FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 275
focus-Kollektiv

Nestlé liebt Babies

Schweizer Kühe am Amazonas

Die Giftgas-Katastrophe von Seveso, für die eine Tochtergesellschaft einer Tochtergesellschaft von Hoffmann-La Roche verantwortlich ist, hat einen anderen Skandal um einen anderen Schweizer Multi in den Hintergrund gedrängt: den Prozeß Nestlé contra Arbeitsgruppe Dritte Welt in Bern. Ein Verfahren, das mit dem Prozeß Siemens contra Delius und Wagenbach („Unsere heile Siemenswelt“) interessante Parallelen aufweist. In beiden Fällen mußten sich die Multis mit dem Verbot einzelner Formulierungen (z. B. „Nestlé tötet Babies“) begnügen. Die Arbeitsgruppe Dritte Welt, die zu 300 Franken Geldstrafe verurteilt wurde, hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Der Nimbus der Konzerne ist ins Wanken geraten.

Vorher
Nachher

Was man über Nestlé sagen darf

Seit dem 24. Juni 1976 darf man straflos behaupten, daß die Reklame des Schweizer Großkonzerns Nestlé für seine Babynahrung in der Dritten Welt „unethisch und unmoralisch“ ist und „den Tod oder bleibende geistige und körperliche Schädigung Tausender Kinder“ verursacht. Das ergibt sich aus einem Prozeß, den der Schweizer Multi (einer der größten Konzerne der Welt) gegen die kleine und vorher unbekannte „Arbeitsgruppe Dritte Welt“ in Bern angestrengt und — zumindest publizistisch — verloren hat. Es ging in diesem Verfahren um eine Broschüre der Arbeitsgruppe mit dem Titel „Nestlé tötet Babies“: hier wurden die Praktiken der Babymilchproduzenten in den Entwicklungsländern kritisiert. Der zentrale Vorwurf: in Ländern mit ungenügenden hygienischen Voraussetzungen werde durch aggressive Werbemethoden Babymilch verkauft, obwohl falsche Zubereitung der Flaschennahrung zum Tod vieler Säuglinge führe und obwohl die meisten Mütter genug Brustmilch fürs Stillen hätten.

„Schon immer“ — so verteidigte sich Nestlé vor Gericht und gegenüber den Massenmedien — habe der Konzern seinen Muttermilchersatz mit dem ausdrücklichen Hinweis verkauft, die Muttermilch sei das Beste für das Baby. Arthur Fürer, Big Boss von Nestlé, behauptete auf einer Pressekonferenz Ende November 1975 in Bern: „Schon immer wurde unterstrichen, die Kindermittel seien vor allem eine Ergänzung der Muttermilch.“ Dazu legte die Arbeitsgruppe Dritte Welt dem Gericht ein Tonband vor, auf dem die Radiowerbung Nestlés im westafrikanischen Staat Sierra Leone aus dem Jahr 1974 aufgezeichnet war.

In dem Text des Werbespots ist von Muttermilch nicht die Rede, dagegen wird nach bewährter Manier das industrielle Produkt mit der Mutterliebe identifiziert. Eine Mutter, die nicht Milch von Nestlé kauft, vernachlässigt ihr Kind — das suggeriert der folgende Text: „Gib deinem Baby Liebe und Lactogen. Eine wichtige Nachricht für Mütter! Lactogen ist jetzt sogar besser, denn es enthält mehr Eiweiß und dazu Vitamine und Eisen, alles, was nötig ist, um dein Baby gesund und stark zu machen. Lactogen Full Protein hat jetzt einen noch rahmigeren Geschmack und ist garantiert von Nestlé. Lactogen und Liebe.“

Dieser Werbespot wurde mehr als hundertmal in den verschiedenen Sprachen und Dialekten Sierra Leones gesendet. Er wurde erst zurückgezogen, nachdem der Nestlé-Prozeß bereits große Publizität erhalten hatte. Den Journalisten tischte Nestlé die Geschichte auf, die Radiostation habe irrtümlich den falschen Spot ausgestrahlt! Daraufhin unterbreitete die Arbeitsgruppe Dritte Welt dem Gericht Beispiele von Nestlé-Reklame der letzten fünf Jahre aus Jamaica, Peru, Senegal, Kenya, St. Vincent (West Indies) und sogar aus der Schweiz. Keiner dieser Werbetexte enthielt irgendeinen Hinweis auf die Vorzüge der Muttermilch.

