FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 184/I
Friedrich Hillegeist • Kurt Vorhofer

Konsequenzen aus Olah

Gespräch
Vorhofer: Warum haben Sie alles mitgemacht?

Hillegeist: Ich habe ja angekämpft, aber zu wenig erfolgreich. Ich hatte ein bestimmtes Ressort, die Sozialversicherung. In diesem Bereich wollte ich federführend sein, aber Olah hat das alles brüsk verhindert.

Vorhofer: Wie hat er das gemacht?

Hillegeist: Seine stehende Redewendung war „Präsident bin I“; er hat mir gesagt: „Du hast als Vize nur zu funktionieren, wenn ich nicht da bin und wenn ich dir das vorher ausdrücklich sage!“ So hat sich das abgespielt. Ich habe mich damit zunächst abgefunden, nachdem ich gesehen habe, daß es den anderen auch nicht besser geht.

Vorhofer: Welchen anderen?

Hillegeist: Benya und Altenburger, den beiden anderen Vizepräsidenten. Olah hatte strengen Auftrag gegeben, die Vizepräsidenten nicht zu informieren.

Vorhofer: Wem hat er diesen Auftrag gegeben?

Hillegeist: Den leitenden Sekretären Hofstätter, Ströer, Zak und Senghofer. Sie mußten gehorchen.

Vorhofer: Das waren seine Werkzeuge?

Hillegeist: So einfach war das nicht, denn, wenn ich so zurückdenke — es gab eine gewisse Tradition im ÖGB. Olahs Vorgänger Böhm war ja auch ein sehr starker Präsident.

Vorhofer: Die Tradition eines autoritären Regimes im ÖGB?

Hillegeist: Nein, so kann man das nicht sagen; es war gewiß Tradition, daß der Präsident das meiste selbst entschieden hat. Aber Böhm war ein starker Präsident, nicht durch Zwang, nicht durch Einschüchterung, sondern weil er auf natürliche Weise Autorität hatte. Zu Johann Böhm hatte jeder von vornherein Vertrauen. Das war das Selbstverständlichste von der Welt.

Vorhofer: Und dem Olah haben Sie auch so blindlings vertraut?

Hillegeist: Nein, Olah war doch ganz anders.

Vorhofer: Wie war er denn?

Hillegeist: Nun, es ist eine Binsenweisheit, daß kein Mensch ganz gut oder ganz schlecht ist. Und das Eigenartige an Olahs Persönlichkeit war doch dieser besonders scharfe Kontrast zwischen Licht- und Schattenseiten. Die Lichtseiten hat es eben auch gegeben, denn sonst wäre ja die Faszination nicht zu erklären, die von ihm ausging. Auf die Arbeiter, aber auch auf andere Leute, insbesondere auch auf den Parteinachwuchs. Olahs Gesinnung erschien mir damals schon fragwürdig. Aber zweifellos war er populär, weil er entscheidungsfreudig war, weil er initiativ war wie wenige sonst.

Vorhofer: Und seine Schattenseiten?

HILLEGEIST (zögernd): Er ... er kam mir oft nicht ganz richtig vor.

Vorhofer: Hielten Sie ihn für abnormal?

Hillegeist: So etwas kann nur ein Arzt beurteilen. Aber ich vermißte jedenfalls bei ihm das seelische Gleichgewicht. Olahs Hemmungslosigkeit hat mich oft erschüttert, wenn er bellte ...

Vorhofer: Wann bellte er?

Hillegeist: Wenn er jemanden gesucht hat, wenn er nach jemandem verlangt hat, und der kam nicht augenblicklich, dann ging’s gleich los, wie ein Trommelfeuer: „So ein Scheißkerl“, oder „Diese Weiber“, immer in dieser Tonart. Wie es um einen Menschen bestellt ist, erkennt man recht gut daran, wie er seine Untergebenen behandelt. Olah war häufig brutal zu den Untergebenen. Die Älteren waren für ihn allesamt „alte Teppen“. Sogar über Schärf ist er in dieser Art losgezogen.

Vorhofer: Noch einmal: Warum haben nicht einmal Sie es gewagt, massiv gegen ihn anzukämpfen?

Hillegeist: Es gab noch keine Handhabe. Vergessen Sie nicht, daß Olahs schlau eingefädelte finanzielle Transaktionen damals völlig geheim waren und wir nichts davon wußten.

Vorhofer: Aber seine Art, mit Mitmenschen umzugehen, sein Führungsstil.

Hillegeist: Ich möchte mich nicht reinwaschen, aber so groß waren meine Möglichkeiten auch wiederum nicht. Ich war Vorsitzender der Gewerkschaft der Privatangestellten. Gegenüber Vertretern der Arbeitergewerkschaften hatte man keinen leichten Stand in Fragen der Führung. Das war so die Mentalität im ÖGB.

