FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 301/302
Waltraud Mayer • Katharina Riese

Leibeigenschuft

Sekretärinnenreport

Sieh aus wie eine Frau,
benimm dich wie eine Dame,
denke wie ein Mann
und arbeite wie ein Pferd.

Blick durch die Wirtschaft

Mann lehrt, Frau putzt

Wir möchten die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Arbeitsplatz und seine Bedingungen lenken, nämlich den einer Sekretärin im wissenschaftlichen Produktionsbereich, im speziellen den einer Sekretärin an einem Universitätsinstitut. Nach Rücksprache und Erfahrungsaustausch mit anderen Sekretärinnen in derselben Situation stellte sich heraus, daß die Problematik nicht so sehr persönlicher Natur, sondern strukturell und institutionalisiert ist.

Was die allgemeine Sekretärinnenmisere anlangt, so ist diese von der Frauenbewegung schon oft beschrieben worden. Sekretärin sein — das gehört zu den klassischen Frauenberufen wie Mutter, Hausfrau, Mannequin, Putzfrau und weist die ebenfalls klassischen Züge auf: gar nicht oder nur schlecht bezahlt, fast keine gesetzlichen Regelungen, gar nicht oder nur schlecht gewerkschaftlich organisiert, Fulltime- oder Teilzeitjob, keine berufsinterne Entwicklung, Kräfteverschleiß und Endstation innere und äußere Armut.

Trotz hartnäckiger Feststellungen, daß diese Diskriminierungen und Benachteiligungen bereits überwunden seien, trotz Spott und Hohn, schon wieder davon anzufangen, müssen wir leider feststellen, daß alles beim alten geblieben ist, daß sämtliche Klischees fest im Sattel sitzen, und deshalb halten wir es für notwendig, darüber zu schreiben.

Die Universitäten und besonders die naturwissenschaftlichen Bereiche sind nachweislich immer noch Hochburgen männlicher Alleinansprüche auf akademische Ausbildung. Betrachten wir z.B. das Personalverzeichnis der Technischen Universität in Wien, so finden wir die weiblichen Arbeitnehmer sicher als Institutssekretärin, sicher als Putzfrau, sicher als Verwaltungsbeamte in niederen Gehaltsstufen, die männlichen Arbeitnehmer sicher als Professoren, Dozenten, Assistenten und in hohen Gehaltsstufen (siehe Tabelle). So lernen die Technikstudenten die Berufswelt kennen, und so verfestigt sich ihr Männer- und Frauenbild.

Wie lang von c nach b?

Das Institut ist die kleinste autonome Einheit der Universitäten. Die zwischenmenschlichen Beziehungen an den Instituten gleichen sehr stark den bürgerlichen Familienverhältnissen. Die Akademiker stammen noch fast ausschließlich aus dem Bürgertum, sie studieren, gestützt auf das Elternhaus, und finden sich als Assistenten, Professoren auf den Instituten wieder und bringen auch von zu Hause die entsprechenden Vorstellungen mit. Auch heute geben sich die meisten Professoren noch gerne als die gütigen Väter aus, umringt von den dankbaren Kindern, die Sekretärin ist, bleiben wir beim Familienmodell, eine Mischung aus Mutter und Dienstbote.

Manche dieser Professoren gleichen Filmdiven: Sie wollen umsorgt und umworben werden. So auch, wenn das zuständige Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung mit einem Wissenschaftler in Berufungsverhandlungen eintritt. Nicht nur, daß sehr viele dieser asketisch und durchgeistigt wirkenden Wissenschaftler bei den Verhandlungen über ihr Gehalt oft die Mentalität levantinischer Teppichhändler entwickeln, sie sichern sich auch gegen fast alle Unbill des akademischen Berufslebens durch sogenannte „Berufungszusagen“ ab, in denen ihnen die Anzahl der Assistenten, Institutsräumlichkeiten, Gehaltshöhe sowie ein b-Dienstposten für eine Sekretärin zugesichert wird.

