FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1963 » No. 114
Friedrich Abendroth

Lassalle und die Folgen

Notizen zur zeitgenössischen Literatur über Sozialismus

Von Ferdinand Lassalle ist in diesen Wochen viel gesprochen worden. Die deutsche Sozialdemokratie feiert diesen Mann, der einer der wenigen echten Tribunen der deutschen Geschichte war, geradezu in Permanenz. Die datenmäßigen Anlässe sind vorhanden. Schon voriges Jahr nahm Willi Eichler, einer der wenigen heute noch mit der klassischen Diskussionsära der deutschen Sozialdemokraten vertrauten Ideologen der SPD, die 100. Wiederkehr des 12. April 1862, an dem Lassalle vor dem Berliner Handwerkerverein sein „Arbeiter-Programm“ verkündete, zum Anlaß, in einer Broschüre „100 Jahre Sozialdemokratie“ eine Zusammenschau der bewegten Geschichte seiner Partei zu bieten, deren Formulierungen jedem Konferenzdiplomaten Ehre machen würden.

Daß Marx, Lassalle, Bebel, Kautsky und — Bernstein jeweils mit anderen Worten dasselbe wollten, ist dem außenstehenden Kenner der Parteigeschichte zwar etwas neu; aber Eichler belegt dies so zwingend mit kaum allgemein bekannten Zitaten, daß man geneigt ist, an das Wirken eines speziellen sozialistischen „Weltgeistes“ zu glauben, dessen zur Stunde letzte Manifestation eben das neue Programm von Bad Godesberg sein dürfte. Daß alle Sozialdemokraten bis hin zu Rosa Luxemburg stets in etwa das Gleiche im Auge hatten, mag man einem so erfahrenen Mann wie Willi Eichler also zumindest so lange abnehmen, als die „historischen und politischen Ansprüchen genügende Geschichte dieser Bewegung“, deren Fehlen er selbst im Vorwort seiner kleinen Arbeit beklagt, noch nicht geschrieben ist.

Daß die Sozialdemokratie freilich von der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins durch Lassalle am 23. Juni 1863 ihren Ausgang nahm und nun nach einigen unbedeutenden Abwegen wieder in Lassalles Gedanken einmündet, ist schon schwerer zu begreifen, selbst wenn es dem heutigen Leser so bildkräftig vor Augen geführt wird wie in einer — graphisch hervorragend gestalteten — Illustrierten des „Vorwärts“-Verlages, „100 Jahre SPD“, deren Titelblatt mit zwei Köpfen geschmückt ist: Oben gewahrt man, „stilecht“ vor der Flagge Schwarz-Weiß-Rot, das historische Konterfei Lassalles (der Ungewohntheit dieses Namens wegen nur mit einem „s“ geschrieben) und unten, auf einem Fernsehschirm mit schwarz-rot-goldenem Hintergrund, das photogene Bild des in der Praxis sehr, in der Theorie jedoch noch wenig verdienten Willy Brandt. (Übrigens nimmt die Broschüre die österreichische Parteigeschichte gleich im Fluge mit: von der zeitgenössischen Photographie Victor Adlers über eine Rede Eberts für den „Anschluß“ in Wien bis zu einem Bilddokument, das den derzeitigen Außenminister Dr. Kreisky Seite an Seite mit dem robengeschmückten Nuntius bei der Unterzeichnung eines Teilvertrages des Konkordats präsentiert.)

Karl Marx wird in dieser Kurzgeschichte nur als Randfigur erwähnt, am Rande des Randes auch noch Friedrich Engels.

Daß das demonstrative Bekenntnis zu Lassalle heute für die deutsche Innenpolitik seinen besonderen Sinn und Zweck hat, kann man nicht leugnen. Aber die Traditionslinie ist für die deutsche Sozialdemokratie etwas ungewohnt. In einem Interview mit dem (evangelischen) „Sonntagsblatt“, dessen sachkundige Fragen dem Parteimann nichts schenken, beteuert Erich Ollenhauer, daß die Vorverlegung der Jubiläumsfeierlichkeiten vom 23. auf den 19. Mai weniger mit der damals bevorstehenden Wahl in Niedersachsen als mit der Rücksicht auf den Festtag Christi Himmelfahrt zu tun habe — ein Gedanke, der Lassalle ebenso wie Marx etwas fremd gewesen sein dürfte. Auch sprach die dem großen Tribunen gewidmete „Arbeitermarseillaise“, die früher Millionen auswendig konnten, von der „Bahn, der kühnen“ und nicht, wie Ollenhauer heute zitiert, von der „Bahn der Kühnen“.

