FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 247/248
Paul M. Sweezy

Ohne Rüstung Krise

Diagnose des amerikanischen Kapitalismus
Paul M. Sweezy,
64, ist der Nestor der amerikanischen marxistischen Ökonomen. Seine bekanntesten Bücher sind Theory of Capitalist Development und Monopoly Capital (dt. bei Suhrkamp). Sein Vater war Wall-Street-Banker, er studierte in Harvard und an der London School of Economics. Sweezy promovierte an der Harvard University bei Joseph Schumpeter (dem österreichischen Finanzminister von 1919 — Anm. d. Redaktion). 1934-1942 lehrte er in Harvard und arbeitete für verschiedene Institutionen des Rooseveltschen New Deal. Während des Krieges war er im Analysis Branch des Office of Strategic Services (OSS) — zugleich mit Herbert Marcuse. 1945-1947 wieder Harvard. Im Mai 1949, also vor 25 Jahren, erschien die erste Nummer des berühmten Monthly Review; Albert Einstein schrieb einen Einleitungsartikel. Als man unlängst einen linken Ökonomen fragte, wo er seine akademische Ausbildung genossen habe, antwortete er: „An der einzigen Schule, die zählt — an der Universität von Monthly Review“.
Lawrence Lifschultz in:
Ramparts, April 1974

1 Illusionen der Keynesianer

Bis auf wenige Ausnahmen stimmen die Ökonomen der kapitalistischen Länder, liberale wie konservative, darin überein, daß die Regierungen in den fast vier Jahrzehnten seit der Veröffentlichung von Keynes’ „General Theory of Employment, Interest, and Money“ über Mittel verfügen, um das Niveau der Wirtschaftstätigkeit zu regulieren und ernstere Krisen zu verhindern und daß sie diese Mittel auch mit Erfolg angewandt haben. Um den Harvard-Ökonomen und Nobelpreisträger Kenneth J. Arrow zu zitieren: „Die neuen ökonomischen Ideen von Keynes und seinen Schülern wurden mit beispielloser Schnelligkeit in die Praxis umgesetzt. Der Gedanke, daß der Staat durch seine Budget-, Steuer- und Währungspolitik die Arbeitslosigkeit weit unter dem Stand früherer Krisen halten kann, wurde sowohl von den Ökonomen als auch von den Politikern übernommen und hat sich in der Praxis als überaus erfolgreich erwiesen. In allen fortgeschrittenen Ländern hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Art von Wirtschaft entwickelt.“ (New York Times, 26. März 1973.)

Betrachten wir zunächst die Entwicklung in den Vereinigten Staaten (auf die anderen Länder komme ich später zu sprechen). Sicherlich hat es hier seit dem Zweiten Weltkrieg keine solche Krise wie in den dreißiger Jahren gegeben. Ist das aber damit zu erklären, daß Ökonomen und Politiker sich zusammengesetzt und eine geeignete Budget-, Steuer- und Währungspolitik ausgeknobelt haben, um drohende Krisen abzuwenden? Oder ist es die Folge der ungeheuren Steigerung der Staatsausgaben, in denen Rüstung und Krieg bei weitem die Hauptrolle spielen? (Ich nehme an, daß weder die Ökonomen noch die Politiker behaupten wollen, die Militärausgaben seien einfach die Form, welche die Keynesschen Ideen in der Praxis annehmen.)

Auf diese Fragen würden unsere Ökonomen wahrscheinlich antworten, daß zwar aus politischen oder außenpolitischen Gründen tatsächlich ein großer Teil der Staatsausgaben zu militärischen Zwecken bestimmt war, daß man aber, wäre dies nicht so gewesen, viel mehr für soziale Zwecke hätte ausgeben können, wobei der ökonomische Effekt im wesentlichen der gleiche gewesen wäre. Ihrer Auffassung nach ist also die Theorie von der Regulierbarkeit des Niveaus der Wirtschaftstätigkeit gerechtfertigt, gleichgültig, wofür das Geld ausgegeben wird.