Diese Vertragsbedienstete verdient trotz mehrjähriger Vordienstzeiten im Durchschnitt etwa zwischen 5.000 und 6.000 Schilling netto. Meist gelingt es ihm aber nicht, um diesen Preis eine Maturantin zu kaufen, und er muß sich dann mit einer Nichtmaturantin begnügen (Pikanterie am Rande: ein b-Dienstposten ist nicht an eine Matura gebunden, aber eine Nichtmaturantin wird kaum oder nie, trotz gleicher Arbeit, in b, sondern nur in c eingestuft). Diese Umwandlung von b in c bringt der eingestellten Sekretärin erhebliche Nachteile, die jedoch durch die Vorteile, die der wissenschaftlichen Instituts„mann“schaft entstehen, mehr als wettgemacht werden.

Einer c-Kraft kann man nämlich zutrauen, all das zu tun, was eine Maturantin empört ablehnen würde, z.B. Kaffeekochen, Wurstsemmelholen etc. Als „netter Trampel ohne Hirn“ schreibt sie die privaten Expertisen und Gutachten usw. Für die Verwaltungsarbeit, für die der b-Dienstposten eigentlich gedacht war, bleibt dann freilich keine Zeit mehr. Aber was soll’s ? Hauptsache, die Kasse stimmt ... und zwar bei allen Beteiligten. Beim Professor — denn er spart sich für seine privaten Gutachten eine Schreibkraft, bei seinen Adlaten, den Assistenten — die ihrem Herrn und Meister nacheifern, und bei der Sekretärin selbst, denn sie erspart es sich, zwei-, dreimal jährlich eine Schachtel Pralinen selbst zu kaufen.

Schwarze Zwerge

Persönliche Zuwendungen sollen die Vertragswidrigkeit des Verhältnisses schmackhaft machen. Wie das Gehalt oft von Lust und Laune abhängt, so auch die Arbeitszeit. Dieses Arbeitsverhältnis zwischen Chef und Sekretärin dient langfristig immer dem sozial Stärkeren. Es löst die Sekretärin aus dem Rahmen des Arbeitsgesetzes, isoliert sie, und — ist sie erst allein, trifft sie jeder Interessenwiderspruch zwischen ihr und ihrem Chef sehr hart.

Daß wir aus der Leibeigenschaft kommen, haben wir mit anderen Arbeitnehmern gemeinsam. Aber daß die Erscheinungsformen dieser Leibeigenschaft weiter als Tugenden gefeiert werden, fällt bei Sekretärinnen niemandem auf. Nicht einmal immer den sogenannten „Linken“. Dieses Phänomen scheint international zu sein, wie folgendes Zitat aus der britischen Zeitschrift Private Eye beweist: „Ein schändlicher Fall von Unterdrückung der Redefreiheit bei der Zeitschrift Black Dwarf, die sich selbst zum revolutionären Organ ernannt hat. Dwarf hängt sich schnell an die populär werdende Frauenbefreiungsbewegung an, und in der Nummer vom 5. September erschienen mehrere Artikel zu diesem Thema, darunter einer, der von Sekretärinnen zusammengestellt war, die sich über ihre Unterdrückung beklagten. Zwei für „eine kleine Gruppe von Männern“ arbeitende Mädchen protestierten dagegen, daß sie Büroarbeiten wie Einkauf von Klosettpapier und Kaffeekochen erledigen müssen und im allgemeinen behandelt werden wie Dienstboten in einem Mittelstandshaushalt des 19. Jahrhunderts. Der Artikel enthüllte nicht, daß die „kleine Gruppe von Männern“, welche diese unglücklichen Mädchen auf eine so ekelhaft bürgerliche Weise tyrannisiert, die Redaktion der marxistischen theoretischen Zeitschrift New Left Review ist.

Robuste Frauen

Zitat aus dem Wiener Alltag: „Institutssekretärin ist ein Job für robuste Frauen, und wenn Sie glauben, daß Ihnen das zuviel wird, müssen Sie kündigen, denn es gibt genug andere, die das aushalten.“ Wegwerfsekretärin im Zeitalter der Wegwerfgesellschaft?

