FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 271/272
André Gunder Frank

Ökonomischer Völkermord in Chile

Zweiter offener Brief an Milton Friedman und Arnold Harberger
Die Ökogorillas bleiben unsichtbar:
Gefangene im Stadion von Santiago, September 1973

Mildon Friedman und Arnold Harberger:

Sie werden sich erinnern, daß ich am 6. August 1974, als Harberger Chile seinen ersten öffentlichen Besuch nach dem Militärputsch abgestattet hatte, einen offenen Brief an Sie gerichtet habe. [*] Am 24. Februar 1975, nach Harbergers zweitem Chile-Besuch und nach der öffentlichen Ankündigung Friedmans, daß er ebenfalls hinfahren wolle, schrieb ich noch ein Postskriptum dazu. In dem offenen Brief und dem Postskriptum erinnerte ich daran, wie Mitte der fünfziger Jahre, als ich bei Ihnen studierte, im Ökonomischen Institut der Universität Chicago das „Chile-Programm“ geboren wurde — in eben jenem Institut, wo Sie die sogenannten „Chicago-Boys“ ausbildeten, die heute die Wirtschaftspolitik der chilenischen Militärjunta inspirieren und ausführen.

Ich faßte den Gedankengang zusammen, der dieser Politik zugrunde liegt, indem ich Harbergers öffentliche Erklärungen in Chile sowie die offiziellen Sprecher der Junta und die chilenische Presse zitierte. Schließlich untersuchte ich die Folgen dieser Chicago-Junta-Wirtschaftspolitik, die mit militärischer Gewalt durchgesetzt wird, insbesondere die Folgen für die Bevölkerung Chiles: politische Repression und Folter, Monopolisierung und Ausverkauf ans Auslandskapital, Arbeitslosigkeit und Hunger, Verschlechterung der Volksgesundheit und Zunahme der Kriminalität — all dies gefördert durch einen Kurs des bewußten politischen und ökonomischen Völkermordes.

Seit meinem letzten Brief haben die weltweiten Proteste gegen die Politik der Junta zugenommen; sie gipfelten in der mit großer Mehrheit angenommenen und sogar von den USA unterstützten Resolution der UNO-Vollversammlung, in der die Verletzung der Menschenrechte durch die Junta verurteilt wurde, und in der Verurteilung der Junta durch den Menschenrechtsausschuß der reaktionären, von den USA dominierten Organisation der amerikanischen Staaten (OAS).

Der amerikanische Senat votierte gegen die Fortsetzung der Militärhilfe an die chilenische Junta (obzwar das Repräsentantenhaus nur bereit war, die Hilfe, nicht aber die Lieferungen gegen Barzahlung einzustellen), die Europäer forderten im Klub von Paris neue Verhandlungen über die chilenischen Schulden und stimmten in der Weltbank gegen Fortsetzung der Hilfe an die Junta (allerdings bewilligte die von den USA beherrschte Weltbank vor kurzem trotzdem einen neuen Kredit von 33 Millionen Dollar, worauf ich noch zurückkomme).

Der Widerstand gegen die Chicago-Junta-Wirtschaftspolitik hat auch in Chile selbst stark zugenommen. Die Faschisten Pablo Rodriguez Grez (Führer der faschistischen Terrororganisation gegen Allende, „Patria y Libertad“) und Orlando Saenz, der ehemalige Präsident der Sociedad de Fomento Fabril (des chilenischen Industriellenverbandes), haben seit mehr als einem Jahr die Wirtschaftspolitik unablässig kritisiert, im Sinn der Interessen des mittleren und kleinen Kapitals. Kürzlich hat sogar der ehemalige Staatspräsident Eduardo Frei scharfe Kritik an dieser Politik geübt, die, wie er sagt, nicht nur Entstaatlichung, sondern buchstäblich Entnationalisierung der chilenischen Industrie bedeutet. Und schließlich haben, wie die Londoner Times und andere Quellen berichten, sogar wichtige Elemente der chilenischen Militärs, vor allem das Juntamitglied Luftwaffengeneral Leigh, eine Änderung der bisherigen Wirtschaftspolitik gefordert.

In den Vereinigten Staaten — das wissen Sie selbst besser als ich — sind Sie, Milton Friedman und Arnold Harberger, seit meinem ersten offenen Brief wegen Ihrer aktiven theoretischen, politischen und persönlichen Unterstützung der chilenischen Militärjunta heftig kritisiert worden. Zuerst waren es Leserbriefe und Leitartikel in der Chicagoer Studentenzeitung The Maroon, in denen man Ihnen die Leviten las. Dann erhielt ein „Komitee gegen die Kollaboration Friedmans und Harbergers mit der chilenischen Junta“ wachsende Unterstützung von Ihren eigenen Studenten, die mit Recht meinten, daß Sie dem Ruf der Universität schaden. Als nächstes wurde an der Universität eine offizielle Untersuchungskommission eingesetzt, um Ihre Zusammenarbeit mit der Militärjunta in Chile und die sich daraus ergebenden Folgen zu prüfen.

Inzwischen veröffentlichten so angesehene und keineswegs radikale Blätter wie die New York Times und sogar die konservative Business Week höchst kritische Artikel, von denen beispielsweise einer den Titel trug: „Chile — die Feuerprobe für Friedman-Ökonomie — aber die Krise verschlimmert sich“ (New York Times/International Herald Tribune, 22. März 1976).

Diese Kritik ist Ausdruck der Folgen, welche die Chicago-Junta-Wirtschaftspolitik zeitigt — zugegebenermaßen weniger der Folgen für das chilenische Volk als für das chilenische und internationale Kapital, das die meisten Kritiker repräsentieren. Diese Folgen sind besonders kraß, seit Sie, Milton Friedman, im März 1975 (begleitet von Arnold Harberger) Ihre dritte Reise nach Chile unternahmen und dem Land — nach Ihren eigenen Worten — eine „Schockbehandlung“ verschrieben, die dann ab April 1975 von „Superwirtschaftsminister“ Cauas als „Sanierungsprogramm“ durchgeführt wird und auf berechneten und organisierten ökonomischen Völkermord an breiten Massen des chilenischen Volkes hinausläuft.

Der Nachteil der buchstäblichen Aushungerung eines wachsenden Teils der chilenischen Bevölkerung und der Abwürgung einer wachsenden Zahl chilenischer Firmen ist, daß diese Politik zwar einer immer kleiner werdenden Anzahl zunehmend ausländischer (wie Frei klagt) Kapitalisten und Konzerne, in deren Händen das Kapital konzentriert ist, beträchtliche Profite einbringt, zugleich aber in wachsendem, Maß die Interessen immer größerer Gruppen von kleinen, mittleren und sogar großen Unternehmen schädigt. Und das erklärt, warum in jüngster Zeit die Kritik an der Chicago-Junta-Wirtschaftspolitik sich verstärkt und selbst ideologische und politische Vertreter ökonomischer Interessen in Chile und im Ausland, die zunächst der Junta zur Macht verhalfen und sie dann unterstützten oder zu ihren Verbrechen schwiegen, allmählich finden, nun sei es genug, und sich gegen die Junta wenden.

Da nun seit Ihrem Chile-Besuch im März 1975 und der Verschreibung der „Schockbehandlung“ (und seit meinem letzten Brief vom Februar 1975) mehr als ein Jahr vergangen ist und bereits Daten für das Jahr 1975 vorliegen, erscheint dies als ein geeigneter Anlaß, Ihnen nochmals zu schreiben und zu untersuchen, wie der chilenische Patient auf Ihre Behandlung reagiert hat. Dies will ich im folgenden tun, soweit die verfügbaren, oft widersprüchlichen und nie sehr verläßlichen Angaben der Junta es erlauben.