So erscheinen in der senegalesischen Tageszeitung Le soleil in Dakar fast täglich Fotos von putzigen schwarzen Kindern, die mit beiden Händchen eine Nestlé-Dose vor der Brust halten. Unter dem Foto stehen der Name des Kindes, sein Alter und die Adresse der Eltern. Die Serie läuft unter der Spitzmarke CLUB Nestlé: „Haben Sie auch ein Bebé, auf das Sie stolz sind? Senden Sie sein Foto im Format 9x12 an Nestlé, Postfach 503, Dakar, und fügen Sie seinen Namen, Geburtsdatum und Adresse hinzu. Viele Eltern senden uns Fotos für die Aufnahme in den CLUB Nestlé, die gestellt wirken. Wir bitten alle Freunde des Clubs, uns natürliche Fotos zu senden. / Nestlé schenkt den hübschesten Bebés sehr schöne Geschenke, und das beste Foto der Woche erscheint in dieser Zeitung.“ Am Schluß des Inserats steht im Sperrdruck die Aufforderung: WÄHLEN SIE FÜR IHRE KINDER IMMER Nestlé Nido (Babymilch), Cérélac (Getreidebrei), das ist wirklich das Beste, was es gibt.“

Reklameterror

Solche schmutzigen kleinen Tricks, die auf Eitelkeit und Geltungsbedürfnis spekulieren, sind auch in den Metropolen geläufig. Man nützt aber vor allem die Unerfahrenheit der Entwicklungsländer im Umgang mit Konsumprodukten aus. So wurde bei einer wissenschaftlichen Erhebung in der Republik Elfenbeinküste 1970 festgestellt, daß viele Mütter ihren Babies schon mit 19 oder 20 Monaten Nescafe einflößen. Der Grund dafür: dreimal täglich sendet der nationale Rundfunk den Werbespot „Nescafé macht die Männer stärker, die Frauen fröhlicher und die Kinder intelligenter“. Ein Entwicklungshelfer kommentierte: „Man muß zugeben, daß dieses Reklameargument durchschlagend ist, und die Adjektive sind gut gewählt ... In ihrer Arglosigkeit nahmen viele Mütter diesen ‚Rat‘ ernst.“

Nestlé kapitulierte nicht vor diesen Beweisen. Der Presse wurden Unterlagen vorgelegt, die den Gegenbeweis für eine durchaus „verantwortungsbewußte“ Marketingpraktik erbringen sollten. Beispielsweise ein farbiges Plakat mit dem Bild einer stillenden Mutter und der Legende: „Stille Dein Kind, aber wenn Du zum Stillen eine Ergänzungsnahrung brauchst, so verwende eine wirklich gute Pulvermilch: Lactogen.“ Dieses Plakat wurde im US-Magazin Time und in der Berner Zeitung Der Bund abgedruckt als Indiz seriöser Nestlé-Werbung. Allerdings hat noch niemand dieses schöne Plakat in der Dritten Welt gesehen. Im Gegenteil: die Arbeitsgruppe Dritte Welt händigte dem Gericht Plakate, Radio-Spots und Schriften aus, in denen Nestlé das Stillen keineswegs propagiert.

Hatte Nestlé einerseits behauptet, der Konzern wolle das Stillen mit Muttermilch keinesfalls verdrängen, so versuchte andrerseits ein Vizedirektor von Nestlé namens H. R. Müller den Beweis zu erbringen, industrielle Babynahrung sei gesünder als die natürliche Muttermilch. Selbstredend streng „wissenschaftlich“, das heißt: mit willkürlichen Zitaten und absurden Schlußfolgerungen. Das erste Argument von Nestlé-Müller: Die Sterblichkeit der Kleinkinder nimmt an den meisten Orten ständig ab, der Gebrauch künstlicher Milch nimmt ständig zu — folglich kann Pulvermilch für Babies nicht schädlich sein. Tatsächlich aber beweisen Statistiken aus aller Welt, daß die Sterblichkeit und die Erkrankungsziffern bei flaschenernährten Säuglingen viel höher sind als bei den von der Mutter gestillten Säuglingen. Der Rückgang der Sterblichkeit von Kleinkindern hat verschiedene und komplexe Ursachen: leistungsfähige Gesundheitsdienste, bessere Trinkwasserversorgung, Schulbildung, höheres Einkommen ... usw. Die Firma Nestlé darf sich dabei kein Verdienst zuschreiben.