Sowohl Professor als Assistenten sind immer sehr daran interessiert, daß die Sekretärin auch wirklich „ausgelastet“ ist. Z.B. in den Ferienzeiten, wenn alle anderen nur Journaldienst machen. Auch physisch: Zurücktragen von 15 kg Leihbücher für einen Assistenten quer durch die Stadt.

Der Chef diktiert ohne Unterbrechung von 9.00 bis 11.30 Uhr. Anschließend Zornausbruch von ihm, da von der Sekretärin verabsäumt wurde, die tägliche Post um „Punkt 11 Uhr“ zu holen.

Aus hygienischen Gründen hat jedes Institutsmitglied ein Handtuch im WC hängen, das wöchentlich von der Aufräumerin in die Wäscherei gebracht wird. Dann sind die Handtuchhalter leer. Und so kann es geschehen, daß ein männliches Institutsmitglied, die tropfenden Hände schwenkend, den langen Marsch vom Herren-WC ins Sekretariat unternimmt und nach einem Handtuch fleht. Die frischen Handtücher liegen wie immer in einem bestimmten Regal, aber die Selbstversorgung wird offenbar als unakademisch bzw. unmännlich empfunden.

Hinweise, daß Kaffeekaufen, Kochen, Servieren und Geschirrspülen eigentlich nicht zu den Aufgaben einer Verwaltungskraft gehören, werden je nach Einstellung des Chefs oder Assistenten mit Verschlechterung des Betriebsklimas bestraft oder führen zu herablassenden Äußerungen wie „Wohl zu viel Alice Schwarzer gelesen!“

Wenn der Prof sein Schub hat

Diese Vertragsbedienstete des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung wird manchmal auch von der Familie des Professors für Privatangelegenheiten in Anspruch genommen (ob das im Sinne der österreichischen Steuerzahler ist?), z.B.:

  • Mietvertrag für die neue Wohnung tippen;
  • mit Handwerkern Termine vereinbaren;
  • Kinder bei den Schulaufgaben beaufsichtigen;
  • Visabesorgungen für Urlaubsreisen;
  • Theaterkarten besorgen;
  • Kleider in die Putzerei bringen und wieder abholen;
  • Es soll sogar berufstätige Professorengattinnen geben, die ihre Geschäftskorrespondenz im Institut tippen lassen („Wenn Sie nichts anderes zu tun haben ...“).

Die „Kreativitätsschübe“ von Wissenschaftern unterliegen eigenartigen zeitlichen Gesetzen. Sie erreichen nämlich ihren Höhepunkt, wenn die Dienstzeit der Verwaltungskraft dem Ende zugeht, oder der Abgabetermin ihrer Arbeit ist am nächsten Morgen, oder gar schon vorüber. Dann wird voller Elan das Sekretariat gestürmt, und für die Sekretärin gibt es dann zwei Möglichkeiten. Entweder sie geht trotzdem pünktlich nach Hause, was aber als persönliche Bosheit gegenüber dem Professor oder Assistenten ausgelegt wird. Die Anschuldigungen reichen dann von einer zerstörten Karriere (weil die Sekretärin ihr Privatleben unvorhergesehenen Überstunden vorzieht) bis zur Enttäuschung über die angeblich nicht beachtete wissenschaftliche Sensibilität der Assistenten. Solche Vorwürfe werden zwar nie in aller Offenheit ausgesprochen, aber sie bleiben doch im Raume hängen und führen zu heftigen Reaktionen bei „sachlichen Problemen“ (die dann nicht rückverweisbar sind an den Ort ihrer Entstehung).

Es wird dann auch argumentiert, wie wichtig gerade dieses Stück ihrer wissenschaftlichen Entwicklung für das künftige Berufsleben des betreffenden Mannes sei — aber sie scheinen nicht zu begreifen, daß für die Sekretärin dies der Endpunkt ihrer Karriere ist. Sie hat keinerlei Aussicht, durch Verzicht auf Privatleben im Beruf weiterzukommen. Die sich aus diesem Mißverhältnis zwischen Engagement und Undank ergebende Frustration führt zu häufigem Stellenwechsel von Sekretärinnen, was meist als ihr persönliches Versagen gewertet wird, und geht manchmal bis zum Ausscheiden aus dem Berufsleben.

