FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 255
Kathy

Mädchen mit Gewalt

Wider den Männerwahn, daß Vergewaltigung lustvoll ist

1 Angst — die tägliche Vergewaltigung

Ich war nie vergewaltigt worden (im Sinne eines Überfallenwerdens an einem einsamen Ort), und Frauen, die ich kannte, sprachen auch nie davon. Es war ein Verbrechen, das weit weg von mir war. Als ich in Kalifornien lebte und erfuhr, daß es eine Gruppe gab, die sich mit Vergewaltigung beschäftigte, bin ich aus Neugierde hingegangen. Meine Einstellung änderte sich jedoch sehr schnell. Mir wurde klar, daß Vergewaltigung ein wesentlicher Mechanismus zur Unterdrückung von Frauen ist, daß alle Frauen tagtäglich mit Vergewaltigung konfrontiert sind, und zwar: in der Form von Angst. Warum habe ich immer Angst gehabt, nachts alleine durch die Stadt zu gehen? Warum bezahle ich lieber eine Bahnfahrkarte, als alleine zu trampen? Warum fürchte ich mich alleine in einer leeren Wohnung? Diese Angst habe ich immer als normal empfunden, und die Einschränkung meiner Freiheit — der Freiheit, allein zu sein, selbständig etwas zu unternehmen — erschien mir immer selbstverständlich! Jede Frau trägt diese Angst mit sich herum. Wir reden kaum darüber — es ist so alltäglich.

Genau dies war die Ausgangssituation, unter der sich die Gruppe formierte. Sie haben sich nicht bewußt zusammengesetzt, um über Vergewaltigung zu reden, sondern sie wollten über Sexualität diskutieren. Gleich in der ersten Sitzung stellten sie jedoch fest, daß sieben von ihnen vergewaltigt worden waren — von einem Onkel, Nachbarn, Freund oder einem Fremden: Eine recht erstaunliche Tatsache, es waren schließlich nur neun Frauen! Für einige von ihnen war es das erste Mal, daß sie über ihre eigene Vergewaltigung sprachen. Es war immer ein peinliches Geheimnis gewesen, das man möglichst schnell verdrängen mußte. Sie fühlten sich schmutzig, schuldig, haben sich geschämt. Die Erfahrung, darüber reden zu können, war befreiend. Sie überlegten sich, daß andere Frauen wahrscheinlich ähnliche Erfahrungen gemacht haben müßten und daß man endlich mal das große Schweigen durchbrechen sollte. Sie haben Anschläge in der Stadt angeklebt und eine Anzeige in die Zeitung gesetzt — Frauen, die vergewaltigt worden waren, sollten zum Frauenzentrum kommen, um über ihre Erfahrungen zu sprechen. Und die Frauen kamen auch, massenhaft. Zum ersten Mal fühlten sie sich von dem Gefühl befreit, irgendwie schuldig zu sein. Zum ersten Mal erlebten sie, daß Menschen Verständnis für sie hatten, ähnliche Sachen selber durchgemacht hatten.

Um etwas dagegen zu unternehmen, daß Frauen weiterhin Schuldgefühle mit sich rumschleppen, versuchte die Gruppe, vergewaltigten Frauen sofort nach dem Verbrechen zu helfen. Sie richteten eine „hot line“, ein Telefon, ein, das 24 Stunden am Tag besetzt war. Vergewaltigte Frauen konnten also jederzeit dort anrufen, um mit einer anderen Frau über das Erlebte reden zu können, um praktische Ratschläge zu erhalten usw.

Je länger sich die Frauen der Gruppe mit dem Problem beschäftigten, um so mehr wollten sie darüber wissen. Ihre erste Frage war, warum Männer eigentlich Frauen vergewaltigen. Sie mußten jedoch ziemlich schnell feststellen, daß es kaum Literatur über dieses Thema gibt — eine Tatsache, die im krassen Widerspruch zu der Häufigkeit von Vergewaltigungen steht (es ist das am häufigsten begangene Gewaltverbrechen in den USA!).