Da aber, wie Sie selbst sagen, Ihre Schockbehandlung nur eine Erweiterung und Intensivierung der von Ihnen seit Jahrzehnten gepredigten und von der Junta nach dem Militärputsch betriebenen Wirtschaftspolitik war, mag es angebracht sein, die Hauptelemente dieser Politik noch einmal kurz zusammenzufassen (diesmal ohne die langen Zitate, die in meinem früheren Brief enthalten waren) und dann die Durchführung des ökonomischen Völkermords seit dem 11. September 1973 zu betrachten, ohne nochmals lange bei der nun allgemein verurteilten politischen Repression und den systematischen Foltermethoden zu verweilen, die keineswegs nachgelassen haben, wie manche Leute hofften, sondern sich auf immer breitere Kreise der Bevölkerung erstrecken, deren Widerstand gegen die Chicago-Junta-Politik und gegen den ökonomischen Völkermord sowie gegen den Firmen-Brudermord der Friedman-Cauas-Schockbehandlung ständig zunimmt.

Die Chicago-Junta-Wirtschaftspolitik, die Sie, Milton Friedman, mit Ihrer Schockbehandlung nur erweiterten und intensivierten, kann kurz so zusammengefaßt werden: Man ließ zuerst fast alle Preise frei, so daß sie um ein Mehrfaches bis auf „Weltniveau“ stiegen, und vermehrte — paradoxerweise für einen Chicago-Puristen — im gleichen Maß den Geldumlauf. Man förderte einen „freien“ Kapitalmarkt, der nicht nur das Kapital bei den Konzernen konzentrierte, sondern auch seine eigenen Finanzinstrumente schuf, über die der Staat keine Kontrolle, ja nicht einmal eine Übersicht hat, und der zugleich die Menge der Zahlungsmittel vergrößerte und deren Umlaufgeschwindigkeit erhöhte. Diese beiden „Freiheiten“ erzeugten eine galoppierende Inflation, deren Folgen und sicherlich auch beabsichtigte Auswirkungen darin bestehen, Einkommen und Vermögen von der Arbeit zum Kapital und vom kleineren zum größeren Kapital zu verschieben.

Um diesen Prozeß zu verstärken, förderte man die „Freiheit durch Zerschlagung oder Korrumpierung der Gewerkschaften und Eliminierung ihrer Verhandlungskraft; man will mit allen Mitteln verhindern, daß die Löhne im privaten wie im öffentlichen Sektor mit der Inflation Schritt halten. Mit einem Wort, man senkt die Reallöhne drastisch, so daß nur die Preise, nicht aber die Löhne auf „Weltniveau“ stiegen. Zugleich stieß der Staat die nationalisierten Unternehmen zu Schleuderpreisen an das chilenische und besonders an das ausländische Großkapital ab, und zwar nicht nur Unternehmen, die unter der vorigen Regierung verstaatlicht oder staatlicher Kontrolle unterstellt wurden, sondern auch solche, die seit einem Menschenalter durch staatliche Investitionen finanziert wurden (1970, vor Allende, waren 70 Prozent aller Investitionen in Chile staatlich finanziert, zur Hälfte direkt, zur Hälfte indirekt durch Subventionen an das Privatkapital).

Auch in der Landwirtschaft wurde eine Gegenreform durchgeführt, von der die Hälfte der bei der ursprünglichen Reform aufgeteilten Ländereien und im Durchschnitt ein Fünftel des besten, bewässerten Bodens betroffen sind; rund zwei Millionen Hektar, die unter Allende und Frei enteignet worden waren, wurden den früheren Eigentümern bzw. neuen kapitalistischen Grundbesitzern zurückgegeben oder zugeteilt, während die Bauern und die Landarbeiter noch brutaler unterdrückt werden als die Stadtbevölkerung.

Nicht nur die Löhne wurden reduziert, sondern auch die Beschäftigung und die Ausgaben im öffentlichen Sektor, und das fortschrittlichste Sozialversicherungs- und Voilksgesundheitssystem Lateinamerikas (außer Kuba) wurde zum größten Teil in ein privates Kommerzunternehmen verwandelt.

In der „Außenwirtschaft“ wurde wiederholt abgewertet, die Zölle wurden gesenkt und andere Importrestriktionen gelockert; das Auslandskapital wird in jeder Weise begünstigt, auch in der Form, daß die amerikanischen Kupfergesellschaften weit über den Wert ihres ehemaligen Eigentums hinaus entschädigt wurden. Zur „Verbesserung“ der Zahlungsbilanz wird die Einfuhr lebenswichtiger Konsumgüter eingeschränkt, während man Industrieprodukte und sogar Lebensmittel, die infolge der reduzierten Kaufkraft der Konsumenten auf dem Binnenmarkt nicht mehr absetzbar sind, exportiert. Die Produktion wird umstrukturiert, und die Investitionen werden so gelenkt, daß der „nichttraditionelle“ Export von Lebensmitteln, Rohstoffen und Industriewaren noch mehr gefördert wird — auf Kosten der chilenischen Konsumenten, deren Lebensbedürfnisse mehr und mehr einer vorsätzlichen, berechneten und gewaltsam durchgesetzten Politik des ökonomischen Völkermordes zum Opfer fallen.

Milton Friedman und Arnold Harberger, betrachten wir einige der Formen und Folgen dieser Politik des ökonomischen Völkermordes, möglichst unter Verwendung der Angaben der Junta selbst. Beginnen wir mit der Inflation, die in Chile seit mehr als einem Menschenalter chronisch ist und sich jedesmal beschleunigt, wenn die Unternehmer die Preise erhöhen, um ein zyklisches Sinken ihrer Profite aufzuhalten oder wettzumachen; man „bekämpft“ sie mit Heilmitteln, die von „Experten“ des Weltwährungsfonds oder aus den Vereinigten Staaten verschrieben werden und stets auf Abwertung, Einschränkung der Staatsausgaben und Lohnsenkung hinauslaufen (also im wesentlichen die gleiche Therapie, die Sie dann zur „Schockbehandlung“ gesteigert haben).

Während der relativen Konjunktur in der ersten Hälfte der Regierungszeit Präsident Freis ging die jährliche Inflationsrate nach offiziellen Angaben von 38 Prozent im Jahre 1964 auf 17 Prozent im Jahre 1967 zurück. Aber mit dem Einsetzen der Rezession im Jahre 1967, in der die industrielle Wachstumsrate beträchtlich abnahm, stieg die Inflationsrate trotz verstärkter „Preiskontrolle“ neuerlich an: 1968 auf 28 Prozent, 1969 auf 29 Prozent und 1970 auf 34 Prozent. Allende senkte die Inflationsrate 1971 auf 22 Prozent. Mit den wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die nicht zuletzt von den Wirtschaftskreisen hervorgerufen wurden, die dem Militärputsch den Weg bahnten, stieg die Inflation abermals an; sie erreichte — Angaben der Junta zufolge — 163 Prozent 1972 und 165 Prozent zwischen Jänner und August 1973.

Aber nach dem Putsch vom 11. September 1973 schoß der Verbraucherpreisindex in die Höhe, so daß — nach den von der Junta veröffentlichten Ziffern — die Inflationsrate für das ganze Jahr 1973 508 Prozent erreichte. Anderen Schätzungen zufolge betrug die Inflation 1973 gar 1.000 Prozent, was jedoch der Regierung Allende in die Schuhe geschoben wurde, um dann eine „Senkung“ der Inflationsrate durch die Junta ausweisen zu können. Trotzdem stieg im ersten Jahr der Juntaherrschaft, von September 1973 bis September 1974, die Inflationsrate nach offiziellen Angaben auf 611 Prozent. Andere Schätzungen beziffern die wahre Inflationsrate für diese Periode mit 1.270 Prozent. Für das Kalenderjahr 1974 weist der offizielle Verbraucherpreisindex der Junta eine Steigerung von 376 Prozent bis Dezember 1974 aus.