Es gibt einige empirische Studien, die geradezu die Gefährlichkeit von Flaschennahrung für Kleinkinder beweisen. Nach einer Erhebung in Chile 1969/70 war die Sterblichkeit bei Flaschenkindern um rund zwei Drittel höher als bei Brustkindern. Nach einer anderen Erhebung in arabischen Dörfern Israels waren von den Brustkindern nur sieben Prozent unterernährt, bei den reinen Flaschenkindern mehr als 30 Prozent. Und während von den Flaschenkindern knappe 25 Prozent wegen Gastroenteritis ins Spital mußten, waren es bei den Brustkindern nur 3,4 Prozent. Eine Erhebung in Jamaica zeigte, daß die Rate der Brechdurchfälle bei Flaschenkindern mehr als dreimal so hoch war als bei den Brustkindern.

Nestlé berief sich auf das Beispiel Schweden, auf das Land mit der niedrigsten Kindersterblichkeit der Welt. Aber eine Studie aus Uppsala zeigte, daß dort mehr als die Hälfte der Frauen in den ersten drei Monaten ausschließlich mit der Brust stillt. Der schwedische Professor für Pädiatrie Bo Vahlquist — von Nestlé mißverständlich zitiert — erklärte ausdrücklich, auch in Schweden sei zuerst die Kindersterblichkeit unter 20 Promille gesunken, und erst dann habe die Stillhäufigkeit abgenommen. Es dürfte übrigens einleuchten, daß sich Schweden so gar nicht für Vergleiche mit Entwicklungsländern eignet. Vahlquist erklärte ausdrücklich: „Für die überwiegende Mehrheit der Familien in den vorindustriellen Ländern trifft die Behauptung nicht nur heute, sondern auch in kommenden Jahrzehnten zu, daß Stillen für ein Baby in den ersten sechs Lebensmonaten wörtlich Leben oder Tod bedeutet, und ebenfalls für eine lange Zeitspanne danach außerordentlich wichtig ist. Für diese Familien gibt es ganz einfach keine Alternative, welche die Vorteile hinreichender Hygiene, hinreichenden Nährwertes und finanzieller Tragbarkeit vereinigt ... Dies weist auf die außerordentliche Wichtigkeit hin, mit allen möglichen Mitteln der Tendenz entgegenzuwirken, die Stillzeit zu verkürzen.“

Es ist bezeichnend für die Prozeßtaktik Nestlés, daß der Konzern trotz dieser klaren Aussagen versuchte, Vahlquist für die Zwecke Nestlés einzuspannen. Dabei hatte Vahlquist schon im Dezember 1974 für die Arbeitsgruppe Dritte Welt folgende Stellungnahme abgegeben: „Ich kann die Verkaufsförderungsmethoden für Babymilch, wie sie heute die Mehrzahl der Milchfirmen in den Entwicklungsländern anwendet, nicht akzeptieren. Es mag undurchführbar sein, diese Methoden über Nacht zu ändern, aber es muß sich durch Taten eine klare Bereitschaft zeigen, rasch sich einer neuen Betrachtungsweise anzupassen, in der jedes ‚poverty baby‘ in einem Entwicklungsland, das vor dem sechsten Altersmonat entwöhnt wird, als ein ‚Notfall‘ angesehen wird. Wenn keine solche rasche freiwillige Anpassung stattfindet, so muß eine gesetzliche Regelung bezüglich Werbung für Babymilch ernsthaft in Betracht gezogen werden.“ Vahlquist bestätigte ausdrücklich, daß dieses sein Urteil auch für die Firma Nestlé gilt.

Nestle-Werbung in der Dritten Welt:
Aushang (unten), Kundengespräch (oben)

