FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 245
Noëlle Bisseret

Marschallstab im Gen?

Fähigkeit — ein klassenabhängiger Begriff — II. Teil

Ob die Schwarzen eine niedrigere Intelligenz haben als die Weißen, ist immer noch ein beliebtes Konversationsthema amerikanischer Intellektueller. Ähnlich für südeuropäische Arbeiter in unseren Breiten. Beides ist ein typisches Mittelstandsvorurteil gegen die Unterklassen. Der historisch exakte Nachweis, daß der Begabungsbegriff ein reiner Klassenbegtiff ist, bedeutet heute noch mehr als eine bloß akademische Übung.

5 Intelligenz als Klassenprivileg

Das metaphysische Vorurteil der evolutionistischen Theorien, das Gobineau motiviert, die gesellschaftlichen Unterschiede (ob er nun Kulturen oder Klassen betrachtet) auf determinierende physisch-biologische Unterschiede zu reduzieren, bestimmt auch die Reflexion von F. Galton, dem Begründer der differentiellen Psychologie. Galton, ein Verwandter Darwins, auf den seine Gedanken einen bedeutsamen Einfluß ausüben, versucht mittels einer neuartigen wissenschaftlichen Methode den Nachweis zu führen, daß die mentalen Unterschiede derselben Ordnung angehören wie die Größenunterschiede und daß sie erblich sind. Oustelet, der als erster Gauss’ Entdeckungen auf dem Gebiet der Wahrscheinlichkeitsrechnung in die Humanwissenschaften übertrug, hatte gezeigt, daß die Körpergröße der Individuen in einer Normalkurve sich darstellen läßt: daraus schließt Galton mittels seines genannten Postulats, daß auch die geistigen Fähigkeiten sich in einer derartigen Kurve darstellen lassen müssen. Er „verifiziert“ den natürlichen und hereditären Charakter der Fähigkeiten, indem er mit Hilfe eines Korrelationsverfahrens den Grad der Abhängigkeit physischer und geistiger Anlagen einerseits, der Anlagen der Eltern und der Kinder andererseits, mißt. In der Einleitung zu seinem berühmten Werk „Hereditary Genius“ [16] schreibt er: „I propose to show in this book that a man’s natural abilities are derived by inheritance, under exactly the same limitations as are the form und physical features of the whole organic world.“ Wie Gobineau glaubt auch er, daß die menschliche Gattung entartet, wenn man sie nicht durch eine sorgfältige Auslese veredelt zur Erzeugung einer „highly-gifted race of men by judicious marriages during several consecutive generations“. Die Konstitutionslehre Galtons, der neben der Eugenik auch die differentielle Psychologie begründet, wird die Zukunft dieser Disziplin überschatten. [17] Aus Galls psychobiologischem Parallelismus wurde eine Determinierung des Psychischen und Sozialen durch das Biologische. In den Forschungen der Humanwissenschaften lassen sich also dieselben Denkschemata aufweisen, in denen die Bourgeoisie die gesellschaftliche Wirklichkeit begreift. [18]

Der Gedanke einer von Natur aus ungleichen Verteilung der Fähigkeiten, die unwiderruflich die Stellung der Individuen auf der sozialen Stufenleiter bestimmt, wird indessen von neuem in Frage gestellt. Es kommt eine Periode großer sozialer Konflikte. Die Arbeiterklasse hat sich organisiert und erkämpft 1864 das Streikrecht. Eine schwere Wirtschaftskrise ruft 1867 in Frankreich eine mächtige Streikwelle hervor. Es ist das Jahr, in dem Marx das „Kapital“ veröffentlicht. Die Internationale greift seine Gedanken auf, bricht radikal mit den Ideen der Zeit und übernimmt die Führung der Arbeiterbewegung. Die gesellschaftliche Ordnung wird 1871 schwer erschüttert und einen Augenblick lang von der Kommune gestürzt. Nicht allen mehr erscheint die soziale Ungleichheit naturgegeben. Tätsächlich ist, wie Durkheim bemerkt, „in einem ganzen Bereich der Gesellschaft der Zusammenhang der individuellen Fähigkeiten mit den den Individuen zugewiesenen Tätigkeiten zerrissen; allein der mehr oder weniger gewaltsame und mehr oder weniger direkte Zwang kann sie noch an ihre Funktionen ketten“. [19] Für diejenigen, die die Gesellschaftsordnung bewahren wollen, bietet sich deshalb die Psychologie als ein Mittel zur Lösung sozialer Konflikte an: mit ihrer Hilfe müßten sich die verborgenen „wahren“ Fähigkeiten freilegen lassen, nach deren Mäßgabe dann ein jeder seinen Platz in der Gesellschaft finden soll.

Darum geht es den ersten Psychologen, die die Intelligenz messen wollen. Binet, der die Beziehungen zwischen Unternehmern und Arbeitern verbessern will, träumt von einem Idealstaat, „dessen gesellschaftliche Verhältnisse besser geordnet wären als die unseren, wo jeder so sehr in Übereinstimmung mit seinen anerkannten Fähigkeiten tätig wäre, daß auch nicht die geringste psychische Energie für die Gesellschaft verloren wäre“ [20] Die von ihm aufgestellte metrische Intelligenzskala läßt die liberalen Befürworter sozialer Gerechtigkeit auf die neue Testpsychologie hoffen. 1903 wird von Lehrern eine revolutionäre syndikalistische Bewegung, die École Emancipée, gegründet. Und wiederum sind es junge Lehrer, die sich Ende des ersten Weltkrieges zur Gruppe der Compagnons de l’Université Nouvelle zusammenschließen und die Beseitigung der Unterschiede sozialer Herkunft bei der Zulassung zu weiterführenden und höheren Schulen fordern. Zum ersten Mal wird in einem Projekt zur Schulreform ausdrücklich eine Auslese nach Fähigkeiten vorgeschlagen. Zweifellos entspringt dieser Vorschlag einer großzügigen Regung von Männern, die den sozialen Fortschritt wollen und von der institutionalisierten Trennung der Kinder verschiedener sozialer Herkunft schockiert sind. Die wirklichen Verhältnisse rücken die Ideologie, in deren Namen diese Trennung vorgenommen wird, in das richtige Licht: die Schülerzahl an den Écoles primaires supérieurs und in den Cours complémentaires übertrifft bereits die an den Lycées und außerdem erzwingen die Lücken, die der Krieg in den verschiedenen Tätigkeitsbereichen und auf den verschiedenen Ebenen der sozialen Hierarchie gerissen hat, eine umfassende Rekrutierung. Die Fähigkeiten jedoch, nach denen diese Reformer eine Auslese für die „École Unique“ des Sekundarschulwesens vornehmen wollen, sind nicht zufällig gestreut. Binets Forschungen, die zu der These führen, daß „das intellektuelle Niveau der Kinder entsprechend dem Wohlstand der Bevölkerung variiert“, [21] stellen die Chancengleichheit beim Eintritt in die „École Unique“ in Frage.