Nach Ihrer „antiinflationären Schockbehandlung“ (deren Kosten wir noch untersuchen werden) „sank“ die Inflationsrate im Jahre 1975 auf 340 Prozent. Gewiß, die monatliche Inflation von sieben bis acht Prozent im zweiten Halbjahr war geringer als die im ersten Halbjahr, doch ist dies erfahrungsgemäß in Chile „normal“, und in den ersten Monaten 1976 ist die Inflation wieder auf mehr als zehn Prozent monatlich gestiegen. Insgesamt ist das Preisniveau in Chile, wenn man den Verbraucherpreisindex der Junta zugrunde legt, von September 1973 bis Dezember 1975 auf das 92fache, also auf 9.200 Prozentpunkte angestiegen!

Die tatsächlichen Verbraucherpreise müssen jedoch mindestens doppelt so stark angestiegen sein. Einer der wenigen Artikel, die immer noch preisgeregelt sind und für die es daher noch einen amtlichen Preis gibt, ist das (heute infolge des Kaufkraftschwunds wichtigste Konsumgut) Brot. Der amtliche Brotpreis ist bis Dezember 1975 auf das 227fache gestiegen! Das heißt, die Brotpreisinflation macht offiziell 2.270 Prozent aus — mehr als zweieinhalbmal soviel wie der offizielle „Verbraucherpreisindex“. Dagegen ist das offizielle monatliche „Existenzminimum“ (sueldo vital) nur auf etwa das Zehnfache gestiegen, von rund 10.000 alten Escudos im September 1973 auf 99 neue Pesos (= 99.000 Escudos) im Dezember 1975.

Der offizielle Mindeststundenlohn erhöhte sich auf das 25fache und das Mindestmonatsgehalt der öffentlich Bediensteten auf das 40- bis 60fache, je nach Bonifikationen. Also haben sich die offiziellen Mindestlöhne und -gehälter nur um einen Bruchteil — 120, 110, 15 — der offiziellen Preissteigerungen erhöht. Aus den Zahlen der Junta ergeben sich die folgenden Reallohnindizes: Jänner 1970: 100; Dezember 1970: 102; Dezember 1971: 127; Dezember 1972: 107; März 1973: 121; Juni 1973: 92; September 1973: 80; Jänner 1974: 76; April 1974: 47; Mai 1974: 62; Juli 1974: 57.

Expräsident Frei schätzt die Reallohnsenkung seit 1969 auf mindestens 35 Prozent und übergeht dabei die Reallohnerhöhung unter Allende, die sogar in den Zahlen der Junta aufscheint. Anderen Schätzungen zufolge sind die niedrigsten städtischen Löhne und das Realeinkommen der Arbeitnehmer bis Ende 1975 auf 23 bis 13 oder sogar bis auf 28 Prozent des Standes von 1972 gesunken. Der Anteil der oberen fünf Prozent der Einkommen am Nationalprodukt ist von 25 auf rund 50 Prozent gestiegen, während der Anteil der Löhne und Gehälter, der 1969, unter der Regierung Frei, 51 Prozent betrug und von Allende in den Jahren 1971/72 auf 64 Prozent angehoben wurde, durch militärische Gewalt und durch die „freie Marktwirtschaft“ der Chicago-Junta-Politik in den Jahren 1974/75 auf 38 Prozent herabgedrückt wurde.

Die Auswirkungen der Reallohnsenkung sind teilweise an einigen Verbrauchsschätzungen zu ermessen obwohl auch diese nur Durchschnitte aus einer zunehmenden ungleichen Verteilung der Einkommen und sogar der Lohn- und Gehaltsbezüge sind und die stark angewachsene Einkommenslosigkeit infolge von Arbeitslosigkeit oder anderen Ursachen völlig unberücksichtigt lassen. Die Verbrauchsschätzungen in Kilogramm pro Kopf, die in Chile in der Jesuitenzeitschrift Mensaje erschienen sind und leider nur bis 1974 gehen, also die neuerliche Senkung des Massenkonsums durch Ihre Schockbehandlung noch nicht zeigen, können in der folgenden Tabelle zusammengefaßt werden:

Der Kartoffelkonsum ist gewachsen, konzentriert sich aber auf den Süden, wo Kartoffeln angebaut werden und von wo sie wegen der Transportschwierigkeiten nicht leicht exportiert werden können. Die geschätzte Abnahme des Kalorienverbrauchs bis Ende 1974 beträgt 15 Prozent. Die Gewerkschaft der Privatangestellten (CEPECH) macht die folgenden Budgetschätzungen für einen Haushalt ihrer Mitglieder mit Mindestgehalt und drei Familienangehörigen:

Andere Budgetschätzungen besagen, daß 45 kg Brot, 45 Liter Milch und 100 Fahrten mit einem städtischen Autobus im September 1973 17 Prozent des niedrigsten Gehalts eines öffentlich Bediensteten kosteten, im Juli 1975 hingegen bereits 73 Prozent. Kein Wunder, daß der Verbrauch an Milch, von anderen „Luxusgütern“ wie einfachen Konsumartikeln, Kino- und Fußballplatzkarten ganz zu schweigen, stark zurückgegangen ist und daß im Juli 1975 in Santiago zwölf Millionen Autobusfahrscheine verkauft wurden, 32 Prozent weniger als „normal“, da Arbeiter und Angestellte sich in zunehmendem Maße gezwungen sehen, zu Fuß zur Arbeit zu gehen, um ihr — buchstäblich — tägliches Brot zu verdienen.

Da Autobusfahrscheine neben Brot der zweite wichtige preisgeregelte Artikel sind, kann man leicht errechnen, daß bei Zugrundelegung der amtlichen Preise und des offiziellen Existenzminimums (sueldo vital) der Brotverbrauch und die Autobusfahrten zum Arbeitsplatz im Februar 1974 80 Prozent des Existenzminimums verschlangen, während im Februar 1975 bereits 74 Prozent des Existenzminimums allein auf Brot (ohne Autobusfahrten!) entfielen. Aus den amtlichen Brotpreisen und den offiziellen Lohn- und Gehaltslistten kann man die folgende Skala aufstellen (Tabelle 3, siehe oben [hier: unten]).

Bei einem offiziellen Brotpreis von 2,50 Pesos pro Kilogramm und einem offiziellen Mindestlohn von 0,41 Pesos pro Stunde im Dezember 1975 kann man unter der Herrschaft der Militärjunta, die von den „Chicago-Boys“ und von Ihnen, Milton Friedman und Arnold Harberger, persönlich beraten wird, für eine Arbeitsstunde 160 Gramm Brot kaufen oder muß mehr als sechs Stunden zum Mindestlohn arbeiten für ein Kilogramm Brot — wenn man es überhaupt bekommt! Um bei einem Mindestlohn von 0,41 Pesos pro Stunde das „Existenzminimum“ von 99 Pesos im Monat zu verdienen, muß man 241 Stunden im Monat oder 55 Stunden wöchentlich arbeiten und zu Fuß zur Arbeit gehen — wenn man überhaupt Arbeit bekommt!