Nestlé weint

Das zweite Argument Nestlé-Müllers im Prozeß gegen die Arbeitsgruppe Dritte Welt war die Behauptung, nur mit industrieller Babynahrung könne das zu niedrige Geburtsgewicht der Kinder in den Entwicklungsländern bekämpft werden. Die Wahrheit ist anders: kostspielige Babynahrung erschwert eine hinreichende Ernährung der Mutter, trägt also zum Untergewicht des Kindes indirekt bei. Vor allem aber hat das Stillen — wie von jeher bekannt — eine empfängnisverhütende Nebenwirkung: solange eine Frau an der Brust stillt, kann sie keine Kinder kriegen. Dadurch wird der Zeitraum zwischen den Geburten verlängert, die Mutter kann sich körperlich regenerieren. Eine Erhebung in Ruanda zeigte, daß die Hälfte aller nicht stillenden Mütter bereits nach einem Jahr wieder Geburten hatten, bei stillenden Müttern war dieser Zeitraum doppelt so lang. Alan Berg, der Vizedirektor der Weltbank, schätzt, daß in Indien jährlich fünf Millionen Schwangerschaften allein durch Stillen verhindert werden. Wenn also die Verbreitung künstlicher Babymilch in den unterprivilegierten Schichten zunimmt, so muß in Zukunft mit mehr Säuglingen mit zu kleinem Geburtsgewicht gerechnet werden.

Der indische Pädiater Gopalan erklärte: „Die bemerkenswerte Fähigkeit armer Mütter, ihre Kinder erfolgreich und lange Zeit zu stillen, ist eines der erfreulichsten Merkmale der Ernährungssituation der indischen Gesellschaft. Diese befriedigende Situation bei der Laktation muß als wichtiger Aktivposten bewahrt und beschützt werden.“ Für Nestlé ist die logische Folge ungenügender Muttermilch eine „Supplementierung“ mit Kuhmilchderivaten aus der Saugflasche. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Saugflaschennahrung als „Supplement“ hat einen Rückgang der mütterlichen Milchproduktion zum Resultat. Diese wird nämlich vom Saugreflex des Babys gesteuert: fehlt er (weil der Säugling von der Flasche her schon satt ist), so geht sie zurück.

Der Prozeß Nestlé gegen Arbeitsgruppe Dritte Welt brachte immerhin einige greifbare Erfolge. Arthur Fürer, der Boß von Nestlé, weinte sich vor den Journalisten aus: „Der Titel ‚Nestlé tötet Babies‘ und die seit unserer Ehrverletzungsklage entfesselte, für sachlich denkende Menschen bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Propaganda mit Hilfe von Pressekonferenzen, Radio, Television und Film mit einer einseitigen und verzerrten Darstellung des Problems zeigen deutlich, daß man nicht Information anstrebt, sondern Diffamation; daß man nicht dazu beitragen will, ein schwieriges Problem zu lösen, sondern sich vor allem über die Gelegenheit freut, eines dieser kapitalistischen Gebilde angreifen zu können in der Hoffnung, genügend Dumme zu finden, die das nicht merken.“ Das ist die Sprache des schlechten Gewissens.

Erst der Druck der Öffentlichkeit hat im Verlauf des Prozesses Nestlé zu Konzessionen gezwungen. Schon seit 1970 haben Fachärzte vor der aggressiven Reklame für Babymilch in den Entwicklungsländern gewarnt und eine freiwillige Selbstbeschränkung der Konzerne gefordert. Der „Dialog“ über diese Forderung zog sich unter der Ägide einer UNO-Fachkommission (UNPAG) jahrelang ohne Resultate dahin. Nestlé konnte — allen hochtrabenden Absichtserklärungen zum Trotz — die Reklame erheblich intensivieren. Erst die Broschüre der Arbeitsgruppe Dritte Welt und ihr Vorwurf „Nestlé tötet Babies“ brachten die Dinge ins Rollen. Die Hersteller von Babymilch kündigten einen „Moralkodex“ für ihre Werbung an: sicherlich wieder nur eine Alibiübung. Wirkungsvoller dürfte eine Verordnung der Regierung von Guinea-Bissau sein: Babymilch darf in Zukunft nur in Apotheken und auf ärztliche Verschreibung verkauft werden, der Verkauf von Plastiksaugflaschen wird verboten.

Nestlé umschlingt den Globus

Nestlé ist nur ein — allerdings typischer — Einzelfall. Die Multis zerstören die lokalen Produktionsstrukturen, die auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Dritten Welt zugeschnitten sind. Das internationale Kapital zerrüttet die soziale, ökonomische und sogar die biologische Entwicklung der „Entwicklungs“länder. Dank ihrer globalen Streuung gewinnen die Multis fast jeden nationalen Konkurrenzkampf, da sie Verluste in einem Land mit Profiten aus anderen Ländern kompensieren. Vor dieser Macht müssen die lokalen und nationalen Produzenten über kurz oder lang kapitalulieren. Bekannt und dokumentiert sind diese Praktiken unter anderem von der United Brands (Chiquita-Bananen) und vom Schweizer Elektro-Multi Brown Boveri. (Am barbarischsten hausen die Multis in Chile: vgl. André Gunder Frank im NEUEN FORVM, November 1974 und Juli/August 1976.)