Wenn es sich jedoch wirklich so verhielte, müßte man dann nicht annehmen, daß die Regulierer, unterstützt von dem großen Militätbudget, keine Schwierigkeiten gehabt hätten, während der ganzen Nachkriegszeit ein passables Niveau der Wirtschaftstätigkeit aufrechtzuerhalten? Sicherlich, angesichts des Umstands, daß zwanzig oder mehr Prozent der amerikanischen Bevölkerung unterhalb der offiziell definierten Armutsgrenze leben und daß Projekte wie anständige, billige Wohnungen, Umweltschutz und Massenverkehr ein viel größeres Maß an öffentlichen Ausgaben erfordern, hat es nie an Zwecken gefehlt, die der Aufmerksamkeit der Regulierer wert wären. Und doch beträgt selbst in Konjunkturperioden, wie eben jetzt, die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen in den USA fünf Prozent der verfügbaren Arbeitskräfte. Berücksichtigt man dies, dann mag man sich die Vermutung erlauben, daß die ganze Idee der „Regulierbarkeit“ ein Mythos ist und daß die Militärausgaben am Ende doch die einzige rationale Erklärung für die relativ (d.h. im Vergleich zu den dreißiger Jahren) günstige Wirtschaftsentwicklung der Nachkriegszeit darstellen.

2 Ohne Rüstung Arbeitslosigkeit von 1938

Um diese Hypothese zu überprüfen, haben mein Kollege Harry Magdoff und ich ein „Experiment“ gemacht (siehe „Economic Stagnation and the Stagnation of Economics“ in Monthly Review, April 1971). Mit Hausverstand und vorsichtigen Schätzungsmethoden errechneten wir die Zahl der Arbeiter, die 1970 entweder arbeitslos oder direkt und indirekt von Militärausgaben abhängig waren. Dann addierten wir diese Zahlen und verglichen die Summe mit der Zahl der Arbeitslosen im Jahre 1938. (Es ist zu bemerken, daß sowohl 1970 als auch 1938 Rezessionsjahre nach langen Konjunkturperioden waren und daher miteinander vergleichbar sind.)

Das erste Problem war, die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen — zum Unterschied von der offiziell registrierten — zu schätzen; jeder, der mit dem Gegenstand vertraut ist, weiß, daß hier eine große Diskrepanz besteht. Gestützt auf offizielle Angaben über die Beschäftigungsrate, die für männliche Arbeiter in den fünfziger und sechziger Jahren ständig sinkende Tendenz aufwies, und unter Berücksichtigung der unfreiwilligen Teilzeitarbeit, gelangten wir zu dem Schluß, daß die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen, vorsichtig geschätzt, 8,1 Millionen betrug, das sind 9,4 Prozent der verfügbaren Arbeitskräfte. Dazu addierten wir die Angehörigen der Streitkräfte (2,9 Millionen), die Zivilangestellten des Landesverteidigungsministeriums (1,2 Millionen), die in der Rüstungsindustrie Beschäftigten (drei Millionen) und jene, die ihre Arbeit dem sogenannten „Multiplikationseffekt“ zu verdanken haben, nämlich der Nachfrage, die durch die Einkommen der unmittelbar vom Militärbudget Lebenden erzeugt wird (7,1 Millionen). Das ergibt eine Summe von 22,3 Millionen Menschen, etwas mehr als 25 Prozent der 1970 verfügbaren Arbeitskräfte, einschließlich der nicht offiziell als arbeitslos registrierten.

Dem steht eine offiziell registrierte Arbeitslosenrate von 19 Prozent im Jahre 1948 gegenüber. Berücksichtigen wir jedoch die damalige versteckte Arbeitslosigkeit und zählen noch die relative kleine Zahl der im Zusammenhang mit der Landesverteidigung Beschäftigten hinzu, so kommen wir auf eine Arbeitslosenrate von etwa 30 Prozent gegenüber den 25 Prozent von 1970. Sieht man also von den Militärausgaben ab, so war es 1970 nur ein bißchen besser als 1938. Aber nicht viel besser und jedenfalls weitaus nicht genug, um die These aufrechtzuerhalten, daß die Ökonomen und die Politiker die Wirtschaft fest unter Kontrolle haben.