Im übrigen haben die Worte „Fähigkeit“ und „Auslese“, die für die Reformer die Grundlage einer gerechteren Gesellschaft bezeichnen, am Ende des 19. Jahrhunderts eine Bedeutung angenommen, deren sich diejenigen, die diese Ausdrücke verwenden, nicht klar bewußt sind. Der Begriff „Auslese“, der notwendig wertende Kriterien impliziert, war der Sprache von Agrikultur und Tierzucht entlehnt. Die Erforschung des Befruchtungsvorganges ermöglichte die Verwertung der Entdeckungen Mendels, die 1865 noch ohne Echo geblieben waren, für eine Veredelung das Weideviehs und eine Verbesserung der Tierzucht unter dem Gesichtspunkt größtmöglichen Ertrages. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Biologie verfestigen und bestätigen schon längst wirksame Denkschemata, denen zufolge die Beziehung von biologischen und psychischen Tatsachen eine kausale ist, die Psychisches durch Biologisches erklärt. Durch den bemerkenswerten Aufschwung der Genetik wird der Gedanke erblicher Übertragbarkeit mentaler Eigenschaften theoretisch untermauert. In der Umgangssprache hat das Wort „Fähigkeit“, das laut Littré Ende des 19. Jahrhunderts „allgemein gebräuchlich ist“, [22] eine biologische Bedeutung angenommen, die die Definitionen der Wörterbücher belegen. Die Nähe psychologischer und „agronomischer“ Definitionen im Littré, dem Wörterbuch der Gebildeten (wie im Larousse, der sich an Autodidakten wendet) spricht für eine unbewußte Assimilation beider Ordnungen aneinander: „aptitude“ ist gleicherweise „natürliche Disposition zur Mathematik“ wie „natürliche Disposition, viel Milch zu geben, usf. ...“. Fähigkeit, Vererbung, Auslese gehören zu demselben semantischen Feld — und zwar in dem Augenblick, da an die Erziehung erhöhte Anforderungen gestellt werden.

Das Interesse an Binets Forschungen über Intelligenz war nicht ohne Beziehung zu den praktischen Anwendungen, die sie erwarten ließen. Seine ersten klinischen Untersuchungen der Genese der höheren Denkvorgänge hatten ihn zu der Feststellung geführt, daß die Urteils- und Denkformen je nach der sozialen Umwelt der untersuchten Kinder variieren. Von diesen Ergebnissen beeindruckt, fordert der Unterrichtsminister Binet auf, ein Instrumentarium zu entwickeln, mit dem sich die für eine Grundschulausbildung ungeeigneten Kinder aussondern ließen. [23] So stellt Binet seine wissenschaftlich Untersuchungen zurück, die ihm erlaubt hätten, die bei der Genese der festgestellten Unterschiede wirksamen Vorgänge und insbesondere die Rolle „der sozialen Einflüsse, wie der Mittellosigkeit und des Elends der zu großen Familien ...“ [24] zu analysieren. Nach und nach wendet er sich einer rein empirischen wissenschaftlichen Praxis zu, was er später bedauern wird. An die Stelle seiner Arbeiten über die Urteils- und Denkvorgänge, die den Begriff der Intelligenz relativieren, tritt die Konstruktion einer metrischen Intelligenzskala, die auf eine an Kriterien der sozialen Brauchbarkeit der Individuen orientierte Festlegung von Standards abzielt. Das hauptsächliche Kriterium, an dem die Leistungen und der Grad ihrer Normalität gemessen werden, ist das Alter. Die dabei vorgenommene Bewertung des Alters ist freilich nicht unabhängig von dem Bereich, in dem Binet seine Erkenntnisse anwendet, in diesem Fall dem Schulsystem, das mit der Einführung der Schulpflicht das Alter von Schulantritt und -abgang festgelegt und über die auf jeder Altersstufe geforderten Leistungen vorentschieden hat. Die schulischen und sozialen Normen, nach denen „Reife“ hoch bewertet und „Spätentwicklung“ abschätzig beurteilt wird, werden ein für alle Mal zum zentralen Bezugspunkt, an dem sich die Forschungen über Intelligenzalter, Intelligenzquotient und Entwicklungspsychologie ausrichten.

6 Eine Schleuse für den Arbeitsmarkt

Die Hierarchie der Fähigkeiten folgt dem Muster der gesellschaftlichen Hierarchie: die allgemeine Intelligenz (G-Faktor) bleibt das Erbteil der Führungspersönlichkeiten, besondere und begrenzte Fähigkeiten kennzeichnen die Ausführenden. Die Untersuchungen intellektueller Leistungen führen zu immer raffinierteren Analysen, die schließlich ein reichhaltiges Repertoire von Fähigkeiten ergeben, die in einer komplexen Struktur organisiert sind; dann wird die ungleiche Verteilung dieser Fähigkeiten in für die Gesamtheit der Bevölkerung repräsentativen Stichproben erfaßt. Demgegenüber wird bei der Erforschung der für sogenannte manuelle Arbeit erforderlichen Leistungen eine atomistische Perspektive eingenommen. Hier scheint das wissenschaftliche Interesse nicht mehr auf eine umfassende Kenntnis der Verschiedenheit der betreffenden Fähigkeiten gerichtet, und man will nicht herausbringen, ob auch sie sich in einer komplexen Struktur organisieren. A priori erfordern diese Aufgaben, die nur auf einer niedrigen, „praktisch“, „mechanisch“ genannten Form von Intelligenz beruhen sollen, vor allem spezifische Fähigkeiten wie „Rechtshändigkeit“ usf. [25]

