FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1993 » No. 480
Christoph Oliver Prisching

Lieber Herr Koglmann!

Zu dessen Beitrag im Juli-Heft

»Das Werk hat uns weit mehr zu beschäftigen als das Gerede darüber.« Da kann ich Ihnen nur zustimmen — nur warum haben Sie dann soviel g’red’t? Und um was geht’s denn dabei, um Musik, oder um Jazz oder was?

Zunächst einmal um das Publikum, »den Fremden, der sozusagen draußen vorbeigeht«, der hoffentlich »kein Musik-, geschweige denn Jazzspezialist ist«. Für diesen Fremden ist die »Emotion« der »unmittelbare, mehr oder weniger gefühlsbeladene Ausdruck«.

Ah, ja. »Die Echtheit des Gefühls« hängt aber »von der Klarheit der Idee ab«, offenbar weil Sie »die Gedanken, die hinter der Musik stehen, ebenso interessieren« und Sie deshalb versuchen, Ihrer »musikalischen Konzeption und vielleicht auch unserer allgemeinen Situation ein paar Gedanken zugrunde zu legen«.

Beispielhaft für die Improvisatoren und Komponisten sei »die unbekümmerte Haltung gegenüber Kategorien, Klischees, Kastl- und Kastendenken«. Nicht schlecht, löst aber keine Probleme. Weil eine Einteilung in U und E Jazz einem klar wird, »wenn man vergleichend an David Sandborn und Steve Lacy denkt«. Stimmt, ja, so wie mir eine Einteilung in U und E Klassik durchaus verständlich wird, wenn ich an Mozart und Mozart denk’. Aber wo ist das Problem dabei, wenn doch Musik die »Kunstform ist, die dem Rezipienten das emotionale sich Fallenlassen am ehesten ermöglicht«. Der Fremde, für den die Emotion ist, fällt entweder auf den Sandborn oder den Lacy herein, na und? Kein Problem, oder?

Aber jetzt: »Mit diesem Widerspruch fertig zu werden, kann für einen nachdenklichen Musiker ein Problem sein.« Mit welchem Widerspruch denn? Mit dem des »noch dazu sehr bürgerlichen der reinen Improvisationskultur«? Weil die Improvisation den Anspruch erhebt, »Erfindung des Augenblicks« zu sein, wo sie doch »vorzüglich Demonstration des Angelernten« ist.

In Nickelsdorf, bei den Konfrontationen, ist’s einfacher. Dort ist die improvisierte Musik offenbar eine Glaubensfrage. »Musikalische Praxis, die sowohl tradierte Formen als auch aktuelle Rahmenbedingungen reflektiert und das Aufspüren neuer Wege ebenso zum Abenteuer geraten läßt wie das Halten der Balance.« Pfadfinder am Hochseil.

Ja, ja, in Nickelsdorf ist der prozeßorientierte Charakter der improvisierten Musik noch in Ordnung. Dort grenzt sie sich deutlich vom aktuellen Jazzgeschehen ab und »versagt sich auch dem puren Akademismus der E Musik wie dem Postmodernismus der Beliebigkeit, der Mischung von allem und jedem«.

Aber Sie glauben nicht d’ran: »Jeder Musiker sieht sich in Relation zu anderen Musikern und vor allem in Relation zur Jazzgeschichte. Das macht den Vorgang des Musik-Erfindens artifizieller als viele Leute wahrhaben wollen.«

So ist’s, ruft man in Nickelsdorf: »Herausforderung und Anspruch der wahren Improvisation« können »gerade bei langzeitlicher Zusammenarbeit ein- und derselben Gruppe von Improvisatoren immer höher angesetzt werden«.

Allein, Sie glauben nicht d’ran. Für Sie geht’s mehr um Esprit, die Kunst, zwei voneinander entfernte Dinge zu vereinen. »Da nichts mehr neu ist, wird das Zusammenstoßen unerwarteter Ebenen neu, zum essentiellen Schnittpunkt persönlicher Erfahrung.«

Aber ist das denn nicht »die Summe einer Vielzahl von improvisatorischen Sprachen und Dialekten, die ihren eigenen Parametern folgen und ständig neue Neologismen einbringen und approbieren«? Vielleicht schon, obwohl: »Sicher besteht ein gewisses Risiko, daß eine zwei Kulturen verbindende Musik schlußendlich alles und nichts, also weder E-Musik noch Jazz ist.«

Also schon verbinden, aber halt mit einer bekümmerten Haltung gegenüber dem Kastldenken, oder wie? Also um was geht’s denn jetzt eigentlich wirklich: Daß heutzutag’ verschiedenartige Musik produziert wird, oder ein Komponist/Musiker/Improvisator, wenn er verschiedene Musikstile/arten zusammenfügt, ein geistvoller Kopf sein kann, aber nicht notwendigerweise sein muß, weil’s Ergebnis, die Musik, trotzdem schlecht ist, aber doch irgendwer zuhört, und Improvisation schon spannend sein könnte, aber man nie weiß, ob’s auch wirklich eine ist?

»Sprache erweist sich als lahm, wenn sie sich über Musik äußert. Doch kann sie helfen, sich dem Trivialisierungsdruck, dem heute auch anspruchsvollste Musikformen ausgesetzt sind, zu widerstehen.«

Was meinen Sie mit dem Trivialisierungsdruck, dem heute auch anspruchsvollste Musikformen ausgesetzt sind? Daß man Bach in Lokalen hören kann, Satie vor fast einer jeden Radiosendung, die Schönbergschule Filmmusik für Hollywood-Filme macht und Gato Barbieri Musik zum Träumen? Oder ist’s wie in Nickelsdorf der Abscheu vor dem »zum Business erstarrten Jazzbetrieb mit seiner retrospektiven Ästhetik«, sprich Jazz Fest Wien?

Also möchten’S schon ein bisserl so Elite sein, so Avantgarde und so, halt Vorbild? Na klar, auf »höchstem Niveau Komponist, Interpret, Improvisator«. Ist das nicht auch ein wenig bürgerliches Klischee, so ein ganz klein wenig? Nein? Dann ist’s ja gut. Nur immer brav weiterarbeiten und vielleicht bei Gelegenheit den Eintrag im Jazzlexikon streichen lassen. Herzlich,

C. O. Prisching

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1993
, Seite 67
Autor/inn/en:

Christoph Oliver Prisching:

C.O.P. ist Maler und Mitbesitzer des Jazzcafés Miles Smiles in der Langegasse 51 im 8. Bezirk von Wien.

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