Wir zählen diese Details nicht deswegen auf, weil wir uns über sie lustig machen wollen. Angesichts des Fehlens eines halbwegs artikulierten Programms der demokratischen Rechten in Deutschland stellen sogar die Druck- oder Sprechfehler im Interview des sozialdemokratischen Parteivorsitzenden schon einen diskutablen ideologischen Beitrag dar. Wir erwähnen dies nur, um an praktischen Beispielen zu demonstrieren, wie unvorbereitet die Sozialisten Deutschlands — und wahrscheinlich auch die Österreichs — dem programmatischen und grundsätzlichen Denken eines Mannes gegenüberstehen, über den jahrzehntelang ein Tabu verhängt war. „Lassalleaner“ war für den alten Sozialdemokraten fast ein ebensolches Schimpfwort wie „Bernsteinianer“.

Und ganz so harmlos und „terminologisch“, wie es uns die zitierten Kurzdarstellungen der Parteigeschichte glauben machen wollen, waren die Differenzen zwischen den marxistisch orientierten „Eisenachern“, deren Parteigründung in das Jahr 1869 fiel (und füglich erst vor den übernächsten deutschen Bundestagswahlen centenar gefeiert werden wird), und den Anhängern des Lassalle’schen „Arbeitervereins“ in Leipzig eben doch nicht.

Der einzige, der nach 1945 darauf drängte, die Gesamtkonzeption der deutschen Linken von Lassalle her neu zu durchdenken, war Carlo Schmid. Er war daher auch der geeignetste Mann für die Festrede des Lassalle-Jubiläums, die er am 12. Mai in Hannover hielt. Sie konnte naturgemäß nur Grundlinien nachzeichnen, große historische Entwicklungen al fresco sichtbar machen und mußte auf eine kritische Darlegung der Problematik verzichten. (Eine eben in diesen Wochen von Helmut Hirsch zusammengestellte Auswahl aus dem zum Teil weit verstreuten Werk Lassalles ist zwar editorisch interessant, bietet aber kaum grundsätzliche Auseinandersetzungen. Die ausgedehnten Analysen des Lassalle’schen Liebeslebens, die die Theorien eines Herrn Haenisch über den „starken Sexualismus seiner Rasse“ entkräften sollen, helfen hier kaum weiter.) Für die Kommunisten schließlich bleibt Lassalle der Ketzer und kleinbürgerliche Klassenverräter, dessen praktisch-politische Verdienste um die Arbeiterbewegung nur widerwillig notiert werden.

Vor diesem alles andere als reichen Hintergrund bekommt eine Arbeit besonderes Gewicht, die uns seit Wochen zur Rezension vorliegt. Wir hatten absichtlich mit der Niederschrift unsrer Meinung bis in die späten Maitage hinein gewartet, weil wir die verhältnismäßig kleine Aufsatzsammlung eines jungen österreichischen Sozialisten an dem messen wollten, was die zeitgenössische deutsche Sozialdemokratie in diesen Jubiläumstagen zu Lassalle zu sagen gehabt hatte. Schließlich sind ja die deutschen Sozialdemokraten, im Gegensatz zu den österreichischen, zur Stunde in der geistig anregenden Lage der von Regierungssorgen unbelasteten, von Regierungskompromissen unbefleckten Opposition und haben — wenn sie nicht gerade Landtagswahlen gewinnen — Zeit zum theoretischen Nachdenken. Wir warteten vergebens.

Lichtblick aus Österreich

Was sich nach intensivem Bemühen auf dem Schreibtisch des Rezensenten zusammenfand, ist hier einleitend ausgebreitet worden. Auch die großen Zeitungen, die des Ereignisses vor 100 Jahren in Überblicksartikeln gedachten, berührten die Problematik kaum. Und so müssen wir es also — halb enttäuscht und halb mit landsmannschaftlicher Genugtuung — niederschreiben. Norbert Lesers Beiträge zur Orientierung im zeitgenössischen Sozialismus, die er etwas pathetisch „Begegnung und Auftrag“ nennt und die 1963 in der Schriftenreihe „Europäische Perspektiven“ erschienen sind, stellen die einzige uns erreichbare deutschsprachige Arbeit dieses Datums dar, die sich wirklich mit Lassalle auseinandersetzt.