Obgleich die Fähigkeiten und ihr Verhältnis zueinander die Gesamtheit der individuellen Verhaltensweisen erklären sollen, so ist doch je nach Klassenzugehörigkeit der Grad der durch den Rekurs auf den Begriff der Fähigkeit möglichen Einsicht verschieden; die einen besitzen in hierarchischer Struktur organisierte komplexe Fähigkeiten, die anderen werden in erster Linie durch einen Mangel definiert, sie besitzen diese wertvollen Fähigkeiten nicht. [26] Tatsächlich entdeckt die „intelligente“ Klasse die „natürlichen“ spezifischen Fähigkeiten in der für intellektuelle Aufgaben „ungeeigneten“ Klasse nur insofern es die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts gestatten. Ideal wäre eine völlige Entspannung zwischen dem, was als spezifische Fähigkeiten definiert wird und den aufgrund der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu bewältigenden Aufgaben. [27] Wenn auch einige Forscher die Frage nach der Natur ihres wissenschaftlichen Gegenstandes noch stellen, unterläßt die Mehrzahl der theoretisch kaum interessierten Praktiker jede Analyse dessen, was sie mit ihren Instrumenten untersuchen. [28] Die wissenschaftliche Fragestellung entpuppt sich als eine Frage der Schul- und Arbeitsmarktpolitik. Daß die Wirksamkeit der Tests in diesem Bereich „erwiesen“ ist, genügt, um ein empirisches Verfahren zu rechtfertigen, das die Frage nach der ihm zugrundeliegenden Ideologie nicht aufkommen läßt.

Die Wissenschaft der Tests eröffnet dadurch neue Perspektiven, daß sie zwei nur schwer miteinander zu vereinbarenden Erfordernissen gleichzeitig genügt: einerseits der Notwendigkeit, allen gleiche Chancen zu bieten, andererseits der Notwendigkeit, die Ungleichheiten im beruflichen Status aufrechtzuerhalten. Wenn erst einmal die wenigen überdurchschnittlich Befähigten aus der untersten sozialen Schicht durch die Bemühungen um soziale Gerechtigkeit und Rentabilität zu ihrem Recht gekommen sind, wird jeder seiner Tätigkeit und seiner sozialen Stellung angepaßt sein. Die Erforschung der Fähigkeiten ist eine wissenschaftliche Garantie einer so legitimierten gesellschaftlichen Ordnung.

Natürlich sind die Theorien, die unser Wissen von der Natur des Seelischen verwandelt haben, wie Psychoanalyse, Gestalttheorie, Behaviorismus, Kulturalismus, Phänomenologie (in denen der Begriff der Fähigkeit keinerlei Stellenwert hat), nicht ohne Wirkung auf den Wandel der Auffassungen von der Genese individueller Unterschiede. Ein zweipoliges Schema, das die Einwirkung von „Vererbung“ und „Umwelt“ jeweils in Rechnung stellt, tritt an die Stelle eines kausalen Schemas, mittels dessen man Psychologisches auf Biologisches reduziert.

Und doch wird einer der Pole immer noch privilegiert und als primär angesehen, und noch immer entlehnt die Theorie der individuellen Verschiedenheit, an der sich die empirischen Verfahren der Tests ausrichten, ihr Erklärungsschema der biologischen Erkenntnis. So ist für H. Piéron „die Intelligenz im wesentlichen eine erbliche Fähigkeit“. [29] Für Cyril Burt ist „die Intelligenz von der Neuronenstruktur abhängig, und es spricht vieles dafür, daß auch sie, wie nahezu alle physiologischen Strukturen, durch genetische Einflüsse determiniert ist“. [30] Dieses Postulat orientiert die Auswahl, die Analyse und Interpretation der Gegebenheiten. Kennzeichnend für diesen Ansatz ist die Ceterisparibus-Klausel und die Simplifizierung dessen, was unter „Umweltfaktoren“ verstanden wird. Die „Umwelt“, ein ewiger Störenfried, ohne den die Feststellung der wahren, natürlichen Fähigkeiten um vieles einfacher wäre, wird als eine physische Realität aufgefaßt, die rein mechanische Wirkungen hat. Diese willkürlich als zufällig qualifizierten Wirkungen gehören eben derselben Ordnung an, wie diejenigen, denen Tiere im Laboratoriumsexperiment unterworfen werden, wenn man die Bedingungen der Fortpflanzung eines Genotyps und des Auftretens der verschiedenen Phänotypen genauestens festlegen will. Offensichtlich bezieht man sich auf diesen experimentellen Hintergrund, wenn a priori angenommen wird, das Zwillinge in „derselben familiären“ und gesellschaftlichen Umwelt identischen Einflüssen ausgesetzt sind.

Die Verkennung der Dynamik der Beziehungen, in die jedes menschliche Wesen in einzigartiger Weise von seiner Geburt an und schon vorher eingelassen ist, und die Unzugänglichkeit für den freudianischen Ansatz entspringen dem blinden Glauben, daß die Intelligenz durch Gene übertragen werden. Die Suche nach ersten, die mentalen, psychischen und sozialen Tatsachen linear und irreversibel verknüpfenden Ursachen ist an ethischen Erwägungen orientiert, die für das Untersuchungsverfahren leitend sind. Wie bei Galton und den anderen Denkern des 19. Jahrhunderts wird die Fragestellung auf einen anderen Bereich, den des Politischen, bezogen: „Wenn sich ein für alle Male herausstellen würde“, heißt es bei Burt, „daß die Ansichten der Pioniere auf diesem Gebiet annährend richtig gewesen sind ... dann läge der Einfluß der genetischen Variationen auf die internationalen und gesellschaftlichen Probleme unserer Tage auf der Hand.“ [31]

Gleichwohl sind einige Forscher in der Reflexion auf die Postulate, die für die Standardisierung der Tests bei der beruflichen Auslese und Berufsberatung bestimmend sind, dazu gelangt, den Begriff der Fähigkeit selber in Frage zu stellen. 1945 unterzieht P. Naville die Theorie der Fähigkeit einer scharfen Kritik, indem er auf die ihr zugrundeliegenden metaphysischen Postulate hinweist. [32] Der Gegensatz von natürlichen und erworbenen Anlagen ist ein rein verbaler; es handelt sich um einen Streit um Worte, eine gewisse in vielen Bereichen der Psychologie anzutreffende Schwierigkeit, die einfachen dialektischen Verhältnisse, die das Gewebe unserer wirklichen Handlungen ausmachen, zum Ausdruck zu bringen ... Im Grunde spräche man besser von adaptitude als von aptitude. Diese Kritik stützt sich auf Tatsachen, die eine genaue soziologische Analyse ausweisen könnte und mittels deren sich nachweisen ließe, daß die Praktiken der Berufsorientierung sich genauestens an den ökonomischen Notwendigkeiten ausrichten, die sich aus den Bedürfnissen der herrschenden Klasse ergeben. Schließlich stellen auch einige Forscher auf dem Gebiet der diffentiellen Psychologie den Begriff der Fähigkeit in Frage. In einem Sammelband von 1954, dessen bezeichnender Titel „L’utilisation des aptitudes“ (Die Verwendung der Fähigkeiten) sogleich einige Fragen veranlaßt (Verwendung wessen, durch wen, zu welchem Zweck?), unterzieht M. Reuchlin [33] diesen pseudowissenschaftlichen Begriff einer scharfen Kritik. Durch die normale Streuung der von ihnen ermittelten Meßwerte getäuscht, so betont er, übersähen einige Forscher, daß diese Verteilung relativ zu den Konstruktions- und Standardisierungsverfahren der Tests sei und nähmen „schlicht und einfach eine Übertragung des Testergebnisses auf die Fähigkeit vor, die sie als ein unveränderliches konstitutionelles Merkmal ansehen“.