Doch dank der Chicago-Junta-Politik des ökonomischen Völkermordes können immer weniger Menschen in Chile überhaupt Arbeit finden. Die offiziellen Arbeitslosigkeitsraten in Santiago sind die folgenden:

Das reaktionäre Ökonomische Institut der Universität von Chile, das die Junta unterstützt, schätzt die Arbeitslosigkeit in Santiago bei Jahresende 1975 auf 20 Prozent. Andere Schätzungen belaufen sich auf 25 Prozent und mehr. Bei einer Bevölkerung von rund zehn Millionen bei der letzten Volkszählung und ungefähr drei Millionen verfügbaren Arbeitskräften bedeutet dies, daß 600.000 bis 700.000 Menschen arbeitslos sind, mit Familienangehörigen mehr als zweieinhalb Millionen. Und da sind die rund 40.000 Menschen, die von der Junta ermordet wurden, nicht mitgerechnet, ebensowenig die ungefähr 10.000, die immer noch in Konzentrationslagern sitzen (durch die seit dem 11. September 1973 rund 300.000 Menschen hindurchgegangen sind), und die mehreren 100.000, die vor der politischen Unterdrückung und dem ökonomischen Völkermord in alle Himmelsrichtungen geflüchtet sind, vor allem aber ins benachbarte Argentinien, von wo die dortige neue Militärjunta sie nun nach Chile zurückzuschicken beginnt.

Die Junta und der von ihr ernannte Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät an der Universität klagen, daß rund ein Viertel des wissenschaftlichen und technischen Personals bereits Chile verlassen hat und daß die Abgänge von der Fakultät von vier im Monat unter der „totalitär-marxistischen“ Regierung Allende auf elf im Monat unter der „Freiheit“ der Junta gestiegen sind, so daß der letzte, der geht, bald das Licht wird abdrehen müssen. 1974 schätzte der Kardinal von Chile, dessen Kirche die Flüchtlingshilfe organisiert hat, die Zahl der Auswanderer auf 120.000; aber bei der andauernden Erweiterung der politischen Repression und der seither eingetretenen Verdoppelung der Arbeitslosigkeitsrate hat sich zweifellos auch die Zahl der Auswanderer mehr als verdoppelt.

Außerdem ist die Arbeitslosigkeit unter den in Chile Verbliebenen, wie auch überall sonst in der Welt, sehr ungleich verteilt, so daß die katholische Kirche von Bezirken berichtet, wo die Arbeitslosigkeit 86 Prozent beträgt — und 92 Prozent der Einwohner unterernährt sind. Kirchliche Quellen berichten auch von vielen Fällen, in denen Kinder in der Schule vor Hunger ohnmächtig werden, von kleinen Kindern, die erbrechen, weil ihre ausgehungerten Mägen das Essen in den von der Kirche organisierten Schulausspeisungen nicht mehr vertragen; und sogar die wenigen öffentlichen Kindergärten haben nun Weisung erhalten, nur noch unterernährte Kinder aufzunehmen! Die Chicago-Junta-Politik der „Sanierung“ (saneamiento) und „Erholung“ sowie Ihre „Schockbehandlung“, Milton Friedman und Arnold Harberger, ist berechneter ökonomischer Völkermord. Die Folge ist eine ganze Generation unterernährter, geistig zurückgebliebener Menschen in einem Ausmaß, wie es nie zuvor in Friedenszeiten bekannt war.

Der ökonomische Völkermord wird bewußt und vorsätzlich nicht nur durch die Preis- und Lohnpolitik begangen, sondern auch durch die Außenhandelspolitik. So berichtetete die Zeitung El Mercurio am 1. Oktober 1975: „Raimundo Perez, Gebietsdirektor (für Landwirtschaft) in Talca, sagte, Chile könnte seiner Meinung nach ein Reisausfuhrland werden ... In Chile wurde früher viel Reis konsumiert, jetzt aber wegen des hohen Preises nicht mehr. In den Augen des Gebietsdirektors von Talca ist Reis kein Massennahrungsmittel mehr, sondern ein Luxusartikel.“ Unter dem Titel „Exportdiversifizierung“ schrieb El Mercurio (internationale Ausgabe, 22. bis 28. September 1975) in einem Leitartikel: „Nach und nach wird unsere Landwirtschaft zu einem wichtigen Exportfaktor, während Nahrungsmittel unter den Einfuhren eine immer geringere Rolle spielen. Daher besagen die Prognosen, daß Chile noch vor dem Ende des Jahrzehnts mehr Agrarprodukte aus- als einführen wird.“ Rodrigo Zavala Illanes, der Direktor der Vierten Agrarzone, erklärte in El Mercurio, seiner Ansicht nach schenke „erstmals in der Geschichte eine Regierung der Landwirtschaft die vorrangige Beachtung, die sie verdient. Was die Pläne für die Vierte Zone betrifft, so sehen sie eine Orientierung der Agrarproduktion auf den Export vor.“

Der Zweck des ökonomischen Völkermordes und des fortwährenden Prahlens über seine Ausführung ist klar. Die bisher veröffentlichten Daten sind es weit weniger. Die folgenden Angaben über Einfuhr, Ausfuhr und Export-Import-Bilanz von Agrarprodukten und Fischen wurden kürzlich von Juntasprechern genannt bzw. können aus ihren Erklärungen abgeleitet werden:

Der Vizepräsident der Landwirtschaftlichen Handelsorganisation (ECA), Hernan Garcia, nennt die folgenden Weizeneinfuhrzahlen (in tausend Tonnen): 1973: 1.270; 1975: 700 (anderen Angaben zufolge: 650); er fügte hinzu, daß im letztgenannten Jahr die Eigenproduktion für den inländischen Konsumbedarf von fünfeinhalb bis sechs Monaten reichte, woraus sich ergibt, daß der Gesamtverbrauch 1975 etwa 1,4 Millionen Tonnen betrug. 1973, sagte Garcia, deckte die einheimische Weizenproduktion nur den Bedarf an Saatgut und Teigwaren. Aber aus den Angaben der Junta geht hervor, daß 1973 810.000 (anderen Quellen zufolge 746.000) Tonnen Weizen produziert wurden. Das bedeutet, daß der gesamte Weizenverbrauch im Jahre 1973 mehr als 2,1 Millionen Tonnen ausmachte; er wurde also bis 1975 auf 1,4 Millionen Tonnen reduziert. Selbst wenn wir die von der Junta wiederholt publizierte Zahl von 1.003.000 Tonnen 1975 produzierten Weizens akzeptieren (eine Angabe, die durch Garcias Enthüllung Lügen gestraft wird), kommen wir auf einen Weizenverbrauch von nur 1,7 Millionen Tonnen, was weit weniger ist als die 2,1 Millionen Tonnen, die 1973 konsumiert wurden. 1972 belief sich die Weizenproduktion auf 1.145.000 Tonnen, dazu kamen noch Importe von vielleicht einer Million Tonnen oder mehr.

Die Zahlen der Junta und deren widerspruchsvolle Angaben zeigen also ganz klar, daß die Chicago-Junta-Politik des ökonomischen Völkermordes auch darin besteht, Ausfuhr und Einfuhr von Lebensmitteln durch die Aushungerung der Bevölkerung auszugleichen. Dazu trägt die Agrarpreis- und Agrarexporipolitik das Ihre bei.

So behauptet die Junta, ihre Agrarpolitik sei erfolgreich, weil von 1973/74 auf 1974/75 die Anbauflächen und die Erträge der fünf Hauptprodukte — Weizen, Reis, Zuckerrüben, Raps und Ölsamen — gewachsen seien: die Produktionssteigerung betrug bei Weizen 37 Prozent, bei Reis 122 Prozent und bei den drei anderen Produkten je 70 Prozent. Aber die Junta verschweigt, daß im Herbst (dem Frühling der südlichen Halbkugel) 1973 die Anbauflächen besonders klein waren, weil der Militärputsch die Landbevölkerung erschreckt und die rechtzeitige Aussaat verhindert hatte. Außerdem zahlte die Junta für die genannten Produkte Preisstützungen, um den Anbau zu fördern, zumal ein Teil der Produktion nachher für den Export abgezweigt wurde.