Leser tut dies nicht nur in einem eigenen Kapitel „Der Triumph des Achilles“, das der Würdigung des Tribunen ebenso dient wie der Konfrontation seines Denkens mit dem marxistischen. Auch die meisten anderen Aufsätze dieses Buches sind Lassalle’sches Denken „in Aktion“. Daß der Österreicher Leser die Wahlverwandtschaft zu Karl Renner entdeckt, nimmt nicht wunder. Die Parallele zwischen den beiden „Staatssozialisten“ liegt nicht nur im Ideologischen, sondern ebenso in der historischen Ausgangslage. Lassalle sah im Preußen der Sechzigerjahre die einzige Macht, die der kapitalistisch-partikularistischen Anarchie Einhalt gebieten und durch eine „Revolution von oben“ die Arbeiterklasse (die er nicht auf die Handarbeiter beschränkt sah) in den modernen Zentralstaat hineinretten konnte. Was für Lassalle der junge Bismarck war, scheint für Karl Renner im letzten Jahrzehnt vor dem Weltkrieg der Thronfolger Franz Ferdinand gewesen zu sein. Beide wurden und werden wegen solch unorthodoxen, echt machtpolitischen Denkens als Verräter und Phantasten angesichts der reinen marxistischen Lehre angegriffen, beide scheiterten am Nichtwollen oder Nichtkönnen des erträumten Partners.

Leser äußert in den spezifisch österreichischen Abschnitten seines Buches mehrmals Sympathie für Ernst Karl Winter und dessen Formel „Rechts stehen und links denken“ — die einem ähnlichen Denkmodell entstammt. Nur ist seine Suche nach dem möglichen „rechten“ Partner von heute, den er in der Phantasiewelt des österreichischen „Jungkonservativismus“ sucht, noch problematischer als die der beiden Großen von einst.

So ist denn auch das Kapitel „Sozialismus und österreichische Traditionen“ am nebelhaftesten geraten. Leser wird hier der Lassalle’schen Grundforderung „Aussprechen, was ist“ reichlich untreu. Er zeichnet eine idealische Landschaft eines Österreich rechts der SPÖ, deren Grenzlinien und Prospekte wohl im Gedachten und Gewünschten stimmen mögen, in der Wirklichkeit aber kaum vorhanden sind. Dies trifft sowohl für den reichlich überschätzten „Deutschnationalismus“ wie auch für das Gewicht zu, das der Autor dem „Konservativismus“ verleiht.

Die Trennlinien zwischen den „Lagern“ und den Generationen verlaufen anders, das Bewußtsein der in die politische Verantwortung hineinwachsenden jungen Generation läßt sich mit den Namensgebungen von 1945 nicht mehr umschreiben, daher sind auch die Schlußfolgerungen Lesers anzweifelbar. Zudem mag die überholte Terminologie der Ersten Republik, in der das Wort „klerikal“ eine historisch berechtigte Rolle spielte, der Parteipresse anstehen, in dieser so besonnen und gerecht abwägenden Arbeit wirkt sie störend, ebenso wie die kritiklose Übernahme des seinerzeitigen Bauer’schen Arguments, man könne mit Seipel nicht verhandeln, weil er „von Loyola abstamme“. Ganz so einfach lagen die Dinge nicht einmal damals.

Die wirkliche Bedeutung der Leser’schen Arbeit liegt außer im Weiterdenken des Lassalle’schen Staatsmodells — in der eigenständigen österreichischen Nachfolge Karl Renners — auch in der schöpferischen Auseinandersetzung mit jenem Manne, der schon nach dem Ersten Weltkrieg als erklärter Nichtsozialist den Sozialdemokraten das „Zurück zu Lassalle“ zurief, ohne ein nennenswertes Echo bei den orthodox-marxistischen Theoretikern zu finden: in der Auseinandersetzung mit Hans Kelsen.

Leser stellt zunächst einmal klar, wie ein moderner Sozialist zu Kelsen stehen kann, um dann jenen erregenden Dialog wieder aufzunehmen, den einst Max Adler (der sich allerdings als reiner Marxist fühlte) mit dem Positivisten Kelsen führte und der dann im Gewirr der späten Zwanzigerjahre unterging. Er begreift die Reine Rechtslehre nicht mehr als „reaktionäre“ Gegenposition, natürlich auch nicht als Inhaltsbestätigung des Sozialismus, sondern als unerbittliche Wahrheitsprobe, der sich alle politischen Doktrinen vom Staat stellen müssen, wenn sie mit dem Anspruch auftreten wollen, mehr zu sein als maskierte Klassenideologien. Er ist der Meinung, daß der moderne demokratische Sozialismus (nicht der marxistisch-leninistische Bolschewismus) sich diesem Kritiker aussetzen kann, ohne die Analyse zu scheuen.