7 Schwanz-begabt?

Einige Forscher versuchen nun, die Unterschiede zwischen Individuen und Gruppen zu beschreiben, ohne Aussagen üiber ihre Verursachung zu machen, indem sie entweder überhaupt auf den Begriff der Fähigkeit verzichten oder ihm die Bedeutung einer physischen oder psychischen Eigenschaft geben, die bestimmte Aufgaben zu bewältigen erlaubt. Sie wollen herausfinden, ob bestimmte Gruppen bessere Testergebnisse und besseren schulischen Erfolg haben, ohne über die Ursachen der Leistungsdifferenzen Vorentscheidungen zu treffen. Die Konstruktion des Forschungsgegenstandes und seine Erfassung schließt jedoch in jedem Falle notwendig die Bezugnahme auf etablierte Normen und auf die in einem zeitlich und räumlich begrenzten sozialen System herrschenden Werte ein. [34] Darüber hinaus ist dieser einem bestimmten sozialen System zugeordnete Gegenstand so konstruiert, daß er a priori definierten sozialen Bedürfnissen entspricht, an denen sich auch die praktischen Zielsetzungen der Forscher explizit ausrichten. [35]

Da andererseits die meisten Forscher auf dem Gebiet der differentiellen Psychologie in erster Linie die Dimensionen und ihre Organisation identifizieren wollen, um eines Tages eine allgemeine Struktur des Verhaltens freilegen zu können, vernachlässigen sie die Analyse der sozialen Bedingungen für die die Individuen und Gruppen differenzierenden Verhaltensweisen. [36] Die Genese der den verschiedenen sozialen Kategorien eigenen Verhaltensweisen dürfte nicht unabhängig von der Tatsache sein, daß diese Kategorien in der Totalität der Kultur schon von vornherein unterschieden vorliegen. Hier macht jedoch die Untersuchung halt: fragt man nach den Komponenten der Intelligenz und ihrer Organisation, so fragt man nitht nach der sozialen Definition derjenigen Kategorien, aufgrund deren man unterschiedliche Testergebnisse erhält, und auch nicht danach, wie diese Kategorien sozial strukturiert werden. Obgleich man das atomistische und realistische Verfahren der Psychologie der „Fähigkeiten“ ablehnt, werden die für den gesunden Menschenverstand evidenten Kategorien von Alter, Geschlecht, Rasse, sozialer „Umwelt“ unverändert übernommen. [37] Für die Kultur überhaupt erscheinen Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Bürger und Proletarier, als von „Natur“ verschieden. [38] Die Irreversibilität, die Fixität, die Unwandelbarkeit, die man aufheben wollte, werden so unbewußt von neuem eingeführt: die sozialen Kategorien, auf die die Analyse der differentiellen Merkmale sich gründet, werden zu Wesenheiten stilisiert, anstatt relativ auf das System konkreter und symbolischer Beziehungen, das sie miteinander verbindet, definiert zu werden.

Unbewußt liegt dem oft das Postulat zugrunde, daß den körperlichen Merkmalen, die die Zugehörigkeit zu einer durch einen Mangel bestimmten Kategorie bezeichnen (Fehlen weißer Haut, des Phallus, der Ungezwungenheit in Gesten und Ausdrucksweise usf. ...) notwendig geistige und psychische Merkmale entsprechen, denen gerade die Dimensionen fehlen, die Zeichen von Überlegenheit sind und die Zugehörigkeit zur Führungs-„Elite“ verbürgen. Bei der Durchführung dieses Ansatzes zeigt sich folgendes Postulat: man will Testverfahren entwickeln, die unabhängig von jeglichem sozialen Kontext sind; [39] diesem Test unterzieht man Gruppen, die sozial schon partikularisiert und hierarchisiert sind, und stellt dann fest, daß diese Gruppen in der Tat psychologisch verschieden sind, daß ihre Intelligenz quantitativ und qualitativ variiert. Freilich betrachtet man diese Faktoren zumindest explizit nicht mehr als Ursache der sozialen Unterschiede. Im Gegenteil: mit dem Hinweis darauf, daß die Gesellschaft nicht alle verfügbaren intellektuellen Ressourcen ausschöpfe, indem eine bestimmte Anzahl überdurchschnittlich intelligenter Kinder aus den ärmeren Klassen objektiv nicht die Chance erhalten, sich weiter ausbilden zu lassen, wird der ökonomische und kulturelle Zwang auf das konkrete und symbolische Verhalten der Gruppen und der ihnen angehörenden Individuen unterstrichen.

Die Tatsache, daß die Autoren sich darauf beschränken, die statistisch ungleiche Verteilung der intellektuellen Fähigkeiten — nach Rasse, Geschlecht und sozialer Klasse [40] — zu konstatieren und es unterlassen, die Genese bestimmter Kategorien, denen sozial hochbewertete Eigenschaften mangeln, sowie der ihnen entsprechenden spezifischen Verhaltensformen zu untersuchen, führt ganz unabhängig von ethischen Anschauungen dazu, die Ideologie, derzufolge die herrschenden Gruppen ihre Macht einzig ihrer natürlichen Überlegenheit verdanken, dadurch zu schützen, daß diese Kategorien unbewußt als von „Natur“ verschieden angesehen werden.