Wenn meine keynesianischen Freunde diese Fakten oder Schätzungen zu bestreiten wünschen, sind sie herzlich eingeladen. Sie sprechen gern von der Entwicklung, scheuen aber davor zurück, sie einer konkreten historischen Analyse zu unterziehen. In diesem Zusammenhang ist zu vermerken, daß sie noch keine kohärente Theorie der Weltwirtschaftskrise zustande gebracht haben, mit der sie erklären könnten, wieso diese Krise so viel schlimmer war als alle früheren kapitalistischen Krisen. Muß ich noch sagen, daß es ohne eine solche Theorie ganz unmöglich ist, eine rationale Hypothese darüber aufzustellen, was in der Nachkriegszeit ohne die gesteigerten Militärausgaben passiert wäre?

Hier wechseln die Keynesianer mit bemerkenswerter Einmütigkeit den Gegenstand. Wie ist es mit anderen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, fragen sie, insbesondere mit Deutschland und Japan, die die größten Wachstums- und Beschäftigtenraten und die relativ niedrigsten Militärausgaben haben?

3 Korea-Boom riß Deutschland und Japan mit

Es ist unmöglich, diese Frage in einem kurzen Artikel ausreichend zu beantworten, zumal bisher noch niemand, und schon gar kein Keynesianer, es ernsthaft versucht hat. Ich kann daher nur in groben Zügen andeuten, wo meiner Meinung nach die Antwort zu suchen ist.

Grundlegend ist hier zunächst einmal die Tatsache, die von den eng spezialisierten Wissenschaftlern nur zu oft übersehen wird, daß nämlich der Kapitalismus ein Globalsystem und keine Kollektion separater Nationalwirtschaften ist. Was in einem Teil des Systems geschieht, beeinflußt in größerem oder geringerem Maß die Entwicklung in allen anderen Teilen; und wenn es sich zufällig um den bei weitem größten Teil des Systems handelt, wie ihn die Vereinigten Staaten im kapitalistischen Weltsystem darstellen, dann ist die Auswirkung auf die anderen Teile höchstwahrscheinlich sehr stark, ja entscheidend. Die Frage ist also, wieweit die Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft, und insbesondere die Wirtschaft Deutschlands und Japans, von der relativen Prosperität der Vereinigten Staaten in der Nachkriegszeit bestimmt worden ist. Es steht, glaube ich, außer Streit, daß sowohl das westdeutsche als auch das japanische „Wirtschaftswunder“ vom „Korea-Boom“ ausgelöst wurden, das heißt, unmittelbare Folgen der amerikanischen Ausgaben für den Koreakrieg waren.

In bezug auf Deutschland hat Heinz Abosch geschrieben: „Für die westdeutsche Wirtschaft war der Koreakrieg ein bemerkenswertes Stimulans: Während die Industriegroßmächte ihre Rüstungsproduktion ankurbeln mußten, konnte Deutschland, das noch unter den Restriktionen des Potsdamer Abkommens stand, seine gesamte Industrieproduktion steigern, dank den Aufträgen, die von allen Seiten hereinkamen. Wie Professor Henry Wallich bemerkt: ‚Die Funken des Koreakriegs zündeten den deutschen Export.‘“ (Heinz Abosch, „The Menace of the Miracle“, Monthly Review Press, New York 1963, S. 79.)