Die Vernichtung einheimischer Produktionsstrukturen verursacht einen mehrschichtigen Prozeß der sozialen Polarisierung. Eine neue Klassenschichtung entsteht: das Angebot auf den Gütermärkten wird zusehends auf die kaufkraftstarken Ober- und Mittelschichten zugeschnitten. Auf dem Arbeitsmarkt schaffen die Filialen der Multis Arbeitslosigkeit: sie ersetzen arbeitsintensive lokale Produktionsweisen durch kapitalintensive westliche Technologien, mit denen Arbeitskräfte eingespart werden. Innerhalb der Arbeiterklasse entsteht eine Spaltung zwischen den relativ gut bezahlten Arbeitern der ausländischen Firmen und den schlecht bezahlten Arbeitern der einheimischen Produzenten. Zudem fördert die zentralisierte Produktion die Landflucht und vergrößert damit die Infrastruktur-, Hygiene- und Wohnprobleme. Lauter Probleme, die vom modernen Kapitalismus geschaffen wurden und die ihm jetzt über den Kopf wachsen.

Die UNO veranstaltet Mammutkonferenzen; im Juni 1976 die Habitat-Konferenz in Vancouver: hier wurde festgestellt, daß heute 200 Millionen Menschen in Siums leben; im Jahr 2000 werden drei Viertel der Städtebewohner in der Dritten Welt Slumbewohner sein. Was raten die westlichen Experten den betroffenen Regierungen? Sie lassen die Slums einfach abreißen und ihre Insassen auf leere Felder transportieren ... In diesem Zusammenhang muß man den Aufstieg und den Machtzuwachs Nestlés verstehen. Mit einem Umsatz von 18,3 Milliarden Schweizer Franken und 135.000 Beschäftigten gehört Nestlé zu den größten Nahrungsmittelkonzernen der Welt. Mit Fabriken in rund 50 Ländern gehört Nestlé zu den führenden Multis. Die multinationale Produktion hat bei Nestlé überdies — im Gegensatz zu vielen US-Konzernen — eine stolze Tradition. Schon vor 1914 war die Produktionskapazität der ausländischen Nestlé-Betriebe viel größer als die der Schweizer Nestlé-Fabriken. Heute realisiert der Konzern knappe 3,5 Prozent des Umsatzes im Stammland Schweiz. Sogar die Kader in der Konzernzentrale Vevey am Genfer See sind zu einem Großteil Ausländer. Die Mehrheit der Aktien ist allerdings — wie bei anderen Schweizer Multis auch — fest in Schweizer Hand. Das wird sich nicht ändern: das Aktienkapital besteht hauptsächlich aus Namensaktien, die nur von Schweizer Staatsbürgern erworben werden können.

Die Beziehungen zwischen Nestlé und den Schweizer Bundesbehörden sind sehr eng. Manager dieses Multis arbeiten in diversen außenpolitischen Kommissionen mit — in der Schweiz, wie anderswo auch, wird die Außenpolitik faktisch von den Großkonzernen gemacht. Der Berner Bundesrat berief 1975 den Boß von Nestlé Arthur Fürer — einen ehemaligen Jesuitenzögling — in die eidgenössische Kommission für Handelspolitik, wo er die Importinteressen von Nestlé wirkungsvoll verfechten konnte. Auch zur Nationalbank gibt’s gute und enge Beziehungen: Fürer wurde 1974 in den Bankrat der Nationalbank gewählt. Dafür wurde ein ehemaliges Präsidiumsmitglied der Nationalbank in den Verwaltungsrat von Nestlé berufen.

Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei:
Nestle-Wissenschaft (oben), Nestle-Lehre (unten)

Neutralität ade

Trotzdem gibt es im Verhältnis Nestlé zum Vaterland keine überflüssigen Sentimentalitäten: der Konzern beschränkt sich auf ein rein utilitaristisches Interesse an der Schweiz und wünscht ihre Integration in die EWG — ade Schweizer Neutralität! Arthur Fürer sieht sich schon als Führer in der Europäischen Gemeinschaft: „Die Frage nach der Erhaltung der wirtschaftlichen Position der Schweiz als geschlossenes volkswirtschaftliches Ganzes wird allerdings in nicht allzu ferner Zukunft überholt sein ... Es ist schon heute eine Frage der wirtschaftlichen und politischen Einsicht, inwiefern es der Schweiz in naher und ferner Zukunft gelingen wird, sich trotz der wachsenden Verlagerung ihrer großen Unternehmun gen wenigstens deren Hauptsitz zu erhalten“ (Schweizerische Arbeitgeber-Zeitung vom 3. Februar 1972). Das nennt man einen Wink mit dem Zaunpfahl.

Die Schweizer Multis sind immer weniger auf die Schweiz angewiesen, die Schweiz dagegen sehr wohl auf ihre Multis. Fürer nimmt sich kein Blatt vor den Mund: „Wenn sich 80, 90 oder mehr Prozent der Tätigkeit im Ausland abspielen, sind irgendwelche Vertreter der schweizerischen Mitarbeiter oder der schweizerischen Gewerkschaften im Verwaltungsrat der schweizerischen Holdinggesellschaft nicht die richtigen Gesprächspartner.“ Kapiert?

Wie viele andere Multis konzentriert Nestlé die Geschäftstätigkeit vorwiegend auf die kapitalistischen Industrieländer: hier werden fast 80 Prozent der Umsätze abgewickelt. Der Produktionsanteil der Nestlé-Gesellschaften in der Dritten Welt beläuft sich auf rund 20 Prozent. Trotz wachsender Investitionen stagniert der Anteil der Entwicklungsländer am Gesamtgeschäft Nestlés seit Jahrzehnten. 1950 setzte Nestlé 23 Prozent, 1965 20 Prozent und 1974 knappe 22 Prozent seiner Produkte in Asien, Afrika und Lateinamerika um. Der Grund ist leicht zu finden: anders als die Elektro- oder Textilmultis orientiert sich Nestlé nicht an dem Lohnniveau eines Landes, sondern an der Konsumnachfrage nach industriellen Nahrungsmitteln. Das ist das wesentliche Kriterium für die Entscheidung über den Standort von Investitionen. Die zahlungskräftigen Märkte für industrielle Nahrungsmittel liegen in den Metropolen, nicht in der Dritten Welt.

Innerhalb der Dritten Welt konzentriert sich Nestlé allerdings auf Lateinamerika. In Brasilien wurde 1921 die erste Fabrik errichtet, 1931 folgte eine Schokoladenfabrik in Argentinien und eine Produktionsstätte in Kuba. 1933 wurden Fabriken in Chile und Mexiko installiert. 1939 war Nestlé — auch durch die Aufkäufe lokaler Konkurrenzbetriebe — in sieben lateinamerikanischen Staaten vertreten, 1946 in elf Staaten. Der Stillstand der Geschäftstätigkeit innerhalb Europas während des Zweiten Weltkriegs wurde systematisch zum Aufbau neuer Unternehmen in Übersee benützt. Warum die Konzentration gerade auf Süd- und Zentralamerika? Einmal existierte in Lateinamerika schon sehr früh eine starke Nachfrage der herrschenden Klasse nach „westlichen“ Nahrungsmitteln. Zweitens blieb dem Schweizer Konzern der Weg in die europäischen Kolonien in Afrika und Asien versperrt. Die Expansion auf diese Kontinente wurde erst mit der „Entkolonialisierung“ möglich. Ein Hinweis darauf, welchen Interessen der Übergang zum Neokolonialismus diente.

Kühe am Äquator

Nestlé profitierte in der Dritten Welt von der fehlenden Kolonialvergangenheit der Schweiz. In der Regel investierte Nestlé erst dann in den Entwicklungsländern, wenn die nationalen Regierungen den Import westlicher Luxusgüter behinderten. Hauptgrund für die Installierung von Fabriken in Indien, Malaysia (ab 1962), auf den Philippinen (ab 1965) und einigen afrikanischen Ländern (ab 1962) war der Wunsch, die bereits beackerten Märkte zu halten und von Importrestriktionen unabhängig zu werden. In den tropischen Ländern stand Nestlé freilich vor dem Problem, daß hier die natürlichen Voraussetzungen für die Erzeugung der Nestlé-Produkte weitgehend fehlten: ohne eine entwickelte Milchwirtschaft im Stil der Alpenländer ist die Herstellung von Kondensmilch, Schokolade und anderen Milchprodukten unmöglich. Es gab zwei Möglichkeiten: man konnte Produkte entwickeln, die den lokalen Gegebenheiten entsprechen; man konnte aber auch die mitteleuropäische Milchwirtschaft in tropische Regionen verpflanzen. Nestlé entschied sich für die zweite Strategie: mit viel Geld und einem manchmal absurden Pioniergeist wurde die gute alte Schweizer Milch- und Kuhwirtschaft über die ganze Welt ausgebreitet.