Aus dieser Sackgasse gibt es deswegen keinen Ausweg, weil die differentielle Psychologie ihr Objekt nur bezogen auf den sozialen Anwendungsbereich definiert hat. Entweder will sie eine größtmögliche Anpassung der Individuen oder Gruppen an das Schul- oder Berufssystem erzielen, oder sie will die Notwendigkeit pädagogischer Reformen deutlich machen, um die „Begabungen“ bei den Kindern der „armen“ Klassen ausfindig zu machen. [41]

Ob die Ungleichheit schulischen oder gesellschaftlichen Erfolges auf die Individuen und ihre verschiedene genetische Ausstattung oder auf die „Umwelt“ und ihr verschiedenes kulturelles, linguistisches Niveau usf. ... zurückgeführt wird, das Denkschema kann in beiden Fällen dasselbe sein. Während einerseits die Fähigkeiten substanzialisiert werden, neigt man auf der anderen Seite dazu, die kulturellen Unterschiede zu substanzialisieren. In diesem Sinne berufen sich einige Soziologen, die die Bildungsungleichheit aus den sprachlichen Unterschieden zwischen den sozialen Klassen erklären wollen, auf ein fixes Schema, das in letzter Instanz demjenigen analog ist, das sie in ihrer Kritik der Theorie der Begabung und Fähigkeit ablehnen. Zentrales Bezugssystem ist die Sprache einer Klasse, der bürgerlichen Klasse, die durch ihre Eigenschaften von Komplexität und Abstraktion definiert wird, während die Sprache der übrigen Klassen allein durch einen Mangel gekennzeichnet wird: sie ist weder reich noch komplex usf. ... [42] Sind also die „arme“ Sprache und der „Mangel“ an Kultur auf der einen Seite nicht die Bedingung für „reiche“ Sprache und die „Kultur“ der anderen? Man kann sich die Frage stellen, ob diese verschiedenen Sprachen nicht in Wirklichkeit den Grad an Autonomie zum Ausdruck bringen, den die konkreten Existenzbedingungen und das aus ihnen sich ergebende Selbstbewußtsein zulassen. [43] Die vielfältigen Erfahrungen eines auf die Welt und den Anderen wirkenden Handelns befähigen zur Verwendung logischer Artikulationen und zur Beherrschung aller Redeformen. Die Sprache der armen Klassen, die, weil assoziativ, mit Nebenordnungen und wiederholten Bekräftigungen verfahrend, dem Unbewußten näher ist, drückt zweifellos die Schwierigkeit aus, sich von einer als Zwang erfahrenen Umgebung zu distanzieren.

Die Untersuchungen, die schulische Unterschiede durch linguistische oder kulturelle „Ungleichheiten“ erklären wollen, abstrahieren aus der Realität bestimmte Elemente, wie Sprache oder Kultur [44] — die, wenn auch nicht theoretisch von allen Autoren, so doch in ihren analytischen Verfahren als selbständige Wesenheiten behandelt werden. Man muß bedauern, daß ein derartiger Ansatz nicht auf der Notwendigkeit besteht, die Vorgänge, in denen sich diese Sprachen innerhalb einer einzigen umfassenden Kultur als verschiedene konstituieren, im einzelnen zu analysieren, denn es handelt sich bei dieser Verschiedenheit um Herrschafts- und nicht um Reziprozitätsbeziehungen, und sie sind ein Reflex der ungleichen Verteilung der faktischen, ökonomischen, politischen und juridischen Macht, die sich in den konkreten Beziehungen ausdrückt. Die Erklärung greift auf einen einzigen Faktor zurück und vernachlässigt seine Implikationsbeziehungen mit einer Vielzahl anderer Faktoren, die verschiedenen Instanzen zuzuordnen sind.

8 Angesägte Aufstiegsleiter

Abschließend soll gezeigt werden, daß das im 19. Jahrhundert entstandene Denkschema, das soziale Ungleichheit durch den Gedanken natürlicher Ungleichheit der Individuen begreiflich machen will, weiterhin wirksam bleibt. Vorzugsweise an der Schule läßt sich ablesen, wie diese Klassenideologie allmählich praktische Wirksamkeit erhält und das Denksystem im ganzen beeinflußt. Die demographischen, ökonomischen und politischen Umwälzungen, die in der Folge des zweiten Weltkrieges das gesamte Gesellschaftssystem erfassen, dehnen sich mit Beginn der Ära der Planwirtschaft auch auf das gesamte Bildungssystem aus und stören sein Gleichgewicht. Als infolgedessen Bildungsreformen notwendig werden, kommt der Ideologie der „Fähigkeit“ eine besondere Bedeutung bei der Orientierung der Entscheidungen zu. In dem Augenblick, da die gestiegenen sozialen Erfordernisse quantitative und qualitative Veränderungen im Sekundarschulwesen nötig machen, dient eine Ausleseprüfung für die 6. Klasse dazu, diejenigen aufgrund mangelnder Fähigkeiten auszusondern, denen die kostenpflichtige höhere Schule auch früher verschlossen war. [45] Die Kinder aus den armen Klassen, die angeblich, nicht so „komplexe“ und mehr „praktische“ Fähigkeiten haben, werden in zunehmendem Maße auf andere Zweige gelenkt (technische Schulen, den abgekürzten Zyklus der höheren Schule, die moderne Abteilung), die ihre Bildungschancen und ihre Wahlmöglichkeiten objektiv einschränken.

Nach derselben Logik wird die Geschlechtertrennung, die man aufgehoben zu haben meint, durch die institutionellen Kanalisierungen, die der Verschiedenheit der Fähigkeiten entsprechen sollen, wieder eingeführt; die Mädchen, deren Sprachbegabung „wissenschaftlich erwiesen“ ist, werden in die Abteilungen gelenkt, in denen lebende Sprachen oder ein Unterricht literarischer Prägung überwiegen, seltener werden sie technisch oder wissenschaftlich für einen bestimmten Berufsweg ausgebildet. Die Ausleseverfahren nach diesen verschiedenen Kategorien, die bald folgenreich sind, bleiben bis auf die Ebene des Hochschulstudiums wirksam. [46] Freilich ist es unbestreitbar, daß in jeder besonderen sozialen Kategorie eine mehr oder weniger große Minderheit befriedigende oder manchmal sogar außergewöhnliche schulische Leistungen zeigt. Diese Feststellung berührt jedoch die Überzeugung von ihrer wesentlichen Verschiedenheit überhaupt nicht. Diese absolut gesetzte Differenz prägt sich im Gegenteil auch noch dem Erfolg auf, und zwar so, daß dieser Erfolg ganz bestimmte Merkmale hat. [47] Guter schulischer Erfolg kann die Hypothek, die auf den Mitgliedern der durch bestimmte Fähigkeiten sozial definierten Kategorien lastet, nicht heben. Nichts kann den grundlegenden Mangel ausgleichen, den man bei ihnen voraussetzt und den man ihnen anlastet. Dieser Mangel wird mittels einer dichotomischen und hierarchischen Klassifikation bezeichnet, deren Gehalt, variabel wie er ist, letztlich wenig besagt, da es nur darum geht, die einen höher einzustufen und die anderen abzuwerten. [48]