Zugleich nahmen Anbauflächen und Produktion der Hauptnahrungsmittel und wichtigsten Proteinspender für die unteren Schichten ab: bei Mais um neun Prozent, bei Kartoffeln um 27 Prozent, bei Linsen und Erbsen um 22 Prozent, bei Bohnen um ein Prozent und bei Gerste und Hafer um 16 Prozent. Die kapitalistischen Farmer und die Bauern reagierten damit auf die Agrar- und Preispolitik der Junta und reduzierten die Anbauflächen um insgesamt sieben Prozent.

Während die Bevölkerung in zunehmendem Maße hungerte, ließ die Junta — wie der Zentralbankpräsident und stellvertretende Landwirtschaftsminister stolz verkündete — kein Mittel unversucht, um den Lebensmittelexport zu steigern. Die Angaben sind widersprüchlich, aber dennoch aufschlußreich: Die Exporte stiegen — laut El Mercurio — von 29 Millionen Dollar im Jahre 1973 auf 63 Millionen Dollar 1974 oder um 120 Prozent, den Angaben der USA-Botschaft zufolge auf 40 Millionen Dollar oder um nur 50 Prozent. Für 1975 im Vergleich zu 1974 zeigen einzelne Angaben eine 87prozentige Exportsteigerung bei Agrar-, Fleisch- und Fischprodukten, eine 195prozentige bei verarbeiteten Lebensmitteln für die Zeit von Jänner bis August des jeweiligen Jahres und Steigerungen um 60 bzw. 108 Prozent für die Periode Jänner bis November. In diesen Angaben sind die Preiserhöhungen natürlich nicht berücksichtigt, aber sie widerspiegeln die Einschränkung der Importe und die Förderung der Exporte durch ständige Abwertung — 1975 allein um 600 Prozent. Ein vollständigeres Bild der Exporte, das jedoch mit anderen Angaben, darunter auch denen das Zentralbankpräsidenten selber, nicht übereinstimmt, erschien unter Berufung auf Zentralbankquellen in El Mercurio, 22. bis 29. Februar 1976; man kann es so zusammenfassen:

Das Bestreben, immer mehr Lebensmittel zu exportieren, während die Bevölkerung zunehmend Hunger leidet (das heißt, die Bevölkerung auszuhungern, da die Lebensmittelproduktion nicht im gleichen Maß anstieg), ist deutlich erkennbar aus den Zeilen 6 und 7 und aus deren Addition in Zeile 8, die für die Zeit von 1970 bis 1973 eine Steigerung der Ausfuhr aller Lebensmittelprodukte auf 37 Millionen Dollar jährlich anzeigt; 1974 stiegen die Exporte auf 73 Millionen Dollar an und vervierfachten sich 1975 auf 159 Millionen, das ist sicherlich mehr, als die Inflation ausmacht, von der die Südfrüchte, Gemüse und Fische, die Chile ausführt, kaum betroffen sind. Ja, während Chile früher Zuckerrohr importierte, exportiert es nun seine eigene Zuckerrübenproduktion und führt Zuckerrohr ein, das in Chile verarbeitet wird, und exportiert es wieder, trotz fallender Zuckerpreise!

In zwei Jahren ökonomischen Völkermordes stieg die Lebensmittelausfuhr von drei Prozent der Gesamtexporte im Jahr 1972/73 auf mehr als zehn Prozent im Jahre 1975 an, während der heimische Kalorienverbrauch im ersten Jahr der Juntaherrschaft um 15 Prozent abnahm; wie groß die Abnahme in den folgenden Jahren der verstärkten Politik des ökonomischen Völkermordes waren, ist nicht bekannt.

Die Exporttabelle zeigt auch zwei weitere wichtige Aspekte, von denen der eine außerhalb der Macht der Junta liegt, während der andere eine Seite ihrer Politik darstellt. Die Gesamteinnahmen aus dem Export betrugen 1975 nur noch 1,5 Milliarden Dollar gegenüber mehr als zwei Milliarden im Jahre 1974, da infolge der allgemeinen Rezession, des fast 50prozentigen Sinkens der Kupferpreise und der mit der CIPEC vereinbarten Einschränkung der Kupferproduktion Chiles Einkünfte aus dem Kupfergeschäft von 1,6 auf 0,9 Milliarden Dollar zurückgingen. Die Tabelle zeigt aber auch, daß die Kupferhausse von 1974 die Exporterlöse zwischen 1973 und 1974 um ebensoviel erhöht hatte, wie sie später abnahmen. Das heißt, die Junta hatte im ersten Jahr ihrer Herrschaft aus dem Kupferexport und dem gesamten Außenhandel ungewöhnlich hohe Einkünfte erzielt, die mit der Politik des ökonomischen Völkermordes nichts zu tun hatten.

Die andere bezeichnende Veränderung — die die Reaktion der Junta auf den Kupferpreisverfall widerspiegelt und von der Junta als ihr größter Erfolg bezeichnet wird — ist die Versechsfachung der Industrieexporte von 32 auf 197 Millionen Dollar, die zusammen mit der Vervierfachung der Lebensmittelausfuhren die Steigerung der von der Junta als „nichttraditionell“ bezeichneten Exporte auf beinahe das Sechsfache, nämlich von 68 auf 360 Millionen Dollar, ergibt.

Doch die Exportsteigerung rührt nicht zuletzt daher, daß man diese Produkte dem chilenischen Konsumenten vorenthält, dessen Einkommen und Kaufkraft so drastisch reduziert worden ist, und daß zum Teil auch die chilenische weiterverarbeitende Industrie, die ihren inländischen Absatzmarkt verloren hat, gezwungen ist, für den Export zu produzieren. Das ist die „prochilenische“ Chicago-Junta-Politik, auf deren „Erfolg“ die Junta so stolz ist.

Diese relativ starke Zunahme der Industrieexporte auf Kosten einer quantitativ viel stärkeren Abnahme der Industrieproduktion und des Bruttonationalprodukts ist wohl nach dem Sinn der Junta, einiger exportierender Industrieller (der weniger, die von der Ausfuhrsteigerung mehr profitieren, als sie am Produktionsrückgang verlieren), der Exporteure und der ausländischen Importeure (viel weniger aber der Letztverbraucher!), die nun zu Spottpreisen chilenische Waren kaufen können, welche bei Hungerlöhnen produziert und außerdem von der Junta subventioniert werden.

Aber es ist nicht nach dem Sinn einer wachsenden Anzahl von Industriellen, für welche die Chicago-Junta-Politik einen Produktionsrückgang von 50 Prozent und mehr bedeutet oder überhaupt den Bankrott und den Ausverkauf an die immer weniger werdenden chilenischen Kapitalisten oder die immer mehr werdenden ausländischen Eigner chilenischen Kapitals. Es ist auch nicht nach dem Sinn jener ausländischen Kapitalisten, deren Profite und Investitionsmöglichkeiten in Chile durch die Chicago-Junta-Politik ausgehöhlt werden. Diese Herren und ihre politischen und ideologischen Sprachrohre mögen die Chicago-Junta-Politik vollauf unterstützt haben, solange der ökonomische Völkermord „nur“ die Löhne der Arbeiter mittels Bajonett halbierte, aber sie verloren ihren Enthusiasmus, als die Fortsetzung und Intensivierung dieser Politik dazu führte, daß dasselbe Bajonett ihnen die Kehle oder zumindest die industriellen Schlagadern durchschnitt, teils direkt, teils indirekt durch die Kaufkraftabnahme.