Analytisch und nicht „mythenbildend“, wie der einem Zitat von Marx entnommene Titel „Triumph des Achilles“ schließen lassen würde — besonders bei solchen Rezensenten, die urteilen, ohne das Kapitel mehr als flüchtig gelesen zu haben —, ist auch Lesers Untersuchung über Lassalle. Er zieht zur Auseinandersetzung mit Marx weniger die im Zeitstil verfaßten politischen Schriften heran als den kritischen Briefwechsel über Lassalles „Sickingen“-Drama, dessen Moral dem praktischen Macchiavellismus von Marx und Engels entgegensteht.

Diese prüfende Haltung, die das Vorrecht der „skeptischen Generation“ ist, der Leser angehört, gilt schließlich auch dem Austromarxismus. Er wird als historische Erscheinung gewürdigt und ohne traditionelle Rücksichtnahme in seiner Widersprüchlichkeit zwischen radikaler Wort-Theorie und opportunistisch-zögernder Praxis durchleuchtet. Leser unternimmt es aber nicht, dem Austromarxismus ein idealisiertes Bild Lassalles entgegenzusetzen. Das ist besonders sympathisch.

Wenn man nämlich anderseits liest, wer da im heutigen Deutschland den Sozialisten den Weg zu Lassalle empfiehlt, wird man stutzig. Es tun dies manchmal Leute, die aus dem rhapsodischen Werk des Tribunen nichts anderes herauszulesen wissen als den gelegentlichen Haßausbruch gegen die freie Presse, die merkwürdige Hinneigung zum frühen Bismarck und den ominösen Appell an den „Preußengeist“. In solcher Deutung bewahrt nur die unleugbar jüdische Herkunft den Breslauer Kaufmannssohn vor der Ernennung zum frühen Vorahner einer Art National-Sozialismus (wir schreiben taktvollerweise den Bindestrich mit).

Der SPD empfohlen

Für den Rezensenten, der weder Marxist noch Lassalleaner ist, sondern sich bemüht, ein ebenso bußfertiger Katholik wie unbußfertiger Liberaler zu sein, ist es daher besonders erfreulich, festzustellen, daß es im heutigen Sozialismus auch denkende Menschen gibt, deren Marx-Kritik nicht unversehens in jenen nationalistischen Kolonnen-Sozialismus übergeht, der leider in Deutschland die fatale Alternative zum dialektischen, revolutionären Internationalismus der Vergangenheit zu sein oder zu werden scheint.

Das Buch Lesers ist sympathisch, weil es durchaus kühne Bahnen des Denkens beschreitet, ohne dies mit schellenlautem Brimborium anzukündigen und weil dem Autor der Ertrag einiger bescheidener, wirklich selbst gedachter kritischer Überlegungen mehr gilt als so manche in allen Wissenschaften dilettierende Schaumschlägerei, die hastig zusammengeschlungene Lesefrüchte und Gedankensplitter bereitwillig mit dem Modewort von den „neuen Perspektiven“ aufputzt.

Die deutschen Sozialdemokraten waren sich nicht zu schade, bei Benedikt Kautsky nachzufragen, als sie ihr neues Godesberger Programm ausarbeiteten. Vielleicht liest der eine oder andere einmal in Lesers kleinem Buch, wenn er einen nicht nur historisch-berauschten, sondern schöpferisch-kritischen Weg zu Ferdinand Lassalle sucht.

Bibliographie

  • Norbert Leser: Begegnung und Auftrag, Beiträge zur Orientierung im zeitgenössischen Sozialismus. Europa-Verlag, Wien 1963.
  • Ferdinand Lassalle: Eine Auswahl für unsere Zeit. Herausgegeben und eingeleitet von Helmut Hirsch. Sammlung Dieterich. Carl Schünemann Verlag, Bremen 1963.
  • Willi Eichler: 100 Jahre Sozialdemokratie. Herausgegeben vom Vorstand der SPD, Bonn 1962.
  • Carlo Schmid: Hundert Jahre Sozialdemokratische Partei (Festvortrag, gehalten am 12. Mai 1963). Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger, Hannover.
  • 100 Jahre SPD. Festschrift zum 12. Mai. Vorwärts-Verlag, Bonn.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1963
, Seite 273
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