FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 303/304
René Dubos

Ich bin Öko-Optimist

Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktionskräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.

Marx, Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, 1859

Prärie als Sonnenspeicher

Kein Tier plündert die Natur wie der Mensch — überall in der Welt, und schon seit prähistorischen Zeiten. „Aufgabe des Menschen ist die Vollendung der Schöpfung“, schrieb der hl. Bernhard. Also muß der Mensch mit solcher „Vollendung“ fortfahren?

Es gibt kaum noch Weltgegenden, die der Mensch nicht schon völlig „umgeschaffen“ hat. Meine amerikanischen Mitbürger können das schwer akzeptieren. Für das alte Europa schon. Aber Amerika ist für die Amerikaner immer noch irgendwie „jungfräulich“ — nicht in den Städten natürlich, aber die Landschaft halten sie für „ursprünglich“.

Davon kann keine Rede sein. Die berühmte Prärie z.B. ist eine Schöpfung des Menschen, eine recht junge. Die „Plains“ des mittleren Westens waren mit Wäldern bedeckt. Die Indianer haben sie in Brand gesteckt — Stück um Stück, aber insgesamt sehr rasch, binnen wenigen Jahrzehnten, verschwanden die Wälder zugunsten der riesigen Grasflächen. Die Indianer — durch den Vormarsch der weißen Siedier vom Ackerbau weg und zur Büffeljagd hin gezwungen — brauchten diese Flächen zur Ernährung der Büffelherden.

So entstand ein ungeheures Energiereservoir für die kommende US-Farmerwirtschaft. Die Prärien waren unvergleichlich wirksame Speicher von Sonnenenergie — ihr Humusboden war von einer Fruchtbarkeit, die kein chemisches Düngemittel je ersetzen konnte.

Der bearbeitete Boden ist hingegen ein schlechter Speicher für Sonnenenergie. Die Farmerwirtschaft hat den natürlichen Reichtum, auf dem sie sich aufbaute, immer mehr zerstört.

Jetzt entstehen in den „Plains“ des mittleren Westens Forschungszentren, wo man nicht mehr darauf aus ist, chemischen „Ersatz“ für die ursprüngliche Fruchtbarkeit zu finden — man will die natürliche Vegetation der Prärie wiederherstellen, freilich auf künstliche Weise: durch Entwicklung besonders rasch wachsender und stark speichernder Pflanzen.

Diese Eigenschaften haben vor allem die diversen Gräser der Prärie; man will jetzt die ursprünglichen Sorten „zurückzüchten“.

Nicht der Wald ist der beste Sonnenspeicher, sondern das Gras. Holz ist überdies eine nur langsam sich erneuernde Energiequelle. Statt dessen will man sehr rasch wachsende und sehr viel Sonnenenergie „einfangende“ Präriegräser fermentieren und auf diese Weise Methan oder andre brennbare Gase gewinnen.

Chlorophyll statt Plutonium

Überdies hat man herausgefunden, daß eine Vermehrung des Kohlendioxyds in Pflanzen die Wirkung des Chlorophylls — Umwandlung und Speicherung von Sonnenenergie — bis auf das Dreifache erhöht. Man sucht also jetzt nach Methoden zur Erhöhung des CO2-Spiegels in Pflanzen.

Darin stecken phantastische Möglichkeiten. Der Weg zur optimalen Nutzung der Sonnenenergie führt nicht über Fotozellen — das ist eine unelegante, primitive Technologie —, sondern über das Chlorophyll. Gelingt das, wird z.B. der schnelle Brüter überflüssig.

Den schnellen Brüter tötet übrigens allein schon die Mobilisierung der öffentlichen Meinung — zumindest in den USA. Da ist eine Kampagne unterwegs, die noch viel stärker ist als jene gegen die zivilen Überschallflugzeuge (deren Bau in den USA unterdessen gestoppt wurde).

Beim schnellen Brüter müssen ja auch die Befürworter zugeben: Die massiven Mengen Plutonium, die er produziert, bedeuten ein enormes Risiko des Unfalls, der Sabotage und des Diebstahls zwecks „privater“ Atombombenproduktion (die technisch ganz einfach ist).

Taylor, der Vater der Wasserstoffbombe, schlägt vor, die schnellen Brüter tief unter der Erde zu bauen. Aber damit wird das Risiko nicht verringert, nur versteckt.

In den USA gibt es jetzt schon ein recht wirksames Ablaufmodell für große ökologische Protestbewegungen. Es wächst die Schnelligkeit, mit der Behörde und Busineß auf die Mobilisierung des Publikums reagieren.

Das erste große Beispiel war der Baustopp in Idlewild: Der Staat New York wollte die Pisten des John-Kennedy-Flughafens in die Jamaica Bay hinein verlängern. Das hätte die dort noch vorhandene Flora und Fauna ruiniert. Gouverneur Rockefeller mußte zum Rückzug blasen, ehe auch nur das von ihm bestellte ökologische Gutachten vorlag.