Was für Deutschland gilt, das trifft in noch größerem Maße für Japan zu, denn dieses war das unmittelbare Hinterland der amerikanischen Truppen in Korea und direkter Empfänger großer Militäraufträge. „Für das Wirtschaftswachstum“, schreibt Professor Tsuru, „waren der Koreakonflikt und die daraus folgende Beschaffungsnachfrage zweifellos ein Segen.“ [*]

4 Marx: Das Kapital ist die Schranke

Natürlich hing die Wirtschaft Deutschlands und Japans nicht dauernd und ausschließlich von den amerikanischen Militärausgaben ab. Die durch den Koreakrieg ausgelöste Konjunktur nährte sich noch von vielem anderem: von der Wiedergutmachung der Kriegsschäden, von der Erneuerung der Kapitalausstattung und — was vielleicht das Wichtigste war — von einer „Motorisierungswelle“, ähnlich jener, die der amerikanischen Wirtschaft in den zwanziger Jahren Auftrieb gab. Aber die anhaltende starke Nachfrage nach deutschen und japanischen Exportgütern blieb eine Conditio sine qua non für die Prosperität dieser Länder, und es ist schwer zu glauben, daß diese Exportnachfrage weiterbestanden hätte, wenn die amerikanische Wirtschaft in eine Stagnation auf niedrigem Niveau, wie in den dreißiger Jahren, verfallen wäre. Man sollte auch nicht vergessen, daß es nur die Militärausgaben — zuerst in Deutschland und Japan, später dann auch in den Vereinigten Staaten — waren, welche die Welt aus der großen Krise herausgezogen haben. Und auch in der Nachkriegszeit waren es, so behaupte ich, die Militärausgaben (plus anderen, ähnlich motivierten Aufwendungen, wie Wirtschaftshilfe für Marionetten- und Klientelstaaten), hauptsächlich, doch keineswegs ausschließlich der USA, die die kapitalistische Welt vor einer neuen großen Krise bewahrten.

Dies scheint mir eine weit sinnvollere historische Interpretation jener stürmischen Jahrzehnte zu sein als die Ansicht, die Nachkriegsentwicklung des Weltkapitalismus sei die Frucht der Weisheit von Ökonomen und Politikern. Den Ökonomen mag es wohl behagen, sich für mächtig, und den Politikern, sich für weise zu halten. Es gibt aber recht wenig Anzeichen, die für die Richtigkeit dieser schmeichelhaften Vorstellung, sprechen würden. Gewiß, Ökonomen und Politiker spielen eine Rolle, aber nicht so, wie sie glauben und gerne möchten; ihre Rolle ist vielmehr die von Instrumenten und Agenten der elementaren Kräfte eines blinden, widerspruchsvollen Wirtschaftssystems, das niemand zu kontrollieren vermag.

Die Frage, mit der die Ökonomen sich befassen sollten, der sie aber hartnäckig ausweichen, ist, warum der Kapitalismus des zwanzigsten Jahrhunderts eine so starke Tendenz zur Stagnation hat, daß er wachsender öffentlicher und privater Vergeudung bedarf, um überhaupt in Gang zu bleiben. (Jeder einigermaßen aufmerksame Beobachter des modernen Kapitalismus weiß, daß Militärausgaben nur die krasseste Form dieser Vergeudung sind.) Der Hauptgrund wurde schon vor mehr als hundert Jahren von Marx klar und deutlich formuliert: „Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies, daß das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint, daß die Produktion nur Produktion für das Kapital ist und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine sich stets erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind.“ (Das Kapital, Band 3, = MEW Band 25, Berlin 1964, S. 278)

Der marxistische amerikanische Ökonom P. M. Sweezy, Herausgeber der Zeitschrift Monthly Review, schrieb diesen Artikel für eine Diskussions-Spalte der New York Times im Frühjahr 1974. Wir übersetzen ihn mit Erlaubnis des Autors und von Monthly Review (dort erschien er im Februar-Heft).

[*Shigeto Tsuru, „Essays in Economic Development“, Economic Research Series No. 9, Tokio 1968, S. 168. — „Special Procurement“ (Sonderbeschaffung) war die Bezeichnung für amerikanische Militäraufträge. Professor Tsurus Angaben (S. 156-157) zufolge entfielen auf diesen Posten 34,2 Prozent der japanischen Deviseneinnahmen in den Jahren 1951-1958.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1974
, Seite 20
Autor/inn/en:

Paul M. Sweezy:

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