Vorhofer: Müßte sich nicht überhaupt etwas bei der Führungsauswahl im ÖGB ändern? Es ist doch unbefriedigend, wenn der Posten des ÖGB-Präsidenten praktisch die Domäne der beiden stärksten Arbeitergewerkschaften Metall und Bau-Holz ist. Warum wird nicht die profllierteste Persönlichkeit genommen, gleichgültig, von welcher der 16 Fachgewerkschaften?

Hillegeist: Auch hier spielt die Tradition eine Rolle, aber erfreulicherweise heute immer weniger. Es gibt Anzeichen dafür, daß die Vorherrschaft der zwei Arbeitergewerkschaften mehr und mehr gemildert wird. Ich habe eigentlich schon das Eis gebrochen, indem ich als Vorsitzender der Privatangestellten ÖGB-Vizepräsident geworden bin. Mein Freund Rudi Häuser, der derzeitige Vorsitzende der Privatangestellten, ist dann widerspruchslos als mein Nachfolger im Präsidium akzeptiert worden. Als Vertreter der Privatangestellten habe ich damals mit dem Rücken zur Wand gekämpft. Denn es ging um nichts weniger als um die Erhaltung unserer Selbständigkeit als Fachgewerkschaft. Wir waren nicht so anerkannt wie die Arbeiter. Möglich, daß ich auch deshalb hinsichtlich Olah eher resigniert habe.

Vorhofer: So war also Olah 1959 als ÖGB-Präsident nicht zu verhindern?

Hillegeist: Unmittelbar nach den Nationalratswahlen 1959 starb Johann Böhm. Kurz vorher hatte ich mit Böhm eine stundenlange Aussprache. Er war tief besorgt darüber, daß Olah den ÖGB einmal ins Unglück führen könnte. Böhm sagte zu mir wörtlich: „Warum bist du nicht ein Metallarbeiter, oder wenigstens ein Bauarbeiter? Du bist halt leider nur ein Angestellter!“ Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch. Mir liegt es fern, im Nachhinein zu behaupten, ich wäre der einzige Befähigte für Führungsaufgaben im ÖGB gewesen. Aber sicherlich war man als Vertreter der Angestellten damals nicht so einflußreich wie als Vertreter der Arbeiter.

Vorhofer: In der kritischen Zeit der Olah-Ära, als die Transaktionen mit Gewerkschaftsgeldern passierten, war doch der Generaldirektor der Arbeiterbank, also der Bank des ÖGB, zugleich auch Obmann der ÖGB-Kontrollkommission. Das war damals Dietrich; sein Nachfolger Klenner ist auch heute beides. Halten Sie eine solche Personalunion für gut?

Hillegeist: (nach einigem Nachdenken): Es wäre vielleicht zweckmäßig, diese Funktionen zu trennen, obwohl ich zu Klenner persönlich volles Vertrauen habe.

Vorhofer: Zu trennen, weil man sich nicht gut selbst kontrollieren kann?

Hillegeist: Ja, dieser Aspekt kann eine Rolle spielen.

Vorhofer: Die Vizepräsidenten konnten, wie sie sagten, nichts gegen Olah unternehmen. Aber da gibt es doch den ÖGB-Bundesvorstand, dem 16 Gewerkschaftsobmänner angehören und etliche Zentralsekretäre. Wieso haben die alles sanktioniert? Hat es damals irgendeine Anti-Olah-Bewegung gegeben?

Hillegeist: Es gab keine solche Bewegung, und es war auch niemand da, der sie hätte führen können. Es gab aber etwas anderes: einen langsam anwachsenden Widerstand gegen Olah.

Vorhofer: Einen Widerstand, der sich erst auswirkte, als Olah nicht mehr der gefürchtete ÖGB-Präsident war, sondern bereits Innenminister im Jahr 1963. Dann wagte man den Widerstand.