Was sie jedoch fanden, war eine Reihe von Mythen über Vergewaltigung. So. wird z.B. vermutet, daß der Vergewaltiger geistesgestört ist, daß er mit dem „normalen“ Mann nichts gemein hat. Obwohl diese Theorie weit verbreitet ist, widersprechen ihr die Tatsachen. Menachem Amir, der 646 Vergewaltigungsfälle in Philadelphia untersucht hat, kommt zu folgendem Ergebnis: „Untersuchungen zeigen, daß Sexualtäter keinen einzigartigen oder psychopathologischen Typus bilden; auch sind sie als Gruppe nicht durchweg psychologisch gestörter als die Kontrollgruppen, mit denen sie verglichen wurden.“ Daß ein enger Zusammenhang zwischen dem Verhalten von Sexualverbrechern und dem Verhalten der „normalen“ Männer Frauen gegenüber besteht, läßt sich an vielen Beispielen zeigen. Bei einem Teach-in in Amerika sprach eine Frau über „women’s lib“, und ein Genosse brüllte: „Schleif die Alte vom Mikrofon weg und fick sie!“ Diese Bemerkung wurde von den anwesenden („normalen“) Männern mit Lachen quittiert.

Nach einem anderen Mythos begehen Männer Vergewaltigungen, weil sie angeblich von Natur aus einen stärkeren Sexualtrieb als Frauen besitzen. Spätestens seit dern Kinsey-Report sollte aber bekannt sein, daß wir Frauen keinen schwächeren Sexualtrieb haben als Männer, daß wir im Gegenteil eine größere Orgasmusfähigkeit besitzen. Daß Vergewaltigung eine naturgegebene Erscheinung sei, ist natürlich großer Quatsch. Es gibt z.B. Gesellschaften, die nicht nur keine Vergewaltigungen kennen, sondern überhaupt keinen Begriff davon haben.

Eine subtilere Variante dieses Mythos lautet etwa so: die kapitalistische Gesellschaft unterdrückt die sexuellen Bedürfnisse des Mannes, die aufgestaute Frustration entlädt sich spontan — der Vergewaltiger wird von seinem Sexualtrieb übermannt. Das Argument läuft also darauf hinaus, daß hier Vergewaltigung als natürlich dargestellt wird. Wir sollen mehr Verständnis für den armen Täter zeigen.

Den Männern, die uns solche „Argumente“ vorhalten, können wir als erstes entgegnen, daß Vergewaltigungen oft weit davon entfernt sind, impulsives Verhalten zu sein. Ein großer Teil ist nämlich geplant. (Bei den von Amir untersuchten Fällen waren 90 Prozent aller Gruppenvergewaltigungen und über die Hälfte der Einzelvergewaltigungen geplant.) Daß es einen Zusammenhang zwischen Vergewaltigung und der unterdrückten Sexualität der Männer gibt, soll nicht abgestritten werden, aber diesen Zusammenhang als ausreichende Erklärung anzusehen, verschleiert das eigentliche Problem: die sexuelle Unterdrükkung der Frau! Der wesentliche Unterschied ist, daß Männer Frauen vergewaltigen und nicht umgekehrt, daß sich also die verklemmte Sexualität von Männern gegen Frauen richtet und ihrerseits zur sexuellen Unterdrückung von Frauen führt.

2 Ist es wahr, daß die Frauen vergewaltigt werden wollen?

Der Höhepunkt der frauenfeindlichen Vorstellungen ist die Annahme, daß Frauen insgeheim vergewaltigt werden wollen, daß sie dabei ganz unerwartet große Lust empfänden und sogar zum Orgasmus kämen — einige zum ersten Mal in ihrem Leben —, daß sie es genießen würden, wenn ihr Trieb gewaltsam befriedigt würde. Wie tief diese (für Männer angenehme) Vorstellung in den Hirnen steckt, äußert sich erwa darin, daß sie sogar von Dieter Duhm vertreten wird — einem Linken, der ansonsten die Notwendigkeit der Emanzipation hervorhebt (vgl. D. Duhm: Angst im Kapitalismus, S. 110 — siehe Kasten).