Der mehr oder weniger bewußte Bezug auf die umfassende Ideologie der Fähigkeiten wirkt in den Prozessen schulischer Auslese, durch die sich die „Wünsche“ der Schüler und ihrer Familien an die etablierten Schul- und Berufswege anpassen, als eine notwendige und folgenreiche Vermittlung. Es gibt kein Projekt zur Schulreform, [49] keinen Text, kein Rundschreiben, das die schulische Auslese und Orientierung behandelt, ohne sich explizit auf das zu berufen, was für die Reformer außer Frage steht: die Fähigkeiten. Die wissenschaftliche Erfassung individueller oder kategorialer Unterschiede hat den Sinn dieses Wortes derart verfestigt, daß die umgangssprachlichen Definitionen durch die wissenschaftliche Theorie der Tests noch untermauert werden: in den gebräuchlichen Wörterbüchern haben die verallgemeinernden Definitionen den spezifischen Definitionen einer Forschungsrichtung Platz gemacht, die die Fähigkeiten in bestimmte, meßbare, angeborene, die Individuen differenzierende Eigenschaften verwandelt haben. [50] Die 1968 veröffentlichte Encyclopaedia Universalis definiert sie als „angeborene Faktoren individueller Differenzierung (Fähigkeiten im Sinne des heutigen Sprachgebrauchs)“. Der Robert [51] der ‚sich auf die Definition von Claparède stützt, spezifiziert diese in dem Sinne, daß „die besonderen Fähigkeiten eines Individuums durch Tests festgestellt werden“. Während die gebräuchliche Definition — „natürliche Disposition zu etwas“ — immer noch auf die Idee der Natur zurückgreift, beziehen sich die diese Definition illustrierenden Beispiele jetzt auf die empirische Forschung, die die Kriterien natürlicher Klassifikation wie beispielsweise des Geschlechts festlegt: „Jungen sind besonders befähigt, sich mit Begriffen dieser Art vertraut zu machen“ (J. Romains). [52] Umgangssprachlich bezeichnet das Wort Fähigkeit also eine angeborene Eigenschaft, eine natürliche, substanzielle, kausal wirksame, die Unveränderlichkeit der konkreten Verhaltensweisen der sozialen Akteure besiegelnde Realität. Wenn in den die Erfassung der anderen und seiner selbst regelnden unbewußten Mechanismen all das wirksam ist, was mit Worten gesagt und durch Worte mitgeteilt wird, dann ist dem Kind in dem Moment, als das Wort Fähigkeit es ihm erlaubt, seine vielfältigen Erfahrungen, die seinen Weg als Dienstmädchen, Lehrer oder Chirurg bestimmen, begrifflich zu verarbeiten, auch schon alles gesagt und alles ihm vorgezeichnet.

Die Ideologie der natürlichen Ungleichheit, die eine soziale Klasse in dem Augenblick erzeugte, als sie wirtschaftlich und dann politisch die Macht ergriff, ist eine wissenschaftliche Wahrheit geworden, indem sie nacheinander aus Kraniometrie, Anthropometrie, Biologie, Genetik, Psychologie und Soziologie, deren wissenschaftliche Praxis sie gelegentlich sogar anleitete, solche Elemente aufgriff, die ihre Behauptungen zu begründen erlaubten. Damit aber verschaffte sie sich die Mittel, um die übrigen sozialen Gruppen zu beherrschen, die ihren Glauben an Fortschritt und Wissenschaft, der bei der Geburt der Ideologie der Fähigkeiten Pate stand, teilten. Es hat den Anschein, daß unabhängig von allen Unterschieden der soziopolitischen Gruppen diese Ideologie alle Auffassungen schulischer Auslese und Orientierung bestimmt: das Schulsystem hat die Auslese und Ausbildung einer „Elite“ zum Ziel, die durch ihre Kompetenz, ihr Verdienst, ihre Fähigkeiten für die gehobenen Aufgaben bestimmt ist, deren Verantwortung bestimmte soziale und ökonomische Vorteile einschließt. [53] Nach Meinung einiger Autoren sollen die wissenschaftlichen Tests das Funktionieren einer auf Verdienst gegründeten Gesellschaft sicherstellen, deren phantastisches, aber treffendes Bild M. Young entworfen hat. [54] Andere sprechen ungeachtet dessen, daß sie die Tests nur für den Ausdruck eines von ihnen abgelehnten Gesellschaftssystems halten, von „Fähigkeiten“ und „Leistungsfähigkeit“, die in einer zukünftigen, von den der kapitalistischen Gesellschaft innewohnenden Ungleichheiten befreiten Gesellschaft die Anleitung der Individuen ermöglichen sollen. [55] Allgemein gesagt, bildet die Idee einer gerechten und gleichmäßigen Auslese durch Institutionen, die allen gleiche Chancen garantieren, ihre „wahren Fähigkeiten“ unter Beweis zu stellen, das Bollwerk eines Denkschemas für die Legitimation einer Gesellschaftsordnung, die auf dem Wert von Individuen beruht, die letztlich als wesentlich ungleich angesehen werden.

[16F. Galton, Hereditary Genius — Its laws and consequences, Mac Millan, London, 1869.

[17Die noch immer gebräuchliche Intelligenzskala von Terman zielt u.a. darauf: „Wenn wir den Einfluß der Vererbung von dem der Umgebung isolieren können, wird unsere Wissenschaft vielleicht der Entwicklung der Menschheit den Weg weisen können.“

[18In seinen ersten Arbeiten betrachtet Biret die „anatomische Methode (Schädelmessung, Messung des Gesichts, der körperlichen Entwicklung, Erfassung und Interpretation der Degenerationserscheinungen, usf. ...)“ als eine Methode zur Erfassung der Intelligenz. Vgl. A. Binet, „Le développement de l’intelligence chez les enfants“, L’Année Psychologique, XIV, 1908, p. 1-94.