Und vor kurzem haben sich ihnen wohl manche unzufriedene Großgrundbesitzer, die neben dem chilenischen und dem ausländischen Großkapital die größten Nutznießer und Anhänger der Junta waren, angeschlossen, als eben diese Chicago-Junta-Politik und der 1975 eingetretene 50prozentige Rückgang in der Verwendung von Düngemitteln und Insektiziden zu einem 40prozentigen Rückgang der Weizenerträge führte, wie sich in der gegenwärtigen Erntesaison in den Gebieten südlich von Santiago gezeigt hat. Das würde für dieses Jahr eine Weizenernte von ungefähr 600.000 Tonnen bedeuten (gegen 1.368.000 Tonnen im Erntejahr 1970/71), nicht mehr als der Tiefststand im Krisenjahr 1932/33!

Und darum, Milton Friedman und Arnold Harberger, verliert Ihre Politik jetzt an Prestige, sogar bei Faschisten, bei Eduardo Frei, unter den chilenischen Militärs und bei ökonomischen und politischen Interessenten in Amerika und Europa. Die Sociedad de Fomento Fabril (der chilenische Industriellenverband) die bequemerweise plötzlich die Allende-Jahre, in denen die Produktion anstieg, vergessen hat! — schätzt jetzt die Industrieproduktion im August 1975 auf 72 Prozent des Standes von 1969, dem letzten Jahr vor Allende, das mitten in die dreijährige Rezessionsperiode (1967/68 bis 1970) der Regierung Frei fiel.

Kein Wunder, daß die vorhandenen Produktionskapazitäten 1975 unausgenützt blieben: die Auslastung betrug in der Textilindustrie 45 Prozent, in der Schuhindustrie (die in die USA und nach Europa exportiert) 44 Prozent, in der Möbelindustrie 52 Prozent, in der Glasindustrie 13 Prozent (das zeigt das Nachlassen der Bautätigkeit — Glas kann nicht exportiert werden), in der Baustoffindustrie 35 Prozent, in der Kupferindustrie 28 Prozent (trotz 20prozentiger Exportsteigerung, während der inländische Verbrauch von 12.000 auf 5.000 Tonnen zurückging) und in der Lebensmittelindustrie 80 Prozent, obwohl diese Branche ihre Ausfuhren beträchtlich zu steigern vermochte (aber die Konservenproduktion soll zwischen 1974 und 1975 um 40 Prozent zurückgegangen sein). In der Autoindustrie war für 1975 ein Ausstoß von 23.000 Fahrzeugen geplant, produziert wurden nur 6.000. Die Stahlerzeugung, die 450.000 Tonnen erreicht hatte, bei einem Inlandsverbrauch von 550.000 Tonnen, sank 1975 auf 330.000 Tonnen, von denen 130.000 im Inland abgesetzt und 200.000 exportiert wurden. Da mußten ja die „nichttraditionellen“ Ausfuhren anwachsen. Dies reichte jedoch nicht aus, um die metallverarbeitenden Betriebe zu beschäftigen, die 80, 60, 50, 20 und sogar nur 15 Prozent Kapazitätsauslastung verzeichneten, obwohl die Metallwarenausfuhr — laut Junta — 1975 um 433 Prozent zunahm!

Betrachten wir kurz die „Sanierung“ und „Erholung“ der Wirtschaft, wie die Junta die Politik bezeichnet, die Sie, Milton Friedman und Arnold Harberger, mit Ihren Theorien inspiriert und mit Ihren persönlichen Ratschlägen gefördert haben. Nach Berichten der von den USA dominierten Interamerican Development Bank entwickelte sich das chilenische Bruttonationalprodukt (in Millionen Dollar) wie folgt: 1960: 5.068, 1970: 7.820, 1971: 8.423, 1972: 8.540, 1973: 8.202 und 1974 — das Hinaufschnellen der Preise widerspiegelnd —: 8.612. 1975 trat eine Abnahme des BNP ein, die vom US-Handelsministerium auf zehn Prozent, von Frei auf zwölf Prozent geschätzt wird. Das juntafreundliche Ökonomische Institut der Universität von Chile schätzt die Abnahme auf zwölf bis 14 Prozent; sollte die Agrarproduktion stärker gesunken sein, als die Junta bisher zugegeben hat, dann war die Abnahme des BNP noch größer. Nimmt man einen Mittelwert von 13 Prozent Rückgang an, dann hätte das BNP 7.492 Millionen Dollar betragen, vier Prozent weniger als 1970 und zwölf Prozent weniger als im Allende-Jahr 1972! Die realen Investitionen in Anlagen und Bauten sanken 1975 um rund 30 Prozent.

Das Steigen und Sinken der Industrieproduktion ist aus den folgenden Zahlen der Sociedad de Fomento Fabril (sofern nicht anders angegeben) und des regierungseigenen Instituto Nacional de Estadisticas (Amt für Statistik) ersichtlich:

Mit einem Wort, unter Allende stieg die Industrieproduktion — vor allem die Erzeugung von Massenkonsumgütern zuerst sehr schnell an und stagnierte sodann, als der in- und ausländische Boykott immer stärker wurde. Unter der Juntaherrschaft ging zuerst die Produktion von Massenkonsumgütern zurück, die von der Chicago-Junta-Politik der Lohnkürzung und Nachfrageeinschränkung unmittelbar betroffen war, während die Produktionsmittelerzeugung noch zunahm, so daß sich im ersten Jahr im Durchschnitt ein Nullwachstum ergab. Zu Beginn des zweiten Jahres der Juntaherrschaft war die Industrieproduktion um 15 Prozent niedriger als im gleichen Monat des Vorjahres, und nach dem Einsetzen Ihrer Schockbehandlung, Milton Friedman, im April 1975 sank auch die Kapitalgüterproduktion um 40 Prozent, so daß jetzt 26 der 30 Branchen der chilenischen Industrie einen Rückgang ausweisen (was zu einem wachsenden Widerstand in Industriekreisen führt); die gesamte Industrieproduktion war 1975 um 25 Prozent geringer als im Jahr zuvor.

Die unmittelbaren Folgen der Schockbehandlung, die Sie, Milton Friedman und Arnold Harberger, in Ihren Unterredungen mit Pinochet während Ihres Chile-Besuchs im März 1975 verschrieben haben, sind in der chilenischen Wirtschaft bereits sichtbar und gehen auch aus unserer obigen Betrachtung der vorsätzlichen und berechneten Politik des ökonomischen Völkermordes, der Entnationalisierung, Entindustrialisierung, Exportförderung usw. hervor. Dennoch mag es nützlich sein, Sinn und Folgen dieser Schockbehandlung an sich zu prüfen.

Bis zu Ihrem Chile-Besuch, Milton Friedman, hatte die Junta wiederholt argumentiert, die von Chicago inspirierte und von den Chicago-Boys administrierte Wirtschaftspolitik und ihre Folgen seien unvermeidlich zur „Heilung“ der Wunden, die das Allende-Regime dem Land zugefügt habe. In jüngerer Zeit wird die Allende-Regierung in offiziellen Erklärungen nicht mehr erwähnt, und sowohl die Junta als auch ihre loyale Opposition verneiden sorgfältig Vergleiche mit den Allende-Jahren. Seit dem Sinken der Kupferpreise und dem Steigen der Preise für Weizen und Erdöl, die importiert werden müssen, und insbesondere seit der Verschärfung der Rezession in allen kapitalistischen Industriestaaten schiebt die Junta die Schuld an den Folgen ihrer Wirtschaftspolitik auf die Weltwirtschaftskrise ab.