Die Emanze will genommen werden

In den Berichten vergewaltigter Frauen kehrt fast regelmäßig ein Element wieder: sie empfanden fast unerwartet große Lust und kamen oft sogar zum Orgasmus, einige zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie genießen es, wenn der Trieb gewaltsam befriedigt wird, der sonst durch Angst blockiert ist: Ihre unbewußte Liebe zum übermächtigen Vater trug vermutlich schon früh den unbewußten Wunsch in sich, vom Vater vergewaltigt zu werden. Dieser Wunsch äußerte sich seit der Pubertät immer wieder in wollüstigen Vergewaltigungsphantasien. Diese Phantasien sind aufgeladen mit sexueller Erregung, die im realen Leben nirgends, auch nicht beim normalen Geschlechtsverkehr, abgeführt werden kann. Erst bei der Vergewaltigung werden die geheimen Wünsche ganz erfüllt.

Was nach außen hin aussieht wie ein Kampf gegen die Gemeinheit der Männer oder der Gesellschaft, ist fast immer ein unbewußter Kampf gegen die eigenen verpönten Wünsche nach masochistischer Befriedigung.

Dieter Duhm
Angst im Kapitalismus
6. Aufl., Lampertheim 1973, S. 110

(Dieser Abschnitt wurde auch in Röhls Magazin „konkret“ am 1. Juni 1973 abgedruckt und trug dort den Titel: „Der Wunsch nach Vergewaltigung“)

Das Gemeine an dieser Unterstellung ist, daß sie die Gewaltlust verharmlost. Wie kann Vergewaltigung ein Problem sein, wenn Frauen sie insgeheim wünschen? Sollten sie dennoch etwas dagegen unternehmen, wird ihre Empörung als die Verkehrung ihres eigentlichen Wunsches diffamiert — nämlich als Sexualobjekt behandelt zu werden (Duhm). Die Vorstellung, daß Frauen insgeheim das Gegenteil von dem, was sie sagen, wünschen, ist unter Männern allgemein verbreitet und bestimmt in vielen Situationen ihr Verhalten gegenüber Frauen. Wenn eine Frau z.B. nicht bumsen will, wird ihr nicht geglaubt. Vielmehr interpretiert der Mann ihr Nein als ein vorläufiges und versucht, ihren Widerstand zu brechen. Daß wir tatsächlich manchmal zunächst nein sagen, obwohl wir nichts dagegen hätten, zeigt nur, daß wir bestimmte gesellschaftliche Verbote verinnerlichen mußten. Wenn wir aber ohne Rollenspiel nach unseren Gefühlen und Bedürfnissen handeln, werden wir als „liebestoll“, „verworfen“ oder „leicht zu legen“ beschimpft; wer möchte schon eine intensivere Beziehung zu einer solchen Frau aufnehmen? Diese Situation, in der die Frau nein sagt und ja meint, wird durch den Mythos verallgemeinert, so daß sie jedes Mal, wenn sie nein sagt, nicht ernst genommen wird. So verliert sie jegliches Recht auf Selbstbestimmung.

Von der Vorstellung, daß wir Frauen Vergewaltigungen genießen, ist es nur ein kleiner Schritt zur Behauptung, daß wir sie provozieren. Das ist der Endpunkt der langen Reihe der männlichen Mythen. Hier wird die Frau nicht nur als passive Genießerin der Vergewaltigung, sondern als aktive Verursacherin hingestellt. Wodurch provozieren wir denn Vergewaltigungen? Indem wir uns attraktiv anziehen, indem wir der Mode folgen, indem wir uns charmant und verführerisch geben, wie die Männer uns sehen wollen. Kurz: indem wir die Frauenrolle erfüllen. Wir fordern aber auch unsere Vergewaltiger heraus, wenn wir nachts alleine zu Fuß gehen, wenn wir alleine trampen, wenn wir alleine wohnen und Männer zu uns hereinlassen, d.h. wenn wir die uns zugeschriebene Rolle durchbrechen und uns so verhalten, als ob wir genauso frei wären wie Männer.

