochter. Die Erklärung war einfach; sie hatte keine Strümpfe, keine Schuh zum Laufen, und die Mutter konnte keine Entschuldigungen schreiben ... Keine der abenteuerlichen Hoffnungen, welche die beiden an die Herzogin geknüpft hatten, ging in Erfüllung.

Adelheid Popp verdingt sich als Schafwollhäklerin in einer Wiener Werkstätte, wo sie täglich zwölf Stunden lang Umschlagtücher häkelt. Sie ist knapp zehn Jahre alt und kennt bald keine andere Sehnsucht mehr als nach Schlaf. Als Häklerin wechselt sie bald von Werkstatt zu Werkstatt, immer auf der Jagd nach dem günstigeren Lohn, der freilich nur um ein, zwei Kreuzer differierte. Auf diese Weise schärft sich ihr Blick für die Welt der Gewerbetreibenden: Kinderarbeit ist zwar offiziell nicht legal, und sie muß sich vor den Chefs älter machen, aber sie trifft immer wieder nur auf andere Kinder — deren Ausbeutung ist die Existenzgrundlage für viele Beamte und Angestellte; von ihnen mästet sich das kleine bis mittlere Bürgertum.

Im Alter von zwölf Jahren soll sie einen anderen Beruf erlernen, von dem sie hofft, daß er mehr einbringt, das Posamentieren, die Fabrikation von Aufputz aus Perlen und Seidenschnüren für die Damenkonfektion. Sie landet in der Lehre einer sogenannten „Zwischenmeisterin“, die deshalb so heißt, weil sie auf schulpflichtige Kinder spezialisiert ist. Zwei Jahre lang bleibt Adelheid dort, bei zwölf Stunden Arbeit täglich und oft zusätzlicher Nachtarbeit zu Hause; ein Aschenputtel, das an Samstagen in der Werkstatt den Großputz machen, vom öffentlichen Brunnen weither Wasser schleppen muß.

Das Posamentieren erweist sich jedoch als reine Saisonarbeit, die Nachfrage als allzu schwankend. Für Adelheid Popp beginnt der Bettelgang mit dem Spruch „Bittschön um Arbeit“ wieder von vorn. Sie gerät an eine Fabrik für Bronzewaren, in der junge Mädchen Kettenglieder aneinanderreihen. Wegen des besseren Verdienstes gibt sie die Lehre ganz auf und arbeitet als Löterin bei einem gasbetriebenen Blasebalg. Das hält auf die Dauer wohl kein Roß aus. Sie bricht zusammen und kommt wegen „Nervenerkrankung“ an die Klinik, wo die Psychiater den Lebenslauf ihres Vaters und Großvaters erforschen, mit dem Resultat: deren Trunksucht sei schuld an ihrer Krankheit! Nebenbei bescheinigen die Ärzte ihr hochgradige Blutarmut sowie Unterernährung und versorgen sie mit Ratschlägen — viel Bewegung in frischer Luft und gutes, reichliches Essen. Die soziale Blindheit der Wiener Medizin hat eine lange Tradition.

Nach der Bronzefabrik kommt eine Metalldruckerei, dann eine Patronenfabrik ... Adelheid Popp leidet unter Ohnmachtsanfällen und wird auf ihre Bitte um Aufnahme in ein Krankenhaus in die Psychiatrische Klinik eingeliefert — zur Beobachtung, wie’s heißt. Nach vier Wochen wird sie als gesund entlassen. Unter Geisteskranken genießt sie die erste richtige Erholung ihres Lebens. Ärzte leihen ihr Bücher, und sie liest alles.

Engels & Bebel beim Wiener Vorstadtmädel

Immer wieder kommt Popp in der „Jugendgeschichte“ auf ihre Lektüre jener Jahre zu sprechen. Minutiös zählt sie die Titel aller Werke auf, von den Groschenheften angefangen bis zu den Klassikern der Literatur und der Sozialdemokratie; sie spiegeln die Stadien ihrer Politisierung und ihres Aufstiegs wider. Eine Kontrolle ihrer Lektüre durch die Mutter gab’s ja nicht, darum las sie auch „in völliger Unschuld schlüpfrige französische Romane“ und übte sich dabei naiv im Nacherzählen, zur hellen Gaudi ihrer Zuhörer.