Waschmittel & Bier entgiftet

Ein andres Beispiel: Vor einigen Jahren begannen alle Waschmittelfirmen ihren Produkten Enzyme beizufügen — das erhöht die Waschwirkung, aber es sind Giftstoffe. Ich hielt darüber Vorträge in den großen amerikanischen Fernsehketten. Es gab eine umfangreiche Protestbewegung. Die Firmen verzichteten von sich aus auf die Enzyme, ehe noch ein gesetzliches Verbot zustande kam.

Noch ein Beispiel: Ich bin seit einigen Jahren ökologischer Berater der größten amerikanischen Brauerei. Das ist eine Industrie, die zu den ärgsten Wasserverschmutzern gehört. Vor zwei Jahren baute „meine“ Firma die größte Brauerei der Welt — inklusive einer Reinigungsanlage, die jede Wasserverschmutzung ausschließt.

Dort wie bereits in vielen anderen Industrieanlagen werden alle Abfallprodukte „rezykliert“. „Meine“ Brauerei z.B. erzeugt aus ihrem Abfall Viehfutter, organischen Dünger und Gas, das zur Stromgewinnung verwendet wird. Mit dem, was von der Bierproduktion übrigbleibt, beleuchten wir einen Teil der benachbarten Stadt Syracuse.

Mein ökologischer Optimismus beruht auf konkreten Fakten, auf konkreten technologischen Möglichkeiten und auf dem Vertrauen in eine öffentliche Meinung, die sich in Sachen Umwelt nicht mehr alles gefallen läßt. Wir kommen in eine Entwicklungsphase, deren Motto lautet: „Wastes are Riches“ — „Abfall ist Reichtum“.

Geniale Benediktiner

Immer wenn sich die Menschheit in einer gefährlichen Lage befand, gab es Gegenbewegungen — Gegenkultur. Ich habe z.B. eine grenzenlose Bewunderung für den Benediktinerorden; er entstand im Mittelalter genau zu dem Zeitpunkt, da eine Veränderung, folglich eine Gegenkultur, nötig war. Desgleichen war das Urchristentum eine Gegenkultur gegen das römische Reich. Was mich am Benediktinerorden zusätzlich fasziniert, ist die Entstehung von „Gegenkulturen“ in ihm selbst (Cluniazenser, Zisterzienser) — immer genau in dem Augenblick, da er seine ursprüngliche Funktion als Gegenkultur zu verlieren drohte.

Ich staune, wie mühelos die Menschheit immer wieder im richtigen Moment Gegenkulturen produziert. Ich bin ein Anhänger der jüngsten Gegenkultur, der Hippies usw. Was sie anstreben, mag lächerlich erscheinen, es war oft auch schlecht formuliert; aber es war heilsam. Das „Establishment“ gehört immer wieder in Frage gestellt.

Dann wird auch der „Rückmarsch“ der Menschheit immer wieder möglich. Eine jüngste soziologische Untersuchung über US-Studentinnen: Vor 20 Jahren wollte jede von ihnen im Schnitt 4,2 Kinder — heute: 1,9. Ist das nicht sensationell?

Jedesmal wenn sich ein Problem stellt, braucht man weniger als eine Generation, um es auch zu lösen. In weniger als einer Generation z.B. wird das große Automobil verschwunden sein, der US-Straßenkreuzer, Symbol eines ganzen Landes und einer ganzen Epoche. Ford und General Motors stellen schon ihre Produktion um; Cadillac war einmal der Allergrößte — heute gibt’s den „Mini-Cadillac“.

Sag’s durch Glas

Die Umweltverschmutzung ist schon erheblich zurückgegangen — hier in den USA sind reine Luft und reines Wasser kein Problem mehr. Die Öko-Industrie, Wiedergewinnung von Rohstoffen aus dem Abfall („Recycling“) — das sind hier die größten Wachstumsindustrien.

Auch für Rohstoffknappheit gibt es immer wieder Lösungen. Wenn jeder Mensch auf der ganzen Welt ein Telefon will, gibt’s zuwenig Kupfer für die Leitungen. Aber jetzt macht man die Leitungen aus Glasfasern — davon gibt’s genug, und überdies transportieren sie mehr Gespräche pro Leitung als früher die Kupferkabel.

Ich bin unerschütterlicher Optimist. Ich glaube an die Lösungen durch gesellschaftlichen Protest, an die Lösungen durch Wissenschaft, die Alternativen schafft. Ich glaube an die Anpassungsfähigkeit der Menschheit. Sie fährt immer wieder auf der falschen Straße. Sie schaltet immer wieder den Rückwärtsgang ein — gerade noch rechtzeitig.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1979
, Seite 46
Autor/inn/en:

René Dubos: Gebürtiger Franzose, ist Professor an der Rockefeller University, New York. Er wurde weltberühmt durch seine mikrobiologische Grundlagenforschung, die zur Entdeckung der Antibiotika führte. Heute ist er vor allem Umweltforscher. Als solcher war er 1974 in Paris Vorsitzender des ersten UNESCO-Weltkongresses für Umweltmedizin und Umweltbiologie.

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