Was immer wir tun, ob wir uns der weiblichen Rolle anpassen oder nicht, erscheint unter den bestehenden patriarchalischen Verhältnissen als Provokation. Unsere Provokation besteht also ganz einfach darin, daß wir Frauen sind. Vergewaltigung kann nicht allein aus der allgemeinen sexuellen Unterdrückung im Kapitalismus erklärt werden, sondern nur als Folge der gesellschaftlichen Stellung der Frau. Nur unter Verhältnissen, in denen die Frau generell unterdrückt wird, kann sich die sexuelle Unterdrückung des Mannes gegen Frauen richten. Indem Vergewaltigung prinzipiell jede Frau treffen kann, ist sie eine Form von Massenterrorismus, unter dem alle Frauen leiden — nicht nur diejenigen, die vergewaltigt werden, sondern alle, weil wir Angst davor haben. Das hat zur Folge, daß wir unsere Aktivitäten einschränken, daß wir wenig allein unternehmen, daß wir Männer als Beschützer aufsuchen. Auf diese Weise werden wir weiter in die Passivität und Abhängigkeit gedrängt. Vergewaltigung ist nicht abschaffbar, ohne daß die patriarchalischen Verhältnisse ausgerottet sind. Und genauso wie wir den Kampf gegen diese Verhältnisse in anderen Bereichen aufgenommen haben, müssen wir beginnen, uns gegen Vergewaltigung zu wehren.

3 Die Polizei will auch was davon haben

Welche Kampfmöglichkeiten stehen uns zur Verfügung? Da können uns die Erfahrungen der amerikanischen Frauen helfen. Die Gruppe, in der ich mitmachte, versuchte als erstes herauszufinden, wie die Opfer von Vergewaltigungen von den verschiedenen Institutionen behandelt werden (Polizei, Gesundheitswesen, Justiz), und stellte darüber Nachforschungen in der eigenen Stadt an. Unsere Ergebnisse waren ernüchternd. Die Vergewaltigung selbst erscheint im nachhinein als das kleinste Trauma von allen.

Zunächst wird das Opfer von den Bullen verhört. Sie muß zahllose Fragen nach ihrer eigenen Einstellung zum Sex, ihrem Verhalten und dem Verhalten des Vergewaltigers beantworten. Das übertriebene Interesse der Bullen an allen Einzelheiten des Vorfalls wird nur teilweise durch das Gerichtsverfahren gerechtfertigt. Vielmehr scheinen sie selber Genuß an den Einzelheiten des Berichts zu verspüren, so daß sie von der Frau verlangen, ihre Geschichte mehrmals zu erzählen. So erwiderte ein Polizeibeamter grinsend, als er von uns auf eine in unserem Stadtteil verübte Vergewaltigung angesprochen wurde: „Ich kann da noch nichts sagen. Ich muß erst den Vorgang mit dem Opfer selbst nachspielen!“ Meistens wird die Frau gefragt, warum sie nachts alleine auf der Straße war, ob sie Jungfrau sei, warum sie keinen BH trage usw. Die Bullen haben mehr Interesse an ihr als daran, den Täter zu finden.