Hillegeist: Das ist grundfalsch. Olah wollte schließlich beides sein: ÖGB-Präsident und Innenminister. Benya und ich haben einen gewissen Anteil daran, daß es nicht zu dieser fürchterlichen Personalunion gekommen ist. Olah hatte ja stets einen fatalen Hang für den Innenministerposten, vielleicht bedingt durch seine lange Haftzeit. Ich sagte ihm damals: Nimm doch den Sozialministerposten. Nein, sagte er, davon verstehe ich nichts. Selten genug, daß er einmal zugab, etwas nicht zu verstehen ... Er konnte also nicht beides haben. Er mußte den ÖGB-Präsidenten abgeben. Das war 1963. Aber die wichtigste Entscheidung, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, ist schon ein Jahr vorher gefallen, am 17. Juli 1962. Damals ging es darum, wer Nachfolger Karl Maisels als Obmann der sozialistischen Gewerkschaftsfraktion wird. Olah wollte als ÖGB-Präsident zugleich auch Fraktionsobmann sein. Hier kann ich sagen, daß Benya und ich das verhindert haben. Obwohl wir damals noch nichts von den Transaktionen wußten. Aus prinzipiellen Erwägungen sagten wir uns, daß Olah nicht beide wichtigen Funktionen haben dürfe. Es wäre zuviel Macht in einer Hand gewesen. Olah schimpfte über die „Zweigleisigkeit“, aber er setzte seinen Willen nicht durch. Damit begann sein Abstieg. Seine Macht hatte den Höhepunkt überschritten — einerseits. Andererseits verstärkte sich sein Streben nach noch mehr politischer Macht außerhalb des ÖGB. Ich hatte immer mehr den Eindruck, daß ihn der ÖGB nicht mehr recht freute.

Vorhofer: Auch nach Olahs Ausscheiden gab es eine gewisse Spannung zwischen ÖGB und SPÖ. Sind sie für den Primat der Partei gegenüber der sozialistischen Gewerkschaftsfraktion?

Hillegeist: Nein! Der überparteiliche Gewerkschaftsbund würde seinen Sinn verlieren, wenn die Fraktionen nichts anderes wären als verlängerte Arme der Parteien. Eine große politische Partei muß alle Kreise ansprechen, auch die SPÖ ist heute schon Volkspartei. Aber in den Gewerkschaftsbelangen ist die Partei sozusagen Vollzugsorgan.

Vorhofer: Nun, Gewerkschafisbelange ist ein dehnbarer Begriff. Sie meinen wohl Fragen wie etwa die Arbeitszeitverkürzung und das Volksbegehren darüber?

Hillegeist: Es ist problematisch, wenn die Partei mit etwas vorprellt, nur weil sie jetzt einen Propagandaerfolg für die Wahl braucht. Durch dieses Vorprellen der Partei erschwert man es der Fraktion christlicher Gewerkschafter im ÖGB, in dieser Frage eine gemeinsame Linie mit der sozialistischen Fraktion zu beziehen. Denn die „Christlichen“ müssen doch auch auf ihre Partei eine gewisse Rücksicht nehmen.

Vorhofer: Der Obmann der christlichen Fraktion, ÖGB-Vizepräsident Altenburger, hatte beim Olah-Prozeß ausgesagt, daß das ÖGB-Präsidium auch direkt, also nicht im Weg über die Fraktionen, Subventionen an alle möglichen politischen Organisationen gegeben habe und noch gibt.

Hillegeist: Natürlich, das hat es immer gegeben. Schon unter Böhm. Böhm hat dann oftmals bremsen müssen, weil es zuviel gewesen wäre. Denn da ist dann ja gleich der Altenburger gekommen, damit auch er etwas bekommt für seinen Bereich.

Vorhofer: Welche Konsequenzen müßte der ÖGB ans der Olah-Affäre ziehen? Verbesserung der finanziellen Kontrollen, Änderungen im Führungsstil, Information der Öffentlichkeit usw.?

Hillegeist: Dazu möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen. Ich bin mit Benya so gut, ich halte ihn für so fähig, es würde sich nicht gehören, wenn ich öffentlich dem ÖGB Ratschläge erteilte ... Na ja, jedenfalls wurde der ÖGB zum Nachdenken über manches gebracht.

Vorhofer: Also doch eine positive Auswirkung der Affäre Olah?

Hillegeist: (mit Bitterkeit): Nur wär’s mir lieber, es hätte nie eines Olah bedurft, den ÖGB zum Nachdenken zu bringen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1969
, Seite 273
Autor/inn/en:

Kurt Vorhofer:

1929 in Salzburg geboren, übersiedelte Kurt Vorhofer nach der Matura im Jahr 1947 nach Wien, wo er an der Universität Rechtswissenschaften inskribierte. Seinen Lebensunterhalt verdiente er unter anderem als Angestellter der Versicherung für Land- und Forstarbeiter sowie der Wiener Handelskammer.
1956 kam Kurt Vorhofer als Redaktionsaspirant zur „Kleinen Zeitung“ nach Graz, 1958 wurde er zum Redakteur ernannt. Mit der Gründung der Wiener Redaktion der „Kleinen Zeitung“ im Mai 1959 übernahm Vorhofer deren Leitung, die er dann über 35 Jahre bis zu seiner Pensionierung Ende 1994 innehatte.

Friedrich Hillegeist:

Jg. 1895, war Vizepräsident des ÖGB 1959 bis 1963, zu Franz Olahs Blütezeit.

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