Ob in Mexiko, Brasilien, Indien oder Madagaskar: ganze Regionen wurden ökologisch verändert und für die Zwecke der Milchproduktion „entwickelt“. Kein Aufwand wurde gescheut, um den Nestlé-Betrieben ihre Rohstoffbasis zu sichern. So etwa im mexikanischen Chontalpa: aus den USA und aus Kanada wurde Vieh importiert, die Bauern erhielten Kredite, modernste Landwirtschaftsmethoden wurden eingeführt. Im Geiste der paternalistischen Mission bleute man den Indios Begriffe wie „Intensiv-Zucht“, „Planung“ und „Ökonomie“ ein. Die Leibhistoriker Nestlés sind voll Bewunderung für diese harte Arbeit: „Man mußte die Bauern nicht nur ausbilden, sondern auch ihre Denkweise völlig ändern.“ (So steht’s in einer Werbebroschüre mit dem Titel „Nestlé in den Entwicklungsländern“.) Zuerst und vor allem mußte den „Eingeborenen“ eine Arbeitsmoral eingeimpft werden, wie sie westlichen, speziell schweizerisch-puritanischen Leistungsstandards entspricht. „Die Angehörigen der Ejidos, welche regelmäßige und systematische Arbeit nicht kannten“, heißt es in der zitierten Broschüre, „mußten eine lange Lehrzeit über sich ergehen lassen.“ Ein offenes Wort!

Versteht man unter „Entwicklung“ die sklavische Übernahme westlicher Produktionsverhältnisse, dann kann man dem Multi Erfolge nicht absprechen: Nestlé hat die Rohstoffbasis für seine Betriebe in Übersee aufgebaut. Die „reformierten“ indianischen Bauern haben nun ein regelmäßiges Einkommen, sind allerdings wirtschaftlich und finanziell total vom Schweizer Multi abhängig. Der Aufwand für diese Art von Kulturimperialismus ist sehr hoch (bei Chontalpe in Mexiko: Kosten in der Höhe von sechs Millionen Franken, 1.800 Stück Importvieh, jahrelange technische Beratung für 6 Farmen mit je 16 Familien). Daher ist Nestlé in jüngster Zeit bei der Handhabung solcher Projekte vorsichtig geworden.

Der Konzern verzichtet immer mehr auf den Aufbau eigener Milchregionen: In Senegal und Ghana produziert Nestlé auf der Grundlage importierter Magermilch und von Butteröl. Auch in Lateinamerika zieht sich Nestlé immer stärker von seinen ursprünglichen Milchproduktionen zurück. Der Konzern diversifiziert seine Produktion, er stellt lieber kulinarische Luxusprodukte wie Speiseeis her, die mehr Profit einbringen. Die seit 1967 in Brasilien installierten Fabriken erzeugen nur noch Mineralwasser, Tiefkühlkost, Instantgetränke, Fertiggerichte und ähnlichen Plunder für die Oberschicht.

Während es bei technisch anspruchsvollen Produkten Argumente für die hohe Konzentration und Zentralisation eines Wirtschaftszweiges geben mag, ist innerhalb der Nahrungsmittelindustrie dieser Prozeß schon weit über ein rationales Maß hinausgeschritten. Weder mit betriebswirtschaftlichen Rezepten (große Stückzahlen = kleine Stückkosten) noch mit technologischen Normen (große Firmen können mehr Forschung machen) läßt sich die Monopolmacht des Multis Nestlé verteidigen. Bezeichnend, daß sich der Konkurrenzkampf auch in dieser Branche immer mehr weg von den Preisen und echten Innovationen auf das reine Marketing und die skrupellose Reklame verlagert. In diesem Kontext hat der Rechtsstreit zwischen Nestlé und der Arbeitsgruppe Dritte Welt seine politische Funktion. Der Nestlé-Prozeß und sein Ausgang haben demonstriert, daß auch kleine Gruppen in den Metropolen etwas gegen die Multis unternehmen können. Abzuwarten bleibt freilich der Zeitpunkt, an dem die Dritte Welt selbst ihren Ausbeutern den Prozeß macht.