Um überhaupt ein Verfahren anstrengen zu können, muß die Frau einige Bedingungen erfüllen. Sie muß beweisen können, daß der Vergewaltiger mit seinem Penis voll in die Scheide eingedrungen ist und daß sie aktiven Widerstand geleistet hat. Dazu benötigt sie eine ärztliche Untersuchung. Nachdem sie stundenlang von der Polizei verhört worden ist, muß sie zum Arzt, um sich untersuchen zu lassen. Dort wird sie ähnlichen Fragen bezüglich ihrer Einstellung zur Sexualität unterworfen, so daß sie das Gefühl kriegen muß, daß sie irgendwas Schmutziges getan habe. Falls sie keine blauen Flecken hat, wird sofort unterstellt, daß sie gar nicht vergewaltigt worden sei. Eine Frau, die, um mit dem Leben davonzukommen, keinen physischen Widerstand geleistet hat oder sogar vorgetäuscht hat, Spaß an der Sache zu haben, kann nach der Logik der Ärzte und auch des Gerichts nicht vergewaltigt worden sein. Sie wird quasi bestraft, weil sie ihre Ehre nicht mit ihrem Leben verteidigen wollte.

Der Nachweis, daß der Vergewaltiger voll eingedrungen ist und daß das Opfer Widerstand geleistet hat, ist dem Gericht aber nicht genug. In einigen Bundesstaaten in den USA muß sie sogar einen Zeugen des Vorfalls beibringen. Vor Gericht kann ihre sexuelle Vergangenheit als Beweismaterial gegen sie benutzt werden. Sollte sie zu mehreren Männern sexuellen Kontakt gehabt haben, werden ihre ehemaligen Bekannten als Zeugen geladen, um sie durch ihre Aussagen als leichtes Mädchen hinzustellen. Damit soll impliziert werden, daß sie die Vergewaltigung herausgefordert habe bzw. überhaupt nicht vergewaltigt worden sei. Frauen, die einen solchen Ruf von Beruf aus haben (Prostituierte, Nachtklubtänzerinnen, Kellnerinnen in Bars), brauchen nach einer Vergewaltigung mit einem Gerichtsverfahren gar nicht erst zu rechnen. Interessanterweise darf die sexuelle Vergangenheit des Vergewaltigers nicht gegen ihn benutzt werden. D.h. er könnte eine Woche vorher eine Frau vergewaltigt haben, ohne daß das als Beweismittel im Verfahren angeführt werden dürfte.

Die Frau wird also zur Angeklagten, mindestens zur Mitangeklagten gemacht. Sie muß ihren guten Ruf beweisen, ihre Unschuld. Bullen, Ärzte, Gericht und Gesetz tun alles, um den Vergewaltiger zu schützen — und tatsächlich kommt es nur in den seltensten Fällen zu einer Verurteilung. Nachdem wir all dies herausgefunden hatten — nachdem uns Frauen von ihrer Erniedrigung durch Bullen, Ärzte, Gerichte usw. erzählt hatten, nachdem wir uns die Gesetze über Vergewaltigung angesehen hatten und nachdem wir selber einige Gerichtsverfahren miterlebt hatten —, erkannten wir, daß es unsinnig ist, sich an diese Institutionen zu wenden, um Vergewaltigungen zu verhindern und zu bekämpfen. Denn einerseits ist dieser Weg erfolglos, und andererseits ist nicht einzusehen, warum wir nach einer Vergewaltigung auch noch die Vergewaltigungen durch die einzelnen Institutionen erdulden sollen. Wir kamen also zu dem Schluß, die Sache selber in die Hand zu nehmen.

Polizei vergewaltigt nach

Zur Strafe ins Heim

Die Blues-Sängerin Billie Holliday berichtet über eine Vergewaltigung, die ihr im Alter von zehn Jahren widerfuhr. Ein Nachbar zerrte sie in ein Absteighotel und vergewaltigte sie; ihre Mutter holte die Polizei, die sie befreite und schreiend und blutend auf die Polizeistation mitnahm:

„Als wir ankamen, behandelten sie mich wie eine Mörderin, nicht wie jemand, der die Polizei um Hilfe gerufen hatte. Sie glaubten wahrscheinlich, daß ich diesen alten Ziegenbock in das Hurenhaus gelockt hätte ... Ich weiß nur, daß sie mich in eine Zelle steckten. Eine fette weiße Matrone, die sah, daß ich immer noch blutete, hatte Mitleid mit mir und verschaffte mir ein Glas Milch. Aber sonst tat niemand was für mich — ich sah nur ihre schmutzigen Blicke und hörte ihr Gewieher. Nach einigen Tagen in der Zelle wurde ich vor Gericht geschleift. Mr. Dick bekam fünf Jahre. Ich wurde zu einem katholischen Erziehungsheim verurteilt.“

zitiert nach: Susan Griffin
Rape: The All-American Crime
Ramparts, September 1971