Noch als Fabrikarbeiterin abonniert sie ein streng katholisches & monarchistisches Blatt, das 3x wöchentlich „zur patriotischen und religiösen Gesinnung“ erziehen wollte und die Arbeiterbewegung verteufelte. Breitgetreten wurde darin auch die sogenannte „Tragödie von Mayerling“: „Der Tod des Kronprinzen ging mir so zu Herzen, daß ich tagelang weinte ...“ Auch ein antisemitisches Flugblatt übt starken Einfluß auf sie aus, der Titel lautete „Wie gelangt Israel zu Macht und Herrschaft über alle Völker der Erde“ — samt Ritualmord-Märchen und Berichten über geschändete Christenmädchen. Sie meidet daraufhin jüdische Geschäfte und veranlaßt ihre Kolleginnen, es ebenso zu halten. In der „Jugendgeschichte“ wird nichts beschönigt; Adelheid Popp erzählt es vielmehr mit einem Gefühl des Triumphs. Sie kann sich diese Aufrichtigkeit leisten. Denn was ist aus der Antisemitin und gerührten Monarchistin geworden? Zu der Zeit, als Friedrich Engels sie zusammen mit August Bebel in ihrer Vorortwohnung besucht, ist sie die erste und hervorragendste Funktionärin der Frauenbewegung, die Mitbegründerin und verantwortliche Redakteurin der Wiener Arbeiterinnen-Zeitung.

Der Besuch von Engels & Bebel sollte nicht zuletzt den Konflikt mit ihrer Mutter etwas lindern. „Sie wollten der alten Frau begreiflich machen, daß sie auf ihre Tochter eigentlich stolz sein sollte. Aber meine Mutter zeigte für die guten Absichten der beiden Führer kein Verständnis. Als wir wieder allein waren, sagte sie geringschätzig: ‚So Alte bringst du daher!‘“

Die Auseinandersetzung mit der Mutter ist ein zentrales Thema im Buch, doch bis zuletzt bleibt die Alte hart und verhält sich ablehnend — die hergebrachte Auffassung von der Rolle der Frau, und sei sie noch so trist, schloß eine Karriere als Politikerin aus. Popps Mutter „wäre es lieber gewesen, wenn ich in der Fabrik geblieben wäre und dann geheiratet hätte. Die alte Frau, die auf eine Kette von Leiden und Entbehrungen zurückblickte, die unter schrecklichen Verhältnissen alle zwei Jahre ein Kind geboren hatte, das sie dann sechzehn bis achtzehn Monate an ihren Brüsten nährte, um länger vor einem neuen Wochenbett bewahrt zu bleiben, diese Frau, die verkümmert und frühzeitig von harter Arbeit gebeugt war, konnte sich für ihre Tochter kein anderes Los vorstellen als eine gute Ehe. Heiraten und Kinderbekommen sah sie als die Bestimmung des Weibes an ... Je mehr ich mich als Rednerin betätigte, um so unglücklicher wurde sie.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1978
, Seite 39
Autor/inn/en:

Heidi Pataki:

Studierte Zeitungswissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien; Gedichtband „schlagzeilen“, Suhrkamp 1968; Literaturkritik Hessischer Rundfunk u.a. ORF Studio Steiermark (Essays über jugoslawische Literatur „Über die Grenzen“); Übersetzungen aus dem Serbokroatischen, Englischen. Von 1970 bis 1980 Redaktionsmitglied des FORVM. Sie gehörte 1973 zu den Gründungsinitator/inn/en der Grazer Autorinnen/Autorenversammlung, ab 1991 war sie deren Präsidentin.

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