Die Chef-Sekretärin-Beziehung hat alle partnerschaftlichen Bestrebungen schwerhörig überlebt. Professoren finden immer wieder ihre „Institutssekretärin“. Chefs finden immer wieder ihre Chefsekretärin, wie Ingrid Tillen in dem Buch „Ihr aber tragt das Risiko — Reportagen aus der Arbeitswelt“ (rororo 1971) schreibt:

Für ein lächerliches Entgelt, das in keinem Verhältnis zu den geistigen, körperlichen und vor allem seelischen Leistungen steht, erniedrigen sie sich, lassen ihre Persönlichkeit verkümmern. Für einen Titel, der ihnen nach außen hin Ansehen zu verschaffen scheint, verzichten sie auf Freiheit, auf ein Privatleben, auf Interessen, die außerhalb der trockenen, unkünstlerischen, seelenlosen Materie liegen, mit der ihr Chef Millionen verdient und sich ein angenehmes Leben schafft. Manchmal darf die Sekretärin am Rande daran teilnehmen, als die Geliebte, aber nur so lange, wie die Frau nichts merkt! Verzeihung, meine Herren, aber das geht mir irgendwie zu weit! Sie, meine werten Herren Direktoren, können nur gut Arbeit verteilen, Ihre Fehler werden von Ihren Sekretärinnen korrigiert, ohne Aufhebens, damit Ihr Nimbus gewahrt bleibt! Eines Tages — so hoffe ich — werden auch Sie arbeiten müssen. Dann dürfen Sie vielleicht zur Belohnung beim Diktat auf unserem Schoß sitzen. Aber nur, wenn Sie 160 Silben in. der Minute schreiben!

3½ Frauen = 1 Mann an der Technischen Universität Wien

FakultätProfessoren (o. und a.o)DozentenAssistentenWissensch. Hilfskr.Beamte (inkl. wiss.)VertragsbediensteteSumme
  Frauen Ges.* Frauen Ges.* Frauen Ges.* Frauen Ges.* Frauen Ges.* Frauen Ges.* Frauen Ges.*
Univ.-Direktion - - - - - - - - 5 14 72 120 77 134
EDV-Zentrum - (6) - - - - - - - - 8 72 8 72
Univ.-Bibl. - - - - - - - - 7 19 13 21 20 40
Tech.-nat. Fak. - 67 - 13 12 228 - 18 1 8 88 168 101 502
Bauing.-Fak. - 24 - - 1 67 - 9 - 9 27 41 28 150
Raumpl. & Arch. - 24 - 1 4 67 - 8 2 6 20 21 26 127
Maschinenbau - 27 - 2 - 69 - 3 3 23 22 62 25 186
Elektrotechnik - 29 - 1 - 109 - 16 - 7 37 65 37 227
Summe - 171 - 17 17 467 - 54 18 86 287 560 322 1428

*) Gesamt = Frauen + Männer
Quelle: Telefonverzeichnis der TU Wien, 1976/77

Dieser Artikel ist das Ergebnis eines Arbeitskreises „Frauen an der Universität“. Leider haben die meisten Teilnehmerinnen noch Angst, sich vorurteilsbeladenen Reaktionen auszusetzen. Daher stehen hier — stellvertretend — unsere beiden Namen.

W. M./K .R.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1979
, Seite 56
Autor/inn/en:

Waltraud Mayer:

Katharina Riese:

Geboren 1946 in Linz. Lebt seit 1964 in Wien. Studierte zunächst Landwirtschaft und Glasmalerei, wechselte dann zu Volkskunde und Kunstgeschichte. 1968-1969 Studium und archivalische Tätigkeit in Basel. 1979 Erste schriftstellerische und publizistische Werke. Daneben Wiederaufnahme des Studiums. 1980 Promotion (Dr.phil.).

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