Nestlé — ein Multi aus Käse

Zur Geschichte der Ausbeutung in der Schweiz

Der multinationale Konzern hatte im letzten Jahr einen Gesamtumsatz von 131,6 Milliarden Schilling, von denen nur 3,45 Prozent in der Schweiz selbst erzielt wurden. Die multinationale Stellung Nestlés kommt auch in der Beschäftigungsstatistik zum Ausdruck: Von den 135.000 Nestlé-Beschäftigten arbeiten 6.000 in der Schweiz, davon 2.000 in der Forschung und in der Verwaltungszentrale in Vevey. Nestlé ist der größte Nahrungsmittelhersteller der Welt, der durch Ankäufe und Beteiligungen immer mehr Konkurrenten auf dem Weltmarkt ausschaltet.

  • 1866 Gründung der Anglo-Swiss Condensed Milk Co. in Cham (Schweiz)
  • 1867 H. Nestlé bringt Milchmehl für Kinder auf den Markt
  • 1872 Anglo-Swiss gründet Fabriken in England und Deutschland
  • 1883 Nestlé gründet Verkaufsgesellschaft in London
  • 1895 Anglo-Swiss gründet. Fabrik in Norwegen
  • 1898 Nestlé expandiert nach Norwegen, Anglo-Swiss nach den USA
  • 1905 Fusion der beiden Konkurrenten Nestlé und Anglo-Swiss. Die neue Firma „Nestlé“ besitzt insgesamt 18 Produktionsbetriebe: sieben in der Schweiz, drei in Norwegen, fünf in England, je eine in Deutschland, Spanien und in den USA
  • 1912 Beteiligung Nestlés an der Firma Galak Condensed Milk in Rotterdam
  • 1913 Eröffnung eines zentralen Auslieferungslagers in Singapur zur Erschließung des Fernen Ostens
  • 1916 Gründung einer Gesellschaft in Südafrika
  • 1917 Ankauf von 27 Fabriken in den USA (deren Produktionskapazität die der Schweizer Betriebe um das Fünffache übersteigt)
  • 1918 Ankauf von 11 Fabriken in Australien
  • 1921 Erste Milchfabrik Nestlés in Brasilien
  • 1928 Übernahme der Schokoladenfabrik Sarotti in Deutschland
  • 1929 Übernahme des Schweizer Schokoladenkonzerns Peter, Cailler & Kohler
  • 1931 Expansion nach Argentinien und Kuba
  • 1933 Gründung je einer Fabrik in Chile und Japan
  • 1938 Nescafé kommt auf den Markt (erstes Produkt des Konzerns, das nicht auf der Basis von Milch entsteht)
  • 1940-1946 Erweiterung der Interessen Nestlés in Lateinamerika auf 11 Länder
  • 1947 Übernahme der Maggi-Gruppe
  • 1951 Übernahme des US-Schokoladenkonzerns Lamont & Corliss
  • 1960 Übernahme der britischen Firma Cross & Blackwell (11 Fabriken) und der italienischen Locattelli (10 Fabriken)
  • 1962 Mehrheitsbeteiligung an der Findus International (27 Fabriken in 9 Ländern)
  • 1967 Namhafte Beteiligung an dem US-Konservenkonzern Libby & McNeill (ab 1970 Mehrheit)
  • 1968 Beteiligung an verschiedenen französischen Großkäsereien
  • 1970 Übernahme des zweitgrößten Schweizer Nahrungsmittelkonzerns Ursina-Franck (16.100 Beschäftigte, davon 1.750 in der Schweiz)
  • 1972 Mehrheitsbeteiligung an einer australischen Restaurantkette
  • 1973 Übernahme der Stouffer (US-Gruppe für Fertiggerichte)
  • 1974 Maßgebliche Beteiligung am französischen Kosmetikkonzern L’Oréal
  • 1975 Beteiligung am amerikanischen Lebensmittelkonzern Synfleur und Übernahme weiterer Aktien von Libby

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1976
, Seite 27
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focus-Kollektiv: Das focus-Kollektiv macht das gleichnamige linke Monatsmagazin in der Schweiz.

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