„War er drin?“

Eine Frau, die in Berkeley vergewaltigt worden war, mußte ihre Geschichte — noch auf der Straße — viermal erzählen, während der Täter flüchtete. Dann verlangte man von ihr, daß sie sich zu einer Vaginal-Untersuchung herbeiließe, um zu beweisen, daß er drin gewesen war. Dann wurde sie zum Polizeirevier gebracht, wo man ihr dieselben Fragen wieder stellte: „Hat er Sie gezwungen?“, „War er drin?“, „Sind Sie sicher, daß Ihr Leben in Gefahr war und Sie keine andere Wahl hatten?“ Diese Frau war von einem Mann von der Straße gezerrt worden, der ihr ein 30 Zentimeter langes Messer an die Kehle hielt und sie mit Gewalt nahm. Das geschah um Mitternacht — und erst um fünf Uhr früh durfte sie nach Hause gehen. Die Polizei rief sie zweimal in der darauffolgenden Woche an — um zwei und um vier Uhr früh. Sie sagt: „Die Vergewaltigung war wahrscheinlich das am wenigsten traumatische Ereignis des ganzen Abends. Wenn ich wieder vergewaltigt werde — ich würde es ‚der Polizei nicht mehr melden!“

Susan Griffin, a.a.O.


4 Schwestern, lernt Karate!

Wie schon erwähnt, haben wir ziemlich bald eine hot line, einen heißen Draht eingerichtet. Wir machten uns nun daran, die ganzen Informationen, die wir gesammelt hatten, an die Öffentlichkeit zu bringen. Wir veranstalteten Podiumsdiskussionen in Schulen, schrieben Flugblätter, Broschüren und Zeitungsartikel. Wir besuchten Prozesse, verteilten dort Flugblätter und solidarisierten uns mit der betroffenen Frau.

Eine andere Art, das Bewußtsein über Vergewaltigung zu verändern, war unser Straßentheater. Wir spielten kurze Szenen, die unsere Erfahrungen im Zusammenhang mit Vergewaltigungen darstellten; wie wir täglich von Männern auf der Straße, in Kneipen, im Büro usw. als Sexualobjekte verarscht werden; wie wir als Mädchen zur Passivität und Hilflosigkeit erzogen werden, wie vergewaltigte Frauen von Bullen, Ärzten und Richtern mißhandelt werden. Indem wir unsere eigene Unterdrückung nachspielten, entwickelten wir bei uns selbst eine starke Empörung und Wut, die sich auch auf die Zuschauer übertrug.

Außer der Öffentlichkeitsarbeit sind direkte Maßnahmen gegen einzelne Vergewaltiger notwendig. Soweit uns die vergewaltigten Frauen Einzelheiten über die Täter und die Umstände, unter denen sie vergewaltigt wurden (wo, unter welchen Vorwänden, Beschreibung ihres Autos usw.), angeben konnten, haben wir diese Informationen auf Plakaten, Anschlägen usw. verbreitet, um andere Frauen vor diesen Typen zu warnen. Wenn wir Namen und Adtesse eines Vergewaltigers kannten, haben wir ihn öffentlich als Vergewaltiger bloßgestellt und angegriffen. So sind wir z.B. zu einem Typen hingegangen und haben ihn vor anderen Leuten als Vergewaltiger entlarvt und angeklagt, oder wir haben vor dem Haus des Vergewaltigers demonstriert oder haben sein Auto, seine Haustür oder den Bürgersteig vor seinem Haus mit Aufschriften versehen, wie „Dieses Auto gehört einem Vergewaltiger“, „Hier wohnt ein Vergewaltiger“. Wir wollten damit erreichen, daß den Leuten in der Nachbarschaft bewußt wurde, daß solche Dinge nicht irgendwo weit weg, sondern in nächster Nähe passieren. Wir wollten allen klarmachen, daß wir es uns nicht mehr gefallen lassen, vergewaltigt zu werden.