Als Sie, Milton Friedman, nach Chile kamen, sagten Sie der Junta, Allende-Erbschaft hin und Wirtschaftskrise her, nun sei für die Junta die Zeit gekommen, die Verantwortung für ihre eigenen Handlungen und für die der Chicago-Boys zu übernehmen, ihre Fehler zu erkennen und sie schnellstens zu korrigieren. Worin, Milton Friedman, bestehen Ihrer Meinung nach diese Fehler? Die Junta hat dem chilenischen Patienten Ihre Chicagoer Medizin eingeflößt, wie Harberger bei seinen früheren Besuchen festgestellt hat. Aber sie hat ihm nicht genug von dieser Medizin eingegeben, und nicht schnell und energisch genug. Darin liegt, Ihrer Argumentation zufolge, der Hauptfehler der Junta.

Diese antwortete, sie habe es so gut gemacht, wie es unter den gegebenen Umständen möglich gewesen sei, und Sie, Milton Friedman, seien nicht realistisch, wenn Sie mehr verlangten und behaupteten, die Umstände (Allende, Krise usw.) könnten Ihre Theorie nicht widerlegen.

In der Tat, nachdem die Junta die Preise freigegeben hatte, um die Löhne zu entwerten und Einkommen und Vermögen in der vorhin beschriebenen Art und Weise zu konzentrieren, nachdem sie die zirkulierende Geldmenge um 350 bis 370 Prozent jährlich vergrößert und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sich zwischen 1970 und 1974 verdoppelt hatte, während die Bankkontenumsätze sich zwischen Jänner/Februar und September/Oktober 1974 ebenfalls verdoppelten, zog die Junta bereits vor Ihrem Besuch die Schrauben an und reduzierte die jährliche Geldumlaufzunahme nach dem Oktober 1974 auf 200 Prozent und in der Zeit von Jänner bis März 1975 auf 40 Prozent (gegen 52 Prozent in der gleichen Periode des vorangegangenen Jahres). Aber Ihrer quantitativen Geldtheorie zum Trotz stiegen die Preise weiter — sogar schneller wie stets während dieser Monate in Chile —, so daß sie sich in den ersten drei Monaten von 1975, unmittelbar vor Ihrer Ankunft, Milton Friedman, um 60 Prozent erhöhten.

Außerdem hatte die Junta schon ein Jahr vorher mit der Chicago-Junta-Politik des Abbaus öffentlich Bediensteter begonnen und versprochen, deren Stand bis Ende 1975 um weitere 20 Prozent zu senken; sie hatte viele öffentliche Unternehmen abgestoßen und eine zehnprozentige Budgetkürzung vorgenommen (obwohl natürlich die „Umstände“ eine starke Erhöhung des Militärbudgets erforderten).

Aber die Chicagoer Medizin war nicht stark genug, um die Inflationsflut aufzuhalten, und nachdem sie ihre Aufgabe, die Reallöhne zu senken und Einkommen und Vermögen zu konzentrieren, erfüllt hatte, wurde nun ihre weitere Anwendung lästig. Ihre Diagnose, Milton Friedman, lautete natürlich, nicht Ihre Medizin sei schlecht, außer für die immer kleiner werdende Zahl von Nutznießern, sondern der Patient habe nicht genug davon eingenommen. Ihnen zufolge war die Berufung der Junta auf mildernde Umstände wirklich irrelevant, und sie hatte nur die Wahl, entweder die Chicagoer Medizin weiterhin in gleicher Dosis zu verabreichen und damit Inflation und Arbeitslosigkeit zu perpetuieren oder dem chilenischen Patienten eine Superdosis zu verpassen, was zweifellos die Arbeitslosigkeit kurzfristig noch mehr vergrößern mußte, wie Sie, Milton Friedman, öffentlich zugaben, den Patienten aber schnell von der Inflation heilen würde — wenn er nicht vorher daran stirbt!

So verschrieben Sie eine „Schockbehandlung“, eine schlagartige Senkung der öffentlichen Ausgaben um weitere 25 Prozent, eine noch drastischere Kürzung der Löhne und Gehälter, verbunden mit der erwarteten Verstärkung der Arbeitslosigkeit; um den Patienten in seinem Schockzustand zu „beruhigen“, kamen Sie und die Junta überein, als „Gegenmittel“ ein „Minimum“ an „Notarbeitsplätzen“ beim Staat und bei den Gemeinden zu schaffen, ohne die Sicherheiten und Vorteile des gewöhnlichen öffentlichen Dienstes, und „neue“ Arbeitsplätze bei Privatunternehmen zu „fördern“, indem man diesen die Zahlung der normalen Sozialversicherungsbeiträge erließ und ihnen auch noch andere Vergünstigungen gewährte.

Die Folge war natürlich, daß öffentliche Ämter, Gemeinden und Privatunternehmer ihre früheren Bediensteten, die Anrecht hatten auf Sozial- und Krankenversicherung, bestimmte Bonifikationen usw. — was die Chicago-Junta-Politik ohnehin als Verletzung der „Marktfreiheit“ abschaffen möchte —, hinauswarfen und zum Teil durch „neue“ ersetzten, die manchmal dieselben Leute waren, welche nun dieselbe Arbeit um weniger Lohn und bei reduzierten Sozialleistungen machen müssen. Solcherart hilft das „Gegenmittel“ tatsächlich das zweite Element Ihrer Schockmedizin stärken, nämlich Löhne und Gehälter zu reduzieren. Mit einem Wort: Superausbeutung der Arbeiter.

Um aber auf das erste Element Ihrer Schockbehandlung, Milton Friedman, zurückzukommen: Die Junta wandte ein, sie hätte ihr Budget schon um zehn Prozent gekürzt, so daß eine Kürzung um weitere 25 Prozent zuviel verlangt wäre. Der Kompromiß betand, wie Sie sich erinnern werden, darin, die Außenhandelsausgaben durch drastische Importkürzungen um 25 Prozent zu senken, das Inlandsbudget aber „nur“ um weitere 15 Prozent zu kürzen, in der Annahme, daß die Inflationsrate, wie versprochen, auf 50 Prozent sinken würde. In diesem Fall würde eine Senkung der Staatsausgaben um 15 bis 25 Prozent (die ursprünglichen zehn Prozent plus 15 Prozent) bei Staatsausgaben von 30 bis 40 Prozent des Nationaleinkommens eine Verringerung des Nationaleinkommens um sieben Prozent zur Folge haben, mit entsprechenden Auswirkungen auf Produktion und Arbeitslosigkeit.

Was ist geschehen? Nun, die Inflationsrate ist nicht — wie versprochen — auf 50 Prozent zurückgegangen. Wie bereits erwähnt, war 1975 die durchschnittliche monatliche Inflation nur um 0,8 Prozent geringer als 1974, und die jährliche Inflationsrate sank bloß von 376 auf 340 Prozent. Das heißt, die in der Schockbehandlung vorgesehene Senkung der inländischen Staatsausgaben um nominell 15 bis 25 Prozent bedeutete real eine Senkung um 30 bis 40 Prozent; klammert man die Gehälter der öffentlich Bediensteten aus, so ergibt sich sogar eine ungefähr 65prozentige Verringerung der Ausgaben für Sach- und Dienstleistungen. Bei der gegebenen Inflationsrate bewirkt eine Kürzung der öffentlichen Ausgaben, die rund 35 Prozent des Nationaleinkommens ausmachen, um real 35 Prozent unmittelbar einen Rückgang des Nationaleinkommens um zehn Prozent oder mehr. Kein Wunder also, daß das BNP 1975 um 13 Prozent oder viellicht noch stärker gesunken ist. Diese Abnahme kann nicht zur Gänze und nicht einmal in erster Linie mit den rückläufigen Einnahmen aus dem Kupferexport erklärt werden.