[19E. Durkheim, De la division du travail social. P.U.F., Paris, 1893. Obgleich Durkheim der Auffassung ist, daß „die Formen des Handelns umso unabhängiger von der Vererbung werden, je mehr sie sich spezialisieren“, während in den Kasten- und Klassengesellschaften „die Verteilung der Fähigkeiten ausschließlich und zwingend“ den Gesetzen der Vererbung zu unterliegen scheint, denkt er doch ganz in den Kategorien seiner Zeit, wenn er meint, die Vererbung übertrage „Eigenschaften von höchster Allgemeinheit“.

[20A. Binet, „Le développement de l’intelligence chez les enfants“, L’Année Psychologique, Bd. XIV, 1908.

[21A. Binet, „Nouvelles recherches sur la mesure du niveau intellectuel chez les enfants d’école“, L’Année Psychologique, 1911.

[22E. Littré, Dictionnaire de la langue française. Hachette, Paris, 1883.

[23Dieses Anliegen erklärt sich aus den praktischen Schwierigkeiten bei der Anwendung des Grundsatzes der Schulpflicht.

[24A. Binet, „A propos de la mesure de l’intelligence“, L’Année Psychologique, 1905.

[25Der Nachweis des Schreibmaschinenschreibens wird bei der Eignungsprüfung für Büroarbeit als absolut vorrangig angesehen; während die Eignungstests für das „leitende Personal“ nach und nach auch den „Reichtum“ der Persönlichkeit berücksichtigen (Führungsqualitäten usf.), bleibt das Kriterium der einfachen Büroarbeit weiterhin die Zahl der Anschläge beim Maschineschreiben.

[26In einer Rezension von Veröffentlichungen amerikanischer Soziologen zum Problem der schulischen Ungleichheit hebt J. Combessie bei der Mehrzahl der Autoren einen schwerwiegenden Mangel hervor: obgleich sie auf den Begriff des „Wertes“ als ein Erklärungsprinzip des Verhaltens rekurrieren, definieren sie durchweg das Wertsystem der „lower classes“ nur negativ. Vgl. J.-C. Combessie: „Education et valeurs de classe dans la sociologie américaine“, Revue Française de Sociologie, 10 (1), p. 12-36.

[27G. Canguilhem hat die wissenschaftlichen, politischen, technischen und ökonomischen Bedingungen für die Konstitution eines Zweiges der Psychologie als einer „Wissenschaft der Reaktionen und des Verhaltens“ aufgezeigt, die für die Erforschung der Fähigkeiten und das ihr zugrundeliegende Postulat richtungweisend geworden ist. Vgl. G. Canguilhem: „Qu’est-ce que la psychologie?“ Cahiers pour l’Analyse, No. 2, März 1966 (Wiedergabe eines Vortrages von 1956). Vgl. auch die Arbeit von L.-S. Hearnshaw: „The Concept of Aptitude and Capacity“ zur Entwicklung der Begriffe und Methoden der differentiellen Psychologie im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. XXIe Congrès International d’Histoires des Sciences. Colloques, Textes des rapports, Ed. A. Michel, 1968.

[28Die Liste der Fähigkeiten nimmt schnell einen eindrucksvollen Umfang an. Das „Dictionary of Education“ nennt zum Beispiel die folgenden: academic, artistic, educational, language, learning, mechanical, music, phonetic, reading, scholastic, social, special, vocational, Dictionary of Education, Carter V. Good Editor, New York, Toronto, London, 1958.

[29Piéron, Vocabulaire de la Psychologie, P.U.F., Paris, 1953.

[30C. Burt, „L’Héredité de l’aptitude mentale“, Le Travail Humain, XXIème année, No. 1-2, 1958.

[31C. Burt: op.cit.

[32P. Naville, Théorie de l’orientation professionelle, Gallimard, Paris, 1945.

[33M. Reuchlin in Traité de Psychologie Appliqué, (op.cit). t. II, ch. II: „Le problème théorique de la connaissance des aptitudes.“

[34Die methodologischen Spitzfindigkeiten und analytischen Feinheiten sind deswegen interessant, weil sie die in einer Gesellschaft vorherrschende Hierarchie der psychologischen „Dimensionen“ enthüllen.

[35Vgl. R. Longeot in einer Arbeit über neuartige Techniken: „Bei der Entwicklung dieser Skala haben wir auch an ihre Verwendbarkeit in der angewandten Psychologie und insbesondere im Rahmen der individuellen Prüfungen bei der schulischen und Berufsberatung gedacht.“ R. Longeot: Psychologie différentielle et théorie opératoire de l’intelligence. Dunod, Paris, 1969, p. 65.

[36Es ließe sich einwenden, daß eine derartige Analyse anderen Disziplinen angehört; kann jedoch angesichts des gestellten Problems die gegenwärtige Arbeitsteilung in Wissenschaft und Forschung maßgeblich sein?

[37Damit entspricht man einem Wunsch, den Binet zur Zeit seiner ersten Arbeiten über die metrische Intelligenzskala formuliert hatte: „Wenn die hier nur skizzierte Arbeit einmal endgültige Form angenommen hat, wird sie ohne Zweifel eine Reihe offener Fragen beantworten, da es sich um nichts Geringeres handelt als um die Messung der Intelligenz; man wird die Unterschiede des intellektuellen Niveaus nicht allein nach dem Alter, sondern auch nach Geschlecht, sozialer Lage, Rasse vergleichen können; unsere Methoden werden in der Anthropologie der Normalen und in der Kriminalanthropologie ihre Anwendung finden.“ L’Année Psychologique 1905: „À propos de la mésure de l’intelligence.“

[38Vgl. G. Guillaumin, „L’idéologie raciste. Genèse et langage actuel.“ Erscheint bei Mouton, 1971.

[39Dieses Interesse ist bei der Ausarbeitung von sogenannten nichtverbalen Tests leitend gewesen (wie sie unter anderem bei einer großen, vom I.N.E.D. veranstalteten Befragung verwendet wurden). Le niveau intellectuel des enfants d’âge scolaire. P.U.F., Paris, T. I., 1950, T. II, 1954. Dabei setzt man voraus, daß das Universum der Zeichen im Unterschied zu Wörtern (also Figuren, Bilder, Gesten, usf. ...) eine unmittelbare, universelle und natürliche Gegebenheit sei, die mit der Aneignung des linguistischen Codes und den konkreten Erfahrungen, auf denen die symbolischen Vorstellungen beruhen, nichts zu tun habe.

[40Vgl. z.B. H. Pieron, La Psychologie différentielle, T. I. von T.P.A., P.U.F., Paris 1949 M. Reuchlin, Méthodes d’analyse factorielle à usage des psychologues. P.U.F., Paris, 1954, und La Psychologie différentielle. P.U.F., Paris, 1969.