Head Comix

Darüber hinaus überlegten wir, wie wir uns selbst vor Vergewaltigungen schützen könnten. Das Wichtigste war, uns gegen Angriffe wehren zu können. Deshalb veranstalteten wir Selbstverteidigungskurse (Karate) für Frauen. In Stadtteilen, wo besonders viele Vergewaltigungen vorkamen, patrouillierten Frauen in Gruppen von 10 bis 15 nachts die Straßen. Allein ihre Gegenwart hatte eine abschreckende Wirkung und konnte die Zahl der Vergewaltigungen verringern. Da viele Frauen beim Trampen vergewaltigt wurden, sind in Amerika „Sisters Pick Up Sisters“- Aktionen durchgeführt worden (Schwestern nehmen Schwestern mit). Unsere Erfahrungen und die Erfahrungen von mittlerweile vielen solchen Gruppen in Amerika haben gezeigt, daß Frauen etwas gegen Vergewaltigung tun können.

Ratten ın der Vagına

Folterung von Frauen in Chile 2

Auf der zweiten Sitzungsperiode des Bertrand-Russell-Tribunals (11. bis 18. Jänner 1975 in Brüssel), das die Unterdrückung in Lateinamerika behandelte, berichtete der chilenische Historiker Luis Vitale — selbst jahrelang in einem chilenischen KZ, aus dem er vor kurzem durch eine internationale Solidaritätskampagne befreit wurde — über die Foltermethoden gegenüber politischen Gefangenen in Chile. Frauen werden so behandelt:

  1. Physische Gewalt: Schläge, Hiebe mit Gewehrkolben usw.
  2. Abschneiden der Haare — unterschiedlich lang.
  3. Eine Frau hört Kinderstimmen aus dem Nebenraum. (Tonaufnahmen). In Fällen, wo ein Ehepaar zur gleichen Zeit verhaftet wurde, sagte man der Frau beim Verhör: „Das ist dein Mann, der da schreit“ und umgekehrt. Und es stimmte!
  4. Nackten Frauen mit Augenbinde oder Kapuze werden die Hände auf den Rücken gebunden. Die Bullen saugen (mamar) oder lecken (chupar) an ihren Brüsten.
  5. Elektroschocks an Schläfen, Brüsten, Nabel, After und Vagina. Einführung von Instrumenten in die Vagina bzw. Ansetzen von Ratten (mittels Einmachgläsern).
  6. Brennende Zigaretten werden auf Brüsten ausgedrückt.
  7. Es kommt vor, daß Frauen mitten in der Nacht von Offizieren zum Verhör geholt werden. Dann vergewaltigen sie sie. Auch Unteroffiziere tun das, wenn sie Gelegenheit haben.
  8. Im allgemeinen reservieren die Offiziere Vergewaltigungen für sich. Nach: vier oder fünf Einzelvergewaltigungen läßt man der Frau eine Pause. Dann wird sie von allen gleichzeitig vergewaltigt (Mund, Vagina, After ...). Dann wird sie geschlagen. Am nächsten Tag wacht sie mit Spermaresten im Mund auf.
  9. Ein nackter Gefangener wird einer Mitgefangenen gegenübergestellt. Es wird ihm befohlen, mit ihr zu verkehren. Er will nicht. Daraufhin verprügeln ihn die Offiziere, und nach den Worten „Wir werden dir zeigen, was ein richtiger Mann ist“, vergewaltigen sie die Frau.
Chile-Nachrichten, Berlin
Nr. 23 vom 28. Jänner 1975


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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1975
, Seite 31
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Kathy:

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