Kein Wunder, daß die Schockbehandlung den Rückgang der Industrieproduktion, der ein Jahr vor der Superdosis Ihrer Medizin, Milton Friedman, 15 Prozent betrug, einige Monate nach deren Verabreichung auf 25 Prozent anwuchs — was nur beweist, daß Sie, Milton Friedman, recht hatten, als sie der Junta sagten, nicht Allende und die Welt seien verantwortlich für diese Politik und ihre Folgen: Nein, die Junta selbst ist verantwortlich, da sie Ihre Theorie mit Haut und Haaren geschluckt und Ihre Medizin und Ihre Schockbehändlung dem chilenischen Patienten mit Gewalt aufgezwungen hat.

Schließlich wollen wir noch sehen, wie das Ausland in Wort und Tat auf die Chicago-Junta-Politik des ökonomischen Völkermordes und auf Ihre Schockbehandlung wie auch auf die für deren Durchführung notwendige politische und militärische Repression reagiert. Wie bereits erwähnt, haben die Vollversammlung der UNO, der Kongreß der Vereinigten Staaten, mehrere westeuropäische Regierungen sowie die Presse und die Öffentlichkeit die Junta und in manchen Fällen auch Sie persönlich, Milton Friedman und Arnold Harberger, in Resolutionen und öffentlichen Erklärungen verurteilt.

So lauthals jedoch die Junta sich über die ‚internationale marxistische Kampagne“ gegen sie beklagt, behauptete ihr Superminister, Cauas, der mit der Anwendung Ihrer Medizin, Milton Friedman, betraut ist, in einem Interview mit El Mercurio vom 18. Jänner 1976: „Der Erfolg (der Gegner) war sehr begrenzt. Unsere Wirtschaftspolitik findet heute breite Unterstützung in allen internationalen Gremien, und wir haben daher eine Zahlungsbilanz, die es uns erlaubt, trotz dem niedrigen Kupferpreis mit Optimismus in die Zukunft zu blicken ... Das Ausland würdigt unsere Wirtschaftspolitik als richtig, und man hält es dort für sehr zweifelhaft, daß eine ernsthafte Alternative zu dieser Politik gefunden werden könnte ... In den technischen Berichten internationaler Spezialkörperschaften wird unsere Politik kategorisch unterstützt ... Wir haben keine Probleme mit internationalen Finanzinstituten. Im Gegenteil, wir können auf breite Unterstützung vom Ausland rechnen, solange wir eine kohärente, vernünftige Wirtschaftspolitik betreiben, die unsere Zahlungsbilanz nicht belastet. Würden wir einen anderen, expansiveren Kurs einschlagen, dann bekämen wir offenkundig sehr schnell Probleme mit der internationalen Finanz, die nicht länger bereit wäre, ein Land zu unterstützen, das infolge einer solchen expansiven Wirtschaftspolitik am Ende seine Zahlungen an das Ausland einstellen müßte ...“ Wie recht Sie hier doch haben, Herr Superminister Cauas, Sie treuer Friedmanianer!

Während die UNO-Vollversammlung die Junta wegen Verletzung der Menschenrechte verurteilt, sagt Weltbankpräsident McNamara, für ihn seien bei der Gewährung von Darlehen nur ökonomische und keine politischen Kriterien maßgebend, und er räumt der Junta trotz den Einwänden der europäischen Vorstandsmitglieder einen neuen Kredit von 33 Millionen Dollar ein. Aus den gleichen „ökonomischen“ Gründen, die auch Herr Cauas erwähnt, hatte Mr. McNamara dem Präsidenten Allende keinen einzigen Groschen geliehen. Aber in den zwei ersten Jahren der Juntaherrschaft hatte McNamara der Junta bereits 100 Millionen Dollar kreditiert, bevor er die vorhin erwähnten 33 Millionen dazulegte.

Die Schwesterorganisation der Weltbank, der Weltwährungsfonds, hat der Junta 420 Millionen Dollar geliehen und die Interamerican Development Bank weitere 400 Millionen, so daß die Unterstützung seitens der internationalen Finanzinstitute, von der Cauas sprach, sich auf 920 Millionen Dollar belief (jetzt sind es bereits mehr als 950 Millionen). Zum Vergleich: Allende erhielt insgesamt 65 Millionen.

Als der US-Kongreßabgeordnete Harrington die Politik der USA als eine Verhöhnung des Kongresses bezeichnete, der Berichte über die Intrigen des CIA und der ITT gegen Allende entgegennimmt und Resolutionen gegen die Junta verabschiedet, wußte er wahrscheinlich besser als die meisten anderen, wovon er redete. Aber selbst dem öffentlichen Finanzausweis zufolge hat die Junta von den Vereinigten Staaten Kredite in der Höhe von 680 Millionen Dollar erhalten 380 Millionen oder 56 Prozent davon waren dazu bestimmt, die amerikanischen Kupfergesellschaften zu entschädigen, denn, wie Herr Cauas bemerkte, ein Land, das seine Zahlungen an das Ausland einstellt, würde bald Schwierigkeiten mit den Finanzorganisationen bekommen!

Die 920 Millionen Dollar von US-kontrollierten internationalen Finanzinstituten plus die 680 Millionen von den Vereinigten Staaten selbst bzw. deren Banken ergeben eine Summe von 1,6 Milliarden Dollar an Krediten, die die Junta aus diesen Quellen erhalten hat. Nimmt man dazu noch die 120 Millionen Dollar aus Lateinamerika, vor allem aus Brasilien und Venezuela, und weitere 280 Millionen aus westeuropäischen und japanischen Quellen, so ergibt sich, daß die Junta in den 27 Monaten bis zum 31. Dezember 1975 rund zwei Milliarden Dollar an Krediten bekommen hat, das sind ungefähr drei Millionen pro Tag und fast 100 Millionen pro Monat.

Gleichzeitig, offenbar damit der Abgeordnete Harrington nicht umsonst über Verhöhnung klagt, haben die Vereinigten Staaten der chilenischen Junta mehr Waffen geliefert als irgendeinem anderen lateinamerikanischen Land mit Ausnahme Brasiliens, jedenfalls mehr Waffen je Einwohner, worin die Junta nur von Ländern wie Israel, Iran und Saudi-Arabien übertroffen wird. Inzwischen hat zwar der amerikanische Senat auf Antrag Edward Kennedys beschlossen, die Waffenlieferungen an die Junta einzustellen, aber das Repräsentantenhaus hat einen ähnlichen Antrag Harringtons nicht angenommen, und der gemeinsame Ausschuß beider Häuser, der einen Kompromiß finden sollte, hat vorgeschlagen, die Hilfslieferungen zu sistieren, aber die Waffenverkäufe an die Junta gegen Barzahlung fortzusetzen; es heißt, die Junta sei bereit, 132 Millionen Dollar für Waffen bar auf den Tisch zu legen, das sind 83 Prozent der 1975 eingegangenen Erlöse aus dem Lebensmittelexport und etwas mehr als die 1973 bis 1975 aus der Ausfuhr von Lebensmitteln zusätzlich erzielten Einnahmen von 125 Millionen Dollar, welche die Junta, unter Einsatz von jetzt vielleicht schon veralteten oder unzulänglichen Waffen, aus der hungernden Bevölkerung Chiles herausgepreßt hat durch die Friedman-Harberger-Politik des ökonomischen Völkermordes!

April 1976

[*Abgedruckt im NEUEN FORVM, November 1974

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1976
, Seite 23
Autor/inn/en:

André Gunder Frank:

Professor für Entwicklungstheorie an der Universität Amsterdam.

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