[41M. Reuchlin, „Économie et psychologie“, Binop, 1964, No. 3: Es ist die Aufgabe der psychologischen Berater, „sich besonders für begabte Kinder zu interessieren, die einer Umwelt entstammen, für die traditionell eine lange Ausbildungszeit nicht in Frage kommt“ (p. 151).

[42Vgl. P. Bourdieu, „L’École Conservatrice“, Révue Française de Sociologie, VII (3), 1966, p. 325-347; „Der Einfluß der ursprünglichen linguistischen Umwelt hört nie auf, wirksam zu sein ... Die Sprache stellt nicht nur ein mehr oder weniger reichhaltiges Vokabular zur Verfügung, sondern darüber hinaus auch eine Syntax, das heißt ein System mehr oder weniger komplexer Kategorien, so daß die Fähigkeit zur Entzifferung und zur Handhabung komplexer Strukturen, seien sie logische oder ästhetische, direkt abhängig erscheint von der Struktur der ursprünglich in der familiären Umgebung gesprochenen Sprache, die einen Teil ihrer Merkmale auf die in der Schule erworbene Sprache überträgt“ (p. 330).

[43Ist Verwendung eines persönlichen oder unpersönlichen Fürworts dafür kennzeichnend, wie das Individuum sich als autonomes Subjekt oder als Bestandteil einer Realität denkt, die sein Ich aufsaugt, so kann die folgende Beobachtung erhellend sein: Bezieht sich ein Redner auf eine spezifische Personengruppe, der er angehört, so verwendet er das persönliche Fürwort „wir“, wenn er der bürgerlichen Klasse angehört, und bedient sich des unpersönlichen Fürworts „man“, wenn er zur Unterschicht gehört.

[44Vgl. auch A. Sauvy und A. Giraud, „Les diverses classes sociales devant l’enseignement“, Population, März-April 1965, p. 205-232: „Schulischer Erfolg, Alter der Schüler, Aspirationen der Eltern sind abhängig von einem einzigen Faktor, der anfänglich kaum ökonomisch oder finanziell ist, vielmehr psychologisch und kulturell“ (p.232).

[45Diese 1933 mit der Einführung der Schulgeldfreiheit in der höheren Schule geschaffene Prüfung erfüllt diese Aufgabe wirksam erst nach dem zweiten Weltkrieg.

[46N. Bisseret, „La sélection à l’Université et sa signification pour l’étude des rapports de dominance“, Revue Française de Sociologie, IX, 1968, p. 463-496.

[47Diese Feststellung trifft R. Tchidimbo, „Les Etudiants noirs parlent“, Présence Africaine, 1953, No. 14: „Wenn ein afrikanischer Student in seinen Studien erfolgreich ist, so liegt das ganz einfach daran, daß er ein brillantes Gedächtnis hat.“ Dieser „Vorzug“ wird den Kindern der armen Klassen allgemein zugestanden, denn er ist nur die Kompensation des Mangels höher bewerteter Fähigkeiten. (Flaubert notierte schon in seinem Dictionnaire des idées reçues ou Catalogue des opinions chics: „Gedächtnis: über das seine klagen und sich sogar rühmen, keines zu haben. Aber zornig werden, wenn man es sagt, es mangele euch an Urteilsvermögen.“)

[48Seit dem 19. Jahrhundert fehlt es nicht an Beispielen für dieses klassifikatorische Verfahren, das den Einfluß der herrschenden Ideologie auf die Forschung in den Humanwissenschaften deutlich macht: Für A. de Gobineau kann die „Nachahmung“ die „Fähigkeit zu unbegrenzter intellektueller Entfaltung nicht ersetzen“ (op.cit.) A. Binet zufolge hat die schulische Befähigung nichts mit „intellektueller Fähigkeit“ zu tun (L’Année Psychologigue, 1908). Für E. Claparède lautet die wesentliche Frage: „Ist dieses Kind den anderen überlegen, weil man sich ihm mehr gewidmet hat oder ist es wirklich besonders begabt?“ Das Verhältnis zur schulischen Sprache wird von P. Bourdieu und J. C. Passeron je nach sozialer Klasse verschieden beurteilt als „respektvoll oder freizügig, angespannt oder gelockert, angelernt oder vertraut, emphatisch oder zurückhaltend, ostentativ oder abgewogen“, wobei die nicht abwertenden Attribute die Sprache der Schüler aus der bürgerlichen Klasse bezeichnen. (La Réproduction, Ed. de Minuit, Paris, 1970.)

[49L. Decaunes und M. L. Cavalier, Réformes et projets de réforme de l’enseignement français de la Révolution à nos jours (1789-1960). Publications de I’IPN, 1962.

[50Wir erinnern daran, daß sich die im 18. Jahrhundert aufgetretene Spezifizierung auf die Äußerung einer als zufällig aufgefaßten Disposition bezog: „Es wird von einer Befähigung zur Wissenschaft gesprochen ...“ Die Spezifizierung betrifft heute Individuen oder soziale Kategorien.

[51P. Robert, Dictionnaire alphabétique et analogique de la langue française, Ausg. von 1953.

[52Larousse du XXe siècle. Ausgabe von 1961.

[53Diese Ideologie findet man auch noch in den von den „protestierenden“ Studenten vorgelegten Texten. Vgl. N. Bisseret, „L’enseignement inégalitaire et la contestation étudiante“, Communications, 1968, 12, p. 54-65.

[54M. Young, La Méritocratie en mai 2033. Sedeis, Paris, 1969 (Futuribles).

[55Vgl. hierzu die kritische Analyse von L. Séve in: „Pour un développement créateur du marxisme“, Cahiers du Communisme, no. 5-6, Mai-Juni 1966: Débats sur les problèmes idéologiques et culturels (p. 89-92). Diese Kritik richtet sich gegen einen Resolutionsentwurf der Kommunistischen Partei, in dem gefordert wurde, die demokratische Erziehung habe „für die Entfaltung eines jeden nach seinen Fähigkeiten zu sorgen“. In der endgültigen Fassung wurde „Fähigkeit“ (aptitude) durch „Leistungsfähigkeit“ (capacité) ersetzt. Beide Worte haben jedoch, wie gesagt, umgangssprachlich dieselben Konnotationen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1974
, Seite 36
Autor/inn/en:

Noëlle Bisseret: Noëlle Bisseret arbeitet am Centre d’Études Sociologiques beim Centre National de la Recherche Scientifique, Paris.

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